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"Abnehmspritzen“ bekannten Wirkstoffe Tirzepatid, Semaglutid und Liraglutid„


Drei neue Cochrane Reviews zeigen: 

Die als "Abnehmspritzen“ bekannten Wirkstoffe Tirzepatid, Semaglutid und Liraglutid„ führen bei Menschen mit schwerem Übergewicht zu einer medizinisch bedeutsamen Gewichtsabnahme, solange die Therapie beibehalten wird.....!!!

Allerdings wurden fast alle der randomisiert kontrollierten Studien, die in den drei Cochrane Reviews ausgewertet wurden, von den Herstellern der Präparate finanziert und durchgeführt. 

Diese potentiellen Interessenkonflikte schränken die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse ein. 

Die Cochrane-Autor*innen fordern daher mehr unabhängige Forschung.

„Diese Medikamente können insbesondere im ersten Jahr zu einem deutlichen Gewichtsverlust führen“, sagt Dr. Juan Franco von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. 

Er leitet die Düsseldorfer Cochrane Evidence Synthesis Unit (ESU), eine Arbeitsgruppe, die systematische Übersichtsarbeiten erstellt – und hat als Autor an allen drei jetzt veröffentlichten Cochrane Reviews mitgearbeitet. 

„Nach jahrzehntelangen erfolglosen Versuchen, wirksame Behandlungen für Menschen mit Adipositas zu finden, ist das ein bemerkenswerter Schritt nach vorn.“

Die drei Wirkstoffe wurden ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt und beeinflussen auch die Appetitregulation. Liraglutid und Semaglutid sind so genannte GLP-1-Rezeptor-Agonisten. 

Tirzepatid hat einen etwas anderen Wirkungsmechanismus und wird als dualer GLP-1 und GIP-Rezeptor-Agonist bezeichnet.

Inzwischen sind die Mittel auch zugelassen, um Menschen mit einem Body-Mass-Index ab 30 kg/m² beim Abnehmen zu unterstützen – allerdings nur in Kombination mit mehr körperlicher Aktivität und kalorienreduzierter Ernährung. 

Wenn Übergewichtige an einer Begleiterkrankung wie Diabetes, Bluthochdruck oder obstruktiver Schlafapnoe leiden, ist die Therapie schon ab einem Body-Mass-Index von 27kg/m² zugelassen.

 Hierzulande gelten die „Abnehmspritzen“ als Lifestylemittel; die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht übernommen.

Alle drei neuen Cochrane Reviews vergleichen den Effekt der „Abnehmspritzen“ mit einer Scheintherapie – also mit einem Placebo. 

Sie zeigen folgendes:

• Wird Tirzepatid einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt, sinkt das Ausgangsgewicht nach 12 bis 18 Monaten im Mittel wahrscheinlich um rund 16 % (8 Studien mit 6 361 Teilnehmenden).

 „Wahrscheinlich“ schreiben die Cochrane-Autor*innen deshalb, weil sie sich wegen eines Verzerrungsrisikos in den Studien nicht ganz sicher sind, dass die beobachtete Wirkung der tatsächlichen Wirkung von Tirzepatid exakt entspricht. 

Die Autoren stufen die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse daher nicht als hoch, sondern nur als moderat ein.

Eine Studie über dreieinhalb Jahre mit 1 023 Teilnehmenden legt nahe, dass die Menschen ihr Gewicht wahrscheinlich auf diesem Niveau halten können, wenn sie die Therapie so lange fortsetzen. Allerdings ist Tirzepatid eine Substanz mit einem neuen Wirkungsmechanismus („Twincretin“) – und es gibt dementsprechend noch kaum Daten zur Langzeitsicherheit.

• Wird Semaglutid einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt oder – nur in einer Studie –täglich als Tablette eingenommen, sinkt das Ausgangsgewicht nach 6 bis 17 Monaten im Mittel um knapp 11 % (15 Studien mit 8 651 Teilnehmenden). 

Dieses Ergebnis gilt als sicher, denn die Cochrane-Autor*innen stufen die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz als hoch ein. 

Diese Gewichtsreduktion bleibt nach zwei Jahren fortgesetzter Therapie wahrscheinlich bestehen.

Die Analyse von zwei Studien mit 17.908 übergewichtigen Teilnehmer*innen, die fast alle bereits eine Herz-Kreislauferkrankung hatten und bis zu viereinhalb Jahre lang Semaglutid bekamen, zeigte zudem: 

Mit dieser Therapie kommt es bei diesen Risiko-Patient*innen wahrscheinlich etwas seltener zu erneuten, schwerwiegenden Herz-Kreislauf-Ereignissen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt. 

Im Studienzeitraum (bis zu viereinhalb Jahre) erlitten nur etwa 64 von 1000 Patient*innen erneut solche ernsten Herz-Kreislauf-Probleme. Zum Vergleich: Ohne Semaglutid – also mit einer Placebo-Spritze – waren es 78 von 1000 Risiko-Patient*innen. Diesen kleinen Unterschied bewerten die Cochrane-Autor*innen aber als wahrscheinlich klinisch kaum oder gar nicht relevant.

• Für Liraglutid, das täglich unter die Haut gespritzt werden muss, reicht die Datenbasis nicht aus, um wirklich verlässlich zu sagen, wie viel Prozent ihres Körpergewichts schwer Übergewichtige in den ersten anderthalb Jahren im Schnitt verlieren. 

Sagen lässt sich aber: In knapp anderthalb Jahren gelang es etwa 64% der Studienteilnehmer*innen mit Liraglutid, ihr Ausgangsgewicht um mindestens 5% zu verringern. 

Ohne Liraglutid schafften das bloß etwa 30% der Teilnehmenden (18 Studien mit 6651 Teilnehmenden). 

Dieser positive Effekt von Liraglutid wird nach zwei bis drei Jahren wahrscheinlich etwas schwächer.

Das Gewicht um mindestens 5% zu verringern, gilt in Leitlinien als wichtiges Ziel für Adipositas-Patient*innen, um die Gesundheit zu verbessern.

Bei allen drei Mitteln treten vermehrt leichte bis moderate Verdauungsprobleme wie Übelkeit und Erbrechen auf. 

Wahrscheinlich sorgen diese unerwünschten Wirkungen bei einigen Semaglutid-Anwender*innen auf lange Sicht für Therapieabbrüche. 

Für die beiden anderen Präparate reichten die Daten nicht aus, um diese Frage ausreichend verlässlich zu klären. 

Auch zu etwaigen schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen der „Abnehmspritzen“ können die Cochrane-Autor*innen auf der aktuellen Datenbasis keine sicheren Aussagen treffen.

Die drei Reviews zeigen auch: 

Im Augenblick laufen zu allen drei Wirkstoffen noch zahlreiche Studien. Insgesamt bleiben momentan einige Fragen offen. 

So fordern die Cochrane-Autor*innen mehr randomisiert kontrollierte Studien zu Langzeitwirksamkeit und Langzeitsicherheit der Präparate – und auch dazu, wie sich die Mittel langfristig auf die Herzkreislaufgesundheit auswirken. 

Damit soll klarer werden, welche Rolle die Medikamente bei der langfristigen Gewichtskontrolle spielen können. Die Autor*innen betonen zudem, dass herstellerunabhängige Studien notwendig sind, um Mediziner*innen und Gesundheitspolitiker*innen besser für ihre Entscheidungen zu informieren.

Über die neuen Reviews:
Die drei Reviews wurden im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO erstellt. Sie sollen in die geplante WHO-Leitlinie zur Anwendung von GLP-1-Rezeptor-Agonisten zur Behandlung von Adipositas einfließen.

Über Cochrane Deutschland
Cochrane Deutschland mit Sitz in Freiburg ist Teil der internationalen, gemeinnützigen Cochrane Collaboration. Dieses Netzwerk unabhängiger Wissenschaftler*innen erstellt systematische Übersichtsarbeiten zu verschiedensten medizinischen und gesundheitlichen Fragen – die so genannten Cochrane Reviews. Darin fassen die Forschenden die weltweite Studienlage zusammen und bewerten deren Qualität. Ziel ist es, dadurch eine evidenzbasierte, verlässliche Grundlage für medizinische und gesundheitspolitische Entscheidungen zu schaffen. Seit seiner Gründung 1993 hat das Netzwerk bereits etwa 9500 Cochrane Reviews veröffentlicht.

Team MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

c/o Mirjam Mischke-Stöckel www.cochrane.de

Originalpublikation:
https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD016018/full?highligh... Cochrane Review zu Tirzepatid

https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD015092.pub2/full Cochrane Review zu Semaglutid

https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD016017/full?highligh... Cochrane Review zu Liraglutid


Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.cochrane.de

Herzkatheterlabor

Auch bei größeren verengten Blutgefäßen erzielt der mit Medikamenten beschichtete Ballonkatheter langanhaltend gute Therapieergebnisse. 

Als vergleichsweise kleiner Eingriff bietet das Verfahren auch hier eine wirksame Alternative zum Stent. 

Diese Ergebnisse der Arbeitsgruppe des Kardiologen Professor Bruno Scheller von der Universität des Saarlandes bestätigt jetzt eine internationale Studie mit mehr als 3.300 Patienten, die auf dem größten Kongress für kathetergestützte Behandlung von Herzerkrankungen TCT in San Francisco, USA, vorgestellt wurde. Bruno Scheller entwickelte die Methode vor zwei Jahrzehnten und hat sie mit seiner Forschung seither stetig weiter verbessert.

Lagern sich unerwünschte Stoffe wie Fette, Kalk oder Entzündungszellen an den Innenwänden von Herzkranzgefäßen und anderen Arterien ab, verengt sich die Blutbahn. 

Das Blut kann nicht mehr richtig fließen, was etwa zu Herzschwäche, Herzinfarkt oder Schlaganfall führen kann. Solche Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen weltweit zu den häufigsten Krankheiten und Todesursachen.

Der mit Medikamenten beschichtete Ballonkatheter („drug coated balloon“, kurz ‚DCB‘) hat sich international als Therapieverfahren durchgesetzt. 

Dabei wird ein hauchdünner Kunststoffschlauch in das Gefäß eingebracht, ein winziger Ballon an seiner Spitze aufgeblasen und so die Gefäßwand vorsichtig geweitet. 

Der Clou an der Sache: Bei dieser Dehnung werden die Medikamente, mit denen der Ballon beschichtet ist, tief in die gedehnte Gefäßwand hineinbefördert. 

„Weitet man ein Gefäß mit einem einfachen Ballonkatheter auf, verengt es sich oft wieder, weil die Stelle erneut überwuchert wird. 

Die Medikamente in der speziellen Beschichtung dagegen bleiben in der Gefäßwand. 

Sie wirken dort über Wochen und Monate und verhindern wirksam neue Ablagerungen“, erklärt der Herzspezialist Professor Bruno Scheller von der Universität des Saarlandes. Er erfand und entwickelte dieses Verfahren, das heute zu den wichtigsten Therapien bei Gefäßverengung zählt, zusammen mit dem inzwischen emeritierten Professor Ulrich Speck von der Berliner Charité.

Bei kleineren Gefäßen bis zu 2,75 Millimetern Durchmesser wurde in einer Vielzahl an klinischen Studien bereits belegt, dass der medikamentenbeschichtete Ballonkatheter beschichteten Stents gleichwertig oder gar überlegen ist. Das Verfahren ist in der Praxis millionenfach im Einsatz. 

MaAB-Cave:

Vor allem in Asien hat die DCB-Therapie medikamentenbeschichtete Stents bereits fast zur Hälfte ersetzt. Die Ergebnisse zu kleinen Koronargefäßen wurden von Bruno Scheller und Kollegen in den vergangenen Jahren in den führenden Fachzeitschriften wie The Lancet (Lancet. 2018 Sep 8; 392(10150): 849-856. Lancet. 2020 Nov 7; 396(10261): 1504-1510) und European Heart Journal (Eur Heart J. 2025 May 2; 46(17): 1586-1599) veröffentlicht. Eine internationale Expertengruppe, das „Academic Research Consortium“ (ARC), gab in diesem Jahr unter wesentlicher Beteiligung von Professor Scheller Handlungsempfehlungen zur Therapie mit beschichteten Ballonkathetern im European Heart Journal (Eur Heart J. 2025 Jul 7; 46(26): 2498-2519) und im Journal of the American College of Cardiology (J Am Coll Cardiol. 2025 Oct 14; 86(15): 1170-1202).

Jetzt hat eine neue internationale Studie (Spaulding C. et al.) mit mehr als 3.300 Patientinnen und Patienten gezeigt, dass das Verfahren auch bei Herzkranzgefäßen mit einem Durchmesser von mehr als 2,75 Millimetern eine wirksame und sichere Alternative zu den dort bislang üblichen Stents bietet. 

Diese röhrenförmigen Gefäßstützen aus Metall werden in das Gefäß eingelegt und verbleiben dort, um die Engstelle zu öffnen. 

Der beschichtete Ballonkatheter dagegen ist bei größeren Herzkranzgefäßen bislang mehr in den Stents selbst im Einsatz, wenn diese sich durch Ablagerungen verschließen.

Die Studie „SELUTION DeNovo“ konnte zeigen, dass der Balloneinsatz auch bei größeren Gefäßen überzeugende Ergebnisse bringt: Nach einem Jahr war die Häufigkeit schwerwiegender Ereignisse wie plötzlicher Herztod, Herzinfarkt oder eine erneut notwenige Behandlung der Engstelle vergleichbar mit der bei modernen beschichteten Stents. „Wir wissen, dass medikamentenbeschichtete Stents sehr sicher sind. Allerdings kommt es mittel- und längerfristig zu einem Risiko neuer Ereignisse, die dadurch bedingt sind, dass der Stent dauerhaft im Gefäß verbleibt“, sagt Bruno Scheller, der Professor für Klinische und Experimentelle Interventionelle Kardiologie an der Universität des Saarlandes sowie stellvertretender Klinikdirektor und Leiter des Herzkatheterlabors am Universitätsklinikum in Homburg ist. „Der Vorteil beschichteter Ballonkatheter besteht darin, dass eine lokale Medikamentengabe ohne die Notwendigkeit eines im Gefäß verbleibenden Fremdkörpers möglich ist.“

Die neue Studie relativiert zugleich die Ergebnisse der chinesischen „Rec-Cagefree I“-Studie zu medikamentenbeschichteten Ballonkathetern aus dem Jahr 2024. Laut dieser Studie schnitten die Stents als Behandlungsmethode bei größeren Gefäßen und einfacher Verengung im Zeitraum von zwei Jahren besser ab – die medikamentenbeschichteten Ballonkatheter seien in diesem Fall nicht dauerhaft wirksam, so diese Studie. Neben den „SELUTION DeNovo“-Ergebnissen wurden im Rahmen des TCT-Kongresses vom 25. bis 28. Oktober in San Francisco auch die Ergebnisse von „Rec-Cagefree I“ mit einer Nachbeobachtungszeit von drei Jahren vorgestellt. Professor Scheller diskutierte in einer der Hauptsitzungen des Kongresses diese Ergebnisse zusammen mit weiteren weltweit führenden Expertinnen und Experten.

„Die Studienergebnisse der ‚Rec-Cagefree I‘-Studie können nicht auf unser Verfahren übertragen werden“, erklärt Bruno Scheller. Nach Ablauf des Patents auf die medikamentenbeschichteten Ballonkatheter hatten die chinesischen Forscherinnen und Forscher in ihrer Studie eine selbst entwickelte Beschichtung erprobt – in Anlehnung an das ursprüngliche Charité-Patent der Professoren Scheller und Speck. „Diese Beschichtung ist unter anderem von Zusammensetzung und Partikelgröße der Medikamente her nicht mit unserer Beschichtung zu vergleichen. Die Wirkstoffe halten bei ihr nicht lange genug in der Gefäßwand, was im Rahmen der ‚Rec-Cagefree I‘-Studie zu einer nicht ausreichend lange anhaltenden Verhinderung einer Wiederverengung führte“, erklärt Bruno Scheller. Die Kritikpunkte zu der Studie fasst Scheller gemeinsam mit weiteren Autoren aktuell in einem Leserbrief in der Zeitschrift ‚The Lancet‘ zusammen (Lancet. 2025 Oct 25; 406(10514): 1950-1951)*.

„Unabhängig von dem Vergleich unterschiedlicher Technologien zur Behandlung von Verengungen der Herzkranzgefäße geht es meinem Team und mir um neue Strategien, den individuellen Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden“, betont Bruno Scheller. „So wird auch in Zukunft für viele Patienten eine Kombination aus beschichtetem Stent und Ballon die bestmögliche Therapie darstellen. Der beschichtete Ballon ermöglicht es uns, lange Stentstrecken zu vermeiden, die mittel- und langfristig erhebliche Nachteile für den Patienten bedeuten“, erklärt der Kardiologe.

„Die auf dem TCT-Kongress vorgestellten neuen Daten unterstützen das Konzept in der interventionellen Gefäßtherapie, die Patienten mit möglichst wenigen permanenten Implantaten zu behandeln, wofür wir uns seit vielen Jahren national und international einsetzen“, sagt Professor Scheller. Seine Arbeitsgruppe in Homburg forscht weltweit führend experimentell und klinisch an diesem Konzept. Derzeit laufen in Homburg mehrere internationale klinische Studien zu beschichteten Ballonkathetern mit Partnern aus Europa, Asien und USA, die Bruno Scheller teilweise weltweit leitet.

Hintergrund

Zur Forschung am medikamentenbeschichteten Ballonkatheter

Bruno Scheller arbeitete bereits seit Ende der 1990iger Jahre zusammen mit dem Charité-Professor Ulrich Speck an dem Beschichtungsverfahren für den damals bereits etablierten Ballonkatheter. „Wir fanden heraus, dass es nicht nötig ist, den Wirkstoff über längere Zeit im Gefäß freizusetzen, um zu verhindern, dass es sich wieder verengt. Unsere Ergebnisse zeigten, dass bereits eine kurze Arzneimittelgabe hierfür ausreicht“, erklärt Bruno Scheller, der am Medizin-Campus in Homburg auch daran forscht, die Behandlung von Herzinfarkten zu verbessern und auch andere Herzerkrankungen mit dem Katheter zu behandeln. Seine Erfahrung als praktischer interventioneller Kardiologe am Universitätsklinikum des Saarlandes fließt in seine Forschung ein. Im Jahr 2003 lief in Homburg die erste klinische Studie mit einem Ballonkatheter an, den die Forscher mit dem Medikament Paclitaxel und weiteren Zusatzstoffen beschichtet hatten. Ulrich Speck und Bruno Scheller veröffentlichten erste Studienergebnisse 2006 in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“. Auch in der Behandlung von Oberschenkelarterien ist das Verfahren mittlerweile Therapiestandard. Ebenso kommt die Methode bei langstreckigen Verengungen in den Unterschenkelarterien sowie verengten Dialyse-Zugängen, so genannten Shunts, zum Einsatz.

Forschung im Team von Bruno Scheller an der Universität des Saarlandes

Mit seiner Arbeitsgruppe arbeitet Bruno Scheller auf dem Homburger Medizin-Campus daran, die beschichteten Ballonkatheter weiter zu verbessern. Die Mediziner entwickeln auch spezielle Anwendungen und Spezialballons sowie alternative Medikamente, mit denen die Ballons beschichtet werden. Auch forscht Scheller etwa an Verfahren, um kleinste Risse in der inneren Gefäßschicht zu vermeiden, die bei der herkömmlichen Behandlung mit Ballonkathetern auftreten können. Seine Arbeitsgruppe hat in den vergangenen Jahren zahlreiche wegweisende Ergebnisse unter anderem in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht.

Auszeichnungen

Für seine Forschungs- und Entwicklungsarbeit, die „die Zukunft der Versorgung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf der ganzen Welt mitprägen“ wurde Bruno Scheller bereits vielfach ausgezeichnet, so 2024 in London mit dem „Clinical Research Excellence Award“, dem Exzellenzpreis für klinische Forschung. 2021 verlieh ihm die europäische Fachgesellschaft für Kardiovaskuläre und Interventionelle Radiologie (CIRSE) ihren „Exzellenz- und Innovations-Preis“. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft förderte Schellers Professur für zehn Jahre mit insgesamt rund 1,1 Millionen Euro.

Der TCT Congress ist das jährliche wissenschaftliche Symposium der Cardiovascular Research Foundation (CRF) und die weltweit führende Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Herz-Kreislauf-Medizin. https://www.tctconference.com/

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Prof. Dr. Bruno Scheller:
Telefon: +49 6841 1615000; E-Mail: bruno.scheller(at)uks.eu

Originalpublikation:
Studie SELUTION DeNovo
Spaulding C, on behalf of the SELUTION DeNovo investigators. One-year results of the SELUTION DeNovo trial comparing a strategy of PCI with a sirolimus-eluting balloon and provisional stenting versus systematic DES implantation to treat de novo coronary lesions. Presented at: TCT 2025. October 26, 2025. San Francisco, CA.

Bruno Scheller veröffentlicht die Bewertung zur „Rec-Cagefree I“-Studie aus dem Jahr 2024 zusammen mit weiteren Autoren aktuell in einem Leserbrief in der Zeitschrift The Lancet. (Lancet. 2025 Oct 25; 406(10514): 1950-1951)
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(25)01860-4/fullt...
*Die Lancet-Redaktion weist darauf hin: Leserbriefe, die in der Rubrik „Correspondence“ veröffentlicht werden, geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht unbedingt der Meinung der Lancet-Zeitschriften. Leserbriefe werden in der Regel nicht extern begutachtet

Das Altern ist kein gleichmäßiger Prozess, der das ganze Herz betrifft

Neue Studie zeigt, wo im Herzgewebe die entscheidenden Veränderungen des Alterns stattfinden.

Warum das Herz im Alter an Elastizität verliert und anfälliger für Erkrankungen wird, ist bislang nur teilweise verstanden. 

Forschende der Goethe-Universität Frankfurt, des Cardiopulmonary Institute (CPI) und des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) haben jetzt gezeigt, dass die entscheidenden Prozesse vor allem in der Nähe von Blutgefäßen stattfinden. 

Diese sogenannten vaskulären Nischen sind die Orte, an denen Entzündung, Zellalterung und Umbauvorgänge im Herzgewebe beginnen.

Für die Studie, die in Circulation Research erschienen ist, analysierte das Team um Erstautor David Rodriguez Morales und Letztautorin Stefanie Dimmeler die Herzen junger und alter Mäuse mithilfe modernster Einzelzell- und Gewebetechnologien. 

Sie identifizierten elf verschiedene Mikroumgebungen im Herzgewebe, die sich hinsichtlich ihrer Zellzusammensetzung und Aktivität unterscheiden. 

Besonders stark verändert zeigten sich die gefäßnahen Bereiche: 

Dort häufen sich alternde Zellen, die entzündliche Signale aussenden und das Gewebe verfestigen.

Hotspots der Entzündung

„Unsere Daten legen nahe, dass das Altern des Herzens gewissermaßen an den Gefäßen beginnt“, sagt David Rodriguez Morales.

 „Diese Nischen wirken wie kleine Hotspots, die Entzündung und Umbauprozesse anstoßen, die sich dann auf das gesamte Organ ausweiten.“

Das Team testete auch, ob sich dieser Prozess aufhalten lässt. 

Bei alten Mäusen, die mit sogenannten Senolytika behandelt wurden – Substanzen, die alternde Zellen gezielt entfernen – gingen bestimmte Entzündungszellen in den vaskulären Nischen zurück. 

Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Therapien, die auf diese Mikroumgebungen abzielen, das Herz im Alter schützen.

„Das Altern ist kein gleichmäßiger Prozess, der das ganze Herz betrifft“, sagt Stefanie Dimmeler. 

„Vielmehr scheint es von bestimmten Bereichen auszugehen. 

Diese Erkenntnis eröffnet neue Möglichkeiten, gezielt dort einzugreifen, wo die Schäden entstehen.“

Die Studie liefert damit eine Grundlage, um altersbedingte Veränderungen des Herz-Kreislauf-Systems künftig besser zu verstehen und therapeutisch zu beeinflussen.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Prof. Stefanie Dimmeler, Goethe-Universität Frankfurt, dimmeler@em.uni-frankfurt.de

Originalpublikation:
Rodriguez Morales D, Larcher V, Ruz Jurado M, et al. Vascular Niches Are the Primary Hotspots in Cardiac Aging. Circ Res. Published online October 15, 2025. https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/CIRCRESAHA.125.327060

Kardiale Magnetresonanztomografie

Koronare Herzkrankheit: 

Kardiale Magnetresonanztomografie ist sinnvolle Ergänzung zur bisherigen KHK-Diagnostik. Zur funktionellen Diagnostik bei KHK liefert die kardiale MRT Ergebnisse vergleichbarer Qualität wie die SPECT – allerdings ohne Strahlenbelastung für die Betroffenen.

Die kardiale Magnetresonanztomografie (MRT) ist ein geeignetes nicht invasives Verfahren zur funktionellen Diagnostik bei Patientinnen und Patienten, bei denen sich nach einer Basisdiagnostik der Verdacht auf chronische koronare Herzkrankheit (KHK) oder Verdacht auf das Fortschreiten einer schon bekannten KHK ergibt: Die kardiale MRT hat eine mindestens vergleichbare Treffergenauigkeit (diagnostische Güte) wie die SPECT (Single Photon Emission Computed Tomography) im Erkennen von KHK. Allerdings kommt die kardiale MRT dabei ohne Strahlenbelastung für die Betroffenen aus.
So das abschließende Fazit der Nutzenbewertung: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat die Vor- und Nachteile der kardialen MRT im Vergleich zu einer Diagnosestrategie ohne MRT im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) überprüft.

Es fand sich nur eine einzige, wenig aussagekräftige Studie, in der Patientinnen und Patienten per Losverfahren entweder eine MRT oder eine SPECT erhielten. 

Deshalb sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IQWiG zusätzlich der Frage nach der diagnostischen Güte der kardialen MRT im Vergleich zur SPECT nachgegangen: 

In den Studien hierzu erhielten alle Patientinnen und Patienten sowohl die MRT als auch die SPECT und mittels einer weiteren Untersuchung, der invasiven Koronarangiografie (ICA), wurden alle Befunde überprüft.

Die Ergebnisse aus sechs Studien zeigen für die kardiale MRT eine mindestens vergleichbare Trefferquote. 

Weil die MRT im Gegensatz zur SPECT ohne Strahlenbelastung auskommt, ergibt sich daraus insgesamt ein Vorteil für die Betroffenen, was beim IQWiG als Anhaltspunkt für einen höheren Nutzen bewertet wird.

„Die MRT erweitert das Spektrum der diagnostischen Möglichkeiten bei KHK-Verdacht in sinnvoller Weise. 

Wir erwarten, dass in der Praxis wie bisher die KHK-Diagnostik differenziert eingesetzt wird gemäß der individuellen Patientensituation und Doppeldiagnostik vermieden wird,“ sagt Martina Lietz, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Ressort Nichtmedikamentöse Verfahren beim IQWiG und Projektleiterin dieser Nutzenbewertung. 

Dann sollte auch die generelle Verfügbarkeit von MRT unproblematisch sein.

Differenzierte KHK-Diagnostik ist nötig und möglich

Gleich vier unterschiedliche diagnostische Verfahren kommen primär infrage, wenn sich nach Basisdiagnostik bei einem Menschen mit Herzbeschwerden eine KHK-Wahrscheinlichkeit von etwa 15 Prozent bis 85 Prozent ergibt: 

MRT, SPECT und Stress-Echokardiografie werden als funktionelle Verfahren bezeichnet, weil sie die Funktion des Herzens untersuchen, und sind prinzipiell als solche miteinander vergleichbar. 

Allerdings wird die Stress-Echokardiografie aus verschiedenen klinischen Gründen immer weniger angewendet und daher als nachrangig betrachtet. 

Deshalb verzichtet das IQWiG auf diesen Vergleich.

Das Herz-CT oder auch Computertomografie-Koronarangiografie (CCTA) ist ein morphologisches Verfahren und untersucht die Herzkranzgefäße, funktioniert also prinzipiell anders als das kardiale MRT. 

Deshalb erscheint der Vergleich dieser beiden Verfahren wenig sinnvoll.

Die Entscheidung für ein bestimmtes diagnostisches Verfahren ist abhängig von der Vortestwahrscheinlichkeit, der individuellen Patientensituation (z. B. Komorbiditäten) und der lokalen Verfügbarkeit der Diagnostik. 

Außerdem sind dabei Kontraindikationen und Nebenwirkungen zu beachten, insbesondere im Hinblick auf die Belastbarkeit des Herzens und die Möglichkeit der Kontrastmittelgabe bei einer Untersuchung.

Die invasive Koronarangiografie (ICA, „Herzkatheter“) soll dagegen erst zum Einsatz kommen, wenn die KHK-Wahrscheinlichkeit sehr hoch (> 85 Prozent) ist und sollte in vielen Fällen daher erst erfolgen, nachdem mit einer MRT, SPECT, Stress-Echokardiografie oder Herz-CT Anzeichen für KHK festgestellt wurden. 

Differenziert eingesetzt sind die Befunde dieser vier Verfahren im Idealfall eindeutig, sodass nicht mehr als einer dieser Tests erforderlich ist, um eine KHK relativ sicher anzuzeigen oder auszuschließen.

Zum Ablauf der Berichterstattung

Der G-BA hat das IQWiG am 26.09.2024 mit der Bewertung der kardialen Magnetresonanztomographie bei koronarer Herzerkrankung beauftragt. 

Die vorläufigen Ergebnisse hatte das IQWiG als Vorbericht im Juli 2025 veröffentlicht und zur Diskussion gestellt. 

Nach Abschluss des Stellungnahmeverfahrens hat das Projektteam den Bericht überarbeitet und im Oktober 2025 an den Auftraggeber versandt. 

Die eingegangenen schriftlichen Stellungnahmen und das Protokoll der wissenschaftlichen Erörterung werden in einem eigenen Dokument zeitgleich mit dem Abschlussbericht publiziert.

Originalpublikation:
https://www.iqwig.de/projekte/d24-02.html

Persönliche Beziehungen zum 31. Oktober sind gesund und erfolgreich

Für die Verbreitung der Reformation nach dem 31. Oktober 1517 waren Luthers persönliche Beziehungen besonders wichtig, also Briefe, Besuche und seine Studenten in Wittenberg.

Für die Verbreitung der Reformation nach dem 31. Oktober 1517 war in den ersten Jahren Luthers persönliches Beziehungsgeflecht ein besonders wichtiger Faktor. 

Das ist das Ergebnis einer Studie des Projektleiters Sascha Becker von der ROCKWOOL Foundation Berlin (RFBerlin). 

„Luthers Einfluss wirkte vor allem über Briefe, seine Besuche in anderen Städten und über seine Studenten an der Universität Wittenberg“, sagt RFBerlin-Forscher Becker von der Universität Warwick. Städte, in denen Luther mit Einwohnern korrespondierte, waren bis 1530 zu 46 Prozent protestantisch geworden. 

Wo Luther mit niemandem korrespondierte, waren bis 1530 nur 17 Prozent der Städte protestantisch. 

Von den Städten, die er besuchte, waren sogar 50 Prozent bis 1530 protestantisch, während nur 16 Prozent der Städte, die er nicht besuchte, bis dahin protestantisch waren.

Ähnliches galt für Luthers Studenten. Von den Städten, die Studenten nach Wittenberg schickten, nahmen bis 1530 38 Prozent die Reformation an. Nur 7 Prozent der Städte, die keine Studenten schickten, nahmen die Reformation so früh an.

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Prof. Sascha Becker 0044 / 78 78 75 78 11; S.O.Becker@warwick.ac.uk

Originalpublikation:
“Multiplex Network Ties and the Spatial Diffusion of Radical Innovations: Martin Luther’s Leadership in the Early Reformation”, von Sascha Becker, Yuan Hsiao, Steven Pfaff, Jared Rubin. in: American Sociological Review, Volume 85, Issue 5: 857-894. September 2020.
https://doi.org/10.1177/000312242094805

Halloween

Wissenschaftler der DHBW Karlsruhe erklärt den Brauch aus neurowissenschaftlicher und marketingstrategischer Sicht

Halloween hat sich in den letzten Jahren zu einem der beliebtesten Events des Jahres entwickelt. Doch warum entsteht gerade jetzt ein solcher Hype darum? Zur Einordnung gibt der Marketingexperte Jan Michael Rasimus, Leiter des Eye Tracking-Labors der DHBW Karlsruhe, Einblicke in die Neurowissenschaften und das Marketing rund um Halloween.

Was fasziniert gerade in diesem Jahr wieder so viele Menschen an Halloween?

Rasimus: Gerade in Zeiten gestiegener Unsicherheit und multipler Krisen suchen Menschen oft nach sozialen Erlebnissen und Eskapismus. Halloween bietet beides und vermittelt vielen dabei das Gefühl kreativer Selbstwirksamkeit. Zugleich vereint das Event zwei grundlegende, im Menschen verankerte Dimensionen: Die Faszination für das Unbekannte und die Suche nach sozialem Austausch beim gemeinsamen Feiern und Gruseln.

Was passiert denn beim Gruseln im Gehirn genau?

Rasimus: Aus neurowissenschaftlicher Sicht löst der Kontrast zwischen Furcht und Vergnügen ein besonderes neurochemisches Feuerwerk im Gehirn aus. Grusel erzeugt eine Stressreaktion, und gleichzeitig ermöglicht die sichere Partyumgebung, das Ganze auf spielerische Weise zu erleben. Es greifen zwei Verarbeitungspfade: Der schnelle Pfad aktiviert das Alarmsystem, Herzschlag und Aufmerksamkeit steigen. Kurz darauf ordnet der langsamere Pfad die Situation als sicher ein, reduziert die Erregung und sorgt für Entspannung. Das Wechselspiel zwischen Anspannung und Entlastung wird von vielen als sehr reizvoll erlebt. Dieses Phänomen der „Angstlust“ erklärt übrigens auch die große Beliebtheit von Geisterbahnfahrten, Horrorfilmen oder auch True Crime-Formaten.

Welche Rolle spielt Verkleidung aus psychologischer Sicht?
Rasimus: Kostüme ermöglichen das „Social Play“: ein spielerisches Erproben verschiedener Rollen. Verkleidungen dienen dabei als Mittel der Selbstinszenierung und fördern die soziale Interaktion. Das Eintauchen in eine andere Identität schafft einen deutlichen Abstand zum gewohnten Alltag. Psychologisch betrachtet kann das Tragen von Masken oder Kostümen Freiräume eröffnen, um verschiedene Facetten der Persönlichkeit diskret auszuleben.

Welche Rolle spielen Streaming und Social Media für den Hype?
Rasimus: Gerade jüngere Generationen wachsen durch Streaming-Angebote mit internationalen Filmen und Serien auf, in denen Halloween selbstverständlich vorkommt und zelebriert wird. Auch Social Media verbindet weltweit mittlerweile mehr als fünf Milliarden Menschen und verstärkt solche Trends in Echtzeit. So greifen reichweitenstarke Influencer den Halloween-Hype auf und aktivieren ihre Follower. Schmink-Tutorials, Verkleidungs-Challenges, Party-Inspirationen und leckere Rezept-Ideen sind zuverlässige Garanten für hohe Interaktionsraten.

Was macht Halloween aus Marketingperspektive so attraktiv?
Rasimus: Halloween arbeitet mit extrem klaren, emotional aufgeladenen Symbolen. Diese Codes sind nicht nur aufmerksamkeitsstark, sondern auch weltweit verständlich. Marken können sich darüber hervorragend inszenieren und mit wenig Erklärung spannende Geschichten erzählen. Geister, Zombies oder Hexen funktionieren auf Verpackungen, am Point of Sale, in Bewegtbild und Social Stories/Reels jedes Jahr sehr zuverlässig.
Wie schlägt sich diese Stimmung ökonomisch nieder?

Rasimus: Der Handelsverband Deutschland erwartet für 2025 ca. 520 Millionen Euro Umsatz rund um Halloween. Diese Zahl ist ein Stimmungsindikator, der nahe am Vorjahresniveau liegt. Für den Handel bedeutet das insbesondere bei Süßwaren, Deko, Kostümen und Kosmetik planbare, dringend benötigte Umsätze. Aber auch in anderen Bereichen wie Gastronomie, Events, Streaming und Gaming ergeben sich interessante Anknüpfungspunkte, die auch in diesem Jahr wieder attraktive Halloween-Angebote versprechen.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildung VOR ORT

Jan-Michael Rasimus
Leitung Eye Tracking-Labor
Tel.: 0721 / 9735-865
E-Mail: janmichael.Rasimus@dhbw-karlsruhe.de

Im Alter nimmt die Suizidrate deutlich zu

Im Alter nimmt die Suizidrate deutlich zu – besonders bei Männern. 

Eine Forscherin der Uni Osnabrück nutzt innovative Technologie, um Warnzeichen frühzeitig zu erkennen und gezielte Hilfe zu ermöglichen.

Im Alter steigt die Suizidgefahr, und gerade Männer sind gefährdet: 

Bei ihnen liegt die Rate im Alter von über 75 Jahren bei 40,5 pro 100.000. Dr. Miriam Hehlmann von der Universität Osnabrück erforscht nun gemeinsam mit Dr. Nili Solomonov vom renommierten Weill Cornell Medical College in New York City verschiedene Maßnahmen, um Risiken früher zu erkennen und gezielter zu therapieren.

„Unser Ziel ist es, Therapieerfolge vorherzusagen und auch zu verbessern“, sagt Miriam Hehlmann. Denn leider würden derzeit nur rund zwei Drittel der Patientinnen und Patienten von einer Therapie profitieren.

Neben regelmäßigen Therapiegesprächen und dem Ausfüllen von Fragebögen spielt für das Forschungsprojekt der psychologischen Psychotherapeutin ein Fitnesstracker in Form eines Smart Rings eine große Rolle: 

Der Ring registriert sowohl die Schlafphasen als auch die Aktivität der Probanden. 

Die Forschenden untersuchen, welche Rückschlüsse auf mögliche Suizidgedanken sich aus Bewegungsmustern und der damit verbundenen sozialen Interaktion bereits vor einer Therapiesitzung ziehen lassen.

Die Methode basiert auf dem sogenannten Ecological Momentary Assessment (EMA): Dabei werden mittels elektronischer Geräte wie Smartphones Daten über das Verhalten und Erleben von Personen in ihrem alltäglichen Umfeld gesammelt.

Insbesondere Männer könnten von den Ergebnissen des Projekts, das von der Society for Psychotherapy Research gefördert wird, profitieren: 

„Dass Menschen im Alter lebensmüde werden, kann an Erkrankungen liegen oder an einer Vereinsamung. 

Hier sind es gerade Männer, die sich nach dem Tod ihrer Partnerin schwertun“, erläutert Miriam Hehlmann. 

Oft seien es die Frauen, die die sozialen Kontakte pflegten und für Verabredungen sorgten. 

Doch leider seien Einsamkeit im Alter und damit einhergehende Suizidgedanken immer noch ein gesellschaftliches Tabuthema, so die Wissenschaftlerin.

Neben dem Geschlecht spielten auch sozioökonomische Faktoren eine Rolle: 

In strukturschwachen Stadtvierteln und Regionen sei das Suizidrisiko höher als in Gegenden mit höherem Einkommen, besserer Bildungsinfrastruktur und stabileren sozialen Netzwerken.

„Ziel der Studie ist es, ein Vorhersagemodell zur Echtzeit-Erkennung von Warnzeichen für Suizidalität im hohen Alter während der Psychotherapie entwickeln“, so die Wissenschaftlerin der Uni Osnabrück. Dadurch sollen Suizidrisiken künftig schneller und präziser behandelt werden.

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Dr. Miriam Hehlmann, Universität Osnabrück
Institut für Psychologie
E-Mail: miriam.hehlmann@uni-osnabrueck.de

Kontinuierliche Blutzuckermesssysteme

Besonders für Menschen mit Typ-1-Diabetes sind kontinuierliche Blutzuckermesssysteme ein wichtiger Bestandteil der Behandlung, weil sie den Blutzuckerverlauf in Echtzeit überwachen und Schwankungen frühzeitig erkennen. 

Doch inzwischen greifen auch immer mehr stoffwechselgesunde Menschen zu den Geräten, um ihren Blutzuckerspiegel zu kontrollieren.

MaAB-Cave:

Medizinisch notwendig ist das jedoch selten. 

Warum Schwankungen normal sind und wie man sich möglichst blutzuckerfreundlich ernähren kann, erklären ein Experte und eine Expertin vom Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf (DDZ).

Kontinuierliche Blutzuckermesssysteme (CGM) gehören heute fest zur modernen Diabetesbehandlung – vor allem bei Typ-1-Diabetes. 

Ein kleiner Sensor unter der Haut misst dabei in kurzen Abständen den Zuckergehalt in der Gewebsflüssigkeit und sendet die Werte drahtlos an ein Lesegerät oder direkt auf ein Smartphone. 

Manche Systeme arbeiten sogar mit einer Insulinpumpe zusammen, die – je nach Messwert – automatisch die Insulinzufuhr anpasst.

Menschen mit Typ-1-Diabetes profitieren enorm von CGM-Systemen: Sie erkennen zu hohe oder zu niedrige Blutzuckerwerte frühzeitig, helfen bei der Insulinanpassung und können gefährliche Unter- oder Überzuckerungen verhindern.

Wie sinnvoll sind Blutzuckersensor für gesunde Menschen, fragt MaAB:

Weil die Geräte auch ohne Rezept erhältlich sind, tragen immer häufiger auch Menschen ohne Diabetes einen Sensor als Gesundheits-Tracking-Tool. 

Sie wollen den Blutzucker im Blick behalten und sich so ernähren, dass möglichst wenige Schwankungen nach oder zwischen Mahlzeiten entstehen. 

„Natürliche Schwankungen sind allerdings Teil eines gesunden Stoffwechsels und müssen nicht überwacht oder verhindert werden“, betont Dr. Kálmán Bódis, stellvertretender Leiter des Klinischen Studienzentrums am DDZ und Oberarzt an der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Bisher gebe es keine wissenschaftlichen Hinweise dafür, dass eine ständige Überwachung ein gesundheitlicher Vorteil für gesunde Personen sein könnte.

Nach jeder Mahlzeit steigt der Blutzuckerspiegel, weil Kohlenhydrate während der Verdauung in Zucker aufgespalten und ins Blut aufgenommen werden. 

Die Bauchspeicheldrüse schüttet Insulin aus, damit der Zucker aus dem Blut in die Zellen gelangt. 

Dort kann er entweder direkt als Energie genutzt oder für später gespeichert werden. 

Wie Menschen auf Lebensmittel reagieren, kann dabei sehr unterschiedlich sein. 

„Selbst bei identischen Mahlzeiten können die Blutzuckerkurven zweier gesunder Personen sehr unterschiedlich aussehen. 

Das liegt unter anderem an der Genetik, dem Darmmikrobiom, der Tageszeit sowie dem Bewegung- und Stresslevel und ist kein Hinweis auf eine Krankheit“, erklärt Bódis und weist auf mögliche Fehlinterpretationen hin: 

„Völlig normale Werte können plötzlich als problematisch erscheinen. 

Das führt schnell zu unnötigen Einschränkungen, strengen Diäten oder einer übermäßigen Fixierung auf Essen und Zahlen“, erklärt der Diabetologe.

MaAB:

Richtig ist: 

Sehr große und häufige Blutzuckerschwankungen können Müdigkeit oder Heißhunger hervorrufen oder auch langfristige Erkrankungen wie Diabetes, Gefäßschäden oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. 

Deshalb ist es sinnvoll, starke Schwankungen möglichst zu vermeiden. 

Am besten gelingt das allerdings durch bewährte Strategien wie eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und eine Mahlzeitenstruktur, die zum Alltag passt.

Rund ein Viertel des Tellers sollte Eiweiß enthalten

Eine einfache Orientierung für jede Mahlzeiten bietet das Tellermodell: 

„Die Hälfte des Tellers sollte aus Gemüse bestehen. Denn die darin enthaltenen Ballaststoffe verlangsamen die Aufnahme von Kohlenhydraten und tragen dazu bei, schnelle Blutzuckeranstiege zu reduzieren“, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin und Diabetesberaterin Julia Schweinitzer vom DDZ. Eiweißquellen wie Fisch, Eier, helles Fleisch oder Hülsenfrüchte sollten etwa ein Viertel der Mahlzeit ausmachen: „Sie unterstützen das Sättigungsgefühl und können die Aufnahme von Kohlenhydraten ebenfalls verzögern, wodurch der Blutzucker langsamer ansteigt.“ 

Ein weiteres Viertel des Tellers kann aus kohlenhydrathaltigen Lebensmitteln wie Kartoffeln, Nudeln oder Reis bestehen – bevorzugt in Form von Vollkornprodukten. 

Diese lassen den Blutzuckerspiegel nach dem Essen meist langsamer ansteigen als klassische Varianten wie weißer Reis oder helle Nudeln. 

Als Kohlenhydrate eignen sich auch Pseudogetreide wie Quinoa oder Buchweizen. Hochwertige Fette wie Nüsse, Samen, Avocado oder Pflanzenöle ergänzen die Mahlzeit und liefern wichtige Fettsäuren.

Das gleiche Grundprinzip gilt auch beim Frühstück: 

Kohlenhydrate (Vollkornbrot, Haferflocken, Vollkornmüsli) sollten mit Eiweißen (Eier, Joghurt, Quark) und gesunden Fetten (Avocado, Nüsse, Samen, Olivenöl) kombiniert werden. 

Zum Frühstück gehört idealerweise auch eine Portion Obst oder Gemüse, etwa Beeren oder Rohkost wie Gurke oder Paprika, sodass der Körper bereits am Morgen mit Ballaststoffen und Vitaminen versorgt wird.

Auch auf die Flüssigkeitswahl kommt es an: 

„Wasser, ungesüßter Tee oder Kaffee sind ideal, während stark gesüßte Getränke den Blutzucker rasch ansteigen lassen“, erklärt Schweinitzer. 

Alltagsbewegung, Ausdauersport und Kraftsport senken zudem den Blutzucker, weil Muskeln während und nach der Aktivität mehr Zucker aufnehmen. Schon ein kurzer Spaziergang nach einer Mahlzeit kann Blutzuckerspitzen abmildern und Heißhunger reduzieren.

Dr. Kálmán Bodis
Julia Schweinitzer

Einfluss von Dopamin auf menschliche Entscheidungsprozesse

Das Ergebnis einer neuen Studie zeigt, dass L-DOPA, eine Vorstufe des Neurotransmitters Dopamin, Menschen dazu bringt, länger auf Belohnungen zu warten / Veröffentlichung im „Journal of Neuroscience“

Ein Forschungsteam der Universität zu Köln hat eine der umfangreichsten Studien zum Einfluss von Dopamin auf menschliche Entscheidungsprozesse durchgeführt. 

Als Neurotransmitter erfüllt Dopamin verschiedene Funktionen und spielt beispielsweise bei Motivation und Belohnung eine wichtige Rolle. Das Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Elke Smith und Professor Dr. Jan Peters vom Department Psychologie der Universität zu Köln beobachtete, dass die Testpersonen aufgrund von L-DOPA, einer metabolischen Vorstufe von Dopamin, welche dessen Ausschüttung im Gehirn erhöht, bereit waren, länger auf ihre Belohnungen zu warten. 

Der Effekt entsprach einer Verringerung der Impulsivität im Vergleich zur Placebo-Kontrollgruppe um etwa 20 Prozent. 

Dieser moderate Effekt stellt einige frühere einflussreiche Ergebnisse aus viel kleineren Studien in Frage, die zu dem Schluss gekommen waren, dass L-DOPA impulsive Entscheidungen verstärkt. 

Die Studie “Dopamine and temporal discounting: revisiting pharmacology and individual differences” wurde in der Fachzeitschrift Journal of Neuroscience veröffentlicht.

Bei Entscheidungen bevorzugen Menschen oft kleinere sofortige Belohnungen gegenüber größeren, aber erst später eintreffenden Belohnungen – eine Tendenz, die als hyperbolische Diskontierung bezeichnet wird. 

Starke Diskontierung ist mit impulsiveren Entscheidungen verbunden und tritt häufig auf, wenn das Dopaminsystem des Gehirns verändert ist, beispielsweise bei Substanzmissbrauch und Verhaltenssüchten. 

Es ist zwar bekannt, dass Dopamin die Entscheidungsfindung beeinflusst, doch haben frühere Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt: Mal wurden die Menschen impulsiver, mal waren sie eher bereit zu warten. 

Viele dieser Studien basierten auf kleinen Stichproben, sodass es schwierig war, eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen. Um diese widersprüchlichen Ergebnisse zu klären, führte das Forschungsteam eine vergleichsweise groß angelegte Studie durch, in der zusätzliche Kovariablen berücksichtigt wurden, die individuellen Unterschieden in der Dopaminfunktion zugrunde liegen könnten und die Reaktion von Menschen auf dopaminverstärkende Medikamente beeinflussen können.

In einer randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie innerhalb derselben Proband*innengruppe erhielten 76 gesunde männliche und weibliche Teilnehmer*innen entweder ein Placebo oder L-DOPA und wählten zwischen einer kleineren sofortigen und einer größeren verzögerten Belohnung. Mithilfe der kognitiven Modellierung, einer Methode, bei der computergestützte mathematische und statistische Modelle zum Verständnis mentaler Prozesse eingesetzt werden, untersuchten sie weiter, wie Dopamin subtilere Aspekte der Entscheidungsfindung beeinflusst, darunter die Geschwindigkeit der Evidenzakkumulation (Sammeln von Informationen), die Vorsicht bei der Reaktion und die Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Die Teilnehmenden zeigten den bekannten „Magnitudeneffekt“: Größere Belohnungen verlieren mit der Zeit weniger an Wert als kleinere. L-DOPA führte dazu, dass die Teilnehmenden insgesamt etwas eher bereit waren, auf Belohnungen zu warten, veränderte jedoch den Magnitudeneffekt nicht maßgeblich.

 Außerdem hatte es keinen erkennbaren Einfluss darauf, wie schnell die Teilnehmenden Informationen sammelten, wie vorsichtig sie Entscheidungen trafen oder wie lange sie für ihre Antworten brauchten. Dies deutet darauf hin, dass die Wirkung von Dopamin auf das Warten auf Belohnungen möglicherweise weniger auf Veränderungen grundlegender Entscheidungsprozesse zurückzuführen ist, sondern vielmehr darauf, wie zukünftige Belohnungen im Zeitverlauf bewertet werden. 

Die Wissenschaftler*innen analysierten auch Messgrößen, von denen seit langem angenommen wird, dass sie den Dopamin-Ausgangswert widerspiegeln, wie beispielsweise die Arbeitsgedächtniskapazität, die spontane Augenblinkfrequenz und die Impulsivität. Hier war zu erwarten, dass sie die Reaktion des Einzelnen auf L-DOPA beeinflussen. Diese Indikatoren wurden in früheren Studien mit der Dopaminaktivität in verschiedenen Hirnkreisläufen in Verbindung gebracht – darunter präfrontale Bereiche, die an der kognitiven Kontrolle beteiligt sind, sowie subkortikale Regionen, die die Belohnungsverarbeitung unterstützen. Das Team fand jedoch keine solche Wechselwirkung, was darauf hindeutet, dass diese Messgrößen möglicherweise keine zuverlässigen direkten Indikatoren für den Dopamin-Ausgangswert sind.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass L-DOPA die Bereitschaft des Menschen erhöht, auf Belohnungen zu warten, und liefern damit neue Belege, die einige frühere einflussreiche Studien mit relativ kleinen Stichproben in Frage stellen“, sagt Dr. Elke Smith. „Interessanterweise konnten wir nicht feststellen, dass häufig verwendete Indikatoren für den Dopamin-Ausgangswert, wie beispielsweise die Arbeitsgedächtniskapazität, die spontane Augenblinkfrequenz oder die Impulsivität diesen Effekt beeinflussten. Meiner Ansicht nach erfassen diese Messungen zwar bedeutende individuelle Unterschiede, spiegeln jedoch wahrscheinlich nicht direkt die Dopamin-Ausgangswerte wider, sodass ihre Verwendung als solche möglicherweise nicht valide ist.“

Diese Erkenntnisse tragen zu einem besseren Verständnis der dopaminergen Mechanismen bei, die Entscheidungsprozesse im Gehirn steuern, und helfen zu erklären, warum es unter veränderter Dopamin-Signalübertragung, etwa bei Suchterkrankungen, häufiger zu impulsiven Entscheidungen kommt. „Zukünftige Studien könnten sich damit befassen, wie Dopamin die Entscheidungsfindung bei Patient*innen beeinflusst, um Ansätze für zukünftige Interventionen zu liefern, die die dopaminerge Funktion gezielt beeinflussen sollen“, so Elke Smith.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT


Robert Hahn
+49 221 470 2396
r.hahn@verw.uni-koeln.de

Dr. Elisabeth Hoffmann: e.hoffmann@verw.uni-koeln.de

Dr. Elke Smith
Department Psychologie, Universität zu Köln
+49 221 470 7798
elke.smith@uni-koeln.de

Originalpublikation:
Publikation:
https://www.jneurosci.org/content/early/2025/10/23/JNEUROSCI.0786-25.2025

Verringerung der Herzbelastung und des oxidativen Stresses Rhythmusstörungen

OXIDATIVER STRESS SCHALTET KREATINKINASE AN WICHTIGEN STELLEN AUS, SODASS DAS HERZ AUS DEM ENERGIEGLEICHGEWICHT KOMMT

Forschende aus dem Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz zeigen in einer internationalen, multizentrischen Studie im Journal Circulation, warum der Energietransport bei der Hypertrophen Kardiomyopathie (HCM) versagen kann und wie sich durch eine Verringerung der Herzbelastung und des oxidativen Stresses Rhythmusstörungen reduzieren lassen.

Die hypertrophe Kardiomyopathie (HCM) ist die häufigste erblich bedingte Herzerkrankung. Sie führt dazu, dass sich die linke Herzkammer verdickt, der Herzmuskel zu stark kontrahiert und übermäßig hart arbeitet. Diese zusätzliche Belastung strapaziert das Energiesystem der Zellen, die Mitochondrien, und kann das Risiko für gefährliche Herzrhythmusstörungen erhöhen. Eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen Energieverbrauch und -produktion (Energiehomöostase) spielt die Kreatinkinase. Das Enzym hilft dem Herzen, Energie schnell zu recyceln, sodass jeder Herzschlag die benötigte Energie erhält. 

Welche Rolle die Kreatinkinase bei der HCM spielt, untersuchten Mitarbeiter des Departments Translationale Forschung am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) gemeinsam mit nationalen und internationalen Kooperationspartnern. Die Erkenntnisse wurden im Journal Circulation veröffentlicht.

Starke Herzkontraktionen erhöhen Wasserstoffperoxid in Mitochondrien – Kreatinkinase wird ausgeschaltet

„Wir stellten fest, dass eine Überlastung des Herzmuskels dazu führt, dass die Mitochondrien mehr Wasserstoffperoxid produzieren. Dieses reaktive Sauerstoffmolekül kommt in kleinen Mengen normalerweise als Nebenprodukt vor, zu viel davon jedoch kann die Zellen über längere Zeit stressen oder schädigen. 

Bei der HCM schaltet der sogenannte oxidative Stress die Kreatinkinase an zwei wichtigen Stellen aus: an den Filamenten, wo die Muskelkraft entsteht, und an den Mitochondrien, wo Energie produziert wird“, erläutert Anton Xu, Doktorand am DZHI und Erstautor der Studie. „Das heißt: Wenn die Kreatinkinase ausgeschaltet ist, kann das Herz die Energie nicht dort konstant halten, wo sie am meisten benötigt wird. Das erhöht das Risiko von Herzrhythmusstörungen und verursacht zusätzlichen Stress.“

Mit Myosinhemmern die Kontraktionen verringern und so die Kreatinkinase schützen und Herzrhythmusprobleme reduzieren

Das Team konnte diese Veränderungen in Herzbiopsien von Menschen mit HCM beobachten und sowohl die Ursache als auch die positive Wirkung eines Myosinhemmers in mehreren Labormodellen bestätigen. Myosinhemmer reduzieren die Wechselwirkung zwischen den Eiweißstoffen Aktin und Myosin, was zu einer entspannteren Herzmuskulatur führt.

 „In unseren Untersuchungen konnten wir zudem zeigen, dass sich unter der Wirkung des Myosinhemmers der Wasserstoffperoxidspiegel senkte, die Kreatinkinase-Funktion erhalten blieb und sich abnormale Herzrhythmen verringerten“, berichtet Dr. Vasco Sequeira, Letztautor der Studie. „Unsere Ergebnisse deuten also darauf hin, dass Behandlungen, die die Arbeitsbelastung des Herzens reduzieren und oxidativen Stress begrenzen, dazu beitragen können, das Energiegleichgewicht wiederherzustellen und die Behandlungsergebnisse bei HCM zu verbessern.“

Myosinmotoren des Herzens während jedes Herzschlags in Echtzeit beobachten

Im nächsten Schritt fokussiert sich das Team auf eine fortgeschrittene Form der Kardiomyopathie: die hypertrophe, obstruktive Kardiomyopathie (HOCM). 

Bei dieser Erkrankung verursacht eine Verengung im Ausflusstrakt der linken Herzkammer einen zusätzlichen Widerstand für das aus dem Herzen fließende Blut. 

Dadurch muss das Herz bei jedem Schlag noch stärker arbeiten. 

Zusammen mit Partnern am National Cerebral and Cardiovascular Center in Osaka wollen die Forschenden aus Würzburg realistische Tiermodelle entwickeln. Mithilfe eines speziellen hochauflösenden Röntgensystems können sie dann am japanischen Synchrotron Radiation Research Institute Spring 8 in Harima die winzigen Myosinmotoren des Herzens, also die molekularen Maschinen für die Kontraktion, während jedes Herzschlags in Echtzeit beobachten.

„Dies gibt uns einen beispiellosen Einblick in die Arbeit des Herzens, Schlag für Schlag, und ermöglicht es uns, zu untersuchen, wie gut die kleinsten Blutgefäße den Herzmuskel mit Blut versorgen und wie effizient diese Zellen Energie produzieren und transportieren“, erzählt Vasco Sequeira begeistert.

Messwerte entwickeln, um Patienten zu identifizieren, die von der Behandlung profitieren

Um die Realität besser abzubilden, wird das Team auch metabolischen Stress untersuchen, beispielsweise die negativen Auswirkungen einer fettreichen Ernährung. Im Anschluss soll ebenfalls geprüft werden, ob die Verringerung der obstruktionsbedingten Belastung des Herzmuskels durch Myosinhemmer den Energietransport des Herzens wiederherstellt, die Energieversorgung stabilisiert und das Risiko von Herzrhythmusstörungen reduziert.

„Unser Ziel ist es, einfache Messwerte zu entwickeln, die Ärztinnen und Ärzten dabei helfen, diejenigen Patienten und Patientinnen mit HOCM zu identifizieren, die am ehesten von diesen entlastenden Behandlungen profitieren“, resümiert Prof. Dr. Christoph Maack, Leiter der Translationalen Forschung und Sprecher des DZHI.

Multizentrische Zusammenarbeit und Förderungen

Neben dem Universitätsklinikum Würzburg (UKW) waren folgende Institutionen beteiligt: National Cerebral and Cardiovascular Center (Japan), Monash University und Victor Chang Cardiac Research Institute (Australien), Erasmus MC und Amsterdam UMC (Niederlande), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf/DZHK, University of Glasgow (UK) und University of Porto (Portugal) sowie Kooperationspartner in den USA wie die Mississippi State University und die Vanderbilt University.

Die Arbeit wurde durch nationale und internationale Einrichtungen unterstützt, darunter die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) und die Japan Society for the Promotion of Science (JSPS). Bristol Myers Squibb leistete Unterstützung im Zusammenhang mit dem in einigen Experimenten verwendeten Myosin-Inhibitor.

Abbildung: Wie das „Energie-Shuttle“ des Herzens aufgebaut ist.
Die Abbildung zeigt die 3D-Struktur der mitochondrialen Kreatinkinase (Mt-CK; Proteinstruktur-Code 4Z9M). Ein oktameres Enzym, das den Energiefluss und -puffer in Herzmuskelzellen ermöglicht und den stetigen Herzschlag erhält. Die einzelnen Bausteine des Enzyms (Monomere) sind in unterschiedlichen Farben dargestellt. Die dunkelblauen Punkte markieren die Bindungsstellen für energietragende Moleküle (ATP, ADP) und Kreatin/Phosphokreatin (Cr/PCr). Die roten Markierungen heben drei einzelne Cystein-Stellen (Cys63, Cys67 und Cys90) hervor, die bei Patienten mit hypertropher Kardiomyopathie oxidiert vorgefunden wurden. In der vergrößerten Ansicht liegen diese Cysteine etwa 6,5–14,8 Å (ca. 0,7–1,5 nm) voneinander entfernt, was zu weit ist, um stabilisierende (Disulfid-)Brücken zu bilden. Das könnte darauf hindeuten, dass Oxidation in HCM Patienten die Mt-CK Proteinstruktur auf eine Weise beeinträchtigt, die beispielsweise die Anlagerung des Enzyms an Membranlipide schwächt.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Vasco Sequeira, sequeira_v@ukw.de

Originalpublikation:
Anton Xu, David Weissman, Katharina J. Ermer, Edoardo Bertero, Jan M. Federspiel, Felix Stadler, Elisa Grünler, Melina Tangos, Sevasti Zervou, Mark T. Waddingham, James T. Pearson, Jan-Christian Reil, Smita Scholtz, Jan Dudek, Michael Kohlhaas, Alexander G. Nickel, Lucie Carrier, Thomas Eschenhagen, Michelle Michels, Cris Dos Remedios, Sean Lal, Leticia Prates Roma, Nazha Hamdani, Diederik Kuster, Inês Falcão-Pires, Christopher N. Johnson, Craig A. Lygate, Jolanda van der Velden, Christoph Maack, Vasco Sequeira. Hypercontractility and Oxidative Stress Drive Creatine Kinase Dysfunction in Hypertrophic Cardiomyopathy, Circulation (American Heart Associationi), October 2025, https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.125.074120