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Medienambulanz der Klinik: Computerspielabhängigkeit und Internetsucht

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: ON/OFF – Mit OMPRIS raus aus der Internetsucht

Forschungsteam entwickelt neues Online-Motivationsprogramm für Menschen mit problematischem Internetgebrauch. 

Dr. med. Jan Dieris-Hirche, Leiter der Medienambulanz im LWL-Universitätsklinikum Bochum, leitet und koordiniert das Forschungsprojekt OMPRIS.
Dr. med. Jan Dieris-Hirche, Leiter der Medienambulanz im LWL-Universitätsklinikum Bochum, leitet und koordiniert das Forschungsprojekt OMPRIS.
privat
 
Für Menschen mit einer Internetsucht ist es schwierig, geeignete Therapiemöglichkeiten schnell und wohnortnah zu finden. 

Ein unkompliziertes und sehr niedrigschwelliges Angebot liefert das Internet selbst.

  • Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums Bochum im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat sich auf den Einsatz von telemedizinischen Online-Beratungsangeboten spezialisiert. 

In den nächsten drei Jahren wird eine Forschungsgruppe unter Leitung von Dr. med. Jan Dieris-Hirche, Oberarzt und Leiter der Medienambulanz der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums Bochum, ein neues webcambasiertes Angebot entwickeln und erproben:

Onlinebasiertes Motivationsprogramm zur Förderung der Veränderungsmotivation bei Menschen mit Computerspielabhängigkeit und Internetsucht, kurz: 

OMPRIS. Finanziert wird das Projekt durch Mittel des Innovationsfonds Deutschland.

„Damit gehen wir beim LWL einen weiteren großen Schritt in Richtung Telemedizin und holen gleichzeitig betroffene und gefährdete Menschen unmittelbar im ‚Suchtraum‘ Internet ab. Ich freue mich, dass wir bei diesem bundesweiten Forschungsprojekt dabei sind“, sagt LWL-Direktor Matthias Löb.

„Die positiven Rückmeldungen zu OASIS (Online-Ambulanz-Service zur Diagnostik und Beratung von Internetsüchtigen) und die offizielle Anerkennung der Computerspielsucht als psychische Störung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Mai 2019 hatten uns bewogen, ein weiteres Hilfs- und Präventionsangebot zu planen“, formuliert Jan Dieris-Hirche die Beweggründe für das neue Forschungsprojekt. Im Schulterschluss mit sieben deutschen Projektpartnern soll bis zum Herbst 2022 ein telemedizinisches 4- bis 6-wöchiges, kostenloses Beratungsprogramm mit vielen psychologischen und medienpädagogischen Elementen konzipiert, angewendet und evaluiert werden.

Bereits ab Frühjahr 2020 soll das Programm deutschlandweit im Einsatz sein und allen Betroffenen zur Verfügung stehen.

„Erstmalig bieten wir Menschen mit problematischem Internetgebrauch ein umfassendes Beratungsprogramm an mit Elementen, die wir oftmals auch in Therapien mit unseren Patientinnen und Patienten in unseren Klinikräumen nutzen – mit Hilfe von OMPRIS, nur digital vor dem Bildschirm“, so Dieris-Hirche.

Etwa 2-mal pro Woche werden webcambasierte Kleingruppen und Einzelgespräche stattfinden, in denen die Teilnehmenden motiviert werden, ihren Alltag zu strukturieren und ihr Medienverhalten zu verändern.

Zudem wird ein Sozialarbeiter bei Fragen rund um Themen wie zum Beispiel Wohnungssuche, Anträge auf Wohngeld oder Hilfe bei der ARGE webcambasiert beraten. Mit den beiden Schwesterprojekten OASIS und OMPRIS verfügt die LWL-Medienambulanz dann künftig über innovative telemedizinische Beratungsansätze, die ihre analogen Therapieangebote ergänzen.

Projektbeteiligte:
- LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum (RUB), Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Dr. med. Jan Dieris-Hirche (Projektleitung und Koordination, Versorgung und Rekrutierung)
- TU München, Klinikum rechts der Isar, Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Prof. Dr. med. Peter Henningsen (Versorgung und Rekrutierung)
- Psychosomatische Klinik Kloster Dießen, PD Dr. med. Bert te Wildt (Versorgung und Rekrutierung)
- Universitätsmedizin Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Dr. sc. Hum. Klaus Wölfling (Versorgung und Rekrutierung)
- Lehrstuhl für Medizinmanagement, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen, Campus Essen, PD Dr. med. Dr. rer. Pol. Anja Neumann, Dr. PH Silke Neusser (Evaluation)
- Abteilung für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie der RUB, Prof. Dr. Nina Timmesfeld (Biometrie und Evaluation)
- Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH (ZTG) Bochum, Rainer Beckers M.P.H., M.A. (EDV-Konzepte)

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Rosa Sommer  LWL-Universitätsklinikum Bochum der Ruhr-Universität Bochum

Alexandrinenstraße 1-3
44791 Bochum
Deutschland
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Telefon: 0179 4645487
E-Mail-Adresse: rosa.sommer@lwl.org
 

CAVE-Medizinische Versorgeeinrichtungen: Meterologische Bedingungen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Trockene warme Luft erhöht das Schlaganfallrisiko

Anhand von knapp 18.000 Fällen, die über zehn Jahre hinweg erhoben wurden, zeigt eine Augsburger Studie, dass das Risiko für bestimmte Typen von Schlaganfällen bei trockenen und warmen Luftmassen ansteigt. 

Erstmals wurden so komplexe Wirkungszusammenhänge mit so vielen Fällen und Subtypen untersucht.
  • Ziel der Studie war es, dazu beizutragen, dass sowohl Patienten als auch medizinische Versorgungseinrichtungen rechtzeitig geeignete vorbeugende und behandelnde Maßnahmen treffen können. 

Schlaganfälle sind deutschland- und weltweit eine der häufigsten Todesursachen und Ursachen für dauerhafte Pflegebedürftigkeit. 
 
Zunächst war es nur ein Gefühl der Neurologen am Universitätsklinikum Augsburg (UKA), nämlich „dass sich bestimmte Schlaganfälle im Jahresverlauf an manchen Tagen häuften, sagt Privatdozent Dr. Michael Ertl, einer der beiden Erstautoren der Studie.

„Diese Häufungsphänomene sind vielen Schlaganfallneurologen bekannt, sodass wir die Vermutung hatten, dass das auch mit Wettereinflüssen zu tun haben könnte.

Und tatsächlich: Nach zehn Jahren und 17.989 untersuchten Fällen – die meisten von ihnen Neuerkrankte, aber auch Patienten mit wiederholten Schlaganfällen – kommt die Studie zu konkreten Ergebnissen beim Zusammenhang zwischen bestimmten Wetterlagen und Schlaganfällen in der Region Augsburg. 

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachLink: Wetterdaten  
  • So steigt beispielsweise das Risiko für einige Schlaganfall-Subtypen bei trocken-warmen Luftmassen, wohingegen trocken-kalte Luftmassen mit einem signifikant geringeren Auftreten von Hirnblutungen verbunden waren.

Komplexe Wirkungszusammenhänge mit Lufttemperatur und -feuchtigkeit

Die Suche nach den Wirkungszusammenhängen stellte sich als sehr komplex heraus. „Das Zusammenspiel aus unterschiedlichen meteorologischen Faktoren – wie Lufttemperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit – sowie kurzfristigen Temperaturänderungen ist sehr komplex“, erklärt Privatdozent Dr. Christoph Beck vom Lehrstuhl für Physische Geographie mit Schwerpunkt Klimaforschung an der Universität Augsburg, neben Ertl ebenfalls Erstautor der Studie. Betrachtet man die Temperaturentwicklung im Zeitraum weniger Tage vor dem Schlaganfallereignis, so findet man auch hier differenzierte Einflüsse auf die Schlaganfalls- oder Blutungshäufigkeit, die pathophysiologisch allerdings noch nicht vollends geklärt sind.

  • Das interdisziplinäre Forscherteam konnte weiterhin zeigen, dass sich Wetterveränderungen auf die beiden Schlaganfall-Subtypen Hirninfarkt und Hirnblutung unterschiedlich auswirken. 
  • So bringen trockene, warme Luftmassen ein erhöhtes Risiko für bestimmte Hirninfarkttypen mit sich, die über 80 Prozent aller Schlaganfälle ausmachen, ein geringeres Risiko allerdings für Hirnblutungen. 
  • Umgekehrt ist es bei trockenen, kühlen Luftmassen: 
  • Sie befördern Hirnblutungen, ziehen aber ein selteneres Auftreten von Hirninfarkten nach sich. 
  • Auch bei feuchten Luftmassen konnte ein verringertes Auftreten von Hirninfarkten nachgewiesen werden.

Noch nie so komplexe Wirkungszusammenhänge mit so vielen Fällen und Subtypen untersucht

Ertl ist dabei wichtig zu betonen, „dass wir nicht die ersten sind, die Klima und Schlagunfallhäufigkeit im Zusammenhang sehen“. Die meisten Studien untersuchten Ertl zufolge aber nur wenige meteorologische Parameter wie Luftdruck und Temperatur sowie den Schlaganfall ohne nähere Definition zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Studie des Forscherteams aus Medizinern des UKA und Klimaforschern des geographischen Instituts der Universität geht hier viel weiter.

„Über die Berücksichtigung der lokalen meteorologischen Bedingungen hinaus beziehen die eingesetzten Luftmassenklassifikationen auch die großräumigen synoptischen Verhältnisse wie die Bodenluftdruckverteilung über Europa in die Zuordnung zu spezifischen Wetterlagen mit ein“, erläutert Beck.

„Zudem haben wir den sogenannten ischämischen Schlaganfall, bei dem es zu einem Gefäßverschluss der hirnversorgenden Arterien kommt und der rund 85 Prozent aller Schlaganfälle ausmacht, in fünf weitere Subtypen unterteilt, erklärt Ertl.

In der Studie wurde außerdem die Luftmassen-Situation zwei bis fünf Tage vor dem Schlaganfall berücksichtigt.

Klassische Risikofaktoren aller untersuchten Patienten wie Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Cholesterin und Lebensgewohnheiten wurden dem Arztbrief entnommen und ebenfalls vermerkt.

Große Fallzahlen am Universitätsklinikum Augsburg

Ein hervorragender Ausgangspunkt für die Studie war einerseits die umfassende Datenbank von Schlaganfällen (rund 2.000 Patienten pro Jahr), die am UKA zur Verfügung steht, da hier eine lückenlose Erfassung von Schlaganfallpatienten der gesamten Region erfolgt. Dies ermöglicht eine sehr umfangreiche Patientenzahl: Für den Untersuchungszeitraum von 2006 bis 2017 lagen etwa 18.000 Schlaganfälle vor. Andererseits hat die Universität Augsburg am Institut für Geographie seit über zwanzig Jahren eine herausragende Expertise in der Umwelt- und Klimaforschung. Beides konnte erfolgreich verbunden werden – zum Nutzen besserer Vorsorge und besserer Versorgung. Denn Schlaganfälle sind deutschland- und weltweit eine der häufigsten Todesursachen und Ursachen für dauerhafte Pflegebedürftigkeit.

  • „Mithilfe unserer Studie möchten wir dazu beitragen, dass sowohl Patienten als auch medizinische Versorgungseinrichtungen rechtzeitig geeignete vorbeugende und behandelnde Maßnahmen treffen können. 

Dafür ist jedoch in Zukunft noch eine intensive weitere Forschung notwendig. Ziel ist es, die retrospektiv ausgewerteten Daten nun durch weitere prospektive Untersuchungen zu bestätigen und zu konkretisieren“, betont Prof. Dr. Markus Naumann, Direktor der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie am UKA.

Zahlen, Daten, Fakten

Die Zahl der exakt 17.989 untersuchten Fälle ist nicht identisch mit der Zahl der berücksichtigten Patienten. Zwar sind die meisten Fälle Neuerkrankungen, doch einige wenige der in der Studie erfassten Patienten hatten bereits den 2. oder 3. Schlaganfall erlitten. Von den Fällen waren 27 Prozent unter 65 Jahren, 73 Prozent älter als 65 Jahre. 52 Prozent sind Männer, 48 Prozent sind Frauen.

Prof. Naumann und sein Kollege Ertl behandeln mit ihrem Team am UKA knapp 2.000 Schlaganfall-Patienten pro Jahr. Damit ist die Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie des Universitätsklinikums Augsburg einer der größten Schlaganfall-Versorger in Deutschland. Über das Kooperationsprojekt TESAURUS sind insgesamt sieben kleinere Kliniken in der Region an das UKA angeschlossen und erhalten Support in Form von Konsilen, damit sie ihren Patienten, soweit medizinisch vertretbar, eine wohnortnahe Versorgung bieten können.

Die Klimaforscher am Institut für Geographie der Universität Augsburg sind seit vielen Jahren im Rahmen nationaler und internationaler Forschungskooperationen an der Untersuchung der Zusammenhänge zwischen atmosphärischen Prozessen und verschiedenen Umweltparamatern beteiligt.

Nicht in der Studie berücksichtigt wurde die Schwere des jeweiligen Schlaganfalles. Bei der großen Anzahl an Studienteilnehmern musste das Forscherteam aus Neurologen, Klima- und Umweltwissenschaftlern, Epidemiologen und Umweltmedizinern des Universitätsklinikums und der Universität Augsburg sowie des Helmholtz Zentrums München und des Augsburger Universitären Zentrums für Gesundheitswissenschaften UNIKA-T auf die beschriebenen Indikatoren fokussieren.
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Die Augsburger Universitätsmedizin …

… umfasst die Medizinische Fakultät der Universität Augsburg, das Universitätsklinikum Augsburg sowie – als Kooperationspartner – das Bezirkskrankenhaus Augsburg – Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Augsburg. Die Forschungsschwerpunkte der Medizinischen Fakultät liegen in den Bereichen Medizinische Informatik sowie Umwelt und Gesundheit. Rund 100 Professorinnen und Professoren werden im Endausbau in der bio- und humanmedizinischen Forschung und Lehre tätig sein. Seit dem Wintersemester 2019/20 bietet die Medizinische Fakultät einen humanmedizinischen Modellstudiengang an, der vorklinische und klinische Inhalte integriert und besonderen Wert auf eine wissenschaftliche Ausbildung der im Endausbau 1.500 Studierenden legt.

Das Universitätsklinikum Augsburg (UKA), seit 2019 in der Trägerschaft des Freistaates Bayern, bietet unter anderem durch seine Einbindung in universitäre medizinische Forschung und Lehre der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg der Bevölkerung der Stadt und der Region eine optimale medizinische Versorgung. Die tagesklinischen Betten mitgezählt, stehen am UKA 1.740 Betten zur Verfügung. 24 Kliniken, drei Institute und 19 Zentren garantieren in allen medizinischen Fachdisziplinen Diagnose und Therapie in allen medizinischen Fachdisziplinen auf höchstem Niveau. Jährlich werden über 250.000 ambulante und stationäre Patientinnen und Patienten versorgt. Mit zirka 80.000 Patientinnen und Patienten pro Jahr ist die Notaufnahme des UKA die zweitgrößte der Bundesrepublik. Jährlich erblicken am UKA mehr als 2.450 Kinder das Licht der Welt. Mit 560 Ausbildungsplätzen ist die an das UKA angeschlossene Akademie für Gesundheitsberufe einer der größten Ausbildungsträger der Region.

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PD Dr. med. Michael Ertl
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Dr. Christoph Beck, Institut für Geographie der Universität Augsburg
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Klaus P. Prem
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E-Mail-Adresse: klaus.prem@presse.uni-augsburg.de

Originalpublikation:
Ertl M., Beck C., Kühlbach B., Hartmann J., Hammel G., Straub A., Giemsa E., Seubert S., Philipp A., Traidl-Hoffmann C., Soentgen J., Jacobeit J., Naumann M.: New Insights into Weather and Stroke: Influences of Specific Air Masses and Temperature Changes on Stroke Incidence. In: Cerebrovasc Diseases 2019;47:275–284, https://doi.org/10.1159/000501843

CAVE-Untersucher-Schmerzmittel: Herzinsuffizienz, ischämischer Herzerkrankung, zerebrovaskuläre Erkrankungen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Diclofenac wird trotz Warnung noch immer häufig an Risikopatienten verschrieben

  • Die Einnahme des Schmerzmittels Diclofenac kann bei Herzpatienten das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle deutlich erhöhen. 

Schon vor sechs Jahren gab es eine offizielle Warnung. 

Trotzdem erhalten zahlreiche Risikopatienten weiterhin das Schmerzmittel. 
 
Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS in einer aktuellen Studie, die vor Kurzem im Fachblatt Journal of Internal Medicine (JIM) erschienen ist.

Bereits im Jahr 2013 warnte ein sogenannter Rote-Hand-Brief die deutsche Ärzteschaft, dass Diclofenac bei bestimmten Patientengruppen nicht mehr verschrieben werden sollte. 
  • Hierzu zählen zum Beispiel Patienten mit bestehender Herzinsuffizienz, ischämischer Herzerkrankung oder zerebrovaskulären Erkrankungen. 
  • Ein ähnliches Risikoprofil wie Diclofenac zeigte ein Präparat namens Vioxx (Wirkstoff Rofecoxib), das zu zahlreichen kardiovaskulären Todesfällen geführt hat und deshalb im Jahr 2004 vom Markt genommen wurde.

Warnung verhallt

Auf Basis von Krankenkassendaten untersuchte das BIPS-Team das Verordnungsverhalten zu Diclofenac vor und nach dem Rote-Hand-Brief aus dem Jahr 2013. Zwar zeigte sich, dass 2014 im Vergleich zu 2011 absolut gesehen deutlich weniger Diclofenac erstmalig verschrieben wurde. So erhielten 2014 von den über 10 Millionen untersuchten Personen 30 Prozent weniger erstmalig Diclofenac als im Jahr 2011.  

Allerdings hatten im Jahr 2014 trotzdem 12 Prozent der Personen mit Diclofenac-Verordnung eine kardiovaskuläre Kontraindikation – genauso viele wie 2011.

„Der Rückgang der Diclofenac-Verordnungen scheint also ein allgemeiner Trend gewesen zu sein und hat sich auf die Risikogruppen nicht im Speziellen ausgewirkt. Die neuen Kontraindikationen spiegeln sich im Verschreibungsverhalten nicht wirklich wider“, sagt Studienerstautor Oliver Scholle vom BIPS.

„Wir planen weitere Analysen mit noch aktuelleren Daten, aber wir gehen nicht davon aus, dass sich ohne weitere Maßnahmen etwas am Verschreibungsverhalten geändert hat.  

Man muss davon ausgehen, dass es aufgrund dieser Verordnungen zu Herzinfarkten und Schlaganfällen kam, die vermeidbar gewesen wären, denn es gibt sicherere Alternativen zu Diclofenac“, ergänzt Prof. Dr. Ulrike Haug, Letztautorin der Studie und Leiterin der Abteilung Klinische Epidemiologie am BIPS. Sie fügt an:

  • „Mehr Aufklärung in Arztpraxen zu den Risiken von Diclofenac – auch bei kurzzeitiger Einnahme und niedrigerer Dosis – erscheint dringend notwendig, ebenso wie Studien, die untersuchen, wie das Verordnungsverhalten in Risikogruppen nachhaltig beeinflusst werden kann.“

Das BIPS – Gesundheitsforschung im Dienste des Menschen

Die Bevölkerung steht im Zentrum unserer Forschung. Als epidemiologisches Forschungsinstitut sehen wir unsere Aufgabe darin, Ursachen für Gesundheitsstörungen zu erkennen und neue Konzepte zur Vorbeugung von Krankheiten zu entwickeln. Unsere Forschung liefert Grundlagen für gesellschaftliche Entscheidungen. Sie klärt die Bevölkerung über Gesundheitsrisiken auf und trägt zu einer gesunden Lebensumwelt bei.

Das BIPS ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, zu der 95 selbstständige Forschungseinrichtungen gehören. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 19.100 Personen, darunter 9.900 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,9 Milliarden Euro.

Originalpublikation:
Scholle O, Kollhorst B, Haug U. Are prescribers not aware of cardiovascular contraindications for diclofenac? A claims data analysis. Journal of Internal Medicine. 2019; (Epub 2019 Nov 11th). https://doi.org/10.1111/joim.12990

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Rasmus Cloes Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS
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Telefon: 0421 21856780
E-Mail-Adresse: cloes@leibniz-bips.de 

Behandlung von Darmerkrankungen: Entzündlichen Darmerkrankungen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wenn die Selbstheilungskräfte erschöpft scheinen

Charité-Forschende entdecken Mechanismus zur Regeneration von Stammzellen im Darm

Stammzellen sind verantwortlich für die Regeneration der Darmwand. 


Doch was passiert, wenn die Stammzellen selbst beispielsweise durch eine Infektion geschädigt werden? 

Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie haben jetzt herausgefunden, wie genau es dem Organismus gelingt, die Darmwand auch in diesem Fall wieder aufzubauen. 

Dieses Wissen könnte in Zukunft neue Ansätze zur Behandlung von Darmerkrankungen ermöglichen. 

Die Ergebnisse der Studie sind im Fachmagazin Nature Communications* veröffentlicht. 

Wenn der Körper das Notfallprogramm aktiviert, übernehmen Zellen der Darmwandoberfläche (rot) die Funktion von tiefer liegenden Stammzellen (grün). Einige Zellen leuchten deshalb zweifarbig auf.
Wenn der Körper das Notfallprogramm aktiviert, übernehmen Zellen der Darmwandoberfläche (rot) die Funktion von tiefer liegenden Stammzellen (grün). Einige Zellen leuchten deshalb zweifarbig auf. Foto: Harnack/Charité
 
Als Grenzfläche zwischen dem körpereigenen Gewebe und körperfremdem Material ist der Darm verschiedensten Einflüssen ausgesetzt.

Viele dieser Umweltfaktoren sind nützlich oder sogar überlebenswichtig.  

Einige jedoch, wie Krankheitserreger oder giftige Nahrungsbestandteile, können die Zellen, die die Darmwand auskleiden, schädigen und zu einer Entzündung führen.

In solchen Fällen kann der Körper sein Regenerationsprogramm aktivieren:

Stammzellen, die in Vertiefungen der Darmwand liegen, teilen sich häufiger. 

Ihre Tochterzellen ersetzen dann die geschädigten Zellen an der Oberfläche des Gewebes und stellen die Funktionsfähigkeit der Darmbarriere wieder her. 

In manchen Fällen jedoch zerstört das körperfremde Material nicht nur die Zellen an der Oberfläche der Darmwand, sondern auch die tiefliegenden Stammzellen. Wie sich die Darmbarriere selbst dann noch erholen kann, hat ein Team unter Leitung von Dr. Michael Sigal von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hepatologie und Gastroenterologie am Campus Charité Mitte und Campus Virchow-Klinikum jetzt im Tiermodell untersucht.

„Wie wir zeigen konnten, nehmen hierbei die Muskelzellen, die direkt unterhalb der geschädigten Zellschicht liegen, eine zentrale Rolle ein“, erklärt Dr. Sigal. Die Forschungsgruppe wies nach, dass diese Muskelzellen den Botenstoff R-spondin 3 abgeben, sobald die Stammzellen in der Darmwand verloren gegangen sind. Dieser Botenstoff bewirkt, dass verbliebene, noch gesunde Zellen die Funktion von Stammzellen übernehmen: Sie produzieren Tochterzellen, die das Gewebe im Bereich der Schädigung wiederherstellen. In Versuchen, in denen die Ausschüttung von R-spondin 3 genetisch ausgeschaltet worden war, erwies sich dieser Regenerationsmechanismus bei einer schweren Darmentzündung gar als überlebenswichtig.

„Unsere Studie zeigt also, dass der Körper einen Notfallplan hat für den Fall, dass das normale Selbstheilungsprogramm im Darm nicht ausreicht“, sagt Dr. Sigal.

Der Leiter einer Emmy Noether-Nachwuchsgruppe und BIH Charité Clinician Scientist betont:

  • „Wenn allerdings dieser Notfallplan nicht durchlaufen werden kann, kann eine schwere Entzündung im Darm unter Umständen sogar tödlich verlaufen. 

Hier sehen wir Parallelen zu dem, was wir bei Patientinnen und Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen beobachten: 
  • Während sich viele Patienten schnell wieder erholen, wird die Krankheit bei einigen chronisch oder nimmt einen schweren, komplikationsreichen Verlauf.“ 

Das Forschungsteam möchte das jetzt erweiterte Wissen um die Selbstheilungskräfte eines Organismus nutzen, um neue Ansätze zur Behandlung von akuten und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zu entwickeln.

„Wenn wir Möglichkeiten finden, die Regenerationsfähigkeit des Darms zu aktivieren, könnten wir in Zukunft den Verlauf von Darmerkrankungen möglicherweise positiv beeinflussen“, sagt Dr. Sigal.

*Harnack C et al., R-spondin 3 promotes stem cell recovery and epithelial regeneration in the colon. Nat Commun. 2019 Sep 25;10(1):4368. doi: 10.1038/s41467-019-12349-5

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Originalpublikation:
https://www.doi.org/10.1038/s41467-019-12349-5

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Trikuspidalklappeninsuffizienz: Rechter Vorhof versus Rechter Ventrikel

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Kleiner Schnitt statt großer Operation

Unter der Leitung von Prof. Dr. Georg Nickenig, Kardiologe und Direktor der Medizinischen Klinik II am Universitätsklinikum Bonn, hat ein internationales Ärzteteam die weltweit größte wissenschaftliche Studie zur minimalinvasiven Behandlungen von Trikuspidalklappeninsuffizienz vorgelegt. 

Wegen der hohen wissenschaftlichen und medizinischen Bedeutung hat die renommierte Fachzeitschrift „Lancet“ die Ergebnisse der „Triluminate“-Studie in ihrer neuesten Ausgabe veröffentlicht. 

Prof. Dr. Georg Nickenig (rechts) und Dr. Marcel Weber von der Medizinischen Klinik II am Universitätsklinikum Bonn bei einer Katheter-Intervention im Hybrid-OP des Herzzentrums Bonn.Prof. Dr. Georg Nickenig (rechts) und Dr. Marcel Weber von der Medizinischen Klinik II am Universitätsklinikum Bonn bei einer Katheter-Intervention im Hybrid-OP des Herzzentrums Bonn. Foto: Felix Heyder/Herzzentrum Bonn

 
  • Die Trikuspidalklappe funktioniert wie ein Rückschlagventil zwischen dem rechten Vorhof und dem rechten Ventrikel des Herzens und verhindert das Zurückfließen des Blutes in den rechten Vorhof. 

Bei rund drei Millionen Menschen in Europa ist diese Herzklappe undicht, sie leiden an einer sogenannten Trikuspidalinsuffizienz. 
  • Bei dieser Erkrankung schließt die Klappe zwischen den beiden Kammern der rechten Herzhälfte nicht richtig, wodurch ein Rückstrom des Blutes in den rechten Vorhof entsteht. 
  • Unbehandelt kann dies schließlich zu Herzversagen und zum Tod führen.
„Die Behandlung einer undichten Trikuspidalklappe stellt seit Langem eine große Herausforderung für Kardiologen dar, da es sich um eine extrem komplexe und schwer zu behandelnde Herzklappe handelt“, so Prof. Dr. Nickenig. „Außer einem operativen Eingriff am offenen Herzen haben wir bisher kaum therapeutische Optionen bei der Behandlung.“  

Wegen der hohen Mortalitätsraten werden chirurgische Eingriffe bei dieser Patientengruppe jedoch nur selten durchgeführt.

„Ein minimalinvasiver Kathetereingriff ist daher sehr attraktiv“, so der Leiter der Studie.

Während Insuffizienzen an der Mitral- oder Aortenklappe schon seit Jahren erfolgreich durch minimalinvasive Interventionen behandelt werden können, gab es bei Studienbeginn noch keine zugelassene nichtchirurgische, minimalinvasive Behandlung für Menschen mit einer moderaten oder schweren Trikuspidalinsuffizienz.

Mit dieser Ausgangslage untersuchte die von Prof. Dr. Nickenig geleitete „Triluminate“-Studie die Sicherheit und Wirksamkeit des „TriClip“- Verfahrens zur Trikuspidalklappenreparatur. Dabei wurden insgesamt 85 Patienten mit moderater oder schwerer Trikuspidalinsuffizienz an 21 Standorten in Europa und den USA untersucht und mit einem neuen minimalinvasiven System zur Reparatur der Trikuspidalklappe behandelt. 17 der 85 Eingriffe wurden am Herzzentrum Bonn durchgeführt.

Der Studienzeitraum lag zwischen August 2017 und April 2019. Die Patienten waren im Mittel 78 Jahre alt, bei vielen von ihnen war zuvor bereits ein Mitralklappeneingriff erfolgt. Für die Trikuspidalklappenreparatur kam das „TriClip“-Device (Hersteller: Abbott) zum Einsatz, das dem „MitraClip“ desselben Herstellers sehr ähnelt.

Bei Studienbeginn wurden alle Patienten je nach Schwere der Insuffizienz in eine fünf Stufen umfassenden Skala eingeteilt.

Das primäre Ziel der Studie war die Verbesserung der Trikuspidalinsuffizienz 30 Tage nach dem Eingriff um mindestens eine Stufe.

Die Ergebnisse der „Triluminate“-Studie sind nun im „Lancet“-Magazin veröffentlich:

Kein Patient verstarb innerhalb der ersten 30 Tage nach dem minimalinvasiven Eingriff und die Trikuspidalinsuffizienz verbesserte sich bei 86 Prozent der Patienten um mindestens eine Stufe.

Wurden zu Beginn der Studie 37 Prozent der Patienten der schwersten Insuffizienz-Stufe zugeordnet, lag dieser Anteil 30 Tage nach dem Eingriff nur noch bei 5 Prozent und sank sechs Monate später auf 1 Prozent.

„Die Ergebnisse unsere Studie sind mehr als vielversprechend und ich bin sehr erfreut über das nun nachgewiesene Potenzial der Transkatheter-basierten Reparatur der Trikuspidalklappe. 

Schwer kranken Patienten, die keine andere Option haben, können wir mit dieser neuen Therapie Hoffnung auf eine erfolgreiche Behandlung ihrer Krankheit machen“, fasst Studienleiter Prof. Dr. Georg Nickenig die Arbeit der vergangenen zwei Jahre zusammen.

„Die Veröffentlichung im renommierten `Lancet´-Journal spiegelt die hohe Bedeutung unserer Studienergebnisse wider.

Wir sind stolz darauf, in diesem Spezialgebiet der Kardiologie als weltweit erfahrenstes Zentrum zu gelten und in Bonn Patienten aus ganz Deutschland zu behandeln“, so Prof. Dr. Nickenig.



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Felix Heyder
Herzzentrums
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Tel. 0228/287-11904
E-Mail: felix.heyder@ukbonn.de

Prof. Dr. Georg Nickenig
Direktor der Medizinischen Klinik II
Universitätsklinikum Bonn
Leiter „Triluminate“-Studie
Tel. 0228/287-15217
E-Mail: georg.nickenig@ukbonn.de

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Telefon: 0228 / 73-4728
Fax: 0228 / 73-7451
E-Mail-Adresse: j.seiler@uni-bonn.de

Originalpublikation:
Georg Nickenig, Marcel Weber, Philipp Lurz, Ralph Stephan von Bardeleben, Marta Sitges, Paul Sorajja, et al.: Transcatheter edge-to-edge repair for reduction of tricuspid regurgitation: 6-month outcomes of the TRILUMINATE single-arm study“, The Lancet, Internet: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(19)32600-5

CAVE-Untersucher: Glukokortikoidstresshormone: Deine Chronomedizin

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Ernährung kann innere Uhr und hormonelle Reaktionen beeinflussen

Erstmals zeigt eine Studie unter der Leitung des Helmholtz Zentrums München und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD), auf welche Art und Weise Glukokortikoidhormone wie Cortisol, den Zucker- und Fettspiegel steuern. 

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: Schwindel/Gang/Sturz 

Dabei wurde insbesondere der Unterschied zwischen Tag und Nacht, Nahrungsaufnahme und Fasten sowie Ruhe und Aktivität über einen Zeitraum von 24 Stunden beobachtet. 

Beispiel einer Fettleber.
Beispiel einer Fettleber. @Helmholtz Zentrum München / Uhlenhaut.
 
Die Forschungsarbeiten an Mäusen machen deutlich, dass sich der tageszeitabhängige Stoffwechselzyklus durch eine kalorienreiche Ernährung verändert. 

  • Da Glukokortikoide häufig zur Behandlung von Entzündungskrankheiten eingesetzt werden, deuten die veröffentlichten Ergebnisse im Journal ‚Molecular Cell‘ darauf hin, dass schlanke und adipöse Patienten unterschiedlich auf die Therapie mit Steroiden reagieren könnten. 
  • Des Weiteren verdeutlicht die Studie die biologische Funktion des täglichen Rhythmus der Hormonausschüttung – noch vor dem Aufwachen und der Nahrungsaufnahme, niedrig beim Schlafen und Fasten – sowie die täglichen Zyklen der Zucker- und Fettspeicherung bzw. -freisetzung durch die Leber.

Jede Zelle im menschlichen Körper wird von einer inneren Uhr angetrieben, die dem zirkadianen Rhythmus von 24 Stunden folgt.

Sie verläuft synchron zum natürlichen Zyklus von Tag und Nacht, hauptsächlich gesteuert durch Sonnenlicht, aber auch durch soziale Gewohnheiten.

In einem gesunden System produziert die Nebenniere jeden Morgen Glukokortikoidstresshormone. 

  • Die Freisetzung von hohen Mengen an Glukokortikoid vor dem Aufwachen veranlasst den Körper, Fettsäuren und Zucker als Energiequellen zu nutzen. 

Dies ermöglicht es uns, in den Tag zu starten.

Bei Störungen des zirkadianen Rhythmus (z.B. durch Schichtarbeit oder Jetlag) und/oder bei Veränderungen des Glukokortikoidspiegels (z.B. durch das Cushing-Syndrom oder langfristige klinische Behandlung) können schwerwiegende metabolische Dysregulationen wie Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes oder Fettlebererkrankungen auftreten. 

Ziel des Forschungsteams war es daher, die Bedeutung der täglichen Ausschüttung großer Mengen an Stresshormonen, den Einfluss dieser Hormone auf unsere innere Uhr und ihre Rolle für die täglichen Stoffwechselzyklen zu verstehen.

Stoffwechselvorgänge von Glukokortikoiden in der Leber

Um die metabolischen Funktionen der Glukokortikoide in der Leber zu untersuchen, charakterisierten die Forschenden die Aktivität ihres Rezeptors, des so genannten Glukokortikoidrezeptors, mit neuen Hochdurchsatz-Technologien.

Alle vier Stunden, Tag und Nacht, analysierten sie die Leber von Mäusen. Die Mäuse wurden entweder mit normaler oder fettreicher Nahrung gefüttert. Mit Hilfe modernster Verfahren aus der Genomik, Proteomik und Bioinformatik konnte das Team sich dann ein Bild davon machen, wann und wo der Glukokortikoidrezeptor seine metabolische Wirkung entfaltet. Die Forschenden analysierten die Auswirkungen der täglichen Schwankungen der Glukokortikoidfreisetzung im 24-Stunden-Zyklus des Leberstoffwechsels.

Sie konnten veranschaulichen, wie Glukokortikoide den Stoffwechsel beim Fasten (wenn die Mäuse schlafen) und bei der Nahrungsaufnahme (wenn sie aktiv sind) durch zeitabhängige Bindung an das Genom unterschiedlich regeln.  

Die Studie zeigt außerdem, wie die Mehrheit der rhythmischen Genaktivität durch diese Hormone gesteuert wird.

Bei Verlust dieser Kontrolle (bei sogenannten Knockout-Mäusen) wirkt sich dies auf die Zucker- und Fettwerte im Blut aus.  

  • Dies erklärt, wie die Leber den Zucker- und Fettgehalt im Blut bei Tag und Nacht unterschiedlich steuert.

Da der Glukokortikoidrezeptor in der Immuntherapie häufig zum Einsatz kommt, untersuchte das Team in einem nächsten Schritt seine genomischen Auswirkungen nach der Injektion des Wirkstoffs Dexamethason, einem synthetischen Glukokortikoid, das auch diesen Rezeptor aktiviert. „Mit diesem Experiment“, erklärt Dr. Fabiana Quagliarini, „fanden wir heraus, dass sich die Wirkstoffreaktion bei fettleibigen Mäusen von der bei schlanken Mäusen unterscheidet.

  • Damit konnten wir zum ersten Mal zeigen, dass die Ernährung die hormonellen und medikamentösen Reaktionen des Stoffwechsels verändern kann.“

Neue Erkenntnisse für die Chronomedizin und die Therapie von Stoffwechselerkrankungen

Glukokortikoide sind eine Gruppe von natürlichen und synthetischen Steroidhormonen wie Cortisol. 

Sie besitzen hochwirksame entzündungshemmende und immunsuppressive Eigenschaften, die die Aktivität des Immunsystems kontrollieren können. 

Daher werden sie in der Medizin weithin genutzt. 
  • Der größte Nachteil dabei ist, dass Glukokortikoide aufgrund ihrer Fähigkeit, den Zucker- und Fettstoffwechsel zu regulieren, auch schwere Nebenwirkungen verursachen können: 
  • Die Patienten können Fettleibigkeit, Hypertriglyceridämie, Fettleber, Bluthochdruck oder Typ-2-Diabetes entwickeln.


„Wenn wir verstehen, wie Glukokortikoide die 24-Stunden-Zyklen der Genaktivität in der Leber und damit den Zucker- und Fettspiegel im Blut kontrollieren, gewinnen wir neue Erkenntnisse für die ‚Chronomedizin‘ und die Entwicklung von Stoffwechselerkrankungen.

Wir konnten einen neuen Zusammenhang zwischen Lebensstil, Hormonen und Physiologie auf molekularer Ebene beschreiben. 

  • Dieser deutet darauf hin, dass adipöse Menschen unterschiedlich auf die tägliche Hormonausschüttung oder auf Glukokortikoidpräparate reagieren könnten. 

Diese Mechanismen sind die Grundlage für die Entwicklung künftiger Therapien“, verdeutlicht Prof. Henriette Uhlenhaut.


Uhlenhaut leitete das Forschungsteam der Institute für Diabetes und Adipositas sowie Diabetes und Krebs am Helmholtz Zentrum München, dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD), dem Max-Planck-Institut für Biochemie, der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago und der School of Life Sciences Weihenstephan an der Technischen Universität München (TUM).

Originalpublikation
Quagliarini et al., 2019: Cistromic reprogramming of the diurnal glucocorticoid hormone response by high-fat diet (https://www.cell.com/molecular-cell/fulltext/S1097-2765(19)30767-1). Molecuar Cell, DOI: 10.1016/j.molcel.2019.10.007

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Prof. Dr. Nina Henriette Uhlenhaut

Helmholtz Zentrum München
Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)
Institut für Diabetes und Krebs
Ingolstädter Landstraße 1
D-85764 Neuherberg
Tel. +49 89 3187-2052
Email: henriette.uhlenhaut@helmholtz-muenchen.de

Ingolstädter Landstr.1
85764 Neuherberg
Deutschland
Bayern

Verena Schulz
Telefon: 089-3187-43902
E-Mail-Adresse: verena.schulz@helmholtz-muenchen.de

Originalpublikation:
https://doi.org/10.1016/j.molcel.2019.10.007

Lungenfunktionsstörungen: Idiopathischem Parkinson-Syndrom:

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: ParkinsonpatientInnen das Atmen erleichtern

Prof. Dr. Melvin Mohokum veröffentlicht gemeinsam mit KollegInnen Studie zum Thema „Reflektorische Atemtherapie bei Patienten mit idiopathischem Parkinson-Syndrom“. 
 
In Europa leiden 1,2 Millionen Menschen unter dem Parkinson-Syndrom, in Deutschland gehört es zu der am häufigsten auftretenden neurologischen Erkrankung. 

Trotz bestmöglicher medikamentöser Behandlung leiden viele Betroffene infolge der Krankheit sekundär unter Lungenfunktionsstörungen. 

  • Um Lungenfunktionsstörungen zu behandeln, werden atemtherapeutische Interventionen im Rahmen der Physiotherapie bereits mit Erfolg eingesetzt. 

Es stand daher die Frage im Raum, ob diese Erfolge auch bei Menschen mit Parkinson-Syndrom erzielt werden können.

Ziel der veröffentlichten einarmigen klinischen Pilotstudie im Vorher- / Nachher-Design war es, die Anwendbarkeit der reflektorischen Atemtherapie (RAT) erstmalig an PatientInnen mit idiopathischem Parkinson-Syndrom (IPS) zu testen.

Es wurde untersucht, ob die RAT bei PatientInnen mit IPS als Behandlungsmethode angewendet werden kann und welche Wirkungen Betroffene erwarten dürfen.

Insgesamt wurde die RAT an 9 PatientInnen (4 Frauen, 5 Männer) durchgeführt. Es konnte gezeigt werden, dass sich die krankheitsbezogene Lebensqualität bei 5 PatientInnen verbesserte und 7 PatientInnen eine größere Distanz im 6-Minuten-Gehtest zurücklegten. 

  • In der Klinik kann die RAT daher die Behandlung von Personen mit idiopathischem Parkinson-Syndrom ergänzen.

Diese Originalarbeit ist in Zusammenarbeit mit der Physiotherapeutin Nadine Neumann, M.Sc., (Fachbereiche Neurologie, Neurochirurgie und Plastik, Klinikum Köln-Merheim), Dr. Jörn Kiselev (Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin) sowie Univ.-Prof. Dr. Michaela Pinter (Department für Klinische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin, Donau-Universität Krems) entstanden.

Sie wurde in der Zeitschrift physioscience veröffentlicht.

Seit 2013 lehrt Prof. Dr. Melvin Mohokum als Professor für Therapiewissenschaften an der SRH Hochschule für Gesundheit am Campus Leverkusen praxisnah im ausbildungsintegrierenden Studiengang Physiotherapie. Seine Forschungsaktivitäten werden durch nationale und internationale, wissenschaftliche Publikationen in renommierten Fachzeitschriften in Physiotherapie und Medizin bestätigt. Das Studium der Physiotherapie absolvierte er an der niederländischen Hogeschool van Amsterdam und am Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg. Die Promotion erfolgte am Institut für Biometrie und klinische Epidemiologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

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Prof. Dr. Melvin Mohokum
Professor für Therapiewissenschaften mit Schwerpunkt Physiotherapie,
E-Mail: melvin.mohokum@srh.de
Telefon + 49 2171 74382-02

Christoph Möckel SRH Hochschule für Gesundheit

Campus Gera / Neue Straße 28-30
07548 Gera
Deutschland
Thüringen

Telefon: 0365 773407-62
E-Mail-Adresse: christoph.moeckel@srh.de

CAVE: Essen von Reis

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Sinkende Erträge und steigende Arsenbelastung gefährden die Versorgung mit Reis

Forscher der Universitäten Stanford, Tübingen und Bayreuth gehen von Rückgang der Ernte um bis zu 40 Prozent bis zum Jahr 2100 aus 
 
Durch die Klimaerwärmung könnte die Reisernte weltweit deutlich geringer ausfallen als bisher angenommen.

  • Der Reis könnte zudem deutlich über die heutigen EU-Grenzwerte hinaus mit dem giftigen Halbmetall Arsen belastet sein. 

Zu diesem Schluss kommt ein internationales Forschungsteam an den Universitäten Stanford, Tübingen und Bayreuth unter der Leitung von Dr. Eva Marie Muehe, Forscherin an den Universitäten Stanford und Tübingen. Den Szenarien des Forschungsteams zufolge könnte die Reisproduktion bis zum Ende dieses Jahrhunderts um bis zu 40 Prozent zurückgehen. Die Studie wurde im Fachmagazin Nature Communications veröffentlicht.

Für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung stellt Reis das wichtigste Grundnahrungsmittel dar. Global gesehen liefert er die meisten Kalorien pro Kopf und Tag. Schon lange wird befürchtet, dass der Klimawandel mit steigenden Temperaturen und erhöhtem Kohlendioxidgehalt der Luft sowie Wasserknappheit die Ernteerträge um bis zu 15 Prozent mindern könnte. In der neuen Studie berücksichtigten die Forscherinnen und Forscher neben den Klimadaten die steigende Schadstoffbelastung der Böden und errechneten weit dramatischere Ernteeinbußen – und das bei einer rasant wachsenden Weltbevölkerung, deren Ernährung sichergestellt werden sollte.

Wechselwirkungen verstärken die Probleme

In Asien, wo 97 Prozent der weltweiten Reisernte produziert werden, kommt das giftige Halbmetall Arsen vielfach natürlicherweise im Grundwasser vor. 

Durch die Bewässerung der Reisfelder reichert sich Arsen immer stärker im Boden an.

„Wir haben festgestellt, dass das Arsen aus dem Boden bei höheren Temperaturen und höherem Kohlendioxidgehalt der Luft verstärkt von den Reispflanzen aufgenommen wird“, sagt Eva Marie Muehe. 

Das Arsen schädige die Bildung der Reiskörner und verringere somit den durch die Bedingungen der Klimaerwärmung bereits verminderten Ertrag weiter.

Mit Hilfe von Gewächshausstudien konnten die Wissenschaftler basierend auf bisherigen Simulationsmodellen zeigen, dass die Klimaerwärmung allein bei der kalifornischen Reisvariante M206 einen Ertragsverlust von 16 Prozent verursacht.

„Wenn wir die erhöhte Verfügbarkeit von Arsen im Boden mit einbeziehen, kommen wir auf einen Ertragsverlust von insgesamt 42 Prozent“, sagt Muehe.

Dies bedeute, dass Prognosen zum künftigen Reisertrag deutlich zu hoch seien.

  • Der künftig produzierte Reis werde zudem mehr des für den Menschen giftigen Arsens enthalten. 
  • Die ständige Aufnahme größerer Mengen Arsen kann zu Hautverletzungen, Krebs, einer Verschlimmerung von Lungenerkrankungen und sogar zum Tod führen.

Die Wissenschaftlerin will in Zusammenarbeit mit anderen Forschungsteams die Modelle zur künftigen Reisproduktion unter Berücksichtigung der Effekte von Schadstoffen wie Arsen weiter verbessern.

„Die neuen Studienergebnisse haben eine immense Bedeutung für die Einschätzung der Ernährungssicherheit großer Teile der Weltbevölkerung“, sagt Eva Marie Muehe.

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Eva Marie Muehe
Universität Tübingen
Zentrum für Angewandte Geowissenschaften
Stanford School of Earth
eva-marie.muehe[at]uni-tuebingen.de

Dr. Karl Guido Rijkhoek Eberhard Karls Universität Tübingen
Wilhelmstr. 5
72074 Tübingen
Deutschland
Baden-Württemberg


Dr. Karl Guido Rijkhoek
Telefon: 07071 / 29 -767 88
E-Mail-Adresse: karl.rijkhoek@uni-tuebingen.de

Originalpublikation:
E. M. Muehe, T. Wang, C. F. Kerl, B. Planer-Friedrich, S. Fendorf: Rice production threatened by coupled stresses of climate and soil arsenic. Nature Communications, https://doi.org/10.1038/s41467-019-12946-4

Wechselwirkungen zwischen Depressionen, neuroendokrinen Stressreaktionen und dem Knochenstoffwechsel

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Stress macht morsche Knochen

– Studie zeigt, dass sich psychische Belastungen negativ auf den Knochenstoffwechsel auswirken

  • Akuter und chronischer Stress „fahren“ uns langfristig in die Knochen. 

Zu diesem Ergebnis kam ein Forschungsteam unter der Leitung der Potsdamer Sport- und Gesundheitssoziologin Prof. Dr. Pia-Maria Wippert. 

In einer Studie konnten sie nachweisen, dass sich eine längere physiologische Belastung wie chronischer Stress oder aber ein frühkindliches Trauma auch Jahre später noch negativ darauf auswirken, wie sich unser Knochenstoffwechsel an hohe Stressbelastungen anpassen kann. 
 
  • In einem ersten Schritt fanden die Forschenden heraus, dass sich der Knochenstoffwechsel während einer akuten Depressionsepisode an die erhöhte Belastung anpasst. 

In einem zweiten Schritt gelang es dem Team zu zeigen, dass diese Anpassung – unabhängig vom Geschlecht – unterschiedlich stark ausfällt und die Ursachen dafür in der biografischen Belastung einer Person zu suchen sind.

  • Konkret gibt es bei Menschen mit einer hohen physiologischen Belastung, z.B. durch chronischen Stress, gar keine oder eine nur noch reduzierte anabole Anpassung. 

Menschen, die ein frühkindliches Trauma erlebt haben, zeigen durch die damit einhergehende höhere Stressreaktivität während einer Depressionsepisode wiederum eine überschießende anabole Reaktion. 

  • Bei beiden biografischen Belastungsformen steigt das Risiko einer geringeren Knochenmineraldichte. 


„Die Differenzierung einer unterschiedlichen metabolischen Anpassung entlang der biografischen Risikolast wird mit Blick auf Medikation und Therapieformen bedeutsame Konsequenzen in der Behandlung von depressiven Patienten haben“, sagt Pia-Maria Wippert.

„Diese Erkenntnis könnte ein wesentlicher Schritt für die Prävention altersbedingter Erkrankungen wie Osteoporose, Arthrose und Marschfrakturen sein.“


Pia-Maria Wippert und ihre Potsdamer Kollegin Karin Würtz-Kozak hatten 2015 damit begonnen, die Wechselwirkungen zwischen Depressionen, neuroendokrinen Stressreaktionen und dem Knochenstoffwechsel zu untersuchen.

Bei ersten Knochenmikrostrukturanalysen an Mäusen, die zuvor frühkindlichem Stress ausgesetzt waren, gelang es ihnen, Veränderung der Knochen, zum Beispiel in Hinblick auf neuronale Strukturen, aufzuzeigen.

Im Austausch mit verschiedenen Spezialisten stellten sie weitergehende Untersuchungen an und überprüften die im Tierexperiment identifizierten Parameter mithilfe von Blutproben aus einer Humanstudie (DEPREHA).

Zu den Ergebnissen der Studie: https://www.karger.com/Article/Abstract/503640

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Prof. Dr. Pia-Maria Wippert
Professur für Sport- und Gesundheitssoziologie
Tel.: 0331-977-1051
E-Mail: pia-maria.wippert@uni-potsdam.de

Matthias Zimmermann
Universität Potsdam
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
Tel.: +49 331 977-1474
Fax: +49 331 977-1130


Unipolare Depressionen - Suizidgedanken - nichtmedikamentöse Maßnahmen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Berlin: Suizidale Krisen bei unipolarer Depression: Kognitive Verhaltenstherapie kann helfen

Bestimmte Formen der kognitiven Verhaltenstherapie mindern depressive Symptome, Suizidgedanken und -versuche. 

Zu anderen nichtmedikamentösen Maßnahmen fehlen Daten. 
 
Bestimmte KVT-Formen können depressive Symptome und Suizid-Tendenzen mindern / Studien zu anderen nichtmedikamentösen Maßnahmen fehlen

  • Rund zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland leben mit depressiven Symptomen und sind im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt um das 20-Fache stärker suizidgefährdet. 

Im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat eine Arbeitsgruppe der Technischen Universität (TU) Berlin untersucht, ob verschiedene ambulante, nichtmedikamentöse Maßnahmen, etwa Kriseninterventionsprogramme oder psychosoziale Interventionen, Erwachsene mit unipolarer Depression dabei unterstützen, suizidale Krisen besser zu bewältigen.

Im finalen HTA-Bericht stellen die Berliner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest, dass bestimmte Formen der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) u. a. depressive Symptome, aber auch Suizidgedanken und -versuche mindern können. Allein die KVT ist in aussagekräftigen Studien untersucht, belastbare Ergebnisse zu anderen nichtmedikamentösen Verfahren fehlen.

Die wissenschaftlichen Fragen der HTA-Berichte gehen zurück auf Vorschläge von Bürgerinnen und Bürgern beim ThemenCheck Medizin des IQWiG. In ein solches Health Technology Assessment (kurz: HTA, engl. für Bewertung von medizinischen Technologien) fließen auch ökonomische, ethische, soziale, rechtliche und organisatorische Aspekte mit ein.

Depression erhöht Suizidrisiko

Trotz der weiten Verbreitung von Depressionen werden Betroffene immer noch stigmatisiert und scheuen sich oft, darüber zu sprechen sowie Hilfsangebote (z. B. Psychotherapie) anzunehmen. 

Depressionen sind ein wesentlicher Risikofaktor für Selbsttötungsabsichten und suizidales Handeln.

Häufig kommen weitere Faktoren hinzu, beispielsweise Alkoholmissbrauch und Gefühle von Isolation, und verstärken die Suizidneigung.

  • Bei Männern wird Depression zwar seltener diagnostiziert, doch ist bei Männern mit Depression die Suizidrate mehr als doppelt so hoch wie bei Frauen mit Depression.

Schnelles Handeln ist geboten

Bei akuter Suizidgefahr oder nach einem Suizidversuch hat schnelles Handeln oberste Priorität: Betroffene sollten nach einem Klinikaufenthalt unmittelbar eine ambulante psychiatrische Behandlung erhalten. Denn gerade in den ersten Tagen und Wochen nach der Entlassung ist das Suizidrisiko noch hoch.

Das sieht auch die Nationale VersorgungsLeitlinie „Unipolare Depression“ vor.

  • Unmittelbar an die Entlassung sollen sich Nachuntersuchungen und Therapieangebote anschließen, die neben Medikamenten auch eine auf Suizidneigung und -risiko ausgerichtete Psychotherapie umfassen können. 
  • Das gelingt bisher in der Versorgung allerdings oft nicht – nach dem Klinikaufenthalt bricht die Behandlung vielfach ab.

Aussagekräftige Studien allein zu KVT

Nur für die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) von Erwachsenen mit unipolarer Depression in einer suizidalen Krise gibt es aussagekräftige Studien. Das Wissenschaftlerteam der TU Berlin stellte anhand deren Ergebnissen fest, dass bestimmte Formen der KVT als Ergänzung zu einer Standardbehandlung (z. B. Arzneimittel oder Kriseninterventionsprogramm) bei der Bewältigung suizidaler Krisen helfen können: Depressive Symptome, Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken sowie (wiederholte) Suizidversuche lassen sich damit reduzieren.

Die Studiendaten wurden zu unterschiedlichen Messzeitpunkten nach Therapiebeginn erhoben. Die Berliner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler berichten deshalb im HTA-Bericht Daten für die Messzeitpunkte 1 Monat, 3, 6, 18 und über 18 Monate: Während sich nach 1 Monat zu fast allen patientenrelevanten Aspekten noch keine Vorteile zeigten, gab es bei einigen Aspekten insbesondere nach 6 Monaten Hinweise auf einen höheren Nutzen der KVT mit Fokus auf Suizidneigung und -risiko als Ergänzung zu einer Standardbehandlung.

Keine Anhaltspunkte gab es dafür, dass die KVT Auswirkungen auf Angst oder posttraumatischen Stress hat. Weitere patientenrelevante Aspekte wie die körperliche Verfassung für das Bewältigen des Alltags, die gesundheitsbezogene Lebensqualität, die Sterblichkeit durch Suizid oder schwere Nebenwirkungen wurden in den Studien nicht untersucht.

Kosten-Nutzen-Bewertungen fehlen

Gesundheitsökonomische Studien, die das Verhältnis von Nutzen und Kosten bewerten, waren nicht zu finden. Eine konkrete Aussage zu den Kosten der Gesamtbehandlung zu treffen, ist schwierig, da Dauer und Frequenz der Therapiesitzungen variieren können und im Rahmen einer Standardbehandlung häufig unterschiedliche medikamentöse und nichtmedikamentöse Maßnahmen kombiniert werden. Somit lassen sich nur die Kosten einzelner Therapiemaßnahmen im HTA-Bericht darstellen.

Zugangsbarrieren überwinden

Über Gespräche mit Betroffenen und Angehörigen sowie Literaturrecherchen wurden außer den Aspekten Stigmatisierung und Rückzug von Menschen mit Depression aus dem sozialen Leben noch einige weitere Aspekte identifiziert, die als Zugangsbarrieren zu hilfreichen Maßnahmen wirken: Lange Wartezeiten auf Termine oder nur schwere Erreichbarkeit von Therapeutinnen und Therapeuten, insbesondere im ländlichen Raum, sind solche Hürden. Auch deshalb kommt es zu Behandlungsabbrüchen beim Übergang von stationärer zu ambulanter Betreuung.

Deshalb schlagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TU Berlin unter anderem die enge multidisziplinäre Zusammenarbeit der beteiligten Psychiater, Psychotherapeuten und Hausärzte sowie den Ausbau von niedrigschwelligen Maßnahmen vor, beispielsweise Telefonseelsorge oder auch webbasierte Angebote. Zur Wirkung solcher niedrigschwelligen Leistungen fehlen allerdings verlässliche Studien.

„Auch wenn es wegen der unzureichenden Studienlage bislang nur Hinweise auf einen Nutzen von KVT gibt, ist der Ausbau von ambulanten Versorgungsstrukturen und niedrigschwelligen Angeboten zur kontinuierlichen Behandlung von Menschen mit suizidalen Krisen bei unipolarer Depression wichtig für die bedarfsgerechte Versorgung“, meint Laura Krabbe, Projektleiterin beim ThemenCheck Medizin des IQWiG, „denn angesichts der Häufigkeit von Depressionen und der besonderen Verletzlichkeit der Betroffenen müssen sich Menschen mit Depression in suizidalen Krisen auf eine nahtlose Behandlung auch nach ihrem stationären Aufenthalt verlassen können.“

Forschungsfragen von Bürgerinnen und Bürgern

Unabhängig von diesem HTA-Bericht können alle Interessierten online jederzeit Vorschläge für neue Forschungsfragen beim ThemenCheck Medizin machen. Das IQWiG wählt einmal jährlich bis zu fünf Themen aus, zu denen HTA-Berichte erstellt werden. Ein Auswahlbeirat bringt die Bürger- und Patientensicht mit ein, der Fachbeirat die Expertenperspektive.

Die HTA-Berichte werden nicht vom IQWiG selbst verfasst, sondern an externe Sachverständige vergeben. Deren Bewertung wird gemeinsam mit einer allgemein verständlichen Kurzfassung (HTA kompakt) und einem Herausgeberkommentar des IQWiG veröffentlicht.

Originalpublikation:
https://www.themencheck-medizin.iqwig.de/de/hta-berichte/08-ht17-03-suizidale-kr...

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