Medizin am Abend Berlin Fazit: Welche Entbindung ist bei einer „Beckenendlage“ zu empfehlen?
Bei knapp 5 Prozent der Schwangerschaften am Termin befindet sich
das Kind in sogenannter „Beckenendlage“, d.h. der Steiß des Kindes wird
zuerst geboren (Steißgeburt).
| Die Story im Ersten: OP gelungen - Patient tot | Mo., 14. März 2016 | 22:45 Uhr
|
 |
Dokumentation
'OP gelungen - Patient tot' begleitet den tragischen
Krankheitsverlauf einer jungen Patientin nach einer
Kaiserschnitt-Entbindung. Er begibt sich auf eine investigative
Recherche hinter die sauber anmutenden Fassaden unserer Krankenhäuser.
Experten machen auf gravierende Mängel in den Strukturen unserer
Kliniken aufmerksam.
Kontakt:
WDR
Annette Metzinger
Tel: 0221/220 7101
E-Mail: annette.metzinger@wdr.de
Trotz jahrzehntelanger Erfahrungen ist
bislang wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt, wann ein Kaiserschnitt
oder eine vaginale Geburt bei einer Beckenendlage zu empfehlen ist.
Insbesondere fehlen Langzeitdaten zur weiteren Entwicklung der Kinder
nach Steißgeburt.
Eine Studie an der Klinik für Frauenheilkunde und
Geburtshilfe, Universitätsklinik der Paracelsus Medizinischen
Privatuniversität, des Klinikums Nürnberg soll nun prüfen, welche
Entbindungsform für Kinder in Beckenendlage die besten Ergebnisse
bringt.

Die Manfred-Roth-Stiftung unterstützt die Studie zum Vergleich der Langzeitdaten bei Kaiserschnitt und Steißgeburt Klinikum Nürnberg
Kaiserschnitt oder Steißgeburt: Eine Studie im Klinikum Nürnberg
soll nun wissenschaftliche Grundlagen für diese Entscheidung liefern.
Die Studie wird von der
Manfred-Roth-Stiftung, Fürth, mit 15.000 Euro
gefördert. Sie wurde gemeinsam mit dem Stiftungsvorstand Dr. Wilhelm
Polster, bei einer Pressekonferenz im Februar 2016 im Klinikum
Nürnberg vorgestellt. Die nach dem verstorbenen
NORMA-Gründer benannte
Stiftung unterstützt eine Vielzahl wissenschaftlicher, sozialer und
kultureller Einrichtungen.
Internationale Studien: Kaiserschnitt bringt für das Kind keine Vorteile
-
Kaiserschnitte sind bei Steißgeburten oft die Entbindungsform der Wahl.
- Dazu hat auch die erste kontrollierte internationale Studie beigetragen
(Term Breech Trial), die im Jahr 2000 in der Zeitschrift „Lancet“
veröffentlicht worden ist und eine erhöhte Erkrankungs- und Sterberate
in der unmittelbaren Phase nach der Geburt bei den Neugeborenen
feststellte.
Allerdings wies sie mehrere methodische Mängel auf, z.B.
die Studiendauer
und die unterschiedliche Qualifikation der beteiligten
Geburtshelfer.
Spätere Studien stellten dagegen, dass die Ergebnisse von
vaginaler Geburt und Kaiserschnitt ähnlich sind. Langzeitdaten liegen
bislang nicht ausreichend vor.
-
In einer erfahrenen Entbindungsklinik kann mit bestimmten Handgriffen
fast immer eine unkomplizierte vaginale Geburt realisiert werden. Diese
Handgriffe müssen Geburtshelfer regelmäßig trainieren, da sie über das
Grundlagenwissen hinausgehen.
- Alternativ kann auch versucht werden, das
Kind vor der Geburt im Mutterleib zu drehen.
- Das wird allerdings selten
getan und gelingt nicht immer. In weniger erfahrenen Kliniken wird bei
Kindern in Beckenendlage deshalb oft der Kaiserschnitt vorgezogen.
Dieser birgt aber, gerade bei Folgeschwangerschaften, große Risiken.
In der Geburtshilfe des Klinikums Nürnberg gibt es umfangreiche
Erfahrungen mit Geburten von reifen Kindern in Beckenendlage, die bei
etwa 150 der rund 3.000 Geburten gegeben ist.
- Bei einer Steißgeburt
werden zunächst das Gesäß und zuletzt der Kopf entbunden. Selten wird
vorher versucht, das Kind vor der Geburt im Mutterleib zu drehen.
Gelingt dieses Manöver nicht, muss während der Geburt der
Sauerstoffversorgung des Ungeborenen über die Nabelschnur besonderes
Augenmerk geschenkt werden. In einer erfahrenen Entbindungsklinik kann
jedoch fast immer eine unkomplizierte vaginale Geburt realisiert werden.
„Unsere Nürnberger Daten zeigen derzeit, dass in Beckenendlage die
Kaiserschnitt-Geburt verglichen mit der vaginalen Geburt für das
Neugeborene keine Vorteile bringt.
Auch die internationale
wissenschaftliche Literatur hat dies belegt“, erklärte Prof. Dr. Cosima
Brucker, Chefärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe,
Universitätsklinik der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität.
„Aber
wir überblicken bislang nur den Zeitraum unmittelbar nach der Geburt.“
Eine Studie, die von der Manfred-Roth-Stiftung gefördert wird, soll nun
neue Langzeiterkenntnisse dazu bringen.
Kinder werden zwei Jahre nach der Geburt untersucht
„Wir sind der Manfred-Roth-Stiftung sehr dankbar, dass sie uns bei
diesem wichtigen Forschungsprojekt unterstützt,“ sagte Prof. Dr. Martin
Wilhelm, Vizedekan der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität.
Für die Studie werden 450 Eltern angeschrieben, deren Kind nach
Beckenendlage in den Jahren 2014 bis 2016 im Klinikum Nürnberg geboren
wurden.
Ihnen wird eine zusätzliche Untersuchung ihres Kindes nach zwei
Jahren angeboten, die den Entwicklungsstand testet. Zusätzlich werden
ihre persönliche Erfahrungen mit der Geburt und mögliche Konsequenzen
erfragt. Als Vergleichsgruppen dienen Eltern und Kinder, die nach
Beckenendlage mit Kaiserschnitt oder in Schädellage vaginal entbunden
wurden.
„Die Studienergebnisse werden wir voraussichtlich 2018 vorstellen und
veröffentlichen können. Wir wollen einen damit einen wissenschaftlichen
Beitrag dazu leisten, dass die Eltern bei ihrer Entscheidung für eine
Entbindungsform noch sicherer sein können“, erklärte Prof. Brucker.
Die Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Nürnberg wurde 2014
gegründet und ist zweiter Standort der Paracelsus Medizinischen
Privatuniversität in Salzburg. In Nürnberg werden jährlich 50
Medizinstudierende ausgebildet. Das Curriculum orientiert sich eng an
der Ausbildung der amerikanischen Mayo-Medical School. Die Paracelsus
Medizinische Privatuniversität kooperiert zudem mit weiteren
wissenschaftlichen Einrichtungen im In- und Ausland.
Das Klinikum Nürnberg ist eines der größten kommunalen Krankenhäuser in
Deutschland und bietet das gesamte Leistungsspektrum der
Maximalversorgung an. Mit rund 2.370 Betten an zwei Standorten (Klinikum
Nord und Klinikum Süd) und 6.200 Beschäftigten versorgt es 100.000
stationäre und knapp 100.000 ambulante Patienten im Jahr. Zum
Klinikverbund gehören drei weitere Krankenhäuser des Landkreises
Nürnberger Land.
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt
www.medizin-am-abend.blogspot.com
Über Google: Medizin am Abend Berlin
Prof. Dr. Cosima Brucker, Chefärztin
Leitung der Klinik für Frauenheilkunde mit den Schwerpunkten Gynäkologie und Geburtshilfe
Tel: 0911-398-2222
E-Mail: cosima.brucker@klinikum-nuernberg.de
Dr. Michael Krause, Oberarzt
Tel: 0911 398 - 2804
E-Mail: michael.krause@klinikum-nuernberg.de
Dr. Annette Tuffs
Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Standort Nürnberg
Literatur
1. Alarab, M; Regan, C; O’Connell, MP; Keane DP; O’Herlihy, C; Foley,
ME: Singleton Vaginal Breech Delivery at Term: Still a Safe Option.
Obstet Gynecol 2004; 103 (3): 407-412
2. Albrechtsen, S; Rasmussen, S; Reigstad, H; Markestad, T; Irgens, LM;
Dalaker, K: Evaluation of a protocol for selecting fetuses in breech
presentation for vaginal deliv-ery or cesarean section. Am J Obstet
Gynecol 1997; 177: 586-92
3. Glezerman, M: Five years to the term breech trial: The rise and fall
of a randomized controlled trial. Am J Obstet Gynecol 2006; 194: 20-5
4. Hannah, ME; Hannah, WJ; Hewson, SA; Hodnett, ED; Saigal, S; Willan,
AR for the Term Breech Trial Collaborative Group: Planned caesarean
section versus planned vaginal birth for breech presentation at term: a
randomised multicentre trial. Lancet 2000; 356: 1375-83
5. Krause, M; Feige, A: vier Jahren nach dem Term Breech Trial: geplante
Sectio caesarea hatte keinen Vorteil. Geburtsh Frauenheilk 2005; 65:
534-6
6. Krause, M: Der Term Breech Trial: Aufstieg und Fall einer
internationalen, multizent-risch randomisierten, kontrollierten Studie –
Eine kritische Bilanz. Zeitschrift für Geburtsh Neonatol 2006; 210:
121-125
7. Whyte, H at al. for the 2-year infant follow-up Term Breech Trial
Collaborative Group: Outcomes of children at 2 years after planned
cesarean birth versus planned vaginal birth for breech presentation at
term: The International Randomized Term Breech Trial. Am Obstet Gynecol
2004; 191: 864-71