Medizin am Abend Berlin Fazit: DIVI fordert deutlich höheren Stellenwert für Notaufnahmen
Es kann so schnell gehen. Nur eine Sekunde nicht aufgepasst und man
baut einen Autounfall, hat einen Fahrradcrash oder zieht sich eine
schlimme Verletzung im Haushalt zu.
Mehr als 20 Millionen Menschen
müssen jedes Jahr in eine Notaufnahme, um sich behandeln zu lassen.
Sie
hoffen auf schnelle Hilfe und die bekommen sie auch. Doch das kostet
Geld. Damit die Notfallversorgung zukünftig in Deutschland nicht weiter
leidet, muss dringend etwas geschehen. Deshalb läuft der DIVI-Kongress
2015, der vom 02. bis 04.12.2015 in Leipzig stattfindet, auch unter dem
Motto „Qualität trifft Ökonomie“.
„Wenn ökonomische Zwänge zu schlechterer Qualität führen, kann das
in einem Desaster enden, wie man jetzt bei VW sieht“, sagt Professor
Andreas Seekamp, Sprecher der Sektion Interdisziplinäre Notaufnahme der
Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und
Notfallmedizin (DIVI) sowie Präsident des diesjährigen DIVI-Kongresses.
„In der Medizin darf so etwas nicht passieren. Ein Autobauer kann einen
Rückruf starten, wir haben dann oft nur den Nachruf.“
Das größte Problem: Die Notfallversorgung ist chronisch unterfinanziert.
Krankenkassen schlagen zwar eine Querfinanzierung über die stationären
Fälle vor, doch das deckt bei weitem nicht die Kosten.
Die Folge: Für
die Kliniken ist die Notfallversorgung ein Minusgeschäft.
Laut einer
Studie bekommt ein Krankenhaus pro Notfall im Durchschnitt 32 Euro, die
Kosten liegen aber bei 126 Euro.
„So entwickeln sich die
Notfallstationen zu einer Bad Bank für die Krankenhäuser und das darf
natürlich nicht sein“, sagt der Experte, der Direktor der Klinik für
Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum
Schleswig-Holstein in Kiel ist.
„Aufgrund der Unterfinanzierung entsteht
ein Personalmangel und das, obwohl qualifizierte Ärzte grundsätzlich
zur Verfügung stehen.“
„Unter ökonomischen Gesichtspunkten könnte man z.B. erwägen, regionale
Notfallzentren einzurichten, anstatt in Flächenstaaten mit wenig
Bevölkerung, wie Schleswig Holstein, Brandenburg oder
Mecklenburg-Vorpommern, unrentable Kliniken zu betreiben, nur damit eine
Notfallversorgung sicher gestellt ist“, sagt Professor Seekamp.
„Sie
können Patienten aufnehmen und dann gezielt weiterleiten.“ Als Vorbild
dient hier das Traumanetzwerk, das sich um die Versorgung von
Unfallverletzten kümmert.
Dabei kommt die so genannte Triagierung zur
Anwendung. Dabei handelt es sich um eine Abstufung der Schweregrade von
Verletzungen. Kleine Häuser behandeln leichte Verletzungen, schwere und
schwerste Verletzungen kommen in größere Kliniken. „Die Transportwege
sind dabei heute kein Problem mehr“, sagt der DIVI-Sektionssprecher.
„Wir können in ganz Deutschland den Luftweg nutzen. Fakt ist, dass wir
an ökonomischen Zwängen nicht vorbeikommen.
Medizin muss auch
wirtschaftlich sein und nicht jedes Krankenhaus braucht eine
Notaufnahme.“
Hoffnung macht jetzt das neue Krankenhausstrukturgesetz, das zum 1.
Januar 2016 in Kraft treten soll. Es verbessert die Wertigkeit der
Notaufnahmen. Allerdings nur dann, wenn auch alle Punkte umgesetzt
werden. Zu den wichtigsten Zielen zählen eine flächendeckende
Verbesserung und nachhaltige Finanzierung der ambulanten, präklinischen
und klinischen Versorgung von Patienten mit akuten Erkrankungen und
Verletzungen, die eine rasche und kompetente Versorgung erfordern. Das
ist nur möglich, wenn der Notfallmedizin eine angemessene Priorität im
Gesundheitswesen eingeräumt wird.
Wichtige von der DIVI in diesem Zusammenhang geforderte Punkte sind:
Eine notfallmedizinische Versorgung, die schwerpunktmäßig in klinischen
oder ambulanten interdisziplinären Notfallzentren mit enger Anbindung
der kassenärztlichen Notdienste, der Notärzte und des Rettungsdienstes
erfolgt. Diese Notfallzentren könnten in drei Kategorien unterteilt
werden. Zur Kategorie I zählen überregionale Zentren und zur Kategorie
II gehören regionale Versorgungskrankenhäuser mit eingeschränkter Anzahl
an stationären Fachabteilungen. Zur Kategorie III schließlich zählen
ambulante Versorgungszentren, z.B. in ländlichen Gebieten ohne eigenes
Krankenhaus. Diese Notfallzentren müssen mit den klinischen
Notfallzentren der Kategorie I und II auf vereinbarten Wegen
kooperieren. „Die Entscheidung für eine ambulante oder stationäre
Behandlung muss dabei grundsätzlich nach medizinischen und darf nicht
nach primär wirtschaftlichen Kriterien erfolgen“, fordert Professor
Seekamp. „Selbstverständlich müssen unnötige stationäre Aufnahmen
vermieden werden. Notwendige stationäre Aufnahmen dürfen dagegen von den
angeschlossenen Krankenhäusern nicht verzögert oder gar verweigert
werden. Es muss eine Übernahmepflicht bestehen und im stationären
Bereich müssen ausreichende Kontingente für Notfallpatienten eingeplant
werden.“
DIVI-Kongress 2015 „Qualität trifft Ökonomie“
Das Thema „Notfallversorgung“ ist einer der Schwerpunkte des
DIVI-Kongresses 2015, der vom 02. bis 04.12. im CCL Congress Center in
Leipzig stattfindet. In Anbetracht der 15. Veranstaltung kann man von
einem kleinen Jubiläum sprechen. Ein Grund für das wachsende Interesse
an der DIVI insgesamt ist, dass Medizin heute mehr als je zuvor
interdisziplinär betrieben wird und die Notfall- und Intensivmedizin
dafür ein Paradebeispiel darstellt.
Mehr als 500 Vorträge und 40 verschiedene praktische Workshops stehen in
den drei Tagen unter dem diesjährigem Motto „Qualität trifft Ökonomie“
auf dem Programm. Zudem kann sich das Fachpublikum in
Live-Demonstrationen z.B. über Intensiv-Telemedizin informieren oder an
Führungen durch eine Neonatologische Intensivstation teilnehmen.
Aus aktuellem Anlass wird auch Flüchtlingshilfe und deren medizinische
Herausforderungen ?in einer eigenen Sitzung " Bewältigung der
Flüchtlingswelle" thematisiert. In drei Vorträgen stellen Vertreter des
Landes Schleswig-Holstein, des dortigen Universitätsklinikums und des
Friedrich-Ebert-Krankenhauses ihre praktischen Erfahrungen vor.
Spannende News sind auch eine hochkarätig besetzte Delegation aus China
zum diesjährigen Kongress. Sie wird in der "Präsidentensitzung" am
03.12. über die chinesische Intensiv- und Notfallmedizin berichten. Die
DIVI betrachtet diesen Besuch als Auftakt für eine internationale
Kooperation entsprechend § 2 der DIVI-Satzung. Ein Entwurf für ein
Kooperationsabkommen in der Intensivmedizin und Notfallmedizin zwischen
der DIVI und der HHRDC liegt bereits vor. Die HHRDC (The Health Human
Development Center) ist eine Institution im chinesischen öffentlichen
Gesundheitswesen, die für die Personalqualifikation und -entwicklung
zuständig ist. Geplant sind u.a. gegenseitige Hospitationen und
Einladungen zu Tagungen und Vorträgen.
Am 03. und 04.12. führt die Feuerwehr Leipzig jeweils von 12:00 bis
12:30 Uhr eine Höhenrettung im Atrium des CCL durch und die Bundeswehr
präsentiert jeweils von 10:00 bis 10:30 Uhr auf einem eigenen Stand die
praktische Arbeit der Sanitätskräfte im Einsatz. Kongressteilnehmer
können außerdem eine Intensivrettung an Bord eines Hubschraubers
erleben, zu der wir auch die Presse herzlich einladen. Ein weiterer
Höhepunkt des Kongresses und mittlerweile schöne Tradition ist der DIVI
Charity Lauf am 04.12., dessen Erlös an die Organisation „Kinderhilfe
Organtransplantation – Sportler für Organspende e.V.“ geht. Schirmherr
des Laufes ist der Olympiasieger im Gehen Hartwig Gauder, der selbst
seit 1997 ein Spenderherz hat.
DIVI weltweit einzigartig
Die 1977 gegründete DIVI ist ein weltweit einzigartiger Zusammenschluss
von mehr als 2000 Anästhesisten, Neurologen, Chirurgen, Internisten,
Kinder- und Jugendmedizinern sowie Fachkrankenpflegern und
entsprechenden Fachgesellschaften: Ihre fächer- und berufsübergreifende
Zusammenarbeit und ihr Wissensaustausch machen im Alltag den Erfolg der
Intensiv- und Notfallmedizin aus. Insgesamt bündelt die DIVI damit das
Engagement von mehr als 30 Fachgesellschaften und persönlichen
Mitgliedern.
Der Experte der DIVI:
Professor Andreas Seekamp ist Sprecher der DIVI-Sektion
„Interdisziplinäre Notaufnahme“ und Direktor der Klinik für Orthopädie
und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel.
Gerne vermitteln wir Ihnen unseren Experten für Ihre Anfragen und
Interviews sowie Bildmaterial. Um Belegsendung wird im
Veröffentlichungsfall gebeten.
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt
Larissa Vogt
Luisenstraße 45
10117 Berlin
Telefon: 0173/6194422
E-Mail: pressestelle@divi-org.de
Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
http://www.divi2015.de
Webseite zum 15. Kongress der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)
http://www.divi.de
Webseite der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)