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Prof. Maik Gollasch: Chronische Nierenerkrankungen (CKD) und Gebrechlichkeiten und Stürze: Einladung zur Studie ab 65 Jahre

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Studienzentrum MV-Fit/SHIP-AGE am Kreiskrankenhaus Wolgast eröffnet

  • Wie bleiben wir lange gesund und welche Rolle spielt dabei die Niere?

 In dieser Woche wurde am Kreiskrankenhaus Wolgast das Untersuchungszentrum für die neue Gesundheitsstudie MV-Fit/SHIP-AGE der Universitätsmedizin Greifswald eröffnet. 

Im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung fand eine Ausstellung mit dem preisgekrönten Fotografen Karsten Thormaehlen statt, der 50 Arbeiten aus seiner Serie „Young at Heart“ mit jung gebliebenen Seniorinnen und Senioren zeigte. 

Zu den Gästen zählte auch der Direktor des DLR-Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin Köln, Prof. Jens Jordan. 

Wollen jetzt durchstarten – das Studienteam MV-Fit (nicht vollständig) mit Studienleiter Prof. Maik Gollasch (mi.). Wollen jetzt durchstarten – das Studienteam MV-Fit (nicht vollständig) mit Studienleiter Prof. Maik Gollasch (mi.). Foto: UMG/Annina Rehbein  Heike Kynast (v.li. Studienschwester), Dr. Julia Rüdebusch (Projektkoordinatorin), Prof. Maik Gollasch (Studienleiter), Sophie Oldag (Leitende Studienschwester) und Oberarzt Dr. Marwan Mannaa.

MV-Fit (Mecklenburg-Vorpommern Frailty Interventional Trial) ist eine großangelegte Gesundheitsstudie, die sich intensiv mit dem Thema „Gesundes Altern“ auseinandersetzt. 

Die Studie wird von Prof. Maik Gollasch, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin D (Geriatrie) an der Universitätsmedizin Greifswald, geleitet und in Höhe von 2,6 Mio. Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.  

Eigens für die Studie wurde im Kreiskrankenhaus Wolgast ein modernes Geriatrisches Untersuchungszentrum eingerichtet. 

Die künstlerische Ausgestaltung lag in den Händen des „Jahrhundertfotografen“ Karsten Thormaehlen, der sich mit seinen beeindruckenden Porträts von über 100-jährigen weltweit einen Namen gemacht hat.

„Mit der Studie MV-Fit starten wir heute nicht nur ein weiteres ambitioniertes und innovatives Forschungsvorhaben. Zugleich knüpfen wir an unsere langjährige erfolgreiche Bevölkerungsmedizin an, mit der wir neue Maßstäbe für eine bessere Prävention und Krankenversorgung setzen konnten“, betonte der Wissenschaftliche Vorstand der Unimedizin Greifswald, Prof. Karlhans Endlich. 

Insbesondere von der Einbeziehung der in unserem Bundesland in der Bevölkerung weit verbreiteten eingeschränkten Nierenfunktion und der Folgen erhoffen wir uns wichtige neue Erkenntnisse.“

  • Chronische Nierenerkrankungen (CKD) sind ein entscheidender Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Sterblichkeit bei älteren Menschen. 
  • Mecklenburg-Vorpommern hat laut der Greifswalder SHIP-Studie (Study of Health in Pomerania) bei eingeschränkten Nierenfunktionen die höchste Verbreitung in Deutschland und Europa. 
  • Mit der MV-Fit-Studie in einer Laufzeit von zunächst drei Jahren sollen wissenschaftliche Erfahrungen gewonnen werden, um Nierenkrankheiten und Gebrechlichkeit zukünftig möglichst frühzeitig zu erkennen und Stürze zu vermeiden. 

Ziel ist ein gesundes Altern mit einem möglichst langen eigenständigen und selbstbestimmten Leben.

Mehrere Untersuchungswellen geplant

„In unserer Studie MV-Fit analysieren und bewerten wir den Gesundheitszustand von Frauen und Männern ab 65 Jahren im Sinne eines gesundes Alterns“, erläuterte Studienleiter Prof. Maik Gollasch. 

„Die Analyse und Bewertung dient der Vermeidung von Gebrechlichkeit (Frailty) und Stürzen im Alter.  

Wir wollen dabei schwerpunktmäßig die Auswirkungen einer eingeschränkten Nierenfunktion auf die Gebrechlichkeit bei älteren Menschen untersuchen und können dafür auch den umfangreichen Datenschatz der langjährigen SHIP-Studie nutzen.“

  • In der Studie erhalten alle Teilnehmenden eine sehr umfangreiche geriatrische Untersuchung, die Messungen des Blutdrucks und Kreislaufs, der körperlichen Aktivität, der Nierenfunktion, Knochendichte, Muskelmasse und Fettverteilung. 

„Aus den Ergebnissen leiten wir persönliche Empfehlungen wie beispielsweise therapeutische Trainingsprogramme, altersgerechte Ernährung und Medikamentenverträglichkeit ab und stellen diese den Probanden zur Verfügung“, so der Facharzt für Innere Medizin, Geriatrie und Nephrologie. 

Die Untersuchungen sollen regelmäßig über drei Jahre wiederholt werden, um mittel- und langfristige Veränderungen im Gesundheitszustand älterer Menschen erforschen zu können.
Einzigartige Komplexität der Untersuchungen

Bei den etwa vier- bis sechsstündigen Untersuchungen mit Pausen kommen eine Vielzahl neuster Messmethoden zum Einsatz. 

So erfolgt die Sturzrisikoeinschätzung durch einen elektronischen Ganganalysenteppich, der mit 30.000 Sensoren ausgestattet ist. 

Die Knochendichtemessung (DXA) wird mit einem digitalen Röntgenverfahren mit minimaler Strahlendosis erfasst. 

Mittels bioelektrischer Impedanzanalyse kann die Körperzusammensetzung bestimmt werden.

Die Finapres-Methode gilt als Goldstandardverfahren der unblutigen ganzheitlichen Kreislaufmessung. 

Die Pulswellenanalyse gibt Aufschluss über die Funktionsweise des Gefäßsystems und der Kreislaufsituation.

Eine umfassende Nierenfunktionsuntersuchung dient der genauen Bestimmung der Leistungsfähigkeit des Hochleistungsorgans. 

Zum Untersuchungsprogramm gehören ferner medizinische Basismessungen, ein Interview und drei Fragebögen zum Allgemeinbefinden, zum Schlafverhalten und zur Beweglichkeit.
 

„Das Untersuchungsprogramm bietet eine einzigartige Komplexität an Informationsgewinnung“, unterstrich Prof. Maik Gollasch, „die uns weitreichende Erkenntnisse ermöglichen kann.“ Zum Team gehören zwei Fachärzte, eine Studienkoordinatorin sowie vier Studienschwestern.

Kooperation mit der Raumfahrtmedizin

Die Sprungkraft der Beine wird direkt mittels einer speziellen Sprungkraftplatte gemessen. Diese Methode wurde am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln entwickelt, um die Sprungkraft von Astronautinnen und Astronauten vor und nach Flügen in das Weltall zu beurteilen. Die Sprungkraft wird vollautomatisch bestimmt, auch wenn ein sichtbares Abheben nicht möglich ist.
„Am DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin forschen wir, um Menschen im Weltraum, in der Luftfahrt und auf der Erde gesund und leistungsfähig zu erhalten. Dabei gibt es viele Berührungspunkte zwischen Raumfahrtmedizin und Altersmedizin“, hob der Direktor Prof. Jens Jordan hervor. „Die extremen Umweltbedingungen im Weltraum wie Schwerelosigkeit, Strahlenbelastung und Isolation bewirken körperliche Abbauprozesse, die einer Alterung im Zeitraffer gleichen. Dem wollen wir effektiv entgegenwirken, um sichere astronautische Raumfahrt zu ermöglichen, aber auch Menschen in höherem Lebensalter gesund zu erhalten. Umgekehrt können wir in der Luft- und Raumfahrtmedizin viel von älteren Menschen lernen. Die Kooperation mit MV-Fit bietet dafür fantastische Möglichkeiten.“

Jung im Herzen - Wertschätzung durch individuelle Gestaltung

Das Studienzentrum, das aus mehreren speziellen Untersuchungsräumen besteht, wurde mit großformatigen Fototapeten des Künstlers Karsten Thormaehlen ausgestaltet. Es zeigt die aktiven Protagonisten des Fotografen und auch 20 Hundertjährige, die er in vielen Ländern für die Ewigkeit eingefangen hat.

Der Rheinland-Pfälzer war weltweit für Konzerne und ihre Werbekampagnen unterwegs, bevor er sich international einen Namen als „Jahrhundertfotograf“ gemacht hat. Seit vielen Jahren befasst sich der 58-Jährige mit demografischen und soziokulturellen Auswirkungen alternder Gesellschaften und sucht dabei insbesondere den Kontakt und Austausch mit hochbetagten, aber junggebliebenen Seniorinnen und Senioren. Vor allem die Lebenserfahrung, das Authentische, die innere Ruhe und die strahlenden Augen seiner bevorzugten Zielgruppe haben es dem Fotografen angetan.
 

Im Foyer des Kreiskrankenhauses Wolgast werden zudem anlässlich der Eröffnung des neuen Studienzentrums 50 Werke aus seiner jüngsten Fotoserie „Young at Heart“ gezeigt.

„Mich hat das Anliegen der Studienteams gereizt, durch eine individuelle Gestaltung den Probanden eine besondere Wertschätzung entgegenzubringen“, sagte Karsten Thormaehlen. 

„Diese Menschen sind in unseren Augen weitaus mehr als nur Gegenstand der Untersuchungen. Es geht darum, die fortgeschrittene Lebensphase ins positive Licht zu rücken und die berechtigten Bedürfnisse der älteren Generation stärker wahrzunehmen.“

Diesem Ansatz schloss sich Prof. Maik Gollasch an, der auch seit 2019 das Altersmedizinische Zentrum am Kreiskrankenhaus Wolgast leitet. „Neben den personalisierten Ansätzen für die einzelnen Probanden geht es bei unserer Studie vor allem darum, die Gesundheitsversorgung älterer Menschen nachhaltig zu verbessern.“

Teilnahme an der Studie MV-Fit


Frauen und Männer ab 65 Jahren, die gern an der Studie teilnehmen möchten, können sich bei dem Probandenmanagement melden: 

telefonisch unter 03834–86 19 577 oder per Mail an kontakt-mvfit@med.uni-greifswald.de

Den teilnehmenden Probanden kann bei Bedarf ein Fahrdienst für die Hin- und Rückfahrt bereitgestellt werden. 

Für die Teilnahme erhalten die insgesamt 820 Probanden eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 50 Euro.

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Prof. Dr. Maik Gollasch
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Constanze Steinke Universität Greifswald

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DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin
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Karsten Thormaehlen
http://www.karstenthormaehlen.com

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https://www.togas.lu.lv/: Prof. Dr. med. Jochen Weigt: Magenspiegelung und Darmspiegelung zur Darmkrebsvorsorge und Risikobetrachtung zum Magenkarzinom

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Europaweite Studie zur Früherkennung von Magenkrebs gestartet

Pilotstudie in Magdeburg evaluiert Screening-Methode für die Prävention von Magenkrebs

Mit jährlich rund 136.000 neuen Diagnosen und etwa 97.000 Todesfällen in Europa ist Magenkrebs die vierthäufigste Krebserkrankung weltweit. Obwohl die rechtzeitige Entdeckung entscheidend für die Überlebenschancen und erfolgreiche Behandlung ist, gibt es in Europa keine wirksame Screening-Methode zur Prävention von Magenkrebs. Das Europäische Konsortium TOGAS will das ändern und hat mehrere Präventionsstudien zur Evaluierung eines Magenkrebsfrüherkennungs-Programms in der EU gestartet. In einem Teilprojekt untersuchen Forschende der Universitätsmedizin Magdeburg zusammen mit mehreren anderen europäischen Partnern die Etablierung einer Magenspiegelung als geeignetes Instrument zusätzlich zur Darmkrebsvorsorge bei Patientinnen und Patienten, die bereits eine Darmspiegelung erhalten. Eine Magenspiegelung (Gastroskopie) kann helfen, Frühstadien, aber auch Vorläuferläsionen und Risikofaktoren eines Magenkarzinoms zu identifizieren.

Prof. Dr. med. Jochen Weigt ist Leiter der Pilotstudie und stellvertretender Klinikdirektor an der Universitätsklinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie in Magdeburg. Er betont: „Leider werden die meisten Magenkrebserkrankungen erst in späteren Stadien aufgedeckt, wenn die Symptome bereits vorhanden sind.“ In diesen Fällen, so der Gastroenterologe weiter, sei eine Heilung weniger wahrscheinlich. Daher könne sich die Teilnahme an der Magenkrebsvorsorge, auch wenn noch keine Symptome auftreten, als wichtig erweisen. „Wir erwarten durch die Implementierung dieser Vorsorgemaßnahme nicht nur die Früherkennung von Magenkarzinomen zu verbessern, sondern auch wertvolle Erkenntnisse für die Entwicklung optimaler Screening-Strategien in der EU zu gewinnen“, erklärt Weigt.

Daher besteht das allgemeine Ziel von TOGAS darin, das fehlende evidenzbasierte Wissen bereitzustellen, das für die Konzeption, Planung und Umsetzung einer angemessenen Magenkrebsvorsorge in der EU genutzt werden kann. Die Herausforderungen der Studie liegen in der Vielfalt der diversen Bevölkerungsgruppen, unterschiedlichen Altersstrukturen und verschiedenen Gesundheitssystemen innerhalb Europas.

Über TOGAS

Die TOGAS-Initiative (Towards Gastric Cancer Screening Implementation in the European Union) besteht aus 50 EU-Partnern und wird von der Universität Lettland in Riga koordiniert. Das Konsortium setzt auf einen ganzheitlichen Ansatz mit drei klaren Zielen. Erstens erfolgt eine umfassende Bewertung des Status und der Bedürfnisse der Mitgliedstaaten in der Magenkrebsprävention, einschließlich Informationen über bestehende Screening-Initiativen. Zweitens wird die Eignung und Wirksamkeit verschiedener Methoden der Magenkrebsvorsorge für den Einsatz in der EU bewertet. Drittens steht die Sicherstellung der Nachhaltigkeit der Ergebnisse durch eine effektive Verbreitungsstrategie und Koordinierung im Fokus, unter Berücksichtigung der europäischen Leitlinien und Qualitätssicherungssysteme.

Das Projekt wird durch die Europäische Union in dem Programm „EU4Health“ mit 12 Millionen Euro (ca. 560.000 Euro für den Standort Magdeburg) gefördert.

Weitere Informationen unter https://www.togas.lu.lv/

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Prof. Dr. med. Jochen Weigt, Universitätsklinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie, 0391/67 13122, jochen.weigt@med.ovgu.de


Professor Wolfram Windisch: Verbot von Aromen-E-Zigaretten, Verkaufsregulierung und Abgabe- und Konsumverbot unter 18 Jahre

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Lungenmediziner fordern Aromen-Verbot für E-Zigaretten: Neue Studiendaten zeigen deutliches Schadenspotenzial auf

Neue Daten legen nahe: Aromastoffe in E-Zigaretten müssen schnellstmöglich verboten werden! 

Das fordert jetzt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). 

Grundlage dafür sind aktuelle Erkenntnisse des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel, kurz IFT-Nord. 

  • Neueste wissenschaftliche Daten zeigen, dass Aromen den Raucheinstieg erleichtern, das Suchtpotenzial erhöhen oder durch tieferes Inhalieren die Aufnahme toxischer Substanzen deutlich steigern. 

„Diese Aromen haben ein erhebliches Schadenspotenzial und müssen schnellstmöglich vom Markt genommen werden“, sagt Professor Wolfram Windisch, Präsident der DGP. 

Foto (v.l.): Professor Wolfram Windisch / Mike Auerbach; Dr. Alexander Rupp/ privat; Professor Reiner Hanewinkel/ Arian Henning Foto (v.l.): Professor Wolfram Windisch / Mike Auerbach; Dr. Alexander Rupp/ privat; Professor Reiner Hanewinkel/ Arian Henning

  • Die Fachgesellschaft stellte ein Positionspapier vor, das vor allem mit Blick auf Jugendliche von der Politik eine strengere Regulierung des Verkaufs von E-Zigaretten fordert.
  • Im Kindes- und Jugendalter ist die E-Zigarette mittlerweile das am häufigsten konsumierte nikotinhaltige Produkt, noch vor der Tabakzigarette und der Wasserpfeife.
  •  „Wir wissen, dass E-Zigaretten-Konsumenten ein dreimal höheres Risiko haben, später Tabakzigaretten zu rauchen. 
  • Wir ziehen uns also mit der E-Zigarette bei Jugendlichen und jungen Menschen eine neue Generation Nikotin-Abhängiger heran“, sagt Dr. Alexander Rupp von der DGP-Arbeitsgruppe Tabakprävention und -entwöhnung. 

Er ist federführender Autor des Positionspapiers und meint: 

„Neben einem Aromen-Verbot und der Verkaufsregulierung muss auch das Abgabe- und Konsumverbot für unter 18-Jährige im Sinne des Jugendschutzes besser kontrolliert werden.“

Blick auf die Zahlen: E-Zigaretten-Nutzung unter Jugendlichen verfünffacht

Was wir wissen: Unter den 14- bis 17-Jährigen hat sich vom Jahr 2021 auf 2022 die Nutzung von E-Zigaretten verfünffacht. Mehr als jeder Dritte – genauer gesagt 37,5 Prozent – dieser Altersgruppe hatte 2023 schon einmal E-Zigaretten konsumiert. Die Zahl der erwachsenen E-Zigaretten-Nutzenden in Deutschland lag zuletzt geschätzt bei mehr als zwei Millionen. Gleichzeitig erkranken in Deutschland jährlich rund 50.000 Menschen an Lungenkrebs. Eine der Hauptursache: Rauchen. „Bei der Bewertung von E-Zigaretten auf die Gesundheit spielten Aromen bisher eine untergeordnete Rolle. Die Ergebnisse unserer Analyse von mehreren Hundert wissenschaftlichen Arbeiten zeigen allerdings, dass Aromen sehr wohl eine wichtige Rolle spielen“, erklärt Professor Reiner Hanewinkel, Leiter des IFT-Nord. 

„Aromen vermindern den Hustenreiz. 

Sie erleichtern daher den Einstieg ins Rauchen und haben darüber hinaus eine konsumfördernde Wirkung, gerade für Jugendliche. 

Aromen ermöglichen ebenfalls ein tieferes Inhalieren, das die Aufnahme von toxischen Substanzen erhöht. 

Schließlich steigern Aromen auch das Suchtpotenzial, weil das Nikotin besser aufgenommen werden kann“, so Hanewinkel.

Blackbox Aroma-Substanzen: Es fehlen toxikologische Untersuchungen

Was die Datenanalyse auch zeigt: Experimentelle Untersuchungen beim E-Zigaretten-Konsum weisen auf Entzündungsreaktionen in der Lunge und im Herz-Kreislauf-System hin. 

 „Gleichzeitig wurden bisher nur für sehr wenige der zahlreichen unter 16.000 Geschmacksbezeichnungen verwendeten Aromastoffe toxikologische Untersuchungen durchgeführt. 

Das heißt, wir haben eine enorme Blackbox von Substanzen in den E-Zigaretten, von denen wir noch gar nicht wissen, wie sie auf die Atemwege wirken und wie sie auch untereinander agieren“, gibt Leitlinienautor Alexander Rupp zu bedenken. Erschwerend komme hinzu, dass unterstützt durch die öffentliche Werbung die Aromen als attraktiv und unbedenklich wahrgenommen werden – insbesondere von jüngeren Menschen.

Dringender Appell an die Politik: Aromen verbieten, Entwöhnungsprogramme fördern

Deswegen sieht die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin jetzt dringenden Handlungsbedarf auch im Umgang mit Aromen in E-Zigaretten. 

„Die Politik muss sich noch stärker damit auseinandersetzen, dass Rauchen und Dampfen hochgradig gesundheitsschädlich ist – eben auch der Gebrauch von E-Zigaretten, was durch die verlockenden Aromen verharmlost wird. 

Wir müssen alles dafür tun, um die Verbreitung und die Bewerbung zu reduzieren. 

Und wir müssen ausreichend aufklären, damit Betroffene auch wieder vom Rauchen wegkommen“, fordert DGP-Präsident Wolfram Windisch, Chefarzt der Lungenklinik an den Kliniken der Stadt Köln. 

„In puncto Tabakentwöhnung gehören wir in Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa. 

Das muss sich dringend ändern.“ 

70 Prozent aller Rauchenden haben den Wunsch aufzuhören. 

Die meisten schaffen es nicht, weil passende Unterstützungsangebote zur Rauchentwöhnung fehlen – aus Kostengründen. 

Passende Vorschläge zur Finanzierung solcher Programme hat die DGP der Gesundheitspolitik bereits gemacht: 

„Damit könnten wir etwa zusätzliche 40 Prozent unserer Patientinnen und Patienten vom Tabak entwöhnten“, sagt Windisch.

Über den Link geht es zum Positionspapier „Medizinische Fachgesellschaften fordern ein Verbot von Aromen in E-Zigaretten“, das von neun weiteren Fachgesellschaften und Institutionen mitgetragen wird.


Die Studie „Gesundheitsschädliche Wirkungen von Aromen in E-Zigaretten“ des IFT-Nord schicken wir auf Anfrage gerne zu weiteren fachlichen Recherchezwecken kostenfrei zu. 

Über den Link ist die Arbeit zudem kostenpflichtig online abrufbar.

Terminhinweis – Möglichkeit für Experten-Gespräche:
 

Heute am Freitag, 22. März, 10.30 bis 11.15 Uhr, Bühne in der DGP-Lounge, Mozartsaal
Pneumologie-Kongress, Congress Center Rosengarten in Mannheim

Verbot von Aromen in E-Zigaretten: Präsentation neuester Daten zu gesundheitsschädlichen Wirkungen von Aromen in E-Zigaretten – Forderungen der DGP – Veröffentlichung neues Positionspapier
Experten: DGP-Präsident Professor Wolfram Windisch, Studienautor Professor Reiner Hanewinkel, Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung, sowie der federführende Positionspapier-Autor Dr. Alexander Rupp

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Professorin Luciana Besedovsky: Gesunder Schlaf: Einwanderung von T-Zellen in die Lymphknoten - Förderung des Somatropin Wachstumshormon und Prolatkin

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Immunologie: Guter Schlaf weckt das Immunsystem

Forschende der LMU München konnten zeigen, dass Schlaf die Fähigkeit von T-Zellen fördert, in Lymphknoten einzuwandern.

Schlafen ist gesund – dieses populäre Wissen lässt sich wissenschaftlich untermauern. 

So konnten Forschende bereits früher zeigen, dass Personen, die nach einer Impfung geschlafen hatten, im Schnitt doppelt so starke Immunantworten zeigten wie Personen, die in der Nacht nach der Impfung nicht geschlafen haben. Die zellbiologischen Hintergründe waren bislang nur wenig erforscht.

Ein Team um Professorin Luciana Besedovsky vom Institut für Medizinische Psychologie konnte nun zeigen, dass Schlaf die Fähigkeit von Zellen des Immunsystems – den T-Zellen – fördert, in Lymphknoten zu wandern. Dies berichten die Forschenden im Fachjournal Brain, Behavior, and Immunity.

Signifikante Unterschiede nach durchwachter Nacht

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben bei einer Gruppe von gesunden Männern und Frauen die Konzentration verschiedener Untergruppen von T-Zellen im Blut wiederholt über zwei 24-Stunden-Sitzungen untersucht. 

Alle Teilnehmenden durften in einer der zwei Versuchsbedingungen nachts acht Stunden schlafen. In der anderen Versuchsbedingung blieben sie nachts entspannt, aber wach im Bett. Ein Unterarmkatheter, der mittels Schlauch in einen Nachbarraum führte, ermöglichte Blutabnahmen auch während des Schlafs, ohne die Probandinnen und Probanden zu wecken.

Bei der Analyse der Blutproben zeigten sich dann signifikante Unterschiede zwischen den Versuchsbedingungen: 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Schlaf die Wanderungsbereitschaft verschiedener T-Zell-Subpopulationen fördert“, sagt Besedovsky.

Einwanderung von T-Zellen in Lymphknoten

Wie die Forschenden zeigten, wird durch Schlaf die gerichtete Wanderung der T-Zellen hin zu einem Signalprotein, dem sogenannten „Homing“-Chemokin CCL19 gesteigert. 

Dieses Molekül vermittelt die Einwanderung von T-Zellen, die den entsprechenden Rezeptor für CCL19 besitzen, in die Lymphknoten. 

Dort wird die T-Zell-Immunabwehr durch Präsentation von Antigenen – etwa nach einer Impfung – „geschult“.

In weiteren Experimenten konnten die Forschenden zeigen, dass die Inkubation von T-Zellen mit Blutplasma, das von schlafenden Teilnehmenden gewonnen wurde, ebenfalls das Wanderungspotential erhöht. 

„Dies zeigt, dass lösliche Faktoren, die während des Schlafs im Blutplasma erhöht sind, den Effekt von Schlaf auf die T-Zell-Wanderung vermitteln. 

Wir können den Effekt von Schlaf also quasi im Labor mit dem Blutplasma von schlafenden Personen nachbauen“, berichtet Besedovsky.

Als entscheidende Faktoren für dieses Migrationsverhalten identifizierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Hormone Prolaktin und Wachstumshormon: 

Beide Hormone zeigen schlafabhängige Änderungen der Konzentration im Blutplasma, mit höheren Werten bei den ausgeschlafenen Probandinnen und Probanden.

„Unsere Ergebnisse haben auch potenzielle klinische Implikationen“, sagt Besedovsky. 

„So könnten sich das Wachstumshormon und Prolaktin möglicherweise als neue Wirkverstärker zur Förderung von Immunantworten nach einer Impfung eignen, insbesondere bei älteren Menschen, die häufig niedrigere Spiegel dieser Hormone im Schlaf aufweisen“. 

Insgesamt ist die Studie nach Ansicht der Autoren ein wichtiger Schritt, um besser zu verstehen, wieso Schlaf für Immunreaktionen, z.B. nach einer Impfung, förderlich ist und warum ältere Menschen oft weniger effektiv auf Impfungen reagieren. 

Themen-Zusatz von MaAB- Medizin am Abend Berlin ist hier:

  • Zeitumstellung ade? Warum Polen und Spanien die Zeitzone wechseln müssten

Eigentlich sollte die von vielen als zumindest lästig empfundene Zeitumstellung längst passé sein, wie Professor Dr. Korbinian von Blanckenburg, Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL), berichtet. Doch es ist ein bisschen wie in der Hollywood-Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“: Am Sonntag, 31. März, werden die Uhren in der Nacht von 2 auf 3 Uhr einmal mehr vorgestellt, und wir haben wieder Sommerzeit. Dabei gäbe es eine interessante Lösung, wie der Wissenschaftler betont.

Eigentlich hatte sich das EU-Parlament 2019 mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, die 1980 erneut eingeführte Zeitumstellung abzuschaffen. Doch wann und ob dies geschieht, steht derzeit noch nicht mal auf der Sonnenuhr. Das hat einerseits mit der großen europäischen Zeitzone zu tun, die vom Westen Spaniens bis zur Ostgrenze Polens reicht, andererseits damit, dass man sich entweder auf eine einheitliche Sommer- oder eben Winter- beziehungsweise Normalzeit verständigen müsste.

„Genau das ist der Knackpunkt“, wie Professor von Blanckenburg erläutert: „Bei ganzjähriger Normal- beziehungsweise Winterzeit hätten wir zur Sommersonnenwende Mitte Juni in Ostpolen von 3 bis 20 Uhr Sonne, in Westspanien von 6 bis 21.30 Uhr.“ Doch wohl nur wenige Menschen würden sich über Sonnenlicht um 3 Uhr in der Früh freuen.

Die Sache ist vertrackt. „Sehen wir uns als einmal das andere Extrem an: Würde man sich auf die Sommerzeit als neuen Standard festlegen, hätte man zur Wintersonnenwende Mitte Dezember in Westspanien Sonne von circa 10 bis 19 Uhr. In Deutschland von 9.15 Uhr bis 17 Uhr. Der späte Sonnenaufgang wird dabei von vielen Menschen als nicht optimal empfunden.“

Geringe Wirkung

Die Zeitumstellung war vor nunmehr 44 Jahren als Nachwirkung der Energiekriese eingeführt worden, um Strom zu sparen. „Wir haben herausgefunden, dass Privathaushalte durch die Umstellung auf Sommerzeit tatsächlich weniger Strom verbrauchen. Doch die Wirkung ist gering. Privathaushalte verbrauchen am meisten Strom nach Feierabend. Morgens ist der Stromverbrauch hingegen das ganze Jahr über relativ konstant, da in der Frühstückszeit Toaster oder Kaffeemaschinen so oder so benutzt werden“, erklärt von Blanckenburg.

Einen größeren Effekt habe die Freizeitgestaltung: „Die Menschen sind länger draußen, wenn es länger hell ist, sitzen auf dem Balkon oder der Terrasse oder drehen noch eine Runde um den See, anstatt den Fernseher anzumachen.“ In der Sommerzeit, berichtet der Experte der TH OWL, werde also tatsächlich weniger Strom verbraucht.

Korbinian von Blanckenburg: „In der Bundesrepublik sind es nach unseren Berechnungen 0,8 Prozent. Bei den derzeitigen Strompreisen kommen so 600 bis 700 Millionen Euro jährlich zusammen. Bei einer Familie mit drei Kindern läge damit die Ersparnis bei nur rund zwölf Euro pro Jahr. Setzt man dies ins Verhältnis zu den negativen Folgen der Zeitumstellung – etwa Biorhythmus, Schlafzyklen – wird die Stromersparnis wohl weitestgehend relativiert. Würde die Sommerzeit auf das ganze Jahr ausgedehnt werden, sparten Haushalte in Deutschland immerhin rund 1,3 Prozent Strom gegenüber der ganzjährigen Winterzeit ein. Die Sommerzeit im Winter hätte also einen zusätzlichen Effekt von etwa 0,5 Prozent.“

Ganzjährige Winterzeit in der Bundesrepublik?

Oder anders gesagt: Orientiert man sich nicht an der maximalen Stromersparnis, sondern wie nah der Sonnenstand um 12 Uhr mittags tatsächlich am Zenit ist, wäre für Deutschland die ganzjährige Winterzeit am besten. „Das bedeutet für Polen allerdings wie oben beschrieben, dass dort die Sonne im Sommer sehr früh und in Spanien im Winter recht spät aufgehen würde“, resümiert von Blanckenburg.

Sein Lösungsvorschlag: „Wir brauchen eine Neusortierung der Zeitzonen. Länder östlich von Deutschland wechseln in die Zeitzone ‚GMT +2‘. Und Spanien wechselt in die ‚GMT‘ und wäre damit in derselben Zeitzone wie Portugal oder Großbritannien. 

Dann hätte man das Problem nicht, dass eine ganzjährige Sommer- oder Winterzeit die Spanier so extrem treffen würde.“

Resultat der Neusortierung wäre, dass am 21. Juni in Ostpolen die Sonne von 4 bis 21 Uhr zu sehen wäre, am 21. Dezember von 8.30 bis 16 Uhr. Deutschland hätte zum Stichtag 21. Juni Sonne von 4 bis 20.30 Uhr und am 21. Dezember von 8.15 bis 16 Uhr. In Spanien würde am 21. Juni gelten: Sonne von 5 bis 20.30 Uhr sowie am 21. Dezember von 8 bis 17 Uhr. „Wann und ob eine Neuregelung kommt, kann ich natürlich nicht sagen. Aber wie man es auch dreht und wendet, sie ist längst überfällig“, resümiert Professor Korbinian von Blanckenburg. 

unterstützt von Herrn Harald Fichtner Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe

 

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Professorin Dr. Luciana Besedovsky
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Katrin Roeder
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Constanze Drewlo
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Thomas Pinter
Telefon: 089 - 2180 3664
E-Mail-Adresse: pinter@lmu.de

 


Originalpublikation:

Estefanía Martínez-Albert, Nicolas D. Lutz, Robert Hübener, Stoyan Dimitrov, Tanja Lange, Jan Born & Luciana Besedovsky: Sleep promotes T-cell migration towards CCL19 via growth hormone and prolactin signaling in humans. Brain, Behavior, and Immunity 2024
https://doi.org/10.1016/j.bbi.2024.02.021

 

Hormon Insulin: Die Energieversorgung des Körpers (Alterungsprozess und neurologische Erkrankungen) https://www.kjh-leuchtturm.de/

Medizin am Abend  Berlin - MaAB-Fazit: Insulin steuert Recycling von Zellkraftwerken

Hinweis in eigener Sache: Bitte besuchen Sie die Links:

https://www.kjh-leuchtturm.de/ 

https://www.kjh-leuchtturm.de/stationaeres-hospiz/

  • Das Hormon Insulin kontrolliert viele zelluläre Vorgänge und passt sie an die Energieversorgung des Körpers an. 
  • Dass zu den Insulin-gesteuerten Vorgängen auch die Qualitätskontrolle von Zellkraftwerken in Nervenzellen zählt, fand ein Team um Angelika Harbauer am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz nun heraus. 
  • Ist im Körper ausreichend Energie vorhanden, vereinfacht Insulin den Abbau von fehlerhaften Kraftwerken. 
  • Ist Energie knapp oder das Insulinsignal gestört, wird das Recycling unterbunden und die Mitochondrien werden weitergenutzt. 

Ein solcher Weiterbetrieb fehlerhafter Zellkraftwerke könnte sich auch auf Alterungsprozesse und neurologische Erkrankungen auswirken. 

 Bei aktivem Insulin-Signal werden Pink1-mRNA-Moleküle freigegeben, zur Herstellung des PINK1-Proteins genutzt und defekte Mitochondrien effizient recycelt. Ohne Insulin-Signal bleiben die mRNA-Moleküle gebunden, das Mitochondrien-Recycling wird reduziert.

Bei aktivem Insulin-Signal werden Pink1-mRNA-Moleküle freigegeben, zur Herstellung des PINK1-Proteins genutzt und defekte Mitochondrien effizient recycelt. Ohne Insulin-Signal bleiben die mRNA-Moleküle gebunden, das Mitochondrien-Recycling wird reduziert.© Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz / Tabitha Hees

Nervenzellen stellen besondere Anforderungen an ihre Energieversorgung. 

Die weite Verzweigung der Zellen und ihr hoher Energiebedarf erfordern eine fein abgestimmte Steuerung der Zellkraftwerke in ihrem Inneren, den sogenannten Mitochondrien. Insbesondere in den langen Zellfortsätzen, den Axonen, müssen immer genügend funktionsfähige Mitochondrien vorhanden sein. Nur so können die Zellen die dort benötigte Energie für die Kommunikation mit ihren Nachbarn bereitstellen. 

CAVE: Gilt auch bei der Wundversorgung und Wundheilung: Deshalb werden Mitochondrien auch bis an die entlegensten Stellen der Nervenzellen transportiert.

Die vorangegangene Forschung von Angelika Harbauer konnte zeigen, dass die Zellkraftwerke auf ihrer Reise durch die Nervenzellen den Bauplan des für sie wichtigen Proteins PINK1 mitnehmen. „PINK1 ist ein Schlüsselprotein, wenn es darum geht, nicht mehr korrekt funktionierende Mitochondrien aus dem Verkehr zu ziehen“, erklärt die Max-Planck-Forschungsgruppenleiterin. 

„Es kann ausgediente Mitochondrien für das Recycling markieren und wird daher durch die Zellen genau reguliert.“  

Ohne diese Regulierung könnte es leicht zu einer Unterversorgung mit Mitochondrien kommen. Aber auch der Weiterbetrieb defekter Zellkraftwerke kann einer Nervenzelle schaden.

Ein Hormon mit vielfältigen Aufgaben

Wie sich nun herausstellte, ist auch das Hormon Insulin in die Qualitätskontrolle der Mitochondrien involviert. Insulin ist vorrangig für seine Funktion bekannt, die Zuckeraufnahme durch Zellen zu regulieren. Doch auch im Inneren der Zellen steuert das Hormon viele Vorgänge. Mit Hilfe von Insulin können die Arbeitsabläufe in den Zellen genau auf das momentane Energieangebot im Körper abgestimmt werden.

Im Falle des Mitochondrien-Recyclings funktioniert das folgendermaßen: Ist genügend Energie vorhanden, wird ein Signal vom Insulinrezeptor auf der Zelloberfläche zu den Mitochondrien weitergeleitet. Dort sind die PINK1-Baupläne als mRNA-Moleküle zwischengelagert. Beim Eintreffen des Insulinsignals werden sie freigegeben und die Zelle kann zusätzliches PINK1-Protein herstellen. Dieses sorgt dafür, dass defekte Mitochondrien effizient aussortiert werden. Herrscht hingegen Energieknappheit, oder fehlt das Signal des Insulinrezeptors, werden die Baupläne für PINK1 fest an die Mitochondrien gebunden. Das ermöglicht einerseits den Transport der Baupläne in die langen Zellfortsätze der Nervenzelle, verringert aber andererseits auch die Verfügbarkeit für die PINK1-Herstellung. Das Recycling von Mitochondrien wird verringert – auch wenn das zum Weiterbetrieb von beschädigten Kraftwerken führen kann.

„Wir hatten erwartet, dass die Bindung der mRNA-Moleküle an die Mitochondrien die PINK1-Produktion begünstigt“, sagt Tabitha Hees, Erstautorin der Studie. „Überraschenderweise ergaben unsere Experimente, dass das nicht der Fall ist. Offenbar ist es bei Energieknappheit für die Zellen günstiger, weniger PINK1 zu produzieren und möglicherweise defekte Mitochondrien weiter zu nutzen.

Gestörte Signalübertragung: Implikationen bei Erkrankungen und Alterungsprozessen

Eine ähnliche Situation tritt ein, wenn die Signalübertragung vom Insulinrezeptor zu den Mitochondrien aufgrund einer Erkrankung gestört ist. 

  • Das passiert nicht nur bei Diabetes, sondern wurde im Gehirn auch in Verbindung mit Alzheimer-Erkrankungen beobachtet. 

Zudem ist bekannt, dass eine ineffiziente Qualitätskontrolle der Mitochondrien zu verschiedenen neurodegenerativen Erkrankungen beitragen kann. 

„Unsere Beobachtungen fügen sich in unser immer besser werdendes Verständnis ein, wie die zelluläre Energieversorgung, Alterungsprozesse und Erkrankungen des Gehirns miteinander zusammenhängen“, sagt Angelika Harbauer.

Im nächsten Schritt möchten die Forschenden untersuchen, was genau mit den PINK1-Bauplänen passiert, sobald sie von den Mitochondrien in die Zelle freigegeben wurden, um neues PINK1-Protein zu produzieren. 

„Uns interessiert vor allem, wo die Produktion des PINK1-Proteins stattfindet, wenn nicht an den Mitochondrien, und wie das fertige Protein anschließend seinen Weg dorthin zurückfindet“, sagt Tabitha Hees. 

Denn erst wenn mithilfe der mRNA-Moleküle funktionsfähiges PINK1-Protein entsteht, kann das Mitochondrien-Recycling beginnen. 

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Prof. Dr. Angelika Harbauer
Max-Planck-Forschungsgruppenleiterin
Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz
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Dr. Stefanie Merker Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz

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Dr. Sabine Spehn
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E-Mail-Adresse: sabine.spehn@bi.mpg.de
Originalpublikation:

Insulin signaling regulates Pink1 mRNA localization via modulation of AMPK activity to support PINK1 function in neurons

J. Tabitha Hees, Simone Wanderoy, Jana Lindner, Marlena Helms, Hariharan Murali Mahadevan and Angelika B. Harbauer

Nature Metabolism, online 19 March 2024

DOI: 10.1038/s42255-024-01007-w


Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

https://www.bi.mpg.de/harbauer/de - Webseite der Forschungsgruppe

 

Professor Dr. Andrea Bäßler: Übelkeit, Erbrechen, Schweissausbruch, Schmerzen im Oberbauch und Rücken, Kurzatmigkeit, geringere Belastbarkeit, aussergewöhnliche Müdigkeit

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Frauenherzen verdienen besondere Aufmerksamkeit

Weltweit sterben nahezu doppelt so viele Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie an allen Krebserkrankungen zusammen. 

In Europa sogar mehr Frauen als Männer. 

Dies veranlasste das Universitätsklinikum Regensburg (UKR) zum Weltfrauentag am 8. März zu einem fokussierten Blick auf die Besonderheiten des weiblichen Herz-Kreislauf-Systems und die aktuellen Entwicklungen in der Kardiologie. Professor Dr. Andrea Bäßler, Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II des UKR, informierte über Symptome und Risikofaktoren von Herzerkrankungen bei Frauen. 

Ein Herzinfarkt äußert sich bei Frauen häufig mit nicht klassischen Symptomen. Dazu zählen Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbruch, Schmerzen im Oberbauch und Rücken, Kurzatmigkeit, geringere Belastbarkeit und außergewöhnliche Müdigkeit. Ein Herzinfarkt äußert sich bei Frauen häufig mit nicht klassischen Symptomen. 

Dazu zählen Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbruch, Schmerzen im Oberbauch und Rücken, Kurzatmigkeit, geringere Belastbarkeit und außergewöhnliche Müdigkeit. Vincent Schmucker © UKR

  • Inmitten des hektischen Arbeitsalltags bemerkte Marie plötzlich eine ungewöhnliche Erschöpfung.

Ihr Arbeitspensum, das sie normalerweise locker bewältigte, fühlte sich plötzlich unüberwindbar an. 

Selbst ein kurzer Spaziergang besserte die Symptome nicht, sondern erschöpfte sie mehr als sonst. 

Als sie zu Hause beim Abendessen von starken Schweißausbrüchen überrollt wurde und Übelkeit sie überkam, beschloss Marie ärztliche Hilfe aufzusuchen. 

Im Krankenhaus wurde bei ihr nach Schilderung der Symptomatik der Verdacht auf einen Herzinfarkt gestellt und die weitere Diagnostik veranlasst.

  • Biologisch ausgestattet mit zwei X-Chromosomen sowie spezifischer Anatomie, Physiologie und Hormonregulation funktionieren weibliche Körper anders als männliche. 
  • Frauen mit Herzinfarkt präsentieren sich häufig nicht mit den klassischen Symptomen wie starken Brustschmerzen ausstrahlend in den linken Arm. 
  • Diese können auftreten, häufig jedoch in abgeschwächter Form und begleitet von vegetativen Veränderungen wie Übelkeit, Erbrechen und Schweißausbruch. 
  • Auch Schmerzen im Oberbauch und Rücken, Kurzatmigkeit, geringere Belastbarkeit und außergewöhnliche Müdigkeit stehen bei Frauen häufig im Vordergrund.


Diese geschlechterspezifischen Besonderheiten in der Medizin werden von der Gendermedizin erforscht und zunehmend in der klinischen Praxis zur Anwendung gebracht – eine Entwicklung, die derzeit in der Kardiologie, aber auch in vielen anderen Bereichen der Medizin, hoch aktuell ist. Professor Dr. Andrea Bäßler, Leiterin der kardiologischen Ambulanz und Expertin auf dem Gebiet der Gendermedizin am UKR, erklärt die Notwendigkeit einer geschlechterspezifischen Herangehensweise in der Kardiologie: 

„In Europa verzeichnen wir eine höhere Sterblichkeitsrate bei Frauen in Bezug auf Herzerkrankungen im Vergleich zu Männern. Die Gendermedizin in der Kardiologie setzt genau hier an. Es ist essenziell zu verstehen, dass Frauen und Männer nicht gleich sind. Ihre Unterschiede betreffen dabei nicht nur die Hormone, sondern auch anatomische Gegebenheiten und sozioökonomische Faktoren. Daher ist eine individuelle Gesundheitsversorgung für Frauen von entscheidender Bedeutung.“

Frauenspezifische Risikofaktoren

Je nach Geschlecht zeigen Risikofaktoren für Herzerkrankungen unterschiedliche Auswirkungen. Bei Frauen stellen Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes noch bedeutendere Gefahren für das Herz dar. „Während Männer mit einer solchen Erkrankung eine Risikosteigerung um den Faktor 2-3 aufweisen, beträgt dieser bei Frauen 3-5,“ erläutert Professor Bäßler. 

Professor Dr. Andrea Bäßler, Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II des UKR, informiert über Symptome und Risikofaktoren von Herzerkrankungen bei Frauen.

Professor Dr. Andrea Bäßler, Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II des UKR, informiert über Symptome und Risikofaktoren von Herzerkrankungen bei Frauen. Vincent Schmucker © UKR

Zusätzlich zu den allgemeinen Risikofaktoren sind Frauen von geschlechterspezifischen Gefahren für das Herz betroffen.  

  • Beispielsweise besteht im Zeitraum um die Geburt eines Kindes das Risiko einer schwangerschaftsbedingten Herzschwäche. 

Diese wird mutmaßlich durch das Stillhormon Prolaktin ausgelöst, dessen Abbauprodukt bei gewisser Prädisposition das Herz beeinträchtigen kann. 

  • Diese Erkrankung, wenngleich selten, stellt eine lebensbedrohliche Situation dar und kann innerhalb weniger Wochen zu Herzversagen führen. 

Eine weitere Gefahr für das Frauenherz findet ihre Ursache in Schwangerschaftskomplikationen wie Diabetes oder einer Gestose. Diese erhöhen das Risiko für Herzerkrankungen im späteren Leben auch nach der Schwangerschaft um das Doppelte. Ebenso ist nach Eintritt in die Menopause besondere Achtsamkeit geboten. In diesem Zusammenhang ist der Rückgang des Östrogenspiegels verantwortlich für eine Erhöhung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, da er mit einem Anstieg der Cholesterinwerte, des Blutdrucks und einer Zunahme des Körpergewichts einhergeht.

Tako-Tsubo-Syndrom: Wenn das Herz einer japanischen Tintenfischfalle gleicht

Keine Herzerkrankung unterscheidet derart markant zwischen Mann und Frau wie das Tako-Tsubo-Syndrom. 

  • Benannt nach dem japanischen Wort für „Tintenfischfalle“ tritt diese Herzstörung in 90 Prozent der Fälle bei postmenopausalen Frauen auf. 
  • Sowohl Symptome als auch Untersuchungsbefunde wie Laborwerte, EKG und Herzultraschall ähneln jenen eines Herzinfarkts, jedoch bei unauffälligen Herzkranzgefäßen. 

Bei dieser akuten Erkrankung ist die Pumpfunktion des Herzens beeinträchtigt. 

Die Herzspitze sowie die angrenzenden Wandabschnitte kontrahieren kaum mehr, wodurch das Herz eine ballonartige Form annimmt, die an eine japanische Tintenfischfalle erinnert. 

In den meisten Fällen sind die Auslöser psychische oder physische Stressfaktoren, wie sie beispielsweise bei starken emotionalen Belastungen auftreten, etwa dem plötzlichen Tod eines Angehörigen oder des geliebten Haustiers. 

Aus diesem Grund wird diese Herzerkrankung auch als Broken-Heart-Syndrom bezeichnet. Frauenherzen reagieren im Allgemeinen sensibler auf psychischen Stress im Vergleich zu Männerherzen. Bei schweren emotionalen Belastungen erhöht sich das Risiko für Herzerkrankungen sogar drastisch.

Vorbeugen, auf Symptome achten und schnell handeln

Das Hauptproblem besteht nach wie vor darin, dass zu viel Zeit vergeht bis Frauen bei einem akuten Herzproblem beim Arzt vorstellig werden. „Frauen neigen dazu ihre Beschwerden zu verharmlosen, da sie sich oft zu viele Sorgen darüber machen, ihre Symptome falsch einzuschätzen. Dabei zählt bei einem Herzinfarkt jede Minute, denn Zeit ist Muskel. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Herzmuskulatur kann Schaden nehmen und die Prognose der Frau verschlechtern,“ erklärt Professor Bäßler. Nicht nur, dass Frauen viel früher beim Arzt vorstellig werden sollten, auch eine hinreichende Kenntnis der frauenspezifischen Symptome ist wichtig.

Angesichts des sprunghaften Anstiegs des Herzrisikos mit der Menopause empfiehlt Professor Bäßler präventiv eine kardiologische Untersuchung spätestens ab dem 50. Lebensjahr: „Es gilt, potenzielle Herzprobleme früh zu erkennen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen.“

Ungeachtet der Betonung der Menopause rät sie auch jüngeren Frauen dringend, sich um ihre Herzgesundheit zu kümmern. 

In den letzten Jahrzehnten wurde eine Zunahme von Herzproblemen bei Frauen unter 55 Jahren verzeichnet. 

Vor allem Übergewicht, Diabetes, Rauchen und Alkoholkonsum spielen hierbei eine große Rolle und sollten aktiv bekämpft werden, um das Herz bestmöglich zu schützen:space

Frauenherzen verdienen besondere Aufmerksamkeit

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Prof. Dr. Dr. Monique Breteler: CAVE: Ewigkeitschemikalien - ganz schlecht für Herz- und Kreislauf - PFAS-Chemikalien

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit:  PFAS im Blut allgegenwärtig und mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden

Forschende des DZNE haben nachgewiesen, dass Spuren der allgegenwärtigen PFAS-Chemikalien im menschlichen Blut mit ungünstigen Fettprofilen und daher mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen. 

Der Befund beruht auf Daten von mehr als 2.500 Erwachsenen aus Bonn und der holländischen Gemeinde Leiderdorp PFAS waren im Blut nahezu aller Studienteilnehmenden nachweisbar. Die Studienergebnisse sind im renommierten Wissenschafts-Journal „Exposure and Health“ veröffentlicht.

Seit ihrer Erfindung in den 1950er Jahren sind Schätzungen zufolge mehr als 10.000 verschiedene Substanzen aus der Kategorie der per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS) – sprich: „P-Fass“ – entwickelt worden. 

Wegen ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften kommen sie in tausenden Produkten wie Kosmetik, in Zahnseide, aber auch in Pfannen-Beschichtungen und in Löschschaum zum Einsatz. 

Neben ihrer chemischen Grundkonstruktion haben die PFAS eine weitere Gemeinsamkeit: 

Sie sind so gut wie nicht abbaubar – deshalb ihre Bezeichnung als „Ewigkeitschemikalien“. Insbesondere über das Grundwasser gelangen sie in die menschliche Nahrungskette.

Jüngere besonders betroffen

Die Befunde der Bonner Forschenden sind der jüngste Beitrag zur aktuellen Diskussion über die Wirkung von PFAS auf die Gesundheit des Menschen. 

„Wir sehen deutliche Anzeichen für eine gesundheitsbedenkliche Wirkung von PFAS. Und wir haben festgestellt, dass bei gleicher PFAS-Konzentration im Blut die negativen Effekte bei jüngeren Probanden stärker ausgeprägt sind als bei älteren“, sagt Prof. Dr. Dr. Monique Breteler, Direktorin für Populationsbezogene Gesundheitsforschung am DZNE. Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung legten außerdem nahe, dass schon relativ niedrige PFAS-Konzentrationen im Blut mit ungünstigen Blutfett-Profilen verbunden sind.

„Unsere Daten zeigen einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen PFAS im Blut und schädlichen Blutfetten, die mit einem kardiovaskulären Risiko assoziiert sind. 

Je höher der PFAS-Spiegel, desto höher ist die Konzentration dieser Fettstoffe. 

Strenggenommen ist das noch kein Beweis dafür, dass die PFAS-Chemikalien Verursacher der ungünstigen Blutfett-Profile sind. 

Doch die enge Korrelation stützt diesen Verdacht. Sie ist ein starkes Argument für eine strengere Regulierung von PFAS, um die Gesundheit zu schützen“, so die Bonner Forscherin. Auffällig sei, dass bei nahezu allen Probanden PFAS im Blut nachgewiesen werden konnte. Man könne diesen Chemikalien also nicht entgehen. „Auch wenn wir für die von uns untersuchten Probanden keine unmittelbare Gesundheitsgefährdung sehen, so ist die Situation dennoch bedenklich. Denn auf lange Sicht kann sich das erhöhte Risiko sehr wohl auf Herz und Kreislauf negativ auswirken“, so Breteler.

Blutproben aus Bonn und Leiderdorp

Grundlage für die aktuelle Untersuchung waren die „Rheinland Studie“ des DZNE – eine bevölkerungsbasierte Gesundheitsstudie im Bonner Stadtgebiet – und die sogenannte NEO-Studie aus den Niederlanden („Netherlands Epidemiology of Obesity study“). Forschende des DZNE arbeiteten dafür mit Fachleuten des niederländischen Leiden University Medical Center zusammen. Die Blutproben von insgesamt mehr als 2.500 Frauen und Männern im Alter zwischen 30 und 89 Jahren flossen in die Analysen ein. Dabei kam modernste Technik zum Einsatz. „Erst seit wenigen Jahren gibt es die Technologie, um Blutproben mit der Genauigkeit zu untersuchen, die für unsere Fragestellung notwendig ist“, sagt DZNE-Wissenschaftlerin Elvire Landstra. Sie ist Erstautorin der aktuellen Fachpublikation gemeinsam mit einem Kollegen aus Leiden.

Bislang detaillierteste Studie

Die Blutproben wurden mit einer aufwendigen Methode, der „Massenspektrometrie“, detailliert untersucht. Die Forschenden fokussierten sich in ihrer Analyse auf drei der am weitesten verbreiteten PFAS-Arten – PFOA, PFOS und PFHxS – und ermittelten zusätzlich die Konzentration von 224 Blutfetten, Metaboliten und Aminosäuren. „Mit diesem ‚untargeted approach’ – also einem bewusst breit angelegten Ansatz ohne vorgefasster Zielrichtung – konnten wir den Zusammenhang zwischen der PFAS-Konzentration und einem nachteiligen Profil an Fettstoffen, sogenannten Lipiden, nachweisen. 

Dazu gehören das allgemein bekannte Cholesterin und diverse andere Blutfette, die als Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt sind“, sagt Elvire Landstra. Wesentliche Unterschiede zwischen den Proben aus Bonn und Leiderdorp gab es nicht. „Unsere Untersuchung ist die bislang detaillierteste zu diesem Thema und diejenige mit der größten Datenbasis. Bisherige Studien hatten eine Korrelation zwischen PFAS und gesundheitsbedenklichen Blutfetten bereits nahegelegt, aber so deutlich wie in unserer Studie hatte sich dieser Zusammenhang bislang nicht gezeigt.“

Künftige Studien könnten nach Ansicht der Bonner Forschenden auf spezifische Bereiche des Körpers eingehen. „Wir haben uns das Blutbild angeschaut. In einem nächsten Schritt wäre es sinnvoll, das Vorkommen von PFAS in einzelnen Organen zu untersuchen“, sagt Monique Breteler.

Über die Rheinland Studie: Seit 2016 erforscht das DZNE im Rahmen der „Rheinland Studie“ – einer auf Jahrzehnte angelegten, bevölkerungsbasierten Studie im Bonner Stadtgebiet – Faktoren, die die menschliche Gesundheit bis ins hohe Alter beeinflussen. Dabei steht das Gehirn im Fokus. Studienteilnehmende werden alle paar Jahre zu einer Bestandsaufnahme ihrer körperlichen und geistigen Fitness eingeladen und die Entwicklung ihrer Gesundheit wird erfasst. Das gesamte Untersuchungsprogramm dauert jeweils etwa sieben Stunden. Es beinhaltet die Sammlung von Biomaterialien wie Blut und Urin, Befragungen zum Lebensstil, Untersuchungen des Herz-Kreislauf-Systems, Tests der kognitiven Fähigkeiten und körperlichen Fitness sowie eine Vielzahl weiterer Untersuchungen, die sich modernster Medizintechnik bedienen – inklusive Hirnscan im Magnetresonanztomografen.

Die Rheinland Studie erfährt eine breite Unterstützung von bisher schon über 10.000 Menschen, die durch ihre Studienteilnahme einen Beitrag zur Gesundheitsforschung leisten. 

Ab Frühjahr 2024 stehen die Türen der Untersuchungszentren auch wieder neuen interessierten Teilnehmenden offen.  

https://www.rheinland-studie.de

Über das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)
Das DZNE ist ein Forschungsinstitut für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und ALS, die mit Demenz, Bewegungsstörungen und anderen schwerwiegenden Beeinträchtigungen der Gesundheit einhergehen. Bis heute gibt es keine Heilung für diese Erkrankungen, die eine enorme Belastung für unzählige Betroffene, ihre Familien und das Gesundheitssystem bedeuten. Das DZNE hat zum Ziel, neuartige Strategien der Vorsorge, Diagnose, Versorgung und Behandlung zu entwickeln und in die Praxis zu überführen. Es hat bundesweit zehn Standorte und kooperiert mit Universitäten, Universitätskliniken und anderen Institutionen im In- und Ausland. Das DZNE wird staatlich gefördert, es ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft und der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung. https://www.dzne.de


Originalpublikation:

Per- and Polyfluoroalkyl Substances Concentrations are Associated with an Unfavorable Cardio-Metabolic Risk Profile: Findings from Two Population-Based Cohort Studies, Tariq O. Faquih, Elvire N. Landstra et al., Exposure and Health (2024), DOI: https://doi.org/10.1007/s12403-023-00622-4

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