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Cannabidiol (CBD)

CBD-haltige Produkte liegen im Trend, Hersteller werben mit allerlei positiven Effekten. Aber gibt es die wirklich? Das hat eine DFG-Arbeitsgruppe unter Leitung der Würzburger Toxikologin Angela Mally untersucht.

Ob in Nahrungsergänzungsmitteln, Schokolade, Tee oder Gummibärchen – Cannabidiol (CBD) hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Lifestyle-Trend auf dem Lebensmittelmarkt entwickelt. Eine berauschende Wirkung hat CBD nicht, Hersteller werben allerdings mit einer Vielzahl an positiven Effekten: gesteigerte körperliche Leistungsfähigkeit, ein verbessertes Immunsystem sowie Abhilfe bei Stress, Schmerzen oder Menstruationsbeschwerden.

Die Arbeitsgruppe „Lebensmittelinhaltsstoffe“ der Senatskommission zur gesundheitlichen Bewertung von Lebensmitteln (SKLM) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat jetzt eine wissenschaftlich fundierte Bewertung des potenziellen Nutzens von CBD bzw. von mit CBD versetzten Lebensmitteln vorgenommen – und dabei auch deren mögliche Risiken beleuchtet.

Geleitet wird die Arbeitsgruppe von Professorin Angela Mally vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU).

Kein nachweislicher Nutzen

Für die Studie, die nun in der Fachzeitschrift Nutrients erschienen ist, werteten die Forschenden bisher veröffentlichte Studien zu Wirkungen und Nebenwirkungen von CBD aus. Der Fokus lag dabei auf Studien, die Aufnahmemengen von bis zu 300 Milligramm pro Tag behandelten – ab einem höheren Dosisbereich wird CBD als verschreibungspflichtiges Arzneimittel eingesetzt, etwa bei Epilepsie.

„Nach eingehender Prüfung der vorliegenden Daten müssen wir feststellen: Für die oft beworbenen gesundheitlichen Vorteile von CBD in Lebensmitteln fehlt bislang die wissenschaftliche Grundlage“, berichtet Angela Mally. Dies gelte insbesondere für den Dosierungsbereich von unter 300 Milligramm pro Tag, der für Lebensmittelprodukte relevant ist.

Mögliche Risiken schon bei geringer Dosis

Die Produkte halten also nicht, was sie oft versprechen, ihre Verwendung ist aber deshalb nicht ohne Risiko.

Gleichzeitig zeige die Auswertung von Studien mit dem Fokus auf gesundheitsschädigende Effekte nämlich, dass CBD dosisabhängige und teils schwerwiegende Nebenwirkungen haben kann – insbesondere bei langfristiger oder hochdosierter Anwendung. Diese gesundheitsschädigenden Auswirkungen betreffen vor allem die Leber und mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten. Darüber hinaus geben die Studienergebnisse Hinweise auf negative Auswirkungen auf das Nervensystem, den Gastrointestinaltrakt, das Hormonsystem, die Reproduktion und die Fruchtbarkeit.

„Bei Arzneimitteln sind mögliche Nebenwirkungen häufig eine unvermeidliche Begleiterscheinung. In Nahrungsmitteln darf das natürlich nicht der Fall sein“, so Mally weiter.

Meist wird CBD in Form von Ölen vertrieben, der CBD-Gehalt liegt dabei zwischen fünf und 40 Prozent. Die britische Food Standard Agency beziffert die akzeptable tägliche Aufnahmemenge auf zehn Milligramm pro Tag – wer Öle mit einem durchschnittlichen CBD-Gehalt verzehrt, überschreitet diesen Wert bereits deutlich. Auch Dosierungen, bei denen erste Hinweise auf gesundheitsschädigende Wirkungen auftraten, können problemlos erreicht werden.

Angela Mally sieht diesen Umstand äußerst kritisch: „Ein Problem ist, dass die Produkte häufig keine genauen Dosierangaben enthalten. Gerade im Internet finden Nutzende dann allerlei Empfehlungen und dosieren, oft frei nach dem Motto ‘viel hilft viel‘, schnell in potenziell gefährlichen Bereichen.“

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die auf den Produkten angegebene und die tatsächlich enthaltene CBD-Menge häufig deutlich unterscheiden. Laut einer aktuellen Studie lag der CBD-Gehalt kommerzieller Öle im Schnitt rund 21 Prozent über den Herstellerangaben. Auch unbeabsichtigte Überdosierungen seien demnach wahrscheinlich.

Produkte trotz fehlender Zulassung erhältlich

Besonders kurios: Aktuell sind in der EU keine CBD-haltigen Lebensmittel zugelassen, angeboten werden sie dennoch. Als neuartige Lebensmittel, sogenannte Novel Foods, benötigen sie für den Verkauf die Zulassung durch die EU-Kommission. Dazu gehört auch die Bewertung gesundheitlicher Risiken durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).

Möglich wird der Vertrieb trotz fehlender Zulassung unter anderem durch rechtliche Grauzonen – da CBD-haltige Produkte als Lebensmittel nicht verkehrsfähig sind, werden CBD-Öle als Aromaöle oder Kosmetika statt als Nahrungsmittel vertrieben – oder unterschiedlich strenge Regelungen in verschiedenen EU-Staaten.

„Aufgrund der Ergebnisse halten wir eine Information der Verbraucherinnen und Verbraucher für dringend erforderlich, um ein besseres Bewusstsein für den zweifelhaften Nutzen und die möglichen Risiken zu schaffen“, betont Angela Mally.

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Prof. Dr. Angela Mally, Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Tel: +49(0)931-31 81194, E-Mail: angela.mally@uni-wuerzburg.de

Originalpublikation:
Engeli, B. E., Lachenmeier, D. W., Diel, P., Guth, S., Villar Fernandez, M. A., Roth, A., Lampen, A., Cartus, A. T., Wätjen, W., Hengstler, J. G. & Mally, A.: Cannabidiol in Foods and Food Supplements: Evaluation of Health Risks and Health Claims. Nutrients (2025)

Brustkrebszellen

Marburger Forschende entdecken vielversprechende Therapiestrategie zur Überwindung von Resistenzen

Tumore sind schwer zu fassen: 


Mit vielfältigen Mechanismen können sie sich der Wirkung ei-ner onkologischen Therapie entziehen. 

In einer neuen Studie hat ein Forschungskonsortium um Dr. Niklas Gremke und Prof. Dr. Thorsten Stiewe von der Philipps-Universität Marburg vielversprechende Angriffswege beschritten, um Brustkrebszellen abzutöten, die gegen zielgerichtete onkologische Therapeutika resistent geworden sind. 

„Das ist ein heißes Forschungsfeld: Noch nie wurden so viele neue Medikamente in der Brustkrebstherapie zugelassen, doch erworbene Resistenzen begrenzen häufig den Therapieerfolg – genau hier setzt unser Forschungsprojekt an“, sagt der Mediziner Dr. Niklas Gremke von der Universitätsfrauenklinik. 

Sein Forschungsteam am Institut für molekulare Onkologie hat nun eine Schwachstelle der Tumoren entdeckt: 

Die resistenten Brustkrebszellen können durch spezifische Inhibitoren des Energiestoffwechsels gezielt zerstört werden. Die Forschenden berichten über ihre Fortschritte im Fachmagazin „Signal Transduction and Targeted Therapy“.

Resistente Tumorzellen durch Stoffwechselhemmung angreifbar

Brustkrebs wird anhand molekularer Marker (Hormonrezeptoren und HER2-Wachstumsfaktor) in Subgruppen klassifiziert, wobei etwa 70 Prozent der Fälle zur hormonrezeptor-positiven, HER2-negativen Gruppe gehören. 

Viele dieser Patientinnen profitieren in der fortgeschrittenen Erkrankungssituation von einer Therapie mit zielgerichteten molekularen Inhibitoren, wie PI3K-Inhibitoren, die das Zellwachstum unterdrücken. 

Doch manche Tumorzellen entziehen sich der Wirkung dieser Medikamente durch eine verstärkte Aktivierung des mTOR-Signalwegs, der so Zellwachstum und -ausbreitung wieder hochfährt.

Wie die Forschenden jetzt herausgefunden haben, offenbart der Tumor damit allerdings eine Art Achillesferse: 

mTOR hemmt nämlich die sogenannte Autophagie, einen lebensnotwendigen, energiebringenden Recyclingprozess der Zelle. 

Die Forschenden haben nun gezeigt, dass Tumorzellen, die keine Autophagie mehr aktivieren können, besonders empfindlich gegenüber Wirkstoffen sind, die den Energiestoffwechsel stören – darunter das bereits in der Diabetes-Therapie genutzte Metformin. 


„Wir konnten durch umfassende Untersuchungen des Tumorzellmetabolismus zeigen, dass ein kritisches Defizit der Aminosäure Aspartat in den resistenten Brustkrebszellen für deren Zelltod unter Therapie mit Metformin verantwortlich ist“, fasst Institutsleiter Prof. Dr. Thorsten Stiewe zusammen.

Neue Biomarker für eine personalisierte Therapie

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie ist die Identifikation von zwei prognostisch relevanten Biomarkern, die auf eine gestörte Autophagie in Tumoren von Brustkrebspatientinnen hinweisen. Die Analyse von mehr als 1100 Gewebeproben von Brustkrebspatientinnen zusammen mit dem Institut für Pathologie der Philipps-Universität Marburg sowie der German Breast Group Forschungs GmbH ergab, dass Patientinnen mit einer solchen Signatur eine schlechtere Prognose haben – zugleich aber potenziell von einer metabolischen Therapie profitieren könnten.

„Unsere Ergebnisse eröffnen neue Perspektiven für die personalisierte Krebstherapie“, erklärt Dr. Gremke. „Wenn sich diese Biomarker in klinischen Studien bestätigen, könnten sie helfen, jene Patientinnen zu identifizieren, die besonders gut auf eine Stoffwechseltherapie ansprechen.“

Interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglichte Weichenstellung für zukünftige Krebstherapien

Das interdisziplinäre Forschungsteam untersuchte die Tumorbiologie mit modernsten Methoden, darunter CRISPR/Cas9-Knockout-Modelle, Stoffwechsel-Analysen durch die Metabolomics Core Facility von Prof. Dr. Verena Taudte und Biomarker-Validierungen in Patientenproben durch das Pathologie-Team von Prof. Dr. Carsten Denkert. Die Forschenden hoffen, dass ihre translationalen Erkenntnisse langfristig zur Entwicklung neuer Therapiestrategien beitragen, die Resistenzen durch eine gezielte Beeinflussung des Zellstoffwechsels überwinden.

„Unsere Forschung zeigt, dass Tumorzellen ihre erworbene Resistenz gegen PI3K-Inhibitoren teuer bezahlen – nämlich mit einer erhöhten metabolischen Verwundbarkeit“, so Gremke. „Diesen Mechanismus können wir therapeutisch ausnutzen.“
Die präklinischen Ergebnisse legen nahe, dass in Zukunft klinische Studien mit spezifischen Inhibitoren des Energiestoffwechsels durchgeführt werden sollten, um die neuen Therapieansätze weiter zu erforschen.

Dr. Niklas Gremke unternahm die Forschung als Clinician Scientist im Rahmen des SUCCESS-Programms (Supporting Careers of Clinicians Seeking Science), einem Förderprogramm der Philipps-Universität Marburg und des Universitätsklinikums Marburg sowie des Universitären Centrums für Tumorerkrankungen (UCT) Frankfurt-Marburg. Weitere finanzielle Unterstützung kam von der von Behring-Röntgen Stiftung, der UKGM Forschungsförderung, der Stiftung P.E. Kempkes sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

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Dr. Niklas Gremke
Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe
und Institut für molekulare Onkologie
Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg
Tel.: 06421 58-65775
E-Mail: Gremken@staff.uni-marburg.de

Originalpublikation:
Niklas Gremke, Thorsten Stiewe et al. (2025) Signal Transduction and Targeted Therapy, DOI: https://doi.org/10.1038/s41392-025-02180-4

Hüftarthrose

Hüftarthrose: 

Kann Physiotherapie eine Operation verzögern oder vermeiden?

Trotz schwieriger Datenlage gibt es Hinweise, dass eine physiotherapeutische Behandlung eine Hüftgelenksersatz-Operation hinauszögern und auch Beschwerden wie Schmerzen reduzieren kann.


Im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter der Federführung des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck untersucht, ob bei einer Hüftarthrose die Behandlung mit Physiotherapie eine Operation (mit Gelenkersatz) hinauszögern oder verhindern kann, ob durch Physiotherapie Schmerzen gelindert werden und ob sich die Beweglichkeit oder Lebensqualität verbessert.


Die Untersuchungsergebnisse weisen darauf hin, dass eine physiotherapeutische Behandlung eine Operation für einen Hüftgelenksersatz hinauszögern und auch Beschwerden wie Schmerzen reduzieren kann. 

Wie lange sich ein Gelenkersatz hinauszögern lässt, können die vorhandenen Studien nicht beantworten.

Anfrage einer Bürgerin war Ausgangspunkt des ThemenCheck-Berichts

Schätzungsweise 5 % der Erwachsenen in Deutschland haben eine Hüftarthrose mit spürbaren Beschwerden. Eine Hüftarthrose trifft vor allem Menschen über 45 Jahre; die Altersgruppe 80-89 Jahre ist am meisten betroffen – Frauen etwas häufiger als Männer.
Eine Hüftarthrose wird vor allem mit Bewegung und Physiotherapie (z. B. Übungen zur Stärkung der Oberschenkel- und Hüftmuskulatur) sowie entzündungshemmenden Schmerzmitteln behandelt. Bei starkem Übergewicht wird eine Gewichtsabnahme empfohlen. Schreitet die Hüftarthrose fort und schränkt sie das Alltagsleben stark ein, ist auch ein künstliches Hüftgelenk (Hüft-TEP) möglich.
Die Themenvorschlagende weist auf eine im internationalen Vergleich hohe Anzahl an Gelenkersatzoperationen bei Hüftarthrose in Deutschland hin. Sie befürchtet, dass es eine Überversorgung in diesem Bereich geben könne und fragt, ob insbesondere durch eine frühzeitige Physiotherapie spätere Maßnahmen wie eine Gelenkersatzoperation vermieden oder verzögert werden können.
Vor diesem Hintergrund hat das vom IQWiG beauftragte Wissenschaftlerteam aus den verschiedenen Perspektiven eines HTA-Berichts untersucht, ob eine Physiotherapie eine Hüft-TEP bei Patientinnen und Patienten mit Hüftarthrose verzögern oder vermeiden kann.
Im Bericht wird auch untersucht, ob bei Betroffenen, die eine Physiotherapie erhalten, Symptome, die für die Indikationsstellung für eine Hüft-TEP relevant sind, seltener auftreten als bei Betroffenen, die keine Physiotherapie erhalten. So könnte indirekt abgeleitet werden, dass möglicherweise auch seltener eine Indikation für eine Hüft-TEP gestellt wird.

Hinweise auf positive Effekte, aber einige Fragen bleiben offen

Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen identifizierten 14 Studien zu der Frage, ob bei Betroffenen mit Hüftarthrose eine Hüft-TEP durch Physiotherapie verzögert oder vermieden werden kann oder zumindest die Symptome beeinflusst werden können, aufgrund derer eine Indikationsstellung für eine Operation erfolgt. In diesen Studien wird ein breites Spektrum physiotherapeutischer Interventionen untersucht: von multifunktionellen Übungen zum Training von Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit über Patientenschulungen zum Selbstmanagement bis hin zu einer Behandlung mittels regelmäßiger warmer Bäder.
Die Autorinnen und Autoren des Berichts verwerteten allerdings aufgrund eines zu hohen Anteils fehlender Daten die Ergebnisse von sieben dieser Studien nicht. Außerdem ist das Verzerrungspotenzial der eingeschlossenen Studien – mit Ausnahme einer Studie – hoch. Auch ist die Interventions- und Nachbeobachtungsdauer, insbesondere bei den im Bericht betrachteten physikalischen Interventionen, teilweise sehr kurz.
Das Autorenteam hat zudem eine abgeschlossene Studie mit bisher unveröffentlichten Ergebnissen identifiziert, die gegebenenfalls bedeutsame Ergebnisse zum Endpunkt Hüftgelenkersatz enthält. Die Ergebnisse dieses ThemenCheck-Berichts zum Endpunkt Hüftgelenkersatz sind daher möglicherweise verzerrt. Darüber hinaus laufen aktuell weitere 13 Studien. Möglicherweise lassen sich nach Veröffentlichung der Ergebnisse dieser Studien die Effekte physiotherapeutischer Interventionen zuverlässiger beurteilen.
Trotz der teilweise fehlenden Daten und der geschilderten Mängel der Studien kommen die Autorinnen und Autoren des Berichtes zu dem Schluss, dass physiotherapeutisch angeleitete Übungen zum Training von Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer im Vergleich zu einer Versorgung ohne diese Programme das Risiko für einen Hüftgelenkersatz 2,5 Jahre (zwei Studien) bzw. 4,5 Jahre (eine Studie) nach Therapieende reduzieren können. Dabei zeigten sich günstige Effekte vor allem bei einem frühem Therapiebeginn im Krankheitsverlauf.
Physiotherapeutisch angeleitete Kräftigungs-, Flexibilitäts- und Ausdauerübungen, für die im Bericht positive Ergebnisse berichtet werden, bilden nur ein kleines Spektrum der physiotherapeutischen Versorgung ab. Zur Beantwortung der Frage, ob Physiotherapie eine Operation verzögern oder vermeiden kann, müssten auch weitere physiotherapeutische Interventionen über einen ausreichend langen Zeitraum untersucht werden.

Bei Hüft-TEP Zweitmeinungsverfahren möglich

Seit Oktober 2024 können gesetzlich Versicherte, denen der Einsatz einer Total- oder Teilprothese am Hüftgelenk empfohlen wird, entsprechend der Richtlinie zum Zweitmeinungsverfahren des Gemeinsamen Bundesausschusses eine zweite ärztliche Meinung einholen. Die als sogenannte Zweitmeiner tätigen Ärztinnen und Ärzte prüfen, ob die geplante Operation auch aus ihrer Sicht medizinisch notwendig ist. Zudem beraten sie die Versicherten zu möglichen Behandlungsalternativen. Der vorliegende Bericht stellt eine weitere Informationsquelle für eine solche Beratung zu möglichen Behandlungsalternativen dar.
Das IQWiG hat eine erweiterte Entscheidungshilfe „Hüftarthrose: Künstliches Hüftgelenk – ja oder nein?“ erstellt. 

Diese fasst die wichtigsten Vor- und Nachteile der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten übersichtlich zusammen.

Der ThemenCheck Medizin

Interessierte können im Rahmen des ThemenCheck Medizin Vorschläge für die Bewertung von medizinischen Verfahren und Technologien einreichen. In einem zweistufigen Auswahlverfahren, an dem auch Bürgerinnen und Bürger beteiligt sind, werden aus den eingereichten Vorschlägen pro Jahr bis zu fünf neue Themen ausgewählt, die für die Versorgung von Patientinnen und Patienten von besonderer Bedeutung sind. Die ThemenCheck-Berichte werden nicht vom IQWiG selbst verfasst, sondern von externen Sachverständigen. Deren Bewertung wird gemeinsam mit einer allgemein verständlichen Kurzfassung und einem IQWiG-Herausgeberkommentar veröffentlicht.


Die vorläufigen Ergebnisse des Berichts „Hüftarthrose: Kann Physiotherapie eine Operation verzögern oder vermeiden?“ hatte das Institut im August 2024 als vorläufigen ThemenCheck-Bericht veröffentlicht und zur Diskussion gestellt. Nach Ende des Stellungnahmeverfahrens wurde der Bericht überarbeitet und jetzt in seiner finalen Fassung veröffentlicht.

Originalpublikation:
https://www.iqwig.de/sich-einbringen/themenche

Unser Blut

Unser Blut besteht aus vielen Zelltypen, die sich über unterschiedliche Stufen aus einem Vorläufertyp entwickeln, der Blutstammzelle. 

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universitätsmedizin Frankfurt und der Goethe-Universität hat jetzt die Entwicklungswege von Blutzellen bei Menschen untersucht. 

Die Ergebnisse brachten eine Überraschung zutage: 

Auch Stammzellen verfügen über Oberflächenproteine, mit deren Hilfe sie die Aktivierung von Entzündungs- und Abwehrreaktionen des eigenen Körpers unterdrücken können. 

Der Befund ist unter anderem bedeutsam für Stammzelltransplantationen, die zum Beispiel bei der Therapie von Leukämien eingesetzt werden.

Pro Sekunde bildet ein erwachsener Mensch rund fünf Millionen neue Blutzellen, die alternde, absterbende Zellen ersetzen. 


Damit ist das Blutsystem ein hochregeneratives Organ. 


Die neuen Blutzellen werden im Knochenmark aus unspezialisierten Zellen gebildet, den Blutstammzellen. 


Aus diesen Stammzellen entwickeln sich über Zwischenstufen die Sauerstoff transportierenden Erythrozyten, die für die Blutgerinnung wichtigen Thrombozyten und die große Gruppe der weißen Blutzellen, die die Immunabwehr orchestrieren. 

Dieser Prozess wird Differenzierung genannt und muss so ablaufen, dass neue Blutzellen in einem ausgewogenen Verhältnis zu reifen Zellen aller Blutzelltypen entstehen.

Ein internationales Team von Wissenschaftler*innen der Universitätsmedizin Frankfurt/Goethe-Universität, der Universität Göteborg und der Universitätsklinik Pamplona konnte jetzt unter der Leitung von Prof. Michael Rieger von der Medizinischen Klinik 2 der Universitätsmedizin Frankfurt Differenzierungswege menschlicher Blutstammzellen in alle spezialisierte Blutzelltypen molekular entschlüsseln. 

Dabei bestimmte das Forschungsteam das Gen- und Proteinmuster von mehr als 62.000 einzelnen Zellen mittels modernster Sequenziermethoden und analysierte die dadurch gewonnenen Daten mit Hilfe von Hochleistungsrechnern.

„So haben wir einen Überblick der molekularen Vorgänge in Stammzellen erhalten und neue Oberflächenproteine entdeckt, die für die komplexe Interaktion von Stammzellen mit ihrer Knochenmarkumgebung wichtig sind,“ erklärt Rieger. 

„Das gibt uns einen detaillierten Einblick, was genau eine Zelle zur Stammzelle macht und welche Gene die Stammzelldifferenzierung organisieren. Diese neu etablierte Zukunftstechnologie in meinem Labor wird bisher ungelöste Fragen in vielen Bereichen der Gesundheitsforschung mit enormer Präzision beantworten können.“

Dabei förderten die Wissenschaftler*innen Überraschendes zutage: „Wir haben ein Protein namens PD-L2 an der Zelloberfläche von Blutstammzellen gefunden, von dem wir wissen, dass es die Immunantwort von Abwehrzellen – T Zellen – unterdrückt, indem es deren Aktivierung und Vermehrung stoppt und die Ausschüttung von Entzündungsstoffen – Zytokinen – verhindert,“ fasst die Erstautorin der Studie, die Doktorandin Tessa Schmachtel, die wichtigsten Ergebnisse der Publikation zusammen.

Wahrscheinlich diene PD-L2 dazu, immunvermittelte Schäden zu verhindern, so die Biologin. 

„Dies ist besonders wichtig für die Abwehr von reaktiven T Zellen gegen körpereigene Stammzellen und wird auch bei Transplantationen von Stammzellen von Fremdspendern eine wichtige Rolle spielen. Denn über PD-L2 könnten Abwehrreaktionen des Körpers gegen die transplantierten Stammzellen verringert werden.“

Rieger ist überzeugt: 

„Nur durch eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzt*innen, Naturwissenschaftler*innen und Bioinformatiker*innen, wie sie an der Universitätsmedizin Frankfurt gelebt wird, und durch die Etablierung internationaler Verbünde können neue, bahnbrechende Entdeckungen verwirklicht werden.“

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Prof. Dr. Michael Rieger
Medizinische Klinik 2, Hämatologie und Onkologie
Universitätsmedizin Frankfurt
Tel: +49 (0)69 6301-84297
m.rieger@em.uni-frankfurt.de
https://lymphoma-leukemia-research-frankfurt.de/ag-rieger-home/rieger-home

Originalpublikation:
Hana Komic, Tessa Schmachtel, Catia Simoes, Marius Külp, Weijia Yu, Adrien Jolly, Malin S. Nilsson, Carmen Gonzalez, Felipe Prosper, Halvard Bonig, Bruno Paiva, Fredrik B. Thorén, Michael A. Rieger: Continuous map of early hematopoietic stem cell differentiation across human lifetime. Nature Communications 16, Article number: 2287 (2025) https://doi.org/10.1038/s41467-025-57096-y

Anwerbung und Vermittlung von Pflegekräften aus dem Ausland

Die Gütegemeinschaft Anwerbung und Vermittlung von Pflegekräften aus dem Ausland e. V. (GAPA) setzt sich für transparente, qualitätsgesicherte und nachhaltige Prozesse bei der internationalen Fachkräftegewinnung ein. Dazu erteilet sie seit 2022 im Auftrag der Bundesregierung das Gütezeichen „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“. 

Die Gütegemeinschaft GAPA hat nun ein Positionspapier mit Empfehlungen und Forderungen an die künftige Bundesregierung vorgelegt, um die Fachkräftesicherung in der Pflege effizient und zukunftsorientiert zu gestalten.

Deutschland steht vor großen Herausforderungen bei der Sicherung qualifizierter Pflegefachkräfte. 

Die Anwerbung und Integration internationaler Fachkräfte ist dabei ein Teil der Lösung. 

Die Gütegemeinschaft Anwerbung und Vermittlung von Pflegekräften aus dem Ausland e. V. (GAPA) setzt sich für transparente, qualitätsgesicherte und nachhaltige Prozesse bei der internationalen Fachkräftegewinnung ein. Dazu erteilet sie seit 2022 im Auftrag der Bundesregierung das Gütezeichen „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“. Die Gütegemeinschaft GAPA hat nun ein Positionspapier mit Empfehlungen und Forderungen an die künftige Bundesregierung vorgelegt, um die Fachkräftesicherung in der Pflege effizient und zukunftsorientiert zu gestalten.

Die Mitglieder der GAPA verfügen über viel praktische Erfahrung im Bereich der nachhaltigen, fairen Anwerbung. Für die Koalitionsverhandlungen und die künftige Bundesregierung wurden Kernforderungen formuliert, um eine erfolgreiche und nachhaltige Anwerbung zu gestalten:

✅ Anerkennungsverfahren entbürokratisieren & digitalisieren – lange Bearbeitungszeiten gefährden die Attraktivität des Standorts Deutschlands..
✅ Ausländerbehörden und Anerkennungsstellen durch Zentralisierung entlasten
✅ Pflegekompetenzgesetz beschließen – (internationale) Pflegefachpersonen brauchen klare Perspektiven und die Anerkennung ihrer Kompetenzen.
✅ Fast-Lane für Gütezeichen-Nutzende – geprüfte Qualität muss zu schnelleren Visaverfahren führen.
✅ Bundeseinheitliche Refinanzierungsmöglichkeiten – faire Anwerbung muss nachhaltig finanzierbar sein.

Das Gütezeichen setzt bereits heute Standards für nachhaltige, ethische und faire Anwerbung. Jetzt sollten die politischen Rahmenbedingungen folgen.

Informationen zum Gütezeichen: https://www.faire-anwerbung-pflege-deutschland.de/

Informationen zur Gütegemeinschaft GAPA: https://www.faire-anwerbung-pflege-deutschland.de/guetegemeinschaft

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Ann-Christin Wedeking, Leiterin der Geschäftsstelle der RAL-Gütegemeinschaft Anwerbung und Vermittlung von Pflegekräften aus dem Ausland e. V. im KDA: info@faire-anwerbung-pflege-deutschland.de

Originalpublikation:
https://kda.de/guetegemeinschaft-gapa-legt-positionspapier-zur-fairen-effektiven...

Weitere Informationen finden Sie unter
Informationen über das Gütezeichen
Informationen über die RAL-Gütegemeinschaft

Trennung

Unzufriedenheit in einer Paarbeziehung führt ab einem bestimmten Punkt unweigerlich zur Trennung / Neue Studie orientiert sich am Konzept des "Terminal Decline"

Das Ende einer Paarbeziehung kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern zeichnet sich schon ein bis zwei Jahre vor der Trennung relativ deutlich ab. Wie eine Studie aus der Psychologie zeigt, verläuft das Endstadium einer Beziehung in zwei Phasen. Demnach nimmt die Beziehungszufriedenheit vor einer Trennung zunächst graduell ab und erreicht etwa ein bis zwei Jahre vor der Trennung einen Transitionspunkt. "Ab diesem Wendepunkt erfolgt ein rasanter Abfall der Beziehungszufriedenheit und betroffene Paare steuern auf eine Trennung zu", sagt Prof. Dr. Janina Bühler vom Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Sie hat zusammen mit Prof. Dr. Ulrich Orth von der Universität Bern die Studie erstellt, die im Fachmagazin "Journal of Personality and Social Psychology" veröffentlicht wurde.

Nationale Studien aus Deutschland, Australien, Großbritannien und den Niederlanden bilden Basis

Es ist bekannt, dass die Beziehungszufriedenheit im Laufe einer Liebesbeziehung abnimmt. Zu einem Rückgang kommt es besonders in den ersten Jahren des Zusammenseins, ein spezieller Tiefpunkt tritt oft nach zehn Jahren ein. Anstatt jedoch auf die Prozesse zu schauen, die seit dem Beginn einer Beziehung abgelaufen sind, betrachten Janina Bühler und Ulrich Orth in der aktuellen Studie Partnerschaften und ihre Auflösung vom Ende her.

Sie haben dazu vier repräsentative Studien aus Deutschland, Australien, Großbritannien und den Niederlanden ausgewertet – also aus westlichen Ländern, in denen sich Menschen in der Regel frei für eine Trennung von ihrem Partner entscheiden können. Zu jedem der vier Datensätze mit insgesamt 11.295 Personen gab es eine etwa gleich große Kontrollgruppe von Personen, die sich später nicht getrennt haben. Die Erhebungen erfolgten in den vier Ländern unterschiedlich lange während 12 bis 21 Jahren. Für Deutschland stützten sich die Autoren auf das Beziehungs- und Familienpanel pairfam, eine multidisziplinäre Längsschnittstudie zur Erforschung der partnerschaftlichen und familialen Lebensformen hierzulande. In allen Ländern wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils gebeten zu beantworten, wie zufrieden sie gerade mit ihrer Beziehung sind.

Bühler und Orth untersuchten anhand der Datensätze, wie sich die Beziehungszufriedenheit der Partner vor dem Hintergrund der späteren Trennung entwickelt hat. "Um sich auflösende Partnerschaften besser zu verstehen, haben wir deren Entwicklung vom Ende her betrachtet. Dafür haben wir ein Konzept angewandt, das auf anderen Gebieten der Psychologie bereits etabliert ist", erklärt Janina Bühler. Anhand der vier national repräsentativen Studien konnte gezeigt werden, dass es einen sogenannten "Terminal Decline" in Beziehungen gibt. Dieser Rückgang der Zufriedenheit gliedert sich in zwei Phasen: Zunächst sinkt die Beziehungszufriedenheit in der präterminalen Phase über mehrere Jahre hinweg nur ganz leicht. Aber dann kommt es zu einem Knick, der als Transitionspunkt bezeichnet wird und ab dem die Beziehungszufriedenheit stark abfällt. Die terminale Phase oder Endphase ab diesem Wendepunkt dauert zwischen 7 und 28 Monaten, also im Durchschnitt ein bis zwei Jahre. "Ist diese Phase erreicht, kommt es später ausnahmslos zur Trennung. Dies sehen wir daran, dass nur die Trennungsgruppe, aber nicht die Kontrollgruppe diese Endphase erreicht", beschreibt Janina Bühler den Ablauf.

Endphase der Beziehung wird von den Partnern unterschiedlich eingeschätzt

Allerdings ist der Wendepunkt nicht für beide Partner gleich. Die Person, die letztlich die Trennung einleitet, ist schon zu einem früheren Zeitpunkt mit der Beziehung unzufrieden. Dagegen erlebt die Person, die verlassen wird, den Transitionspunkt erst relativ spät vor der Trennung, dann aber nimmt die Beziehungszufriedenheit rapide ab.

"Paare gehen also durch verschiedene Phasen hindurch, sie trennen sich in der Regel nicht von heute auf morgen, und diese Phasen werden von beiden Partnern unterschiedlich erlebt", so Janina Bühler. Aber sie suchen häufig erst dann Hilfe, wenn der Transitionspunkt erreicht und es somit oft schon zu spät ist. "Es ist wichtig, dass wir diese Muster erkennen. Wenn sich die Partner in der präterminalen Phase befinden, noch bevor es steil bergab geht, können Bemühungen zur Verbesserung der Beziehung effektiver sein und eine Trennung kann vielleicht verhindert werden", sagt die Psychologin, die selbst auch Paartherapeutin ist.

Auszeichnung der APS für innovative Beiträge zum Fachgebiet

Janina Bühler ist seit Januar 2022 Juniorprofessorin für Persönlichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik an der JGU und leitet seit Januar 2024 eine Emmy Noether-Nachwuchsgruppe, die sich mit den Wechselwirkungen zwischen Beziehungsereignissen und der Persönlichkeit der Partner befasst. Sie erhielt im Februar 2025 die Auszeichnung "Rising Star" der Association for Psychological Science (APS). Mit dieser Auszeichnung werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer frühen Karrierephase für ihre innovative Arbeit gewürdigt, die das Fachgebiet vorangebracht hat und ein großes Potenzial für weitere Beiträge erkennen lässt.

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Juniorprof. Dr. Janina Bühler
Abteilung Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik
Psychologisches Institut
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz
Tel. +49 6131 39-27817
E-Mail: jbuehler@uni-mainz.de
https://www.ppd.psychologie.uni-mainz.de/jun-prof-dr-janina-buehler/

Originalpublikation:
J. L. Bühler und U. Orth, Terminal decline of satisfaction in romantic relationships: Evidence from four longitudinal studies, Journal of Personality and Social Psychology, 20. März 2025,
DOI: 10.1037/pspp0000551
https://www.psycnet.org/doi/10.1037/pspp0000551

Jugendspieler

Fußball-Vereine bewerten ihre jungen Talente systematisch falsch. 

Dadurch entgehen ihnen Millionensummen. Das zeigt eine neue Studie, die Lukas Tohoff von der ROCKWOOL Foundation Berlin (RFBerlin) und sein Ko-Autor Mario Mechtel von der Leuphana Universität Lüneburg jetzt im Journal of Sports Economics veröffentlicht haben. 

„Die Vereine verlieren Millionen, weil sie kurzfristige körperliche Vorteile mit echtem Talent verwechseln und sehr gute Spieler übersehen. 

Unsere Ergebnisse aus Deutschland lassen sich übertragen auf andere Sportarten und die meisten Fußball-Ligen in Europa und Südamerika“, sagt Tohoff.

Jugendspieler werden nach Leistung aus ihren Geburtsjahrgängen ausgewählt. Diejenigen, die früher in einem Jahr geboren wurden, sind zunächst körperlich oft weiterentwickelt als ihre später im Jahr geborenen Mitspieler.

 „Diese kurzfristigen Vorteile führen dazu, dass besonders viele Spieler aus den ersten Monaten eines Jahres in die Nachwuchs-Leistungszentren (NLZ) aufgenommen und dann gefördert werden. Dadurch fallen viele Talente aus dem zweiten Halbjahr durchs Raster, denn sie werden zunächst unterschätzt“, sagt Mechtel. „Mit einer ausgewogeneren Auswahl ließe sich das beheben. Jeder einzelne Verein, der Spieler aus den NLZs verkauft, könnte höhere Erlöse erzielen. Sie wären dann im Verlauf ihrer Karriere im Durchschnitt 1,7 bis 2,2 Millionen Euro wert statt 1,3 Millionen Euro.“ Wenn alle Vereine das machen würden, könnten die Preise aber auch wieder etwas sinken.

Die Studie zeigt, dass 44,6 Prozent der geförderten Spieler bei den U-19 Spielern in den NLZ im ersten Vierteljahr geboren wurden, statt etwa 25 Prozent, wie ihr Anteil am Jahrgang beträgt. 71,5 Prozent sind aus dem ersten Halbjahr, statt 50 Prozent. Die wenigen Spieler aus dem zweiten Halbjahr verfügen aber im Durchschnitt über mehr Talent, denn sie entwickeln sich später viel besser und erzielen höhere Marktwerte. „Das ist ein klares Zeichen für fehlerhafte Auswahlprozesse“, sagt Tohoff. „Die langfristigen Folgen sind schwerwiegend. Nur wenige Monate ältere Spieler werden bevorzugt, obwohl sie nicht zwangsläufig mehr Talent besitzen. Umgekehrt müssen später im Jahr geborene Spieler viel besser sein, um überhaupt ausgewählt zu werden. Das zieht sich durch bis in die Bundesliga und bis in die Nationalmannschaft.“

Untersucht wurden 2.383 ehemalige U15- bis U19-Spieler aus den 17 erfolgreichsten Zentren in Deutschland. Die Spieler wurden geboren zwischen 1988 and 2001.

Studie: “Fading Shooting Stars – The Relative Age Effect, Ability, and Foregone Market Values in German Elite Youth Soccer”, von Lukas Tohoff und Mario Mechtel erscheint demnächst in: Journal of Sports Economics, Ausgabe März 2025

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Prof. Dr. Mario Mechtel, mario.mechtel@leuphana.de, Tel.: 04131/ 677 26 36
Lukas Tohoff, lut@rfberlin,com, Tel.: 0152/ 32 79 33 43

Langzeiteffekten von Musiktherapie

Eine neuer Cochrane Review hat Hinweise darauf gefunden, dass eine Musiktherapie Menschen mit Demenz zugutekommen kann, insbesondere durch die Verbesserung der Symptome von Depressionen.

Demenz ist ein Sammelbegriff für fortschreitende degenerative Gehirnerkrankungen, die Gedächtnis, Denken, Verhalten und Emotionen beeinträchtigen. 

In Deutschland sind rund 1,5 Millionen Menschen von Demenz betroffen. 

Manche Menschen mit Demenz verlieren in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium die Fähigkeit, sich klar und verständlich mit Worten auszudrücken. 

Sie können jedoch oft weiterhin Melodien summen oder sich musikalisch beteiligen.

Die World Federation of Music Therapy (WFMT) definiert Musiktherapie als „die professionelle Nutzung von Musik und ihren Elementen zur gezielten Intervention in medizinischen, pädagogischen und alltäglichen Kontexten“. Selbst in fortgeschrittenen Krankheitsstadien kann sie eingesetzt werden, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Ein niederländisches Cochrane-Team untersuchte in einem aktuellen Cochrane Review die Ergebnisse von 30 Studien mit 1.720 an Demenz erkrankten Personen, die mindestens fünf Sitzungen Musiktherapie erhielten. 

Die Studien wurden hauptsächlich in Ländern mit hohem Einkommen durchgeführt, darunter Australien, Taiwan, die USA und verschiedene europäische Länder. Fast alle Therapien enthielten aktive Elemente wie das Spielen von Instrumenten, oft kombiniert mit rezeptiven Komponenten, beispielsweise dem Hören von live dargebotener Musik. Die meisten Teilnehmenden lebten in Pflegeheimen. Die Therapien wurden entweder individuell oder in Gruppen durchgeführt.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Musiktherapie im Vergleich zur üblichen Versorgung wahrscheinlich direkt nach der Intervention depressive Symptome verbessert (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Möglicherweise verbessern sich auch allgemeine Verhaltensprobleme (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Ob sich die Musiktherapie auf Unruhe, Aggression, emotionales Wohlbefinden oder Kognition auswirkt, ist unklar. Die derzeit vorliegende, begrenzte Evidenz zeigt hierauf keinen Effekt. Im Vergleich zu anderen Aktivitäten wie Malen, verbessert eine Musiktherapie direkt nach der Intervention möglicherweise das Sozialverhalten und verringert möglicherweise Ängste (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Ob die Effekte länger anhalten (vier Wochen oder länger nach Behandlungsende) ist aufgrund der begrenzten Anzahl von Studien, die die Auswirkungen nach Beendigung der Behandlung beobachten, noch ungewiss.

Weitere Forschung zu den Langzeiteffekten von Musiktherapie ist erforderlich. Da ein Großteil der vorhandenen Erkenntnisse aus Pflegeheimen stammt, wäre eine Ausweitung der Studien auf gemeindenahe Umgebungen wünschenswert.

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Dr. Birgit Schindler
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Übersetzungskoordination

Originalpublikation:
https://www.cochrane.org/de/CD003477/CENTRALED_hilft-musiktherapie-menschen-mit-...

Online-Vortrag „Mehr Ruhe im Kopf: Grübeln & Overthinking stoppen“ verbindet die Psychologin Nicola Johnsen am 02. April 2025 um 18:00

Endlose Gedankenschleifen, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen: Grübeln und Overthinking können unsere Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Doch warum neigen wir dazu, und wie wirkt sich das auf unsere Psyche und unseren Körper aus? 

In ihrem Online-Vortrag „Mehr Ruhe im Kopf: Grübeln & Overthinking stoppen“ verbindet die Psychologin Nicola Johnsen am 02. April 2025 um 18:00 Uhr psychologische Erkenntnisse mit den biologischen Auswirkungen von Overthinking und zeigt, wie sich das Gedankenkarussell stoppen lässt. 

Die Veranstaltung wird von Prof. Dr. Viviane Scherenberg moderiert.

Warum geraten wir ins Grübeln, und wie entstehen Gedankenmuster, die uns festhalten? Wie wirkt sich Overthinking auf unser Gehirn, unser Stresslevel sowie unsere körperliche Gesundheit aus? Und wie lässt sich das negative Gedankenkreisen stoppen, sodass wir uns wieder auf Positives konzentrieren können? Diese und weitere Fragen beantwortet Nicola Johnsen in ihrem Online-Vortrag. Sie zeigt den Teilnehmenden einfache Methoden auf, die für mehr Ruhe und Klarheit im Kopf sowie einen gelasseneren Umgang mit Herausforderungen sorgen können. Darüber hinaus stellt Johnsen bewährte Techniken vor, um Emotionen besser wahrnehmen und regulieren sowie Gedankenschleifen durchbrechen zu können.

Zur Teilnahme am Online-Vortrag benötigen Interessierte entweder Computer, Smartphone oder Tablet mit Internetzugang und Audioausgabe. Mit der Anmeldung bis zum 01. April 2025 per E-Mail an studienorganisation(at)apollon-hochschule(dot)de erhalten externe Teilnehmende die Zugangsdaten zum virtuellen Vortragsraum, der am 02. April ab 17:45 Uhr geöffnet ist. Studierende der APOLLON Hochschule finden die Anmeldemöglichkeiten und Zugangsdaten in den Informationen auf dem Online-Campus.

Nicola Johnsen absolvierte ein Studium der Psychologie mit dem Schwerpunkt Kognitive Neurowissenschaften. Aufgrund ihrer Expertise im Bereich des Betrieblichen Gesundheitsmanagement bzw. der betrieblichen Gesundheitsförderung ist sie in diesem Bereich eine gefragte Trainerin, Speakerin und Projektmanagerin. Seit über sechs Jahren leitet Nicola Johnsen das Institut für psychologische Wege, das sich auf die Stärkung der psychischen Gesundheit und das Wohlbefinden von u.a. Mitarbeitenden in Unternehmen spezialisiert hat.

Prof. Dr. Viviane Scherenberg ist Vizepräsidentin für Strategische Kooperationen und Transfer sowie Dekanin für Public Health und Umweltgesundheit an der APOLLON Hochschule. Bei ihrer Arbeit ist es ihr ein besonderes Anliegen, angehende Präventionsmanager und Public-Health-Expertinnen und -Experten bestmöglich auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen vorzubereiten. Auf wissenschaftlicher Ebene beschäftigt sie sich damit, innovative Themen, wie etwa E-Public-Health, digitale Prävention oder auch Präventionsmarketing aus anderen Wissenschaftsbereichen auf den Präventions- und Gesundheitsbereich zu übertragen. Sie ist seit mehr als 15 Jahren Mitglied in der Gesellschaft für Nachhaltigkeit und im Netzwerk Nachhaltige Ökonomie.

Verbindung zwischen Stress, Immunsystem (konkret: neutrophilen Granulozyten) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Am LMU Klinikum in München startet Dr. Kami Alexander Pekayvaz eine Nachwuchsgruppe. 

Er untersucht die Verbindung zwischen Stress, Immunsystem (konkret: neutrophilen Granulozyten) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das DZHK finanziert das Projekt die nächsten sechs Jahre mit 1,65 Millionen Euro.

Stress sicherte in der Evolution das Überleben. 

Doch was einst lebensrettend war, könnte heute lebensbedrohlich sein. 

Wenn beim Steinzeitmenschen bei einer Verletzung, etwa durch einen Säbelzahntigerbiss, das Immunsystem ansprang und der Körper nützliche kleine Blutgerinnsel (Mikrothromben) bildete, um Krankheitserreger einzufangen, könnten Stresshormone wie Adrenalin dabei geholfen haben.

Heute erforscht Dr. Kami Pekayvaz als Leiter einer neuen DZHK-Nachwuchsgruppe ob und wie Stress beim modernen Menschen Thrombosen, also schädliche Blutgerinnsel begünstigt – und damit Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Lungenembolie.

Der junge Arzt versorgt am Münchner LMU Klinikum Patienten und forscht parallel. 

“Ich sehe hier häufig Patienten oder -Patientinnen mit Herzinfarkten oder anderen thrombotischen Erkrankungen, die akut Stress hatten: 

Zum Beispiel durch psychische Belastung.

Wir wissen, dass Stress und die damit verbundenen Hormone wie Adrenalin das Risiko für solche Erkrankungen erhöht. Bislang ist jedoch unklar, wie genau diese Hormone auf das Immunsystem wirken und damit Thrombosen fördern. Jetzt habe ich die Chance, der Erfahrung aus meinem klinischen Alltag wissenschaftlich mit meiner Nachwuchsgruppe auf den Grund zu gehen”, so Pekayvaz. Das DZHK finanziert die Nachwuchsgruppe zur Erforschung der Adrenalin-Neutrophilen-Achse die nächsten sechs Jahre mit 1,65 Millionen Euro.

Rolle des Immunsystems bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen besser verstehen

Neutrophile sind wichtige Abwehrzellen des Immunsystems, die schnell auf Infektionen, keimfreie Entzündungen oder Umweltstress reagieren. Gleichzeitig schüttet der Körper akute Stresshormone wie Adrenalin aus – in der Fachsprache unter dem Begriff Katecholamine zusammengefasst.

„Eine Katecholamin-Neutrophilen-Achse könnte evolutionär bedeutsam sein, um bakterielle Infektionen mittels Thromben in kleinen Gefäßen einzudämmen. Andererseits könnte sie unter modernem Umweltstress auch schädliche Blutgerinnsel in großen Gefäßen verursachen, also makrovaskuläre Thrombosen“ so Pekayvaz. „Dieses Projekt bietet die Chance, die Rolle des Zusammenspiels von Stresshormonen und dem Immunsystem bei thrombotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen besser zu verstehen“, erklärt der Forscher.

Kami Pekayvaz absolvierte sein Medizinstudium in München mit Aufenthalten unter anderem an der University of Oxford. Er promovierte über Atherosklerose und forscht am LMU Klinikum seit Jahren zur Schnittstelle zwischen Inflammation und kardiovaskulären Erkrankungen mittels neuester translationaler Analysemethoden.

Brücke zwischen Labor und Klinik

„Wir schauen uns in vitro und in vivo – also im Reagenzglas und im Tiermodell – an, was passiert, wenn Neutrophile und Adrenalin zusammenkommen. Und wir schauen, was passiert, wenn Neutrophile nicht auf Adrenalin reagieren können, weil wir die Rezeptoren für diese Stresshormone blockieren“, erklärt Pekayvaz. „Uns interessiert: Wie entwickeln sich schädliche Gefäßverschlüsse, also venöse oder arterielle Thrombosen, unter diesen Bedingungen? Und welche Folgen hat das für eine bakterielle Sepsis bei der die Immunabwehr Mikrothromben nutzt, um Erreger einzudämmen.“

Dazu greifen Pekayvaz und sein Team aus Medizinern, Biologen und Bioinformatikern am LMU Klinikum auf modernste Techniken der Einzelzell-Analyse und -Mikroskopie sowie neu entwickelte genetische Mausmodelle zurück. Sie analysieren Blutproben von Patientinnen und Patienten mit Herzerkrankungen – und schaffen so eine Brücke zwischen Labor und Klinik.

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Dr. med. Kami Alexander Pekayvaz, Medizinische Klinik I, LMU Klinikum, kami.pekayvaz@med.uni-muenchen.de
Weitere Informationen finden Sie Unter


Zum Profil von Dr. Kami Alexander Pekayvaz