Medizin am Abend Berlin Fazit: Bauchaortenaneurysma – Dresdner Uniklinikum setzt auf High-tech-Prothesen gegen tickende Zeitbomben
Immer mehr Patienten mit krankhaft erweiterter Bauchschlagader –
einem Bauchaortenaneurysma – profitieren von der Expertise der
Gefäß-Spezialisten des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden:
Das von Prof. Christian Reeps geleitete Gefäßteam der Klinik für
Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie operiert inzwischen jeden Werktag
in zwei OP-Sälen. Der erfahrene Chirurg wechselte im Sommer von der
Technischen Universität München nach Dresden und baut seitdem das
Behandlungsspektrum erheblich aus. Noch in diesem Jahr werden deshalb
zusätzliche gefäßchirurgische Untersuchungsräume im Universitäts
GefäßCentrum (Haus 9) geschaffen.
Eine Spezialität des Gefäßchirurgen sind Aortenoperationen und hier
insbesondere auch schonende Verfahren zur
Implantation von großen
maßgefertigten Gefäßprothesen. Diese zumeist
über die Leistenschlagader
eingeführten Stents ermöglichen es,
auch betagte Menschen erfolgreich zu
behandeln,
für die eine normale Versorgung mit konventionellen
Stentprothesen oder eine offene Operation nicht mehr in Frage kommen.
Erleichtert werden
diese langen und hochkomplexen Eingriffe durch die
gute fachübergreifende Zusammenarbeit – vor allem mit dem Institut für
Diagnostische Radiologie. Nicht nur die Computertomografien vor dem
Eingriff spielen eine wichtige Rolle, sondern auch die hohe Expertise
auf dem Gebiet der interventionellen Radiologie, welche Prof.
Ralf-Thorsten Hoffmann vertritt.
Fenestrierte Stents. Aufnahmen: Uniklinikum Dresden
„Ich bin froh, dass die Bombe aus meinem Körper gekommen ist“, sagt
Ingeborg Nusche. Bei der 81-jährigen Dresdnerin wurde vor sieben Jahren
ein Bauchaortenaneurysma – also eine
Erweiterung oder auch Aussackung
des lebenswichtigen Blutgefäßes – festgestellt.
- Eigentlich hat die
Hauptschlagader, von der das aus dem Herz kommende Blut unter anderem in
die Nieren und die unteren Extremitäten gelangt, einen Durchmesser von
eineinhalb Zentimetern.
Bevor Ingeborg Nusche von Prof. Reeps und seinem
Team operiert wurde, hatte sich der Durchmesser dieses Gefäßes bei ihr
mehr als vervierfacht. „Wenn die Aorta platzt, sind Sie sofort tot“,
erinnert sich die Patientin an die Worte ihres Internisten. Trotzdem
zögerte die heute 81-Jährige bei der ersten Diagnose. Sie ängstigte sich
vor der damals ihr vorgeschlagenen offenen Operation, bei der die
Chirurgen den Bauch mit einem großen seitlichen Schnitt öffnen wollten,
um von außen an das nahe an der Wirbelsäule verlaufende Gefäß zu kommen.
Doch in den letzten Jahren weitete sich die Hauptschlagader von
Ingeborg Nusche noch einmal von 4,5 auf 6,5 Zentimeter. Die Gefahr, dass
dieses Gefäß platzen könnte, stieg damit erheblich: Bei dem geringeren
Durchmesser lag das Risiko noch bei fünf Prozent – nun war es mehr als
viermal so hoch.
Dass es heute die Alternative gibt,
die Gefäßprothese
über die Beinschlagader zu implantieren, hat Ingeborg Nusche gefreut.
Und doch überlegte sie es sich noch einmal, bevor sie sich für den
Eingriff entschied. In ihrem heutigen Alter wäre die offene Operation
ohnehin nicht mehr in Frage gekommen.
„Eine so große OP ist sehr
belastend und stellt bei Beteiligung der Nieren und Eingeweidearterien
ein deutlich größeres Risiko dar“, sagt Prof. Reeps, der die Patientin
schließlich von dem schonenden Einsatz der gefensterten Spezialprothese
überzeugen konnte.
Nachdem die unmittelbaren Folgen des
sechsstündigen
Eingriffs innerhalb von zwei Wochen abgeklungen sind und in einem von
Prof. Hoffmann und seinem Team vorgenommenen kleineren Eingriff letzte
Undichtigkeit der mehrteiligen Gefäßprothese behoben wurde, ist die
Dresdnerin Prof. Reeps dankbar dafür, dass er ihre anfängliche Skepsis
entkräften konnte und sie erfolgreich operierte.
Maßangefertigte Gefäßprothese
Bevor die
künstliche Bauchaorta implantiert werden konnte, stand
Maßarbeit am PC auf dem Programm: Basis sind Bilder vom
Computertomographen,
die dann von einem spezialisierten Hersteller zu
einem präzisen Plan aufgearbeitet wurden. Der Aufwand war im Fall der
81-Jährigen deshalb besonders hoch, weil die Bauchschlagader bei ihr
sehr kurvig verläuft und auch
die Abzweigungen zu den Nieren- und
Eingeweidearterien betroffen waren.
Die Gefäßprothese musste also mit
präzise eingearbeiteten Verbindungslöchern – Fachleute sagen dazu
Fenestrierungen – hergestellt werden.
Das Besondere dieser über
spezielle Katheter in die Blutbahn eingeführten Prothesen ist,
dass die
Spezialisten erst die Fenestrierungen mit den Eingeweide- und
Nierenarterien zur Deckung bringen mussten und sie dann erst im Bereich
der erweiterten Arterie voll entfalten konnten.
- In der Ausgangsposition
sind die einzelnen Elemente der Prothese so dick wie ein Bleistift –
später vier Mal so stark.
Möglich wird das durch feinen, im Zick-zack
gebogenen Edelstahldraht, der mit einem Spezialgewebe verwoben ist.
Die
Prothese muss nach der Implantation zu 100 Prozent dicht sein. Eine
Krone ragt über den Stent hinaus und sorgt dank der Widerhaken für eine
optimale Verbindung mit dem gesunden Gefäß.
Bauchaortenaneurysmen bleiben oft unbemerkt
- Wenn sich die Hauptschlagader nach und nach erweitert, merken die
Patienten das in der Regel nicht.
- Mit einer Ultraschall-Untersuchung des
Bauchraums lässt sich diese Aussackung frühzeitig erkennen.
- Bei Männern
sind es oft Urologen, die bei Routinechecks von Prostata und Nieren
Anzeichen für ein Aneurysma entdecken.
Das passt zur Häufigkeit des
Leidens.
Denn betroffen sind in 80 Prozent der Fälle Männer. Die
Aussackungen sind eine altersabhängige Erkrankung des Gefäßsystems. Ab
60 Jahren steigt deren Wahrscheinlichkeit deutlich an.
- Die
Risikofaktoren entsprechen weitestgehend denen der Gefäßverkalkung – der
Arteriosklerose: Das sind vor allem Bluthochdruck, erhöhte Blutfette,
Rauchen und familiäre Belastung.
Gefäßchirurg Prof. Christian Reeps erklärt seiner Patientin Ingeborg Nusche den Aufbau einer Stentprothese.
Foto: Uniklinikum Dresden/Holger Ostermeyer
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie
(Direktor: Prof. Dr. med. Jürgen Weitz)
Bereich für Gefäß- und endovaskuläre Chirurgie
Leiter: Prof. Dr. med. Christian Reeps
Tel.: 0351/ 4 58 12683 (Sekretariat)
E-Mail: nicole.langklotz@uniklinikum-dresden.de
www.uniklinikum-dresden.de/vtg
Holger Ostermeyer
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
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