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Kalt, Misstrauisch, Gleichgültig, Unzuverlässig, Nachlässig

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Du nicht! – Warum Menschen andere ausgrenzen

Eine aktuelle Studie zeigt: 
  • Wenig verträgliche und unzuverlässige Menschen werden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ausgegrenzt.  
  •  Soziale Ausgrenzung ist keine Seltenheit. Wenig verträgliche und unzuverlässige Menschen werden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ausgegrenzt, so das Ergebnis einer aktuellen Studie.
 Soziale Ausgrenzung ist keine Seltenheit. Wenig verträgliche und unzuverlässige Menschen werden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ausgegrenzt, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Christiane Büttner


  • Soziale Ausgrenzung haben viele bereits erlebt - in der Schule, bei der Arbeit oder im Freundes- und Familienkreis. 

Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen von den Universitäten Basel (Schweiz) und Virginia (USA) hat Juniorprofessorin Dr. Selma Rudert von der Universität Koblenz-Landau untersucht, ob bestimmte Persönlichkeitseigenschaften das Risiko erhöhen, von anderen Menschen ausgegrenzt zu werden.

„In unserer Studie kommen wir zum Ergebnis, dass Persönlichkeit ein wichtiger Risikofaktor für soziale Ausgrenzung ist. Wenig verträgliche und unzuverlässige Menschen werden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ausgegrenzt“, berichtet Sozialpsychologin Selma Rudert.

  • „Somit haben Menschen, die sich gegenüber anderen Menschen häufig kalt, misstrauisch und gleichgültig verhalten oder in der Zusammenarbeit mit anderen unzuverlässig und nachlässig sind, ein erhöhtes Risiko, von anderen ausgegrenzt zu werden.“

Das Forschungsteam um Rudert hat sich bei seinen Studien auf die so genannten „Big Five“ der Persönlichkeit fokussiert:

Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Extravertiertheit, emotionale Stabilität und Offenheit für Neues.

Die beiden Risikofaktoren „niedrige Verträglichkeit“ und „niedrige Gewissenhaftigkeit“ haben sie als besonders relevant identifiziert.

Dieses Ergebnis lasse sich gut aus einer evolutionspsychologischen Perspektive erklären, meint Rudert:

  • Menschen würden andere Menschen insbesondere dann ausschließen, wenn sie diese für schlechte Kooperationspartner halten. 

Dies treffe insbesondere auf unverträgliche und wenig gewissenhafte Personen zu. 

  • „Menschen, die sich durch eine geringe Verträglichkeit auszeichnen, stellen oftmals eine Bedrohung für den Zusammenhalt der Gruppe dar, da sie sich nicht an soziale Regeln halten. 
  • Und Menschen mit einer geringen Gewissenhaftigkeit könnten sich schnell als eine Belastung für eine Gruppe herausstellen, insbesondere wenn diese bestimmte Ziele erreichen möchte“, so die Sozialpsychologin.

Bisherige Forschung zu sozialer Ausgrenzung konzentrierte sich oftmals auf das Erleben der ausgegrenzten Person.

„Um das Phänomen der sozialen Ausgrenzung zu verstehen und ihm entgegenwirken zu können, ist es jedoch notwendig zu verstehen, warum es überhaupt zur Ausgrenzung kommt“, erklärt Rudert den neuen Fokus der aktuellen Studien.

Insgesamt hat das Forschungsteam sieben Studien online und im Labor mit 40 bis 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern pro Studie durchgeführt. Den teilnehmenden Personen wurden Beschreibungen von Menschen mit unterschiedlich ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmalen vorgelegt. Im Anschluss mussten sie zum Beispiel entscheiden, ob sie die Person aus einer zukünftigen Gruppenaktivität ausschließen wollten. In anderen Studien sollten sie Angaben dazu machen, wie wahrscheinlich sie der Person gegenüber ausgrenzendes Verhalten zeigen würden.

Die Untersuchungen seien wichtig für Themen wie Mobbing und Ausgrenzung in der Schule oder am Arbeitsplatz, so die Wissenschaftlerin. 

  • Rudert weist aber darauf hin, dass auch freundliches und zuverlässiges Verhalten in diesen Kontexten nicht vollständig vor sozialer Ausgrenzung schützen könne. 

„Vielmehr gibt es neben der Persönlichkeit der ausgegrenzten Person natürlich auch situative Umstände, die soziale Ausgrenzung bedingen können.“ 

  • Konkret könne beispielsweise starke Konkurrenz innerhalb bestimmter Gruppen zu sozialer Ausgrenzung führen oder auch einfach Zufall, weil eine Person versehentlich übergangen wird. 

Will man Ausgrenzung in Gruppen verringern, muss man diesen Prozessen entgegenwirken. 

  • Dies könne durch Maßnahmen erreicht werden, die internen wie externen Druck sowie den Konkurrenzkampf innerhalb einer Gruppe vermindern.

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Originalpublikation:
Rudert, S. C., Keller, M., Hales, A. H., Walker, M., & Greifeneder, R. (in press). Who do we ostracize? A personality perspective on risk and protective factors of ostracism. Journal of Personality and Social Psychology. doi:10.1037/pspp0000271

Oder:
https://www.researchgate.net/publication/335676862_Who_gets_ostracized_A_persona...

Gesichtszüge beeinflussen die Akzeptanz von sozialer Ausgrenzung

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Fair oder unfair?

Oft werden Menschen aus Gruppen ausgegrenzt. 

Ob dies für unbeteiligte Dritte akzeptabel ist, kann von den Gesichtszügen der Ausgeschlossenen abhängen. 

Bei kühl und wenig kompetent wirkenden Menschen wird eine Ausgrenzung am ehesten akzeptiert. Dies zeigt ein Forschungsteam der Universität Basel im Fachblatt «Journal of Experimental Social Psychology». 

 Wer kühl und wenig kompetent wirkt, erhält im Falle einer sozialen Ausgrenzung weniger Unterstützung als Personen, die liebenswürdig und inkompetent aussehen. Wer kühl und wenig kompetent wirkt, erhält im Falle einer sozialen Ausgrenzung weniger Unterstützung als Personen, die liebenswürdig und inkompetent aussehen. Bilder: mirellawalker.com
  • Soziale Ausgrenzung, ob in der Schule, im Freundeskreis oder bei der Arbeit, ist für die Betroffenen in der Regel eine schmerzhafte Erfahrung. 

Oft lässt sie auch Unbeteiligte nicht kalt: Vor allem Mobbing und Ausgrenzung mit dem Ziel, die Opfer zu verletzen, werden in der Regel als unfair und inakzeptabel wahrgenommen. Je nachdem wird eine Ausgrenzung aber auch als gerechtfertigt angesehen. So schliessen Gruppen eher Menschen aus, die für Unruhe und Streit sorgen, um damit die Harmonie in der Gruppe wiederherzustellen.

Rasche moralische Urteile

Ob Unbeteiligte soziale Ausgrenzung als moralisch gerechtfertigt betrachten oder nicht, kann für die Betroffenen sehr wichtig sein, weil davon eine mögliche Unterstützung abhängt. 

  • Ein moralisches Urteil zu treffen ist aber meist schwierig und zeitaufwendig, weshalb sich die Aussenstehenden von relativ oberflächlichen Hinweisen leiten lassen. 

Ein solcher Hinweis ist etwa das Gesicht der ausgegrenzten Person.

In mehreren Studien präsentierte das Psychologenteam der Universität Basel insgesamt 480 Probanden verschiedene männliche Gesichter, die zuvor mithilfe einer kürzlich entwickelten Methode zur Gesichtermanipulation in ihren Charakteristika verändert wurden. Die entstandenen Gesichter variierten darin, ob sie eher kühl oder liebenswürdig aussahen und ob sie eher mehr oder weniger kompetent wirkten. Die Teilnehmenden sahen ein Gesicht für jeweils zwei Sekunden und mussten spontan entscheiden, wie akzeptabel es ist, dass eine Gruppe diese Person ausgrenzt.

Mehr Schutz für Personen, die liebenswürdig und hilfsbedürftig aussehen

  • In allen Studien fanden es die Teilnehmenden als am ehesten vertretbar, Menschen auszugrenzen, die allein aufgrund ihrer Gesichtszüge kühl und wenig kompetent wirkten. 
  • Am wenigsten akzeptabel fanden es die Probanden hingegen, Menschen auszuschliessen, die zugleich liebenswürdig und wenig kompetent wirkten. 

Dies könnte daran liegen, dass solche Personen häufig als besonders schützenswert wahrgenommen werden und sie auszugrenzen als besonders grausam erscheint, sagt Studienleiterin Dr. Selma Rudert von der Abteilung für Sozialpsychologie der Universität Basel.
  • Aus früheren Forschungsarbeiten ist bekannt, dass Menschen sehr klare Vorstellungen davon haben, wie etwa eine herzliche oder eine gefühlskalte Person aussieht. 
Tatsächlich gibt es jedoch keine Belege für einen Zusammenhang zwischen den Gesichtszügen und den Persönlichkeitseigenschaften einer Person.

Mit anderen Worten: 

Der Schein trügt, und dennoch lassen sich Menschen von diesem Schein in ihrem Urteil leiten. 

Besonders die im Gesicht wahrgenommene Liebenswürdigkeit und Kompetenz einer Person spielt bei dieser Beurteilung eine wichtige Rolle.

Objektivität wäre wichtig

«Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der erste subjektive Eindruck einer Person auch moralische Urteile beeinflussen kann, bei denen Objektivität eigentlich besonders wichtig wäre», erklärt Rudert. 

Denn diese können weitreichende Folgen für das Verhalten von Menschen in Ausgrenzungssituationen haben:

«Es wäre denkbar, dass ein kühl und wenig kompetent aussehendes Ausgrenzungsopfer weniger Unterstützung erhält oder dass sich andere im schlimmsten Fall sogar auf die Seite der ausgrenzenden Gruppe schlagen – und dies nur aufgrund eines einzelnen Blicks in das Gesicht der ausgegrenzten Person.»

Originalbeitrag

Selma Carolin Rudert, Leonie Reutner, Rainer Greifeneder, Mirella Walker
Faced with exclusion: Perceived facial warmth and competence influence moral judgments of social exclusion
Journal of Experimental Social Psychology (2016), doi: 10.1016/j.jesp.2016.06.005

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Dr. Selma Rudert, Universität Basel
Fakultät für Psychologie, Abteilung für Sozialpsychologie
Tel. +41 61 207 06 05
E-Mail: selma.rudert@unibas.ch
Reto Caluori Universität Basel