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Nebenwirkungen in der Onkologie

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Patient-Reported Outcomes (PROs) – von Patient:innen selbst berichtete Angaben zu Nebenwirkungen und Lebensqualität – sind in der Onkologie seit Jahren Bestandteil von klinischen Studien. Eine neue internationale Studie unter der Leitung des klinischen Psychologen Bernhard Holzner zeigt nun, dass der systematische Einsatz elektronisch erhobener PRO‑Daten die Zuverlässigkeit der Nebenwirkungsbeurteilung für viele Symptome verbessert.

Die systematische Erfassung von Nebenwirkungen ist entscheidend, um in klinischen Studien das Nebenwirkungsprofil von Behandlungen zu charakterisieren und ihre Sicherheit und Verträglichkeit zuverlässig zu bewerten. In der Onkologie werden Nebenwirkungen standardmäßig nach festgelegten CTCAE Kriterien* von Behandler:innen und Prüfärzt:innen bewertet. „Es ist allerdings zu beobachten, dass diese Bewertungen zwischen Behandler:innen stark variieren können“, beschreibt Bernhard Holzner die Ausgangslage seiner im Journal The Lancet Oncology publizierten Studie. Der Psycho-Onkologe und Digitalisierungsexperte ist Leiter der Health Outcomes Research Unit an der Innsbrucker Univ.-Klinik für Psychiatrie II (Direktorin: Katharina Hüfner) der Medizinischen Universität Innsbruck.

Zusammen mit internationalen Kolleg:innen von elf Zentren in zehn Ländern führten Bernhard Holzner, Lisa Wintner und Johannes Giesinger eine multinationale Studie durch, an der zwischen Februar 2020 und Dezember 2024 über 1.000 Krebspatient:innen unter Chemotherapie, Immuntherapie oder Strahlentherapie teilgenommen hatten. Die Patient:innen wurden randomisiert der Interventionsgruppe (Behandler:innen mit Zugang zu PRO-Daten) oder der Kontrollgruppe (Behandler:innen hatten keinen Zugang zu PRO-Daten) zugeordnet. Die Angaben der Patient:innen wurden dabei als strukturierte, grafisch aufbereitete Symptombeschreibungen – von Fatigue, Schmerzen, Übelkeit über Durchfall und Hautveränderungen bis hin zu Angst und Depression – den Behandler:innen zur Verfügung gestellt. Die Nebenwirkungen wurden in der Interventionsgruppe für die meisten untersuchten Symptome von den Behandler:innen deutlich konsistenter eingeschätzt. Zwar gibt es keinen ‚Goldstandard‘ für die Einstufung, doch die höhere Übereinstimmung zwischen den Beurteilenden deutet darauf hin, dass die Einschätzungen präziser werden, wenn PRO-Informationen systematisch einfließen. „Das bedeutet: Mit der Ergänzung der Beurteilungen durch PRO-Daten kann eine bessere Inter-Rater-Reliabilität, das heißt eine größere Übereinstimmung zwischen verschiedenen Beurteilenden, erreicht werden. Davon profitieren insbesondere die Qualität und Vergleichbarkeit der Studienergebnisse und damit die Grundlage für patient:innenorientierte Therapieentscheidungen“, beschreibt Lisa Wintner, klinische Psychologin und Co-Leiterin der Studie, die zentralen Ergebnisse.

PROs: Elektronische Erhebung und Darstellung als Zielvorgabe
PRO-Daten werden mittels strukturierter Fragebögen erhoben, um eine Vergleichbarkeit der erfassten Daten zu gewährleisten. Dabei kommen gedruckte Fragebögen, zunehmend aber auch elektronische Eingabeprogramme (ePROs) zum Einsatz. „Aus unseren Ergebnissen lassen sich konkrete Empfehlungen für die Gestaltung künftiger onkologischer Studien ableiten: PRO‑Daten sollten nicht nur routinemäßig elektronisch erfasst, sondern auch bei klinischen Beurteilungen berücksichtigt werden, um die Qualität der Nebenwirkungserfassung zu verbessern“, so Studienautor Johannes Giesinger.
Auch aus Sicht der Patient:innen spricht vieles für die ergänzende Nutzung von PRO-Daten. „Zulassungsbehörden verlangen seit Jahren Daten zur Lebensqualität und Symptombelastung aus Patient:innensicht, die zeigen sollen, wie es Betroffenen unter einer Therapie tatsächlich geht – nicht nur, wie lange sie überleben“, betont Bernhard Holzner. „Durch die verbesserte Konsistenz in der Erfassung von Symptomen wird diese Perspektive stärker und verlässlicher in die Bewertung neuer Krebstherapien einbezogen.“

In einem nächsten Schritt sollen die Ergebnisse mit Fachleuten aus der klinischen Krebsforschung diskutiert werden, um praktikable Standards für die Integration von PRO-Daten in die Nebenwirkungsbeurteilung zu entwickeln. Dafür wäre vor allem auch die technische Aktualisierung von Softwarelösungen zur übersichtlichen Visualisierung notwendig.
Die Relevanz der Studienergebnisse wurde im Journal The Lancet Oncology von einem begleitenden Kommentar internationaler Expert:innen hervorgehoben. Die Forschungsarbeit wurde durch die European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC) und die Medizinische Universität Innsbruck unterstützt.

Originalpublikation:
Inter-rater reliability of CTCAE assessments with or without EORTC patient-reported outcome data in a mixed cancer population: a multinational, open-label, randomised controlled trial. Wintner, Lisa M et al. The Lancet Oncology, February 2026
https://doi.org/10.1016/S1470-2045(25)00679-5

Umgang mit Schilddrüsenknoten

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Ein fast schon klassisches Beispiel für Überdiagnostik ist der Umgang mit Schilddrüsenknoten. Um hier mehr Orientierung und Sicherheit zu vermitteln, hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) eine neue S3-Leitlinie vorgestellt.

Schilddrüsenknoten treten zwar häufig auf, sind in den meisten Fällen jedoch harmlos. Trotzdem führen sie oft zu einer erweiterten Diagnostik, die viel Zeit, Geld und Ressourcen bindet. Dass es auch anders geht, zeigt die DEGAM mit ihrer neuen S3-Leitlinie „Schilddrüsenknoten bei Erwachsenen“. Die Leitlinie wurde unter Federführung der DEGAM in Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen wie Innere Medizin, Endokrinologie, Radiologie und Nuklearmedizin erarbeitet. Auch Patienteninitiativen waren beteiligt.

Die Zahl der entdeckten asymptomatischen Schilddrüsenknoten ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Es handelt sich dabei meist um Zufallsbefunde, die aufgrund von routinemäßigen und immer genaueren Ultraschalluntersuchungen entdeckt werden. „Wir haben uns in der Medizin angewöhnt, alles an Diagnostik zu machen, was möglich ist. Dabei ist es längst überfällig, dass wir stärker über den tatsächlichen Nutzen von diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen nachdenken“, erläutert Prof. Eva Hummers, Präsidentin der DEGAM.

Leitlinie schafft Orientierung und Sicherheit

Das Ziel der Leitlinie ist es, im Praxisalltag eine klare Orientierung zu geben, um wichtige von überflüssiger Diagnostik zu unterscheiden. Zudem möchte die Leitlinie dazu beitragen, Knoten in der Schilddrüse als etwas eher Normales zu betrachten. Das kann für alle Beteiligten sehr entlastend sein. Es wird ausführlich dargestellt, dass nicht alles, was technisch geht, immer auch medizinisch sinnvoll ist. Ultraschalluntersuchungen sollten zum Beispiel nie ohne Anlass gemacht werden. Denn damit wird nur in den allerseltensten Fällen ein behandlungsbedürftiger Knoten entdeckt, während es in der Regel eine hohe Zahl an teilweise schädlichen Folgeuntersuchungen und -behandlungen gibt.

Wird ein Knoten entdeckt, zeigt die Leitlinie auf Basis der aktuellen Evidenz auf, welches Vorgehen empfehlenswert ist und hilft den Hausärztinnen und Hausärzten damit, das weitere Procedere festzulegen. Natürlich werden in der Leitlinie auch alle Red Flags (Warnanzeichen) vorgestellt: Bei Beschwerden wie Luftnot, Heiserkeit, Drücken im Hals braucht es weiterführende Diagnostik. Als Therapie bei Schilddrüsenknoten hält die Leitlinie fest, dass meist keine Aktivitäten nötig sind. Nur bei Schilddrüsenknoten, die Beschwerden verursachen oder verdächtig sind, muss eine Behandlung (chirurgisch oder nuklearmedizinisch) veranlasst werden.

Anspruchsvolle Arzt-Patienten-Kommunikation

„Um es kurz zu machen: Folgeschäden sind sehr viel häufiger als das Aufdecken eines gefährlichen Knotens. Um dieses Spannungsfeld in der Kommunikation gut darzustellen, gibt die Leitlinie Ärztinnen und Ärzten entsprechende Argumente an die Hand“, kommentiert Prof. Jeannine Schübel, federführende Autorin der Leitlinie. Ihre Kollegin Dr. Karen Voigt, koordinierende Autorin der Leitlinie, ergänzt: „Es ist verständlich, dass Patientinnen und Patienten möchten, dass ihre Sorgen bei einem Knoten ernst genommen werden. Es verlangt feinfühlige Gespräche, in denen diese Ängste besprochen werden und gleichzeitig darüber informiert wird, dass die weitere Abklärung ebenfalls mit großen Ängsten und viel Stress verbunden sein kann.“

Das dieser Veröffentlichung zugrundliegende Projekt wurde mit Mitteln des Innovationsausschusses beim Gemeinsamen Bundesausschuss unter dem Förderkennzeichen 01VSF22009 gefördert.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen im Team VOR ORT
Natascha Hövener
Telefon: 030 – ‪20 966 98 16‬
E-Mail: hoevener@degam.de

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
Schumannstraße 9, 10117 Berlin
Präsidentin: Prof. Dr. med. Eva Hummers (Göttingen)
http://www.degam.de

Über die DEGAM

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft. Ihre zentrale Aufgabe ist es, die Allgemeinmedizin als anerkannte wissenschaftliche Disziplin zu fördern und sie als Rückgrat der Patientenversorgung weiterzuentwickeln. Die DEGAM ist Ansprechpartnerin bei allen Fragen zur wissenschaftlichen Entwicklung der Allgemeinmedizin an den Hochschulen, zur Fort- und Weiterbildung sowie zum Qualitätsmanagement. Sie erarbeitet eigene wissenschaftlich fundierte Leitlinien für die hausärztliche Praxis und beteiligt sich auch an interdisziplinären Leitlinien anderer Fachgesellschaften. Die Aktivitäten der Nachwuchsförderung werden überwiegend von der Deutschen Stiftung für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DESAM) realisiert.

Prof. Dr. Jeannine Schübel
E-Mail: j.schuebel@mul-ct.de

Dr. Karen Voigt
E-Mail: Karen.Voigt@ukdd.de
Weitere Informationen finden Sie unter
- S3 Leitlinie "Schilddrüsenknoten bei Erwachsenen. Empfehlungen zu Prävention, Diagnostik und Therapie in der hausärztlichen Versorgung"

Traumatische Hirnverletzungen

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Traumatische Hirnverletzungen führen oft zu Komplikationen mit dauerhaften Folgen für Gedächtnis, Konzentration und Bewegungssteuerung. Mitverantwortlich dafür sind häufig fehlgeleitete Entzündungsreaktionen im verletzten Gewebe. Forschende aus Ulm haben nun in einer Nature Communications-Studie gezeigt, dass der Transkriptionsfaktor NF-κB bei posttraumatischen Reaktionen auf ein Schädel-Hirn-Trauma eine Schlüsselrolle spielen könnte. Wird dieser Genschalter in Astrozyten aktiviert, also in bestimmten Stützzellen des Gehirns, kommt es zu einer starken Neuroimmunantwort, die Entzündungen auslöst.

Ein Sturz auf den Kopf, ein Schlag auf den Schädel oder ein Verkehrsunfall – die Ursachen eines Schädel-Hirn-Traumas sind vielfältig, doch die schweren Formen haben eines gemeinsam: Zu den eigentlichen Verletzungen an Knochen, Haut und Hirngewebe kommen Immunreaktionen und Entzündungsprozesse hinzu. Solche posttraumatischen Effekte können den Organismus erheblich schädigen. Ein Forschungsteam der Ulmer Universitätsmedizin hat nun untersucht, welche Rolle der Transkriptionsfaktor NF-κB bei derartigen Immunreaktionen spielt. Dieser Genschalter kommt in nahezu allen Zelltypen des Menschen vor und aktiviert eine Vielzahl unterschiedlicher Gene. „NF-κB beeinflusst die Immunantwort, steuert Entzündungsreaktionen und kann den programmierten Zelltod stoppen“, erklärt PD Dr. Bernd Baumann, korrespondierender Autor der Studie. Der Gruppenleiter am Institut für Physiologische Chemie der Universität Ulm forscht seit vielen Jahren zu diesem Transkriptionsfaktor, der auch an Krebsentstehungsprozessen und Autoimmunerkrankungen beteiligt ist.

Welche Rolle spielt dieser Genschalter nun nach einem Schädel-Hirn-Trauma? „Eine frühere Studie unserer Arbeitsgruppe hat gezeigt, dass die Aktivierung von NF-κB in Neuronen die Regeneration und Heilung fördert“, sagt Professor Thomas Wirth. Der Direktor des Instituts für Physiologische Chemie und Dekan der Medizinischen Fakultät hat die Studie gemeinsam mit Baumann koordiniert. Neuronen sind die „eigentlichen“ Nervenzellen des Gehirns; sie leiten Signale weiter und verarbeiten sie. Die neue Studie, die im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht wurde, zeigt jedoch ein anderes Bild für Astrozyten. Diese sternförmigen Zellen schützen, stützen und versorgen die Neuronen. Sie gehören zu den Gliazellen des zentralen Nervensystems und bilden unter anderem die Grenzmembranen zu den Blutgefäßen – also einen wichtigen Teil der Blut-Hirn-Schranke.

Die sternförmigen Gliazellen spielen außerdem eine Schlüsselrolle bei der Vernarbung von verletztem Hirngewebe. „An der geschädigten Stelle umschließen Astrozyten den Wundkern. So begrenzen sie weitere neurodegenerative Prozesse und unterstützen die Heilung“, erläutert Professorin Leda Dimou. Die Leiterin der Abteilung Molekulare und Translationale Neurowissenschaften an der Klinik für Neurologie war an der Studie federführend mitbeteiligt. In unmittelbarer Nähe der Verletzung fanden die Forschenden eine auffällige Genexpressionssignatur – ein Hinweis auf eine besonders hohe Aktivität von NF-κB in Astrozyten. Um den Einfluss dieses Genschalters genauer zu untersuchen, arbeiteten die Forschenden mit Mausmodellen. In diesen war NF-κB in Astrozyten entweder dauerhaft aktiviert oder stark gehemmt. Das Team wollte wissen: Verbessert oder verschlechtert sich dadurch die Heilung nach einer traumatischen Hirnverletzung?

Gestörte Narbenbildung hemmt Heilungsprozesse

Das Ergebnis fiel eindeutig aus: War NF-κB dauerhaft aktiv, reagierte das Immunsystem schneller und stärker auf die Verletzung. Diese überschießende Neuroimmunantwort löste Entzündungsprozesse aus und störte sowohl Wundheilung als auch Narbenbildung.
„In den Wundbereich wanderten plötzlich auch bestimmte Immunzellen wie dendritische Zellen ein. Dadurch konnte sich kein stabiles Narbengewebe bilden, was schließlich zu neurologischen Defiziten führte“, berichten die Erstautorinnen der Studie, Tabea M. Hein und Ester Nespoli. Erstaunlich: Ganz ähnliche Prozesse zeigen sich im alternden Gehirn. Wurde NF-κB in Astrozyten dagegen gehemmt, waren einzelne positive Effekte zu beobachten: So verbesserten sich die antioxidative Abwehr und die Funktion der Mitochondrien. „Diese Veränderungen reichten jedoch nicht aus, um den Heilungsprozess insgesamt deutlich zu verbessern“, erklären die Forschenden.

Auch wenn noch Fragen offen sind, liefern die Ergebnisse wichtige Hinweise für neue Therapieansätze. Besonders auffällig ist die Rolle bestimmter Glykoproteine im Knochenstoffwechsel. So wird das für Gewebebildung und Wundheilung wichtige Osteopontin (OPN) bei übermäßiger NF-κB-Aktivierung im Verletzungsbereich nur unzureichend gebildet, was die Heilung beeinträchtigt. Im Gegensatz dazu wird verstärkt Lipocalin-2 (LCN2) produziert. Dieses Protein kann schädliche neuroentzündliche Prozesse fördern und etwa die Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigen. „Hier könnten sich neue Therapieansätze ergeben, indem die Spiegel dieser beiden Faktoren gezielt reguliert werden“, sagt Bernd Baumann.

Gefördert wurde das Forschungsprojekt im Rahmen zweier an der Uni Ulm angesiedelten Sonderforschungsbereiche, dazu gehört der SFB 1149 „Gefahrenantwort, Störfaktoren und regeneratives Potential nach akutem Trauma“ sowie der SFB 1506 „Aging at Interfaces“.

WissensMaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT Team

Andrea Weber-Tuckermann

PD Dr. Bernd Baumann, Institut für Physiologische Chemie an der Universität Ulm, E-Mail: bernd.baumann@uni-ulm.de

Originalpublikation:
T. M. Hein, E. Nespoli, M. Hakani, H. Wendt, S. Nadine May, J. Jorzik, D. Yagdiran, J. S. Schlett, K. Tsesmelis, M. Tsesmelis, V. Prex, M. Mettang, A. Abaei, V. Rasche, M. Lattke, F. Oswald, M. Huber-Lang, L. Dimou, Th. Wirth & B. Baumann. NF-κB activation in astrocytes impairs wound healing after traumatic brain injury in male mice. Nature Communications 17, 2323 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-70304-7

Intensivpatient*innen mit ECMO

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1,7 Millionen Euro für bundesweite Studie unter Leitung des Universitätsklinikums Freiburg / Untersucht wird, ob Intensivpatient*innen mit ECMO von Bauchlagerung profitieren / 20 Zentren beteiligt

Eine neue bundesweite klinische Studie unter Leitung des Universitätsklinikums Freiburg soll die Behandlung dieser Patient*innen mit besonders schwerem Lungenversagen verbessern. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Projekt mit insgesamt 1,7 Millionen Euro. Denn viele Patient*innen mit schwerem Lungenversagen kämpfen auf der Intensivstation um ihr Leben. Bei besonders schwerem Verlauf kann eine extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) eingesetzt werden – ein Verfahren, bei dem eine Maschine außerhalb des Körpers vorübergehend den Gasaustausch der Lunge übernimmt. Trotz dieser aufwändigen Therapie überlebt derzeit nur etwa die Hälfte der betroffenen Patient*innen.

In der Studie unter Leitung von PD Dr. Alexander Supady, Oberarzt an der Interdisziplinären Internistischen Intensivmedizin (IMIT) des Universitätsklinikums Freiburg wird untersucht, ob sich die Überlebenschancen dieser schwerkranken Menschen verbessern lassen, wenn sie frühzeitig nach Beginn der ECMO-Therapie auf dem Bauch gelagert werden.

„Die Förderung durch die DFG ermöglicht uns, eine klinisch hochrelevante Frage systematisch und auf höchstem wissenschaftlichem Niveau zu untersuchen“, sagt Studienleiter Supady. „Unser Ziel ist es, die Überlebenschancen dieser schwerkranken Patient*innen weiter zu verbessern.“

Studie untersucht Therapie für besonders schweres Lungenversagen

Das akute Atemnotsyndrom (ARDS) ist eine lebensbedrohliche Form des Lungenversagens. Es kann unter anderem im Verlauf schwerer Lungeninfektionen auftreten, etwa bei COVID-19 oder Influenza, aber auch nach schweren Verletzungen oder großen Operationen.

Bei ARDS-Patient*innen ohne ECMO gehört die Bauchlagerung seit Jahren zur Standardtherapie und senkt nachweislich die Sterblichkeit. Ob dieser Effekt auch während einer ECMO-Therapie besteht, ist bislang jedoch nicht eindeutig geklärt. Frühere Analysen von Behandlungsdaten deuten teilweise auf einen Vorteil hin, während andere Studien keinen zusätzlichen Nutzen zeigen.

Die nun geplante multizentrische Studie soll diese Frage systematisch untersuchen. Insgesamt sollen rund 260 Patient*innen in 20 erfahrenen ECMO-Zentren in ganz Deutschland eingeschlossen werden. Die Durchführung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Klinische Studien (ZKS) des Universitätsklinikums Freiburg.
„In dieser Studie werden wir gemeinsam mit anderen erfahrenen ECMO-Zentren wichtige prospektive Daten erheben“, sagt Prof. Dr. Tobias Wengenmayer, Ärztlicher Leiter der Interdisziplinären Internistischen Intensivmedizin des Universitätsklinikums Freiburg. „Auf dieser Grundlage wollen wir die Behandlung von Patient*innen mit besonders schwerem Lungenversagen weiter verbessern.“

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Johannes Faber
PD Dr. Alexander Supady, MPH
Oberarzt | Senior Physician
Interdisziplinäre Medizinische Intensivtherapie (IMIT)
Universitätsklinikum Freiburg
Tel.: ‪+49 761 270-73790‬
alexander.supady@uniklinik-freiburg.de

Der Handdruck

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Aktuelle Studie zeigt: Auch nach überstandener Depression bleibt die Handkraft vermindert
Die Handgriffstärke ist ein einfaches und verlässliches Verfahren zur Bewertung der Muskelkraft und somit ein etablierter Biomarker für die allgemeine Fitness. Dass die Handkraft bei Menschen mit Depression oder Schizophrenie messbar reduziert ist, war schon länger bekannt. Eine Studie zeigt nun jedoch, dass sich die Muskelkraft selbst nach überstandener Depression nicht automatisch normalisiert. Die in JAMA Psychiatry veröffentlichten Ergebnisse werfen die Frage auf, ob Depressionen bleibende körperliche Spuren hinterlassen – mit möglichen Folgen für Fitness, Therapie und Lebenserwartung.

Würzburg. Der Händedruck ist im sozialen Leben nicht nur eine Höflichkeitsgeste, sondern ein kompaktes Signalpaket. Während es hierbei gar nicht so sehr auf die Kraft ankommt, zählt diese in der Medizin umso mehr. Die Messung der Handgriffstärke ist ein einfaches und kostengünstiges Verfahren zur Bewertung der Muskelkraft. Inzwischen gilt die Handgriffstärke sogar als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit.

Analyse der Handkraft bei Gesunden sowie bei Menschen mit Schizophrenie, mit Depression und nach überstandener Depression

„Die Handkraft wurde sowohl bei Schizophrenie als auch bei Depressionen als vermindert beobachtet“, sagt Prof. Dr. Sebastian Walther. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Würzburg (UKW) wollte es genauer wissen. Gibt es Unterschiede? Und wie sieht die körperliche Fitness nach einem Schub aus? Schließlich verlaufen psychische Erkrankungen meistens in Episoden. Nach den akuten Krankheitsphasen sollten die Betroffenen eigentlich wieder an ihre frühere Leistungsfähigkeit anknüpfen können.
Sebastian Walther und ein internationales Team untersuchten in einer Studie mit insgesamt 533 Personen die Handkraft bei psychisch gesunden Erwachsenen, Menschen mit Schizophrenie, Menschen in depressiven Krankheitsphasen sowie Personen mit überstandener Depression.

Veröffentlichung in JAMA Psychiatry – The Science of Mental Health and the Brain

In die Analyse flossen Daten mehrerer Studien der Arbeitsgruppen von Sebastian Walther aus Bern und Chicago ein, die vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und dem National Institute of Health (NIH) geförderte waren. In allen Studien wurde die identische Methodik verwendet. Das heißt, die Handkraft wurde mit einem elektronischen Manometer in mehreren Versuchen von beiden Händen gemessen. Analysiert wurden die Werte für die jeweils dominante Hand. Die Ergebnisse konnte das Team in der renommierten Fachzeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlichen

Niedrige Handkraft der aktuell Depressiven unterschied sich nicht von genesenen Depressiven

Das erste Ergebnis überraschte nicht: Alle Patientinnen und Patienten wiesen eine geringere Handkraft auf als die gesunden Kontrollgruppen. Es gab jedoch Unterschiede zwischen den einzelnen Erkrankungen. Diejenigen mit Schizophrenie hatten eine höhere Handkraft als diejenigen mit Depressionen. Dabei unterschieden sich die aktuell Depressiven nicht von den genesenen Depressiven. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Sebastian Walther. „Wir hatten erwartet, dass Menschen mit einer überstandenen Depression wieder eine normale Handkraft aufweisen.“
Der Psychiater bewertet es als beunruhigend, dass sich die Handkraft bei Menschen nach einer Depression nicht erholt. Schließlich galt die Handkraft in früheren Studien an der Allgemeinbevölkerung als guter Marker für Fitness und Gesundheit.

Echtes Fitnessdefizit und Frühwarnsignal für ein erhöhtes Sterberisiko oder nur eine motorische Steuerungsstörung?

„Weitere Studien müssen nun klären, ob eine niedrige Handkraft trotz überstandener Depression auf ein echtes Defizit in der Fitness oder lediglich auf fehlende motorische Kontrolle zurückzuführen ist“, sagt Walther. Ein ähnliches Muster fand das Team von Sebastian Walther in einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2022 (doi:10.1017/S0033291722000903) zur Menge der Spontanbewegungen: Nach einer depressiven Episode bewegen sich Betroffene weiterhin deutlich weniger als gesunde Kontrollprobanden.

In der aktuellen Studie gab es bei Patienten mit Schizophrenie beispielsweise einen deutlichen Zusammenhang zwischen Handkraft und fehlender Motivation. Die Klärung der Ursache sei laut Walther wichtig, da sie darüber entscheidet, wie die Depression zusätzlich behandelt werden muss. Ein neuromotorisches Steuerungsproblem ist beispielsweise kein direkter Marker für körperlichen Abbau, sondern eher ein Ausdruck einer veränderten Hirn-Körper-Interaktion. In diesem Fall könnte die Behandlung stärker auf Koordinationstraining oder physiotherapeutische Rehabilitation setzen. Ein Fitness-Defizit deutet hingegen auf physische Langzeitfolgen hin. Das heißt, die Depression hinterlässt messbare körperliche Spuren. Das wiederum bedeutet, dass durch gezielte körperliche Interventionen möglicherweise nicht nur die Fitness, sondern auch die Langzeitprognose und die Überlebenswahrscheinlichkeit verbessert werden können. Immerhin verkürzen psychische Erkrankungen wie Depressionen die Lebenserwartung um durchschnittlich zehn Jahre, Schizophrenien sogar um 20 Jahre.

Informationen zur verkürzten Lebenserwartung bei schweren psychischen Erkrankungen: Eine Metaanalyse, die in 2015 Jama Psychiatry veröffentlicht wurde und auf 203 Studien aus 29 Ländern basiert, deutet darauf hin, dass psychische Erkrankungen nicht nur zu Leid und Funktionsverlust im Alltag führen, sondern auch mit einer deutlich erhöhten Gesamtmortalität und einem deutlich reduzierten Lebensalter verbunden sind. Betroffene sterben im Durchschnitt rund zehn Jahre früher als Menschen ohne psychische Erkrankung. Menschen mit Psychosen wie Schizophrenie hatten ein um den Faktor 2,5 erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu gesunden Personen. Bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen war die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu sterben, um den Faktor 1,7 erhöht. Faktoren wie körperliche Begleiterkrankungen, Lebensstil, Versorgungslücken und Suizid tragen zu diesem erhöhten Mortalitätsrisiko bei.

Informationen zum Händedruck: Aus evolutionspsychologischer Sicht signalisiert der Händedruck Friedfertigkeit, fördert Vertrauen, leitet Kooperationen ein und zeigt die körperliche Verfassung. Dabei muss der Händedruck noch nicht einmal richtig stark sein. In der der angewandten Kommunikationsliteratur wird ein vollständiger Händedruck dadurch beschrieben, dass die Hand ausreichend geöffnet ist und sich die Daumen-Zeigefinger-Partien berühren.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Team Kirston Linkamp
Prof. Dr. Sebastian Walther Walther_S5@ukw.de

Originalpublikation:
Sofie von Känel, Anastasia Pavlidou, Niluja Nadesalingam, Victoria Chapellier, Melanie G. Nuoffer, Lydia Maderthaner, Alexandra Kyrou, Alexios Malifatouratzis, Florian Wüthrich, Stephanie Lefebvre, Victor Pokorny, Zachary Anderson, Stewart A. Shankman, Vijay A. Mittal, Sebastian Walther. Transdiagnostic Patterns of Grip Strength in Schizophrenia, Current Depression, and Remitted Depression. JAMA Psychiatry. Published Online: March 18, 2026, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0144
Weitere Informationen finden Sie unter
Zitierte Publikation von 2022
zitierte Metaanalyse von 2015

Herzinsuffizienz

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Herzinsuffizienz ist die häufigste Hauptdiagnose für stationäre Krankenhausaufenthalte und die Zeit nach der Entlassung gilt als besonders kritisch. Mit dem Projekt „WebMedX” entwickeln der IT-Dienstleister Bechtle, das Uniklinikum Würzburg (UKW) sowie weitere Partner eine Telemedizinplattform am Beispiel der Herzinsuffizienz, die Kliniken, Arztpraxen, Pflegekräfte und Patienten vernetzt. Ziel ist es, mithilfe von WebMedX Versorgungslücken in der vulnerablen Phase nach dem Krankenhausaufenthalt zu schließen, Wiedereinweisungen zu vermeiden und die Versorgung nachhaltig zu verbessern. Das digitale Netzwerk soll als Muster für andere Regionen und Krankheiten dienen. 

ICD-10: I50 ist der Code für Herzinsuffizienz. Er wird in westlichen Ländern am häufigsten als Hauptdiagnose für stationäre Krankenhausaufenthalte verwendet. Sie betrifft vor allem ältere Menschen und geht häufig mit Atemnot, rascher Erschöpfung, Wassereinlagerungen und akuten Verschlechterungen einher, die eine Klinikeinweisung erforderlich machen. Für viele Betroffene endet die Herausforderung jedoch nicht mit der Entlassung, denn gerade die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt gilt als besonders kritische Phase, in der das Risiko für erneute Komplikationen und Wiedereinweisungen hoch ist. Und mit jeder erneuten Dekompensation steigt das Sterberisiko. „Jeder Patient zeigt ein anderes Krankheitsbild, oft liegen mehrere Begleiterkrankungen vor, und die Behandlung erfordert die Zusammenarbeit von Hausärzten, Kardiologen, spezialisierten Kliniken sowie Pflegefachkräften“, weiß Prof. Dr. Stefan Störk, Leiter der Herzinsuffizienzambulanz und Klinischen Forschung am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) in Würzburg.


Stefan Störk: „Herzinsuffizienz ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig vernetzte Strukturen für die Versorgung chronischer Krankheiten sind.“

Das DZHI hat in mehreren Studien und Versorgungsprogrammen mit weiteren Kooperationspartnern bereits gezeigt, wie eine gezielte Nachsorge und frühzeitige ambulante Betreuung in Deutschland aussehen kann. Das Spektrum reicht dabei von Telefonmonitoring und telemedizinischer Überwachung bis hin zum innovativen Case- & Care-Management mit eHealth-Plattform und speziell geschultem Fachpersonal zur Versorgung nach dem Krankenhausaufenthalt. „Die Umsetzung der sehr gut belegten Behandlungsleitlinien bleibt in der Praxis hinter ihren Möglichkeiten zurück. Zudem ist eine digitale Vernetzung zwischen den Beteiligten kaum vorhanden, sodass wichtige Daten und Befunde in unterschiedlichen Systemen liegen und oft verspätet ankommen“, so Störk.

Digitales Herzinsuffizienz-Netzwerk: Start der WebMedX-Plattform am Universitätsklinikum Würzburg

Um die Versorgung zu verbessern, hat das Universitätsklinikum Würzburg (UKW) gemeinsam mit dem DZHI und dem Servicezentrum Medizininformatik (SMI) und Verbundpartnern das Projekt WebMedX ins Leben gerufen. Das Konsortialprojekt wird im Rahmen der Förderlinie „Medizintechnische Lösungen für eine digitale Gesundheitsversorgung” des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. In der dreijährigen Förderphase soll das bewährte Konzept der Herzinsuffizienz-Netzwerke (HF-NET) ins digitale Zeitalter überführt werden. Während im erfolgreichen DZHI-Programm HeartNetCare-HF™ beispielsweise die fachlichen Inhalte der Versorgung entwickelt wurden, liegt der Schwerpunkt jetzt auf der Prozess- und IT-Umsetzung.

Die Idee ist, mit WebMedX eine telemedizinische Lösung zu schaffen, die Kliniken, Haus- und Fachärzte, Pflegekräfte mit medizinischen Daten des Patienten vernetzt und digitale Hilfsmittel wie Telemonitoring, Wearables oder Apps einbindet. Da alle Beteiligten auf denselben Datensatz des Patienten zugreifen, haben sie stets mit einem Klick einen aktuellen Überblick über Krankengeschichte, Vitalparameter, laufende Therapien und kommende Termine. Die Daten können einfach untereinander ausgetauscht werden, sodass der Informationsfluss optimiert und Doppeluntersuchungen vermieden werden.

Prof. Dr. Stefan Frantz, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des UKW: „Herzinsuffizienztherapie ist ein lebenslanger Weg zusammen mit unseren Patienten. Die Telemedizin gibt uns alle Daten, um auf den einzelnen Patienten individuell einzugehen, und ergänzt damit ideal das persönliche Gespräch und ein individualisiertes Therapiekonzept.“

Drei Phasen zum digitalen Netzwerk - Blaupausenmodell für andere Regionen und Erkrankungen

Im ersten Schritt des neuen Projekts wird am UKW gemeinsam mit den Verbundpartnern Bechtle und Docs4D eine Telemedizinplattform mit den erforderlichen Hard- und Softwarekomponenten entwickelt und in die digitale Klinikumgebung integrieret. Parallel dazu legen die Beteiligten mit fachlicher Beratung von Prof. Dr. Friedrich Köhler und Prof. Dr. Siegfried Jedamzik den Datensatz fest, der künftig als Grundlage für den Austausch dienen soll. Zudem stimmen sie Prozesse für das sogenannte „Patient Sharing“ und „Data Sharing“ ab.

Dr. Olaf Iseringhausen, Leiter Team Healthcare Solutions bei Bechtle: „Mit WebMedX gestalten wir Digitalisierung dort, wo sie unmittelbar Wirkung entfalten kann: in einer besseren, verlässlicheren und stärker vernetzten Versorgung. Unser Anspruch ist es, gemeinsam mit den medizinischen Partnern eine Lösung zu schaffen, die Menschen spürbar unterstützt und zugleich als Modell für weitere Anwendungsfelder dienen kann.“

Im Anschluss startet die Pilotphase, in der das UKW und die Klinik Kitzinger Land die einzelnen Module der WebMedX-Plattform im Alltag erproben. Dabei steht die Nutzerfreundlichkeit im Vordergrund: Die Plattform soll barrierefrei und intuitiv bedienbar sein. Auch Datenschutz und IT-Sicherheit werden berücksichtigt. In dieser Phase soll untersucht werden, wie sich der Austausch zwischen den beiden Kliniken optimieren lässt und wie sich digitale Dienste wie Telemonitoring und leitliniengestützte Therapieempfehlungen in die Arbeitsabläufe integrieren lassen.

In der dritten Phase wird das Netzwerk schrittweise für weitere Partner geöffnet, sodass mehr Patientinnen und Patienten betreut werden können. Das Ziel besteht darin, ein Blaupausenmodell zu entwickeln, das später auch in anderen Regionen und für andere chronische Erkrankungen genutzt werden kann.

„Wir wollen eine generalisierbare telemedizinische Lösung schaffen, damit alle Krankenhäuser und Versorger an dem Prozess teilhaben können, auch wenn sie mit unterschiedlichen Informationssystemen arbeiten“, sagt Störk. Das UKW arbeitet beispielsweise mit dem Krankenhausinformationssystem ISH-med, während der Verbundpartner, die Klinik Kitzinger Land mit angeschlossenem MVZ, das System Orbis nutzt.

Prof. Dr. Frank Breuckmann, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Kardiologie, Pneumologie, Neurologie und internistische Intensivmedizin an der Klinik Kitzinger Land: „Das ist Medizin up to date. Endlich wird Technologie, die in Bereichen außerhalb des Krankenhauses längst Standard ist, auch für die gemeinsame Versorgung unserer Patientinnen und Patienten intersektoral nutzbar sein.“

Vorteile für Patientinnen und Patienten

Bei der Entlassung des Patienten werden alle erforderlichen Informationen aus dem Krankenhaussystem in eine elektronische Fallakte übertragen. Diese wird auf der Plattform WebMedX in einer sicheren Cloud gespeichert. Passt ein Arzt später die Medikation an, kann er diese Änderung ebenfalls in der digitalen Akte festhalten. Alle telemedizinischen Messwerte aus Implantaten, Waagen, Blutdruckmessern oder Smartwatches können im WebMedX-System automatisch verarbeitet werden, sodass Verschlechterungen rechtzeitig erkannt werden. Dadurch lassen sich Notfälle und Krankenhausaufenthalte vermeiden und die Lebensqualität steigern. Wird ein Grenzwert überschritten, geht ein Alarm an den entsprechenden Notfallkontakt.

„Mit WebMedX möchten wir moderne Technik nutzen, um Menschen mit Herzschwäche besser zu begleiten. Unser Ziel ist es, den Behandlungsalltag zu erleichtern, die Versorgung zu verbessern und die wertvolle Zeit des Fachpersonals stärker den Patientinnen und Patienten zu widmen“, verdeutlicht Prof. Stefan Störk, der das Teilvorhaben „Entwicklung von eHF-NET – Telemedizinisches Gesundheitsversorgungskonzept“ am DZHI leitet.

Verbundpartner „WebMedX – Intersektorale eHealth-Plattform für die Herzinsuffizienz-Versorgung

• Bechtle IT Systemhaus Bonn: Herstellung und Validierung eines Betriebskonzepts für die Meta-Plattform inkl. TMZ-Konzept, Datenschutz, IT-Sicherheit – Konsortialführer

• Universitätsklinikum Würzburg - Medizinische Klinik und Poliklinik I, Deutsches Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) und Servicezentrum Medizininformatik (SMI): Erprobung der Meta-Plattform und des eHF-NET -Konzepts; DZHI: medizinisch-wissenschaftlicher Schwerpunkt; SMI: technischer Schwerpunkt

• Docs4D GmbH: Programmierung der Software für Meta-Plattform

• Klinik Kitzinger Land: Erprobung der Meta-Plattform und des eHF-NET -Konzepts außerhalb des UKW (Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung)

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Kirstin Linkamp
Prof. Dr. Stefan Störk, stoerk_s@ukw.de


Vorhofohrverschlusses

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Multizentrische randomisierte Untersuchung unter Leitung des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) zeigt bei Hochrisiko-Patient:innen keinen Vorteil gegenüber bestmöglicher medikamentöser Therapie

Der katheterbasierte Verschluss des linken Vorhofohrs gilt als etablierte Alternative zur Hemmung der Blutgerinnung, um lebensbedrohliche Schlaganfälle bei Vorhofflimmern zu verhindern – insbesondere bei Patient:innen mit erhöhtem Blutungsrisiko.

Eine jetzt im New England Journal of Medicine veröffentlichte Multicenter-Studie unter Leitung des DHZC in Zusammenarbeit mit dem AFNET e.V. und gefördert durch das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) zeigt jedoch: Bei Hochrisiko-Patient:innen zeigte sich kein Vorteil des katheterbasierten Vorhofohrverschlusses gegenüber einer rein medikamentösen Blutverdünnung. Die Ergebnisse liefern erstmals eine belastbare Grundlage für die klinische Entscheidungsfindung in dieser besonders gefährdeten Patientengruppe.

Vorhofflimmern ist eine Herzrhythmusstörung, bei der die Vorhöfe unregelmäßig und oft sehr schnell schlagen. Es ist die häufigste Herzrhythmusstörung – allein in Deutschland sind schätzungsweise zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen betroffen.

Die Erkrankung kann Beschwerden wie Herzrasen, Erschöpfung oder Luftnot verursachen. Gefährlicher ist jedoch eine andere Komplikation: Durch die unregelmäßige Bewegung der Vorhöfe können sich Blutgerinnsel bilden, die in den Kreislauf gelangen und einen Schlaganfall auslösen – die schwerwiegendste Folge des Vorhofflimmerns.
Gerade bei anhaltendem Vorhofflimmern, das nicht dauerhaft wirksam behandelt oder beseitigt werden kann, ist es entscheidend, diese Gerinnselbildung zu verhindern.

Bewährter Standard – mit Risiken

Standard zur Schlaganfallprävention ist die medikamentöse Hemmung der Blutgerinnung durch spezielle Medikamente, sogenannte Antikoagulanzien. Für viele Patientinnen und Patienten ist diese Therapie sicher und gut verträglich und senkt das Schlaganfallrisiko deutlich.

Es gibt jedoch Menschen, bei denen das Risiko für Blutungen unter dieser Behandlung stark erhöht ist – etwa aufgrund früherer Blutungen, einer eingeschränkten Nierenfunktion oder anderer schwerer Begleiterkrankungen. Für sie stellt die dauerhafte Blutverdünnung eine besondere Herausforderung dar.

Alternative bei hohem Blutungsrisiko

Für diese Patientengruppe wurde bereits vor rund zwei Jahrzehnten ein alternatives Verfahren entwickelt: der katheterbasierte Verschluss des linken Vorhofohrs. Dabei handelt es sich um eine sackartige Ausstülpung im linken Herzvorhof, in der die meisten Blutgerinnsel entstehen.

Über einen Katheter wird ein Implantat – ein sogenannter Okkluder – eingesetzt, das diese Ausstülpung dauerhaft verschließt. Damit können Blutgerinnsel aus dem Vorhof nicht mehr in den Blutkreislauf gelangen. Bis der Okkluder eingeheilt ist, müssen Patientinnen und Patienten für eine begrenzte Zeit Medikamente einnehmen, die die Bildung von Blutgerinnseln am Okkluder selbst verhindern. Danach ist in der Regel keine weitere Blutverdünnung mehr notwendig. Das Verfahren hat sich in den vergangenen Jahren etabliert und wird insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern und erhöhtem Blutungsrisiko eingesetzt.

Vorhofohrverschluss und Blutverdünnung im direkten Vergleich

Ob dieses interventionelle Verfahren bei Patient:innen mit gleichzeitig hohem Schlaganfall- und Blutungsrisiko mindestens ebenso wirksam ist wie eine moderne, individuell gesteuerte medikamentöse Therapie, war bislang nicht in einer großen, randomisierten Studie unter Versorgungsbedingungen untersucht worden.

Ein Forschungskonsortium unter Leitung von Prof. Dr. med. Ulf Landmesser (Stellvertretender Ärztlicher Direktor des DHZC) hat diese Frage in der CLOSURE-AF-DZHK16-Studie untersucht. An 42 spezialisierten Zentren wurden 912 Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern eingeschlossen. Alle hatten sowohl ein deutlich erhöhtes Schlaganfallrisiko als auch ein erhöhtes Blutungsrisiko – es handelte sich also um eine besonders gefährdete Patientengruppe.

Die Teilnehmenden wurden per Zufallsprinzip entweder einem katheterbasierten Verschluss des linken Vorhofohrs oder einer individuell ärztlich gesteuerten medikamentösen Therapie zugeteilt. In der medikamentösen Gruppe kamen überwiegend (bei > 80% der Patient:innen) moderne orale Antikoagulanzien zum Einsatz, sofern sie medizinisch vertretbar waren.

Untersucht wurde, wie häufig im Verlauf schwerwiegende Ereignisse auftraten – darunter Schlaganfälle, schwere Blutungen oder kardiovaskuläre Todesfälle. Die Patientinnen und Patienten wurden über einen Zeitraum von im Median drei Jahren nachbeobachtet.

Zentrale Ergebnisse

Im Beobachtungszeitraum zeigte sich kein Vorteil des Vorhofohrverschlusses gegenüber der medikamentösen Therapie. Die Zahl schwerwiegender Ereignisse – darunter Schlaganfälle, schwere Blutungen oder kardiovaskuläre Todesfälle – war in der Interventionsgruppe häufiger als in der Vergleichsgruppe. Die angestrebte Gleichwertigkeit konnte deshalb statistisch nicht nachgewiesen werden.

Untersucht wurde eine Patientengruppe mit gleichzeitig sehr hohem Schlaganfall- und Blutungsrisiko – also Menschen, bei denen jede therapeutische Entscheidung besonders sorgfältig abgewogen werden muss. Für diese Hochrisiko-Konstellation konnte kein genereller Vorteil des interventionellen Verfahrens gezeigt werden.

Einordnung und weiterer Forschungsbedarf

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir bei Patientinnen und Patienten mit sehr hohem Schlaganfall- und Blutungsrisiko besonders differenziert entscheiden müssen“, sagt Prof.
Dr. med. Ulf Landmesser, Direktor der DHZC-Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Campus Benjamin Franklin und Principal Investigator der Studie:

„Der Vorhofohrverschluss bleibt ein relevantes Verfahren, das das Schlaganfallrisiko reduzieren kann. Entscheidend ist jedoch, für welche Patientengruppen er tatsächlich einen zusätzlichen Nutzen bringt. Genau hier besteht weiterer Forschungsbedarf.“

Landmesser betont, dass die Daten helfen werden, Indikationsstellungen präziser zu definieren: „Wir brauchen künftig eine noch genauere Risikostratifizierung. Ziel muss es sein, die Therapie stärker zu individualisieren – und dabei sowohl Schlaganfall- als auch Blutungsrisiken gleichermaßen zu berücksichtigen.“

„Gerade bei älteren Patientinnen und Patienten mit mehreren Erkrankungen brauchen wir eine solide Grundlage für unsere Therapieentscheidungen“, sagt Prof. Dr. med. Carsten Skurk, Co-Investigator der Studie. „Die CLOSURE-AF-DZHK16 -Studie liefert erstmals belastbare Daten aus einer großen randomisierten Untersuchung für diese Patient:innen. Weitere Studien müssen nun klären, welche Patientinnen und Patienten am besten von einem Vorhofohrverschluss profitieren – und ob eine Kombination mit einer medikamentösen Blutverdünnung Vorteile bringen könnte.“

Bedeutung für Praxis und Leitlinien

Angesichts der hohen Prävalenz des Vorhofflimmerns und einer alternden Bevölkerung haben die Ergebnisse unmittelbare Relevanz für die klinische Praxis. Sie sprechen für eine differenzierte, individuelle Therapieentscheidung und werden in die Weiterentwicklung von Empfehlungen und Leitlinien einfließen.

CLOSURE-AF-DZHK16 wurde durch eine öffentliche Förderung des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) ermöglicht und gemeinsam mit dem Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) durchgeführt. Die Publikation im New England Journal of Medicine unterstreicht die internationale Bedeutung der Ergebnisse.

MaAB Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Christian Maier



Die Veröffentlichung „Left Atrial Appendage Closure or Medical Therapy in Atrial Fibrillation“ ist hier abrufbar:
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2513310

Originalpublikation:
„Left Atrial Appendage Closure or Medical Therapy in Atrial Fibrillation“
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2513310

Bürgergeld-Empfänger

Bürgergeld-Empfänger:innen stellen den Mitarbeitenden der Jobcenter ein gutes Zeugnis aus. 68 Prozent der Leistungsbeziehenden sind mit der Arbeit des Jobcenters zufrieden,
72 Prozent finden, die Berater:innen seien kompetent. Trotzdem sagt knapp die Hälfte,
dass ihnen die Termine beim Jobcenter "nichts bringen“, also ihre Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern. Das ist das Ergebnis einer Befragung von 1.006 Personen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die seit mindestens einem Jahr Bürgergeld beziehen.

Die Bertelsmann Stiftung hat Langzeitarbeitslose gebeten, die Betreuung in den Jobcentern zu bewerten. Befragt wurden mehr als 1.000 Personen im Alter von 25 bis 50 Jahren, die aktuell arbeitslos sind und seit mindestens einem Jahr Bürgergeld beziehen. Die Rückmeldungen fallen in vielen Punkten positiv aus: Mehr als zwei Drittel der Befragten sind mit der Arbeit ihres Jobcenters zufrieden, knapp drei Viertel halten die Mitarbeitenden für kompetent. Zwei Drittel geben an, dass im Beratungsgespräch auch Weiterbildungsangebote thematisiert wurden.

Wirksame Aktivierung von Langzeitarbeitslosen kommt zu kurz

Trotz dieser insgesamt positiven Einschätzung zweifeln viele Langzeitarbeitslose an der Wirkung der Gespräche. 47 Prozent stimmen der Aussage zu, dass ihnen Termine im Jobcenter „nichts bringen“, also ihre Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern. „Beratung und Vermittlung sind Kernaufgabe der Jobcenter. Vermittlungshemmnisse müssen abgebaut werden. Doch gerade bei Personen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt kommen diese Aufgaben häufig zu kurz“, sagt Tobias Ortmann, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Jobcenter nutzen ihre begrenzten Kapazitäten vor allem zur regelmäßigen Betreuung von Leistungsbeziehenden, die größere Chancen auf die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt haben. Deswegen fehlt die Zeit, Arbeitslose mit Vermittlungshemmnissen zu betreuen.“ 46 Prozent der Arbeitslosen im Bürgergeld haben mehrere Vermittlungshemmnisse, wie beispielsweise Krankheiten oder fehlende Qualifikationen. Der Erfolg der Betreuung müsse deswegen – entgegen bisheriger Konzepte – auch an der Förderung marktfernerer Langzeitarbeitsloser bemessen werden. Wenn solche Angebote in Form von Coaching, Qualifikation oder konkreten Stellenangeboten stattfinden, honorieren die Langzeitarbeitslosen das: Dann fällt das Urteil über ihre Betreuung deutlich positiver aus.

Aber Zufriedenheit mit dem Jobcenter allein ist kein Gradmesser: Von arbeitsmarktnäheren Leistungsbeziehenden sollte stärker eine eigenständige Jobaufnahme gefordert werden, auch wenn darunter die Zufriedenheit leidet. Sanktionierte Langzeitarbeitslose oder solche, die zur Jobsuche aufgefordert wurden, sind tendenziell unzufriedener mit dem Jobcenter. Dennoch gilt es, die Vermittlung in Arbeit zu intensivieren. Die Vermittlungsquote der Arbeitsverwaltung ist von 13,9 Prozent im Jahr 2014 auf 4,9 Prozent im Jahr 2024 gesunken.

Die Bertelsmann Stiftung hatte sich bereits zuvor in zwei Publikationen mit dem Bürgergeld und Langzeitarbeitslosen beschäftigt. Die bereits veröffentlichte Studie zu den Eigenbemühungen der Leistungsempfänger:innen zeigte, dass mehr als die Hälfte der Bürgergeld-Empfänger:innen, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind, in den vergangenen vier Wochen nicht nach einem Job gesucht hat, allerdings haben 43 Prozent noch nie ein Jobangebot bekommen. Das Focus Paper mit Daten zur Grundsicherung und Reformoptionen zeigte, dass die Jobcenter immer mehr Geld für das Verwalten und deutlich weniger für die Arbeitsförderung ihrer Kund:innen ausgeben.

Zu viel Verwaltung, zu wenig Zeit für Beratung

39 Prozent der Befragten bemängeln in der aktuellen Umfrage, dass Mitarbeitende des Jobcenters nur schwer erreichbar sind. Viele machen dafür strukturelle Probleme verantwortlich: Vermittlungsfachkräfte hätten zu wenig Zeit für Gespräche, es komme häufig zu Personalwechseln. Zudem werde ein erheblicher bürokratischer Aufwand wahrgenommen, der Kapazitäten bindet. „Jobcenter-Mitarbeitende verbringen zu viel Zeit mit Bürokratie. Damit mehr Zeit für individuelle Beratung bleibt, müssen Verfahren vereinfacht und stärker digitalisiert werden“, sagt Roman Wink, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Wir sollten Leistungen zusammenfassen und pauschalieren und Verwaltungsprozesse so gestalten, dass sie Mitarbeitende der Jobcenter entlasten. So schaffen wir mehr Raum für Kundenkontakte.“

Fördern und Fordern mit klaren Regeln auf beiden Seiten

In den Beratungsgesprächen gilt es außerdem, Erwartungen frühzeitig zu klären – auf beiden Seiten. 82 Prozent der befragten Langzeitarbeitslosen sagen, der Staat müsse Menschen in schwierigen Lebenslagen finanziell unterstützen. Gleichzeitig ist eine Mehrheit der Ansicht, dass mit dieser Unterstützung auch Pflichten verbunden sein können: 55 Prozent stimmen der Aussage zu, dass von Bürgergeld-Empfänger:innen eine Gegenleistung erwartet werden kann. Diese Einstellungen sollten auch den Vermittlungsprozess prägen. Deshalb müssen die Kooperationsvereinbarungen zwischen den Arbeitslosen und den Jobcentern über die gesamte Betreuungsdauer hinweg gepflegt werden. Ziele, Pflichten und Unterstützung müssen verständlich vereinbart und bei Bedarf nachjustiert werden, damit sich weder falsche Vorstellungen noch überzogene Erwartungen verfestigen.

Hier ist der Link zur Studie.

Zusatzinformationen: Die Studie ist Teil der Untersuchung "Lebenssituation und Erfahrungen von Bürgergeldbeziehenden (LEBez)" des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und des SOKO Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Die Erhebung erfolgte vom 15. April bis 18. Juni 2025. Zielgruppe waren erwerbsfähige Leistungsbeziehende zwischen 25 und 50 Jahren, die mindestens seit einem Jahr Bürgergeld beziehen und arbeitslos oder arbeitsuchend sind. Zum 1. Juli soll das Bürgergeld zur „neuen Grundsicherung“ reformiert werden. Die Stichprobe wurde vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gezogen. Die Genehmigung erfolgte durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS).

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Tobias Ortmann, Telefon: 0 52 41 81 81-181
E-Mail: tobias.ortmann@bertelsmann-stiftung.de

Roman Wink, Telefon: 0 52 41 81 81-560
E-Mail: roman.wink@bertelsmann-stiftung.de

Originalpublikation:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2026/langzeitar...

Suizidversuch

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Ein einziges Gespräch kann den Unterschied machen: 

Kurze, strukturierte Interventionen nach einem Suizidversuch senken das Risiko für einen erneuten Versuch deutlich. 

Dies zeigt eine internationale Meta-Analyse unter Leitung der Universität Zürich

Menschen, die bereits einen Suizidversuch hinter sich haben, weisen ein deutlich höheres Risiko für weitere Versuche auf. 

Gleichzeitig erhält nur etwa ein Drittel von ihnen danach eine weiterführende Behandlung. 

Hier setzen sogenannte «Brief Interventions and Contacts» an – strukturierte, zeitlich begrenzte Massnahmen direkt nach einem Suizidversuch. Dazu gehören beispielsweise Sicherheitspläne, kurze psychotherapeutische Massnahmen wie Problemlösetherapie, psychoedukative Elemente sowie regelmässige Kontakte per Telefon oder Brief.

Ein Team unter der Leitung von Psycholog:innen der Universität Zürich hat nun untersucht, ob Kurzinterventionen nach einem Suizidversuch weitere Versuche verhindern können. Zudem prüfte das Team, ob sie Suizidgedanken verringern, selbstverletzendes Verhalten reduzieren und die Anbindung an die psychiatrische oder psychologische Versorgung verbessern.

Eindeutig weniger erneute Suizidversuche
Dazu analysierten die Forschenden 36 randomisierte kontrollierte Studien aus den Jahren 1993 bis 2025 mit insgesamt rund 9’500 erwachsenen Teilnehmenden aus Europa, Amerika, Asien, dem Nahen Osten sowie Australien und Neuseeland. In die statistische Gesamtauswertung wurden 33 Studien einbezogen. Alle Teilnehmenden hatten mindestens einen Suizidversuch unternommen.

Das zentrale Ergebnis: Personen, die eine Kurzintervention erhielten, hatten eine um 28 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit eines erneuten Suizidversuchs als Personen, die nur die übliche medizinische Versorgung erhielten. Im Durchschnitt wurden die Teilnehmenden über einen Zeitraum von rund zehn Monaten nachbeobachtet.

Auch Suizidgedanken nahmen ab. Dieser Effekt zeigte sich vor allem in den ersten Monaten nach der Intervention und schwächte sich mit der Zeit etwas ab. Keine klaren Effekte fanden sich hingegen für selbstverletzendes Verhalten ohne Suizidabsicht sowie für die Anbindung an die psychiatrische oder psychologische Versorgung. Für die Auswertung dieser Aspekte standen weniger Studien zur Verfügung.

Niederschwellig, skalierbar, praxisnah
«Bereits eine einzige strukturierte Sitzung kann wirksam sein», sagt Erstautorin Stephanie Homan vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. «Diese Kurzinterventionen sind besonders in Notaufnahmen, auf psychiatrischen Stationen oder in der ambulanten Versorgung relevant – also überall dort, wo personelle und finanzielle Ressourcen begrenzt sind.» Sie eignen sich etwa im Anschluss an eine Notfallbehandlung oder nach einem Spitalaustritt. Gleichzeitig betont Homan, dass Kurzinterventionen keine intensiveren Therapien ersetzen können. Vielmehr können sie eine erste, rasch verfügbare Unterstützung bieten und Teil umfassender Präventionsstrategien sein.

Wirkmechanismen und Langzeiteffekte besser erforschen
Welche konkreten Bestandteile dieser Kurzinterventionen besonders wirksam sind und welche Personengruppen am meisten davon profitieren, bleibt offen. Um dies zu klären, sollen weitere ausreichend grosse Studien unterschiedliche Interventionsformen direkt vergleichen, die zugrunde liegenden Wirkmechanismen besser verstehen und Zielgruppen präziser identifizieren. Zudem gilt es zu klären, wie sich die Effekte langfristig stabilisieren lassen und welche Rolle digitale Formate dabei spielen können.

Gestützt auf die bereits gewonnenen Erkenntnisse entwickelt das Forschungsteam derzeit neue Interventionen, um Menschen nach einem Suizidversuch künftig noch gezielter zu unterstützen.

Literatur
Homan et al. Effectiveness of brief interventions and contacts after suicide attempt: a systematic review and meta-analysis. eClinicalMedicine. March 2026. DOI: 10.1016/j.eclinm.2026.103824
 

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Stephanie Homan, PhD
Experimentelle Psychopathologie und Psychotherapie
Psychologisches Institut
Universität Zürich
Tel. ‪+41 58 384 28 02‬
E-Mail: stephanie.homan@psychologie.uzh.ch

Originalpublikation:
Homan et al. Effectiveness of brief interventions and contacts after suicide attempt: a systematic review and meta-analysis. eClinicalMedicine. March 2026. DOI: 10.1016/j.eclinm.2026.103824

Pilzarten

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Einer Studie der Universität Trier nach ist man damit in Deutschland nicht allein. In der Bevölkerung sind kaum Kenntnisse über Champignon und Co vorhanden.

Im Rahmen der Studie aus der Biologie-Didaktik wurde das Wissen über einheimische Pilzarten in einer repräsentativen Stichprobe von 747 Personen in Deutschland untersucht. Sie zeigte erhebliche Wissenslücken in Bezug auf Pilzarten, die vermutlich zur anhaltenden Vernachlässigung der Organismengruppe der Pilze in Forschung, Naturschutz und Bildung beiträgt. Das könnte negative Folgen für die Erreichung globaler Biodiversitätsziele haben.

Im Durchschnitt konnten die Teilnehmenden nur 16,7 % der gezeigten heimischen Pilzarten korrekt identifizieren – mehr als ein Viertel war nicht in der Lage, eine einzige Art zu bestimmen. Nur etwa ein Drittel erkannte den Speisewert richtig. 70 % konnten keine 5 Pilzarten auflisten. Die Mehrheit ging fälschlicherweise davon aus, dass Pilze Pflanzen seien.

Die Autorinnen und Autoren betonen daher, dass Pilze in Lehrplänen, Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit stärker berücksichtigt werden sollten, da Artenkenntnis als wichtige Grundlage für umweltfreundliches Verhalten und Naturschutz gilt. „Menschen neigen dazu, nur das zu schätzen und zu schützen, was sie kennen“, erklärt Autorin Ina Schanz. „Daher ist eine zentrale Voraussetzung für den Schutz der Biodiversität die sogenannte Species Literacy – also die Artenkenntnis, die neben der Fähigkeit zu deren Identifikation auch das Wissen über Arten, deren Lebensräume und ihre ökologische Bedeutung umfasst.“
Pilze mit Image-Problem

Frühere Studien zeigten, dass die Artenkenntnis in der Bevölkerung in Bezug auf Tiere und Pflanzen allgemein niedrig ist. Besonders wenig bekannt war bislang über das Wissen zu Pilzen, obwohl sie nach den Tieren das zweitgrößte Organismenreich darstellen. Pilze werden häufig negativ konnotiert, etwa im Zusammenhang mit Krankheiten, Schimmel oder Vergiftungen. Diese Wahrnehmung verdeckt ihre enorme ökologische und auch gesellschaftliche Bedeutung. Pilze sind für das Funktionieren der Ökosysteme unverzichtbar.

Als wichtigste Zersetzer organischer Substanz spielen sie eine zentrale Rolle in Stoffkreisläufen, interagieren mit Pflanzen und Mikroorganismen und liefern dem Menschen wertvolle Substanzen wie Antibiotika und cholesterinsenkende Medikamente. Dennoch gab es kaum Studien zum Artenwissen über Pilze – insbesondere in Deutschland. Diese Forschungslücke wurde in der aktuellen Studie angegangen.

Als Konsequenz aus den Ergebnissen entwickelt das Team der Universität Trier derzeit ein neues Pilzmodul im Lehr-Lern-Labor Biologie, das Schülerinnen und Schülern die Vielfalt, Morphologie und die ökologische Bedeutung der Pilze näherbringen soll. Ziel ist es, Artenkenntnis und Naturbewusstsein frühzeitig zu fördern und damit langfristig zu einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) beizutragen.

Zur Studie: https://www.nature.com/articles/s41598-026-41150-w

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Dr. Simon Thijs
Ina Schanz & Prof. Dr. Martin Remmele
Biologie und ihre Didaktik
Mail: schanz@uni-trier.de
Tel. +49 651 201-4638