Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Erstes Medikament gegen Hepatitis D von der Europäischen Kommission zugelassen
Hepcludex von der Europäischen Kommission zur Behandlung von
chronischen Hepatitis D-Infektionen zugelassen / Erfolgreiche
Translation von der Grundlagenforschung zur Anwendung /
Virusblocker
zeigt auch gegen Hepatitis B Wirkung
Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: Virushepatiden
Prof. Dr. Stephan Urban (li.) und Prof. Dr. Ralf Bartenschlager von
der Abteilung für Molekulare Virologie des Zentrums für Infektiologie am
UKHD Universitätsklinikum Heidelberg
Was vor rund 25 Jahren als Grundlagenforschung begann, führte nun zur
erfolgreichen Zulassung eines Medikaments: Der von Forschenden des
Universitätsklinikums (UKHD) und der Medizinischen Fakultät Heidelberg
gemeinsam mit dem DZIF und weiteren Partnern entwickelte Virusblocker
Bulevirtide (Handelsname Hepcludex, ehemals Myrcludex B) wurde jetzt von
der Europäischen Kommission zugelassen.
Hepcludex ist der erste
Vertreter der sogenannten „Entry Inhibitoren“ für
Hepatitis D und
hindert
Hepatitis D- und auch B-Viren (HDV und HBV) am Eindringen in die
Zellen.
- Für rund 25 Millionen Hepatitis-D-Infizierte weltweit bedeutet
die Entwicklung des Wirkstoffs neue Hoffnung, denn bislang gab es kein
zugelassenes Medikament gegen diese Infektionserkrankung.
Hepatitis-D-Infektionen gelten als besonders schwere Form der
Virushepatitis, denn sie treten nur gemeinsam mit HBV-Infektionen auf
und können noch schneller zu einer Leberzirrhose und zu Leberkrebs
führen, als es bei einer alleinigen HBV-Infektion der Fall ist.
- Für
viele Patienten war daher bislang eine Transplantation die einzige
Überlebenschance.
„Wir freuen uns sehr über diesen Erfolg, der auf jahrzehntelanger
virologischer Forschung in Heidelberg basiert“, sagt Prof. Dr.
Hans-Georg Kräusslich, Zentrumssprecher des Zentrums für Infektiologie
am UKHD und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für
Infektionsforschung (DZIF). „Die Entwicklung des Wirkstoffs erfolgte in
enger Zusammenarbeit von Wissenschaft, öffentlicher Förderung und einem
Biotech-Unternehmen und ist damit ein Musterbeispiel für eine
erfolgreiche Translation vom Labor in die klinische Anwendung.“
Wie ein „abgebrochener Schlüssel“ Leberzellen schützt
Das Wirkprinzip von Hepcludex funktioniert nach dem
Schlüssel-Schloss-Prinzip:
Hepatitis B- und D-Viren vermehren sich
ausschließlich in der Leber, denn nur auf den Leberzellen befindet sich
der Gallensalztransporter NTCP, welchen sie als „Schloss“
(Virusrezeptor) nutzen, um in die Zellen zu gelangen.
Hepcludex
blockiert wie ein abgebrochener Schlüssel dieses Schloss. Doch warum
wirkt Hepcludex, wenn eine Infektion schon passiert und das Virus
bereits in den Zellen ist? „
Das Virus muss, um langfristig überleben zu
können, kontinuierlich gesunde Leberzellen befallen, weil die erkrankten
entweder absterben oder vom Immunsystem eliminiert werden“, sagt Prof.
Dr. Stephan Urban, der gemeinsam mit seinem Team Hepcludex in 25jähriger
Forschungsarbeit entwickelte und seit 2014 mit einer DZIF-Professur die
Medikamentenentwicklung in den Fokus nahm.
„In der infizierten Leber
teilen sich die Leberzellen offensichtlich sehr rasch. Das Medikament
schützt dann die neuen, jungen Leberzellen vor einer Infektion, während
die infizierten Zellen eliminiert werden“, so Stephan Urban. In mehreren
klinischen Phase I- und Phase II- Studien konnte gezeigt werden,
dass
der Wirkstoff von Menschen gut vertragen wird und effizient die
Vermehrung von Hepatitis B und D hemmt. Aktuell wird eine Phase
III-Studie durchgeführt, die unter anderem die Langzeitwirkung von
Hepcludex untersucht. Gefördert wurden die Arbeiten initial vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 2,4 Millionen für
die präklinische Entwicklung (Programm für „Innovative
Therapieverfahren“). In der Folge stieg das 2012 gegründete Deutsche
Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) ein und finanziert seit 2014
unter anderem die Professur von Stephan Urban an der Medizinischen
Fakultät Heidelberg.
Rezeptor gesucht – Medikament entdeckt!
Als der Molekularbiologe Stephan Urban in einem kleinen Labor mit seiner
Forschung begann, lag eine Wirkstoffentwicklung gegen Hepatitis D in
weiter Ferne – ihn interessierte zunächst ein anderes Virus: Urban
suchte nach der Eintrittspforte für Hepatitis B-Viren in die Leberzellen
– eine Suche, an der sich weltweit viele Forschende beteiligten und die
er aufgrund der weiten Verbreitung von Hepatitis B als „Heiligen Gral
der Hepatitisforschung“ bezeichnet. Mühevolle Kleinarbeit begann:
Zunächst musste ein Weg gefunden werden, das Virus in Zellkulturen zu
züchten, um seine Vermehrung zu studieren. Im nächsten Schritt musste
aus einer großen Zahl von Kandidaten der richtige Rezeptor entdeckt
werden. „Wir haben Teile der Sequenz der Virushülle als Proteinfragment
im Labor hergestellt, dann auf nicht infizierte Leberzellen gegeben und
geschaut, ob wir verhindern können, dass das Virus eindringt“, so Urban.
Schließlich gelang die Entdeckung:
Das Virus nutzt den NTCP-Rezeptor
(NTCP: Natrium-taurocholate cotransporting polypeptide), einen
Gallensalztransporter, um wie ein blinder Passagier in die Zelle zu
gelangen. Blockiert man den Transporter mit dem synthetisch
hergestellten Proteinfragment, welches einen Teil der natürlichen
Virushülle nachbildet, dann können Virionen – infektiöse Virusteilchen
außerhalb der Wirtszelle – nicht mehr in die Zelle eindringen. Dabei
reicht es, wenn einige der Rezeptoren blockiert werden, um die Virionen
zu stoppen. „Unsere klinischen Studien zeigten, dass Hepcludex in sehr
geringer Konzentration wirksam ist, sodass der Gallensalztransporter
weiterhin seinen Aufgaben in der Zelle nachgehen kann“, fasst Urban
zusammen.
-
Ohne HBV-Infektion keine Hepatitis D, denn das D-Virus ist nicht in der
Lage, eine eigene Virushülle herzustellen.
Stattdessen benutzt es wie
ein Parasit des Parasiten Bestandteile des B-Virus, um in die
Leberzellen einzudringen.
Während es gegen HBV bereits wirksame, aber
nicht heilende Therapien gibt, hatte Urbans Team mit dem künstlich
hergestellten, kleinen Proteinfragment das weltweit erste Medikament
gegen Hepatitis D in der Hand. In der Folge erhielt Hepcludex das
„PRIME“-Siegel der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA). PRIME steht
für „Priority Medicines“ und ist ein Programm, mit dem die EMA die
Entwicklung von besonders benötigten Medikamenten verstärkt fördert. Am
28. Mai 2020 wurde Hepcludex von der EMA zur Zulassung empfohlen und nun
von der Europäischen Kommission zur Verschreibung in Europa zugelassen.
Hepatitisforschung – ein Heidelberger Schwerpunkt
Mit der Zulassung von Hepcludex gegen Hepatitis D setzt sich eine
Heidelberger Erfolgsgeschichte fort, denn vor wenigen Jahren gelang aus
demselben Institut heraus ein entscheidender Beitrag zur Entwicklung von
Medikamenten gegen Hepatitis C: Prof. Dr. Ralf Bartenschlager, Direktor
der Abteilung für Molekulare Virologie am Zentrum für Infektiologie des
UKHD, erarbeitete mit Entdeckungen zu den molekularen Eigenschaften
und zum
Vermehrungszyklus des Hepatitis C-Virus Angriffsflächen für die
Entwicklung von antiviralen Medikamenten. Die Forschung von Stephan
Urban begleitet und unterstützt er seit vielen Jahren: „Weltweit ist die
virale Hepatitis in ihren verschiedenen Formen ein enormes
gesundheitspolitisches Problem“, so Bartenschlager. Er gratuliert dem
Team um Stephan Urban zum Erfolg, findet aber auch nachdenkliche Worte
zur Forschungsförderung in Deutschland. „Ich würde mir eine
konsequentere und langfristige Förderung des Übergangs von der
Grundlagenforschung in die Anwendung durch die öffentliche Hand
wünschen, damit vielversprechende Projekte in Zukunft nicht mehr an der
Suche nach Geldgebern scheitern.“ Positive Beispiele sind aus seiner
Sicht das DZIF, das eigens zum Zweck der Translation anti-infektiöser
Wirkstoffe in die klinische Anwendung gegründet wurde, sowie der von ihm
geleitete transregionale Sonderforschungsbereich SFB 179 „
Ursachen der
Ausheilung bzw. Chronifizierung von Infektionen mit Hepatitisviren“ an
der Medizinischen Fakultät Heidelberg. Dieser SFB wird nun in einer
zweiten Förderperiode von der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
erneut mit rund 13 Millionen Euro gefördert und stärkt damit Heidelberg
als Standort der Hepatitisforschung.
Vom Labor in die Klinik
In Deutschland gibt es vergleichsweise wenige Betroffene einer Hepatitis
D-Infektion – was auch daran liegt, dass in Deutschland viele Menschen
gegen Hepatitis B-Infektionen geimpft und damit auch vor Hepatitis D
geschützt sind.
„Das Robert-Koch-Institut geht von 240.000 chronisch
HBV-Infizierten in Deutschland aus. Wir rechnen mit einem Anteil von
rund 2,5 Prozent HDV-Co-Infizierten in Deutschland, was rund 6000
Betroffenen entspricht“, so Stephan Urban.
„Genaue Zahlen gibt es jedoch
nicht,
denn viele HBV-Infizierte werden nicht zusätzlich auf Hepatitis D
getestet.“ Prof. Dr. Uta Merle, Komm. Ärztliche Direktorin der Klinik
für Gastroenterologie, Infektionen, Vergiftungen am UKHD, hat im Rahmen
der klinischen Studien einige Hepatitis-D-Patienten behandelt und
unterstreicht die Bedeutung des neuen Wirkstoffs:
„Eine chronische
Infektion mit dem Hepatitis-D-Virus gilt als besonders aggressiv und
schwierig zu therapieren. Patienten mit einer chronischen Hepatitis D
entwickeln oft innerhalb von fünf bis zehn Jahren einen Leberumbau bis
hin zur Leberzirrhose. So einen schweren Verlauf sieht man bei 70 bis 90
Prozent der HDV-Infektionen und auch bei jungen Menschen.
- Im Stadium
der Leberzirrhose mit ihren Komplikationen bleibt dann nur noch die
Lebertransplantation als einzige Therapieoption“, fasst sie zusammen.
- Insbesondere in Afrika, in Südamerika, in der Mongolei, in Russland und
in Osteuropa ist diese schwerste Form der Hepatitis weit verbreitet –
weil Testmöglichkeiten fehlen, wissen auch hier viele Infizierte häufig
nichts von ihrer Erkrankung.
In Russland und den ehemaligen Staaten der
Sowjetunion ist das Medikament deshalb unter dem Handelsnamen Myrcludex
bereits Ende 2019 zugelassen worden.
Die Lizenz für die Herstellung und den Vertrieb von Hepcludex wurde von
der Medizinischen Fakultät Heidelberg und der staatlichen französischen
Forschungseinrichtung INSERM (Institut national de la santé et de la
recherche médicale) an die unabhängige Biotechnologiefirma MYR
Pharmaceuticals vergeben.
Die französische Beteiligung ergibt sich aus
einer frühen Kollaboration von Urban mit Forschenden des INSERM, auf
Basis dieser Zusammenarbeit entstand das Grundpatent für die weitere
Entwicklung von Hepcludex auf dem Heidelberger Campus. Mögliche
Lizenzerträge kommen den federführenden Institutionen (Universität
Heidelberg, INSERM, DZIF) sowie dem Entwickler Stephan Urban und anderen
am Klinikum beteiligten Erfindern sowie der Abteilung Molekulare
Virologie zugute.
Da auch Hepatitis-B-Viren den Gallensalzrezeptor NTCP für den
Zelleintritt verwenden, wirkt Hepcludex auch als
Hepatitis-B-Therapeutikum. Inzwischen wurde der Wirkstoff auch schon in
Kombination mit dem für HBV zugelassenen Immunmodulator Interferon alpha
(IFN) getestet – mit großem Erfolg. „
Nach 48 Wochen Behandlung war die
Viruslast stark reduziert und bei einem Teil der Patienten waren alle
Virusmarker nachhaltig verschwunden“, so Stephan Urban. Da es jedoch
bereits etablierte Therapien gegen Hepatitis B gibt, sind die
Voraussetzungen für eine beschleunigte Zulassung nicht gegeben und
Hepcludex kann zunächst nur bei Patienten eingesetzt werden, die von
einer doppelten Infektion besonders schwer betroffen sind. „Es wird in
naher Zukunft sehr interessant sein zu prüfen, ob die Kombination von
Hepcludex mit einem Immunmodulator auch bei HBV-Patienten ohne
HDV-Co-Infektion zu einem kurativen Therapieverlauf führen kann“, blickt
Stephan Urban in die Zukunft.
Über das Universitätsklinikum und die Medizinische Fakultät Heidelberg
Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der bedeutendsten
medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät
Heidelberg der Universität Heidelberg zählt zu den international
renommierten biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa.
Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung innovativer Diagnostik und
Therapien sowie ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und
Fakultät beschäftigen rund 13.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und
engagieren sich in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50
klinischen Fachabteilungen mit fast 2.000 Betten werden jährlich circa
80.000 Patienten voll- und teilstationär und mehr als 1.000.000 mal
Patienten ambulant behandelt. Gemeinsam mit dem Deutschen
Krebsforschungszentrum und der Deutschen Krebshilfe hat das
Universitätsklinikum Heidelberg das Nationale Centrum für
Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg etabliert, das führende onkologische
Spitzenzentrum in Deutschland. Das Heidelberger Curriculum Medicinale
(HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in
Deutschland. Derzeit befinden sich an der Medizinischen Fakultät
Heidelberg rund 3.500 angehende Ärztinnen und Ärzte in Studium und
Promotion. www.klinikum-heidelberg.de
Über das DZIF
Im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) entwickeln
bundesweit mehr als 500 Wissenschaftler aus 35 Institutionen gemeinsam
neue Ansätze zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von
Infektionskrankheiten. Das DZIF ist eines von sechs Deutschen Zentren
der Gesundheitsforschung (DZG), die vom Bundesministerium für Bildung
und Forschung zur Bekämpfung der wichtigsten Volkskrankheiten ins Leben
gerufen wurden. www.dzif.de.
Originalpublikation:
H. Wedemeyer et al. (2019),
Final results of a multicenter, open-label phase 2 clinical trial
(MYR203) to assess safety and efficacy of myrcludex B in with
PEG-interferon Alpha 2a in patients with chronic HBV/HDV co-infection. J
Hepatol 2019;70:e81. doi: 10.1016/S0618-8278(19)30141-0
P. Bogomolov et al. (2016), Treatment of chronic hepatitis D with the
entry inhibitor myrcludex B: First results of a phase Ib/IIa study . J
Hepatol, 265(3):490-8. doi: 10.1016/j.jhep.2016.04.016
F. A. Lempp, S. Urban (2017), Hepatitis Delta Virus: Replication
Strategy and Upcoming Therapeutic Options for a Neglected Human
Pathogen. Viruses, 9(7):172. doi: 10.3390/v9070172
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http://www.myr-pharma.com/ Homepage der MYR Pharmaceuticals
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