Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Trockene warme Luft erhöht das Schlaganfallrisiko
Anhand von knapp 18.000 Fällen, die über zehn Jahre hinweg erhoben
wurden, zeigt eine Augsburger Studie, dass das Risiko für bestimmte
Typen von Schlaganfällen bei trockenen und warmen Luftmassen ansteigt.
Erstmals wurden so komplexe Wirkungszusammenhänge mit so vielen Fällen
und Subtypen untersucht.
- Ziel der Studie war es, dazu beizutragen, dass
sowohl Patienten als auch medizinische Versorgungseinrichtungen
rechtzeitig geeignete vorbeugende und behandelnde Maßnahmen treffen
können.
Schlaganfälle sind deutschland- und weltweit eine der häufigsten
Todesursachen und Ursachen für dauerhafte Pflegebedürftigkeit.
Zunächst war es nur ein Gefühl der Neurologen am
Universitätsklinikum Augsburg (UKA),
nämlich „dass sich bestimmte
Schlaganfälle im Jahresverlauf an manchen Tagen häuften, sagt
Privatdozent Dr. Michael Ertl, einer der beiden Erstautoren der Studie.
„Diese Häufungsphänomene sind vielen
Schlaganfallneurologen bekannt,
sodass wir die Vermutung hatten,
dass das auch mit Wettereinflüssen zu
tun haben könnte.“
Und tatsächlich: Nach zehn Jahren und 17.989
untersuchten Fällen – die meisten von ihnen Neuerkrankte, aber auch
Patienten mit wiederholten Schlaganfällen – kommt die Studie zu
konkreten Ergebnissen beim Zusammenhang zwischen bestimmten Wetterlagen
und Schlaganfällen in der Region Augsburg.
Medizin am Abend Berlin ZusatzFachLink: Wetterdaten
- So steigt beispielsweise das
Risiko für einige Schlaganfall-Subtypen bei trocken-warmen Luftmassen,
wohingegen trocken-kalte Luftmassen mit einem signifikant geringeren
Auftreten von Hirnblutungen verbunden waren.
Komplexe Wirkungszusammenhänge mit Lufttemperatur und -feuchtigkeit
Die Suche nach den Wirkungszusammenhängen stellte sich als sehr komplex
heraus. „Das Zusammenspiel aus unterschiedlichen meteorologischen
Faktoren – wie
Lufttemperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit – sowie
kurzfristigen Temperaturänderungen ist sehr komplex“, erklärt
Privatdozent Dr. Christoph Beck vom Lehrstuhl für Physische Geographie
mit Schwerpunkt Klimaforschung an der Universität Augsburg, neben Ertl
ebenfalls Erstautor der Studie. Betrachtet
man die Temperaturentwicklung
im Zeitraum weniger Tage vor dem Schlaganfallereignis, so findet man
auch hier differenzierte Einflüsse auf die Schlaganfalls- oder
Blutungshäufigkeit, die pathophysiologisch allerdings noch nicht
vollends geklärt sind.
- Das interdisziplinäre Forscherteam konnte
weiterhin zeigen, dass sich Wetterveränderungen auf die beiden
Schlaganfall-Subtypen Hirninfarkt und Hirnblutung unterschiedlich
auswirken.
- So bringen trockene, warme Luftmassen ein erhöhtes Risiko für
bestimmte Hirninfarkttypen mit sich, die über 80 Prozent aller
Schlaganfälle ausmachen, ein geringeres Risiko allerdings für
Hirnblutungen.
- Umgekehrt ist es bei trockenen, kühlen Luftmassen:
- Sie
befördern Hirnblutungen, ziehen aber ein selteneres Auftreten von
Hirninfarkten nach sich.
- Auch bei feuchten Luftmassen konnte ein
verringertes Auftreten von Hirninfarkten nachgewiesen werden.
Noch nie so komplexe Wirkungszusammenhänge mit so vielen Fällen und Subtypen untersucht
Ertl ist dabei wichtig zu betonen, „dass wir nicht die ersten sind, die
Klima und Schlagunfallhäufigkeit im Zusammenhang sehen“. Die meisten
Studien untersuchten Ertl zufolge aber nur wenige meteorologische
Parameter wie Luftdruck und Temperatur sowie den Schlaganfall ohne
nähere Definition zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Studie des
Forscherteams aus Medizinern des UKA und Klimaforschern des
geographischen Instituts der Universität geht hier viel weiter.
„Über
die Berücksichtigung der lokalen meteorologischen Bedingungen hinaus
beziehen die eingesetzten Luftmassenklassifikationen auch die
großräumigen synoptischen Verhältnisse wie die Bodenluftdruckverteilung
über Europa in die Zuordnung zu spezifischen Wetterlagen mit ein“,
erläutert Beck.
„Zudem haben wir den sogenannten ischämischen
Schlaganfall, bei dem es zu einem Gefäßverschluss der hirnversorgenden
Arterien kommt und der rund 85 Prozent aller Schlaganfälle ausmacht, in
fünf weitere Subtypen unterteilt, erklärt Ertl.
In der Studie wurde
außerdem die Luftmassen-Situation zwei bis fünf Tage vor dem
Schlaganfall berücksichtigt.
Klassische Risikofaktoren aller
untersuchten Patienten wie Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes,
Cholesterin und Lebensgewohnheiten wurden dem Arztbrief entnommen und
ebenfalls vermerkt.
Große Fallzahlen am Universitätsklinikum Augsburg
Ein hervorragender Ausgangspunkt für die Studie war einerseits die
umfassende Datenbank von Schlaganfällen (rund 2.000 Patienten pro Jahr),
die am UKA zur Verfügung steht, da hier eine lückenlose Erfassung von
Schlaganfallpatienten der gesamten Region erfolgt. Dies ermöglicht eine
sehr umfangreiche Patientenzahl: Für den Untersuchungszeitraum von 2006
bis 2017 lagen etwa 18.000 Schlaganfälle vor. Andererseits hat die
Universität Augsburg am Institut für Geographie seit über zwanzig Jahren
eine herausragende Expertise in der Umwelt- und Klimaforschung. Beides
konnte erfolgreich verbunden werden – zum Nutzen besserer Vorsorge und
besserer Versorgung.
Denn Schlaganfälle sind deutschland- und weltweit
eine der häufigsten Todesursachen und Ursachen für dauerhafte
Pflegebedürftigkeit.
- „Mithilfe unserer Studie möchten wir dazu
beitragen, dass sowohl Patienten als auch medizinische
Versorgungseinrichtungen rechtzeitig geeignete vorbeugende und
behandelnde Maßnahmen treffen können.
Dafür ist jedoch in Zukunft noch
eine intensive weitere Forschung notwendig. Ziel ist es, die
retrospektiv ausgewerteten Daten nun durch weitere prospektive
Untersuchungen zu bestätigen und zu konkretisieren“, betont Prof. Dr.
Markus Naumann, Direktor der Klinik für Neurologie und Klinische
Neurophysiologie am UKA.
Zahlen, Daten, Fakten
Die Zahl der exakt 17.989 untersuchten Fälle ist nicht identisch mit der
Zahl der berücksichtigten Patienten. Zwar sind die meisten Fälle
Neuerkrankungen, doch einige wenige der in der Studie erfassten
Patienten hatten bereits den 2. oder 3. Schlaganfall erlitten. Von den
Fällen waren 27 Prozent unter 65 Jahren, 73 Prozent älter als 65 Jahre.
52 Prozent sind Männer, 48 Prozent sind Frauen.
Prof. Naumann und sein Kollege Ertl behandeln mit ihrem Team am UKA
knapp 2.000 Schlaganfall-Patienten pro Jahr. Damit ist die Klinik für
Neurologie und klinische Neurophysiologie des Universitätsklinikums
Augsburg einer der größten Schlaganfall-Versorger in Deutschland. Über
das Kooperationsprojekt TESAURUS sind insgesamt sieben kleinere Kliniken
in der Region an das UKA angeschlossen und erhalten
Support in Form von
Konsilen, damit sie ihren Patienten, soweit medizinisch vertretbar,
eine wohnortnahe Versorgung bieten können.
Die Klimaforscher am Institut für Geographie der Universität Augsburg
sind seit vielen Jahren im Rahmen nationaler und internationaler
Forschungskooperationen an der Untersuchung der Zusammenhänge zwischen
atmosphärischen Prozessen und verschiedenen Umweltparamatern beteiligt.
Nicht in der Studie berücksichtigt wurde die Schwere des jeweiligen
Schlaganfalles. Bei der großen Anzahl an Studienteilnehmern musste das
Forscherteam aus Neurologen, Klima- und Umweltwissenschaftlern,
Epidemiologen und Umweltmedizinern des Universitätsklinikums und der
Universität Augsburg sowie des Helmholtz Zentrums München und des
Augsburger Universitären Zentrums für Gesundheitswissenschaften UNIKA-T
auf die beschriebenen Indikatoren fokussieren.
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Die Augsburger Universitätsmedizin …
… umfasst die Medizinische Fakultät der Universität Augsburg, das
Universitätsklinikum Augsburg sowie – als Kooperationspartner – das
Bezirkskrankenhaus Augsburg – Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und
Psychosomatik der Universität Augsburg. Die Forschungsschwerpunkte der
Medizinischen Fakultät liegen in den Bereichen Medizinische Informatik
sowie Umwelt und Gesundheit. Rund 100 Professorinnen und Professoren
werden im Endausbau in der bio- und humanmedizinischen Forschung und
Lehre tätig sein. Seit dem Wintersemester 2019/20 bietet die
Medizinische Fakultät einen humanmedizinischen Modellstudiengang an, der
vorklinische und klinische Inhalte integriert und besonderen Wert auf
eine wissenschaftliche Ausbildung der im Endausbau 1.500 Studierenden
legt.
Das Universitätsklinikum Augsburg (UKA), seit 2019 in der Trägerschaft
des Freistaates Bayern, bietet unter anderem durch seine Einbindung in
universitäre medizinische Forschung und Lehre der Medizinischen Fakultät
der Universität Augsburg der Bevölkerung der Stadt und der Region eine
optimale medizinische Versorgung. Die tagesklinischen Betten mitgezählt,
stehen am UKA 1.740 Betten zur Verfügung. 24 Kliniken, drei Institute
und 19 Zentren garantieren in allen medizinischen Fachdisziplinen
Diagnose und Therapie in allen medizinischen Fachdisziplinen auf
höchstem Niveau. Jährlich werden über 250.000 ambulante und stationäre
Patientinnen und Patienten versorgt. Mit zirka 80.000 Patientinnen und
Patienten pro Jahr ist die Notaufnahme des UKA die zweitgrößte der
Bundesrepublik. Jährlich erblicken am UKA mehr als 2.450 Kinder das
Licht der Welt. Mit 560 Ausbildungsplätzen ist die an das UKA
angeschlossene Akademie für Gesundheitsberufe einer der größten
Ausbildungsträger der Region.
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idw - Informationsdienst Wissenschaft e. V.
PD Dr. med. Michael Ertl
michael.ertl@uk-augsburg.de
Universitätsklinikum Augsburg
Dr. Christoph Beck, Institut für Geographie der Universität Augsburg
Universitätsstr. 2
86159 Augsburg
Deutschland
Bayern
Klaus P. Prem
Telefon: 0821/598-2094 & -2096
Fax: 0821/598-5288
E-Mail-Adresse:
klaus.prem@presse.uni-augsburg.de
Originalpublikation:
Ertl M., Beck C., Kühlbach B.,
Hartmann J., Hammel G., Straub A., Giemsa E., Seubert S., Philipp A.,
Traidl-Hoffmann C., Soentgen J., Jacobeit J., Naumann M.: New Insights
into Weather and Stroke: Influences of Specific Air Masses and
Temperature Changes on Stroke Incidence. In: Cerebrovasc Diseases
2019;47:275–284,
https://doi.org/10.1159/000501843