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Thank-God-It‘s-Friday versus Montagsblues

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Woher kommt der Montagsblues? - Studie der Universität Leipzig zu gefühlt schwierigstem Arbeitstag der Woche

Der Montagsblues: 

Die meisten Menschen kennen das mulmige Gefühl zu Beginn der neuen Arbeitswoche. 

Es bindet bei Erwerbstätigen erstaunlich viel Energie und zehrt oft das Erholungspolster vom Wochenende schnell auf. 

Doch warum empfinden wir gerade den Montag oft als schwierigsten Tag der Arbeitswoche? – 

Der Arbeitspsychologe Dr. Oliver Weigelt und sein Team vom Institut für Psychologie – Wilhelm Wundt der Universität Leipzig haben sich in einer Studie mit dieser Thematik befasst und ihre Forschungsergebnisse im „Journal of Organizational Behavior“ veröffentlicht. 

Forschende der Universität Leipzig gingen den Ursachen des Montagsblues' auf die Spur. Forschende der Universität Leipzig gingen den Ursachen des Montagsblues' auf die Spur. Foto: Colourbox

Im Rahmen einer Tagebuchstudie haben sie 87 Personen an zwei Wochenenden und in der dazwischenliegende Arbeitswoche morgens, mittags und nachmittags zu ihrem momentanen Erleben von Vitalität und Erschöpfung befragt. 

Außerdem wurden die Teilnehmenden morgens nach ihren Erholungserfahrungen am Vortag, nach ihrer Schlafqualität in der zurückliegenden Nacht und an Arbeitstagen zu ihren Erwartungen an den bevorstehenden Arbeitstag befragt. 

Am Ende von Arbeitstagen wurde zudem erfasst, wie sehr sich Personen an diesem Tag bei der Arbeit angestrengt hatten.

Entgegen der Empfindung des „Montagsblues“ fanden die Forschenden heraus, dass das Wohlbefinden montags nicht geringer ist als dienstags, mittwochs und donnerstags. 

„Der Kontrast zwischen Sonntag und Montag führt aber unter Umständen dazu, dass der erste Tag der Arbeitswoche als schlimmster Tag in der Woche wahrgenommen wird. 

Entgegen den Erwartungen fanden wir keine Belege dafür, dass Erschöpfung im Verlauf einer Arbeitswoche ansteigt“, sagt Weigelt. 

Vitalität und Erschöpfung entwickelten sich unabhängig von den beruflichen Anstrengungen, die Personen aufbringen.

Vorfreude auf neue Arbeitsaufgaben hilft gegen Montagsblues

Positive Erwartungen an den ersten Arbeitstag der Woche – also Vorfreude auf die bevorstehenden Aufgaben, helfen aber, möglichst viel von dem Schwung des Wochenendes mit in die neue Arbeitswoche zu nehmen und damit weniger Montagsblues zu erleben.  

  • Die Vitalität von erwerbstätigen Personen folgt einem Auf und Ab im Verlauf der Sieben-Tage-Woche. 

„Insbesondere am Übergang zwischen Wochenende und Arbeitswoche zeigen sich starke Veränderungen“, erklärt der Arbeitspsychologe weiter. 

Zum einen steige die Vitalität schon vor dem eigentlichen Beginn des Wochenendes im Sinne eines „Thank-God-It‘s-Friday“-Effekts. 

  • Dieser und die günstige Wirkung von Vorfreude zu Beginn der Arbeitswoche könnten negative Effekte der Arbeit ausgleichen.


Weigelt und sein Team fanden auch heraus, dass sich die Probandinnen und Probanden besser fühlten, wenn sie im Vergleich zur Arbeitswoche am Wochenende besser schlafen konnten. 

  • Umgekehrt zeigte sich bei ihnen ein Verlust im Wohlbefinden durch schlechtere Schlafqualität in der Nacht von Sonntag zu Montag. 

Aus Perspektive der Erholungsforschung sollten wir uns am Ende eines Wochenendes besser fühlen als vorher, weil die arbeitsfreie Zeit Gelegenheit bietet, den persönlichen Akku wiederaufzuladen. 

Dieser Überlegung widerspricht die empirische Forschung zum so genannten Montagsblues, die nahelegt, dass wir uns nach dem Wochenende schlechter fühlen als vorher.

 „Ziel unserer Studie war es, beide Perspektiven miteinander zu verbinden und besser zu verstehen, wann und wie sich das Wohlbefinden gemessen an Vitalität und Erschöpfung im Verlauf der Sieben-Tage-Woche verändert und wovon diese Veränderungen genau abhängen“, so Weigelt. 

Die Forschenden gingen davon aus, dass sich das Wohlbefinden im Verlauf des Wochenendes zwar kontinuierlich verbessert, aber beim Übergang vom Wochenende zurück zur Arbeitswoche mindestens einen Teil dieses aufgebauten Polsters wieder verbraucht ist, etwa weil Erwerbstätige ihren Tagesrhythmus umstellen müssen. 

Sie untersuchten außerdem vergleichend mögliche Ursachen für die Verbesserung des Wohlbefindens. 

Neben stark beforschten Erholungserfahrungen wie dem Abschalten von der Arbeit, der Entspannung, der Autonomie und dem Bewältigen von Herausforderungen analysierten sie insbesondere Veränderungen in der Schlafqualität.

Originalpublikation im "Journal of Organizational Behavior":

"Continuity in transition: Combining recovery and day-of-week perspectives to understand changes in employee energy across the 7-day week", doi.org/10.1002/job.2514

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Prof. Dr. Albert Newen: Episodischen Gedächtnissystem - Das narrative Selbstbild

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wie Menschen ihre eigenen Erinnerungen manipulieren

  • Menschen erinnern sich an vergangene Erlebnisse mithilfe des sogenannten episodischen Gedächtnissystems. 

Dabei können sie ihre Erinnerungen auf drei Ebenen manipulieren, beschreiben Dr. Roy Dings und Prof. Dr. Albert Newen vom Institut für Philosophie II der Ruhr-Universität Bochum in einer theoretischen Arbeit für die Zeitschrift „Review of Philosophy and Psychology“, online veröffentlicht am 13. August 2021. 

Die Forscher erklären, wie Menschen vergangene Erlebnisse ins Gedächtnis rufen und dabei verändern. 

„Erinnerungen an wichtige Ereignisse konstruieren wir oft so, wie sie uns in den Kram passen“, folgert Albert Newen. 

Prof. Dr. Albert Newen vom Institut für Philosophie II der Ruhr-Universität Bochum
Prof. Dr. Albert Newen vom Institut für Philosophie II der Ruhr-Universität Bochum RUB, Marquard 

Erwachsene erinnern sich vor allem an bedeutende Erlebnisse, die mit besonders positiven oder besonders negativen Gefühlen verknüpft waren, etwa einen besonderen Urlaubstag, die Führerscheinprüfung oder die Hochzeit. 

Die Erinnerung ist dabei kein fotografischer Ausschnitt der Vergangenheit, sondern ein Konstrukt, das zwar von der Wahrnehmung eines zurückliegenden Ereignisses gespeist ist; 

aber beim Einspeichern und vor allem beim Abruf der wahrgenommenen Situation setzen vielfältige Konstruktionsprozesse ein. 

„Mit Pippi Langstrumpfs Worten könnte man sagen:  

Ich mache mir die vergangene Welt, wie sie mir gefällt“, veranschaulicht Roy Dings.

Die Konstruktion des vergangenen Szenarios können Menschen auf drei Ebenen der Verarbeitung beeinflussen, was normalerweise automatisch und unbewusst geschieht. 

Die Quelle des Einflusses ist das narrative Selbstbild: „Wenn wir uns mit Freunden unterhalten, erzählen wir über uns selbst genau das, was uns wichtig ist“, sagt Roy Dings. 

  • „Diese Aspekte bezeichnen wir als das narrative Selbstbild.“


Das konstruktive Modell des Erinnerungsabrufs


Die Autoren, wie auch alle Mitglieder der in Bochum angesiedelten Forschungsgruppe „Constructing Scenarios of the Past“, gehen davon aus, dass eine Erinnerung dann entsteht, wenn durch einen Reiz eine Gedächtnisspur aktiviert wird: 

Die Hochzeitseinladungskarte an der Pinnwand aktiviert beispielsweise eine Gedächtnisspur von der Hochzeitstafel. 

Die Situation wird allerdings – gemäß Bochumer Modell zum episodischen Erinnern – dann noch angereichert durch allgemeines Hintergrundwissen, welches in dem semantischen Gedächtnis verfügbar ist. 

  • Mit der Zusammenfügung von Gedächtnisspur und Hintergrundwissen entsteht ein lebhaftes Erinnerungsbild, etwa von der Begrüßung durch die Braut, und schließlich erzählt man, wie man das Ereignis erlebt hat.


Drei Ebenen der Beeinflussung

Zum Prozess der Szenario-Konstruktion gehören der Reiz, der die Erinnerung auslöst, der eigentliche Verarbeitungsprozess und das Ergebnis, also das Erinnerungsbild und die damit verknüpfte Beschreibung. 

Alle drei Komponenten können Menschen beeinflussen. 

  • Sie neigen erstens dazu, den auslösenden Reiz für positive Erinnerungen gezielt zu suchen und für negative Erinnerungen zu vermeiden. 
  • Sie stellen zum Beispiel ein Hochzeitsfoto auf den Bürotisch, meiden aber Begegnungen mit Personen, mit denen unangenehme Erinnerungen verknüpft sind.
  • Zweitens kann das Selbstbild auch beeinflussen, welche Hintergrundinformationen herangezogen werden, um die sparsame Gedächtnisspur zu einer lebendigen Erinnerung anzureichern; das bestimmt erst das reiche Erinnerungsbild.


Drittens kann die Beschreibung, die mit einem Erinnerungsbild verknüpft wird, sehr konkret oder eher abstrakt sein. 

Das Erinnerungsbild kann konkret entweder als der Beginn der Ansprache durch die Braut oder abstrakter als der Anfang des Zusammenwachsens zweier Familien beschrieben werden. 

Je abstrakter die verknüpfte Beschreibung, desto eher erinnert sich ein Mensch an das Erlebte aus einer Beobachterperspektive, also als Objekt in der Szene, und desto weniger intensive Gefühle sind damit verbunden. 

Die vom Selbstbild gewählte Beschreibungsebene beeinflusst das Erinnerungsbild und wie es erlebt wird – und zwar insbesondere, in welcher Form es dann weiter festgehalten wird.

  • „Wir formen unsere Erinnerungen also im Prinzip so, dass wir unser positives Selbst schützen und die Herausforderungen durch negative Erinnerungen, die nicht zu unserem Selbstbild passen, gerne abmildern“, resümiert Albert Newen.
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Prof. Dr. Albert Newen
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Originalpublikation:

Roy Dings, Albert Newen: Constructing the past: The relevance of the narrative self in modulating episodic memory, in: Review of Philosophy and Psychology, 2021, DOI: 10.1007/s13164-021-00581-2


Prof. Dr. Lena Ansmann: Tumorkonferenzen - interdisziplinären Sitzungen ohne den Erkrankten....?

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Sollten Erkrankte an Tumorkonferenzen teilnehmen?

Neue Studie liefert Daten, um Vor- und Nachteile einer Beteiligung von Patientinnen besser bewerten zu können.

  • Die beste Behandlung für Betroffene mit komplexen Krebserkrankungen zu finden – darauf zielen Tumorkonferenzen ab. 
  • Ärztinnen und Ärzte aus Onkologie, Radiologie, Chirurgie, Pathologie und weiteren Fachdisziplinen sprechen in diesen interdisziplinären Sitzungen über die Erkrankung – aber selten mit den Erkrankten. 

Bisher bieten in Deutschland nur einzelne Brust- und Gynäkologische Zentren ihren Patientinnen die Möglichkeit, an Tumorkonferenzen teilzunehmen. 

Ein Team der Universität Oldenburg sowie der Universitätskliniken Bonn und Köln hat in der PINTU-Studie – gefördert von der Deutschen Krebshilfe e.V. – nun untersucht, ob Krebspatientinnen von einer solchen Teilnahme profitieren. 

Eins der Ergebnisse: 

Die meisten Befragten empfanden eine Teilnahme als positiv, schreibt das Team im Fachmagazin Cancer Medicine. 

  • Die Erkenntnisse sollen helfen, Empfehlungen für Kliniken zu entwickeln, die Betroffene in Tumorkonferenzen einbinden möchten.


„Ob Patientinnen und Patienten wirklich davon profitieren, wenn sie bei den oft sehr fachlichen Diskussionen dabei sind, ist bisher umstritten – und leider wenig untersucht“, sagt die Oldenburger Versorgungsforscherin und Erstautorin der Studie, Prof. Dr. Lena Ansmann. 

  • Allerdings werde international verstärkt nach Möglichkeiten gesucht, Betroffene stärker an der Planung ihrer Therapie zu beteiligen. 

Ziel des Forschungsteams war daher, einen größeren Datensatz zusammenzutragen und zu analysieren. 

„Soweit wir wissen, ist unsere Studie eine der ersten größeren Untersuchungen zu diesem Thema“, sagt Co-Autorin Prof. Dr. Nicole Ernstmann, Expertin für Gesundheitskommunikation am Universitätsklinikum Bonn.

Der größte Teil aller Brustkrebspatientinnen in Deutschland wird derzeit an zertifizierten Krebszentren behandelt. 

Tumorkonferenzen sind hier vorgeschrieben, eine Beteiligung der Betroffenen allerdings nicht. 

„Aus vorangegangenen Studien wissen wir, dass etwa fünf bis sieben Prozent der Erkrankten schon einmal an einer Tumorkonferenz teilgenommen haben“, erläutert Ansmann.

 Doch welche Rolle Patientinnen in den Konferenzen einnehmen, wie die Konferenzen vonstattengehen und welche Erfahrungen die Beteiligten letztlich machen, war bislang unklar.

Um diese Wissenslücke zu verkleinern, befragten die Forschenden mit 87 Patientinnen mit Brustkrebs oder einem gynäkologischen Tumor vor und direkt nach ihrer Teilnahme an einer Tumorkonferenz sowie vier Wochen später. 

Zum Vergleich befragten sie 155 Erkrankte, die nicht an der sie betreffenden Tumorkonferenz teilnahmen. 

Außerdem beobachtete das Team insgesamt 317 Fallbesprechungen in Tumorkonferenzen – direkt sowie mit Hilfe von Video- und Tonaufzeichnungen. 

An 95 dieser Fallbesprechungen waren Betroffene beteiligt.

Dabei zeigt sich, dass die Tumorkonferenzen mit Beteiligung der Erkrankten sehr unterschiedlich abliefen.

Manche Kliniken ließen die Patientinnen an der gesamten Konferenz teilnehmen. 

Andere hielten die eigentliche Konferenz ohne die Erkrankten ab, ließen sie aber anschließend an einer kleineren Runde teilhaben, die etwa über Therapieempfehlungen informierte. 

Auch andere Bedingungen der Konferenzen variierten, etwa die Dauer oder die Sitzanordnung.


Aus den Befragungen ging hervor, dass die Erkrankten eine eher passive Rolle in den Konferenzen spielten. 

Beispielsweise berichteten nur 61 Prozent, an der Entscheidung zur Therapie beteiligt worden zu sein. 

Insgesamt nahmen die meisten Patientinnen die Konferenzen als eher positiv wahr, empfanden sie etwa als informativ und empfahlen die Teilnahme weiter. 

Einige Betroffene berichteten allerdings, dass die Konferenzen bei ihnen Angst und Verunsicherung ausgelöst haben – ein Umstand, den künftige Untersuchungen stärker in den Blick nehmen müssten, betont Ansmann.

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Prof. Dr. Lena Ansmann, Tel.: 0441/798-4165, E-Mail: lena.ansmann@uol.de
Prof. Dr. Nicole Ernstmann, Tel.: 0228/28715763, E-Mail: Nicole.Ernstmann@ukbonn.de

Dr. Corinna Dahm-Brey  Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Ammerländer Heerstr. 114-118
26129 Oldenburg
Deutschland
Niedersachsen

Telefon: 0441 / 798-2892
Fax: 0441 / 798-5545
E-Mail-Adresse: corinna.dahm@uni-oldenburg.de
Originalpublikation:

Lena Ansmann et al: „Patient participation in multidisciplinary tumor conferences: How is it implemented? What is the patients’ role? What are patients’ experiences?“, Cancer Medicine, DOI:10.1002/cam4.4213


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Prof. Dr. Alexey Ponomarenko: Kalium unentbehrlich für die Muskel- und Nervenzellen (Erregbarkeit)(+Alzheimer Demenz und kognitive Störungen)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Defekter Kaliumkanal sorgt für Chaos im Navigationssystem des Gehirns

Der Kaliumkanal KCNQ3 ist essentiell, damit unser Gehirn präzise räumliche Landkarten erzeugen kann. 

Ist der Kanal defekt, hat das messbare Auswirkungen auf das innere Navigationssystem von Mäusen. Die jetzt in Nature Communications publizierten Erkenntnisse eines Forscherteams unter Beteiligung des Leibniz-Forschungsinstituts für Molekulare Pharmakologie (FMP) in Berlin sind auch für die Alzheimer-Forschung relevant. 

Kcnq3-Immunofluoreszenz im Hippocampus, zeitliche (weise Signalspuren) und räumliche (Ortsfelder von Salven, links, und von einzelnen Aktionspotentialen, rechts) Feuerung einer Pyramidenzelle in einer Kcnq3-Knock-Out Maus.
Kcnq3-Immunofluoreszenz im Hippocampus, zeitliche (weise Signalspuren) und räumliche (Ortsfelder von Salven, links, und von einzelnen Aktionspotentialen, rechts) Feuerung einer Pyramidenzelle in einer Kcnq3-Knock-Out Maus.  Modified from Gao et al., 2021

Kalium ist unter anderem unentbehrlich für die Erregbarkeit der Muskel- und Nervenzellen. 

  • Verschiedene Ionenkanäle sorgen dafür, dass Kaliumionen über Zellmembranen fließen und dadurch elektrische Ströme erzeugen. 

Vor 20 Jahren konnte das Team von Prof. Thomas Jentsch vom Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) in Berlin die Gene für die Kaliumkanalfamilie KCNQ2-5 identifizieren und später zeigen, dass Mutationen an KCNQ2 und KCNQ3 erbliche bedingte Epilepsie beim Menschen verursachen können. 


Dank dieser wegweisenden Arbeiten konnten Pharmafirmen zielgenaue Antiepileptika entwickeln.

Nun haben ein Team von Molekularbiologen unter Federführung von Thomas Jentsch und ein Team von Neurophysiologen, geleitet von Alexey Ponomarenko (vormals FMP, heute Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) zusammen mit Kollegen der University of Connecticut und der Universität zu Köln Hinweise gefunden, dass KCNQ3 möglicherweise auch eine Rolle bei der Alzheimer Demenz und weiteren kognitiven Störungen spielen könnte.

  • Normalerweise werden bestimmte Kaliumströme vom Transmitter Acetylcholin gehemmt, was wichtig für die Erregbarkeit im Kortex und damit entscheidend für Gedächtnis und Aufmerksamkeit ist. 
  • Diese sogenannte cholinerge Neuromodulation geht bei Alzheimer-Patienten bekanntlich nach und nach verloren. 


In der vorliegenden Arbeit untersuchten die Forschenden die Rolle der KCNQ3-Kanäle speziell bei der Neuromodulation des Navigationssystems des Gehirns. Die sogenannten Ortsfelder ("place fields"), deren Entdeckung vor einigen Jahren mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, dienen dem Gehirn als innere Landkarte. „Wir fanden heraus, wie verschiedene Signale, die von Ortszellen unter der Kontrolle von KCNQ3-Kanälen erzeugt werden, mit den Gehirnrhythmen interagieren und so präzise räumliche Karten bilden“, beschreibt Alexey Ponomarenko ein zentrales Ergebnis der Studie.

Bei Knock-out-Mäusen mit defektem KCNQ3-Kanal, die von Thomas Jentsch’s Gruppe erzeugt wurden, zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Während bei gesunden Mäusen die Aktivitätsmuster der Ortszellen einer bestimmten räumlichen und zeitlichen Abfolge unterlagen, lief bei den Knock-Out-Mäusen die synaptische Übertragung von einzelnen oder mehreren Signalen gleichzeitig (Salven) mehr oder weniger chaotisch ab. „Salven haben normalerweise einen bestimmten Rhythmus, wann sie abgefeuert werden. Bei den Mutanten werden sie jedoch nicht mehr durch den Rhythmus kontrolliert, sondern zu völlig zufälligen Zeitpunkten bzw. Phasen des Rhythmus abgefeuert“, erklärt Ponomarenko. „Dadurch werden einzelne Aktionspotenziale unterdrückt und es kommt zu einem Ungleichgewicht zwischen verschiedenen Aktivitätsmustern in den Nervenzellen.“

15 Mikrometer dünne Silikon-Elektroden, die im Hippocampus der Nager implantiert worden waren, lieferten zusammen mit optogenetischen Untersuchungen die spannenden Einblicke ins Gehirn. Die amerikanischen Kollegen konnten darüber hinaus zeigen, dass der fehlende KCNQ3-Kanal zu einer starken Reduktion der Kaliumströme (hier M-Strom) in den Nervenzellen führte.
„Obwohl die bisher verfügbaren Daten für eine klinische Anwendung nicht ausreichen, lassen unsere Erkenntnisse vermuten, dass die KCNQ3-Kanäle ein potenzielles Ziel für die zukünftige Erforschung von Medikamenten gegen Alzheimer- und anderen Demenzen sein könnten“, betont Prof. Ponomarenko, „zumindest im frühen Stadium, wo die Ortszellen wahrscheinlich noch vorhanden sind, aber die cholinerge Neuromodulation schon nachgelassen hat.“
Weitere Untersuchungen sollen nun folgen, um die Rolle von KCNQ3 im Gehirn noch besser zu verstehen.

Kcnq3-Immunofluoreszenz im Hippocampus, zeitliche (weise Signalspuren) und räumliche (Ortsfelder von Salven, links, und von einzelnen Aktionspotentialen, rechts) Feuerung einer Pyramidenzelle in einer Kcnq3-Knock-Out Maus.

 Kcnq3-Immunofluoreszenz im Hippocampus, zeitliche (weise Signalspuren) und räumliche (Ortsfelder von Salven, links, und von einzelnen Aktionspotentialen, rechts) Feuerung einer Pyramidenzelle in einer Kcnq3-Knock-Out Maus. Modified from Gao et al., 2021

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Silke Oßwald Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP)

Robert-Rössle-Str. 10
13125 Berlin
Deutschland
Berlin

Telefon: 030 / 94793 - 104
Fax: 030 / 94793 - 109
E-Mail-Adresse: osswald@fmp-berlin.de

Prof. Dr. Alexey Ponomarenko
Institut für Physiologie und Pathophysiologie
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Tel.: +49 (0)9131 85 29 30 2
alexey.ponomarenko(at)fau.de
www.physiologie1.fau.de/Ponomarenko

Prof. Dr. Dr. Thomas Jentsch
Department Physiology and Pathology of Ion Transport
Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) und Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)
jentsch(at)fmp-berlin.de
Tel.: +49 (0) 30 94 06 29 61
www.leibniz-fmp.de/jentsch


Originalpublikation:

Xiaojie Gao, Franziska Bender, Heun Soh, Changwan Chen, Mahsa Altafi, Sebastian Schütze, Matthias Heidenreich, Maria Gorbati, Mihaela-Anca Corbu, Marta Carus-Cadavieco, Tatiana Korotkova, Anastasios Tzingounis, Thomas J Jentsch, Alexey Ponomarenko. Place fields of single spikes in hippocampus involve Kcnq3 channel-dependent entrainment of complex spike bursts. Nature Communications, DOI : 10.1038/s41467-021-24805-2


Prof. Gülşah Gabriel: Schwangere und die Grippeverläufe und respiratorische Viren (u.a. von SARS-CoV-2)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Influenza in der Schwangerschaft begünstigt erhöhte Infektanfälligkeit der Nachkommen

Die Abteilung „Virale Zoonosen - One Health“ am Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie (HPI) in Hamburg unter der Leitung von Prof. Gülşah Gabriel, Professorin an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo), hat mithilfe eines neuen Tiermodells untersucht, ob Nachkommen von Influenza A Virus-infizierten Müttern in ihrem späteren Leben anfälliger für andere Infektionen sind. 

Die Ergebnisse wurden nun im renommierten Journal „Nature Communications“ veröffentlicht.

  • Schwangere Frauen gehören zur größten Risikogruppe für schwere, teilweise tödliche Grippeverläufe.  

Ob eine durchgemachte Influenza in der Schwangerschaft auch die spätere Gesundheit der Nachkommen beeinflusst, war bislang unbekannt.

Die nun in „Nature Communications“ erschienene Studie zeigt mittels eines neuen Two-Hit-Mausmodells, dass eine moderate Influenza in der Schwangerschaft die Infektanfälligkeit der Nachkommen gegenüber anderen Viren sowie Bakterien besonders im frühen Leben erhöht.

Die hierfür zugrundeliegenden Mechanismen sind vielfältig. 

Dabei spielen vor allem drei Faktoren eine wichtige Rolle:

  • 1. Eine Influenzavirus-induzierte Immunaktivierung in der Lunge,
  • 2. ein niedriges Geburtsgewicht und
  • 3. eine funktionelle Beeinträchtigung der fetalen alveolaren Makrophagen, Infektionen zu erkennen und zu eliminieren.


Schlüsselmoleküle, welche zu diesem erhöhten Risiko der Nachkommen von Influenza-infizierten Müttern führen, wie z.B. inflammatorische Cytokine in der Lunge der Mutter, werden auch von anderen respiratorischen Viren induziert (u.a. von SARS-CoV-2). 

  • „Es gibt bereits mehrere unabhängige Hinweise aus humanen Studien, dass Kinder, deren Mütter eine Influenza in der Schwangerschaft hatten, in den ersten Lebensmonaten ein erhöhtes Infektionsrisiko besitzen. 

Bislang waren dies Assoziationsstudien. 

Die Befunde in dem neuen Tiermodell zeigen nun zum ersten Mal, dass es hier eine klare Kausalität zwischen der Virusinfektion in der Schwangerschaft und der erhöhten Vulnerabilität der Nachkommen gegenüber Infektionen gibt“, erläutert Prof. Gülşah Gabriel, Leiterin der HPI-Abteilung „Virale Zoonosen - One Health“ und Professorin an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, die Ergebnisse.

„Diese Studien zeigen wiederholt, dass schwangere Frauen einen besonderen Schutz in Epidemien und Pandemien brauchen, um sich selbst, aber auch die nächste Generation zu schützen“, unterstreicht Prof. Gülşah Gabriel die Bedeutung der in der Studie erlangten Erkenntnisse.

An der HPI/TiHo-geleiteten Studie waren zahlreiche wissenschaftliche Institutionen beteiligt, unter anderem das Imperial College London, das Helmholtz Zentrum München und das Forschungszentrum Borstel.

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Prof. Gülşah Gabriel
guelsah.gabriel@leibniz-hpi.de
Tel.: 040/48051-315

Dr. Franziska Ahnert  

Heinrich-Pette-Institut – Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie

Martinistraße 52
20251 Hamburg
Deutschland
Hamburg

Dr. Franziska Ahnert

Telefon: 040/48051108
Fax: 040/48051103
E-Mail-Adresse: presse@leibniz-hpi.de 
Originalpublikation:

https://doi.org/10.1038/s41467-021-25220-3


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Prof. Dr. Martin Witzenrath: Beginn einer Entzündlichen Lungenschädigung

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Lungenschäden bei COVID-19-Erkrankungen verstehen

Modell als Grundlage neuer therapeutischer Ansätze

Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin, des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) und der Freien Universität Berlin haben die zellulären Mechanismen zu Beginn einer entzündlichen Lungenschädigung, ausgelöst durch eine SARS-CoV-2-Infektion, im Detail untersucht. 

  • Verantwortlich für Schäden, die eine Beatmung notwendig machen, ist demnach nicht eine direkte Zerstörung der Lunge durch die Vermehrung des Virus. 

Vielmehr sind entzündliche Prozesse und das Endothel der Lunge maßgeblich an schweren Verläufen beteiligt, wie jetzt im Fachmagazin Nature Communications* beschrieben ist.


Bei COVID-19 ist die Immunantwort entscheidend für die Schwere der Erkrankung. 

Was aber genau in der Anfangsphase der Krankheit in Lunge und Blut geschieht, war bislang unklar. 

Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin, des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) und der Freien Universität Berlin haben nun die zellulären Mechanismen zu Beginn einer entzündlichen Lungenschädigung, ausgelöst durch eine SARS-CoV-2-Infektion, untersucht. 

Verantwortlich für Schäden, die eine Beatmung notwendig machen, ist demnach nicht eine direkte Zerstörung der Lunge durch die Vermehrung des Virus. Vielmehr sind entzündliche Prozesse und das Endothel der Lunge maßgeblich an schweren Verläufen beteiligt, wie die Forschenden jetzt im Fachmagazin Nature Communications* beschreiben.

Seit eineinhalb Jahren versuchen Forschende auf der ganzen Welt, die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte Erkrankung COVID-19 zu verstehen.  

Bis heute gibt es nahezu keine Medikamente zur Behandlung der Krankheit, die zu akutem Lungenversagen führen und neben der Lunge weitere Organe und Organsysteme schädigen kann. 

Eine der Hürden: 

  • COVID-19 wird unter anderem durch eine fehlgeleitete, mitunter überschießende Reaktion des körpereigenen Immunsystems verursacht. 

 Um therapeutische Angriffspunkte zu finden, ist es notwendig, im Detail zu verstehen, wie und wo genau welche nachteiligen Prozesse im Körper ausgelöst werden. Die patientenzentrierte Forschung stößt hierbei an Grenzen - vor allem wenn es darum geht, in der frühen Phase der Infektion Krankheitsmechanismen zu untersuchen. Biomaterial als Grundlage für Studien ist in der Regel erst nach Aufnahme in einem Krankenhaus zugänglich. Bei leichten oder mittelschweren Verläufen, verbunden mit einer Lungenentzündung, kann meist gar kein Gewebe aus der Lunge gewonnen werden – zu hoch wäre das Risiko für akut Erkrankte. Was bleibt, ist die Analyse von Zellgewebe nach dem Tod von COVID-19-Patientinnen oder -Patienten.

Anhand verfügbarer Patientenproben konnte das Team um Prof. Dr. Martin Witzenrath, Stellvertretender Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie der Charité, wertvolle Informationen über Mechanismen und Verlauf der Erkrankung gewinnen. Um darüber hinaus Lungenareale zu untersuchen, die sich bei Patientinnen und Patienten nicht ohne Weiteres betrachten lassen und Einblicke in die Frühphase der Erkrankung zu erhalten, war das Forschungsteam auf der Suche nach einem geeigneten Modell. In der internationalen COVID-19-Forschung wie auch bei der Erforschung des SARS-CoV-1 haben sich Hamstermodelle als aufschlussreich erwiesen. „Wir wollten wissen, ob die Modelle zur Entwicklung neuer Therapieansätze herangezogen werden können und haben versucht, Erkenntnisse aus Proben von Patientinnen und Patienten darin wiederzufinden. Das hat gut funktioniert“, sagt Prof. Witzenrath, Co-Letztautor der Studie. „Unser Interesse galt dabei insbesondere den Endothelzellen der Lunge, also der Barriere, die die Blutgefäße auskleidet. Diese verliert bei schwerem COVID-19 an Funktion, wodurch es schlussendlich zum Lungenversagen kommt.“

Gemeinsam mit Forschenden am Berliner Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB) des MDC, Virologen und Tiermedizinern der Freien Universität sowie Datenexperten des Berlin Institute of Health (BIH) in der Charité haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer aktuellen Arbeit eine genaue Charakterisierung der SARS-CoV-2-Infektion im Tiermodell vorgenommen und diese mit Datensätzen aus Proben von Patientinnen und Patienten untermauert. Die Analyse soll das derzeit wichtigste nicht transgene Modell für COVID-19, den Goldhamster, zur Entwicklung von Therapien nutzbar machen. Hamster infizieren sich mit denselben Virusvarianten wie Menschen. Auch entwickeln sie ähnliche Krankheitssymptome, und ihre Lunge wird bei einer schweren Erkrankung geschädigt. Dabei verläuft COVID-19 bei einzelnen Arten unterschiedlich. Während sie bei Goldhamstern in der Regel nur einen moderaten Verlauf nimmt, erkranken Roborovski-Zwerghamster schwer.

Woran das liegt und welche Prozesse sich in den Zellen der Lunge tatsächlich abspielen, haben unter anderem Einzelzellanalysen am BIMSB gezeigt. Die Forschenden lassen hierbei die einzelnen Zellen einer Probe über einen Chip laufen. Dort werden sie zusammen mit einem Barcode in kleine wässrige Tröpfchen verpackt. Auf diese Weise kann die RNA – der Teil des Erbgutes, den die Zelle gerade abgelesen hatte – sequenziert und später der Zelle wieder zugeordnet werden. Aus den gewonnenen Daten lässt sich mit hoher Präzision auf die Funktion der Zelle schließen. „So konnten wir beobachten, wie bestimmte Zellen des Immunsystems in der Lunge – die Monozyten und daraus entstehende Makrophagen – das Virus aufnehmen und sehr heftig reagieren. Sie senden Botenstoffe aus, die eine starke Entzündungsreaktion hervorrufen. 

In unserem Modell wird diese recht schnell wieder eingefangen, denn andere Immunzellen – die T-Zellen – schwärmen zu diesem Zweck aus. Bei schweren COVID-19-Verläufen geschieht das nicht“, erklärt Dr. Geraldine Nouailles, Wissenschaftlerin an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie der Charité und Co-Erstautorin der Studie. „Für eine erfolgreiche Genesung von COVID-19 ist eine schnelle und effiziente T-Zell-Antwort zentral.“

Während das Immunsystem im Zuge einer COVID-19-Erkankung in Aufruhr gerät, vermehrt sich SARS-CoV-2 in der Lunge und in den Zellen der Atemwege zunächst nur schwach. Die Zerstörung des Lungengewebes bei schweren COVID-19-Verläufen wird nicht direkt durch die Vermehrung des Virus in den Zellen verursacht, sondern durch die starke Entzündungsreaktion“, erklärt MDC-Wissenschaftler Dr. Emanuel Wyler, ebenfalls Co-Erstautor. „Das scheint auf die Zellen der Blutgefäße, insbesondere die Endothelzellen in der Lunge, ebenfalls zuzutreffen.  

Sie reagieren stark auf das Virus, werden aber nicht von ihm infiziert und gehen nicht zugrunde.“ Nimmt die Krankheit einen schweren Verlauf, können verschlossene Blutgefäße und instabile Gefäßwände zu einem akuten Lungenversagen führen.  

  • Bei moderaten COVID-19-Erkrankungen dagegen spielen Gefäßschäden sehr wahrscheinlich keine Rolle.

„Dass das Endothel, eine Art Schutzschild in den Gefäßen – das unter anderem verschiedene Prozesse in den Mikrogefäßen der Lunge regelt – bei COVID-19 aktiviert wird, hatten wir erwartet. Dass diese Zellen zugleich aktiver Motor der Entzündung sind, hat uns eher überrascht“, sagt Prof. Witzenrath. „Man könnte demnach auf zwei Arten therapeutisch an diesen für den Krankheitsverlauf zentralen Zellen angreifen. Zum einen mit Substanzen, die die Endothelbarriere abdichten. Zum anderen mit solchen, die das Endothel beruhigen. Eine davon erforschen wir bereits im Sonderforschungsbereich SFB-TR84 und konnten zeigen, dass sie bei Pneumonie und Beatmung erfolgreich ist.“ Aktuell ebenfalls getestete entzündungshemmende Medikamente gegen COVID-19 setzen an der Immunreaktion als solches an – sie wirken auch auf Monozyten und Makrophagen und bremsen ihre Aktivität.

Das nun bestätigte Modell soll zur Entwicklung von wirksamen und sicheren Therapien bei COVID-19 beitragen. 

Ziel ist es, die Zahl von Patientinnen und Patienten mit schweren Lungenschäden zu reduzieren. 

Derzeit analysiert das multidisziplinäre Forschungsteam die Reaktionen der unterschiedlichen Zellarten im Roborovski-Zwerghamster. Die Forschenden wollen herausfinden, warum die Infektion hier schwerer verläuft und nicht selbstlimitierend ist wie im Fall des Goldhamsters. „Wir hoffen, dass wir damit auch einen Erklärungsansatz dafür finden, warum manche Menschen schwer an COVID-19 erkranken und andere nicht“, sagt Dr. Nouailles. Allerdings muss hierfür noch das Genom des Zwerghamsters entschlüsselt werden. Da Hamster in der Versuchstierkunde bislang eher als Exoten galten, bestehen noch einige Wissenslücken. „Teilweise konnten wir diese nun mit Informationen aus der aktuellen Untersuchung schließen. Das ist, auch im Sinne einer bewussten und gezielten Nutzung von Tieren in der medizinischen Forschung, ein großer Fortschritt“, erläutert Co-Letztautor Dr. Jakob Trimpert, Virologe und Tiermediziner an der Freien Universität Berlin. Mit seinem Team hat er die COVID-19-Hamstermodelle entwickelt und zusammen mit den Tierpathologen der FU Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Achim Gruber die mikroskopischen Untersuchungen von infiziertem Lungengewebe durchgeführt. Diese histopathologischen Analysen haben wesentlich zu den Erkenntnissen der Studie beigetragen.

*Nouailles G et al. Temporal omics analysis in Syrian hamsters unravel cellular effector responses to moderate COVID-19. Nat Commun 12, 4869 (2021). DOI: https://doi.org/10.1038/s41467-021-25030-7

Über die Studie:
Gefördert wurden die Arbeiten unter anderem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Sonderforschungsbereich SFB-TR84, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit den Projekten CAPSyS-COVID sowie PROVID und das Berlin Institute of Health (BIH) in der Charité mit CM-COVID. Ebenfalls ermöglicht hat die Studie das BMBF-geförderte Nationale Forschungsnetzwerk der Universitätsmedizin zu Covid-19 (NUM), im Teilvorhaben NAPKON, einem umfassenden Pandemie-Kohortennetzwerk.

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Originalpublikation:

https://rdcu.be/ctQvQ


Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

https://infektiologie-pneumologie.charite.de

 
https://www.mdc-berlin.de/de/bimsb

 
https://www.vetmed.fu-berlin.de/index.html

 
http://www.sfb-tr84.de


Prof. Dr. Patrizia Thoma: Schädel-Hirn-Trauma und Schwierigkeiten im sozialen Bereich: Einladung zur Fachstudie - http://www.sokobo.de/

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Soziale Kompetenz nach Schädel-Hirn-Trauma trainieren: Teilnehmende gesucht

Schwierigkeiten, die Gefühle anderer zu erkennen und sich in andere hineinzuversetzen, bringen Menschen nach einem Schädel-Hirn-Trauma häufig in Konfliktsituationen. 

Ein Team des Neuropsychologischen Therapie Centrums der Ruhr-Universität Bochum (RUB) hat mit Unterstützung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung DGUV ein Online-Therapieprogramm entwickelt, das helfen soll. 

Seit August 2021 wird seine Wirkung getestet. 

Personen, die innerhalb der vergangenen fünf Jahre eine Schädel-Hirn-Verletzung erlitten haben und seitdem Schwierigkeiten im sozialen Bereich bemerken, sind zur Teilnahme eingeladen.

Infos gibt es online unter http://www.sokobo.de/ und per Mail (projekt-sokobo@rub.de).

Konflikte in der Familie und am Arbeitsplatz

Jedes Jahr erleiden bis zu 550.000 Menschen in Deutschland eine Hirnschädigung. 

Rund die Hälfte davon geht auf Schädel-Hirn-Verletzungen zurück, zum Beispiel durch Unfälle am Arbeitsplatz oder im Straßenverkehr. 

  • Die Betroffenen leiden häufig langfristig unter Bewegungseinschränkungen, Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsproblemen sowie Schwierigkeiten bei der Organisation und Planung des Alltags. 

„In den vergangenen Jahren wurden bei der Rehabilitation zunehmend auch Schwierigkeiten im Bereich der sozialen Kognitionen beobachtet“, berichtet Studienleiterin Prof. Dr. Patrizia Thoma. 

  • Häufig haben die Betroffenen Schwierigkeiten, sich in andere Personen gedanklich und gefühlsmäßig hineinzuversetzen, was zu konfliktbeladenen sozialen Interaktionen sowohl in der Familie als auch am Arbeitsplatz führen kann.


Abhilfe schaffen soll das internetgestützte „Programm zur Behandlung von Einschränkungen Sozialer Kognitionen und Kompetenzen der Ruhr-Universität Bochum“, kurz SoKoBo. 

  • Über 16 Wochen können Patientinnen und Patienten das Programm an vier bis fünf Tagen pro Woche zu Hause bearbeiten. 

Es umfasst drei Module, in denen es darum geht, die Gefühle anderer Menschen anhand von Gesicht, Körperhaltung und Stimme zu erkennen, die gedankliche und gefühlsmäßige Perspektive anderer Menschen einzunehmen und effektive Lösungen für schwierige Situationen zu finden. 

Neben Psychoedukationsblöcken, in denen über die möglichen Probleme in den verschiedenen Bereichen aufgeklärt wird und Strategien zum Umgang mit diesen vermittelt werden, üben die Teilnehmenden in Trainingsblöcken die Anwendung der so erlernten Strategien. 

In einer Pilotstudie mit gesunden älteren Menschen hat sich das abwechslungsreich mit Texten, Bildern, Videos und Hörspielen gestaltete Programm als gut bedienbar erwiesen.

Kooperationspartner

Entwickelt wurde das Programm von Prof. Dr. Patrizia Thoma gemeinsam mit Sally Rogalla und Tobias Lohaus in Zusammenarbeit mit der Firma AppMatrix. Angesiedelt ist das Projekt am Neuropsychologischen Therapie Centrum, das von Prof. Dr. Boris Suchan und Patrizia Thoma in Form einer neuropsychologischen Hochschulambulanz geleitet wird.

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Prof. Dr. Patrizia Thoma
Neuropsychologisches Therapie Centrum
Fakultät für Psychologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: +49 234 32 23119
E-Mail: patrizia.thoma@rub.de

Universitätsstr. 150
44780 Bochum
Postfach 10 21 48
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Deutschland
Nordrhein-Westfalen

E-Mail-Adresse: info@ruhr-uni-bochum.de

Dr. Julia Weiler
Telefon: +49 234 32 25228
E-Mail-Adresse: julia.weiler@uv.rub.de


Prof. Dr. Petra Arck: Neugeborene haben weniger Atemwegsinfekte - Einladung zur Studienteilnahme https://kinderarztpraxis-st-hedwig.de/

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Vorgeburtliche Prägung des Immunsystems: 

Neugeborene haben weniger Atemwegsinfekte

Neugeborene, die zum Zeitpunkt der Geburt über viele mütterliche Zellen verfügen, haben im ersten Lebensjahr ein geringeres Risiko für Atemwegsinfekte. 

Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die Wissenschaftler:innen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) jetzt im Fachmagazin Nature Communications veröffentlicht haben.

In der Arbeit haben Forschende aus dem Labor für Experimentelle Feto-Maternale Medizin der Klinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin die Funktion von mütterlichen Immunzellen untersucht, die während der Schwangerschaft über die Plazenta in den Fetus gelangen. 

„Dort können diese mütterlichen Zellen sehr lange verbleiben, sodass wir vermutlich alle noch etwas ‚Mama‘ in uns tragen“, erläutert Prof. Dr. Petra Arck, Laborleiterin und Forschungsdekanin des UKE. Die Existenz dieser Zellen – von den Forschenden mütterliche mikrochimäre Zellen (MMZ) genannt – ist schon länger bekannt, allerdings war bislang unklar, ob es sich hierbei um ein „versehentliches Überschwappen“ von mütterlichen Zellen auf das Kind handelt oder die Zellen tatsächlich eine Aufgabe haben. „Die Evolution hat diese Zellen bislang nicht ausgemustert, sodass wir uns auf die Suche nach deren Funktion begeben haben.“

Knochenmark wichtiger Ort für die Immunentwicklung

Viele dieser mütterlichen Zellen konnten die Forschenden im fetalen Knochenmark von Mäusen nachweisen. „Das Knochenmark ist ein wichtiger Ort für die Immunentwicklung. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass die mütterlichen Zellen dort die Reifung der angeborenen Immunantwort fördern“, erläutern die beiden Erstautor:innen der Studie, Dr. Ina Stelzer und Christopher Urbschat. „Diese angeborene Immunantwort ist besonders bei Kindern bis zum ersten Lebensjahr sehr wichtig, um Infektionen abzuwehren.“ 

  • Anhand von Daten der am UKE angesiedelten Geburtskohorte („PRINCE-Studie“) konnten die Forschenden dann feststellen, dass bei Neugeborenen, die zum Zeitpunkt der Geburt über viele mütterliche Zellen verfügten, das Risiko für respiratorische Infektionen im ersten Lebensjahr niedriger war. 
  • „Die über Plazenta und Nabelschnur in das ungeborene Kind eingewanderten mütterlichen Zellen helfen also offensichtlich bei der Prägung des Immunsystems“, so die Schlussfolgerung von Stelzer und Urbschat.


Im Rahmen der PRINCE-Studie (Prenatal Determinants of Children´s Health) wird im UKE bereits seit 2011 untersucht, welche Faktoren während der Schwangerschaft Einfluss auf die langfristige Kindergesundheit haben können. 

Dazu werden Studienteilnehmerinnen vom Beginn ihrer Schwangerschaft bis zur Geburt regelmäßig untersucht, neben dem Immunstatus werden dabei auch Umwelteinflüsse sorgfältig dokumentiert. 

  • Die Wissenschaftler:innen vermuten seit Langem, dass Umwelteinflüsse und Stress bei der werdenden Mutter das Risiko für immunologische Erkrankungen und Infektionen bei den Kindern erhöhen. 

Ziel ihrer Bemühungen ist es, Biomarker wie die MMZ zu finden, um solche Schwangerschaften frühzeitig zu identifizieren und rechtzeitig die Weichen für eine gesunde Entwicklung des Kindes zu stellen. 

Frauen im ersten Drittel ihrer Schwangerschaft können weiterhin an der Studie teilnehmen und sich unter prince@uke.de anmelden
Weitere Infos: www.uke.de/prince

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Prof. Dr. Petra Arck
Labor für Experimentelle Feto-Maternale Medizin
Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Telefon: 040 7410-52533
p.arck@uke.de

Martinistr. 52
20246 Hamburg
Deutschland
Hamburg

Saskia Lemm
Telefon: (040) 7410-56061
E-Mail-Adresse: presse@uke.de
Originalpublikation:

Stelzer, Ina, Arck, Petra et. al. Vertically transferred maternal immune cells promote neonatal immunity against early life infections, Nature Communications, 2021
DOI: https://doi.org/10.1038/s41467-021-24719-z

Professor Berthold Koletzko: KInder- und Jugendliche mit lang andauerndes chronisches Gesundheitsproblem. https://kinderarztpraxis-st-hedwig.de/

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Jugendliche - Sorgenkinder der Kindermedizin

Die Stiftung Kindergesundheit informiert über die Vielzahl gesundheitlicher und psychosozialer Probleme von Teenagern

Es gibt in diesem Jahr einen besonderen Grund zu feiern: 

Die ersten Kinder, die in der Bundesrepublik an einer kostenlosen Vorsorgeuntersuchung teilnehmen durften, werden in diesem Jahr 50 Jahre alt. 

Seit 1971 sorgt der Gesetzgeber dafür, dass jedes Kind regelmäßig an einem Früherkennungsprogramm teilnehmen kann. 

Und so sind die ersten „Scheckheft-untersuchten“ Babys und Kleinkinder vermutlich längst selbst Eltern oder sogar Großeltern von ebenfalls „Scheckheft-untersuchten“ Kindern geworden, berichtet die Stiftung Kindergesundheit in einer aktuellen Stellungnahme.

Früherkennung: „Ein Erfolgsmodell!“

In dem ersten, noch blauen Vorsorgeheft, waren sieben Untersuchungstermine enthalten. 

Das heutige gelbe Heft beinhaltet zehn „U“-Untersuchungen (U1 bis U9) und eine “J“-Untersuchung (J1). 

Die 1998 eingeführte J1-Untersuchung ist der Gesundheitscheck beim Eintritt ins Jugendalter und soll Erkrankungen und Entwicklungsstörungen, aber auch soziale und psychische Probleme frühzeitig erkennen, mögliche Ursachen ergründen und wenn nötig eine Behandlung veranlassen.

„Mit einer Beteiligungsrate von weit über 90 Prozent bei Säuglingen hat sich das Früherkennungsprogramm zu einem wirklichen Erfolgsmodell entwickelt“, berichtet Kinder- und Jugendarzt Prof. Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Es gibt allerdings einen Makel:  

Die allen Heranwachsenden vom zwölften bis zum vierzehnten Lebensjahr angebotene Jugendgesundheitsuntersuchung J1 wird nur noch von knapp über 50 Prozent der Teenager tatsächlich wahrgenommen. Viele Eltern und Jugendliche wissen nicht einmal, dass es sie gibt“. Besonders selten nehmen Jugendliche mit Migrationshintergrund, sowie Jugendliche mit älteren Geschwistern oder mit einem alleinerziehenden Elternteil beim Kinder- und Jugendarzt den J1-Termin wahr.

„Kein Bock“ auf den Arztbesuch

  • Warum lassen so viele Jugendliche die J1 aus? 
  • Die häufigsten Gründe sind Unkenntnis, Ängste vor der Untersuchung, fehlendes Verantwortungsbewusstsein für die eigene Gesundheit, „keine Zeit“ und „keine Lust“.


Dabei zeigen die Erkenntnisse aus der großen Kindergesundheitsstudie KiGGS, dass auch die Jugendphase erhebliche Risiken für die Gesundheit in sich birgt, betont die Stiftung Kindergesundheit. Gerade in der Gruppe der 11- bis 17-Jährigen gibt es eine hohe Zahl von gesundheitlichen Beeinträchtigungen und psychosozialen Problemen, zu deren Bewältigung die Jugendlichen kompetente ärztliche Hilfe benötigen.

Die Kommission für Jugendmedizin der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) hat für eine Bestandsaufnahme die aktuelle Situation der in Kliniken, sozialpädiatrischen Zentren, Arztpraxen und beim Öffentlichen Gesundheitsdienst betreuten Jugendlichen analysiert und im Fachjournal „Kinder- und Jugendarzt“ veröffentlicht.  

Die ermittelten Daten lassen erkennen, dass Jugendliche - entgegen ihrer eigenen Wahrnehmung und Überzeugung – oft erhebliche gesundheitliche Risiken tragen, betont die Stiftung Kindergesundheit.

Professor Berthold Koletzko präzisiert: „Auch wenn es der Mehrheit der Kinder in Deutschland gut oder sogar sehr gut geht, sind anhaltende Gesundheitsprobleme nicht selten und bedürfen einer sorgfältigen ärztlichen Betreuung“. Laut der KiGGS-Studie (Welle 2) haben 16,2 Prozent (15,3 %–17,1 %) der 0- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen, also ungefähr jedes sechste Mädchen bzw. jeder sechste Junge, ein lang andauerndes chronisches Gesundheitsproblem.

Asthma, Adipositas und ADHS – auch nach zehn Jahren ein Problem


Die häufigste chronische Erkrankung in Kindheit und Jugend ist Asthma bronchiale.

  • Die entzündliche Atemwegserkrankung ist bei vielen betroffenen Kindern und Jugendlichen allergisch bedingt. 
  • Die Krankheit ist sehr belastend, da sie sich auf das emotionale Befinden, die körperliche und schulische Leistungsfähigkeit sowie auf das soziale Miteinander auswirken kann.
  • Auch Übergewicht und Adipositas beeinträchtigen die Lebensqualität und gehen mit schwerwiegenden Risiken wie z. B. Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes mellitus Typ 2 einher.


Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS ist bei Kindern und Jugendlichen – und dabei vor allem bei Jungen – die am häufigsten diagnostizierte Verhaltensstörung. Sie kann sich negativ auf die schulische und soziale Entwicklung auswirken.

„Das wächst sich noch aus“ – diese Hoffnung vieler Eltern erweist sich leider häufig als trügerisch, betont die Stiftung Kindergesundheit. Die aktuellen Ergebnisse der KiGGS-Studie zeigen, dass viele Teilnehmende auch zehn Jahre später noch von ihrer chronischen Krankheit betroffen sind: Bei Asthma sind es mehr als ein Drittel (35 Prozent), ebenso bei ADHS (37 Prozent) und bei Adipositas betrifft es mit 47 Prozent fast die Hälfte.


Kliniken bleiben auf Kosten sitzen

  • 7,7 Prozent aller Jugendlichen müssen mindestens einmal im Jahr stationär in einer Klinik aufgenommen werden. 
  • Die häufigsten Gründe hierfür sind Depressionen, Bauch- und Beckenschmerzen, Alkoholmissbrauch, Gehirnerschütterung und Blinddarmentzündung.


Die Teenager werden in Kinderkliniken häufig gemeinsam mit Säuglingen und Kleinkindern auf gemischten Stationen behandelt, die nicht primär für Heranwachsende ausgestattet sind. 

Ein besonderes Problem der Kliniken: 

Eine Finanzierung von speziellen Jugendabteilungen und Jugendstationen ist im heute gültigen Fallpauschalen-System nicht vorgesehen. Eine wirklich angemessene Betreuung der jungen Patienten über die unmittelbaren medizinischen Probleme hinaus ist in der Regel nicht gewährleistet, da das Fallpauschalen-System die Finanzierung solcher zusätzlichen Leistungen nicht vorsieht. Dies ist besonders bedauerlich, denn zwei der drei häufigsten Diagnosen für Jugendliche finden sich im Bereich der psychosomatischen Medizin, beklagt die DAKJ.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Pflegekräfte in den Kinderkliniken häufig auf die Betreuung von Neugeborenen und älteren Säuglingen spezialisiert sind, aber keine spezielle Ausbildung zu jugendmedizinischen Themen und den besonderen Bedürfnissen von Heranwachsenden vorweisen können.  

Mit der vom Bundestag beschlossenen Einführung einer generalistischen Pflegeausbildung wird die spezielle pädiatrische Ausbildung in der Pflege zusätzlich reduziert.

Neue Aufgaben in den Sozialpädiatrischen Zentren

Ähnliche Probleme stellen sich in den Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ). Früher lag dort der Fokus überwiegend auf der Betreuung von schwer- und mehrfachbehinderten Kindern, die vor allem eine neuropädiatrische Behandlung benötigten. Inzwischen werden aber immer mehr Kinder und Jugendliche mit anderen chronischen sowie psychosozialen Problemen betreut.

  • Aktuell betreffen knapp 50 Prozent aller Diagnosen Verhaltens- und emotionale Störungen. Der Anteil der Kinder mit infantiler Zerebralparese beträgt dagegen 5,6 Prozent, mit Epilepsie 8,2 Prozent.


Entsprechend hat sich auch die Zusammensetzung der SPZ-Teams im Laufe der Jahre verändert: Mittlerweile stellt die Berufsgruppe von Psychologen sowie Sozial- und Heilpädagogen den größten Anteil der Mitarbeitenden dar.

Probleme in den kinderärztlichen Praxen


Viele Jugendliche scheuen den Besuch beim Kinderarzt. Sie glauben, gesund zu sein, halten eine Untersuchung nicht für nötig und finden den Aufenthalt im Wartezimmer zwischen den Babys und kleineren Kindern „ätzend“. Dabei hätten sie genügend Gründe für ein Gespräch: Denn wenn sie gefragt werden, berichten mehr als 15 Prozent der Jugendlichen über anhaltende körperliche und psychische Erkrankungen oder zumindest Belastungen.

Gefahren für die Gesundheit bergen auch die für das Jugendalter typischen riskanten Verhaltensweisen: Viele Heranwachsende beginnen das Rauchen, konsumieren Alkohol oder experimentieren mit illegalen Drogen. Auch Verletzungen durch gefährdendes Verhalten sind häufig: 16 Prozent der befragten Jugendlichen geben an, in den letzten zwölf Monaten einen Unfall erlitten zu haben, 6,3 Prozent sogar mehr als einmal.

Dass Jugendliche dennoch nur selten ihre Spezialisten, die Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte aufsuchen, liegt allerdings oft am Management und der kleinkind-spezifischen Ausstattung der ärztlichen Praxen. Nötig wären, nach Einschätzung der DAKJ, jugendspezifische Anmeldemöglichkeiten, Terminvergabe, geringe Wartezeit, im Umgang mit Jugendlichen erfahrene Mitarbeitende und entsprechend jugendspezifisch – zum Beispiel mit WLAN - eingerichtete Warte- und Behandlungszimmer.

Finanzierung – Knackpunkt im Öffentlichen Gesundheitsdienst

Wichtige Arbeitsbereiche der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) sind, neben dem während der aktuellen Corona-Pandemie noch wichtiger gewordenen Infektionsschutz, die in einigen Bundesländern noch regelmäßig durchgeführten Schuluntersuchungen und der Kinder- und Jugendärztliche Dienst. Das besondere Augenmerk gilt Gruppen, die häufig nicht ausreichend versorgt sind, zum Beispiel Kinder und Jugendliche aus psychosozial benachteiligten Familien, psychisch erkrankte Jugendliche, aber auch Kinder und Jugendliche von psychisch erkrankten oder suchtkranken Eltern.

Der Öffentliche Gesundheitsdienst wurde jedoch in den letzten Jahren sehr stark abgebaut und leidet mittlerweile unter einem gravierenden Personal- und Nachwuchsmangel: ÖGD-Ärztinnen und -ärzte verdienen 15 bis 20 Prozent weniger als andere Ärztegruppen. Wohl auch deshalb bleiben viele Stellen, sogar in Führungspositionen, unbesetzt.

„Die aufgezeigten gesundheitlichen Risiken zeigen, dass es sich bei den Jugendlichen um eine bisher in vieler Hinsicht in der Versorgung benachteiligte Gruppe handelt“, sagt Kinder- und Jugendarzt Professor Berthold Koletzko. „Wir brauchen daher mehr gesundheitsfördernde und präventive Lebens- und Arbeitsbedingungen in Schule und Ausbildung“.

Wichtig sei dabei ein abgestimmtes, vernetztes Handeln der daran beteiligten Institutionen von Forschung, Medizin und Politik sowie eine gesicherte Finanzierung der Maßnahmen. Professor Koletzko betont: „Nur gemeinsam können wir erreichen, dass Jugendliche gesund in ihr Erwachsenenleben starten und dort ihre Potentiale entfalten können“. 

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