Medizin am Abend Berlin Fazit: Folgen eines Zeckenstichs sicher erkennen und behandeln: Leitlinie Neuroborreliose veröffentlicht
Die Zeckensaison 2018 startet mit neuen Empfehlungen für die
Diagnose und Therapie der durch Zecken übertragenen Erkrankung
Neuroborreliose. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat jetzt nach mehr als dreijähriger Arbeit die erste S3-Leitlinie
Neuroborreliose veröffentlicht. S3-Leitlinien sind Leitfäden für Ärzte
und Patienten, die nach strengen Regeln erarbeitet werden und den
aktuellen Stand der wissenschaftlichen Medizin wiedergeben.
Medizin am Abend Berlin ZusatzFachLink: Leitlinie Neuroborreliose
Die
Leitlinie Neuroborreliose, deren Veröffentlichung sich durch einen
Rechtsstreit um einige Wochen verzögert hatte, bezieht klar Stellung zu
vermeintlichen Spätfolgen einer Borrelieninfektion, die Jahre nach dem
Zeckenstich auftreten sollen.
„Krankheitsbilder mit anhaltenden unspezifischen bzw. untypischen
Symptomen sind häufig keine Borreliosen“, so Professor Sebastian Rauer
vom Universitätsklinikum Freiburg, der die Leitlinienarbeit gemeinsam
mit PD Dr. Stephan Kastenbauer aus München koordiniert hat.
Die
Leitlinie gilt erstmals auch für die Neuroborreliose im Kindes- und
Jugendalter und ist im Internetauftritt der DGN frei zugänglich
(dgn.org/leitlinien).
Die Leitlinie erläutert, welche diagnostischen Schritte und Labortests
die Diagnose Neuroborreliose sichern, und bietet einen Überblick über
wirksame Therapien.
- Sie enthält außerdem ein Informationsblatt für
Patienten zur Nachbeobachtung eines Zeckenstichs und gibt Empfehlungen
zur Prävention einer Borrelieninfektion.
Die S3-Leitlinie ist eine
Weiterentwicklung der bisher gültigen S1-Leitlinie.
Sie wurde unter
Federführung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in einem
mehr als dreijährigen strukturierten Evidenzprozess nach den
methodischen Vorgaben der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen
Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) erstellt. S3 steht in dieser
Methodik für die höchste Qualitätsstufe der Entwicklung. Die
Empfehlungen basieren auf einer systematischen Auswertung der
wissenschaftlichen Literatur zur Neuroborreliose.
Akute Neuroborreliose: 3 bis 15 Prozent der Borrelieninfektionen betreffen das Nervensystem
Die
Lyme-Borreliose (auch Lyme-Disease genannt) ist die am häufigsten
durch Zecken übertragene Krankheit in Europa. In Deutschland erkranken
jährlich zwischen 60.000 und mehr als 200.000 Menschen.
Eine frühzeitige
Entfernung der Zecke, bevor sie sich mit Blut vollgesaugt hat, kann die
Übertragung des Erregers verhindern.
Die Borrelien, spiralförmige
Bakterien, befallen vorwiegend die Haut.
Typisches Erkennungszeichen ist
die sogenannte Wanderröte:
- Um den Zeckenstich bildet sich ein roter
Rand, der sich langsam nach außen ausweitet; oft kommen Muskel- und
Gelenkschmerzen und andere grippeähnliche Beschwerden hinzu.
-
Im übrigen Körper können die Borrelien Gelenke, das Nervensystem und
selten das Herz befallen.
In 3 bis 15 Prozent der Fälle ist das
Nervensystem betroffen, man spricht dann von einer Neuroborreliose.
In
diesen Fällen typisch sind nächtlich betonte, brennende und stechende
Schmerzen, die häufig gürtelförmig verteilt sind und schlecht auf
Schmerzmittel ansprechen. Auch Lähmungen können vorkommen, vor allem der
Gesichtsnerven, der Arme und Beine.
Bei Kindern äußert sich die
Neuroborreliose am häufigsten in einer Gesichtsnervenlähmung oder
Hirnhautentzündung (Meningitis).
„Anhand der typischen Symptome in
Verbindung mit entzündlichen Veränderungen im Nervenwasser und dem
positiven Antikörpernachweis lässt sich eine Neuroborreliose in der
Regel zweifelsfrei feststellen“, erklärt Professor Rauer. Von Blut- oder
Liquortests auf Borreliose bei unspezifischen Beschwerden rät
DGN-Experte Rauer ab. „Laboruntersuchungen sind nur bei ausreichendem
klinischem Verdacht sinnvoll.“
Chronische Neuroborreliose: Schlechte Langzeitverläufe basieren auf Fehldiagnosen
Zu den umstrittenen vermeintlichen chronischen Neuroborreliosen liefert
die S3-Leitlinie eindeutige wissenschaftliche Fakten.
Nicht haltbar ist
die Theorie, wonach Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, chronische
Müdigkeit, wandernde Schmerzen, Gedächtnisstörungen, Kopfschmerzen und
andere schwer greifbare Beschwerden trotz unauffälliger Liquordiagnostik
auf eine nicht erkannte oder unzureichend behandelte Infektion des
Nervensystems mit Borrelien zurückzuführen sind.
„Die Neuroborreliose
verläuft überwiegend gutartig“, betont Rauer. „Schlechte
Langzeitverläufe, von denen immer wieder berichtet wird, sind zum
erheblichen Teil auf Fehldiagnosen zurückzuführen. Das Nichtansprechen
auf die Therapie liegt in diesen Fällen also nicht daran, dass die
Borrelien überleben.
Der Grund ist vielmehr, dass die Patienten keine
Neuroborreliose haben, sondern eine andere Erkrankung, die nicht auf
Antibiotika anspricht.“
Auch den sogenannten
Lymphozyten-Transformationstest, der bei diffusen
Beschwerden wie chronischer Müdigkeit, muskuloskelettalen Schmerzen,
Abgeschlagenheit oder Konzentrationsstörungen eine chronische Borreliose
nachweisen soll, halten die wissenschaftlich-medizinischen
Fachgesellschaften für nicht aussagekräftig.
Aktuelle Empfehlungen zur Art und Dauer der Antibiotikatherapie
Die Antibiotikabehandlung sollte mit Doxycyclin oder Penizillin G oder
Ceftriaxon oder Cefotaxim erfolgen. „Diese Substanzen sind bei gleicher
Verträglichkeit gleich gut wirksam gegen Borrelien“, so Rauer. „Über die
Wirksamkeit von anderen Substanzen oder
Antibiotika-Kombinationsbehandlungen liegen zu wenig auswertbare
Studiendaten vor.“
Die Leitlinie betont, dass eine medikamentöse
Therapiedauer von 14 Tagen bei früher und von 14 bis 21 Tagen bei später
Neuroborreliose im Regelfall ausreichend ist.
- „Eine längere Behandlung
bringt keinen Mehrwert, sondern setzt die Patienten einem unnötigen
Risiko von schweren Nebenwirkungen aus. Wenn die Antibiotika nach zwei
bis drei Wochen nicht anschlagen, bringen auch weitere Wochen oder gar
Monate nichts.“
An der Entwicklung der S3-Leitlinie Neuroborreliose waren Vertreter
aller Fachrichtungen beteiligt, die mit dem Krankheitsbild zu tun haben:
20 wissenschaftliche medizinische Fachgesellschaften, das Robert
Koch-Institut, die Paul Ehrlich Gesellschaft, drei
Patientenorganisationen sowie die Deutsche Borreliose-Gesellschaft e.V.
(DBG), eine Vereinigung von Wissenschaftlern und Ärzten, die sich mit
der Borreliose und assoziierten Infektionskrankheiten befassen. Es gab
fünf Konsensuskonferenzen und eine außerordentliche Konferenz, bei denen
die vorhandenen wissenschaftlichen Studien sowie die Erfahrungen der
Experten ausführlich in der Leitliniengruppe diskutiert wurden. Nicht zu
allen Punkten sei ein Konsens gefunden worden, berichtet Rauer,
Neuroborreliose-Spezialist der DGN:
„Im Hinblick auf die späte
Neuroborreliose und vermeintliche latente Langzeitinfektionen besteht
zwischen den wissenschaftlichen Fachgesellschaften einerseits und den
Patientenorganisationen bzw. der DBG andererseits eine große
Kontroverse.“ Die Deutsche Borreliose-Gesellschaft e.V. und der
Borreliose und FSME Bund Deutschland e.V. versuchten sogar, die
Leitlinie mit einer einstweiligen Verfügung zu stoppen. Das Landgericht
Berlin hat diese mit Urteil vom 12. März 2018 aufgehoben (die DGN
berichtete).
Quellen
Rauer S., Kastenbauer S. et al. S3-Leitlinie Neuroborreliose. 2018. In:
Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Hrsg., Leitlinien für Diagnostik
und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/ leitlinien und
www.awmf.org
„Leitlinie zur Neuroborreliose kann in Kraft treten“. Pressemeldung der
Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) vom 19. März 2018
Präsident: Prof. Dr. med. Gereon R. Fink
Stellvertretende Präsidentin: Prof. Dr. med. Christine Klein
Past-Präsident: Prof. Dr. med. Ralf Gold
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter
Geschäftsstelle: Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel.: +49 (0)30 531437930, E-Mail: info@dgn.org
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt
www.medizin-am-abend.blogspot.com
Über Google: Medizin am Abend Berlin
idw - Informationsdienst Wissenschaft e. V.
Professor Dr. med. Sebastian Rauer
Neurologische Universitätsklinik
Breisacherstraße 64, 79106 Freiburg
Tel.: +49 (0)761 270 53070
E-Mail: sebastian.rauer@uniklinik-freiburg.de
Frank A. Miltner
Telefon: 089 / 461486-0/-22
Fax: 089 / 461486-25
c/o albertZWEI media GmbH, Oettingenstraße 25, 80538 München
Tel.: +49 (0)89 46148622, Fax: +49 (0)89 46148625
Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
E-Mail: presse@dgn.org
Die Leitlinien der DGN
Die Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
(DGN) unter der Leitung von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener (Essen) und
Prof. Dr. Christian Gerloff (Hamburg) bringt mit ihren circa 80
medizinischen Leitlinien neue wissenschaftliche Erkenntnisse
schnellstmöglich in die therapeutische Praxis und damit an die Patienten
mit neurologischen Erkrankungen. Leitlinien spielen damit eine wichtige
Rolle für die schnelle und kompetente Verbreitung von
Forschungsergebnissen. Verfasst werden die Leitlinien für Diagnostik und
Therapie von ausgewiesenen Experten auf dem jeweiligen Gebiet, unter
Beteiligung von österreichischen und Schweizer Neurologen, teilweise
auch unter Beteiligung von Therapeuten und Patientenvertretern. Wichtig
ist die bestmögliche Objektivität der ausgesprochenen Empfehlungen. Aus
diesem Grund erfolgen die Zusammenstellung der Leitliniengruppe und die
Konsensfindung bei Empfehlungen nach klaren Vorgaben auf Basis des
Regelwerks der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften (AWMF).
Alle Leitlinien der DGN sind auf www.dgn.org
frei zugänglich publiziert.
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen
Verantwortung, mit ihren rund 9000 Mitgliedern die neurologische
Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN
Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der
Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion.
Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der
Geschäftsstelle ist Berlin.
www.dgn.org