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Das Single Dasein von jungen Menschen - macht Krank?

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Immer mehr junge Erwachsene gehen keine romantischen Beziehungen ein – mit möglichen Folgen für ihr Wohlbefinden. Eine aktuelle Studie der Universität Zürich zeigt: Wer dauerhaft Single bleibt, verliert über die Zeit stärker an Lebenszufriedenheit und fühlt sich einsamer sowie depressiver – besonders ausgeprägt in den späten Zwanzigern.

Das Single-Dasein wird in den Medien zunehmend als Ausdruck von Lifestyle, Selbstbestimmung und Empowerment inszeniert. Begriffe wie «Self-Partnership», «Solo Living», «Sologamie» oder «Singlehood» prägen die Diskussion. Gleichzeitig entscheiden sich immer mehr junge Erwachsene gegen feste romantische Beziehungen. Ein Forschungsteam unter der Leitung der Universität Zürich hat untersucht, welche Auswirkungen ein dauerhaftes Single-Dasein auf das langfristige Wohlbefinden hat. Dafür wurden über 17'000 zu Beginn der Studie partnerschaftsunerfahrene junge Menschen aus drei repräsentativen Panelstudien in Deutschland und Grossbritannien herangezogen. Sie wurden im Alter von frühestens 16 bis spätestens 29 Jahren jährlich befragt.

Länger Single: männlich, gebildet – und weniger zufrieden
Das Team um Michael Krämer, Oberassistent am Psychologischen Institut der UZH, hat berechnet, welche jungen Erwachsenen voraussichtlich länger alleinstehend bleiben werden. Dabei zeigte sich: Männer, Personen mit einem aktuell geringeren Wohlbefinden oder einer höheren Bildung sowie diejenigen, die allein oder noch bei ihren Eltern wohnen, bleiben im Durchschnitt länger ohne feste Beziehung.

«Unsere Ergebnisse zeigen, dass sowohl soziodemographische Faktoren wie Bildung als auch psychologische Eigenschaften wie das momentane Wohlbefinden vorhersagen, wer Partnerschaften eingeht und wer nicht. Die Befunde, dass ein stärkerer Fokus auf Bildung bei manchen Menschen mit dem Aufschieben fester Partnerschaften einhergeht, sind konsistent mit Studien aus der Soziologie», sagt Studienleiter Michael Krämer.

Zunehmende Einsamkeit bei dauerhaften Singles
Zudem untersuchten die Forschenden, wie sich Lebenszufriedenheit, Einsamkeit und Depressivität im Verlauf des jungen Erwachsenenalters zwischen Personen, die dauerhaft alleinstehend blieben, und jenen, die später eine Partnerschaft eingingen, unterschieden.

Junge Erwachsene, die dauerhaft Single bleiben, verlieren im Verlauf stärker an Lebenszufriedenheit und fühlen sich zunehmend einsamer. Diese Belastungen nehmen in den späten Zwanzigern besonders deutlich zu, wo auch die Depressivität ansteigt. Frauen und Männer zeigen dabei ein insgesamt ähnliches Muster.

Erste Partnerschaft zeigt Wirkung
Anschliessend untersuchte das Forschungsteam, wie die erste romantische Beziehung das Befinden im Zeitverlauf beeinflusst. Sobald junge Erwachsene ihre erste Partnerschaft eingingen, verbesserte sich ihr Wohlbefinden in mehreren Bereichen: Sie wurden zufriedener und fühlten sich weniger einsam – sowohl kurzfristig als auch langfristig. Bei der Depressivität liess sich jedoch kein solcher Erholungseffekt feststellen.

«Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass ein längeres Single-Dasein im jungen Erwachsenenalter mit moderaten Risiken für das Wohlbefinden verbunden ist», fasst Krämer zusammen. Während sich dauerhafte Singles und Personen, die später eine Partnerschaft eingingen, in der Adoleszenz kaum unterschieden, nahmen die Unterschiede mit zunehmender Dauer der Single-Phase deutlich zu. «Dies deutet darauf hin, dass es in den späten Zwanzigern schwieriger werden kann, eine erste Partnerschaft einzugehen – zumal ein geringeres Wohlbefinden zugleich die Wahrscheinlichkeit erhöht, länger Single zu bleiben», so Krämer.

Literatur
Michael D. Krämer, Julia Stern, Laura Buchinger, Geoff MacDonald, Wiebke Bleidorn. Life Satisfaction, Loneliness, and Depressivity in Consistently Single Young Adults in Germany and the UK. Journal of Personality and Social Psychology. 13 January 2026. DOI: 10.1037/pspp0000595

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT
Dr. Michael Krämer
Universität Zürich
Psychologisches Institut
Differenzielle Psychologie und Diagnostik
Tel. ‪+41 44 634 44 67‬
E-Mail: m.kraemer@psychologie.uzh.ch

Originalpublikation:
Michael D. Krämer, Julia Stern, Laura Buchinger, Geoff MacDonald, Wiebke Bleidorn. Life Satisfaction, Loneliness, and Depressivity in Consistently Single Young Adults in Germany and the UK. Journal of Personality and Social Psychology. 13 January 2026. DOI: 10.1037/pspp0000595
Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2026/Single-Dasein.html

Ex -Raucher

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Ein Team vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) hat eine neue, risikoadaptierte Strategie für den Start des Lungenkrebs-Screenings bei ehemaligen starken Raucherinnen und Rauchern entwickelt. Ziel ist es, den Beginn der Früherkennung nicht pauschal festzulegen, sondern anhand der tatsächlichen Risikoreduktion zu bestimmen. Abhängig davon, wie lange der Rauchstopp zurückliegt, errechneten die Forschenden risikoangepasste Startalter zwischen etwa 53 und 67 Jahren.

Lungenkrebs wird häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt, wenn Symptome auftreten und die Heilungschancen gering sind. Hier setzt die Früherkennung mit Niedrigdosis-Computertomographie an: Durch diese vergleichsweise schonende Untersuchung lassen sich Tumoren in einem früheren, besser behandelbaren Stadium erkennen. Große Studien haben gezeigt, dass ein solches Screening die Sterblichkeit durch Lungenkrebs senken kann.

Darauf hat der Gemeinsame Bundesausschuss im Sommer 2025 mit dem Beschluss reagiert, die Lungenkrebs-Früherkennung mittels Niedrigdosis-CT für starke Raucherinnen und Raucher als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen. Dieses Angebot richtet sich an Menschen im Alter von 50 bis 75 Jahren mit hohem Tabakkonsum, die aktuell rauchen oder vor weniger als zehn Jahren aufgehört haben.

Doch ist es überhaupt sinnvoll, ehemaligen Rauchern, die vor weniger als zehn Jahren aufgehört haben, das Screening einheitlich beginnend mit dem Erreichen des 50. Lebensjahrs anzubieten? Und ist es richtig, ehemaligen Rauchern, deren Rauchstopp länger zurückliegt, gar kein Screening anzubieten? Ein Forschungsteam um Hermann Brenner vom DKFZ hat nun eine neue, risikoadaptierte Strategie für den Start des Lungenkrebs-Screenings bei ehemaligen starken Raucherinnen und Rauchern entwickelt. Ziel ist es, den Beginn der Früherkennung nicht pauschal festzulegen, sondern anhand der tatsächlichen Risikoveränderung abhängig vom Zeitpunkt des Rauchstopps zu bestimmen: In welchem Alter erreicht eine Person, die früher stark geraucht hat, das gleiche Risiko, das ein „dauerhafter“ Raucher im Alter von 50 Jahren hat?

Für die Studie wertete das DKFZ-Team Daten der UK Biobank, einer großen britischen Kohortenstudie, aus. Analysiert wurden 86.035 aktuelle und ehemalige starke Raucherinnen und Raucher im Alter von 50 bis 72 Jahren, die zu Studienbeginn nicht an Krebs erkrankt waren. Die ehemaligen Raucher teilte das Forschungsteam in vier Gruppen – abhängig davon, wie lange der Rauchstopp zurücklag (bis 5 Jahre, 6–10 Jahre, 11–15 Jahre, mehr als 15 Jahre). Während der Nachbeobachtungszeit traten 2.109 Lungenkrebsfälle auf.

Um konkrete Altersempfehlungen für den Screening-Start ableiten zu können, nutzten die Forschenden ein Konzept, das sich vereinfacht so erklären lässt: Wenn ein Rauchstopp das Lungenkrebsrisiko senkt, dann kann man berechnen, um wie viele „Risikojahre“ das mit dem Alter ansteigende Erkrankungsrisiko dadurch nach oben verschoben wird. Das Team bezeichnet diese Zeitspanne als „Risikoverzögerungszeit“. Sie gibt an, wie viele Jahre später ehemalige Raucher ungefähr das gleiche Erkrankungsrisiko erreichen wie Raucher, die nie mit dem Tabakkonsum aufgehört haben. Daraus lässt sich dann ein risikoadaptiertes Alter bestimmen, ab dem ein Screening bei Ex-Rauchern beginnen könnte – mit dem Referenzpunkt, dass aktuelle starke Raucherinnen und Raucher ab dem Alter von 50 Jahren starten.

Das Ergebnis: Je länger der Rauchstopp zurücklag, desto stärker war das Risiko reduziert – und desto später im Leben wurde das Referenzrisiko erreicht. Bei Personen, die höchstens fünf Jahre zuvor aufgehört hatten, lag die berechnete Risikoverzögerung bei rund 2,7 Jahren. Ein Beginn des Screenings wäre also etwa mit 53 Jahren zu empfehlen. Wer seit 6 bis 10 Jahren nicht mehr rauchte, erreichte das Referenzrisiko etwa 6,2 Jahre später, also ungefähr mit 56 Jahren. Aber selbst ehemalige Raucher, bei denen der Rauchstopp 11 bis 15 oder sogar über 15 Jahre zurücklag und die nach den geplanten Kriterien keinen Anspruch auf das Screening hätten, würden mit etwa 60 bzw. 67 Jahren das Risiko der starken Raucher ohne Rauchstopp erreichen. Insgesamt ergaben sich damit risikoadaptierte Startalter zwischen 53 und 67 Jahren.

„Mit der Untersuchung wollten wir die Grundlagen liefern, um die bisherigen, starren Altersgrenzen anzupassen“, erklärt Hermann Brenner. „Besonders relevant ist der Befund, dass Ex-Raucher mit langjährigem hohen Tabakkonsum nicht grundsätzlich von der Früherkennung ausgeschlossen werden sollten – in höherem Alter könnten sie wieder ein Risiko erreichen, bei dem ein Screening sinnvoll ist.“

Umgekehrt zeigt die Analyse, dass ein pauschaler Screening-Start mit 50 Jahren bei vielen ehemaligen starken Rauchenden möglicherweise zu früh sein könnte: Wenn das Risiko bereits deutlich gesunken ist, könnte ein späterer Start helfen, unnötige Strahlenexposition, Folgeuntersuchungen, Belastungen durch falsch-positive Befunde sowie das Risiko von Überdiagnosen und Übertherapie zu reduzieren. So könnte ein risikoadaptierter Ansatz sowohl die Wirksamkeit als auch die Verhältnismäßigkeit des Lungenkrebs-Screenings verbessern.

Clara Frick, Lara R. Hallsson, Uwe Siebert, Megha Bardwadj, Ben Schöttker, Hermann Brenner: Risk-adapted lung cancer screening starting ages for former smokers.
JAMA Network Open 10.1001/jamanetworkopen.2025.51281

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, Interessierte und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs.

Um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Patientinnen und Patienten zu verbessern, betreibt das DKFZ gemeinsam mit exzellenten Universitätskliniken und Forschungseinrichtungen in ganz Deutschland Translationszentren:

Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT, 6 Standorte)
Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK, 8 Standorte)
Hopp-Kindertumorzentrum (KiTZ) Heidelberg
Helmholtz-Institut für translationale Onkologie (HI-TRON) Mainz – ein Helmholtz-Institut des DKFZ
DKFZ-Hector Krebsinstitut an der Universitätsmedizin Mannheim
Nationales Krebspräventionszentrum (gemeinsam mit der Deutschen Krebshilfe)

Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Sibylle Kohlstädt
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg
T: ‪+49 6221 42 2843‬
E-Mail: S.Kohlstaedt@dkfz.de
E-Mail: presse@dkfz.de
www.dkfz.de

Originalpublikation:
Clara Frick, Lara R. Hallsson, Uwe Siebert, Megha Bardwadj, Ben Schöttker, Hermann Brenner: Risk-adapted lung cancer screening starting ages for former smokers.
JAMA Network Open 10.1001/jamanetworkopen.2025.51281

Entzündungsreaktionen Diabetws

 

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Entzündungsreaktion als mögliche Ursache für Organschäden identifiziert / Studie eröffnet neue Therapieansätze / Veröffentlichung am 27.11.2025 im European Heart Journal


Menschen mit Diabetes haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Herzschwäche und Nierenerkrankungen – selbst bei gut eingestellten Blutzuckerwerten. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Universitätsklinikums Freiburg hat einen zentralen Immunmechanismus identifiziert, der diese Folgeerkrankungen erklären kann. Die Studie zeigt, dass das Enzym Peptidylarginin-Deiminase 4 (PAD4) bestimmte Abwehrzellen aktiviert und so Entzündungsprozesse auslöst, die Herz und Niere schädigen. Die Ergebnisse wurden am 27. November 2025 im European Heart Journal veröffentlicht.

„Unsere Ergebnisse zeigen erstmals, dass PAD4 ein zentrales Bindeglied zwischen Diabetes und Entzündungsprozessen in Herz und Niere ist“, sagt Studienleiter Privatdozent Dr. Lukas A. Heger, Facharzt an der Klinik für Kardiologie und Angiologie I des Universitätsklinikums Freiburg. „Diese fehlgeleitete Immunantwort könnte erklären, warum viele Betroffene trotz guter Blutzuckereinstellung schwere Folgeerkrankungen entwickeln.“

Hinweise aus Patient*innenproben und Tiermodellen

Im Fokus der Studie steht das Enzym PAD4, das eine Schlüsselrolle bei der Aktivierung von Immunzellen spielt. Die Forschenden konnten zeigen, dass erhöhte Glukosewerte sogenannte Neutrophile Granulozyten unmittelbar aktivieren. Diese Immunzellen setzen daraufhin entzündungsfördernde Botenstoffe sowie neutrophile extrazelluläre Fallen (NETs) frei. Dieser Prozess wird durch PAD4 gesteuert und führt zu einer anhaltenden Entzündungsreaktion, die nicht nur Krankheitserreger bekämpft, sondern auch gesundes Gewebe schädigt.

In Herzgewebe von Patient*innen mit Herzschwäche fanden die Forschenden bei zusätzlichem Diabetes deutlich mehr NET-Ablagerungen als bei Patient*innen ohne Diabetes. 


Je stärker die Ablagerungen ausgeprägt waren, desto eingeschränkter war die Herzfunktion. 

Diese Beobachtungen bestätigten sich in Tiermodellen: Nur Mäuse mit aktivem PAD4 entwickelten typische diabetesbedingte Schäden wie verminderte Herzleistung, Narbenbildung im Gewebe und eine eingeschränkte Nierenfunktion.

Neue Perspektiven für die Therapie

Die Ergebnisse zeigen, dass Organschäden bei Diabetes nicht allein durch erhöhte Blutzuckerwerte entstehen, sondern wesentlich durch eine PAD4-abhängige Immunreaktion vermittelt werden. Besonders betroffen sind Herz und Nieren.

„PAD4 wirkt wie ein Schalter, der Neutrophile auf Entzündung programmiert“, sagt Prof. Dr. Dirk Westermann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie des Universitätsklinikums Freiburg. „Eine gezielte Hemmung dieses Enzyms könnte künftig dazu beitragen, Herz- und Nierenschäden bei Diabetes zu verhindern.“

Damit eröffnet die Studie neue therapeutische Perspektiven, die über die reine Kontrolle des Blutzuckers hinausgehen, zeigt Johannes Ferber auf

Die bakterielle Prostatitis

Ein Forschungsteam der Universität Würzburg hat erstmals aufgeklärt, wie E. coli-Bakterien in die Prostata gelangen. 

Die Entdeckung offenbart einen versteckten Infektionsweg und eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung bakterieller Prostatitis.

Die bakterielle Prostatitis, eine Infektion der Prostata, die in erster Linie durch Escherichia coli (E. coli) verursacht wird, ist ein häufiges Gesundheitsproblem bei Männern. Weltweit sind etwa ein Prozent aller Männer im Laufe ihres Lebens davon betroffen. Die Infektion entsteht, wenn Bakterien aus der Harnröhre oder der Blase in die Prostata gelangen. Die Behandlung der bakteriellen Prostatitis ist nach wie vor schwierig, da die Patienten oft lange Antibiotikabehandlungen mit hohen Dosen benötigen. Trotz Behandlung erleiden mehr als die Hälfte der Patienten innerhalb eines Jahres einen Rückfall.

Seit langem vermuten Forscher, dass Bakterien in die Prostatazellen eindringen, um zu überleben und dem Immunsystem und Antibiotika zu entkommen. Bislang fehlten jedoch direkte Beweise für diese Überlebensstrategie.

Eine im Labor gezüchtete Mini-Prostata

Bislang war die Erforschung von Prostata-Infektionen schwierig, da es keine geeigneten Labormodelle gab, die das echte Gewebe genau nachahmen. Ohne die Möglichkeit, Infektionen in der realen Gewebeumgebung zu beobachten, war die Entwicklung alternativer Therapien, jenseits von Antibiotika, nahezu unmöglich. Das hat sich nun geändert.

Ein Forschungsteam der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) hat ein „Mini-Prostata”-Organoidmodell aus adulten Stammzellen entwickelt. Dieses im Labor gezüchtete Modell ahmt das echte Prostataepithel in Struktur und Zellvielfalt nach. Mithilfe dieses Modells konnten die Wissenschaftler die Infektion Schritt für Schritt unter realistischen, kontrollierten Bedingungen nachvollziehen und genau identifizieren, wie die Bakterien angreifen. Dies liefert klare Hinweise für die Entwicklung gezielter Gegenmaßnahmen.


Dr. Carmen Aguilar, Nachwuchsgruppenleiterin am Institut für Molekulare Infektionsbiologie (IMIB) der Universität Würzburg, leitete die Studie gemeinsam mit Kollegen des Universitätsklinikums Würzburg (UKW), des Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) und der Universität Münster. Die Ergebnisse des Teams wurden in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Microbiology veröffentlicht.

Der Angriffsweg von E. coli entschlüsselt

„Wir haben gezeigt, dass die Invasion von E. coli in Prostatazellen kein zufälliger Prozess ist, sondern eine hochgradig koordinierte Operation, die eine bestimmte Schwachstelle in der Zellarchitektur des Prostataepithels ausnutzt“, erklärt Carmen Aguilar. Ihren Erkenntnissen zufolge kann E. coli nicht wahllos angreifen, sondern konzentriert sich auf einen bestimmten Zelltyp: die sogenannten Luminalzellen, welche die Drüsenkanäle der Prostata auskleiden und als erste mit den Bakterien in Kontakt kommen, wenn diese die Prostata erreichen.


Diese Invasion funktioniert nach einem „Schlüssel-Schloss-Prinzip“. Das bakterielle Protein FimH fungiert als „Schlüssel“, der genau in ein „Schloss“ auf der Oberfläche der Luminalzellen der Prostata passt. Die Forscher identifizierten dieses Schloss als den prostataspezifischen Rezeptor PPAP (prostataspezifische saure Phosphatase). „Nur wenn das bakterielle Protein an diesen Prostatarezeptor bindet, können die Bakterien in die Zellen eindringen, sich dort sicher vermehren und die Infektion auslösen“, erklärt Aguilar.


Ein Zuckermolekül blockiert die Infektion


Das Team begnügte sich jedoch nicht damit, den Infektionsweg zu entdecken. Es identifizierte auch eine Möglichkeit, diese Interaktion mit einem einfachen Zuckermolekül namens D-Mannose zu blockieren. Dieser Zucker, der bereits zur Vorbeugung und Behandlung von Blasenentzündungen eingesetzt wird, fungiert als „Scheinschloss“.


Die bakteriellen „Schlüssel“ binden dieses harmlose Zuckermoleküle anstelle der echten Rezeptoren auf den Prostatazellen und blockieren so wirksam das bakterielle Eindringen in die Zellen. Im Labor hat der Einsatz von D-Mannose bereits zu einer signifikanten Verringerung der Infektionen geführt, was auf eine mögliche neue Strategie zur Vorbeugung und Behandlung von Prostata-Infektionen hindeutet.

Auf dem Weg zu Alternativen zu Antibiotika

Das bahnbrechende Organoid-Modell bietet Forschern nun ein leistungsstarkes Werkzeug, um Prostata-Infektionen in bisher unerreichter Detailgenauigkeit zu untersuchen. Mit diesem System untersucht das Team von Dr. Aguilar nun, wie E. coli nach dem Eindringen in die Prostatazellen überlebt und sich vermehrt. Das Modell ermöglicht es Wissenschaftlern darüber hinaus, auch die Infektionsstrategien anderer relevanter Prostatapathogene wie Klebsiella oder Pseudomonas zu untersuchen.

„Angesichts der aktuellen Antibiotikaresistenzkrise ist es unser Ziel, neue Therapien zu entwickeln, die E. coli und andere Bakterien ohne den Einsatz von Antibiotika bekämpfen können. Zunächst müssen wir jedoch vollständig verstehen, wie diese Infektionen funktionieren“, sagt Carmen Aguilar. Solche Ansätze könnten eine wirksame Alternative zu herkömmlichen Antibiotika darstellen und einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenz leisten.


Förderung


Diese Arbeit wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR, FiRe-UPec-Projekt) und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG, GRK 2157 3D Infect) gefördert


MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Carmen Aguilar, Institut für Molekulare Infektionsbiologie (IMIB), Telefon: +49 931 31-88028, carmen.aguilar@uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch

Originalpublikation:

Uropathogenic Escherichia coli invade luminal prostate cells via FimH-PPAP receptor binding. Maria Guedes, Simon Peters, Amruta Joshi, Sina Dorn, Janina Rieger, Kimberly Klapproth, Tristan Beste, Alexander M. Leipold, Mathias Rosenfeldt, Antoine-Emmanuel Saliba, Ulrich Dobrindt, Charis Kalogirou & Carmen Aguilar. Nature Microbiology, https://doi.org/10.1038/s41564-025-02231-0

Weitere Informationen finden Sie unter

Carmen Aguilars Webseite

Pflegefachkräfte

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Eine repräsentative Studie des ZEW Mannheim und des ifo Instituts beschäftigt sich mit den Folgen der Abwanderung von Pflegekräften ins Ausland und untersucht in der Grenzregion zur Schweiz die Auswirkungen auf die Sterblichkeit von Patientinnen und Patienten. Diese stieg in den grenznahen Krankenhäusern um fünf Prozent, was wiederum den Anstieg der Lebenserwartung in der Region bremste. Im Jahr 2011 begannen viele in Grenznähe lebende deutsche Pflegekräfte, in der Schweiz zu arbeiten. Dies führte zu zwölf Prozent weniger Pflegekräften in grenznahen deutschen Krankenhäusern und damit zu einer schlechteren Gesundheitsversorgung für Patientinnen und Patienten.


Die Folge: eine verringerte Betreuungsquote und eine geringere Wahrscheinlichkeit, (notwendige) Operationen zu erhalten.

„Der durch den Pflegekräftemangel bedingte Rückgang von notwendigen medizinischen Eingriffen wirkte sich vor allem auf ältere Patientinnen und Patienten sowie Notfälle aus. Bei ihnen erhöhte sich die Sterberate. In den betroffenen Regionen ließ sich eine stagnierende Lebenserwartung beobachten, während diese im Rest Deutschlands stieg. Daraus kann man ableiten, dass Fachkräftemangel nicht nur das Wirtschaftswachstum, sondern auch den Anstieg der Lebenserwartung negativ beeinflussen kann“, erklärt Studienautor Oliver Schlenker, Research Associate am ZEW-Forschungsbereich „Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen“ und stellvertretender Leiter des Ludwig Erhard ifo Zentrums für Soziale Marktwirtschaft in Fürth.

Durch den Mangel an Pflegekräften begannen Krankenhäuser in den betroffenen deutschen Regionen zudem, Patientinnen und Patienten nach ihren medizinischen Bedürfnissen zu priorisieren und insbesondere die Anzahl nicht dringlicher Operationen zu reduzieren („Triage“). Dennoch sank auch die Betreuungsrate für Notfallpatienten/-innen, weshalb sich deren Sterblichkeit besonders stark erhöhte – so beispielsweise bei Erkrankten mit Sepsis und Herzinfarkt um 11,6 bzw. 17,7 Prozent. Insgesamt stieg die regionale Sterblichkeit, insbesondere bei älteren Personen, und die Lebenserwartung in der Grenzregion sank um mehr als 0,3 statistische Lebensjahre im Vergleich zu ähnlichen Kreisen im Inland.

Attraktive Gehälter in der Schweiz als Auslöser

Im Zuge der europäischen Schuldenkrise wurde der Schweizer Franken massiv aufgewertet und letztlich 2011 auf einem hohen Niveau durch die Schweizer Nationalbank faktisch an den Euro gekoppelt. In Kombination mit gleichbleibenden Lebenshaltungskosten in Deutschland, einer hohen Personalnachfrage in der Schweiz, und stagnierenden Löhnen in deutschen Krankenhäusern, machte das einen Stellenwechsel insbesondere für examinierte Pflegefachkräfte attraktiv. Daher stieg 2011 die Zahl der neuen Grenzgänger/innen im Gesundheitssektor massiv an, was zu mehr unbesetzten Stellen in deutschen Krankenhäusern in der Grenzregion führte.

Weitere Forschung zum Thema sei dringend nötig, betont Studienautor Schlenker: „In dieser Studie haben wir uns auf die Sterblichkeit konzentriert. Wichtig wäre auch zu untersuchen, welche Folgen der Pflegefachkräftemangel auf jüngere und gesündere Patientinnen und Patienten sowie auf das verbleibende Personal selbst hat. Es ist plausibel, dass er auch weitere negative Gesundheitsergebnisse begünstigt, beispielsweise chronische Erkrankungen und Folgeschäden.“

Datengrundlage

Als Datenbasis dienten verschiedene repräsentative Datensätze der statistischen Bundesämter Deutschlands und der Schweiz, darunter die Schweizer Grenzgängerstatistik, die deutsche Krankenhausstatistik, sowie regionale Daten. Der Wissenschaftler untersuchte alle stationären Krankenhausfälle über den Zeitraum von zwölf Jahren (2006 bis 2017), um die Auswirkungen des Fachkräftemangels auf die Sterblichkeit und Lebenserwartung herauszufinden.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Bastian Thüne
Oliver Schlenker
Research Associate im ZEW-Forschungsbereich „Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen“
Tel.: +49 (0) 911 477904-08
E-Mail: schlenker@ifo.de

Originalpublikation:
https://www.zew.de/fileadmin/FTP/dp/dp24071.pdf

Vorhofffllimmern

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Ein AFNET/EHRA Positionspapier

Ein internationales Expert:innengremium hat Empfehlungen zur Verbesserung der Behandlung von Ppatient:innen mit Vorhofflimmern veröffentlicht. 

Die Publikation fasst die Ergebnisse der 10. AFNET/EHRA-Konsensuskonferenz zusammen – einer zweitägigen Tagung von mehr als 80 namhaften Expert:innen aus Wissenschaft und Industrie, die im Mai 2025 gemeinsam vom Kompetenznetz Vorhofflimmern (AFNET) und der European Heart Rhythm Association (EHRA) veranstaltet wurde. Am 15. Dezember 2025 wurde der Konsensbericht in der Fachzeitschrift EP Europace publiziert (1).

Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung und geht mit Schlaganfall, Herzinsuffizienz und anderen schweren Komplikationen einher. 

Weltweit sind mehrere Millionen Menschen davon betroffen. Angesichts einer alternden Bevölkerung stellt Vorhofflimmern ein zunehmendes ungelöstes medizinisches Problem dar.

Während der 10. AFNET/EHRA-Konsensuskonferenz haben die eingeladenen Wissenschaftler:innen ihr interdisziplinäres Wissen über die Behandlung und Erforschung von Vorhofflimmern gebündelt und neue Perspektiven für eine bessere Versorgung diskutiert. Sie identifizierten Wissenslücken und wichtige Forschungsschwerpunkte. Die Kernaussagen ihrer Diskussionen sind in diesem Konsensbericht zusammengefasst.

Dr. Emma Svennberg, Kardiologin aus Stockholm, Schweden, und Erstautorin des Konsensuspapiers, erläutert: „Die Behandlung von Vorhofflimmern unterliegt derzeit einem erheblichen Wandel: Der Schwerpunkt liegt nicht mehr ausschließlich auf der Schlaganfallprävention, sondern zunehmend auch auf der Behandlung von Begleiterkrankungen und der Verringerung der Vorhofflimmerlast. 

Allerdings werden sowohl die Rhythmuskontrolle als auch die Therapie von Begleiterkrankungen nach wie vor zu selten eingesetzt, so dass Patient:innen mit Vorhofflimmern weiterhin schlechte Behandlungsergebnisse und damit verbundene hohe Gesundheitskosten zu verzeichnen haben. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer optimierten Behandlung, die auf Risikofaktoren, Vorhofflimmerlast und Rhythmus abzielt.“

Prof. Paulus Kirchhof, Hamburg, Deutschland, AFNET Vorstandsvorsitzender und einer der vier Vorsitzenden der Konsensuskonferenz, erklärt: „Die zunehmende Bedeutung der Rhythmuskontrolle als Behandlung, die durch die Verringerung der Vorhofflimmerlast den Krankheitsverlauf beeinflussen und kardiovaskuläre Ereignisse reduzieren kann, erzeugt einen neuen Bedarf an einfachen, sicheren und wirksamen rhythmuserhaltenden Therapien. Auch wenn die Katheterablation breiter verfügbar wird, werden viele Patient:innen mit Vorhofflimmern weiterhin auf eine medikamentöse rhythmuserhaltende Therapie angewiesen sein, entweder als primäre oder als ergänzende Behandlung. Die Entwicklung neuer antiarrhythmischer Medikamente, die Optimierung des Einsatzes der vorhandenen Antiarrhythmika und neue Konzepte zur Verhinderung von Vorhofflimmern bleiben klinische Notwendigkeiten.“

Der Konsensusbericht beschreibt außerdem quantitative Merkmale, die eine Umstellung auf risikoorientierte Therapiestrategien ermöglichen könnten, die sicher, zugänglich und patient:innenorientiert sind. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz kann die Risikoabschätzung und die Auswahl personalisierter Therapien weiter verbessern.

Prof. Andreas Goette, Paderborn, Deutschland, AFNET Vorstandsmitglied und Co-Vorsitzender der Konsensuskonferenz, fasst zusammen: „All diese Bemühungen eröffnen Wege zu einem personalisierten, patient:innenzentrierten, multimodalen und zugänglichen Vorhofflimmern-Management, das Rhythmuskontrolle, Schlaganfallprävention und Therapie von Begleiterkrankungen integriert, um die praktischen Bedürfnisse von heute mit den therapeutischen Innovationen von morgen zu verbinden.“

Prof. Jose Luis Merino, Madrid, Spanien, ehemaliger Präsident der EHRA und Co-Vorsitzender der 10. AFNET/EHRA-Konsensuskonferenz, sagt: „Seit vielen Jahren sind die AFNET/EHRA-Konsensuskonferenzen ein wichtiges Forum für die internationale Zusammenarbeit zwischen anerkannten Expert:innen auf dem Gebiet des Vorhofflimmerns. Wir glauben, dass die Empfehlungen dieses Expert:innengremiums dazu beitragen werden, die Vorhofflimmertherapie zu optimieren und die Ergebnisse für viele Patient:innen mit Vorhofflimmern weltweit zu verbessern.“

Die Teilnehmer:innen der 10. AFNET/EHRA-Konsensuskonferenz kamen aus Europa, den USA, Kanada und Australien. Den Vorsitz der Konferenz hatten die vier Kardiolog:innen Prof. Andreas Goette, und Prof. Paulus Kirchhof, beide AFNET, sowie Dr. Emma Svennberg und Prof. Jose Luis Merino, beide EHRA.

Die Konferenz wurde von AFNET und EHRA gemeinsam ausgerichtet und erhielt finanzielle Unterstützung von MAESTRIA, das im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms „Horizon 2020” der Europäischen Union (EU) gefördert wird (Fördernummer 965286). Teilnehmer:innen aus der Industrie zahlten eine Teilnahmegebühr.

Publikation
(1) Svennberg E et al. Transforming Atrial Fibrillation Management by Targeting Comorbidities and Reducing Atrial Fibrillation Burden: the 10th AFNET/EHRA Consensus Conference. Europace, 15.Dez 2025. DOI: 10.1093/europace/euaf318

Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET)
Das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) ist ein interdisziplinäres Forschungsnetz, in dem Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen aus Kliniken und Praxen deutschlandweit zusammenarbeiten. Ziel des Netzwerks ist es, die Behandlung und Versorgung von Patient:innen mit Vorhofflimmern in Deutschland, Europa und weltweit durch koordinierte Forschung zu verbessern. Dazu führt das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. wissenschaftsinitiierte, nicht-kommerzielle, klinische Studien (investigator initiated trials = IIT) und Register auf nationaler und internationaler Ebene sowie translationale Forschungsprojekte durch. Der Verein ist aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Kompetenznetz Vorhofflimmern hervorgegangen. Seit Januar 2015 werden einzelne Projekte und Infrastrukturen des AFNET vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) sowie einige Projekte aus EU-Forschungsmitteln gefördert. Das AFNET verfügt über langjährige Erfahrung in der Behandlung von Vorhofflimmern, unterstützt aber auch Forschungsarbeiten in anderen Bereichen, die für die kardiovaskuläre Versorgung relevant sind. Die Erkenntnisse aus der mittlerweile 20jährigen klinischen und translationalen Forschung des Forschungsnetzes haben das Leben von Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbessert und Behandlungsleitlinien beeinflusst.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT


Dr. Angelika Leute
Tel: ‪0202 2623395‬
a.leute@t-online.de

Originalpublikation:
Svennberg E et al. Transforming Atrial Fibrillation Management by Targeting Comorbidities and Reducing Atrial Fibrillation Burden: the 10th AFNET/EHRA Consensus Conference. Europace, 15.Dez 2025. DOI: 10.1093/europace/euaf318

Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.kompetenznetz-vorhofflimmern.de

Patientenverfügungen

Patientenverfügungen für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen sind in Deutschland weit verbreitet, das Pendant für psychische Erkrankungen deutlich weniger. Forschende der Ruhr-Universität Bochum haben in einem wissenschaftlichen Projekt gemeinsam mit verschiedenen Stakeholdern eine Vorlage für eine psychiatrische Patientenverfügung entwickelt und diese im November 2025 frei zugänglich im Psychiatrie-Verlag veröffentlicht, zusammen mit einem Leitfaden für das Erstellen der Vorausverfügung. Die Vorlage legt besonderen Wert darauf, Menschen mit psychischen Erkrankungen Selbstbestimmung zu ermöglichen. Sie steht auf der Verlagsseite zum Download bereit.


Das Team um Anne-Sophie Gaillard und Dr. Matthé Scholten entwickelte die Vorlage für die Patientenverfügung im SALUS-Projekt, welches das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert. Es ist die einzige existierende Vorlage in Deutschland, an deren Entstehung sowohl betroffene Menschen als auch andere zentrale Interessengruppen aktiv mitgewirkt haben.

Mehr Selbstbestimmung durch Patientenverfügungen

In einer psychiatrischen Patientenverfügung können Menschen in einer Situation, in der sie einwilligungsfähig sind, festlegen, welche Behandlungen sie während einer psychischen Krise wünschen und welche nicht. „Psychiatrische Patientenverfügungen fördern die Selbstbestimmung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung“, sagt Matthé Scholten. „Studien zeigen zudem, dass sie die Rate von Zwangsunterbringungen in der Psychiatrie signifikant reduzieren können.“

Im Rahmen des SALUS-Projekts hat das Bochumer Team seit 2018 unter anderem erforscht, welche Vor- und Nachteile psychiatrische Patientenverfügungen haben. Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass die Vorteile deutlich überwiegen.

„Viele psychisch erkrankte Menschen haben den Wunsch, Vorsorge zu betreiben. Das zu tun, gibt einem ein gutes Gefühl“, bestätigt auch Iris, die selbst psychisch erkrankt ist und sich über zwei Jahre lang intensiv in die Erarbeitung der nun veröffentlichten Vorlage eingebracht hat.

Wissenschaftliche Erkenntnisse in Vorlage eingeflossen

Das nun bereitgestellte Material erzeugte das Team vom Bochumer Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in enger Zusammenarbeit mit mehreren Betroffenen und deren Angehörigen, psychiatrischen Fachkräften und Rechtsexpertinnen und -experten. Der Leitfaden erklärt auf einfache Weise, wann und für wen eine psychiatrische Patientenverfügung sinnvoll ist, wie diese erstellt werden kann, und gibt Tipps zu Aufbewahrung, Aktualisierung und Widerruf. Der Leitfaden informiert außerdem darüber, was zu beachten ist, wenn die Einwilligungsfähigkeit der betroffenen Person beurteilt wird.

„Ich habe in das Projekt eine andere Sichtweise einbringen können“, sagt Iris. „Auch wenn psychische Erkrankungen sehr individuell sind und ich natürlich nicht für alle Betroffenen sprechen kann, konnte ich zum Beispiel beschreiben, wie sich bestimmte Situationen anfühlen“, ergänzt sie. Die Betroffene half auch, die Vorlage laienverständlich zu gestalten.

Sie zieht ein durchweg positives Fazit aus der engen Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. „Ich war bei allen Treffen des Forschungsteams dabei und habe einen tollen Einblick bekommen, wie Forschung funktioniert“, sagt Iris. „Nun bin ich ein Stück weit stolz, dass ich an etwas mitwirken konnte, was hoffentlich vielen Menschen helfen wird.“

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT


Dr. Matthé Scholten
Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: ‪+49 234 32 28628‬
E-Mail: matthe.scholten@ruhr-uni-bochum.de

Originalpublikation:
Anne-Sophie Gaillard, Esther Braun, Iris Haferkemper, Jonas Karneboge, Julia Haberstroh, Tanja Henking, Jakov Gather, Matthé Scholten: Selbstbestimmt in der Krise – Ein Leitfaden zur Erstellung und Anwendung psychiatrischer Patientenverfügungen, Psychiatrie Verlag, 2025, DOI: 10.1486/‪9783966053488‬https://forschen-und-teilen.de/selbstbestimmt-in-der-krise/

Anne-Sophie Gaillard, Jakov Gather, Iris Haferkemper, Jochen Vollmann, Sarah Potthoff, Matthé Scholten, Esther Braun: A Template for a Psychiatric Advance Directive: Co-development and Qualitative Evaluation with Key Stakeholders, in: International Journal of Law and Psychiatry, 2025, DOI: 10.1016/j.ijlp.2025.102135, https://doi.org/10.1016/j.ijlp.2025.102135

Stoffwechselerkrankungen

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Stoffwechselerkrankungen haben in der Gesellschaft epidemische Ausmaße erreicht. Nicht nur mangelnde Bewegung ist dafür verantwortlich, sondern auch langes Wachbleiben und künstliches Licht. Die innere biologische Uhr stimmt dann nicht mehr mit dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus überein. Um zu verstehen, wie sich Tageslicht auf den Stoffwechsel und auf die Blutzuckerkontrolle auswirkt, untersuchte ein Team der Universität Genf (UNIGE), der Universitätskliniken Genf (HUG), der Universität Maastricht und des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) dreizehn Personen mit Typ-2-Diabetes. Bei Tageslicht hatten die Teilnehmenden stabilere Blutzuckerwerte; auch das Stoffwechselprofil verbesserte sich.

Wie bei allen Lebewesen werden auch die körperlichen Prozesse beim Menschen vom Tag-Nacht-Rhythmus (zirkadianer Rhythmus) beeinflusst. Eine zentrale „innere Uhr“ im Gehirn steuert und synchronisiert dabei die „Uhren“ in Organen wie der Leber oder in der Skelettmuskulatur. „Wir wissen seit einigen Jahren, dass die Störung des Tag-Nacht-Rhythmus eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Stoffwechselstörungen spielt, von denen ein immer größerer Teil der westlichen Bevölkerung betroffen ist“, erklärt Professor Charna Dibner von der Medizinischen Fakultät der UNIGE und der HUG. Sie hat die Studie gemeinsam mit Professor Joris Hoeks von der Universität Maastricht und mit Professor Patrick Schrauwen vom DDZ geleitet.

„Einen Großteil unserer Tage verbringen wir unter künstlicher Beleuchtung, die eine geringere Lichtintensität und ein engeres Wellenlängenspektrum als natürliches Licht hat. Natürliches Licht synchronisiert die innere biologische Uhr effektiver mit der Umgebung. Wir wollten wissen, ob der Mangel an natürlichem Licht für Stoffwechselerkrankungen wie Typ-2-Diabetes verantwortlich sein könnte“, fügt Hoeks hinzu.

Stabilere Blutzuckerwerte bei natürlichem Licht

Das Forschungsteam rekrutierte 13 Freiwillige mit Typ-2-Diabetes, die 65 Jahre oder älter waren. Sie verbrachten viereinhalb Tage in speziell gestalteten Wohnräumen an der Universität Maastricht, die entweder mit natürlichem Licht durch große Fenster oder mit künstlichem Licht beleuchtet waren. Nach einer Pause von mindestens vier Wochen kehrten sie für eine zweite Sitzung zurück, diesmal in der jeweils anderen Lichtumgebung. „So konnten wir dieselben Personen unter beiden Bedingungen untersuchen. Individuelle Schwankungen in den Ergebnissen ließen sich so begrenzen“, erklärt Hoeks. „Abgesehen von der Lichtquelle wurden andere Parameter wie Mahlzeiten, Schlaf, körperliche Aktivität oder Bildschirmzeit nicht verändert.“

Trotz der kurzen Laufzeit des Experiments konnte das Team signifikante Unterschiede feststellen: Bei den Personen, die natürlichem Licht ausgesetzt waren, lagen die Blutzuckerwerte über einen längeren Zeitraum pro Tag im Normbereich und wiesen geringere Schwankungen auf – „zwei wichtige Faktoren, die darauf hindeuten, dass unsere Probandinnen und Probanden mit Diabetes ihren Blutzuckerspiegel besser kontrollieren konnten“, erklärt Patrick Schrauwen. Er ist Wissenschaftler in der Arbeitsgruppe Energiestoffwechsel am DDZ, die Professor Michael Roden, wissenschaftlicher Geschäftsführer und Sprecher des Vorstands des DDZ sowie Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, leitet. „Außerdem war ihr Melatonin-Spiegel am Abend etwas höher und auch der Fettstoffwechsel war besser“, ergänzt Schrauwen.

Um die beobachteten positiven Veränderungen des Stoffwechsels besser zu verstehen, entnahmen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Freiwilligen vor, während und nach jeder Lichtbehandlung Blut- und Muskelproben. „Die Regulation der molekularen Uhren in den kultivierten Skelettmuskelzellen haben wir zusammen mit Lipiden, Stoffwechselprodukten und Gentranskripten im Blut analysiert. Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass die innere Uhr und der Stoffwechsel durch natürliches Licht beeinflusst werden. Das könnte die Ursache für die bessere Blutzuckerregulation und die bessere Abstimmung zwischen der zentralen Uhr im Gehirn und den Uhren in den Organen sein“, erklärt Charna Dibner.

Die Ergebnisse sollen unter realen Bedingungen bestätigt werden

Diese Studie – die weltweit erste kontrollierte Crossover-Studie (eine Person, mehrere Behandlungsbedingungen) – untersuchte zwar nur eine kleine Gruppe älterer Menschen mit Typ-2-Diabetes über einen kurzen Zeitraum. Doch sie ist der erste Beweis für die positive Wirkung von natürlichem Tageslicht auf den Stoffwechsel im Vergleich zu künstlichem Licht, dem Menschen die meiste Zeit ausgesetzt sind.

„Der nächste Schritt wird sein, die Wechselwirkungen zwischen natürlichem Licht und der Stoffwechselgesundheit unter realen Bedingungen zu untersuchen. Freiwillige sollen über mehrere Wochen mit Lichtdetektoren und Glukosemessgeräten ausgestattet werden“, sagt Jan-Frieder Harmsen, Hauptautor der Studie, ehemaliger Doktorand in der Forschungsgruppe von Hoeks und derzeit Postdoktorand an der RWTH Aachen. „Diese Studie hebt auch den oft übersehenen Einfluss der Gebäudearchitektur auf unsere Gesundheit hervor.“

Hinweis von Frau Susen;

Vorgestellt:

Diese Studie wurde mit Unterstützung der VELUX Stiftung und der Daylight Academy, des Schweizerischen Nationalfonds und der Vontobel-Stiftung durchgeführt.

Originalpublikation:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1550413125004905?via%3Dihub

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DHZC Gentherapien

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DHZC-Forschende entwickeln System zur gezielten Behandlung einzelner Organe

Gentherapien – ebenso wie viele andere hochwirksame Medikamente – breiten sich nach der Gabe im gesamten Blutkreislauf aus. Um das eigentliche Zielorgan ausreichend zu erreichen, müssen deshalb oftmals sehr hohe Dosen eingesetzt werden. Das führt häufig zu erheblichen Nebenwirkungen und macht die Behandlung oft extrem teuer.

Ein Forschungsteam des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) hat nun ein Verfahren entwickelt, mit dem sich eine Gentherapie erstmals hochkonzentriert nur in einem einzigen Organ anwenden lässt – und dies im Tiermodell eindrucksvoll belegt.

Die jetzt in der Publikation „JACC: Basic to Translational Science“ veröffentlichte Arbeit zeigt: Dieses Konzept könnte die Behandlung genetischer Erkrankungen künftig grundlegend verändern.

Im dazugehörigen Editorial der Ausgabe des Fachjournals mit dem Titel: „A Revolutionizing Turn in Gene Delivery“ bezeichnet Prof. Atta Behfar, Kardiologe an der Mayo Clinic in Rochester/USA, die am DHZC entwickelte Technologie als einen „potenziellen Gamechanger für die Applikation neuartiger Therapien“: „Emmert et al. haben eine Plattform vorgestellt, die die Lücke zwischen dem Versprechen der Gentherapie und ihrer präzisen Umsetzung schließt. [Sie] läutet damit eine neue Ära organspezifischer Interventionen ein.“

Grenzen der bisherigen Gentherapie

Bei einer herkömmlichen, systemisch verabreichten Gentherapie gelangt der sogenannte Vektor – gewissermaßen ein „Gen-Transporter“ – über die Blutbahn in den gesamten Körper, um das Zielorgan zu erreichen. Er dockt dabei an Zellen an, wird von ihnen aufgenommen und bringt ein zusätzliches oder „repariertes“ Gen in die Zelle ein.

Viele dieser Vektoren reichern sich jedoch oftmals vor allem in Leber und Milz an, statt das eigentlich kranke Organ zu erreichen. Soll die Gentherapie wirksam werden, sind entsprechend hohe Dosen nötig – verbunden mit hohen Therapiekosten und vor allem mit einem deutlich erhöhten Risiko für Nebenwirkungen, was häufig die Sicherheit der Therapie stark beeinträchtigt.

Ein neuer Ansatz: nur das Zielorgan behandeln

Das Forschungsteam des Deutschen Herzzentrums der Charité um Herzchirurg Prof. Maximilian Emmert entwickelte deshalb in Kooperation mit dem Schweizer Biotechnologieunternehmen DiNAQOR ein katheterbasiertes „Closed-Loop-Perfusionssystem“, das sich an den Prinzipien und der Funktion von Herz-Lungen-Maschinen orientiert: Über zwei speziell entwickelte Ballon-Perfusionskatheter wurde im Rahmen der Studie die Niere kurzzeitig vom Körperkreislauf getrennt und in einem eigenen „Mini-Blutkreislauf“ mit sauerstoffreichem Blut versorgt. Nur in diesem geschlossenen Kreislauf wurden dann die Gentherapie-Vektoren eingebracht (siehe Abbildung).

Beeindruckende Effekte

Im isolierten Nierenkreislauf wurde eine bis zu 69.000-fach höhere Vektorkonzentration als im restlichen Körper gemessen. Die Zellen der Niere nahmen die „Gen-Transporter“ bis zu 75-fach stärker auf als bei einer herkömmlichen intravenösen Gabe – während andere Organe wie etwa die Leber oder die Milz nahezu gar nicht belastet wurden.

„Wir konnten zeigen, dass sich ein einzelnes Organ im lebenden Organismus sehr präzise und hochwirksam erreichen lässt – ohne die Risiken einer systemischen Verteilung“, sagt Maximilian Emmert. „Das eröffnet neue Perspektiven für Gentherapien, aber auch für viele andere Wirkstoffe wie z.B. Chemotherapien oder Antikörper, die lokal konzentriert und gleichzeitig für den restlichen Körper deutlich schonender verabreicht werden könnten.“

Zudem zeige die Studie, dass sich das Prinzip langfristig auch auf andere Organe wie Herz, Lunge oder Leber übertragen lasse, so Emmert.

Prof. Volkmar Falk, Ärztlicher Direktor des DHZC, ergänzt: „Die selektive Perfusion eines Organs mit Aufrechterhaltung der Organfunktion war bisher nur außerhalb des Körpers möglich. Durch die neue Plattform ergeben sich jetzt ganz neue Behandlungsoptionen im Rahmen der Präzisionsmedizin.“

Perspektive

Besonders profitieren könnten Patient:innen mit genetischen Nierenerkrankungen wie der autosomal-dominanten Zystennierenkrankheit (ADPKD), von der Expertenschätzungen zufolge rund 50.000 Menschen in Deutschland betroffen sind. Auch das Alport-Syndrom, eine andere vererbte und schwerwiegende Nierenerkrankung, betrifft in Deutschland mehrere tausend Menschen.

Bis zur Anwendung beim Menschen sind weitere präklinische und klinische Untersuchungen notwendig – die Forschenden am DHZC sehen in dieser Methode allerdings einen ermutigenden Ansatz für deutliche Fortschritte in der Behandlung genetisch bedingter Erkrankungen.

Die Arbeit des DHZC-Forschungsteams ist abrufbar unter: https://www.jacc.org/doi/10.1016/j.jacbts.2025.101409

Das dazugehörige Editorial von Prof. Atta Behfar ist hier nachlesbar: https://www.jacc.org/doi/10.1016/j.jacbts.2025.101436

Weitere Informationen:

Prinzip und Herausforderungen einer Gentherapie

Bei vielen genetischen Erkrankungen ist ein bestimmtes Gen fehlerhaft. Eine Gentherapie versucht, diesen Defekt zu korrigieren – indem sie den betroffenen Zellen eine funktionsfähige Kopie dieses Gens zur Verfügung stellt.

Dazu wird ein Vektor eingesetzt, gewissermaßen ein „Gen-Transporter“: Er bewegt sich durch den Körper, dockt an Zellen an, wird von ihnen aufgenommen und bringt dort ein zusätzliches oder „repariertes“ Gen ein. Die Zelle nutzt diesen Bauplan anschließend, um wieder das richtige Protein herzustellen. Viele Vektoren bestehen aus abgeschwächten Viren (z. B. AAV-Viren), die keine Krankheit auslösen können, aber sehr gut darin sind, Erbinformationen in Zellen einzuschleusen.

Damit eine Gentherapie wirkt, müssen genügend Vektoren im kranken Organ ankommen. Genau daran scheiterte die Gentherapie bisher jedoch häufig: Im Zielorgan kommen nur wenige Prozent der verabreichten Menge an. In der Folge müssen extrem hohe Dosen verabreicht werden – mit entsprechend hohen Kosten (mehrere hunderttausend bis Millionen Euro pro Behandlung) und einem erhöhten Risiko für Nebenwirkungen, vor allem in der Leber und im Immunsystem.

Wie das „Closed-Loop-System“ der DHZC-Forschenden genau funktioniert

Die DHZC-Forschenden entwickelten ein Verfahren, das ein einzelnes Organ vorübergehend in einen eigenständigen „Mini-Blutkreislauf“ versetzt – ohne Operation, allein über Katheter. Die Versuche wurden im Großtiermodell durchgeführt. Dabei werden zwei spezielle Ballonkatheter über Blutgefäße bis in die Nierenarterie und -vene vorgeschoben. Sobald die Ballons vorsichtig aufgeblasen werden, ist die Niere für kurze Zeit vom natürlichen Kreislauf getrennt.

Trotz dieser Abkopplung bleibt das Organ durchblutet: Das Blut wird in einem kleinen externen Kreislauf über eine Pumpe, ein Reservoir und einen pädiatrischen Oxygenator geleitet – ein Bauteil aus der Kinder-Herz-Lungen-Medizin, das für eine präzise Sauerstoffversorgung und Blutflusskontrolle sorgt.

In diesen kontrollierten Kreislauf geben die Forschenden anschließend den Gentherapie-Vektor. Da das Volumen in diesem „Closed-Loop-System“ sehr gering ist, steigt die Konzentration des Wirkstoffs in der Niere stark an, während gleichzeitig nur minimale Mengen in den übrigen Körper gelangen.

Für welche Erkrankungen dieser Ansatz künftig relevant sein könnte

Der neue Ansatz eignet sich vor allem bei Krankheiten, bei denen ein einzelnes Organ im Zentrum einer genetischen Störung steht – im vorliegenden Fall die Niere. Viele dieser Erkrankungen lassen sich bislang nur symptomatisch behandeln, weil es kaum Möglichkeiten gibt, den zugrunde liegenden Gendefekt direkt im Organ selbst zu korrigieren.

Dazu zählen unter anderem:

• Die Autosomal-dominante Zystennierenkrankheit (ADPKD)
Sie zählt zu den häufigsten vererbten Erkrankungen überhaupt. In Deutschland sind nach Expertenschätzungen rund 50.000 Menschen betroffen. Die Krankheit führt zu immer größer werdenden Zysten in den Nieren, die langfristig Dialyse oder Transplantation erforderlich machen können.

• Das Alport-Syndrom
Diese seltenere, aber schwerwiegende vererbte Erkrankung betrifft in Deutschland mehrere tausend Patientinnen und Patienten.

Darüber hinaus eröffnet der Ansatz Perspektiven für weitere Erkrankungen, die eine hochdosierte, lokal begrenzte Therapie erfordern – etwa entzündliche oder toxische Nierenschädigungen. Da das Verfahren prinzipiell auch auf andere Organe übertragbar ist, könnten langfristig sogar Erkrankungen von Herz, Lunge oder Leber von diesem Konzept profitieren.

Wie realistisch ein Einsatz beim Menschen ist

Die vorgestellte Methode befindet sich derzeit im präklinischen Stadium. Die Experimente wurden ausschließlich im Großtiermodell durchgeführt. Bis zu einem möglichen Einsatz am Menschen sind noch mehrere Schritte notwendig.
Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können klinische Phase-I-Studien beginnen, die zunächst vor allem die Sicherheit der Methode testen.

Originalpublikation:
https://www.jacc.org/doi/10.1016/j.jacbts.2025.101409

Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.dhzc.charite.de/news/revolutionaerer-wendepunkt-in-der-gentherapie-516/

Was offene Menschen auszeichnet

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Forschende der Universität Basel haben ein Instrument entwickelt, das misst, wann sich Menschen über die politischen Grenzen hinweg austauschen. Die Ergebnisse zeigen: Wie kontrovers ein Thema ist, spielt für die Dialogbereitschaft weniger eine Rolle als persönliche Faktoren.

«Demokratie lebt vom politischen Diskurs», sagt Dr. Melissa Jauch, Assistentin in der Abteilung für Sozialpsychologie der Universität Basel. «Es ist für eine Demokratie deshalb unverzichtbar, dass Menschen miteinander sprechen; zum einen, um die Gegenseite besser zu verstehen und im besten Fall politische Gräben zu überbrücken. Zum anderen aber auch, um die eigenen Ansichten kritisch zu hinterfragen.»

Gleichzeitig führt die zunehmende politische Polarisierung dazu, dass viele Menschen die Konfrontation mit Andersdenkenden scheuen, sei es aus Angst vor Konflikten oder aus dem Bedürfnis heraus, den Selbstwert nicht zu gefährden. «Es ist daher wichtig zu verstehen, unter welchen Umständen Menschen bereit sind, sich mit Andersdenkenden auszutauschen», so Jauch.

Die Postdoktorandin hat diese Frage zusammen mit weiteren Forschenden aus der Sozialpsychologie untersucht und die Ergebnisse vor Kurzem in der Zeitschrift «Political Psychology» veröffentlicht. Insgesamt wurden vier Studien mit Studierenden der Fakultät für Psychologie der Universität Basel sowie mit Stichprobengruppen in den USA und in Grossbritannien durchgeführt.

Interesse an anderen Meinungen

Um die Diskussionsbereitschaft zu messen, hat das Basler Forschungsteam mit WEDO (Willingness to engage with differently minded others) ein eigenes Messinstrument entwickelt. Die Funktionsweise ist einfach: Anhand von vorgegebenen hypothetischen Szenarien geben die Studienteilnehmenden in einem ersten Schritt ihre Haltung zu einem bestimmten Thema – zum Beispiel Nachhaltigkeit oder Einwanderung – auf einer mehrstufigen Skala an.

In einem zweiten Schritt werden sie gebeten, eine hypothetische Diskussionsgruppe zusammenzustellen. Dabei definieren sie den Bereich von Meinungen, den sie in dieser Gruppe als akzeptabel erachten: So kann ein Teilnehmer zum Beispiel Personen mit extrem abweichenden Meinungen ausschliessen, moderat abweichende Positionen aber zulassen. WEDO misst also nicht nur, ob jemand einen Dialog befürwortet oder verweigert. Das Instrument erfasst vielmehr die gesamte Bandbreite an Meinungen, die eine Person zu akzeptieren bereit ist.

Was offene Menschen auszeichnet

Die Untersuchung zeigt, dass Personen, die sich offen zeigen gegenüber Andersdenkenden, eher analytisch denken und ein generelles Bedürfnis haben, den Dingen auf den Grund zu gehen. «Menschen, die zu einem Schwarz-Weiss-Denken neigen und sich eher auf ihr Bauchgefühl verlassen, sind hingegen weniger bereit zum Austausch», berichtet Jauch.

Überrascht hat die Sozialpsychologin, dass es gemäss den Studien für die Dialogbereitschaft keine Rolle spielt, ob ein Thema politisch stark umstritten ist. «Wir gingen davon aus, dass bei kontroversen Themen anderslautende Meinungen eher vermieden werden. Das hat sich nicht bewahrheitet, im Gegenteil: Laut einer Studie sind Menschen bei kontroversen Fragen eher bereit, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen.»

Studien gehen weiter

Die Studien seien noch nicht abgeschlossen, sagt Melissa Jauch. Noch gebe es eine Reihe offener Fragen, die näher zu untersuchen seien: Warum zeigen sich Menschen bei umstrittenen Themen manchmal eher zum Dialog bereit? Welcher Kontext ist förderlich für einen politischen Austausch? Gibt es neben analytischem und intuitivem Denkstil weitere Persönlichkeitsmerkmale, welche die Dialogbereitschaft beeinflussen? Und welche Rolle spielen Stereotype?

WEDO bietet aber schon heute mehrere Vorteile: Im Vergleich zu Verhaltensstudien spart das Messinstrument Zeit und Kosten und kann leicht an verschiedene Themen und Kontexte angepasst werden. Ausserdem erlaubt es, das Spektrum an Meinungen, auf das sich die Menschen einlassen wollen, nuanciert zu bewerten – und leistet damit einen Beitrag, um die Faktoren zu identifizieren, die politische Gräben überbrücken können.

Originalpublikation:
Melissa Jauch et al.
How deep a divide do we tolerate? Measuring the willingness to engage with differently minded others (WEDO)
Political Psychology (2025)
doi: 10.1111/pops.70086