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Brustkrebs-Früherkennungsuntersuchung (Mammografie-Screening) deutschlandweit

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Mammografie-Screening: IQWiG legt Entwurf für Entscheidungshilfe vor

Das Ziel: Frauen beim persönlichen Abwägen von Nutzen und Schaden besser unterstützen / IQWiG bittet um Stellungnahmen 
 
Seit 2009 wird die Brustkrebs-Früherkennungsuntersuchung (Mammografie-Screening) deutschlandweit angeboten. Dazu bekommen Frauen im Alter zwischen 50 und 69 alle zwei Jahre eine Einladung zur Mammografie und eine Informationsbroschüre (Merkblatt). Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) im Jahr 2014 beauftragt, ein Einladungsschreiben und eine Entscheidungshilfe zu erstellen.

  • Das Einladungsschreiben und ein Merkblatt wurden bereits Januar 2016 in einer neuen Version an den G-BA übersandt. Nun hat das IQWiG den Entwurf für die Entscheidungshilfe und ein angepasstes Einladungsschreiben vorgelegt, zu dem interessierte Personen und Institutionen bis zum 05. April 2016 Stellungnahmen abgeben können.

Zweistufiger Prozess

Der Auftrag sollte in zwei Stufen bearbeitet werden: Die erste Stufe umfasste die Überarbeitung des seit 2010 im Mammografie-Programm eingesetzten Merkblatts und des Einladungsschreibens inklusive eines Nutzertests innerhalb von sechs Monaten. Das Ergebnis der ersten Stufe hat das IQWiG im Frühjahr 2015 als Rapid Report dem G-BA übergeben. Der G-BA hat auf Basis dieser Materialien im Oktober 2015 neue Versionen des Merkblatts und des Einladungsschreibens beschlossen. Diese Version des Merkblatts wird bereits seit Januar 2016 mit den Einladungen zur Mammografie verschickt.

  • Beim jetzt vorgelegten Vorbericht handelt es sich um die zweite Stufe des G-BA-Auftrags: Das in der ersten Stufe erstellte Merkblatt wurde zusammen mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Universitätsklinik Hamburg zu einer Entscheidungshilfe weiterentwickelt und das Einladungsschreiben entsprechend angepasst.

Was ist neu?

  • Die Weiterentwicklung hat zu folgenden Ergänzungen und Änderungen geführt: Das Anschreiben ist jetzt deutlicher getrennt in einen kurzen Einladungstext (Seite 1) und organisatorische Hinweise für Frauen, die die Untersuchung wahrnehmen wollen, inklusive Terminvorschlag (Seite 2).
Die Broschüre wurde um einen Abschnitt erweitert, der die wichtigsten Aussagen zur Mammografie übersichtlich zusammenfasst und Frauen die Möglichkeit gibt, die Bedeutung der Aspekte für sich zu bewerten.
Zudem werden Nutzen und Schaden der Mammografie nun für Frauen im Alter von 50 bis 59 und von 60 bis 69 getrennt dargestellt.
Der Begriff der „Überdiagnosen“ wird ausführlicher erklärt. Der Vorbericht beinhaltet außerdem eine Skizze der zukünftigen Entscheidungshilfe als Internetversion.

Dokumente laufend evaluieren

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schlagen zudem vor, Einladungsschreiben und Entscheidungshilfe künftig im Rahmen der Qualitätssicherung des Mammografie-Programms laufend zu evaluieren. Dazu sollen die Daten zur Nutzung sowie die Rückmeldungen der Frauen routinemäßig mit erfasst und auf Überarbeitungsbedarf geprüft werden. Darüber hinaus sollen zentrale Elemente der Entscheidungshilfe in einer Studie auf ihre Wirksamkeit untersucht werden.

Ergebnisse eines Nutzertests bereits eingeflossen

Primäres Ziel der Entscheidungshilfe ist es, Frauen beim persönlichen Abwägen von Nutzen und Schaden des Mammografie-Screenings besser zu unterstützen.

Erste Entwürfe der Materialien wurden in einer Serie von qualitativen Fokusgruppen mit insgesamt 37 Frauen und sechs Expertinnen und Experten kommentiert. „Daraus bekamen wir wichtige Anregungen, die in die jetzt vorgelegten Fassungen eingeflossen sind“, sagt Klaus Koch, Leiter des IQWiG-Ressorts Gesundheitsinformation. „Dass wir die Erklärung von Überdiagnosen deutlich erweitert haben, geht zum Beispiel auf den klaren Wunsch unserer Testerinnen zurück“, so Koch.

Nutzen-Schaden-Bilanz je nach Altersgruppe unterschiedlich

Zur Ableitung von Zahlenangaben zu Vor- und Nachteilen stützten sich die Wissenschaftler weitgehend auf die schon in der ersten Prozessstufe verwendete Literatur. Allerdings werden die Zahlen nun getrennt für zwei Altersgruppen dargestellt.

Demnach kann von 1000 Frauen im Alter von 50 bis 59, die zehn Jahre lang am Screening teilnehmen, eine Frau vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt werden. Dem stehen als wesentlicher Schaden sogenannte Überdiagnosen gegenüber:

  • Bei der Mammografie werden gelegentlich bösartige Veränderungen gefunden, die ohne Früherkennung nie aufgefallen wären oder Beschwerden bereitet hätten. Die Diagnose zieht aber für die Frauen und ihre Angehörigen Konsequenzen nach sich. Etwa vier bis sechs von 1000 Frauen zwischen 50 und 59 müssen mit einer solchen Überdiagnose rechnen.
  • Etwas anders stellen sich die Spannen für Frauen zwischen 60 und 69 dar: Wenn 1000 Frauen dieses Alters zehn Jahre lang am Screening teilnehmen, werden zwei bis drei vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt, und fünf bis sieben Frauen erhalten eine Überdiagnose.

Zum Ablauf der Berichtserstellung

Den Berichtsplan für dieses Projekt hatte das IQWiG im August 2015 vorgelegt. Stellungnahmen zu dem jetzt veröffentlichten Vorbericht werden nach Ablauf der Frist gesichtet. Sofern sie Fragen offen lassen, werden die Stellungnehmenden zu einer mündlichen Erörterung eingeladen. Die aus der Anhörung resultierenden Fassungen werden einem weiteren, nunmehr quantitativen Test (Survey) mit mindestens 1000 Teilnehmerinnen unterzogen.

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360° TOP-Hinweis: Prokrastination: „Aufschieberitis“ betrifft vor allem junge Menschen

Medizin am Abend Berlin Fazit:   Neue Studienergebnisse zur Prokrastination

Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz haben im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz der Johannes Gutenberg-Universität Mainz die Verbreitung und Risikomerkmale für Prokrastination in der deutschen Bevölkerung untersucht. Die Repräsentativ-Erhebung zeigte, dass Menschen, die Tätigkeiten häufig aufschieben, seltener in Partnerschaften lebten, häufiger arbeitslos waren und über ein geringes Einkommen verfügten. 

Betroffen waren vor allem männliche Schüler und Studierende. Die Studie bestätigt, dass ausgeprägtes Aufschiebeverhalten von wichtigen Tätigkeiten mit Stress, Depression, Angst, Einsamkeit und Erschöpfung einhergeht sowie die Lebenszufriedenheit verringert. 
 
Universitätsmedizin Mainz und Schwerpunkt Medienkonvergenz der Johannes Gutenberg-Universität Mainz veröffentlichen neue Studie zur Prokrastination

Im Volksmund gilt die Weise „Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ 

Doch dieser Appell verhallt im Alltag vieler Menschen häufig. Stattdessen schieben und verschieben sie geplante Handlungen immer wieder vor sich her. Fachleute nennen dieses insbesondere bei jungen Menschen weit verbreitete Phänomen Prokrastination. Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz haben nun mittels einer interdisziplinären Befragung die Verbreitung und Risikomerkmale für Prokrastination in der deutschen Bevölkerung untersucht.

Die im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) durchgeführten Studie zeigte folgende, zentrale Ergebnisse:

  • Menschen, die wichtige Tätigkeiten häufig aufschoben, lebten häufiger ein Single-Dasein, waren vermehrt von Arbeitslosigkeit betroffen, verfügten über ein geringes Einkommen und waren insbesondere unter männlichen Schülern oder Studierenden zu finden. 
  • Negative und dem Aufschiebenden durchaus bekannte Begleiterscheinungen dieses Verhaltens waren zumeist Stress, Depression, Angst, Einsamkeit und Erschöpfung. Die Ergebnisse sind nun in der renommierten Fachzeitschrift „PLOSone“ erschienen.

Jeder weiß: Das Leben besteht aus Rechten und Pflichten. Der Begriff „Pflicht“ ist jedoch häufig negativ besetzt, das Gegenteil von Spaß und damit zumindest kurzfristig betrachtet nicht von erstrebenswertem Nutzen. Zumal es ja scheinbar wesentlich attraktivere und vermeintlich ebenso wichtige Dinge zu tun gibt. Doch so zu denken und zu handeln kann sich langfristig als Fehler herausstellen. Denn die Vermeidung einer unangenehmen Tätigkeit zieht häufig ein weiteres Umgehen dieser oder anderer negativ empfundener Aufgaben nach sich.  

Mit der Zeit bildet sich dann ein erlerntes, nicht unproblematisches Verhaltensmuster heraus: Prokrastination.

Wie so ein Lernprozess ablaufen kann, verdeutlicht folgendes Fallbeispiel:

Der 32-jährige Thomas P. ist im 20. Semester eines sozialwissenschaftlichen Studiengangs eingeschrieben. Seine Tätigkeit als Aushilfe in der Gastronomie reicht gerade, um ihn finanziell über Wasser zu halten. Er berichtet mit Stolz, dass er nicht mehr auf seine Eltern angewiesen sei, deren Kontakt er meidet, um peinliche Rückfragen zu seinem Studium zu entgehen. Ansonsten widmet er die Nächte seiner CD-Sammlung und Onlineaktivitäten wie Recherchieren, Videos schauen oder gelegentlichem Spielen. Tagsüber schläft er. Den Kontakt zu Kommilitonen an der Universität hat er verloren, da er seit mehreren Jahren nicht mehr regelmäßig an Lehrveranstaltungen teilnimmt. Längst ist sein Studiengang reformiert und umgestellt und er in lebt in Unkenntnis darüber, welche Scheine er noch benötigt, um sein Studium abzuschließen. Doch weil er sich schämt, sucht er nicht das zuständige Prüfungsamt auf. Mittlerweile leidet er zunehmend unter depressiven Zuständen, Schlafstörungen und Erschöpfung.

Kein Einzelfall, wie die aktuelle Studie des Forschungsschwerpunkts (FSP) Medienkonvergenz der JGU belegt. Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz und Mitglied im Koordinationsausschuss des FSP Medienkonvergenz, Univ.-Prof. Dr. Manfred Beutel, der die Studie initiiert und geleitet hat, fasst deren Ergebnisse so zusammen:

„Die Repräsentativ-Erhebung zeigte, dass Menschen, die Tätigkeiten häufig aufschieben, seltener in Partnerschaften lebten, häufiger arbeitslos waren und über ein geringes Einkommen verfügten. Betroffen waren vor allem junge Männer. Schüler und Studierende prokrastinierten dabei häufiger als ihre berufstätigen oder in einer Ausbildung befindlichen Altersgenossen. 
  • Die Studie bestätigt, dass ausgeprägtes Aufschiebeverhalten von wichtigen Tätigkeiten mit Stress, Depression, Angst, Einsamkeit und Erschöpfung einhergeht. Insgesamt war bei Prokrastination auch die Lebenszufriedenheit verringert.“ Die Studienkohorte umfasste insgesamt 2.527 Personen im Alter von 14 bis 95 Jahren.
Ein Ziel der Mainzer Wissenschaftler war es, eine Antwort auf folgende Frage zu finden:

Warum schieben Menschen Tätigkeiten auf, wenn dies absehbar zu Stress und negativen gesundheitlichen Folgen führt?
  • Prokrastination ist ein erlerntes Verhalten, das unmittelbar durch Vermeidung unangenehmer Tätigkeiten verstärkt wird. Warum bestimmte Tätigkeiten negative Gefühle hervorrufen, wird von den Betroffenen zu wenig hinterfragt. Leistungsanforderungen sind häufig mit Versagensängsten verbunden, eigene Leistungsansprüche sind möglicherweise zu hoch gesteckt und Zielsetzungen unrealistisch. Ersatzhandlungen wie beispielsweise Medienkonsum haben überdies häufig unmittelbar positive Konsequenzen. Nachteilige negative Konsequenzen wie Versagen, Depression oder Einsamkeit treten hingegen erst langfristig auf und sind damit weniger verhaltensbestimmend.

Die Studie zeigte, dass dies vor allem für junge Menschen in Schule oder Studium zutrifft. 

Doch was sind die Gründe dafür?

Offenbar gibt ein Beschäftigungsverhältnis eine feste Struktur und Orientierung. Ein Studium erfordert hingegen mehr Selbstorganisation und -disziplin.

  • Doch junge Menschen befinden sich in einem Alter, in dem sie die Zeit als scheinbar unbegrenzt empfinden und ihnen vielfach Gewissenhaftigkeit nicht so wichtig ist. Sie leben in dem Gefühl, dass ihnen das Leben und eine Zukunft offenstehen, die ihnen schier unzählige und vielfältigste Möglichkeiten und Chancen bieten. Der Studienanfänger sieht sich beispielsweise vor die Wahl aus tausenden Studiengängen gestellt. Zudem sind Erwerbsbiographien weniger geradlinig und planbar geworden. 
  • Beides kann viele Menschen überfordern und zu einer Prokrastination beitragen.

Für Studienleiter und Klinikdirektor Professor Beutel Anlass genug, um zu handeln:

„Aufgrund der steigenden Häufigkeit derartiger Krankheitsverläufe haben wir ein spezielles Behandlungsangebot für junge Erwachsene mit Prokrastinationsverhalten entwickelt.

Im stationären Rahmen und der damit verbundenen Struktur dienen aufeinander abgestimmte einzel- und gruppentherapeutische Behandlungselemente der Überwindung der Prokrastination und damit verbundenen, oft tiefgreifenden Entwicklungsblockaden. 

  • Der Teufelskreis aus Aufschieben, Vermeidung, Versagensgefühlen, Erschöpfung und Depression wird in der stationären Behandlung sorgfältig aufgearbeitet.“ 

So konnte beispielweise auch dem jungen Mann aus dem Fallbeispiel geholfen werden: Während seiner Behandlung in der psychosomatischen Klinik normalisierte er seinen Tagesablauf und setzte sich klare und realistische Ziele, die er Schritt für Schritt umsetzte.

  • So klärte er seine Studiensituation beim Prüfungsamt und führte ein offenes Gespräch mit seinen Eltern.

Für die Wissenschaftler des Schwerpunkts Medienkonvergenz birgt die Studie darüber hinaus weiteres Erkenntnispotenzial:

Sie wollen künftige Auswertungen der Studie dazu nutzen, um zu erfahren, inwieweit sich die Nutzung des allseits präsenten Online-Angebots an Ablenkungen durch Computer und Smartphone auf Prokrastination auswirkt.

Originalpublikation: Beutel, M. E., Klein, E. M., Aufenanger, S., Brähler, E., Dreier, M., Müller, K.W., Quiring, O., Reinecke, L., Schmutzer, G., Stark, B., Wölfling, K. (2016). Procrastination, Distress and Life Satisfaction Across the Age Range – A German Representative Community Study. PLOSONE. [in press]
DOI: 10.1371/journal.pone.0148054

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Univ.-Prof. Dr. Manfred Beutel,
Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie,
Universitätsmedizin Mainz, Tel: 06131 / 17-2841, Fax: 06131 / 17-6688,
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Barbara Reinke, Universitätsmedizin Mainz,
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Über die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist die einzige medizinische Einrichtung der Supramaximalversorgung in Rheinland-Pfalz und ein international anerkannter Wissenschaftsstandort. Sie umfasst mehr als 60 Kliniken, Institute und Abteilungen, die fächerübergreifend zusammenarbeiten. Hochspezialisierte Patientenversorgung, Forschung und Lehre bilden in der Universitätsmedizin Mainz eine untrennbare Einheit. Rund 3.300 Studierende der Medizin und Zahnmedizin werden in Mainz ausgebildet. Mit rund 7.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die Universitätsmedizin zudem einer der größten Arbeitgeber der Region und ein wichtiger Wachstums- und Innovationsmotor. Weitere Informationen im Internet unter www.unimedizin-mainz.de

Über den Forschungsschwerpunkt Medienkonvergenz der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Ziel des seit 2007 bestehenden interdisziplinären Forschungsschwerpunkts ist es, die Folgen der rasanten Medienevolution und ihre Auswirkungen auf Kommunikation, Märkte und Nutzungsverhalten zu untersuchen. Die an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vertretenen Medienfächer (Buch-, Film-, Theaterwissenschaft, Publizistik und Journalistik) sowie Medienrecht, -pädagogik, -ökonomie, -psychologie, Neurolinguistik und Psychosomatik haben sich hierfür zu einem stabilen Verbund zusammengeschlossen. Dabei gilt es, den gemeinsamen Forschungsansatz stets von neuem an die Entwicklungsdynamik des gesellschaftlichen Wandels durch die sich wandelnden Medien anzupassen. Weitere Informationen im Internet unter www.medienkonvergenz.uni-mainz.de/

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Flugmedizinischen Dienst

Westfalenpost: Ein unvorstellbares Unglück Von Joachim Karpa

Für die Angehörigen der 150 Opfer ist das kein Trost. Viel schlimmer, sie haben jetzt Gewissheit: Ihre Lieben könnten noch leben. Andreas Lubitz war ein Kamikaze-Pilot auf Abruf. Seit Jahren litt er an schweren Depressionen, unterbrach deshalb die Ausbildung, taumelte später von Mediziner zu Mediziner und fürchtete ständig, seinen Beruf aufgeben zu müssen. Noch zwei Wochen bevor der 27-Jährige 149 Menschen mit in den Tod nimmt, empfiehlt der Arzt die Behandlung in einer psychiatrischen Klinik. Ohne Folgen. Die Fluggesellschaft erfährt von dieser Entwicklung nichts, will es über Jahre nicht wirklich wissen. Nicht bei einer der fünf Untersuchungen des flugmedizinischen Dienstes wird ein Psychologe hinzugezogen. Ein Versäumnis. Dass der Todespilot seine Seelenlage für sich behält und versucht, seine selbstmörderische Absicht mit Medikamenten zu betäuben, ist bei diesem Krankheitsbild nicht ungewöhnlich. Er hängt an seinem Traumjob. Bereits heute sei es so, sagt die Vereinigung Cockpit, dass Ärzte bei Gefahr in Verzug Informationen weitergeben dürfen. Doch wer will das Vertrauensverhältnis zum Patienten verletzten? Ihn beruflich in den Abgrund stoßen?

Ein Katastrophe dieser Art ist nicht vorstellbar gewesen - bis zum 24. März 2015.


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Schmerzlindernd - lasst uns Oxytocin - Kuscheln

Medizin am Abend Berlin Fazit:   Kuschelhormon wirkt schmerzlindernd

Max-Planck-Forscher entdecken eine neue Wirkung von Oxytocin 
 
  • Manchmal reichen kleine Moleküle aus, um unsere Stimmung oder auch den Stoffwechsel zu verändern: eines wie Oxytocin, das an der Entstehung von Gefühlen wie Vertrauen und Liebe beteiligt ist. 
Das Hormon wird ausschließlich im Gehirn gebildet und unter anderem über die Hirnanhangsdrüse ins Blut abgegeben. Bislang war unbekannt, warum diese Oxytocin-produzierenden Nervenzellen mit dem Hirnstamm und dem Rückenmark verknüpft sind. Forscher des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung in Heidelberg haben nun eine kleine Population an Nervenzellen entdeckt, die die Ausschüttung von Oxytocin ins Blut koordiniert und auch Zellen im Rückenmark anregt.

  • Eine Reizung dieser Zellen erhöht den Oxytocinspiegel im Körper und hat eine schmerzlindernde Wirkung.
Schnelle Geburt: Die Bezeichnung des Hormons im Griechischen weist bereits auf eine wichtige Aufgabe hin: Bei der Geburt löst Oxytocin eine Kontraktion der Gebärmuttermuskulatur aus und leitet die Wehen ein. Außerdem ist es wichtig für eine starke Bindung zwischen Mutter und Kind sowie den Milcheinschuss der Mutter. Es reguliert zudem soziale Interaktionen im Allgemeinen. Es wird deswegen oft als Kuschelhormon bezeichnet

Das Hormon wird ausschließlich im Hypothalamus produziert.

Eine kleine Gruppe Oxytocin-produzierender Nervenzellen (rot) koordiniert die Freigabe von Oxytocin über Blut und Rückenmark.
 Eine kleine Gruppe Oxytocin-produzierender Nervenzellen (rot) koordiniert die Freigabe von Oxytocin über Blut und Rückenmark. Eliava et al., 2016

Oxytocin-bildende Nervenzellen werden in zwei unterschiedlich große Zelltypen unterteilt: Die großen Oxytocin-produzierenden Nervenzellen sind mit der Hirnanhangsdrüse verbunden, die Oxytocin über Kapillaren ins Blut abgibt. Die kleinen sind mit dem Hirnstamm und den tiefen Regionen des Rückenmarks verknüpft. Die Funktion dieser Verbindungen war bisher unklar.

Es wurde vermutet, dass sie wichtig für die Kontrolle des Herz-Kreislauf-Systems oder auch der Atmung sein könnte.

Kleine Zellen, große Wirkung

Forscher des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung und ihre Kollegen aus anderen Ländern haben nun eine schmerzstillende Wirkung von Oxytocin entdeckt und festgestellt, dass die Freisetzung nicht nur über das Blut, sondern auch über das Rückenmark reguliert wird. „Wir konnten einen neuen Aspekt der Wirkung von Oxytocin nachweisen und haben zudem eine neue Subpopulation an kleinen Oxytocin-produzierenden Neuronen entdeckt“, erklärt der Direktor Peter Seeburg. „Eine Gruppe des kleinen Zelltyps von etwa 30 Zellen sendet seine Nervenenden zu den großen Neuronen, wodurch Oxytocin über die Hirnanhangsdrüse ins Blut abgegeben als auch zum Rückenmark, wo Oxytocin als Neurotransmitter dient, um Nervenzellen zu hemmen." Diese Population koordiniert somit die Oxytocin-Freigabe. „Es ist faszinierend, dass die Koordination der Oxytocin-Wirkung von so wenigen Zellen abhängt“, so Seeburg.

Mit dem Griff in die optogenetische Werkzeugkiste konnten die Wissenschaftler die Population der kleinen Zellen im lebenden Versuchstier gezielt mit Licht stimulieren und dazu bringen, über beide Wege mehr Oxytocin auszuschütten. Ratten, die anschließend einen erhöhten Oxytocin Spiegel im Blut hatten, reagierten weniger stark auf die Berührung eines entzündeten Fußes. Das deutete auf eine geringere Schmerzempfindung hin. 

Eine Hemmung der Oxytocinwirkung erhöhte dagegen das Schmerzempfinden.

Die Forscher gehen davon aus, dass es die Untergruppe Oxytocin-produzierender Zellen auch im menschlichen Gehirn gibt. „Vermutlich ist das menschliche Oxytocin-System jedoch komplexer und besteht aus mehr als 30 Zellen“, erklärt Seeburg. Die Funktion dieser Zellen lässt sich im Menschen zudem nur schwer untersuchen. Trotzdem könnten die Erkenntnisse ein neuer Ansatz für die Entwicklung von Schmerztherapien sein.

Originalpublikation:
Marina Eliava , Meggane Melchior , H. Sophie Knobloch-Bollmann, Jérôme Wahis, Miriam da Silva Gouveia, Yan Tang , Alexandru Cristian, Ciobanu , Rodrigo Triana del Rio, Lena C. Roth , Ferdinand Althammer,Virginie Chavant , Yannick Goumon , Tim Gruber, Nathalie Petit-Demoulière, Marta Busnelli, Bice Chini , Linette L. Tan, Mariela Mitre, Robert C. Froemke, Moses V. Chao, Günter Giese , Rolf Sprengel , Rohini Kuner , Pierrick Poisbeau , Peter H. Seeburg , Ron Stoop , Alexandre Charlet and Valery Grinevich
A new population of parvocellular oxytocin neurons controlling magnocellular neuron activity and inflammatory pain processing
Neuron, 4 März 2016 (DOI: 10.1016/j.neuron.2016.01.041)

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Prof. Dr. Peter H. Seeburg
Max-Planck-Institut für medizinische Forschung, Heidelberg
Telefon:+49 6221 486-495Fax:+49 6221 486-110
seeburg@mpimf-heidelberg.mpg.de
Dr Harald Rösch Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

360° TOP-Thema: Soziale Hormone - AVP- ArininVasopressin - Lösung für Medikamentenplan-Complience?

Medizin am Abend Berlin:  Fördern kooperatives Verhalten in riskanten Situationen

Zwei neue Studien untersuchen den Einfluss von Arginin Vasopressin auf Handlungskontrolle und die Verarbeitung von Belohnungsanreizen 

 Dr. Claudia Brunnlieb, Dr. Marcus Heldmann
 Dr. Claudia Brunnlieb, Dr. Marcus Heldmann  Uni Lübeck
 
Eine interdisziplinäre Forschergruppe der Universitäten Lübeck (Klinik für Neurologie), Magdeburg (Institut für Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie) und des California Institute of Technology (Behavioral Economics) zeigt den Einfluss des Neuropeptides Arginin Vasopressin (AVP) auf kooperatives Verhalten beim Menschen. Diese Ergebnisse, veröffentlicht am 8. Februar in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), erklären eine wichtige biologische Voraussetzung für die erfolgreiche Interaktion in Gruppen.

Aus Untersuchungen an Tieren ist bekannt, dass AVP monogames Bindungsverhalten und elterliche Fürsorge genauso fördert wie bei männlichen Tieren aggressives Verhalten gegenüber Eindringlingen. Frühere Untersuchungen der Lübecker Gruppe haben bereits gezeigt, dass auch bei Menschen AVP einen modulierenden Einfluss auf Hirnprozesse hat, die Aggression und Empathie zugrunde liegen.

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Erhöhte funktionelle Koppelung des dlPFC mit dem ventralen Pallidum


In ihrer neuen Publikation beschreibt die Forschergruppe nun den Einfluss von AVP auf kooperatives Verhalten beim Menschen und die damit verbundenen Hirnmechanismen. „Durch Kooperation können Menschen Dinge erreichen, die über die Fähigkeiten des Einzelnen hinausgehen. Uns hat die Frage interessiert, durch welche neurobiologischen Mechanismen solch kooperatives Verhalten geformt wird“, so der Psychologe Dr. Marcus Heldmann von der Universität zu Lübeck.

Erhöhte Aktivierung im dlPFC
Erhöhte Aktivierung im dlPFC Brunnlieb et al.

Um den Einfluss von AVP auf diesen Aspekt der sozialen Kooperation zu untersuchen, wurden zunächst 59 männliche Probanden in einer Placebo-kontrollierten Doppelblindstudie untersucht. Den Teilnehmern wurde über ein Nasenspray AVP gegeben, in der Placebogruppe erhielten die Probanden Kochsalzlösung. Anschließend spielten die Probanden in Zweiergruppen ein Spiel, das für einen maximalen Gewinn die Kooperation der Spielpartner erfordert.

„Unser Experiment zeichnet sich durch zwei Eigenheiten aus“, erläutert Dr. Dipl.-Biol. Claudia Brunnlieb die Untersuchungssituation. „Die Teilnehmer gewinnen am meisten Geld, wenn sie sich für ein kooperatives Verhalten entscheiden und ihr Gegenüber es auch tut. Allerdings bekommt ein Spieler besonders wenig, wenn er sich zwar kooperativ verhält, sein Gegenüber dies aber nicht tut.“

Es zeigte sich, dass unter AVP die Probanden eine stärkere Bereitschaft zu einer solch risikobehafteten Kooperation zeigen als unter Placebo. Um auszuschließen, dass sich lediglich die Risikobereitschaft verändert, wurde das Verhalten der Probanden zusätzlich in einer Lotterieaufgabe untersucht. In dieser Lotterieaufgabe unterscheiden sich die Gruppen mit und ohne AVP-Gabe nicht. AVP verändert also nicht die Risikowahrnehmung per se, sondern nur die Risikowahrnehmung im sozialen Kontext.

Um die neuralen Mechanismen riskanter Kooperation zu verstehen, wurde die Untersuchung an einer weiteren Gruppe von 34 Männern bei gleichzeitiger Messung der Hirnaktivität durch die funktionelle Magnetresonanztomographie wiederholt.

  • Kooperatives Verhalten unter AVP veränderte die Aktivität von Hirnstrukturen, die für Handlungskontrolle, Wahrnehmung von Risiko und die Verarbeitung von Belohnungsreizen verantwortlich sind.

„Zwei Aspekte sind an unserer Untersuchung hervorzuheben“, ordnen Claudia Brunnlieb und Marcus Heldmann die Befunde ein.

„Zum einen können wir trotz der Komplexität sozialer Interaktionen unsere Ergebnisse in zwei Studien replizieren, was für die Robustheit des Einflusses von AVP spricht.

  • Zum anderen finden wir mit der Gehirnregion des ventralen Pallidum, welches ein Teil des menschlichen Belohnungssystems ist, eine Struktur bei kooperativem Verhalten funktionell stärker eingebunden, die sich durch eine hohe Dichte von Vasopressinrezeptoren auszeichnet. 
  • Das Besondere dabei ist, dass sich der Einfluss des Petpids selektiv in einer Bedingung auswirkt (kooperatives Verhalten unter AVP) und nicht generell wirkt.“

Vielfältige Fragestellungen können sich an diese Befunde anschließen. So ließe sich prüfen, ob Vasopressin in Gruppen genutzt werden kann, bei denen eine Kooperation notwendig für das Erreichen eines übergeordneten Zieles ist, wie es zum Beispiel auf die Arbeit von Teams in Notfallsituationen zutrifft. Die Lübecker Wissenschaftler interessieren sich besonders dafür, ob der Einfluss von Vasopressin im klinischen Bereich genutzt werden kann, etwa bei Patienten mit Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion.

Literatur
Brunnlieb C, Nave G, Camerer CF, Schosser S, Vogt B, Münte TF, Heldmann M.
Vasopressin increases human risky cooperative behavior. Proc Natl Acad Sci U S A.
2016 Feb 23;113(8):2051-6. doi: 10.1073/pnas.1518825113. Epub 2016 Feb 8. PubMed
PMID: 26858433.

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360° TOP-Thema: Patienten am Lebensende - lebensverlängernde Maßnahmen

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Arzt und Patient verzichten häufiger auf lebensverlängernde Massnahmen

In der Schweiz wird bei Patienten am Lebensende häufig auf eine Behandlung verzichtet – auch im europäischen Vergleich. Im Jahr 2013 leisteten Deutschschweizer Ärzte in mehr als vier von fünf erwarteten Sterbefällen in irgendeiner Form Sterbehilfe. Die ethisch schwierigen Entscheidungen werden meist gemeinsam mit Patienten und Angehörigen gefällt, wie zwei neue Studien von Wissenschaftlern der Universitäten Zürich und Genf belegen. 
 
Schwindet die Hoffnung auf Heilung, verschieben sich die Schwerpunkte medizinischen Handelns. 
  • Anstatt den Tod weiter hinauszuzögern, soll die Lebensqualität von schwerkranken Patientinnen und Patienten möglichst hoch sein und ihr Leiden gelindert werden. 

Forschende der Universitäten Zürich und Genf haben im Jahr 2013 Ärzte in der Deutschschweiz zu ihrer medizinischen Praxis am Lebensende befragt.

Die nun veröffentlichten Daten zeigen, dass in mehr als vier von fünf erwarteten Todesfällen in irgendeiner Form Sterbehilfe geleistet wurde – am häufigsten als Behandlungsverzicht oder -abbruch sowie als intensivierte Verabreichung von Schmerzmitteln wie etwa Morphin.

In der überwiegenden Mehrheit der Fälle wurde der Entscheid gemeinsam mit dem Patienten und seinen Angehörigen gefällt.

Insgesamt waren 71,4 Prozent bzw. 2256 der untersuchten Todesfälle «nicht plötzlich» und «erwartet».

  • Nur bei 18 Prozent dieser Fälle wurden im Vorfeld keine medizinischen Entscheidungen getroffen, die den Todeseintritt möglicherweise oder wahrscheinlich beschleunigt haben. 
Bei 70 Prozent der erwarteten Sterbefälle wurde auf weitere Behandlungen verzichtet bzw. eine laufende Therapie abgebrochen.

Fast gleich häufig war mit 63 Prozent der Fälle die intensivierte Abgabe von Mitteln zur Schmerz- bzw. Symptomlinderung. «Bei etwas mehr als der Hälfte der erwarteten Sterbefälle wurden vor dem Tod mehrere Massnahmen kombiniert», erklärt Matthias Bopp vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Hingegen selten – in drei Prozent der Fälle war aktive Sterbehilfe wie Suizidbeihilfe, aktive Sterbehilfe auf Verlangen oder ohne ausdrückliches Verlangen des Patienten.

Medikamentöser Tiefschlaf am Lebensende

Die Studie untersuchte auch die sogenannte terminale Sedierung, den Einsatz von Beruhigungsmitteln mit dem Ziel, den Patienten kurz vor dem Tod in einen kontinuierlichen Tiefschlaf zu versetzen. Auch wenn diese Massnahme in der Regel nicht zu einer Lebensverkürzung führt, ist die terminale Sedierung eine ethisch schwerwiegende Entscheidung.

  • Verschiedene Länder berichteten über eine Zunahme dieses Trends. 
  • In der vorliegenden Studie ergab sich für 2013 gegenüber 2001 beinahe eine Vervierfachung der Häufigkeit und damit ein (noch) höherer Wert als etwa in Belgien oder den Niederlanden.

Gemeinsame Entscheidung mit Patienten und Angehörigen

Ein besonderes Augenmerk legte die Studie auf die Frage, wie häufig Patienten und Angehörige bei Entscheidungen miteinbezogen wurden. Dabei zeigten sich grosse Unterschiede, je nach dem, wie der Arzt die Entscheidungsfähigkeit des Patienten einschätzte. Während nur mit jedem zehnten der nicht urteilsfähigen Patienten die getroffenen Entscheidungen besprochen wurden, geschah dies bei den voll urteilsfähigen Patienten in beinahe drei von vier Fällen. Werden auch Gespräche mit Angehörigen und frühere Willensäusserungen des Patienten berücksichtigt, kommt es bei nicht urteilsfähigen Patienten in vier von fünf Fällen zu einer gemeinsamen Entscheidung und bei voll Urteilsfähigen sogar in rund neun von zehn Fällen. Georg Bosshard, Leitender Arzt an der Klinik für Geriatrie des UniversitätsSpitals Zürich, sieht hier Verbesserungspotenzial: «Es werden noch einige medizinische Entscheidungen gefällt, ohne dass der Arzt diese mit dem Patienten oder seinem Umfeld vorgängig bespricht. Wenn es gelingt, die Kommunikation zwischen Arzt, Patient und Angehörigen zu verbessern und solch heikle Entscheidungen wann immer möglich gemeinsam zu treffen, führt dies zu einer besseren Situation für alle Betroffenen.»

Vergleiche mit den lateinischen Landesteilen in Aussicht

In der letzten Lebensphase haben Ärztinnen und Ärzte oft ethisch schwierige Entscheidungen zu fällen, die den Todeszeitpunkt der von ihnen betreuten Patientinnen und Patienten beeinflussen können. Dabei treffen unterschiedliche Erfahrungen, Emotionen, Glaubens- und Wertanschauungen von Ärztinnen und Ärzten, von Patientinnen und Patienten und Angehörigen aufeinander. Mit den Resultaten dieser Studie kann das Thema «Sterbehilfe» wissenschaftlich fundiert und aus einer sachlichen Perspektive beleuchtet werden. Im Gegensatz zur Erhebung im Jahr 2001 sind in der neuen Studie alle Landesteile der Schweiz abgedeckt. Dies ermöglicht eine gezielte Untersuchung allfälliger kultureller Unterschiede. Entsprechende Auswertungen sind im Gange und sollen noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.

Zur Studie
Repräsentative Daten zur Häufigkeit medizinischer Praktiken in der letzten Lebensphase wurden bisher in der Schweiz erst einmal, im Jahr 2001, erhoben. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 67 «Lebensende» führte das Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich, dem Institut für Biomedizinische Ethik der Universität Genf und dem Bundesamt für Statistik 2013 eine zweite Erhebung durch. Von den rund 5000 an Deutschschweizer Ärzte versandten Fragebogen wurden 63,5 Prozent retourniert.

Methodische Anmerkung
Es gibt zwei mögliche Nenner als Bezugsgrösse für medizinische Entscheidungen am Lebensende: (1) das Total aller Sterbefälle, das bei internationalen Vergleichen üblich ist (siehe Publikation in JAMA Internal Medicine); (2) alle Sterbefälle, bei denen eine Entscheidung möglich war (d.h. unter Ausschluss von rund 30 Prozent plötzlichen und unerwarteten Sterbefällen, bei denen vermutlich gar keine Entscheidung möglich war), was bessere Aussagen über die Versorgungsqualität erlaubt (siehe Publikation in Swiss Medical Weekly).

Diese Studie wurde hauptsächlich durch den Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen seines Nationalen Forschungsprogramms 67 «Lebensende» finanziert. Ein Zusatzbeitrag wurde von der SwissLife Jubiläumsstiftung gesprochen.

Literatur:
Georg Bosshard, Ueli Zellweger, Matthias Bopp, Margareta Schmid, Samia A. Hurst, Milo A. Puhan, Karin Faisst. Medical end-of-life practices in Switzerland: A comparison of 2001 and 2013. JAMA Internal Medicine. Published online February 29, 2016. doi:10.1001/jamainternmed.2015.7676

Margareta Schmid, Ueli Zellweger, Georg Bosshard, Matthias Bopp. Medical end-of-life decisions in Switzerland 2001 and 2013: Who is involved and how does the decision-making capacity of the patient impact? Swiss Medical Weekly, March 2, 2016. doi:10.4414/smw.2016.14307

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360° TOP-Hinweis: Behandlung von Erektionsproblemen + Vorher zum Hausarzt? Vorher zum Hautarzt?

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Potenzmittel Sildenafil kann Wachstum von Hauttumoren verstärken

Tübinger Biochemiker entdecken Signalweg in Zellen des malignen Melanoms, der von dem Medikament beeinflusst wird 

Medizin am Abend Berlin ZusatzfachLink hier  
 
  • Tübinger Wissenschaftler haben neue Hinweise gefunden, dass die Einnahme des Wirkstoffs Sildenafil das Wachstum von Hauttumoren anregen kann. 
  • Sildenafil wird häufig bei Männern zur Behandlung von Erektionsproblemen eingesetzt.  
Professor Robert Feil und seine Arbeitsgruppe vom Interfakultären Institut für Biochemie der Universität Tübingen konnten im Tierversuch und an menschlichen Zellkulturen nun nachweisen, dass Sildenafil offenbar stimulierend in die Wirkung des Botenstoffes cyclisches Guanosinmonophosphat (cGMP) eingreift, was wiederum das Wachstum von bereits bestehenden bösartigen Melanomen anregt.

Ein Angriff auf den cGMP-Signalweg in Melanomzellen könnte im Gegenzug möglicherweise für die Behandlung von Hautkrebs genutzt werden. Die Forschungsergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift Cell Reports veröffentlicht.
Der Signalstoff cGMP spielt in vielen komplexen Stoffwechselwegen eine wichtige Rolle, von den Zellen der Blutgefäße und des Herzens bis hin zu Nerven- und Sinneszellen.
Seine genaue Wirkung auf erwünschte und unerwünschte Wachstumsprozesse im Körper ist noch weitgehend unbekannt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtete 2013 zum Thema „cGMP-Signalwege beim Zellwachstum und Überleben“ eine Forschergruppe an der Universität Tübingen ein.

„Wir haben entdeckt, dass auch Zellen des malignen Melanoms den cGMP-Signalweg für ihr Wachstum nutzen“, sagte Feil. Normalerweise sorge in der Zelle ein Enzym, die Phosphodiesterase 5 (PDE5), dafür, dass neu gebildetes cGMP kontinuierlich abgebaut werde. Sildenafil wiederum hemme die Wirkung von PDE5. „PDE5 wirkt in der Zelle wie eine Bremse auf das cGMP“, sagte Feil:

  • „Die Einnahme von Sildenafil schaltet diese Bremse gewissermaßen aus.“ Die Folge sei, dass die Melanome stärker zu wachsen beginnen. Dieser biochemische Mechanismus könnte erklären, warum Sildenafil das Melanomrisiko bei Männern erhöht.
  • Ein möglicher Zusammenhang zwischen der Einnahme von Sildenafil und Krebs wird in der Forschung seit mehreren Jahren diskutiert. 
  • Bei der Auswertung einer Langzeitstudie an rund 15.000 Männern in den USA hatte sich 2014 der Verdacht ergeben, dass die Einnahme von Sildenafil mit einem erhöhten Risiko für bösartige Melanome verbunden ist. 
Dieser Verdacht erhärtete sich 2015 durch eine weitere Studie an etwa 24.000 Männern aus Schweden. Die beiden Untersuchungen konnten jedoch nicht abschließend klären, ob das erhöhte Melanomrisiko tatsächlich auf eine biologische Wirkung des Arzneimittels auf die Tumorzellen zurückzuführen ist. Nicht ausgeschlossen wurde, dass das vermehrte Auftreten von Hautkrebs bei Männern, die Sildenafil einnehmen, auch eine Folge ihres Lebensstils sein könnte, der durch zahlreiche Urlaube mit intensiven Sonnenbädern oder Besuche in Solarien geprägt war.

Der Tübinger Biochemiker betonte, auch vor dem Hintergrund der neuen Ergebnisse bestehe kein Anlass, Männern generell von der gelegentlichen Einnahme von PDE5-Hemmern zur Behandlung von Erektionsstörungen abzuraten.

Zunächst seien weitere Untersuchungen notwendig, um die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen abzuschätzen.

  • Es sei aber eher unwahrscheinlich, dass der Wirkstoff bereits die Entstehung von Melanomzellen begünstige. „Wir gehen davon aus, dass Sildenafil und möglicherweise auch andere PDE5-Hemmer in erster Linie das Fortschreiten bereits vorhandener Melanome verstärken könnten, vor allem wenn diese Medikamente dauerhaft in hohen Dosen eingenommen werden“, sagte Feil.
Die Ergebnisse anderer Forschungsgruppen deuteten zudem darauf hin, dass der Wirkstoff auf weitere Tumorarten möglicherweise positive Effekte hat, so etwa das Wachstum bestimmter Darmtumore hemmen könnte.
Melanompatienten allerdings sollten die Verwendung solcher Medikamente mit ihren Ärzten abklären.

 „Letztlich sollten wir alle daran denken, unser Melanomrisiko zu reduzieren, indem wir unsere Sonnenexposition vermindern und wirksamen UV-Schutz verwenden“, sagte Feil.

Publikation:
Sandeep Dhayade, Susanne Kaesler, Tobias Sinnberg, Hyazinth Dobrowinski, Stefanie Peters, Ulrike Naumann, He Liu, Robert E. Hunger, Martin Thunemann, Tilo Biedermann, Birgit Schittek, Hans-Uwe Simon, Susanne Feil, and Robert Feil: Sildenafil Potentiates a cGMP-Dependent Pathway to Promote Melanoma Growth. Cell Reports (2016), http://dx.doi.org/10.1016/j.celrep.2016.02.028

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Kleinster Herzschrittmacher der Welt: Micra - Kabellos / Einkammerstimulationssystem

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Greifswalder Kardiologen implantieren kleinsten Herzschrittmacher der Welt

Mini-Kardiokapsel bringt viele Vorteile für Patienten

Kardiologen der Universitätsmedizin Greifswald haben im Januar die ersten kabellosen Herzschrittmacher, die Micra Kardiokapsel des Medizintechnik-Unternehmens Medtronic GmbH aus Meerbusch (Nordrhein-Westfalen), eingesetzt. 


Das neue Medtronic Micra® Transcatheter Pacing System, kurz Micra, ist der kleinste Herzschrittmacher der Welt. 

Der „unsichtbare“ Herzstimulator hinterlässt keine Beule unter der Haut, keine Narbe im oberen Brustbereich und benötigt keine Elektroden. 

Größenvergleich: Die Micra-Kapsel ist etwa so groß wie ein 1-€-Stück und etwa zehnmal kleiner als ein herkömmlicher Schrittmacher. Größenvergleich: Die Micra-Kapsel ist etwa so groß wie ein 1-€-Stück und etwa zehnmal kleiner als ein herkömmlicher Schrittmacher.  Foto: medtronic.de
 
  • In Deutschland sind bislang 126 Micras und weltweit 1.600 implantiert worden, davon 725 innerhalb der großen medizinischen Zulassungsstudie. 
In Mecklenburg Vorpommern werden die Mini-Kardiokapseln momentan nur an der Universitätsmedizin Greifswald zur Behandlung von Herzerkrankungen genutzt. Bundesweit arbeiten bereits 30 Kliniken mit der innovativen und schonenden Kardiokapsel Micra, die für Patienten viele Vorteile bringt.

„Beiden Patienten geht es sehr gut mit dem neuen Kardiokapseln“, informierte heute der verantwortliche Oberarzt für Rhythmologie und interventionelle Kardiologie, Dr. Mathias Busch. Eine 86-jährige Frau und ein 82-jähriger Mann aus Greifswald profitierten von dem neuen System, das in beiden Fällen zur sofortigen Verbesserung der gesundheitlichen Zustandes führte. 

 „Die 25,9 Millimeter große Kardiokapsel ist weniger als ein Zehntel so groß wie ein herkömmlicher Schrittmacher und etwa so groß wie eine große Vitamintablette.

Sie bietet die fortschrittlichste Herzschrittmachertechnologie und ist dabei kosmetisch unsichtbar und klein genug, so dass wir sie über einen Katheter minimalinvasiv unmittelbar ins Herz einbringen können“, erläuterte Busch.





Oberarzt Dr. Mathias Busch mit dem kleinsten Herzschrittmacher der Welt.
 Oberarzt Dr. Mathias Busch mit dem kleinsten Herzschrittmacher der Welt. Foto: UMG/Manuela Janke


Sobald die Kardiokapsel positioniert ist, wird sie an der Herzwand befestigt und kann bei Bedarf verlagert oder wieder entfernt werden. 

Im Gegensatz zu herkömmlichen Schrittmachern sind bei der Kardiokapsel weder Drähte („Elektroden“) erforderlich, noch muss operativ unter dem Schlüsselbein eine „Tasche“ unter der Haut angelegt werden. 

  • Stattdessen wird das System mit winzigen Titanärmchen in der Herzwand verankert und gibt über einen Pol an der Spitze des Geräts die elektrischen Impulse für die Herzaktivität ab. Trotz der geringen Größe der Kardiokapsel beträgt die geschätzte Lebenszeit der Batterie zehn Jahre. 
Die Micra Kardiokapsel ist für Patienten vorgesehen, die ein Einkammerstimulationssystem benötigen.

„Das System reagiert ähnlich wie herkömmliche Schrittmacher auf den Aktivitätsgrad des Patienten und passt die Schrittmachertätigkeit automatisch an“, zählte der Kardiologe weitere Vorteile auf.

  • „Es ist zudem für MRT-Untersuchungen aller Körperregionen zugelassen und hält dem Patienten so den Zugang zu den wichtigen diagnostischen Bildgebungsverfahren offen.“
  • Die Schrittmachertherapie ist die häufigste Form der Behandlung bei Bradykardie*, dem verlangsamtem Herzschlag. Über eine Million Herzschrittmacher werden weltweit pro Jahr implantiert. In Deutschland werden jährlich rund 70.000 Herzschrittmacher implantiert (Quelle: Deutsche Gesellschaft für Kardiologie).

*Hintergrund

Bradykardie ist eine Rhythmusstörung, bei der das Herz zu langsam schlägt. Das gesunde Herz schlägt 60 bis 100 Mal pro Minute und pumpt so ungefähr 284 Liter Blut pro Stunde durch den Körper. 
  • Bei Patienten mit Bradykardie schlägt das Herz weniger als 60 Mal pro Minute oder setzt sogar aus. 
Mit dieser Herzfrequenz ist das Herz möglicherweise nicht in der Lage, den Körper mit genug sauerstoffreichem Blut zu versorgen. 

Dies kann dazu führen, dass der Patient Schwindel, Müdigkeit oder Atemnot verspürt oder in Ohnmacht fällt. 

Herzschrittmacher - das gebräuchlichste Mittel zur Behandlung der Bradykardie - senden elektrische Impulse aus, um die Herzfrequenz zu steigern, und tragen so dazu bei, den natürlichen Herzrhythmus wiederherzustellen und die Symptome zu lindern.

So kommt Micra in die rechte Herzkammer: 
 
Der Arzt führt ein „strohhalmartiges“ Kathetersystem in eine Vene ein. Üblicherweise geschieht dies im Bereich des oberen Oberschenkels. Das Kathetersystem transportiert die Micra-Kardiokapsel in die rechte Herzkammer.  

Dort wird die Kardiokapsel an der Herzwand positioniert und mit flexiblen Fixierungsankern gesichert. 

Anschließend wird die Kardiokapsel mit einem externen Programmiergerät getestet und eingestellt und das Kathetersystem aus dem Körper entfernt. 

Weitere Informationen unter http://goo.gl/nClbtz oder http://www.medtronic.de


Die Greifswalder Klinik Innere B

Im vergangenen Jahr wurden 3.626 Patienten ambulant und 5.347 Patienten stationär in der kardiologischen Universitätsklinik Greifswald im Klinikneubau betreut. Zum Leistungsspektrum der Klinik Innere B mit einer High-Tech-Intensivstation und 130 Betten zählen unter anderem diagnostische Links- und Rechts-Herzkatheteruntersuchungen, Interventionen an den Herzkranzgefäßen und peripheren Gefäßen (Ballondilatationen mit Stentimplantation) inklusive komplexer Gefäßeingriffe, minimalinvasive Eingriffe an Herzklappen, Implantationen von Herzschrittmacher- und Defibrillatorimplantationen, die Versorgung mit neuesten Stimulatoren zur Verbesserung der Herzpumpleistung sowie elektrophysiologische Untersuchungen inklusive komplexer Ablationen zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Die Greifswalder Kardiologie ist ein Teilstandort des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK).






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Universitätsmedizin Greifswald
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin B
Direktor: Prof. Dr. med. Stephan Felix
Sauerbruchstraße, 17475 Greifswald
  +49 3834 86-80 500
  InnereB@uni-greifswald.de
http://www.medizin.uni-greifswald.de
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Constanze Steinke Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

360° TOP-Hinweis: Sexuellen Kindesmissbrauch - Sexuelle Gewalt

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Sexueller Missbrauch hat enorme Dimension

Ulmer Wissenschaftler erstellen Studie zur Häufigkeit sexuellen Missbrauchs und fordern die Vernetzung von Forschung und praktischer Hilfe 
 
  • In Deutschland sind zwischen 200.000 und 1 Mio. Minderjährige von sexueller Gewalt betroffen. 
Diese hohe Zahl haben Wissenschaftler der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/ Psychotherapie im Auftrag des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in einer Expertise erhoben.

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachLink: Schwangerschaftsabruch 2015


Dafür werteten sie am Kompetenzzentrum Kinderschutz in Baden-Württemberg internationale Studien aus.

Besonders betroffen sind Mädchen, die meisten Missbrauchsopfer erleben gleichzeitig weitere Formen von Gewalt. 

Medizin am Abend Berlin ZusatzfachThemenLink: Ernährung  


Allein die Spannbreite der Zahlenangaben zu den Betroffenen zeige drei Dinge, so Professor Fegert, Ärztlicher Direktor der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie:

 „Erstens: Sexueller Missbrauch hat auch in Deutschland eine enorme Dimension, die so bisher nicht in einer Übersichtsstudie erhoben wurde. Die WHO spricht für die europäische Region von einer Häufigkeit von 9,6 Prozent für sexuellen Missbrauch (Mädchen 13,4 Prozent, Jungen 5,7 Prozent). 

Zum Vergleich: An der Volkskrankheit Diabetes Typ II leiden in Deutschland ca. 8,3 Prozent der über 20-Jährigen.

Zweitens: Sexueller Missbrauch kommt häufig komVernachlässigung und Misshandlung. biniert mit anderen belastenden Lebensereignissen vor, wie beispielsweise 

Drittens: Nicht nur jedes Land, sondern auch unterschiedliche Berufsgruppe definieren sexuellen Missbrauch anders, daher sind genaue Zahlen schwer zu erheben.“

Daraus ergibt sich für die Ulmer Forschungsgruppe eine klare Forderung:

 „Wir brauchen dringend einheitliche Definitionen und Standards in Forschung und Praxis. Nur wer Umfang und Verbreitung sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen kennt, kann auch entscheidende Antworten zu ihrer Eindämmung finden“, so Professor Fegert. 
Prof. Dr. Jörg M. Fegert
Prof. Dr. Jörg M. Fegert  Foto: Universitätsklinikum Ulm

Neben einheitlichen Definitionen fordern die Wissenschaftler auch aktuellere Daten. „Vieles, was wir über sexuellen Missbrauch wissen, haben ältere Menschen aus ihrer Jugend berichtet. Wir müssen verstärkt die Jugendlichen von heute fragen. Sie erleben beispielsweise unter Gleichaltrigen oder in ihrem von digitaler Technik geprägten Umfeld ganz andere Formen von Gewalt, die auch andere Hilfen verlangen“, erläutert Professor Fegert. Auch die Einbeziehung der Betroffenen in die Forschung ist den Wissenschaftlern ein großes Anliegen.

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, der die Studie in Auftrag gegeben hatte, sagte bei der Vorstellung der Ergebnisse der Studie in Berlin in der vergangenen Woche:

„Skandale machen die Dimension des Leids von sexuellem Missbrauch immer wieder erkennbar, oft werden daraus aber nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen. Um das Ausmaß und die gesellschaftliche Dimension von sexuellem Missbrauch insgesamt greifbarer zu machen, brauchen wir mehr Aufarbeitung, mehr Forschung und dringend eine verlässlichere Datenlage.“

Daran arbeitet das Team um Professor Fegert. Es hat bereits umfangreiche Forschungsarbeiten zum Thema sexueller Missbrauch veröffentlicht, erstellt und evaluiert mit Einrichtungen der Jugendhilfe Präventions- und Hilfskonzepte. „In Ulm ist mit dem 2013 gegründeten Kompetenzzentrum Kinderschutz in der Medizin und dem Zentrum für Traumaforschung TFZ ein wichtiger Forschungsschwerpunkt entstanden, der auch weit in die klinische Praxis hineinwirkt. Daran hat das Team um Herrn Professor Fegert einen großen Anteil“, betont der Leitende Ärztliche Direktor des Ulmer Universitätsklinikums, Prof. Dr. Udo X. Kaisers. Gestern informierte sich Ekin Deligöz, Bundestagsabgeordnete der Grünen für Neu-Ulm, bei den Ulmer Wissenschaftlern über die Studie und weitere Ulmer Projekte, beispielsweise die Zukunftsaufgaben des 2013 gegründeten Kompetenzzentrums Kinderschutz in der Medizin. Ekin Deligöz hatte sich am „Runden Tisch“, der im Zuge der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle eingesetzt wurde, stark für bessere Hilfen für Betroffene eingesetzt.

Wie solche Forschungsergebnisse in die Praxis implementiert werden können besprach sie gemeinsam mit Professor Fegert und Prof. Dr. Lutz Goldbeck (ebenfalls Universitätsklinik Ulm) und internationalen Wissenschaftlern die zu einer Tagung nach Ulm gekommen sind, unter anderem Denise Pintello vom National Institute of Mental Health (Bethesda/USA), Tine Jensen vom Nationalen und königlichen Traumaforschungszentrum an der Universität Oslo, Shannon Dorsey von der Universität Washington/Seattle und Vertreter von der Veterans Administration und der Uni Stanford. Ziel der Veranstaltung gestern und heute war es, Strategien zur besseren Verbreiterung und praktischen Umsetzung von Forschungsergebnissen zu diskutieren.


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Petra Schultze
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Kinderpneumologische Erkrankungen: Chancen früher Asthma-Diagnose zu selten genutzt

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Kinderpneumologe des Dresdner Uniklinikums mahnt

Unter dem Titel „Kinderpneumologische Erkrankungen – aktuelle Möglichkeiten und Perspektiven der Prävention, der frühen Diagnostik und der therapeutischen Beeinflussung“ treffen sich ab dem heutigen Donnerstag insgesamt 500 Ärzte und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zur 38. Jahrestagung der Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (GPP). Tagungspräsident ist Prof. Christian Vogelberg, Bereichsleiter Pädiatrische Pneumologie und Allergologie der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden. Der Kongress der auf Lungenheilkunde spezialisierten Kinderärzte findet vom 10. bis 12. März auf dem Dresdner Messegelände statt. 

 Prof. Christian Vogelberg, Bereichsleiter Pädiatrische Pneumologie und Allergologie der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin.
 Prof. Christian Vogelberg, Bereichsleiter Pädiatrische Pneumologie und Allergologie der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Foto: Uniklinikum/Thomas Albrecht
 
Da die Zahl der bereits im Kindesalter auftretenden Asthmaerkrankungen in den vergangenen Jahren stetig zunahm, gewinnt die Frage der frühestmöglichen Asthma-Diagnose an Relevanz.

Deshalb fordern die Kinder-Pneumologen Eltern und Kinderärzte auf, frühe Krankheitssignale ernst zu nehmen. Dank moderner Untersuchungsmethoden lässt sich zur Asthma-Diagnose die Lungenfunktion heute bereits im Kleinkindalter zuverlässig überprüfen.

Von diesen Verfahren profitieren zudem Patienten mit schwersten chronischen Lungenerkrankungen wie der Mukoviszidose, da der Verlauf des Leidens und die Wirksamkeit von Medikamenten präziser beurteilt werden kann.

Atemwegsinfekte kommen gerade bei Drei- bis Sechsjährigen sehr häufig vor: Im Kindergarten können die Kleinen den Erregern kaum aus dem Weg gehen. „Wenn ein Kind jedoch mehr als drei Mal im Jahr unter einem langwierigen Infekt leidet und dabei viel hustet, sollte das ein Anlass sein, nach der Ursache zu suchen“, sagt Prof. Vogelberg.

Atemwegsinfekte werden zwar hauptsächlich durch Viren, seltener durch Bakterien verursacht, doch es könnten eben auch erste Anzeichen von Asthma bronchiale sein.

  • Und es gibt weitere Indizien: Wenn Kinder bereits nach kurzer Zeit des Tobens Atemnot bekommen oder sich schnell von solchen Aktivitäten zurückziehen, könnte die chronische Atemwegserkrankung dahinterstecken.

Ursache für Asthma ist meist eine allergische Reaktion. „Um den Verlauf dieser chronischen Erkrankung wirksam zu beeinflussen, ist ein frühestmöglicher Therapiebeginn wichtig“, so der Kinderpneumologe. Im kinderärztlichen Alltag besteht die Herausforderung darin, zwischen einer Infektion und einer allergischen Reaktion als Auslöser der Probleme zu unterscheiden. Dazu wird standardmäßig ein Lungenfunktionstest genutzt, bei dem die Kinder allein in einer geschlossenen Zelle – ähnlich einer kleinen Telefonkabine – sitzen müssen, um angestrengt und gezielt in ein Röhrchen zu blasen.

Ein Verfahren, das erst für Fünf- oder Sechsjährige geeignet ist.

  • Dank eines neuen Verfahrens, bei dem der Patient ein unschädliches Gas einatmet und das Gerät misst, wie viel und in welchem Zeitraum dieses Gas wieder ausgeatmet wird, lassen sich bereits bei Säuglingen feinste Veränderungen der Lungenfunktion messen. 

Bei diesem modernen Analysegerät, das das Uniklinikum Dank einer Spende der Dresdner Kinderhilfe anschaffen konnte, reicht es nun aus, dass das Kind ruhig und gleichmäßig atmet.

„Wir möchten im Rahmen der GPP-Jahrestagung auf diese sowie weitere Möglichkeiten und Perspektiven der Diagnose und Therapie von kinderpneumologischen Erkrankungen aufmerksam machen“, so Prof. Vogelberg, der das neue Diagnoseverfahren im Rahmen von Studien weiter erforscht. Denn von Asthma sind zwischen sieben bis zehn Prozent der Kinder betroffen.

Damit ist dies die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter.

Die durchschnittlichen Behandlungskosten liegen bei knapp 1.100 Euro pro Jahr und stellen damit einen hohen Anteil an direkten und indirekten volkswirtschaftlichen Kosten im Gesundheitsbereich dar. Auch dieser Anstieg der Betroffenen verdeutliche die Notwendigkeit, so früh wie möglich die Diagnose zu stellen und nicht bis zum Grundschulalter mit den ersten Untersuchungen der Lungenfunktion zu warten, so Tagungspräsident Prof. Vogelberg. Allein im Bereich Pädiatrische Pneumologie und Allergologie der Dresdner Uni-Kinderklinik werden jährlich rund 1.500 Asthmatiker betreut.

In den letzten Jahren verdichteten sich die Hinweise, dass Asthma nicht ein einheitliches Krankheitsbild ist, sondern dass es viele Formen dieser Erkrankung gibt.

  • So reagieren einige Kinder stark auf Allergene und Umweltstoffe, bei anderen wiederum lösen Anstrengung, Stress oder Infektionen Asthma-Beschwerden aus. 

Einige entwickeln schon als Säuglinge oder Kleinkinder Asthma-ähnliche Probleme, andere erst während der Pubertät. Auch der Erfolg der Asthmatherapie ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Im Rahmen der Tagung werden deshalb Daten aus einem Register für schweres Asthma bei Kindern in Deutschland vorgestellt und neue Therapieansätze diskutiert.

Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie
Die GPP ist der Zusammenschluss deutschsprachiger Kinderpneumologen. Aktuelle Präsidentin ist Prof. Antje Schuster von der Universitätskinderklinik Düsseldorf. Das Fachgebiet Kinderpneumologie beschäftigt sich mit den Erkrankungen der Atemwege und der Lunge, die im Kindesalter besonders häufig auftreten. Neben harmlosen Krankheitsbildern gibt es eine Vielzahl schwerer Erkrankungen, bei denen eine frühzeitige Diagnose und eine fachgerechte Behandlung ganz entscheidend sind. Die Kinderpneumologie stellt somit eine hoch spezialisierte Fachdisziplin dar, die das Ziel hat, eine bestmögliche Versorgung der Kinder und Jugendlichen mit akuten- und chronischen Atemwegserkrankungen zu gewährleisten.

Kinderpneumologen sind Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin, die zusätzlich eine dreijährige Weiterbildung in diesem Fachgebiet an einem spezialisierten Zentrum wie dem der Dresdner Uni-Kinderklinik absolviert haben. Diese Spezialausbildung wird mit einer Prüfung abgeschlossen und führt zur Schwerpunkt- beziehungsweise Zusatzbezeichnung „Pädiatrische Pneumologie“. Die GPP hat sich zum Ziel gesetzt, die Weiterbildung durch Fortbildungsveranstaltungen kontinuierlich zu verbessern, die klinische Versorgung der Patienten durch spezielle Arbeitsgruppen und Vernetzung von Spezialisten zu optimieren und neue Erkenntnisse im Bereich der Pädiatrischen Pneumologie durch wissenschaftliche Projekte zu gewinnen.

Weitere Informationen

www.uniklinikum-dresden.de/kik

www.gpp2016.com

www.paediatrische-pneumologie.eu


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Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Bereich Pädiatrische Pneumologie und Allergologie
Leiter: Prof. Dr. med. Christian Vogelberg
Tel.: 0351/ 4 58 47 63
E-Mail: christian.vogelberg@uniklinikum-dresden.de
Holger Ostermeyer Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden