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TOP: Zwei Behandlungen – chirurgischer Klappenersatz und TAVI-Katheterintervention – verglichen

Herzklappenverkalkungen sind häufige Erkrankungen des Alters, v.a. bei Frauen. 

Im europäischen RHEIA-Projekt werden erstmals bei Patientinnen die zwei Behandlungen – chirurgischer Klappenersatz und TAVI-Katheterintervention – verglichen. 

Erste Ergebnisse stellen beiden Methoden ein hervorragendes Zeugnis aus. Je nach Alter und Risikoprofil der Patientinnen ergeben sich jedoch Vor- und Nachteile, wie der chirurgische Studienkoordinator Nikolaos Bonaros von der Medizin Uni Innsbruck berichtet.

Mehr Frauen als Männer leiden unter schwerer Herzinsuffizienz aufgrund einer Klappenverengung. 

In Studien waren sie jedoch stets unterrepräsentiert. 

Die kürzlich veröffentlichte RHEIA Studie ist daher in mehrfacher Hinsicht besonders: Sie ist die erste großangelegte prospektiv randomisierte Herzklappen-Studie mit einem gendermedizinischen Fokus weltweit. Anfang April veröffentlichte das European Heart Journal die Ergebnisse der Intervention nach zwölf Monaten Beobachtungszeit. Diese liefern den BehandlerInnen die erste fundierte Grundlage für eine differenzierte Wahl der Methode beim Klappenersatz, wie Nikolaos Bonaros von der Univ.-Klinik für Herzchirurgie an der Medizinischen Universität Innsbruck erläutert.

Es gibt zwei Möglichkeiten, eine erkrankte Herzklappe zu ersetzen: HerzchirurgInnen entfernen die defekte Klappe und passen eine neue Klappe aus tierischem Material an, die mit Nähten fixiert wird. Eine Operation am komplett offenen Brustkorb ist dafür meistens nicht mehr nötig. Die Eingriffe können bei 95 Prozent der PatientInnen minimalinvasiv über einen kleinen Schnitt am Brustbein durchgeführt werden. Eine Vollnarkose und der Einsatz der Herz-Lungen-Maschine sind dafür allerdings notwendig. 


Die andere, neuere Option heißt TAVI. 


Dabei führen KardiologInnen und HerzchirurgInnen mittels Katheter die neue, mit einem Drahtrahmen stabilisierte Herzklappe ein und schieben diese über die erkrankte Klappe. Die Katheterklappe wird am Kalk der defekten Klappe - die nicht entfernt, sondern nur verdrängt wird – eingehängt und aufgespannt. Dafür ist lediglich eine örtliche Betäubung, jedoch keine Herz-Lungen-Maschine erforderlich.

Welche Option für Frauen besser ist, wusste bisher niemand. 


Im Rahmen der RHEIA Studie erhielten nun insgesamt 420 Frauen (Durchschnittsalter 73 Jahre) an 48 Zentren im Rahmen der Studie einen Klappenersatz, die Hälfte wurde chirurgisch, die andere Hälfte mit der Kathetermethode TAVI behandelt. 

Die Zuordnung erfolgte randomisiert mittels Zufallsgenerator. In Innsbruck wurden 17 Patientinnen behandelt, österreichweit waren es 63. Die letzte Patientin wurde Ende des Jahres 2022 in die Studie eingeschlossen.

MaAB: 

Die Ergebnisse im Detail:::
Die gesammelten Resultate nach zwölf Monaten Beobachtungszeit zeigen nun, „dass beide Methoden exzellent für Frauen sind“, sagt Bonaros. 


Sowohl die Operation als auch die Katheter-Intervention können mit einem minimalen Risiko durchgeführt werden (Tod innerhalb von 12 Monaten: 0,9 Prozent). Die Wahrscheinlichkeit, während oder kurz nach dem Eingriff einen Schlaganfall durch sich lösenden Kalk zu erleiden, ist mit drei Prozent sehr gering.

CAVE: 

Bei der Zahl der Wiederaufnahmen in die Klinik ergaben sich jedoch Unterschiede:

Nach einem chirurgischen Eingriff mussten 11,4 Prozent der Frauen im ersten Jahr wiederum im Krankenhaus behandelt werden. 


Demgegenüber schnitt TAVI mit 4,8 Prozent Wiederaufnahmen besser ab. 


„Dieses Ergebnis war erwartbar. 


Eine Operation ist eine größere Manipulation am Gewebe, der Körper reagiert unmittelbar danach. Mehr Frauen hatten Pleuraergüsse oder Herzrhythmusstörungen, die gut behandelbar sind. Für die Patientinnen bedeuten diese wiederholten Krankenhausbesuche, auch wenn sie nur in den ersten Wochen nach dem Eingriff stattfinden, jedoch eine Einschränkung der Lebensqualität“, erklärt Bonaros.

In der Folge von TAVI ist allerdings mit 8,8 Prozent häufiger die Implantation eines Schrittmachers notwendig als nach der Operation (2,9 Prozent). 


Der Grund ist, dass der Impulsgeber des Herz-Reizleitungssystems in unmittelbarer Nähe der Aortenklappe liegt. 


Dieser gibt die elektrische Aktivität an die Herzkammer weiter. 


„Bei einem Eingriff mittels Katheter ist das Reizleitungssystem nicht erkennbar und kann daher abgedrückt werden. 


Wir Chirurgen sehen das System und setzen die Klappe so ein, dass kein Druck entstehen kann.“ 

Die Funktion der Klappe in der Echokardiografie war für die chirurgischen Klappen besser. „Da TAVI über die alte, verkalkte Klappe gedrückt wird, ist sie nicht genau angepasst. 


Dadurch entsteht häufiger ein Rückfluss des Blutes. 


Die Prognose einer undichten Klappe, die nicht richtig schließt, ist schlechter. Dieses Ergebnis war nach der Operation besser“, erläutert der leitende Chirurg.

Diese ersten Ergebnisse des 1-Jahres-Überlebens von Patientinnen können die BehandlerInnen künftig bei den individuellen Abwägungen zur Wahl der Methode berücksichtigen. „Bei einer 70-Jährigen ohne Vorerkrankungen zählt, wie es ihr in den nächsten 15 Jahren geht. Man muss auf Langfristigkeit setzen und wird die klassische chirurgische Methode bevorzugen. Für eine Frau, die älter ist, oder bereits Vorerkrankungen wie Schlaganfall, Diabetes, Adipositas hat oder immobil ist, wird TAVI die bessere Methode sein. Wir können die Vor- und Nachteile der Interventionen für Patientinnen jetzt besser abgrenzen“, folgert Bonaros aus den Resultaten.

Die Auswertungen der RHEIA-Studie sind noch nicht abgeschlossen. 


Aktuell werden bereits die Ergebnisse für das Fünfjahres-Überleben gesammelt. Relevant wird auch der Outcome beim Zehnjahres-Überleben sein.

Aortenklappenstenosen sind Erkrankungen des Alters und von Frauen:::


Die Wahrscheinlichkeit einer Herzinsuffizienz aufgrund einer Klappenerkrankung steigt ab 65 Jahren (zwei Prozent der Gesamtbevölkerung) stark an. Mit 70 Jahren leiden bereits drei Prozent der Menschen darunter, ab 75 sind es vier Prozent. Die Lebenserwartung von Frauen ist allgemein höher, sie sind daher öfter von Aortenklappenstenosen betroffen als Männer. Mit den Jahren lagert sich Kalk an den Klappen ab, die sich dadurch nicht mehr ganz öffnen können und das Blut nicht mehr richtig durch das Herz schleusen und im Körper verteilen. Atemnot ist das Hauptsymptom – zuerst nur bei Belastung, dann auch in Ruhe. Ein Aortenklappenersatz ist dann lebensnotwendig. Ohne Eingriff stirbt die Hälfte der PatientInnen im Laufe von zwei Jahren.

Innsbrucker ForscherInnen in führenden Sollen


Bei der Durchführung des Projekts kamen den Innsbrucker Universitätskliniken für Herzchirurgie (Direktor: Michael Grimm) und für Innere Medizin III (Kardiologie und Angiologie, Direktor: Axel Bauer) Schlüsselrollen zu. Die Herzchirurgie unter der Leitung von Nikolaos Bonaros war für die Koordination der chirurgischen Eingriffe an allen teilnehmenden Zentren in Europa verantwortlich, die Innsbrucker Kardiologie war wiederum für die TAVI-Koordination der beteiligten österreichischen Kliniken zuständig. Neben der Innsbrucker Med Uni, die die Koordinationsrolle in Österreich übernahm, waren auch die Med Uni Wien, die Med Uni Graz und das Klinikum St. Pölten an der Studie beteiligt.

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Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr.med.univ. Nikolaos Bonaros
Universitätsklinik für Herzchirurgie
Tel.: +43 50 504 22501
E-Mail: Nikolaos.Bonaros@i-med.ac.at

Originalpublikation:
Didier Tchetche, et al. for the RHEIA Investigators, „Transcatheter vs. surgical aortic valve replacement in women: the RHEIA trial”, European Heart Journal, 2025; ehaf133, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaf133

Samstag: 24.05. Ausweitung der Fußballfieber-Studie auf Fans des VfB Stuttgart

Ausweitung der Fußballfieber-Studie auf Fans des VfB Stuttgart

https://www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/sportwissenschaft/arbeitsbereiche/ab-v/herz-fuer-vfb/

In ganz Deutschland fiebern Fußballfans dem DFB-Pokalfinale am Samstag, 24. Mai, entgegen – vor allem natürlich in Stuttgart und Bielefeld. 


Doch lässt sich das Fußball-Fieber auch objektiv messen? 


Diese Frage stellen Forschende der Universität Bielefeld in Kooperation mit der Wissenswerkstadt Bielefeld. 


Im Rahmen einer ungewöhnlichen Studie wollen sie herausfinden, welchen Einfluss das Spiel auf Vitalfunktionen wie Puls und Stress-Level bei den Fans hat. 

Dafür werden Smartwatches am Handgelenk genutzt. Nachdem eine bereits gestartete Erhebung unter Arminia-Anhänger*innen auch bundesweit auf großes Interesse gestoßen ist, haben die Forschenden beschlossen, für eine Ausweitung der Studie auch Fans des VfB Stuttgart aufzunehmen.

„Uns haben viele Nachfragen dazu erreicht, sodass wir spontan reagiert haben“, berichtet Studienleiter Professor Dr. Christian Deutscher von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft an der Universität Bielefeld. „Uns interessiert, ob sich ein kulturelles Phänomen messbar machen lässt“, sagt Professorin Dr. Christiane Fuchs, Leiterin der Data-Science-Gruppe an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität. Die Forschenden machen es sich zu Nutze, dass viele Menschen inzwischen sogenannte Smartwatches tragen, die Daten zu Herzfrequenz, Bewegung und andere Werte aufzeichnen. Die Daten sollen helfen zu verstehen, wie intensiv Fans den Sport erleben.

So wollen die Forschenden nicht nur herausbekommen, wie sehr Chancen, Tore und Foul-Pfiffe den Puls der Anhänger während der Partie schneller schlagen lassen. 


Sie interessiert auch der Abgleich mit den Daten im Alltag vor und nach der Partie. Und durch die Ausweitung der Studie um VfB-Anhänger*innen ist auch ein Vergleich beider Fan-Lager möglich.

„Jetzt könnten wir ein bisschen ketzerisch fragen, wessen Herz wohl mehr für den eigenen Verein schlägt – das der Arminen oder das der Stuttgarter?“, scherzt Christian Deutscher. 

Bei der körperlichen Reaktion der Fans stellt sich die Frage, ob es einen Unterschied macht, dass die eigene Mannschaft der Favorit oder der krasse Außenseiter ist.

An der Fußballfieber-Studie teilnehmen können alle, die eine Smartwatch des Herstellers Gar-min, einem der Marktführer, besitzen. Das US-Unternehmen bietet Forschenden weltweit einen Zugang, um datenschutzkonform an Daten von Kunden zu gelangen, die sich freiwillig für wis-senschaftliche Studien angemeldet haben. „Andere Smartwatch-Marken mussten bei diesem schlanken Studiendesign leider außen vor gelassen werden“, erklärt Christiane Fuchs.

Alle Teilnehmenden müssen sich einmalig per Link anmelden und brauchen danach nichts mehr zu tun – außer das Spiel zu verfolgen und dabei das Gadget am Handgelenk zu tragen. 


Die für das Studienformat ausgewählten Fitness-Daten werden per Synchronisation mit der Garmin-App an die Forschenden übermittelt.

Knapp 200 Arminia-Fans haben sich bereits für die Studie angemeldet. Unter den VfB-Anhänger*innen würden die Forschenden aufgrund der Kürze der Zeit gern auf 100 Teilnehmende kommen. 


Erste Ergebnisse der Studie werden zeitnah nach dem Pokalfinale veröffentlicht.


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Prof. Dr. Christian Deutscher, Universität Bielefeld
Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft
Telefon 0521 106-2006
E-Mail: christian.deutscher@uni-bielefeld.de

Weitere Informationen finden Sie unter


des VfB Stuttgart können sich auf folgender Website anmelden:


http://www.unibi.de/herz-fuer-vfb

der Arminia können sich weiterhin registrieren unter:


http://www.unibi.de/herz-fuer-arminia

Bei den Abnehmspritzen ....

 GLP-1-Rezeptoragonisten und SGLT2-Inhibitoren könnten nach einer neuen Studie das Alzheimer-Risiko senken. 

Ähnliches hatten auch schon andere Erhebungen gezeigt. 

Allerdings handelt es sich nicht um randomisierte Studien, weshalb die Deutsche Gesellschaft für Neurologie im Hinblick auf Empfehlungen zur Alzheimer-Prophylaxe zurückhaltend ist. 

Dafür seien mehr Daten erforderlich. Eine vergleichbar hohe Reduktion des Demenzrisikos könne ebenso durch Lebensstilmodifikationen erreicht werden – und zwar mit deutlich weniger Kosten, nebenwirkungsfrei und vor allem nachhaltig. 

Denn was nach Absetzen der „Abnehmspritze“ im Hinblick auf das Demenzrisiko passiert, ist bisher nicht erforscht.

Bei den Abnehmspritzen handelt es sich um sogenannte GLP-1-Rezeptoragonisten, die derzeit für die Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2 (in Kombination mit Antidiabetika) und von krankhaftem Übergewicht (Adipositas) zugelassen sind. Doch auch bei der letzteren Indikation bezahlen die Krankenkassen die Therapie in der Regel nicht, auch, weil es andere nachhaltigere Wege gibt, um Körpergewicht zu reduzieren. „Diese sind aber mit Verzicht und Anstrengung verbunden, weshalb sich die Abnehmspritzen derzeit großer Beliebtheit erfreuen, und zwar auch bei Menschen, die weder unter Diabetes noch unter Adipositas leiden, sondern die einfach nur ein paar Kilo Gewicht verlieren wollen“, erklärt Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. Den Einsatz als Lifestyle-Medikament sieht die neurologische Fachgesellschaft kritisch, obwohl sich Hinweise mehren, dass GLP-1-Rezeptoragonisten und andere moderne Diabetes-Medikamente wie sogenannte SGLT2-Inhibitoren das Risiko für Alzheimer senken könnten.

Das zeigte kürzlich eine sogenannte Zielversuchsemulationsstudie [1]. In dieser Studienart wird versucht, mit Daten aus Beobachtungsstudien eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) zu simulieren. Zugrunde gelegt wurden elektronische Gesundheitsdaten aus Florida, aus denen zwischen 2014 und 2023 Personen über 50 Jahre mit einem Diabetes Typ 2 und ohne Hinweis auf eine vorbestehende Alzheimer-Erkrankung ermittelt wurden. Diese wurden dann in drei Kohorten unterteilt: Erstens jene, die GLP-1-Rezeptoragonisten vs. andere Glukose-reduzierende Medikamente erhielten (33.358 Personen, Durchschnittsalter 65 Jahre, 55,3 % waren weiblich). Zweitens jene, die SGLT2-Inhibitoren vs. andere Glukose-reduzierende Medikamente erhielten (34.185 Personen, Durchschnittsalter 65,8, 49,3 % weiblich), und, drittens, eine Kohorte bestehend aus 24.117 Patientinnen und Patienten (Durchschnittsalter 63,8, 51,7 % weiblich), in der GLP-1-Rezeptoragonisten und SGLT2-Inhibitoren im Hinblick auf das Alzheimer-Risiko verglichen wurden. Im Ergebnis zeigte sich, dass sowohl die mit GLP-1-Rezeptoragonisten als auch die mit SGLT2-Inhibitoren Behandelten ein signifikant geringeres Alzheimer-Risiko aufwiesen als jene, die mit anderen Glukose-senkenden Medikamenten behandelt worden waren. Es gab im Hinblick auf die vor Alzheimer schützende Wirkung keinen Unterschied zwischen den GLP-1-Rezeptoragonisten und den SGLT2-Inhibitoren. Ein aktuelles Review [2] hingegen zeigte nur für GLP-1-Rezeptoragonisten eine statistisch signifikante Verringerung des Demenz-Risikos.

Was sind die Ursachen für diese erstaunliche (Neben-)Wirkung der neuen Diabetes-Medikamente? „Den genauen Mechanismus kennt man nicht, aber es gibt viele Hypothesen: Zum einen könnten die Medikamente, die beide ähnliche Signalwege aktivieren, die Neuroinflammation hemmen, die auch bei der Alzheimer-Erkrankung eine Rolle spielt. Ebenso könnte ihre positive Wirkung auf die Gefäßgesundheit den vor Alzheimer schützenden Effekt mit sich bringen – Hirn- und Gefäßgesundheit hängen eng miteinander zusammen“, erklärt Prof. Berlit.

Wie der Experte weiter ausführt, mehren sich die Hinweise, dass insbesondere die Abnehmspritzen vor Demenz schützen könnten [3, 4], dennoch bleibt er vorsichtig: „Es handelt sich um retrospektiv gewonnene Daten, keine kontrollierten randomisierten Studien. Die Ergebnisse aus laufenden Phase-3-Studien zu den GLP-1-Rezeptor-Agonisten müssen wir abwarten. Die möglichen Risiken einer Langzeittherapie sind auch noch nicht vollständig geklärt.“ Bekannte Nebenwirkungen seien Magen-Darm-Beschwerden, Hypotonie, Synkopen, Arthritis, Nephrolithiasis, interstitielle Nephritis und arzneimittelinduzierte Pankreatitis [5].

Die DGN empfiehlt eine gesunde Lebensführung mit Fokus auf Bewegung, gesunde Ernährung und soziale Kontakte sowie die Korrektur von Seh- und Hörstörungen. „Mit diesen Präventionsmaßnahmen kann das Demenzrisiko um bis zu 45 % gesenkt werden [6] – und das ganz ohne Nebenwirkungen“, betont Berlit.

Der Experte gibt noch eine weitere Limitation der Abnehmspritzen zu bedenken: Sie bekämpfen nicht die Ursache des Problems (Fehlernährung und Bewegungsmangel), sondern das Symptom und müssen entsprechend als Dauertherapie eingenommen werden. Denn, wenn sie abgesetzt werden, ist es wahrscheinlich, dass die Behandelten schnell wieder ihr Ausgangsgewicht erreichen. „Eine aus Wissenschaftssicht spannende Frage ist, was dann im Hinblick auf das Demenzrisiko passiert. Es gibt mehrere Studien [7, 8], die zeigen, dass relevante Gewichtsveränderungen, übrigens in beide Richtungen, im höheren Alter die Demenzentstehung nach 5 und mehr Jahren begünstigen könnten.“

[1] Tang H, Donahoo WT, DeKosky ST et al. GLP-1RA and SGLT2i Medications for Type 2 Diabetes and Alzheimer Disease and Related Dementias. JAMA Neurol. 2025 May 1;82(5):439-449. doi: 10.1001/jamaneurol.2025.0353. PMID: 40193118; PMCID: PMC11976648.

[2] Seminer A, Mulihano A, O'Brien C et al. Cardioprotective Glucose-Lowering Agents and Dementia Risk: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Neurol. 2025 May 1;82(5):450-460. doi: 10.1001/jamaneurol.2025.0360. PMID: 40193122; PMCID: PMC11976645.

[3] Wang W, Wang Q, Qi X et al. Associations of semaglutide with first-time diagnosis of Alzheimer's disease in patients with type 2 diabetes: Target trial emulation using nationwide real-world data in the US. Alzheimers Dement. 2024 Dec;20(12):8661-8672. doi: 10.1002/alz.14313. Epub 2024 Oct 24. PMID: 39445596; PMCID: PMC11667504.

[4] De Giorgi R, Koychev I, Adler Al et al. 12-month neurological and psychiatric outcomes of semaglutide use for type 2 diabetes: a propensity-score matched cohort study. EClinicalMedicine. 2024 Jul 10;74:102726. doi: 10.1016/j.eclinm.2024.102726. PMID: 39764175; PMCID: PMC11701436.

[5] Xie Y, Choi T, Al-Aly Z. Mapping the effectiveness and risks of GLP-1 receptor agonists. Nat Med. 2025 Mar;31(3):951-962. doi: 10.1038/s41591-024-03412-w. Epub 2025 Jan 20. Erratum in: Nat Med. 2025 Mar;31(3):1038. doi: 10.1038/s41591-025-03542-9. PMID: 39833406.
[6] Livingston G, Huntley J, Liu KY et al. Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. Lancet. 2024 Aug 10;404(10452):572-628. doi: 10.1016/S0140-6736(24)01296-0. Epub 2024 Jul 31. PMID: 39096926.

[7] Park S, Jeon SM, Jung SY et al. Effect of late-life weight change on dementia incidence: a 10-year cohort study using claim data in Korea. BMJ Open. 2019 May 20;9(5):e021739. doi: 10.1136/bmjopen-2018-021739. PMID: 31110079; PMCID: PMC6530413.

[8] Lee CM, Woodward M, Batty GD et al. Association of anthropometry and weight change with risk of dementia and its major subtypes: A meta-analysis consisting 2.8 million adults with 57 294 cases of dementia. Obes Rev. 2020 Apr;21(4):e12989. doi: 10.1111/obr.12989. Epub 2020 Jan 3. PMID: 31898862; PMCID: PMC7079047.


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Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Prof. Dr. Peter Berlit
Dr. Bettina Albers
Tel.: +49(0)174 2165629

Wirkung der sogenannten Abnehmspritze

Adipositas erhöht das Risiko für zahlreiche Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, aber auch psychische Erkrankungen. 

Prof. Dr. Kerstin Stemmer, Professorin für Molekulare Zellbiologie am Lehrstuhl für Biochemie und Molekularbiologie der Universität Augsburg erklärt die Rolle der Genetik beim Abnehmen und die Wirkung der sogenannten Abnehmspritze. 

Sie forscht zu der Frage, inwiefern Fettzellen direkt mit der Bauchspeicheldrüse kommunizieren können, um die Insulinproduktion anzukurbeln.

Was ist Adipositas?

Adipositas gilt heute als chronische Erkrankung. Der Körper lagert dabei zu viel Fett ein. Medizinisch wird sie ab einem Body-Mass-Index (BMI) über 30 diagnostiziert und stellt ein ernstzunehmendes gesundheitliches Problem dar. 


Sie erhöht das Risiko für zahlreiche Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Leiden, bestimmte Krebsarten, aber auch für Gelenkprobleme und psychische Erkrankungen. 


Seit 2020 wird Adipositas als eigenständige chronische Erkrankung anerkannt, zuvor galt sie nur als Risikofaktor für die genannten Erkrankungen.

Im Jahr 2024 leben weltweit rund 43 Prozent der Erwachsenen mit Mehrgewicht, darunter 16 Prozent mit Adipositas. 


Besonders alarmierend: Seit 2022 gibt es erstmals weltweit mehr adipöse Kinder und Jugendliche als untergewichtige.

Wie ist es dazu gekommen?

Unsere Umwelt und unser Lebensstil haben sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Hochkalorische Lebensmittel sind jederzeit verfügbar, körperliche Arbeit nimmt ab, Bewegung wird weniger – viele Tätigkeiten finden heute im Sitzen statt. Die Energiezufuhr übersteigt dauerhaft den Verbrauch. Gleichzeitig ist unser Körper noch immer auf das „Überleben“ in Zeiten des Mangels programmiert: Er speichert Energie in Form von Fett und gibt sie nur ungern wieder her.

Welche Rolle spielt die Genetik beim Zunehmen?

Viele denken: „Man muss sich nur zusammenreißen.“ Aber so einfach ist es nicht. Genetik spielt eine wichtige Rolle. In den meisten Fällen liegt jedoch nicht eine einzelne genetische Ursache vor, sondern ein komplexes Zusammenspiel aus Genetik, Umweltfaktoren und Verhalten. Sogar Vorlieben für bestimmte gesunde oder ungesunde Nahrungsmittel, oder ob wir uns gerne sportlich betätigen, liegen in unseren Genen. 


Heute sind mehrere hundert Genvarianten bekannt, also kleine individuelle Veränderungen in den Genen, die einen unterschiedlichen Einfluss auf das Körpergewicht nehmen können. 


So passiert es, dass manche Menschen trotz ähnlichen Lebensstils schneller zunehmen als andere. 


Bis zu einem gewissen Maß können wir unsere genetische Veranlagung beeinflussen, indem wir beispielsweise versuchen, schlechte Ernährungsgewohnheiten zu verändern. Meistens fallen wir nach kurzer Zeit aber wieder in alte Muster zurück, vor allem da wir in einer stark Adipositas-fördernden Umwelt leben. In sehr seltenen Fällen liegt ein genetischer Defekt vor. Auch eine – ebenfalls seltene – Resistenz gegen das Hormon Leptin kann Übergewicht fördern.

Warum ist Abnehmen so schwer – und warum kommt das Gewicht oft wieder?

Langfristig schlank zu bleiben, erfordert daher mehr als Disziplin: Der Körper „merkt“ sich das alte Gewicht und strebt aktiv danach zurück.


Es ist wichtig zu verstehen, dass Personen mit einem BMI über 30 ihr Mehrgewicht nicht dauerhaft durch eine Diät loswerden können. 


Bei einer Diät versucht der Körper, die verlorene Energie wieder zurückzuholen – er senkt den Ruheumsatz, also den Kalorienverbrauch des Körpers im absoluten Ruhezustand, und steigert das Hungergefühl. 


Dieser Mechanismus ist tief im Stoffwechsel verankert und war früher überlebenswichtig. 


Heute führt er dazu, dass viele Menschen nach dem Abnehmen wieder zunehmen – manchmal sogar noch mehr als vorher. 


Diesen Effekt nennt man Jo-Jo-Effekt. 


Er tritt häufig bei sogenannten Crash-Diäten verstärkt auf, bei denen man in sehr kurzer Zeit viel Gewicht verliert. 


In wissenschaftlichen Studien hat man herausgefunden, dass der Ruheumsatz noch Jahre später deutlich niedriger ist und die Betroffenen deshalb wieder schnell an Gewicht zunehmen.

Was kann nun die sogenannte „Abnehmspritze“?

Ein großer Fortschritt in der Adipositastherapie ist die medikamentöse Behandlung mit sogenannten GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Semaglutid. 


Dieses Medikament wirkt wie ein natürliches Hormon, das nach dem Essen ausgeschüttet wird. 


Es signalisiert dem Gehirn: 


„Du bist satt.“ 


Semaglutid wirkt auf mehreren Ebenen: 


Es hemmt das Hungergefühl im Gehirn, auch Heißhungerattacken werden seltener. 


Es verlangsamt die Magenentleerung, was auch zur Sättigung beiträgt und es verbessert die Blutzuckerregulation nach dem Essen. 

Studien zeigen: 


Mit einer wöchentlichen Injektion bis maximal 2,4 mg Semaglutid können Betroffene im Schnitt etwa 15 Prozent ihres Körpergewichts verlieren. 


Dabei scheint die Wirkung bei einem hohen BMI stärker zu sein als bei einem niedrigen BMI.

Gibt es Nebenwirkungen?

Ja, wie bei jedem Medikament. 


Die Abnehmspritze darf deshalb nur unter ärztlicher Verordnung eingenommen werden. 


Die häufigsten Nebenwirkungen sind Verdauungsstörungen wie Durchfall, Erbrechen oder Übelkeit.


Diese Beschwerden treten meist am Anfang auf und lassen mit der Zeit nach. 


Ernstere Nebenwirkungen wie Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse und der Gallenblase oder allergische Reaktionen sind sehr selten. 


Auch wird untersucht, ob es durch den Wirkstoff zu einem erhöhten Risiko für Schilddrüsentumore beiträgt oder bei Diabetikern zu einer Verschlechterung der diabetischen Retinopathie führen kann.

Wie lange muss man die Spritze nehmen?

Die Wirkung hält nur an, solange das Medikament regelmäßig eingenommen wird. 


Wird es abgesetzt, kehren Appetit und Gewicht oft zurück. 


Heute gehen wir davon aus, dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist – also nicht heilbar. 


Das bedeutet: 


Viele Menschen brauchen eine langfristige oder sogar lebenslange Behandlung.

Gibt es auch neue Medikamente?

Ja. Seit 2024 ist mit Tirzepatid ein weiterer Wirkstoff auf dem Markt. 


Dieser kombiniert die Wirkung des GLP-1 mit einem ähnlich wirksamen zweiten Hormon, dem GIP. 


Der Kombinationswirkstoff unterdrückt das Hungergefühl, regt aber durch GIP noch stärker die Insulinproduktion an. 


In klinischen Studien war die Wirkung auf Blutzucker und Gewicht stärker als bei Semaglutid. 


Zudem wird intensiv an Kombinationen mit weiteren Substanzen geforscht, die Fett-, Energie- und Zuckerstoffwechsel positiv beeinflussen, aber aktuell noch nicht zugelassen sind.

Und reicht die Spritze allein aus?

Nein. 


Die Medikamente helfen beim Einstieg – aber entscheidend ist der Lebensstil. 


Damit das Gewicht dauerhaft reduziert bleibt, müssen neue, gesunde Gewohnheiten fest im Alltag verankert werden. 


Dazu gehören vor allem eine ausgewogene Ernährung und mehr Bewegung. Entscheidend ist aber, dass diese Umstellung mit Hilfe der Abnehmspritze viel häufiger gelingt.

Woran forschen Sie zu diesem Thema?

Adipositas ist ein Risikofaktor für Typ-2-Diabetes, bei dem der Körper zunächst die Fähigkeit verliert, auf das Blutzucker-senkende Hormon Insulin zu reagieren. 


In Folge schüttet die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin aus, um die rückgehende Wirkung auszugleichen. 


Da Adipositas zunächst durch eine Zunahme der Fettmasse charakterisiert ist, interessierte uns in Augsburg die Frage, ob Fettzellen direkt mit der Bauchspeicheldrüse kommunizieren können, um die Insulinproduktion anzukurbeln. 


Wir konnten zeigen, dass dies tatsächlich möglich ist: Fettzellen senden sogenannte extrazelluläre Vesikel aus – winzige Bläschen, die Eiweiße, Fette oder genetische Informationen enthalten. 


Diese Vesikel können die Funktion der Bauchspeicheldrüse beeinflussen – etwa die Insulinproduktion steigern oder verändern.

Ziele unserer Forschung sind: neue Therapieansätze zu entwickeln, z. B. durch gezielte Beeinflussung dieser extrazellulären Vesikel, die Frühzeichen für Diabetes noch früher und genauer zu erkennen sowie Wirkungen und Nebenwirkungen neuer Adipositas- und Diabetes-Medikamente noch besser zu verstehen.

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Prof. Dr. Kerstin Stemmer
Professorin für Molekulare Zellbiologie, Biochemie und Molekularbiologie
Telefon: +49 821 598 - 71116
kerstin.stemmer@med.uni-augsburg.de

Klinische Studie zur Staphylococcus aureus-Bakteriämie (SAB)

Die Universitätsmedizin Magdeburg ist das erste deutsche Studienzentrum, das Patient:innen in die weltweit größte klinische Studie zur Staphylococcus aureus-Bakteriämie (SAB) aufnimmt.

Die internationale Plattformstudie „Staphylococcus aureus Network Adaptive Platform“ (SNAP) untersucht neue medikamentöse Behandlungsstrategien, um die Morbidität und Mortalität dieser potenziell lebensbedrohlichen Infektion zu senken. 


Die deutschlandweite Studienkoordination liegt beim Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene (IMMB) der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg unter der Leitung von Institutsdirektor Prof. Dr. med. Achim Kaasch.
Die Studie wird weltweit unter der Führung der University of Melbourne durchgeführt. Die Koordination in Europa übernimmt das Universitair Medisch Centrum Utrecht.

An 18 deutschen Studienzentren sollen 500 Teilnehmer:innen mit Staphylococcus aureus-Bakteriämie in die Studie rekrutiert und über 360 Tage nachbeobachtet werden. An der Universitätsmedizin Magdeburg wurde kürzlich als erstem Zentrum in Deutschland mit der Rekrutierung der Teilnehmer:innen begonnen.

Das Bakterium Staphylococcus aureus verursacht weltweit die meisten infektionsbedingten Todesfälle. Eine Bakteriämie ist eine besonders schwere Infektion, bei der die Bakterien im Blut auftreten. Diese geht häufig mit einer Sepsis (auch Blutvergiftung genannt) einher. Innerhalb von drei Monaten versterben etwa ein Drittel der Patient:innen.

Die Behandlung der Erkrankung ist kompliziert und erfordert in der Regel einen Krankenhausaufenthalt, die Gabe von Antibiotika und eine sorgfältige Untersuchung bezüglich Komplikationen. 


Zurzeit werden weltweit die unterschiedlichsten Antibiotika-Therapien angewandt, ohne eindeutige Belege, welche davon die beste ist. So unterscheiden sich die Therapien in der Wahl des Antibiotikums, der Dosierung, der Therapiedauer und der Art der Verabreichung (Tabletten oder Infusionen). Es gibt wenige qualitativ hochwertige Studien, die Aufschluss über die Behandlung dieser Infektion geben. Bis zum Start der SNAP-Studie wurden weltweit weniger als 3.000 Patient:innen in interventionellen Studien zur Behandlung der Erkrankung untersucht.

Die SNAP-Studie wird voraussichtlich die wichtigste Studie der nächsten Jahre auf dem Gebiet der Staphylococcus aureus-Bakteriämie sein. Prof. Kaasch führt weiter aus: „Dies liegt einerseits an der Größe, denn mittlerweile wird die Studie in 131 Zentren in 9 Ländern durchgeführt und es wurden schon mehr als 4.400 Patient:innen in die Studie aufgenommen. Andererseits zeichnet sich die SNAP-Studie durch ein innovatives Studiendesign aus.“ Die Studie ist eine randomisierte, in den Klinikalltag eingebettete, multifaktorielle, adaptive Plattform-Studie (REMAP). Das heißt, dass innerhalb der Studie verschiedene Interventionen (z.B. Gabe verschiedener Antibiotika) parallel oder nacheinander in mehreren Studienarmen untersucht werden. Studienteilnehmer:innen können dabei in einen oder in mehrere Studienarme zufällig zugeteilt werden.

Für Personen, die nicht in die Plattform-Studie aufgenommen werden können oder möchten, besteht die Möglichkeit, ihre Daten an ein prospektives Register zu spenden. Auch hier haben weltweit schon mehr als 4.700 Patient:innen teilgenommen.

Die SNAP-Studie hat bereits jetzt relevante Ergebnisse in Bezug auf die Verwendung von Penicillin-Antibiotika erzielt, die auf internationalen Kongressen vorgestellt wurden. Das adaptive Studiendesign ermöglicht zudem die fortlaufende Entwicklung neuer Studienarme, um relevante Fragestellungen zu beantworten. So ist es möglich, auch neue Behandlungen zeitnah zu untersuchen.

Ein wichtiger Baustein ist die Sammlung und Untersuchung der aus dem Blut der Studienteilnehmer:innen isolierten Bakterienstämme. Das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene wird den Aufbau der europäischen Stammsammlung übernehmen und neue Ansatzpunkte für die Bekämpfung der Bakterien untersuchen.
Die SNAP-Studie wird in Deutschland gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt (MWU) des Landes Sachsen-Anhalt sowie im Rahmen des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM) durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

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Prof. Dr. med. Achim Kaasch
Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene (IMMB) der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Kontakt: 0391/67-13392
achim.kaasch@med.ovgu.de

Jana Butzmann
Studienärztin am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene (IMMB) der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Kontakt: 0391/67-25290
jana.butzmann@med.ovgu.de


Eisenmangel als Abwehrstrategie

Der Körper schützt sich vor Krankheitserregern, indem er ihnen lebenswichtiges Eisen vorenthält. 

Bei Salmonellen geht die Strategie jedoch nicht immer auf. 

Forschende der Universität Basel haben herausgefunden, dass diese Keime gezielt eisenreiche Regionen in Immunzellen aufsuchen und sich dort vermehren. 

Die Erkenntnisse, wie Erreger die Immunabwehr unterlaufen, sind wichtig für die Bekämpfung von Infektionen.

Unser Körper hält Krankheitserreger in Schach, indem er ihnen wichtige Nährstoffe wie etwa Eisen entzieht. 

Eisen ist für alle Lebewesen unverzichtbar. 


Steht Bakterien nicht genügend Eisen zur Verfügung, hören sie auf zu wachsen und sich zu vermehren – sie werden sozusagen «ausgehungert». 


Die Erreger können sich nicht weiter ausbreiten und die Infektion wird dadurch eingedämmt.

Doch nicht alle Erreger lassen sich so leicht austricksen, wie Forschende um Prof. Dr. Dirk Bumann am Biozentrum der Universität Basel nun in Mäusen herausgefunden haben. In ihrer nun in der Fachzeitschrift «Cell Host & Microbe» erschienenen Studie zeigen sie, dass sich einige Bakterien gezielt in den wenigen Körperzellen verstecken, in denen besonders viel Eisen vorhanden ist. Unbehelligt von der Immunabwehr, können sich die Erreger in diesen eisenreichen Nischen vermehren.

Eisenmangel als Abwehrstrategie

Die Forschenden haben in ihrer Arbeit Salmonellen untersucht, die als Erreger von Typhus bekannt sind. 


Um der Immunabwehr zu entgehen, nisten sich die Keime in den Fresszellen des Körpers ein. 


Diese sogenannten Makrophagen wehren sich jedoch gegen die Eindringlinge: Sie entfernen Eisen mithilfe des Transportproteins NRAMP1 aus dem Salmonellen-Versteck. Solch ein Nährstoffentzug ist eine bewährte Abwehrstrategie unseres Körpers. 


Doch die Salmonellen haben ein Schlupfloch gefunden.

«Uns hat es gewundert, dass sich Eisenmangel kaum auf die Salmonellen-Population insgesamt auswirkt. 


Dafür gab es eigentlich keine Erklärung», sagt Bumann. 


«Erst unsere Untersuchungen auf Einzelzellebene zeigten, dass ein erheblicher Teil der Salmonellen gezielt speziell eisenreiche Makrophagen aufsucht.» 


Tatsächlich befallen Salmonellen häufig Makrophagen in der Milz, die alte oder beschädigte rote Blutkörperchen abbauen. 


Da rote Blutkörperchen grosse Mengen an Eisen enthalten, sind die Abbauorte sehr eisenreich. 

Genau diese Eisenquelle zapfen die Salmonellen an.

Bakterien nutzen eisenreiche Nischen

«Wir haben in den Makrophagen der Milz zwei Populationen von Salmonellen entdeckt. Eine Gruppe lebt in eisenarmen Bereichen und vegetiert dort buchstäblich vor sich hin», erklärt Bumann. «Die zweite Population befindet sich in den Vesikeln, wo die roten Blutkörperchen abgebaut werden.»

Auch dort entfernt die NRAMP1-Pumpe das Eisen, welches dann wieder recycelt wird. Die Menge an Eisen ist dort aber extrem hoch. «Selbst wenn über 99 Prozent des Eisens herausgepumpt werden, reicht die Restmenge den Erregern aus, um sich weiter zu vermehren», so Bumann. Diese gut versorgten Bakterien sind es denn auch, die das Infektionsgeschehen dominieren.

Wettstreit zwischen Wirt und Erreger

Diese Heterogenität innerhalb eines Infektionsherds ist entscheidend dafür, dass Salmonellen im Wirt überleben und sich weiterverbreiten können. Die Studie macht zudem deutlich, wie anpassungsfähig Krankheitserreger sind und selbst ausgeklügelte Abwehrmechanismen unterlaufen.

Die Ergebnisse liefern wichtige Einblicke in die Dynamik – den Wettstreit – zwischen Wirt und Erreger. 


«Unsere Arbeit zeigt auch, wie wichtig es ist, Infektionen auf Ebene einzelner Zellen zu verstehen», sagt Bumann. «Nur wenn wir die Tricks der Erreger kennen, können wir ihnen auch etwas entgegensetzen und Infektionen wirksam bekämpfen.»

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Prof. Dr. Dirk Bumann, Universität Basel, Biozentrum, E-Mail: dirk.bumann@unibas.ch

Originalpublikation:
Béatrice Roche, Beatrice Claudi, Olivier Cunrath, Christopher K.E. Bleck, Minia Antelo Varela, Jiagui Li, Dirk Bumann
A Salmonella subset exploits erythrophagocytosis to subvert SLC11A1-imposed iron deprivation
Cell Host & Microbe (2025), doi: 10.1016/j.chom.2025.04.013

Herzinsuffizienz-Pflegekräften

Telemedizin kann Leben retten – vor allem dort, wo der Weg zur kardiologischen Praxis weit ist. 

Eine neue Auswertung der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten TIM-HF2-Studie zeigt dies eindrucksvoll: Herzinsuffizienz-Patientinnen und -Patienten, die weit von einer kardiologischen Versorgung entfernt leben, profitieren besonders stark von der telemedizinischen Überwachung. 

Ihre Sterblichkeit war bei der digitalen Fernüberwachung deutlich geringer. Die in „Lancet Regional Health – Europe“ veröffentlichte Studie wurde beim Heart Failure Congress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie vorgestellt.


Bereits im Jahr 2018 zeigte die im Fachmagazin The Lancet veröffentlichte Studie TIM-HF2 (Telemedical Interventional Management in Heart Failure II), dass durch telemedizinische Unterstützung das Leben von Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz in Deutschland verlängert und die Zahl der Wiedereinweisungen in Krankenhäuser reduziert werden kann. Die Ergebnisse der kontrollierten multizentrischen Versorgungsforschungsstudie unter der Leitung von Prof. Dr. Friedrich Köhler vom Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) haben maßgeblich dazu beigetragen, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im Jahr 2020 die telemedizinische Versorgung von Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Herzschwäche in die ambulante Versorgung der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen hat.

Telemonitoring wirkt unabhängig von der Pumpfunktion

Dass nicht nur Patientinnen und Patienten mit deutlich eingeschränkter linksventrikulärer Pumpfunktion (LVEF) von diesem gesetzlichen Versorgungsanspruch einen Vorteil haben, zeigt eine sogenannte prästratifizierte Sekundärauswertung der Studie, die das DHZC gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI) und dem Institut für Biometrie und Epidemiologie des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (IMBE) im Juni 2023 im European Journal of Heart Failure veröffentlichte. Denn auch Patientinnen und Patienten mit erhaltener Pumpfunktion (kurz „HFpEF“ für Heart Failure with preserved Ejection Fraction) oder nur leicht reduzierter Pumpfunktion (kurz „HFrEF“ für Heart Failure with reduced Ejection Fraction) profitierten von der Rund-um-die-Uhr-Fernüberwachung. „Unsere Studienergebnisse haben unter anderem dazu geführt, dass die Bundesärztekammer und der Verband der Privaten Krankenversicherung eine Abrechnungsempfehlung für den Einsatz von Telemonitoring vereinbart haben, und zwar auch bei diastolischer Herzinsuffizienz“, berichtet Friedrich Köhler.

Doch wie funktioniert eine telemedizinische Betreuung? Im Rahmen der TIM-HF2-Studie übertrugen zum Beispiel spezielle mit Sensoren ausgestattete Messgeräte täglich Gesundheitswerte wie EKG, Sauerstoffsättigung, Blutdruck und Körpergewicht von Herzinsuffizienz-Patientinnen und -Patienten aus ganz Deutschland drahtlos an das Telemedizinische Zentrum (TMZ) am DHZC. Das TMZ-Team, bestehend aus Ärztinnen und Ärzten sowie spezialisierten Herzinsuffizienz-Pflegekräften, reagierte sofort auf auffällige Messwerte und konnte die Therapie frühzeitig anpassen.

Wer profitiert am meisten von der Telemedizin? Patienten auf dem Land, in der Stadt, oder die mit einem langen Weg zum Kardiologen?

In einer weiteren Auswertung der TIM-HF2 Studiendaten wurden nun die Auswirkungen der Telemedizin unter drei neuen Gesichtspunkten untersucht: Wo praktiziert der Kardiologe? Wo wohnt der Patient? Und wie lang ist der Weg vom Wohnort zur kardiologischen Praxis? Also, wer profitiert am meisten von der Telemedizin – Patienten auf dem Land, in der Stadt, oder mit einer langen Autofahrt zum Kardiologen? Als Vergleich diente die Gruppe, die ohne telemedizinische Betreuung behandelt wurde.

„Die gute Nachricht ist zunächst, dass es bei der kardiologischen Behandlung keinen signifikanten Unterschied macht, ob die Patientinnen und Patienten auf dem Land oder in der Stadt leben. Die Behandlungsqualität ist in Praxen und Kliniken auf dem Land genauso gut wie in Großstädten“, erklärt Erstautor Dr. Fabian Kerwagen, Clinician Scientist am Uniklinikum Würzburg (UKW). Als Großstadt wurde eine Stadt mit mehr als 200.000 Einwohnern oder einer Universitätsklinik definiert. Von größerer Relevanz war jedoch die Wegstrecke. „Wir sehen, dass die individuelle Entfernung zwischen Wohnort und Praxis einen deutlichen Unterschied macht: Je weiter die Patientinnen und Patienten von ihrer kardiologischen Praxis entfernt wohnten, desto mehr profitierten sie von der telemedizinischen Betreuung“, so Kerwagen. Um die Entfernung zu berechnen wurde für sämtliche 1538 Studienteilnehmenden die schnellste Route mit dem Auto ermittelt.

Je weiter entfernt die Menschen wohnten, desto geringer war die Mortalität bei telemedizinischer Betreuung

Es ist bekannt, dass es in ländlichen Regionen die Häufigkeit kardiovaskulärer Erkrankungen, aber auch die kardiovaskulär bedingte Sterblichkeit höher ist. In Städten liegt die durchschnittliche Eintreffzeit des Rettungsdienstes oft unter zehn Minuten – auf dem Land kann sie 20 Minuten und mehr betragen. Das klare Ergebnis und die signifikanten Auswirkungen der Telemedizin auf die Gesundheit dieser Gruppe mit langen Anfahrtswegen hat das Studienteam dennoch überrascht. So zeigt ein Diagramm der Studie, die jetzt im Fachmagazin „Lancet Regional Health–Europe“ veröffentlicht wurde: Je weiter entfernt die Menschen wohnten, desto größer war der durch die telemedizinische Betreuung vermittelte günstige Effekt auf Sterblichkeit und Hospitalisierungshäufigkeit.

Telemedizin kann medizinische Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse sicherstellen

Stefan Störk, Leiter der Herzinsuffizienz-Ambulanz und Klinischen Forschung am DZHI, freut sich, dass sie mit dieser Studie erstmals den positiven Effekt der Telemedizin auf ihre weiter entfernt lebenden Patientinnen und Patienten zeigen konnten: „Telemedizin kann durchaus eine Brücke bauen und dazu beitragen, den Versorgungsnachteil von Menschen, die weit entfernt von einer kardiologischen Praxis wohnen, auszugleichen.“ Der Kardiologe und sein Team setzen sich schon lange für den digitalen Versorgungsansatz ein. Schließlich erfordert das komplexe Krankheitsbild der Herzinsuffizienz eine umfassende Betreuung. Entsprechend groß war die Resonanz, als Stefan Störk als korrespondierender Autor der Studie die Ergebnisse der Sekundärauswertung am 18. Mai 2025 in der Late Breaking Science Session auf dem diesjährigen Heart Failure Congress der European Society of Cardiology (ESC) in Belgrad (Serbien) vorstellte.

Durch Data-Sharing konnten 18 Paper nach der Primärpublikation erstellt werden

Friedrich Köhler ist mit gutem Grund stolz auf seine TIM-HF2-Studie, die einst vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt wurde. 


„Öffentlich geförderte Projekte verlangen Data-Sharing”, so Köhler. „Indem wir unsere Daten geteilt haben, konnten nach der primären Publikation in verschiedenen Kooperationen bisher 18 Paper veröffentlicht werden, deren Ergebnisse die Gesundheitsversorgung und die Lebensqualität vieler Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz maßgeblich beeinflussen.“

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Prof. Dr. Stefan Störk,
Deutsches Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI)
stoerk_s@ukw.de

Originalpublikation:
Fabian Kerwagen, Stefan Störk, Kerstin Koehler, Eik Vettorazzi, Maximilian Bauser, Jasmin Zernikow, Gina Barzen, Meike Hiddemann, Jan Gröschel, Michael Gross, Christoph Melzer, Karl Stangl, Gerhard Hindricks, Friedrich Koehler, Sebastian Winkler, Sebastian Spethmann. Rurality, travel distance, and effectiveness of remote patient management in patients with heart failure in the TIM-HF2 trial in Germany: a pre-specified analysis of an open-label, randomised controlled trial. The Lancet Regional Health - Europe, 2025, 101321, ISSN 2666-7762, https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2025.101321

Thema Metastasierung

Neue Einsichten in die ersten Schritte der Krebsstreuung beim Melanom

Eine der großen Fragen der Krebsforschung gilt nach wie vor dem Prozess, wie Tumorzellen sich in anderen Organen ansiedeln können und so eine generalisierte Erkrankung verursachen, die dann kaum noch heilbar ist. 

Ein vieldiskutiertes Konzept sieht darin eine fehlerhafte Organbildung, also beispielsweise den Versuch von Brustdrüsenzellen, eine Brustdrüse in der Leber oder Lunge zu bilden. 

Da die Organentwicklung im Erwachsenen natürlich schon abgeschlossen ist, ist weitgehend unbekannt, wie es zu solchen fehlerhaften Organbildungsversuchen kommen kann.


Meist wird versucht, diese Fragen im Tiermodell zu analysieren, weil hier vielfältige technischen Möglichkeiten bestehen, die Mechanismen aufzudecken. 

Die direkte Analyse im Patienten wurde bislang jedoch noch nicht systematisch versucht. Mehrere Forscherteams des Uniklinikums und der Universität Regensburg, des Fraunhofer ITEM und des Uniklinikums und der Universität Tübingen sowie weitere aus dem Forschungsverbund zum Thema Metastasierung (SFB/TRR 305), haben sich nun unter der Führung von Melanie Werner-Klein und Christoph Klein von der Universität Regensburg zusammengetan, um Licht in das Dunkel zu bringen.

Hierzu wurden die Lymphknoten von etwa 500 Patienten und Patientinnen mit malignem Melanom, dem schwarzen Hautkrebs, auf die ersten Absiedelungen untersucht. 

Dabei wurden verschiedene Markerproteine verwendet, um die Zellen in Färbungen sichtbar zu machen. Es gelang ein Protein (MCSP) zu identifizieren, dessen Vorkommen auf gestreuten Melanomzellen mit einer deutlich verschlechterten Prognose einherging. 

Tatsächlich hatten Patienten mit MCSP-positiven Melanomzellen für alle drei Überlebenskategorien (Krankheitsfreies, Melanom-spezifisches und Gesamtüberleben) stark verschlechterte Aussichten und das sogar in Fällen, in denen sich lediglich eine derartige Zelle unter zwei Millionen Lymphknotenzellen nachweisen ließ.

Den Forschern gelang es anschließend aus etwa 150 dieser sehr seltenen MCSP-positiven Zellen die aktivierten Gene auszulesen, um so erste Hinweise auf die Zellfunktionen zu erschließen. 


Hierbei ergab sich Erstaunliches.

Von den ersten Schritten bei Ankunft in dem fremden Organ Lymphknoten bis zur Entstehung von mikro- und makroskopischen Metastasen ändern die Krebszellen mehrfach ihren Phänotyp. Passend zum Konzept der fehlerhaften Organbildung ist dabei, dass das embryonale Genprogramm der UV-Lichtschutzzellen, der Melanozyten, angeschaltet wird. 

Im Embryo wandern die Melanozyten-Vorläuferzellen aus der Neuralleiste in die Haut. Genau dieses Stammzellprogramm der Neuralleiste aber wird bei Metastasengründung aktiviert. Die Aktivierung erfolgt dabei als Antwort auf die Immunattacke von T-Zellen in den Krebszellen, die den Angriff überleben. Die Kolonie kann dann gebildet werden, weil mit dem Neuralleistenprogramm auch eine Immunsuppression verbunden ist. Haben sich aber einmal größere Kolonien gebildet erlahmt die Immunantwort – die T-Zellen geraten in einen Zustand der Erschöpfung, der Krebs kann voranschreiten.

Diese Einsichten in den Prozess der Metastasengründung weisen auf Therapieansatzpunkte hin, die ein Entstehen der Metastasen im Keim ersticken helfen. 

So könnte einmal das identifizierte MCSP selbst ein Therapieziel werden oder aber eine Stärkung der frühen Immunabwehr verhindern, dass die Melanomzellen sich durch das Neuralleisten-Stammzellprogramm der Immunattacke entziehen.

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Prof. Dr. Christoph Klein
Experimental Medicine and Therapy Research
Universität Regensburg
Tel: +49 (0)941 944 6720
E-Mail: christoph.klein@klinik.uni-regensburg.de

Originalpublikation:
“MCSP+ metastasis founder cells activate immunosuppression early in human melanoma metastatic colonization” DOI: 10.1038/s43018-025-00963-w

Scooter-Unfälle mit Schwerverletzten

E-Scooter sind immer wieder in Unfälle mit schweren Verletzungen verwickelt. Eine aktuelle Studie der Technischen Universität München (TUM) zeigt, dass diese Unfälle deutschlandweit klare Muster aufweisen: 

Sie finden oft nachts und am Wochenende statt, die Verletzten sind häufig männlich und alkoholisiert. 

Die Autoren fordern daher Schutzmaßnahmen, die darauf abgestimmt sind.

Seit 2020 werden E-Scooter-Unfälle mit Schwerverletzten im TraumaRegister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie erfasst. Diese Daten wurden jetzt von der Forschungsgruppe für Verkehrssicherheit am TUM Klinikum analysiert. In den ersten drei Jahren nach Beginn der Erfassung wurden demnach 538 Menschen bei E-Scooter-Unfällen schwer verletzt. Die weitaus häufigsten Verletzungen betrafen den Kopf und das Gesicht. Mehr als 80 Prozent der Schwerverletzen wurden auf der Intensivstation behandelt. 26 Personen starben an ihren Verletzungen.

Hoher Männeranteil, häufig Alkohol im Spiel

Das Durchschnittsalter der Betroffenen betrug 44,3 Jahre, gut 78 Prozent waren männlich. „Jüngere Männer sind deutlich häufiger betroffen, wenn man die Daten mit Informationen zu Unfällen mit Fahrrädern, Autos oder zu Fuß vergleicht“, sagt Privatdozent Dr. Dr. Michael Zyskowski, Mitautor, Leiter der Forschungsgruppe und Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie der TUM. Bei vergleichbar schweren Unfällen mit Fahrrädern lag der Altersdurchschnitt beispielsweise bei 54,5 Jahren, der Männeranteil bei 72 Prozent.

62 Prozent der schwerverletzten E-Scooter-Fahrenden, die getestet wurden, hatten Alkohol im Blut. Bei einem Drittel lag der Alkoholpegel über dem gesetzlichen Grenzwert. 54 Prozent der Unfälle ereigneten sich nachts, die Hälfte am Wochenende.

Mehr Schutz durch bessere Regeln

„Die Zahl der schweren Verletzungen nach E-Scooter-Unfällen müsste nicht so hoch sein“, sagt Dr. Frederik Hartz Mitautor der Studie. Die verfügbaren Daten liefern zwar keine Informationen dazu, ob die Verletzten einen Helm trugen oder ob sie mit einem privaten E-Scooter oder mit einem Leihgerät unterwegs waren. Zumindest ein Beispiel aus Australien zeigt jedoch positive Auswirkungen von gesetzlichen Regelungen: In einigen Regionen wurde eine Helmpflicht für E-Roller eingeführt, wodurch die Zahl der Verletzungen reduziert werden konnte. Studien zu den Auswirkungen von anderen Maßnahmen, etwa von Nachtfahrverboten oder Geschwindigkeitsbegrenzungen am Wochenende, stehen allerdings noch aus.

Michael Zyskowski ist überzeugt: „Durch Prävention können wir viel erreichen. Das beginnt mit gezielter Aufklärungsarbeit über die Folgen von schweren Kopfverletzungen für die Risikogruppen.“ Gerade Leih-E-Scooter sind aus Sicht der Forschenden auch für ganz konkrete Schutzmaßnahmen geeignet: Da die Geräte digital verwaltet und freigeben werden, könnten Anbieter ohne größere technische Hürden für mehr Verkehrssicherheit sorgen. „Für mehr Verkehrssicherheit wäre es sinnvoll, die Verfügbarkeit der Scooter nachts und an Unfallhotspots zu reduzieren und die Höchstgeschwindigkeit ab einer bestimmten Uhrzeit zu drosseln“, sagt Michael Zyskowski. „Außerdem könnte man Reaktionstests zu einem festen Teil des Ausleihprozesses machen, um Alkoholfahrten zu minimieren. Zusätzlich sollten wir die Machbarkeit einer Helmpflicht prüfen, wie Italien sie vor kurzem eingeführt hat.“

Publikation:

Hartz F, Zehnder P, Resch T, Römmermann G, Schwarz M, Kirchhoff C, Biberthaler P, Lefering R, Zyskowski M: “Severe injuries in e-scooter accidents: An evaluation of data from the TraumaRegister DGU.” Dtsch Arztebl Int (2025) DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0041

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PD Dr. Dr. Michael Zyskowski
Technische Universität München (TUM)
TUM Klinikum
Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie
Tel. +49 89 4140-5795
Michael.Zyskowski@mri.tum.de
www.unfallchirurgie.mri.tum.de

Der Body-Mass-Index (BMI)

Wer übergewichtig ist, hat ein höheres Risiko an Krebs zu erkranken.

 Eine Analyse von rund 340.000 PatientInnendaten, die Josef Fritz von der Medizinischen Universität Innsbruck mit Kolleginnen in Schweden durchgeführt hat, zeigt nun, dass bei Männern die Messung des Taillenumfangs das Risiko, an Adipositas bedingtem Krebs zu erkranken, noch genauer anzeigt als der Body-Mass-Index.

Bei Frauen trifft das nicht zu. 

Die Ergebnisse stellt Fritz heute beim Europäischen Adipositas Kongress vor.

Der Body-Mass-Index (BMI), ein Wert, der sich aus dem Verhältnis von Körpergröße und Gewicht ergibt, ist ein anerkannter Marker, um Übergewicht zu messen und das damit verbundene Risiko für bestimmte Adipositas bedingte Krebsformen zu kalkulieren. Neue Forschungsergebnisse des Biostatistikers und Epidemiologen Josef Fritz von der Medizinischen Universität Innsbruck zeigen nun, dass der Taillenumfang von Männern ein noch aussagekräftigerer Risikofaktor für die Entwicklung von Adipositas bedingtem Krebs ist als der BMI. Auf Frauen trifft diese Erkenntnis jedoch nicht zu. Die Studie „Comparing waist circumference with body mass index on obesity-related cancer risk: a pooled Swedish study“ wurde kürzlich vom Journal of the National Cancer Institute (JNCI) veröffentlicht. Beim derzeit laufenden Europäischen Adipositas Kongress (ECO) in Málaga wird Fritz heute die Resultate präsentieren.

Für die Analyse wertete Fritz, der am EpiCenter (Direktor: Peter Willeit) der Medizin Uni Innsbruck und an der Universität Lund in Schweden tätig ist, gemeinsam mit seinen schwedischen Kolleginnen Ming Sun und Tanja Stocks die Daten von 339.190 Personen (Durchschnittsalter 51,4 Jahre) aus, die zwischen 1981 und 2019 in verschiedenen schwedischen Bevölkerungsgruppen erhoben wurden und glich diese mit den Krebsdiagnosen des schwedischen Krebsregisters ab. Während einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 14 Jahren nach Erhebung des BMI und des Taillenumfangs wurden 18.185 Adipositas bedingte Krebserkrankungen registriert.

Als Adipositas bedingte Krebsarten gelten laut Definition der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) jene, für die es ausreichend Beweise für den Zusammenhang mit Übergewicht gibt: Speiseröhren-, Magen-, Dickdarm-, Rektum-, Leber-, Gallengangs-, Gallenblasen-, Bauchspeicheldrüsen-, Brust-, Gebärmutterschleimhaut-, Eierstock- und Schilddrüsenkrebs sowie das Nierenzellkarzinom, das Meningeom und das multiple Myelom.

Bauchfett ist bei Männern entscheidend
Die Analyse der aufbereiteten Messdaten ergab bei Männern einen eindeutigen Unterschied der Aussagekraft von Taillenumfang und BMI hinsichtlich der Risikobewertung für die Entwicklung von Adipositas bedingten Krebsformen: So war ein um etwa 11 Zentimeter größerer Taillenumfang (z.B. von 101 Zentimetern gegenüber 90 Zentimetern) mit einem um 25 Prozent höheren Risiko verbunden, an übergewichtsbedingtem Krebs zu erkranken. Ein BMI-Anstieg um 3,7 kg/m² (z. B. ein Vergleich eines BMI von 27,7 kg/m² gegenüber 24 kg/m²) entsprach hingegen lediglich einem um 19 Prozent erhöhtem Risiko. Die beiden Werte – 11 Zentimeter beim Taillenumfang und 3,7 kg/m² beim BMI – entsprechen jeweils etwa einer Standardabweichung in der untersuchten Population und sind daher direkt vergleichbar.

„Der BMI sagt nichts über die Verteilung des Körperfetts aus, während der Taillenumfang ein Hinweis für abdominales Fett („Bauchfett“) ist. Diese Unterscheidung ist entscheidend, da das abdominale Fett, das sich um die Bauchorgane ansammelt, stoffwechselaktiver ist und mit weiteren gesundheitlichen Nachteilen wie Insulinresistenz, Entzündungen und erhöhten Blutfettwerten in Verbindung gebracht wird. Folglich können Personen mit ähnlichem BMI unterschiedliche Krebsrisiken aufweisen, je nach Fettverteilung“, erklärt Fritz das Ergebnis. Dieses würde darauf hindeuten, dass das Krebsrisiko, das mit dem Taillenumfang und damit mit abdominalem Bauchfett verbunden ist, spezifisch ist und nicht allein mit dem BMI gemessen werden kann.

Taillenumfang bei Frauen weniger aussagekräftig
Bei Frauen fielen die Ergebnisse der Messungen hinsichtlich des Krebsrisikos für den Taillenumfang und für den BMI jedoch ähnlich aus. Zum Beispiel war sowohl ein um etwa 12 Zentimeter größerer Taillenumfang (z.B. 92 Zentimeter gegenüber 80 Zentimeter) als auch ein um 3,7 kg/m² erhöhter BMI (z. B. BMI 28,3 kg/m² gegenüber 24 kg/m²) gleichermaßen mit einem um 13 Prozent erhöhten Risiko verbunden, an Adipositas bedingtem Krebs zu erkranken.

„Das hat uns zunächst selber überrascht. Eine plausible Erklärung ist, dass Männer dazu neigen, Fett viszeral, also direkt um die Bauchorgane, zu speichern, während Frauen im Allgemeinen mehr subkutanes Fett (unter der Haut, Anm.) an der Taille und peripheres Fett ansammeln. Folglich ist der Taillenumfang bei Männern ein genaueres Maß für viszerales Fett als bei Frauen. Dies könnte den Taillenumfang zu einem stärkeren Risikofaktor für Krebs bei Männern machen und erklären, warum der Taillenumfang bei Männern zusätzliche Risikoinformationen liefert, die über das hinausgehen, was durch den BMI vermittelt wird – bei Frauen jedoch nicht“, interpretiert Fritz das Ergebnis. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Fettverteilung bei der Einschätzung des Krebsrisikos stärker berücksichtigt werden sollten. Weitere Forschung ist notwendig, um diese biologischen Unterschiede besser zu verstehen“, schließt er daraus.

Statistische Herausforderung
Selbst Laien können den BMI unkompliziert berechnen (Körpergewicht in kg geteilt durch Körpergröße zum Quadrat (m²), siehe z.B.: https://adipositas-gesellschaft.de/bmi/). Der Taillenumfang hingegen lässt sich schwieriger präzise und konsistent messen. „Messfehler führen dazu, dass der tatsächliche Effekt unterschätzt wird – die Ergebnisse werden gewissermaßen verwässert. Um den BMI und den Taillenumfang direkt vergleichen zu können, haben wir die Daten statistisch bereinigt und die zufälligen Messfehler mithilfe der sogenannten Regression Dilution Ratio-Methode korrigiert“, erklärt Studienleiter Fritz. Bei der Berechnung des relativen Risikos für übergewichtsbedingten Krebs berücksichtigten die WissenschafterInnen außerdem weitere Einflussfaktoren, darunter Alter, Rauchverhalten sowie sozioökonomische Merkmale wie Bildung, Einkommen, Geburtsland und Familienstand.

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Dipl.-Ing. Josef Fritz PhD
Institut für Klinische Epidemiologie, Public Health, Gesundheitsökonomie, Medizinische Statistik und Informatik
E-Mail: Josef.Fritz@i-med.ac.at

Originalpublikation:
Ming Sun et al., Comparing waist circumference with body mass index on obesity-related cancer risk: a pooled Swedish study, JNCI: Journal of the National Cancer Institute, 2025, djaf075, https://doi.org/10.1093/jnci/djaf075