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Schwangerschaft Bluthochdruck

Deutsche Hochdruckliga und BVF informieren zum „Welt-Präeklampsie-Tag“ am 22. Mai: 

Wie der Körper einer Frau auf eine Schwangerschaft reagiert, kann ein Hinweis auf ihre spätere Herzgesundheit sein. 

Verläuft dieser natürliche Belastungstest ohne größere Komplikationen, stehen die Chancen gut, auch langfristig ein gesundes Herz-Kreislauf-System zu behalten. Treten dagegen während der Schwangerschaft Bluthochdruck oder sogar eine Präeklampsie auf, gilt dies als wichtiges Warnsignal – und als Anlass, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen und den eigenen Lebensstil anzupassen.

Anlässlich des Welt-Präeklampsie-Tages am 22. Mai 2026 rücken die Deutsche Hochdruckliga (DHL) und der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e. V. (BVF) hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft in den Fokus. Ihre gemeinsame Botschaft: Schwangere mit Bluthochdruck sollten konsequent behandelt und engmaschig betreut werden.

Für den Körper einer Frau ist eine Schwangerschaft mit einer dauerhaften Ausdauerbelastung vergleichbar: Sie wirkt wie ein natürlicher Belastungstest für das Herz-Kreislauf-System. Bluthochdruck in dieser Phase ist daher ein wichtiges Warnsignal. Liegen die Blutdruckwerte dauerhaft über 140/90 mmHg, empfehlen aktuelle Leitlinien eine medikamentöse Behandlung. Frauen mit dieser Vorgeschichte haben später im Leben ein zwei- bis siebenfach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzschwäche, verengte Herzkranzgefäße oder Schlaganfälle. Die Erkenntnisse aus der Schwangerschaft liefern damit einen wichtigen Baustein für die langfristige Gesundheitsvorsorge.

„Bluthochdruck betrifft etwa fünf bis zehn Prozent aller Schwangeren und erhöht das Risiko für eine Präeklampsie deutlich“, sagt Prof. Dr. med. Markus van der Giet, Internist, Nephrologe und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. Präeklampsie ist eine Erkrankung der Schwangerschaft, bei der die Mutter hohen Blutdruck entwickelt und Organe wie Nieren oder Leber belastet werden. Sie tritt meist nach der 20. Schwangerschaftswoche auf und kann für Mutter und Kind gefährlich werden. „Wird der Blutdruck frühzeitig erkannt und konsequent behandelt, lassen sich Komplikationen deutlich reduzieren“, so van der Giet.

Auch Dr. Jochen Frenzel, niedergelassener Frauenarzt, Pränataldiagnostiker und Vorstandsmitglied des BVF, betont die Bedeutung einer frühzeitigen Diagnose: „Präeklampsie ist eine ernstzunehmende Multiorganerkrankung. Wird sie zu spät erkannt, kann sie schwerwiegende Folgen für Mutter und Kind haben.“ Häufig entwickle sich die Erkrankung zunächst unauffällig. Erste Symptome würden nicht selten mit normalen Schwangerschaftsbeschwerden verwechselt. „Umso wichtiger sind die Vorsorgeuntersuchungen im ersten Schwangerschaftsdrittel und eine kontinuierliche Betreuung während der gesamten Schwangerschaft.“

Die Deutsche Hochdruckliga und der BVF empfehlen Frauen nach einer Präeklampsie die Nutzung eines speziellen „Nachsorgepasses“ (Link siehe "Quellen und weitere Informationen"). Darin werden kardiovaskuläre Risikofaktoren erläutert und Hinweise zur langfristigen Risikoreduktion gegeben – etwa zu gesundem Körpergewicht, Stilldauer oder regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen. Ergänzt wird der Pass durch einen Zeitplan für empfohlene Gesundheits- und Blutuntersuchungen.

Grundsätzlich raten die Deutsche Hochdruckliga und der BVF Schwangeren mit erhöhten Blutdruckwerten zu regelmäßigen Kontrollen in der gynäkologischen Praxis. 

Eine kontinuierliche Betreuung sei entscheidend, da sich mögliche Folgeschäden häufig schleichend entwickeln.

Zum „Welt-Präeklampsie-Tag “
Der Welt-Präeklampsie-Tag wird jedes Jahr am 22. Mai begangen und soll weltweit auf die Risiken dieser Schwangerschaftserkrankung aufmerksam machen. Ziel des Aktionstags ist es, das Bewusstsein für Früherkennung, Vorsorge und eine rechtzeitige Behandlung zu stärken, um Komplikationen für Mutter und Kind zu vermeiden. Gleichzeitig macht der Tag darauf aufmerksam, wie wichtig Aufklärung, Forschung und eine gute medizinische Betreuung während der Schwangerschaft sind.

Die in den USA ansässige Preeclampsia Foundation nutzt den gesamten Monat Mai als Präeklampsie-Aufklärungsmonat, um über die Erkrankung zu informieren: https://www.preeclampsia.org/AwarenessMonth.

Quellen und weitere Informationen
• S2k-Leitlinie Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/015-018
• Pre-eclampsia and risk of cardiovascular disease and cancer in later life: systematic review and meta-analysis | The BMJ: https://www.bmj.com/content/335/7627/974
• Podcast HyperTon (Folge 4): Bluthochdruck in der Schwangerschaft: https://www.youtube.com/watch?v=cb1DFAzKxbs
• Patientenblatt: Nachsorgepass für Mütter nach Präeklampsie: https://register.awmf.org/assets/guidelines/015_D_Ges_fuer_Gynaekologie_und_Gebu...

Die Deutsche Hochdruckliga bietet auf Ihrer Website einen Überblick zum Thema Bluthochdruck in der Schwangerschaft und Stillzeit: https://www.hochdruckliga.de/betroffene/bluthochdruck/bluthochdruck-in-der-schwa...

Der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. (BVF) informiert im Rahmen seiner Kampagne „Schwanger mit dir“ rund um das Thema Schwangerschaft: https://schwanger-mit-dir.de/.

Über uns
Die Deutsche Hochdruckliga e.V. (DHL)® I Deutsche Gesellschaft für Hypertonie und Prävention ist eine gemeinnützige, unabhängige medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft. Sie setzt sich seit 1974 für die Förderung der Wissenschaft und eine wissenschaftlich fundierte Aufklärung der Öffentlichkeit auf dem Gebiet der Hypertonie ein. Sie bündelt die Expertise aus allen relevanten Fachgruppen und stellt diese allen Beteiligten zur Verfügung. Wissenschaftliche Sektionen und der jährliche wissenschaftliche Kongress sichern aktuelles Fachwissen und den fachlichen Austausch. Stipendien und Wissenschaftspreise fördern den wissenschaftlichen Nachwuchs. Durch die Zertifizierung von Fachärztinnen und -ärzten sowie interdisziplinären Hypertonie-Zentren sichert die Deutsche Hochdruckliga eine qualitativ hochwertige, umfassende Versorgung von Hypertonikerinnen und Hypertonikern im deutschsprachigen Raum. https://www.hochdruckliga.de/

Über den Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. (BVF)
Der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. ist mit rund 14.000 Mitgliedern einer der größten ärztlichen Berufsverbände in Deutschland. Er vertritt mit seinen 17 Landesverbänden seit 75 Jahren die wirtschaftlichen und standespolitischen Interessen seiner Mitglieder bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, den Kassenärztlichen Vereinigungen, der Bundesärztekammer, den Landesärztekammern, den Kostenträgern sowie in Politik und Wirtschaft, internationalen Organisationen und der Öffentlichkeit. Der BVF verfolgt hierfür gesundheitspolitisch relevante Vorgänge auf deutscher sowie auch auf europäischer Ebene und setzt sich für die standespolitischen Anliegen, Forderungen und Belange seiner Mitglieder ein.
https://www.bvf.de/

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Agnes Tzortzis

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Kostenerstattung leitliniengerechter MS-Therapien in der privaten Krankenversicherung

Die Task Force Versorgungsstrukturen und Therapeutika des krankheitsbezogenen Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS e.V.) nimmt Stellung zu den Verzögerungen bei der Kostenerstattung leitliniengerechter MS-Therapien in der privaten Krankenversicherung und den Konsequenzen für betroffene Patientinnen und Patienten.

Einleitung

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu bleibenden neurologischen Schäden und langfristiger Behinderung führen kann. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich die therapeutischen Möglichkeiten erheblich verbessert. Moderne verlaufsmodifizierende Therapien (Disease Modifying Therapies, DMT) ermöglichen es heute, Krankheitsaktivität wirksam zu kontrollieren, Schübe zu reduzieren und das Fortschreiten von Behinderung deutlich zu verlangsamen. Der therapeutische Nutzen dieser Behandlungen hängt jedoch entscheidend davon ab, dass sie frühzeitig begonnen werden. Die moderne MS-Therapie basiert auf dem Konzept eines „window of opportunity“ zu Beginn der Erkrankung. In dieser frühen Phase kann eine konsequente Behandlung entzündliche Krankheitsaktivität kontrollieren und irreversible neuronale Schäden begrenzen. Vor diesem Hintergrund ist der zeitnahe Zugang zu wirksamen Therapien ein zentraler Bestandteil einer leitliniengerechten Versorgung von Menschen mit Multipler Sklerose.

Probleme bei der Kostenerstattung durch private Krankenversicherungen

In der neurologischen Versorgungspraxis beobachten wir jedoch Verzögerungen bei der Kostenerstattung von MS-Therapien durch private Krankenversicherungen (PKV). Besonders betroffen sind kostenintensive moderne hochwirksame Therapien:
Bei den betroffenen Medikamenten handelt es sich in der Regel um Therapien,
• die für die jeweilige Indikation zugelassen sind
• deren Anwendung vollständig der Fachinformation entspricht und
• deren Einsatz durch nationale und internationale Leitlinien empfohlen wird.
Trotz dieser klaren medizinischen Grundlage kommt es zunehmend zu umfang-reichen Rückfragen seitens der Versicherungen, zur wiederholten Anforderung zusätzlicher medizinischer Unterlagen oder zur Einschaltung externer Gutachter. Diese Prüfverfahren können sich über mehrere Wochen hinziehen, und der Beginn einer ärztlich empfohlenen Therapie wird erheblich verzögert.
Darüber hinaus führt diese Praxis bei Patientinnen und Patienten zu einer erheblichen Verunsicherung und zu Zweifeln an der ärztlichen Therapieempfehlung, während gleichzeitig unklar bleibt, ob und wann eine Kostenerstattung erfolgen wird.
In einzelnen Fällen werden Kostenübernahmen zudem nur befristet ausgesprochen. Solche Befristungen können dazu führen, dass Patientinnen und Patienten wiederholt mit Unsicherheit über die Fortführung einer medizinisch notwendigen Therapie konfrontiert sind.
Aus Sicht der behandelnden Fachärztinnen und Fachärzte entsteht dadurch eine Versorgungssituation, in der leitliniengerechte und zugelassene Therapien faktisch durch administrative Prüfverfahren verzögert werden, obwohl die medizinische Indikationsstellung bereits erfolgt ist.

Medizinische Konsequenzen von Therapieverzögerungen

Verzögerungen beim Beginn einer verlaufsmodifizierenden Therapie sind bei Multipler Sklerose medizinisch nicht neutral und aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht auch nicht akzeptabel. Während der Zeiträume administrativer Prüfverfahren können neue entzündliche Läsionen im zentralen Nervensystem entstehen oder Krankheitsschübe auftreten. Diese Ereignisse können zu dauerhaften neurologischen Defiziten führen. Ein einmal eingetretener axonaler Schaden ist nicht mehr reversibel und kann mit schweren Behinderungen einhergehen.
Aus neurologischer Sicht gilt daher ein klarer Grundsatz: Zeitverlust in der MS-Therapie kann langfristige neurologische Schäden bedeuten. Administrative Verzögerungen bei der Einleitung einer notwendigen Therapie können somit die langfristige Krankheitsprognose der Betroffenen negativ beeinflussen - zum Nachteil der Patientinnen und Patienten, aber auch der Versicherungen.

Benachteiligung privatversicherter Patientinnen und Patienten

Die Praxis einiger privater Krankenversicherungen bedeutet für privatversicherte Patientinnen und Patienten faktisch einen schlechteren Zugang zu zeitkritischen Therapien als für gesetzlich Versicherte. Dies müsste eigentlich eklatant dem Selbstverständnis privater Krankenversicherungsunternehmen widersprechen.
Im System der gesetzlichen Krankenversicherung existieren gesetzliche Fristen für Leistungsentscheidungen, die sicherstellen sollen, dass medizinisch not-wendige Leistungen innerhalb eines definierten Zeitraums bewilligt werden. Für private Krankenversicherungen bestehen vergleichbare verbindliche Entscheidungsfristen bislang nicht. Eine solche Situation widerspricht dem Grundsatz einer gleichwertigen medizinischen Versorgung unabhängig vom Versicherungsstatus. Privatversicherte Patientinnen und Patienten dürfen durch administrative Prüfverfahren nicht benachteiligt werden.

Juristische Einordnung und mögliche Haftungsrisiken

Versicherte haben Anspruch auf Erstattung der Kosten einer medizinisch notwendigen Heilbehandlung gemäß den Bedingungen ihres Versicherungsvertrags. Die PKV ist verpflichtet, die Leistung unverzüglich (ohne schuldhaftes Zögern) zu prüfen. Dabei darf eine solche Prüfung nicht zu Verzögerungen führen, durch die die versicherte Person gesundheitliche Nachteile erleiden kann.
Die medizinische Indikationsstellung erfolgt durch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte auf Grundlage des aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstandes. Wenn eine Therapie zugelassen ist und entsprechend der Fachinformation sowie der geltenden Leitlinien eingesetzt wird, spricht dies regelmäßig für das Vorliegen einer medizinisch notwendigen Behandlung.
Private Krankenversicherungen sind zwar grundsätzlich berechtigt, Leistungsansprüche zu prüfen. Diese Prüfungen dürfen jedoch nicht dazu führen, dass medizinisch notwendige Therapien verzögert werden oder Patientinnen und Patienten über einen längeren Zeitraum im Unklaren über die Kostenerstattung bleiben.
Bei Erkrankungen mit potenziell irreversiblen Schäden – wie der Multiplen Sklerose – kann eine verzögerte Therapieeinleitung erhebliche gesundheitliche Konsequenzen haben. Wenn eine medizinisch notwendige und leitliniengerechte Behandlung durch administrative Prüfverfahren verzögert wird und hierdurch ein gesundheitlicher Schaden entsteht, können sich haftungsrechtliche Konsequenzen ergeben, etwa im Rahmen von Schadensersatzansprüchen wegen Pflichtverletzung aus dem Versicherungsvertrag.
Vor diesem Hintergrund kommt einer zügigen und transparenten Bearbeitung von Leistungsanträgen bei zeitkritischen Erkrankungen besondere Bedeutung zu.

Forderungen

Die neurologische Fachgemeinschaft hält es für erforderlich, dass Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose zeitnah Zugang zu leitliniengerechter und evidenzbasierter Therapie erhalten, ohne durch administrative Verfahren verunsichert oder verzögert zu werden.
Insbesondere sollte sichergestellt werden,
• dass Versicherungsprüfungen den Beginn medizinisch notwendiger Therapien nicht verzögern
• dass Versicherte zeitnah Klarheit über die Kostenerstattung erhalten und
• dass Befristungen von Kostenübernahmen nicht zu einer wiederholten Verunsicherung über die Fortführung medizinisch notwendiger Therapien führen.

Schlussfolgerung

Die Fortschritte in der Behandlung der Multiplen Sklerose eröffnen heute reale Chancen, Krankheitsaktivität zu kontrollieren und langfristige Behinderung zu verhindern. Voraussetzung hierfür ist ein früher und konsequenter Therapiebeginn. Verzögerungen bei der Kostenerstattung können dieses Ziel gefährden und stellen aus medizinischer Sicht ein vermeidbares Risiko für Patientinnen und Patienten dar.
Die KKNMS weist auf dieses Risiko hin und fordert, dass Menschen mit Multipler Sklerose – unabhängig von ihrem Versicherungsstatus – zeitnah Zugang zu evidenzbasierter und leitliniengerechter Therapie erhalten. Bei einer Erkrankung wie der Multiplen Sklerose ist Zeit ein entscheidender Faktor. Wertvolle Behandlungszeit darf nicht durch vermeidbare administrative Prozesse verloren gehen.

MaAB-  Ansprechpartner:
Task Force Versorgungsstrukturen und Therapeutika des krankheitsbezogenen Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS e.V.)

Das biologische Alter

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Ein Forschungsteam der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) untersucht an MMA-Kämpfern biologische Alterungsprozesse. 

Ziel der Studie ist es, die epigenetische Uhr des Alterns genauer zu entschlüsseln.

Manche Menschen altern schneller als andere. Doch wie kann man das biologische Alter zuverlässig messen? Dieser Frage geht ein Forschungsteam der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in einer Studie zu den biologischen Altersuhren von Kampfsportlern nach, die die Vollkontakt-Kampfsportart Mixed Martial Arts (MMA) betreiben. Das biologische Alter kann sich vom tatsächlichen Lebensalter deutlich unterscheiden. Faktoren wie Lebensstil, Ernährung, Bewegung und Stress beeinflussen, wie schnell der Körper altert. Ziel der Studie ist es, zuverlässige Marker zu identifizieren, mit denen sich das biologische Alter bestimmen lässt.

„Bislang gibt es keinen eindeutigen Messwert für das biologische Alter“, erklärt Studienleiterin Dr. Kirsten Jahn, PhD, aus der Arbeitsgruppe Molekulare Neurowissenschaften in der MHH-Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie. „In unserer Studie möchten wir biologische Altersuhren identifizieren, die den Gesundheitszustand eines Menschen präzise abbilden können.“ Solche Marker könnten präventive Diagnosen und Behandlungen ermöglichen.

Epigenetische Muster als Maß für das Alter

Noch fehlt ein wissenschaftlicher Konsens darüber, wie das biologische Alter genau bestimmt werden kann. Ein vielversprechender Ansatz ist die sogenannte DNA-Methylierung. Dieser biochemische Prozess beeinflusst, welche Gene aktiv sind und welche nicht. Dafür heften Zellen kleine chemische Markierungen – sogenannte Methylgruppen – an die DNA, die wie feine Regler wirken. Sie verändern nicht den genetischen Code selbst, sondern dessen Nutzbarkeit. Diese epigenetischen Muster verändern sich im Lauf des Lebens. Forschende nutzen diese Veränderungen, um Rückschlüsse auf das biologische Alter eines Menschen zu ziehen.

Das MHH-Team setzt auf eine neue Technologie, die alle relevanten DNA-Abschnitte gleichzeitig analysiert, die durch Methylierung die Aktivität von Genen steuern können – etwa 28 Millionen sogenannte CpG-Stellen. „Damit können wir das Methylierungsmuster erstmals umfassend bewerten und die epigenetische Uhr des Alterns genauer entschlüsseln“, erklärt Dr. Jahn.

MMA-Kämpfer als außergewöhnliches Studienmodell

Ein ungewöhnliches, aber sehr gut geeignetes Modell für die Forschung zum biologischen Alter liefern MMA-Kämpfer. Sie durchlaufen Phasen mit stark wechselnden körperlichen und psychischen Belastungen – von moderatem Training über intensive Wettkampfvorbereitung bis hin zu extremem Stress vor und während eines Kampfes. „MMA-Kämpfer sind gesunde Menschen, die zeitweise sehr starken Einflüssen ausgesetzt sind, die sich epigenetisch auf das biologische Alter auswirken könnten“, so Dr. Jahn.

Während der Erholungsphase wirken eher alterungshemmende Faktoren wie leichtes Training und normale Ernährung. In der Wettkampfphase dominieren alterungsfördernde Faktoren wie intensive Trainingsbelastungen und Diäten. In den Tagen vor dem Wettkampf verzichten die Kämpfer sogar auf Flüssigkeit, um die ideale Gewichtsklasse zu erreichen. Die Forschenden vermuten, dass sich die wechselnden Belastungen direkt auf biologische Altersuhren auswirken: In der Erholungsphase könnten sie langsamer, in der Wettkampfphase schneller ticken – und in wiederholten Blutanalysen sichtbar werden.

Forschung zwischen Ringarztpraxis und Laboranalyse

„Als Ringarzt begleite ich seit vielen Jahren MMA- und andere Kampfsportler unter sehr unterschiedlichen körperlichen und psychischen Belastungen“, sagt der in der deutschen und europäischen MMA-Szene bekannte Facharzt für Orthopäde und Unfallchirurg Dr. Panagiotis Karachalios. „Die Studie bietet die Chance, besser zu verstehen, wie sich diese Belastungen langfristig auf Gesundheit und Regeneration auswirken, welche Rückschlüsse daraus gezogen und wie wir die medizinische Betreuung von Athleten künftig weiter verbessern können.“

Die Studienteilnehmer können vor und nach Kämpfen MRT-Aufnahmen ihres Kopfes anfertigen lassen. Damit wollen die Forschenden mögliche Verletzungen und Veränderungen der Hirnalterung untersuchen. Zusätzlich erhoben werden Daten zu Wohlbefinden, Proteinen und Stoffwechselprodukten. Diese Ergebnisse vergleicht das Forschungsteam mit Daten von Hobby-MMA-Sportlern ohne Wettkampfteilnahme sowie von gesunden älteren Menschen. Dabei fließen auch bisherige Altersmarker in die Analyse ein, darunter einige, weniger umfassende „Age Clocks“ sowie die Telomerlängen, also die Länge der Schutzkappen an den Enden der Chromosomen. Das Team untersucht außerdem, ob der Kampfsport die psychische Widerstandskraft (Resilienz) stärkt.

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Weitere Informationen erhalten Sie bei Dr. Kirsten Jahn, PhD, Labor für Molekulare Neurowissenschaften in der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie, Telefon 0511 532-7275, Jahn.Kirsten@mh-hannover.de.

Oxytocin Kuschelhormon

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Das «Kuschelhormon» Oxytocin spielt nicht nur in Momenten der Nähe eine Rolle, sondern auch beim Kräftemessen: Forschende der Universität Zürich zeigen, dass es besonders dann ausgeschüttet wird, wenn Rivalität oder klare Gruppengrenzen im Spiel sind – und zwar vor allem bei Männern.

Oxytocin – häufig als Kuschelhormon bezeichnet – ist auch bei Gruppenwettbewerben von Bedeutung. Das verdeutlicht eine neue Studie unter der Leitung von Charlotte Debras und Adrian Jaeggi vom Institut für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich. «Frühere Arbeiten haben gezeigt, dass die Verabreichung von Oxytocin in Form eines Nasensprays gruppenorientiertes Verhalten fördern kann», sagt Debras, die die zugrundeliegende Studie im Rahmen ihrer Dissertation durchgeführt hat. «Es war jedoch unklar, ob Oxytocin in Wettbewerbssituationen auch auf natürliche Weise ansteigt.»
Oxytocin reagiert auf sozialen Kontext
Um Wettbewerb gezielt zu untersuchen, organisierten die Forschenden gemeinsam mit der indigenen Bevölkerung der Tsimane im bolivianischen Amazonasgebiet Fussballturniere. «Die Lebensbedingungen der Tsimane beeinflussen hormonelle Prozesse», sagt Jaeggi, der seit 2011 vor Ort forscht. So sind Fortpflanzungshormone wie Testosteron oder Progesteron bei Kalorienmangel niedriger. Gleichzeitig dürften soziale Faktoren – und damit Oxytocin – in diesen eng verflochtenen Gemeinschaften besonders wichtig sein. Zur Überprüfung ihrer Hypothese bestimmten die Forschenden den Oxytocin-Spiegel im Urin von Fussballspielern vor und nach den Spielen.


Nach Spielen gegen bekannte Rivalen stieg der Oxytocin-Spiegel am stärksten an. Bei Begegnungen zwischen Teams aus verschiedenen Gemeinschaften war der Anstieg geringer und bei Spielen gegen Nicht-Tsimane hingegen wieder deutlich höher. «Das deutet darauf hin, dass Oxytocin sensibel auf die soziale Bedeutung des Gegners reagiert – sowohl bei vertrauten Rivalen als auch gegenüber klar abgegrenzten Fremdgruppen», hält Jaeggi fest.
 
Höherer Oxytocin-Spiegel bei Männern
Ein zentrales Ergebnis: Der Anstieg der Oxytocinwerte war nur bei Männern zu beobachten, bei Frauen nicht. Debras nennt mehrere mögliche Gründe: Frauen könnten aufgrund höherer Ausgangswerte – viele stillten – niedrigere, schwer messbare Veränderungen zeigen. Zudem hat Fussball für sie möglicherweise eine geringere Bedeutung. Eine weitere Erklärung liefert die «Male-Warrior-Hypothese», wonach Männer evolutionär stärker in Gruppenwettbewerbe eingebunden sind. «Für Tsimane-Frauen findet Konkurrenz eher in sozialen Kontexten statt – etwa über Reputation oder Unterstützung – und weniger in körperlichen Wettkämpfen», so Debras.

Für Kooperation und Abgrenzung relevant

Die Studie lässt offen, ob der Oxytocinanstieg primär den Zusammenhalt im Team stärkt oder die Abgrenzung gegenüber Gegnern fördert. In Mannschaftssportarten sind beide Aspekte eng verknüpft. «Kooperation kann eine erfolgreiche Strategie im Wettbewerb sein – und Oxytocin scheint dabei zentral», sagt Jaeggi. «Oxytocin wurde bereits bei zahlreichen Tierarten mit Gruppenkonflikten in Verbindung gebracht – von Fischen bis zu Schimpansen. Die Ergebnisse legen nahe, dass ähnliche Mechanismen auch beim Menschen wirken.»
 
Literatur 

Charlotte C. Debras et al. Us against Them: Oxytocin Response to Competition in a Small-Scale Human Society. Proceedings of the Royal Society B. 6 May, 2026. DOI: https://doi.org/10.17605/OSF.IO/UK8PA

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Prof. Adrian V. Jäggi
Institut für Evolutionäre Medizin
Universität Zürich
Tel. ‪+41 44 635 05 40‬
E-Mail: adrian.jaeggi@iem.uzh.ch

Originalpublikation:
Charlotte C. Debras et al. Us against Them: Oxytocin Response to Competition in a Small-Scale Human Society. Proceedings of the Royal Society B. 6 May, 2026. DOI: https://doi.org/10.17605/OSF.IO/UK8PA

Aorta

Ein internationales Konsortium aus zehn akademischen Organisationen innerhalb des Global Cardiovascular Research Funders Forum (GCRFF) startet eine neue internationale Studie. Erstmals wird darin die optimale Plättchenhemmung bei der spontanen Koronararteriendissektion (SCAD) untersucht – einer besonderen Form des Herzinfarkts, die vor allem Frauen betrifft. Die Initiative wird vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) geleitet und vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) koordiniert.


Die spontane Koronararteriendissektion (spontaneous coronary artery dissection, SCAD) ist eine seltene Ursache des akuten Koronarsyndroms, bei der der Herzmuskel nicht ausreichend mit Blut versorgt wird. Sie betrifft überwiegend Frauen im Alter zwischen 30 und 55 Jahren und tritt in der Regel ohne Arterienverkalkung auf.

Lange blieb SCAD unterdiagnostiziert und wird erst seit wenigen Jahren systematischer erkannt. Ein internationales Forschungskonsortium unter Leitung des DZHK startet nun die SCAD-ALIGN-Studie, bei welcher erstmals Therapiestrategien der Plättchenhemmung in einer randomisierten Studie systematisch verglichen werden.

Herzinfarkt ohne Gefäßverkalkungen

Einer SCAD liegen meist weder relevante Gefäßverkalkungen noch ein klassischer, durch ein Blutgerinnsel verursachter Gefäßverschluss zugrunde. Stattdessen kommt es zu einer Einblutung in die Wand einer Herzkranzarterie, wodurch sich die Gefäßwandschichten voneinander trennen und der Blutfluss beeinträchtigt oder vollständig unterbrochen wird. Die Betroffenen entwickeln Symptome eines akuten Herzinfarkts wie Brustschmerzen, Atemnot oder Übelkeit. Charakteristisch ist, dass diese Beschwerden häufig bei Menschen auftreten, die zuvor herzgesund waren und keine bekannten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen.

Blutplättchen spielen eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung, können sich aber auch in Gefäßen anlagern und so den Blutfluss behindern. Plättchenhemmende Medikamente sollen dies verhindern. In der aktuellen klinischen Praxis werden Patient:innen mit SCAD häufig nach den allgemeinen Leitlinien für das akute Koronarsyndrom behandelt, die typischerweise zwei unterschiedliche plättchenhemmende Medikamente vorsehen – eine Strategie, die ursprünglich für ältere Patient:innen mit nachgewiesener Atherosklerose entwickelt und getestet wurde.

Wie intensiv sollte die Plättchenhemmung sein?

Der Ansatz der SCAD-ALIGN-Studie beruht auf einem grundlegenden Unterschied zwischen SCAD und dem klassischen Herzinfarkt. Bei typischen Herzinfarkten verschließt meist ein Blutgerinnsel ein Herzkranzgefäß, und nach der Implantation eines Stents wird eine intensive Plättchenhemmung eingesetzt, um die Bildung weiterer Gerinnsel zu verhindern. Bei SCAD hingegen liegt ein Einriss oder eine Einblutung innerhalb der Gefäßwand vor. In dieser Situation könnte eine intensive Plättchenhemmung das Abklingen der Blutung verzögern oder sie sogar verschlimmern und damit den Krankheitsverlauf ungünstig beeinflussen. Die Studie untersucht daher, ob eine weniger intensive Therapie für diese Patient:innen vorteilhafter sein könnte.

In der SCAD-ALIGN-Studie werden zwei Behandlungsstrategien miteinander verglichen: eine moderate Plättchenhemmung mit einem einzelnen Medikament über drei Monate sowie eine intensivere Therapie mit zwei Wirkstoffen über drei Monate, gefolgt von einer neunmonatigen Behandlung mit einem einzelnen Medikament. Der primäre Endpunkt umfasst eine Kombination aus erneuter myokardialer Ischämie, wiederkehrender SCAD, Herzinfarkt, der Notwendigkeit einer Revaskularisation sowie Tod.

„Bei SCAD behandeln wir Patient:innen bisher nach Standards, die für andere Krankheitsbilder entwickelt wurden“, sagt Prof. Peter Clemmensen, nationaler Studienleiter für Deutschland. „Mit der SCAD-ALIGN-Studie wollen wir klären, welche Form der Plättchenhemmung tatsächlich nützt und welche eher schadet. Ziel ist eine belastbare Grundlage für künftige Therapieempfehlungen“.

Internationales Zusammengehen für bessere Herz-Kreislauf-Gesundheit von Frauen

Die SCAD-ALIGN-Studie ist Teil der Multinational Clinical Trials Initiative des Global Cardiovascular Research Funders Forum (GCRFF). „Die Studie adressiert eine Fragestellung, die überwiegend Frauen betrifft und für die es bislang kaum belastbare Evidenz und kein nennenswertes industrielles Entwicklungsinteresse gibt“, betont Prof. Christina Magnussen, nationale Co-Studienleitung für Deutschland und Mitglied des globalen Executive Board.

Erstmals arbeiten dabei mehrere internationale Förderorganisationen auf Basis eines gemeinsamen Studienprotokolls zusammen. Die wissenschaftliche Idee der Studie stammt von Mitgliedern des DZHK.

„Unabhängig von der medizinischen Fragestellung zeigt die Studie, dass ein Zusammenschluss internationaler Förderorganisationen und Forschender gemeinsam tragfähige Strukturen schaffen kann, um medizinische Fragestellungen zum Wohl der Patient:innen zu bearbeiten“ sagt Prof. Stefan Blankenberg vom Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg, wissenschaftlicher Leiter und Initiator der Studie.

Er betont: „Ein gemeinsames Vorgehen der Förderorganisationen aus demokratischen Ländern wie Deutschland, Großbritannien, Niederlande, Dänemark, Schweden, Spanien, Australien, Neuseeland, Kanada ergänzt durch die Förderung der Kühne Stiftung mit konsekutiver Teilnahme von Brasilien, Argentinien und Chile schafft eine globale akademische Struktur. Gerade in Zeiten globaler Herausforderungen zeigt dieses gemeinsam legitimierte Vorgehen seine besondere Stärke.“

Die Studie ist als internationale, multizentrische, randomisierte und offene klinische Prüfung angelegt. Aufgrund der Seltenheit der Erkrankung ist eine enge Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg notwendig. Die Ergebnisse sollen künftig maßgeblich dazu beitragen, evidenzbasierte Therapieempfehlungen für die Behandlung von SCAD zu entwickeln und die Versorgung und Lebensqualität betroffener Patient:innen weltweit zu verbessern.

Beteiligte Förderorganisationen des GCRFF:

British Heart Foundation (BHF), United Kingdom
Canadian Institutes of Health Research (CIHR) - Institute of Circulatory and Respiratory Health, Kanada
Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), Deutschland
Dutch Heart Foundation (Hartstichting), Niederlande
National Heart Foundation of New Zealand, Neuseeland
National Heart Foundation of Australia, Australien - Der Bewerbungsprozess ist noch nicht abgeschlossen.
National Institutes of Health - National Heart, Lung, and Blood Institute (NIH/NHLBI), USA - Der Bewerbungsprozess ist noch nicht abgeschlossen.

Beteiligte nationale und institutionelle Förderorganisationen:

Danish Heart Foundation (Hjerteforeningen), Dänemark
Swedish Heart-Lung Foundation, Schweden
Swiss Heart Foundation, Schweiz- Der Bewerbungsprozess ist noch nicht abgeschlossen.
Institutionelle Mittel der Victor Chang Cardiac Research Institute, Sydney, Australien
Institutionelle Mittel der Westmead Applied Research Centre, University of Sydney and NSW Health Cardiovascular Research Grant, Australien
Institutionelle Mittel des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Deutschland
Institutionelle Mittel der teilnehmenden spanischen Zentren (u.a. Hospital Universitario de La Princesa, Madrid, Spain)

Beteiligte private Stiftungen:

Kühne Stiftung

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Prof. Dr. Stefan Blankenberg, Universitäres Herz- und Gefäßzentrum, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE),

 s.blankenberg@uke.de

Herzrhythmusstörungen i.a. Short-QT-Syndrom

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Das Short-QT-Syndrom ist eine angeborene Erkrankung, die zum plötzlichen Herztod im jungen Alter führt. Als mögliche Ursache wurden vor Kurzem Mutationen im Gen SLC4A3 beschrieben, welches den Bicarbonat-Chlorid-Austausch reguliert. Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung einer Forschungsgruppe der Ruhr-Universität Bochum ist diesem Verdacht nachgegangen. Die Forschenden konnten herausfinden, was verschiedene Varianten des Gens in Herzmuskelzellen bewirken. So war der intrazelluläre pH-Wert erhöht und der Ionenstrom veränderte sich. Diese Erkenntnisse könnten helfen, Betroffene besser personalisiert zu behandeln.


Die Studie ist im European Heart Journal vom 5. März 2026 veröffentlicht.

Gestörter Herzrhythmus

Um den Blutfluss in Gang zu halten, müssen sich die Muskelzellen des Herzens konzertiert zusammenziehen und entspannen. Diese An- und Entspannung wird elektrisch gesteuert, indem verschiedene Ionen geregelt durch Kanäle in der Zellwand in die Zellen ein- und ausströmen. Beim Short-QT-Syndrom, kurz SQTS, ist diese Steuerung gestört. Das hat unter anderem zur Folge, dass die Zeit zwischen Anspannung und Entspannung der Herzmuskelzellen, das sogenannte QT-Intervall oder Repolarisationszeit, verkürzt und somit der Herzrhythmus gestört ist.

„Der Mechanismus einer Aktionspotenzialdauerverkürzung, der Verkürzung des QT-Intervalls und der Herzrhythmusstörungen bei den Trägern von Mutationen im Gen SLC4A3 war bisher nicht verstanden“, sagt Dr. Ibrahim El-Battrawy von der Kardiologie und Arbeitsgruppenleiter der Abteilung zelluläre und translationale Physiologie der Ruhr-Universität Bochum. Um mehr Erkenntnisse zu gewinnen, untersuchte das Forschungsteam zwei Varianten im SCL4A3-Gen, die für familiäre SQTS ursächlich sind.

Im Mittelpunkt standen die beiden bisher nicht beschriebenen Varianten im SLC4A3 Gen p.Arg370Cys und p.Lys531Thr. Das Forschungsteam generierte menschliche Herzmuskelzellen aus induzierten pluripotenten Stammzellen von den betroffenen Familien. Die Mutationen wurden mittels CRISPR/Cas 9 korrigiert, um genetisch identische Zelllinien herzustellen. Des Weiteren wurden die beschriebenen Mutationen in humane embryonale Nierenzellen, kurz HEK-Zellen, inseriert. Mittels verschiedenster Testverfahren untersuchte das Forschungsteam, was durch die Mutationen in den Zellen verändert war. Zum Einsatz kamen Patch Clamp, Ca2+-Transient-Imaging, Einzelzell-Kontraktion, intrazellulärer pH-Messung, Proteinstrukturanalyse, Immunfärbung und Optical-Mapping-Analysen in dem Organoid-Modell.

Alles beginnt mit verändertem pH-Wert

Die Zellen mit mutiertem Gen wiesen eine signifikant verkürzte Aktionspotentialdauer und eine hohe Rate an Arrhythmie-Ereignissen auf. Der Ein- und Ausstrom von Ionen war verändert: Die Zellen zeigten eine Reduktion des L-typ-Kalzium-Stroms (ICa-L), und eine signifikante Erhöhung des Natrium-Calcium-Austauscher-Stroms (INCX). Der intrazelluläre pH-Wert war signifikant erhöht. Um eine solche Erhöhung des pH-Werts zum Vergleich in Wildtyp-Herzzellen zu erzeugen, nutzte das Forschungsteam Ammoniumchlorid (NH4Cl). Diese Behandlung hatte auch bei Wildtyp-Zellen eine Verkürzung der Aktionspotentialdauer, eine Erhöhung des INCX und eine Reduktion des ICa-L zur Folge. „Wir gehen davon aus, dass das Ganze mit einer Erhöhung des intrazellulären pH-Wertes beginnt“, so Ibrahim El-Battrawy.

Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen – Quinidin und Sotalol – verlängerten die Aktionspotentialdauer und reduzierten die Häufigkeit von Rhythmusstörungen in den mutierten Zellen. „Diese Erkenntnisse sind für eine personalisierte Therapie bei SQTS-Patienten mit SLC4A3-Mutationen entscheidend“, sagt Ibrahim El-Battrawy.

Kooperationspartner

An dem Projekt sind verschiedene Forschungsstandorte national und international (Bochum, Mannheim, Göttingen, Heidelberg, Zürich, Valencia und Toronto) beteiligt.

Förderung

Die Arbeiten wurden gefördert durch das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung, die Hector-Stiftung, die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung und die Deutsche Herzstiftung.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Ibrahim El-Battrawy
Kardiologie, Rhythmologe und translationale Physiologie
Abteilung für zelluläre und translationale Physiologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel: ‪+49 234 32 29201‬
E-Mail: ibrahim.el-battrawy@ruhr-uni-bochum.de

Originalpublikation:
Zenghui Meng et al.: SLC4A3-related Short QT Syndrome Assessed in Human Induced Pluripotent Stem Cell-Derived Cardiomyocytes: Mechanisms of Ventricular Arrhythmia and Sudden Cardiac Death, in: European Heart Journal, 2026, DOI: 10.1093/eurheartj/ehag068, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41780556/

Hantavirus - Infektion

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Wie durch die aktuelle Medienberichterstattung bekannt wurde, kam es zuletzt im Zusammenhang mit dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ zu mehreren Hantavirus-Infektionen und Todesfällen. Eine Kontaktperson wurde unter strengen Sicherheitsvorkehrungen nach Deutschland gebracht und wird vorsorglich medizinisch untersucht. Nach den derzeit öffentlich verfügbaren Informationen schätzen internationale Gesundheitsbehörden das Risiko für die allgemeine Bevölkerung in Europa als sehr gering ein. Zwei Forschende der Medizinischen Fakultät ordnen die aktuellen Hantavirus-Fälle ein.


„Wichtig ist, den aktuellen Fall sachlich einzuordnen und zwischen verschiedenen Hantaviren zu unterscheiden“, sagt Dr. Roland Schwarzer, Virologe an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. „Hantaviren sind keine Coronaviren und verbreiten sich grundsätzlich anders als SARS-CoV-2. Die meisten Hantaviren werden nicht effizient von Mensch zu Mensch übertragen, sondern gelangen typischerweise über infizierte Nagetiere auf den Menschen.“

So kann man sich infizieren
Hantaviren sind zoonotische Viren, deren natürliche Reservoirwirte Nagetiere und andere kleine Säugetiere sind. Menschen infizieren sich meist durch Kontakt mit virushaltigen Ausscheidungen infizierter Tiere, insbesondere wenn kontaminierter Staub aufgewirbelt und eingeatmet wird. Solche Situationen können zum Beispiel beim Reinigen von Kellern, Schuppen, Garagen, Gartenhäusern oder anderen schlecht belüfteten Räumen mit Nagetierbefall entstehen.

Andes-Typ im aktuellen Fall
Eine Sonderstellung nimmt das Andesvirus ein, das nach derzeitigen Angaben im aktuellen Ausbruch nachgewiesen wurde. Für dieses Hantavirus sind seltene Mensch-zu-Mensch-Übertragungen nach engem Kontakt beschrieben. „Das bedeutet aber nicht, dass Hantaviren generell wie SARS-CoV-2 übertragen werden“, betont Dr. Hannah S. Schwarzer-Sperber, ebenfalls Hantavirusforscherin an der Medizinischen Fakultät. „Für die allgemeine Bevölkerung ist das Risiko nach Einschätzung von WHO und ECDC derzeit sehr gering. Für enge Kontaktpersonen gelten hingegen die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden.“

Hantaviren in Deutschland
Auch in Deutschland kommen Hantaviren vor, vor allem Puumala- und Dobrava-Belgrad-Viren. Diese können Erkrankungen verursachen, häufig mit Fieber, Kopf-, Rücken-, Muskel- oder Bauchschmerzen und teilweise mit Nierenbeteiligung. Ein großer Teil der Infektionen verläuft jedoch symptomlos oder mit unspezifischen Beschwerden. Für die in Deutschland vorkommenden Hantaviren ist keine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung bekannt.

Diese Symptome können auftreten
Die Symptome hängen vom jeweiligen Hantavirus ab. In Deutschland stehen meist fieberhafte Erkrankungen mit Kopf-, Muskel-, Rücken- oder Bauchschmerzen im Vordergrund; auch Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall können auftreten. In manchen Fällen kommt es zu einer Beteiligung der Nieren. Bei bestimmten amerikanischen Hantaviren können sich schwere Lungenerkrankungen entwickeln. Die Beschwerden sind anfangs oft unspezifisch, weshalb die Vorgeschichte wichtig ist: Gab es Kontakt zu Nagetieren, deren Ausscheidungen oder Aufenthalt in Räumen mit möglichem Mäusebefall?

Die Inkubationszeit beträgt meist etwa zwei bis vier Wochen, kann aber in Einzelfällen auch kürzer oder deutlich länger sein. Eine Diagnose wird nicht allein anhand der Symptome gestellt, sondern durch ärztliche Einschätzung und Labordiagnostik.

Diese Behandlungsmöglichkeiten gibt es
„Eine spezifische, allgemein etablierte antivirale Standardtherapie gegen Hantavirus-Infektionen steht derzeit nicht zur Verfügung“, erklärt Dr. Schwarzer. „Die Behandlung ist vor allem unterstützend und richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung. Dazu gehören engmaschige Überwachung, Flüssigkeits- und Kreislaufmanagement, Behandlung von Nieren- oder Lungenkomplikationen und bei schweren Verläufen intensivmedizinische Versorgung.“

So kann man sich schützen
In Deutschland zielen Schutzmaßnahmen vor allem darauf ab, Kontakt mit Nagetieren und deren Ausscheidungen zu vermeiden. „Räume mit möglichem Mäusebefall sollten nicht trocken ausgefegt oder abgesaugt werden, weil dadurch kontaminierter Staub aufgewirbelt werden kann. Stattdessen sollte man gut lüften, betroffene Bereiche anfeuchten, Handschuhe tragen, Staubentwicklung vermeiden und Ausscheidungen oder tote Nagetiere sicher entfernen,“ rät Dr. Schwarzer-Sperber. Lebensmittel sollten nagetiersicher gelagert und mögliche Zugänge für Nagetiere verschlossen werden.

Beim Andesvirus, bei dem seltene Mensch-zu-Mensch-Übertragungen beschrieben wurden, gelten in einem konkreten Kontakt- oder Ausbruchskontext zusätzlich die üblichen infektionshygienischen Vorsichtsmaßnahmen: engen ungeschützten Kontakt zu Erkrankten vermeiden, gute Händehygiene einhalten, Kontakt zu Körperflüssigkeiten vermeiden und bei möglicher enger Exposition die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden befolgen.

Hantavirus-Forschung in Essen
Am universitätsmedizinischen Standort Essen untersuchen die Arbeitsgruppen von Dr. Hannah S. Schwarzer-Sperber und Dr. Roland Schwarzer, wie Hantaviren menschliche Zellen infizieren und welche Veränderungen sie dort auslösen. In zwei aktuellen Arbeiten konnten die Forschenden zeigen, wie das in Europa relevante Puumala-Virus zelluläre Strukturen wie RNA-verarbeitende P-Bodies und das Zytoskelett verändert. Zugleich konnten sie standardisierte Verfahren für die Herstellung, den Nachweis und die Testung antiviraler Wirkstoffe gegen Orthohantaviren etablieren.

Diese Forschung entsteht in enger Zusammenarbeit mit weiteren Arbeitsgruppen, darunter die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Kathrin Sutter an der Medizinischen Fakultät. Ziel ist es, die Biologie dieser Viren besser zu verstehen und langfristig Grundlagen für verbesserte Diagnostik, Risikobewertung und antivirale Strategien zu schaffen.

Zusammenfassende Experteneinschätzung
Hantaviren können schwere Erkrankungen verursachen, sind aber nicht mit SARS-CoV-2 gleichzusetzen. Für die in Deutschland vorkommenden Hantaviren steht der Kontakt zu infizierten Nagetieren und deren Ausscheidungen im Vordergrund; eine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist hier nicht bekannt. Das Andesvirus ist eine wichtige Ausnahme, bei der seltene Übertragungen nach engem Kontakt beschrieben wurden. Nach Einschätzung internationaler Gesundheitsbehörden ist das Risiko für die allgemeine Bevölkerung in Europa im aktuellen Zusammenhang sehr gering.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT 
Dr. Hannah S. Schwarzer-Sperber, Leitung Arbeitsgruppe Schwarzer, Institut für die Erforschung von HIV und AIDS-assoziierten Erkrankungen, Tel: 0201 723-82863, hannah.schwarzer-Sperber@uk-essen.de

Dr. Roland Schwarzer, Leitung Arbeitsgruppe Schwarzer, Institut für die Erforschung von HIV und AIDS-assoziierten Erkrankungen, Tel. 0201 723-4343, roland.schwarzer@uk-essen.de
Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.uni-due.de/med

Die psychedelisch unterstütze Therapie

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Die psychedelisch unterstütze Therapie, der Einsatz der in psychoaktiven Pilzen enthaltenen Substanz Psilocybin, von LSD oder Ketamin zur Behandlung psychischer Erkrankungen, ist erneut in den Fokus gerückt. Viele Studien werden durchgeführt, gelegentlich ist von einer „Revolution in der Psychiatrie“ die Rede. Doch es gibt auch Zweifel. Während manche Patient:innen profitieren, sprechen andere gar nicht an, manchen geht es danach sogar schlechter. Um die Therapie künftig präziser einzusetzen, haben Forschende unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin therapeutische Erfahrungen weltweit gebündelt und beschreiben in Nature Mental Health* das Profil eines passenden Patientenbildes.

Charité-Studie führt erstmals therapeutische Erfahrungen weltweit zusammen

„Die Therapie mit Psychedelika ist eine scharfe Klinge. Es ist deswegen sehr wichtig, zu wissen, wann sie eingesetzt werden sollte – und wann nicht“, sagt Studienleiter PD Dr. Felix Betzler, Leiter der Arbeitsgruppe Recreational Drugs an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte. Es sind Patient:innen wie jene Frau mittleren Alters. Als sie sich in der Klinik vorstellt, leidet sie bereits seit vielen Jahren an einer Depression. Freude kann sie keine mehr empfinden. Alle medikamentösen Therapieversuche blieben erfolglos, ebenso eine langjährige Psychotherapie. Was sie noch am Leben hält, sind Freunde, ihre Partnerschaft, ihr Hund. Arbeitsfähig ist sie schon lange nicht mehr. Erfahrungen mit dem bewusstseinsverändernden Psilocybin hatte sie bislang nicht.

Die Frau lässt sich auf eine Sitzung in einem kontrollierten Studien-Setting ein. Sie erlebt diese als sehr intensiv, Emotionen brechen durch. Später wird sie die Erfahrung als schmerzvoll und heilend zugleich beschreiben. Als ob sie durch einen Sturm gesegelt wäre und plötzlich sei die Sonne durchgebrochen. Sechs Wochen nach der Behandlung ist die Depression verschwunden, zum ersten Mal seit über zehn Jahren. Der Test mit einem anerkannten Depressions-Score ergab keinerlei messbare Krankheitsanzeichen mehr.

Vom Rauschmittel zum Therapeutikum

Die positiven Effekte psychoaktiver Substanzen, ob natürlichen oder synthetischen Ursprungs, sind schon lange bekannt. Psychedelika können Wahrnehmung, emotionales Erleben und das Bewusstsein beeinflussen. Ihre Verwendung als Rauschmittel reicht weit in die Geschichte zurück. Wissenschaftlich erforscht werden bewusstseinserweiternde Stoffe seit mehr als 70 Jahren – nicht zuletzt, um neue Behandlungsmöglichkeiten zu erschließen. Vor allem bei schweren, therapieresistenten Depressionen, bei denen herkömmliche Medikamente zu keiner Verbesserung führen, bei Angststörungen, Sucht oder anderen psychischen Störungen werden Behandlungserfolge mit Halluzinogenen wie Psilocybin oder LSD beobachtet. Möglicherweise begünstigt der kontrolliert herbeigeführte Ausnahmezustand neue Verknüpfungen von Nervenzellen, das Gehirn wird „beweglicher“. Genau kennt man die zugrundeliegenden Mechanismen noch nicht. In der Regel haben bereits eine oder zwei begleitete Sitzungen eine starke Wirkung.

Allerdings: Die Behandlungsverläufe sind extrem variabel, wie ein weiteres Beispiel zeigt. Wieder handelt es sich um eine Frau mittleren Alters. Sie erhielt die gleiche Diagnose, hatte einen vergleichbaren Krankheitsverlauf und ähnliche Lebensumstände. Anders als die erste Frau erlebt sie die Sitzung als innere Tortur. Es gibt keinen Durchbruch und sie ist einfach nur froh, als es vorüber ist. Ihre Depression hat sich nicht verbessert, im Gegenteil. Nach dem Therapieversuch ist sie noch hoffnungsloser, denn auch dieser Strohhalm ist nun verloren.

Behandlungserfolg vorhersagen

Zwei scheinbar ähnliche Patientinnen und zwei Verläufe, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Warum ist das so? Gibt es demografische oder krankheitsbezogene Faktoren, die den Therapieerfolg bestimmen? Gibt es andere Einflüsse, die weniger günstige Ergebnisse wie starke Angstreaktionen, Schlafstörungen oder gar eine depressive Verschlechterung vorhersagbar machen? Zusammen mit Forschenden in Deutschland, England, Frankreich und den USA haben Felix Betzler und sein Team Therapeut:innen auf der ganzen Welt befragt, die regelmäßig psychedelisch begleitete Behandlungen durchführen.

Der umfangreiche, eigens dazu entwickelte Fragenkatalog erhob neben Berufserfahrung, Therapierichtung und Therapiekontext der Therapeut:innen zahlreiche mögliche Merkmale behandelter Patient:innen, darunter Lebensumstände, Aspekte der Persönlichkeit, Dauer und Schwere der Erkrankung. Ebenfalls erfragt wurden Setting-Eigenschaften der Therapie, die Intensität der Betreuung und die Dosierung des Psychedelikums. Antworten von insgesamt 158 Therapeut:innen gingen in die Auswertung ein – unabhängig davon, ob sie in einem gesetzlich geregelten Rahmen – also legal im Kontext klinischer Studien – therapeutisch tätig sind, ob in Ländern, in denen der Einsatz der Substanzen erlaubt ist, oder ob sie die Therapie jenseits der Legalität, de facto im „Untergrund“, durchführen.

„Das wohl wichtigste Ergebnis ist die Gesamtheit des Patientenprofils, das aus Sicht der Therapeut:innen ein gutes Ansprechen vorhersagt“, erklärt Felix Betzler. „Einige starke Merkmale haben sich abgezeichnet, über die sich die Befragten sehr einig waren.“ Neben einem stabilen Umfeld und Unterstützung von Familie oder Freunden fördern bestimmte Persönlichkeitseigenschaften den Therapieerfolg. „Offenheit für neue Erfahrungen, die Fähigkeit, bestimmte Umstände annehmen und akzeptieren zu können, loslassen zu können, aber auch eine sichere Bindungsfähigkeit sind entscheidende Faktoren“, so Erstautorin Grace Viljoen, Nachwuchsforscherin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Vorherige Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen, etwa durch Meditation oder besondere Atemtechniken, sind ebenfalls hilfreich. Der Konsum anderer Substanzen wie Kokain, Amphetamin, Alkohol und auch Cannabis ist dagegen eine negative Einflussgröße.

Auch der Persönlichkeitstyp spielt den Einschätzungen der Therapeut:innen zufolge eine Rolle. Besonders gut auf eine psychedelisch unterstützte Therapie sprechen demzufolge vermeidende, abhängige und zwanghafte Persönlichkeitstypen an. Vorsicht ist bei paranoiden, schizoiden und schizotypen Persönlichkeiten geboten. Narzisstische und antisoziale Persönlichkeitstypen oder emotional-instabile Persönlichkeiten vom Borderlinetyp waren eher schwer einzuordnen. „Mit dem Wissen, für welches Profil von Patientinnen und Patienten die Therapieform prinzipiell geeignet ist und wo sie dagegen eher Schaden anrichtet, können wir besser steuern, wer eine solche Therapie erhalten kann. Damit gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung Präzisionspsychiatrie in diesem sehr dynamischen Feld“, betont Felix Betzler.

Das richtige Setting

Die Erhebung macht weiterhin deutlich: Eine psychedelisch begleitete Therapie ist kein einfaches „Wundermittel“. Der Erfolg hängt maßgeblich davon ab, ob die therapeutische Erfahrung gut vorbereitet, professionell begleitet und anschließend sorgfältig verarbeitet wird. Patient:innen sollten im Vorfeld Vertrauen zu ihren Therapeut:innen aufbauen können, klare Ziele formulieren und Ängste benennen. Außerdem ist es ratsam, sich ausschließlich an spezialisierten Zentren und im Rahmen klinischer Studien behandeln zu lassen. Nur so ist sichergestellt, dass Therapeut:innen wissenschaftlich fundiert handeln und ebenso entscheiden.

Therapeut:innen, die bewusstseinserweiternde Substanzen nicht in klinisch kontrollierten und regulierten Settings anbieten, schätzten die Erfolgsaussichten in jeder Hinsicht optimistischer ein. „Ob bei Menschen höheren Alters, mit schwereren Erkrankungen, geringem sozialen Halt und auch ungeachtet der Tatsache vorheriger negativer Erfahrungen, die Vorbehalte bei Anwendungen im Untergrund waren deutlich geringer als in legalen Settings, zeigte eine Auswertung der Daten dieser Untergruppe“, so Felix Betzler. „Im besten Fall werden die jetzt erhobenen, entscheidenden Parameter bei der Auswahl künftiger Patient:innen berücksichtigt.“ In der Zukunft könnte dabei ein digitales Tool helfen, das das Studienteam anhand der erhobenen Daten entwickeln will und die Erfolgswahrscheinlichkeit einer psychedelisch begleiteten Therapie im Vorfeld bestimmen kann.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Manuela Zingl
PD Dr. Felix Betzler
Leiter der Arbeitsgruppe Recreational Drugs
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Campus Charité Mitte
Charité – Universitätsmedizin Berlin
T: ‪+49 30 450 517 278‬

Originalpublikation:
*Viljoen G et al. Therapist-rated predictors of response to psychedelic-assisted therapy. Nat. Mental Health 2026 Apr 29. doi: 10.1038/s44220-026-00642-4
Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.nature.com/articles/s44220-026-00642-4
https://psychiatrie-psychotherapie.charite.de/
https://prepare-survey-psychedelics.charite.de/
https://episode-study.de/

Ambulant vor Stationär

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In Deutschland gibt es ein großes Potenzial für die Verlagerung von mehr als 50 Prozent der Krankenhaus-Fälle in die ambulante Versorgung, wo die Patienten und Patientinnen deutlich günstiger und effizienter versorgt werden könnten. Das zeigt eine Analyse für den aktuellen Krankenhaus-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Das „Ambulantisierungspotenzial“ ist im Bereich der Grundversorgung wie der Inneren Medizin oder der Allgemeinen Chirurgie besonders groß.

Erste Erfahrungen mit den sogenannten Krankenhaus-Leistungsgruppen in Nordrhein-Westfalen deuten laut Report darauf hin, dass die Krankenhausreform gerade in der Grundversorgung kaum für Strukturveränderungen sorgen wird, während im Bereich spezieller Operationen bereits eine deutliche Konzentration stattgefunden hat. Außerdem zeigen die Analysen des Krankenhaus-Reports, dass die im Rahmen der Reform geplante Vorhaltevergütung und das 2020 eingeführte Pflegebudget einer stärkeren Ambulantisierung entgegenwirken. Problematisch sind außerdem die zahlreichen Ausnahmeregelungen, die im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens verankert wurden.

Der Report zeigt, dass in allen 16 Bundesländern mehr als die Hälfte der heute stationär versorgten Fälle potenziell vermieden oder ambulant versorgt werden könnten. In den Bundesländern reicht das Spektrum des „Ambulantisierungspotenzials“ von 53 Prozent bis 58 Prozent. „In keinem Bundesland ist es bislang gelungen, das Ambulantisierungspotenzial in einem strukturell relevanten Ausmaß zu heben“, sagt David Scheller-Kreinsen, WIdO-Geschäftsführer und Mitautor des Krankenhaus-Reports. Für die Analyse hat das WIdO in einer Modellrechnung alle wissenschaftlichen Ansätze zur Vermeidung oder zur Verlagerung von Krankenhausfällen in den ambulanten Bereich gemeinsam betrachtet und jeden im Jahr 2024 abgerechneten Krankenhausfall auf dieser Basis überprüft. Auf Bundesebene wären demnach von den insgesamt 15,2 Millionen Krankenhausfällen des Jahres 2024 etwa 8,6 Millionen Fälle „ambulantisierbar“ oder vermeidbar. Daraus ergibt sich ein Verlagerungs-Potenzial von 42 Prozent der Belegungstage im Krankenhaus und von 39 Prozent der Klinik-Ausgaben. „Die ambulante Erbringung medizinischer Leistungen führt zu deutlich geringeren Kosten als die stationäre Versorgung, da vor allem der teure Bedarf einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung entfällt“, so David Scheller-Kreinsen. „Die verminderten Kosten sollten in der Umsetzung allerdings auch zu geringeren Erlösen führen, um einen wirksamen Beitrag zur Stabilisierung der GKV-Finanzen zu erreichen.“

Die Verminderung von Krankenhausfällen ist vor allem in den fallzahlstarken Leistungsgruppen der Grundversorgung möglich. Dazu gehören zum Beispiel die Leistungsgruppen „Allgemeine Innere Medizin“ und „Allgemeine Chirurgie“, in denen jeweils über 60 Prozent der Fälle als ambulantes Potenzial identifiziert wurden. Die ersten Analysen aus Nordrhein-Westfalen zeigen allerdings, dass in den Leistungsgruppen der Grundversorgung kaum Veränderungen bei der Zahl der an der Versorgung beteiligten Krankenhaus-Standorte zu verzeichnen waren. „Das Thema wird mit der aktuellen Krankenhausreform nicht konsequent angegangen“, betont WIdO-Experte Scheller-Kreinsen. „Die Reform enthält praktisch keine Maßnahmen zur Ambulantisierung, die angesichts des Fachkräftemangels und der hohen Kosten im Krankenhausbereich aber dringend notwendig wäre.“ Hier müsse die Politik vor allem mit einer Reform der geplanten Vorhaltefinanzierung nachjustieren. Die Kapazitäten und die Vorhaltefinanzierung der Krankenhäuser müssen um die „ambulantisierbaren“ Leistungen bereinigt werden, damit der Status quo nicht zementiert werde. Auch die Regelungen für die sogenannten „sektorenübergreifenden Versorger“ an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung seien zu starr und verhinderten eine bedarfsgerechte Ausgestaltung in den Regionen.

Konzentration von speziellen Operationen auf deutlich weniger Kliniken in NRW

Positive Effekte kann die Umsetzung der Krankenhausreform laut dem Report auf die Bündelung von speziellen Krankenhaus-Eingriffen wie Hüft-Implantationen oder Krebsoperationen haben. Das zeigen die ersten Daten aus Nordrhein-Westfalen, wo die Einführung und Zuweisung sogenannter Leistungsgruppen bereits vorweggenommen worden ist. Die Zuweisung einer Leistungsgruppe setzt voraus, dass die Kliniken spezifische Qualitätskriterien zur personellen Ausstattung sowie zur Struktur- und Prozessqualität erfüllen. Die 60 in NRW eingeführten somatischen Leistungsgruppen sind als „Blaupause“ für die Reform auf Bundesebene verwendet worden. Bei Leistungen der Spezialversorgung wie der Orthopädie, der Gefäßchirurgie oder der Krebschirurgie war laut einer ersten Analyse der Versorgungsgeschehens eine deutliche Reduzierung der operierenden Krankenhaus-Standorte um bis zu 70 Prozent zu verzeichnen. So haben vor der Reform beispielsweise 247 Klinikstandorte Hüftimplantationen durchgeführt, während es nach der Zuweisung der Leistungsgruppen nur noch 137 Standorte sind. Im zweiten Quartal 2025 wurden nur noch 3 Prozent der Fälle an Standorten ohne Zuweisung einer Leistungsgruppe operiert, während es 2023 noch 17 Prozent der Fälle waren.

Erfahrungen aus der Schweiz: Ausnahmeregelungen werden breit genutzt

Der aktuelle Krankenhaus-Report bietet auch eine detaillierte Analyse der Krankenhausplanung in der Schweiz, die ebenfalls auf Leistungsgruppen basiert. Dort sind Anforderungen an die Leistungsgruppen und insbesondere Qualitätsvorgaben seit der schrittweisen Einführung 2012 nicht national vorgegeben worden, sondern ja nach Kanton unterschiedlich umgesetzt worden. Der Kanton Zürich nahm hierbei eine Pionierrolle ein. Die übrigen Kantone waren frei, diese Kriterien für Qualität zu übernehmen, zu adaptieren oder auf deren Einführung zu verzichten. Die Analyse zeigt deutlich, dass mögliche Ausnahmen von Qualitätsvorgaben auch genutzt werden, wenn es keine Pflicht zur verbindlichen Umsetzung gibt. „Daraus kann man für die deutsche Krankenhausreform wichtige Schlüsse ziehen“, erklärt Alexander Geissler, Professor für Gesundheitsökonomie, -Politik und -Management an der Universität St. Gallen. „Bei zu vielen Ausnahmeregelungen besteht die Gefahr, dass der durch den Gesetzgeber eingeleitete Reformprozess konterkariert wird und der leistungs- und qualitätsorientierte Umbau der Krankenhauslandschaft durch einen Flickenteppich von Anforderungen nicht zum Tragen kommt“, so der Experte.

Report beleuchtet Fehlanreize und Zielkonflikte beim Pflegebudget

Der Krankenhaus-Report 2026 beleuchtet darüber hinaus das dynamische Wachstum des Pflegebudgets. Seit dem Jahr 2020 können die Krankenhäuser sämtliche Kosten für Personalzuwachs direkt an die Krankenkassen weitergeben. Dieses neu eingeführte Prinzip der Selbstkostendeckung hat laut einer WIdO-Analyse zu einem starken Anstieg der Pflegekräfte in den Krankenhäusern, aber auch zu einer enormen Steigerung der Kosten von 19,4 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf 26,1 Milliarden Euro im Jahr 2024 geführt. In diesem Jahr liegen die Forderungen der Krankenhäuser aktuell zwölf Prozent über dem für 2025 vereinbarten Wert. Im aktuellen Maßnahmenpaket der Koalition zur Stabilisierung der GKV-Finanzen ist daher vorgesehen, die Zuwächse beim Pflegebudget zu begrenzen. „Diese Maßnahme wird zur kurzfristigen Eindämmung der seit Jahren ständig steigenden Kosten beitragen. Aber sie behebt nicht die systemischen Fehlanreize und Zielkonflikte, die durch das Pflegebudget entstanden sind“, erklärt WIdO-Geschäftsführer David Scheller-Kreinsen. So sei seit der Einführung des Pflegebudgets ein verlangsamtes Wachstum des Pflegepersonals in der Langzeitpflege zu verzeichnen. Auch bremse das Pflegebudget die Ambulantisierung und verlagere Tätigkeiten in die Pflege, die keiner pflegerischen Qualifikation bedürfen. „Das Pflegebudget muss auch vor diesem Hintergrund weiterentwickelt werden“, fordert Scheller-Kreinsen. „Wir müssen jetzt die Grundlagen für ein System schaffen, das langfristig Effizienz mit einer Abbildung von Pflegebedarf und perspektivisch Pflegequalität verbindet. Es sollten daher eine verbindliche Dokumentation von Pflegediagnosen und Pflegeleistungen gesetzlich verankert werden, die dann auch als Grundlage für ein neues Vergütungssystem genutzt werden können.“

Krankenhaus-Report 2026 zu verschiedenen Reformaspekten

Der Krankenhaus-Report 2026 widmet sich in insgesamt 20 Kapiteln dem diesjährigen Schwerpunktthema „Reformperspektiven“ in Bezug auf die Krankenhausstrukturen und die Krankenhausfinanzierung. Außerdem geht es um die Reformperspektiven für die Ambulantisierung und die sektorenübergreifende Versorgung. Die Beiträge des 420-seitigen Sammelbandes beantworten aus verschiedenen Blickwinkeln die Frage, ob die aktuelle Krankenhausreform auf dem richtigen Weg ist, um die aktuellen Herausforderungen mangelnder Qualitätsorientierung, einer alternden Gesellschaft und knapper werdender finanzieller sowie personeller Ressourcen zu meistern.

Originalpublikation:
David Scheller-Kreinsen, Jürgen Wasem, Andreas Beivers, Carina Mostert-Brenck (Hg.): Krankenhaus-Report 2026. Reformperspektiven. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-662-73132-1


Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.wido.de/publikationen-produkte/buchreihen/krankenhaus-report/

Ernährung und Medikamenten und der Darm

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Neben Ernährung und Medikamenten kann auch Übertragung zwischen Menschen eine wichtige Rolle im Mikrobiom spielen

Der menschliche Darm beherbergt ein komplexes Ökosystem aus Billionen Mikroorganismen (Mikrobiom), das Verdauung, Immunsystem und Stoffwechsel beeinflusst. Ein Forschungsteam unter Leitung der Universität Wien zeigt mit dem Analyseansatz "Reverse Ökologie", dass viele bekannte Darmbakterienarten aus mehreren evolutionär differenzierten Gruppen bestehen, die sich an unterschiedliche Bedingungen im Darm angepasst haben. Einige dieser Populationen stehen mit höherem Alter, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Darmkrebs und Typ-2-Diabetes in Zusammenhang. Die Ergebnisse wurden nun in Nature veröffentlicht und können künftig die Suche nach Biomarkern verbessern und langfristig präzisere Therapien ermöglichen.

Mikrobiomstudien ordnen Bakterien meist ganzen Arten oder genetisch ähnlichen Gruppen zu. Diese Kategorien sind praktisch, bilden aber nicht unbedingt jene Populationen ab, die an unterschiedliche Bedingungen im menschlichen Körper angepasst sind. So bleibt oft unklar, welche Bakterien mit Erkrankungen in Zusammenhang stehen, welche lediglich Begleiterscheinungen sind – und welche möglicherweise schützen. Daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Lassen sich präzisere biologische Einheiten finden, die durch Anpassung entstanden sind und verschiedene ökologische Nischen im Darm besetzen?

Über die Studie

Das Forschungsteam analysierte tausende bakterielle Isolate aus dem menschlichen Darm sowie umfangreiche Metagenomdaten – also die gesamte Erbinformation mikrobieller Gemeinschaften in der Probe – von Menschen aus unterschiedlichen Ländern sowie verschiedenen Alters- und Gesundheitsgruppen. Mithilfe eines neu entwickelten bioinformatischen Verfahrens im Rahmen der "Reverse Ökologie" – einem Ansatz, der aus Genomdaten auf ökologische Anpassungen schließt – suchten die Forschenden nach genetischen Spuren erfolgreicher Anpassung.

Mehr als eine Art

Besonders interessant waren Hinweise auf sogenannte "genomweite selektive Sweeps" – Prozesse, bei denen ein Individuum eine begünstigende Mutation erhält und dadurch andere, nahverwandte Individuen verdrängt. Dadurch geht einerseits Diversität verloren und andererseits entstehen Populationen von Individuen, die verwandtschaftlich und funktionell sehr homogen sind und sich daher im Datensatz klar voneinander unterscheiden. Die Analyse zeigte, dass sich viele bekannte Darmbakterienarten in mehrere solcher Linien aufgliedern. Diese Populationen unterscheiden sich offenbar darin, unter welchen Bedingungen sie besonders gut gedeihen. "Wenn man nicht nur Arten zählt, sondern evolutionäre Anpassung berücksichtigt, erkennt man die biologisch relevanten Einheiten im Mikrobiom deutlich genauer", sagt Erstautorin Xiaoqian Annie Yu, Centre for Microbiology and Environmental Systems Science (CeMESS), Universität Wien. "Selbst innerhalb derselben Bakterienart kommen manche Populationen bei bestimmten Erkrankungen häufiger vor als andere. Werden alle gemeinsam betrachtet, bleibt das oft verborgen."

Globale Ausbreitung innerhalb weniger Jahrzehnte

Die Forschenden fanden zudem Hinweise darauf, dass sich konkurrenzstarke Populationen über Kontinente hinweg rasch verbreiten können – teils innerhalb weniger Jahrzehnte. Ein solches Muster ist bislang vor allem von Krankheitserregern bekannt.
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass auch Darmbakterien dynamischer sind als lange angenommen. Gut angepasste Linien können sich international verbreiten und neue ökologische Nischen besetzen", sagt Studienleiter Martin F. Polz von der Universität Wien.
Das deutet darauf hin, dass nicht nur Ernährung, Medikamente oder Lebensstil das Mikrobiom formen, sondern auch Übertragungsprozesse zwischen Menschen eine wichtige Rolle spielen könnten.

Neue Perspektiven für Medizin und Diagnostik

Die Studie eröffnet neue Möglichkeiten für die Mikrobiomforschung. Statt ganze Bakterienarten mit Erkrankungen zu verknüpfen, könnten künftig gezielt jene Populationen erfasst werden, die tatsächlich von Bedeutung sind. Das könnte die Suche nach Biomarkern verbessern und langfristig präzisere Therapien ermöglichen – etwa durch die gezielte Förderung nützlicher oder die Verdrängung problematischer Bakterienlinien. Als nächsten Schritt will das Team untersuchen, welche Gene die identifizierten Populationen voneinander unterscheiden und welche biologischen Funktionen damit verbunden sind.

Zusammenfassung

• Viele Darmbakterienarten bestehen aus mehreren evolutionär eigenständigen Populationen.
• Einige dieser Populationen sind mit Alter, Darmkrebs, entzündlichen Darmerkrankungen und Typ-2-Diabetes assoziiert.
• Erfolgreiche Linien können sich weltweit innerhalb weniger Jahrzehnte verbreiten.
• Der Ansatz könnte präzisere Diagnostik und gezieltere Mikrobiomtherapien ermöglichen.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT
Theresa Bittermann
Univ.-Prof. Dr. Martin Polz
Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung
Universität Wien
1030 Wien, Djerassiplatz 1
T +43-1-4277-91207
martin.f.polz@univie.ac.at

Originalpublikation:
Xiaoqian et al (2026): Genome-wide sweeps create ecological units in the human gut microbiome. In Nature.
DOI: 10.1038/s41586-026-10476-w
https://www.nature.com/articles/s41586-026-10476-w