Qualitätszirkel Nieren- und Dialysen

Kardiologie Potsdam

Cardiovascular Prevention Center @Charité

Herzinsuffizienz

Universitätzmedizin Rostock

Universitätsmedizin Greiswald

Alexianer St. Josephs Potsdam

Dialyse-Pflege-Standard

salt

PICS Ambulanz

Dr.Vetter

Woran erkranken wir in Deutschland?

BG Klinken - Post-COVID-Programm

Herz Check

EMA

Dr. Heart

Herzhose

Lauflabor

IKDT

Online Strafanzeigen

medpoint - Fortbildungskalendar

Was hab ich?

Healthtalk

BKV Info

BKG

KHS BB

KHS BB
.

Kardiologie

Urologie Berlin

bbgk

VEmaH

ProBeweis

jkb

zurück ins leben

CRO

Gewebenetzwerk

Anamnese- und Untersuchungsbogen

Diagnostische Pfade

CIRS Bayern

Gender Medizin

idw

Nierenkrebs-Operation

space


Das Fast-Track-Verfahren wurde am Uniklinikum Würzburg nun erstmals auch bei einer Nierenkrebs-Operation erfolgreich angewendet. Die Patientin profitierte von einer nahezu schmerzfreien Behandlung, einer schnellen Erholung und einem kurzen Krankenhausaufenthalt.

Die Fast-Track-Chirurgie ist ein modernes Behandlungskonzept, das darauf abzielt, den Körper nach einer Operation schneller wieder ins Gleichgewicht zu bringen, postoperative Komplikationen zu minimieren und die Selbstständigkeit der Patientinnen und Patienten möglichst zügig wiederherzustellen. Das dazugehörige Maßnahmenbündel umfasst zum Beispiel eine optimierte Ernährung, ein differenziertes, multimodales Schmerzkonzept und eine individuelle Betreuung.

Bewährtes Konzept nun auch bei Nierenoperationen

Am Uniklinikum Würzburg (UKW) wurde das Konzept bislang in der Allgemeinchirurgie und der gynäkologischen Chirurgie umgesetzt. Die Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie des UKW wendet Fast-Track bereits seit einem Jahr erfolgreich bei radikalen Harnblasenentfernungen an. Im Januar dieses Jahres wurde das Verfahren nun auch auf Nierenoperationen ausgeweitet. Pilotpatientin war hier Petra Engelhardt. Die 72-Jährige war von einem Tumor an der rechten Niere betroffen. Dieser wurde von Privatdozent Dr. Charis Kalogirou, leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie des UKW, und seinem Team am 20. Januar operativ entfernt. Das Organ konnte dabei erhalten werden.

Entlassung schon drei Tage nach der OP

„Bei einem herkömmlichen Vorgehen wäre Frau Engelhardt mindestens sechs Tage stationär bei uns geblieben. Durch die Fast-Track-Chirurgie konnte sie schon nach drei Tagen und in einem sehr guten Gesundheitszustand nach Hause entlassen werden“, berichtet Kalogirou. Zu diesem überaus positiven Ergebnis trug neben dem minimalinvasiven Eingriff mit dem DaVinci-Operationsroboter vor allem ein innovatives Regionalanästhesieverfahren bei: Beim sogenannten Quadratus-Lumborum-Block werden Nerven ultraschallgesteuert gezielt blockiert. Zentraler Partner hierbei ist die Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. Deren Oberarzt, Privatdozent Dr. Maximilian Kippnich, erläutert: „Diese moderne Betäubungstechnik ermöglicht eine deutlich frühere Mobilisation der Patientinnen und Patienten, einen erheblich geringeren Bedarf an Schmerzmitteln – insbesondere an Opiaten – und trägt maßgeblich zur guten Ergebnisqualität bei." Außerdem konnte auf eine Drainage des Operationsgebiets verzichtet werden.

Optimierte Ernährung und schnelle Mobilisation

Das beschleunigende Verfahren startete allerdings schon deutlich vor der Operation. „Wir haben der Patientin in einem Gespräch erläutert, wie wichtig ihre Mithilfe hierbei ist", berichtet die Pflegekraft Verena Bolldorf aus dem Fast-Track-Team der Urologischen Klinik und fährt fort: „Beispielsweise hatte sie in der Zeit vor dem Eingriff auf eine kohlenhydrat- und eiweißreiche Ernährung plus ausreichend Bewegung mit Spaziergängen sowie Atem- und Beingymnastik zu achten."
Nach der Operation wurde eine schnelle Mobilisation angestrebt: Schon am Tag des Eingriffs konnte Petra Engelhardt zwei Stunden lang das Bett verlassen, was in den folgenden drei Tagen schrittweise auf acht Stunden gesteigert wurde. Der Dauerkatheter wurde bereits am Morgen nach der Operation gezogen. Noch am Operationstag selbst gab es für die Patientin feste, proteinreiche Kost, die die Wundheilung unterstützt und dem Muskelabbau entgegenwirkt.
Verena Bolldorf und ihre Kollegin Cornelia Röth-Mais vom Fast-Track-Team begleiteten und unterstützten Petra Engelhardt während ihres gesamten stationären Aufenthalts. „Und auch nach der Entlassung rufen wir die Patientinnen und Patienten innerhalb von 30 Tagen noch zweimal an, um uns nach dem Befinden zu erkundigen und bei Bedarf noch Empfehlungen zu geben", schildert die Fast-Track-Nurse 

Cornelia Röth-Mais!

Susanne Just

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORZ

Blutzucker

space


Bakterien nutzen Zucker als Nährstoff und wachsen darin. Urin ist praktisch zuckerfrei. Eine Behandlung mit SGLT2-Hemmern, die bei Diabetes 2 sowie Herz- oder Nierenerkrankungen eingesetzt werden, führt zu einer Zuckerausscheidung im Urin. Bei deren Einführung als Medikament gab es daher große Sorgen vor schweren Niereninfektionen. Die Bonner Forschenden Prof. Sibylle von Vietinghoff, Leiterin der Nephrologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) sowie Mitglied im Exzellenzcluster ImmunoSensation3, und ihre wissenschaftlichen Mitarbeitenden Dr. Georg W. Sendtner und Julia Miranda haben einen Mechanismus aufklärt, warum es bei SGLT2 Hemmung nicht zu vermehrten Infektionen der Niere selbst kommt.


Über dieses Forschungsergebnis berichteten die Experten kürzlich in der führenden nephrologischen Fachzeitschrift „Kidney International“.

Was ist Glukosurie, wie entsteht sie und welche Probleme bewirkt sie?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „Glukosurie ist Urinausscheidung von Zucker. Normalerweise ist der Urin zuckerfrei, da die Niere diesen Nährstoff sehr effizient zurückholt. Ausnahmen sind ein schwerer Diabetes 2, auch als „Alterszucker“ bekannt, der die Rückholkapazität der Nieren überfordert. Es gibt auch sehr selten genetische Veränderungen und eben - und das ist heute in Deutschland wahrscheinlich die häufigste Ursache – die Behandlung mit SGLT2-Hemmern.“

Welche Funktion hat SGLT2?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „SGLT2 ist der Transporter, der die größte Menge an Zucker aus dem Urin zurückholt. Er sitzt ganz am Anfang vom sogenannten Tubulusapparat. Das ist der Teil der Niere, der aus circa 160 Liter Primärharn am Tag diejenigen zwei bis drei Liter ‘destilliert’, die auch ausgeschieden werden.“

Was sind SGLT2-Hemmer und welche Komplikationen gibt es und welche wurden befürchtet?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „SGLT2-Hemmer verhindern, dass die Niere Glucose aus dem Urin zurückholt. Allgemein sind es sehr gut verträgliche Medikamente. Sie sollten nicht bei akuter Krankheit, das heißt also, wenn man nicht essen und trinken kann, eingenommen werden, sonst droht die Gefahr der Ketoazidose. Auch treten Infektionen der äußeren Harnwege häufiger auf. Das wurde auf das bessere Bakterienwachstum in Glucose zurückgeführt, das wir auch in unserer Arbeit bestätigen konnten.

SGLT2-Hemmer wurden ursprünglich zur Behandlung von Diabetes 2 entwickelt. Man wollte erreichen, dass vom Körper nicht verwendeter Zucker einfach über die Nieren ausgeschieden wird und damit den Stoffwechsel nicht mehr belastet. Dann stellte sich heraus, dass SGLT2-Hemmer Herz- und Nieren auch unabhängig von der Blutzuckereinstellung schützen. Nierenkranke zeigten eine bessere Nierenleistung und wurden seltener dialysepflichtig. Seit 2021 sind SGLT2-Hemmer zur Behandlung chronischer Nierenerkrankungen auch in Deutschland zugelassen. Für den Nierenschutz war das eine große Innovation. Die Leitlinien für die Behandlung der chronischen Nierenerkrankungen, kurz CKD, wurden umgeschrieben. Auch bei Herzschwäche sind SGLT2-Hemmer zur Standardmedikation geworden.“

Welche Hypothese stellen Sie auf, warum es bei der Behandlung mit SGLT2 Hemmern nicht zu schweren bakteriellen Niereninfektionen kommt?
Dr. Georg W. Sendtner: „Unsere Idee war, dass SGLT2 Hemmer in der Niere vielleicht nicht nur die Glukoseausscheidung verursachen, sondern auch Abwehrmechanismen beeinflussen, so dass am Ende die klinisch beobachtete, zunächst überraschende Infektneutralität steht.“

Zu welchem Schluss kommen Sie in Ihrer Publikation?
Julia Miranda: „Wir konnten zeigen, dass bei SGLT2 Hemmer-Behandlung in der Niere der Botenstoff Komplement C1q absinkt. C1q reduzierte in unseren Experimenten zum Beispiel die Fähigkeit von großen Fresszellen, wichtige Abwehrzellen gegen Bakterien anzulocken. Damit wären mit SGLT2 Hemmer behandelte Personen mit weniger C1q besser in der Lage sich gegen Bakterien zu wehren und in der Summe wieder geschützt.“

Was folgt daraus für Personen mit Niereninfektionen?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „Wir haben eine unerklärte klinische Beobachtung zum Anlass genommen, uns auf die Suche nach neuen Abwehrmechanismen bei Niereninfektionen zu machen, den wir im Komplement C1q auch gefunden haben.

Unsere Arbeit reicht hier über die SGLT2 Hemmung hinaus: Wir haben Komplement C1q auch bei gesunden Teilnehmenden der UK-Biobank in Bezug auf spätere Niereninfektionen untersucht. Die Daten zeigen, dass gesunde Menschen, die niedrigere C1q Spiegel hatten, später weniger Harnwegsinfekte bekamen. Das Ergebnis passt zu einer Rolle von C1q in der antibakteriellen Abwehr der Niere auch unabhängig von einer SGLT2 Hemmung.“

Beteiligte Institutionen und Förderung: Excellenzcluster Immunosensation3, DFG Forschungsgruppe "Bakterielle renale Infektionen und deren Abwehr (BARICADE)"

Publikation: Georg W. Sendtner, Julia Miranda et al.: Sodium glucose transporter 2 inhibition maintains kidney antibacterial response by decreasing complement C1q; Kidney International; DOI: 10.1016/j.kint.2026.01.003
https://www.kidney-international.org/article/S0085-2538(26)00009-8/fulltext

Zum Universitätsklinikum Bonn: Als eines der leistungsstärksten Universitätsklinika Deutschlands verbindet das UKB Höchstleistungen in Medizin und Forschung mit exzellenter Lehre. Jährlich werden am UKB über eine halbe Million Patienten ambulant und stationär versorgt. Hier studieren rund 3.500 Menschen Medizin und Zahnmedizin, zudem werden jährlich über 600 Personen in Gesundheitsberufen ausgebildet. Mit rund 9.900 Beschäftigten ist das UKB der drittgrößte Arbeitgeber in der Region Bonn/Rhein-Sieg. In der Focus-Klinikliste belegt das UKB Platz 1 unter den Universitätsklinika in NRW und weist unter den Universitätsklinika bundesweit den zweithöchsten Case-Mix-Index (Fallschweregrad) auf. 2024 konnte das UKB knapp 100 Mio. € an Drittmitteln für Forschung, Entwicklung und Lehre einwerben. Das F.A.Z.-Institut zeichnete das UKB im vierten Jahr in Folge als „Deutschlands Ausbildungs-Champion“ und „Deutschlands begehrtesten Arbeitgeber“ aus. Aktuelle Zahlen finden Sie im Geschäftsbericht unter: geschaeftsbericht.ukbonn.de

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Prof. Dr. Sibylle von Vietinghoff
Gesamtleitung Nephrologie
Medizinische Klinik 1, Universitätsklinikum Bonn
ImmunoSensation3, Universität Bonn
E-Mail: Sibylle.von_Vietinghoff@ukbonn.de

Originalpublikation:
Georg W. Sendtner, Julia Miranda et al.: Sodium glucose transporter 2 inhibition maintains kidney antibacterial response by decreasing complement C1q; Kidney International; DOI: 10.1016/j.kint.2026.01.003
Weitere Informationen finden Sie unter
Publikation

Vorhoffflimmern

space


Das internationale Forschungsprojekt AF-B-STEP soll erstmals systematisch erfassen, wie lange Vorhofflimmern individuell andauert (Vorhofflimmerlast) und feststellen, in welchem Ausmaß diese Last das Risiko für Schlaganfälle oder Herzinsuffizienz beeinflusst bzw. sich auf die Lebensqualität auswirkt. Das Projekt soll einheitliche Standards entwickeln, wie medizinische Geräte und Technologien von implantierbaren Herzgeräten bis Smartwatches Vorhofflimmern und die Vorhofflimmerlast quantifizieren. 18 Partner aus Europa und Kanada haben sich mit dem Ziel zusammengeschlossen, die Diagnose und Behandlung von Menschen mit Vorhofflimmern grundlegend zu verbessern. AFNET ist einer dieser Partner.

Die Diagnose Vorhofflimmern wird aktuell nicht quantitativ gestellt. Das internationale Forschungsprojekt AF-B-STEP will dies ändern: Erstmals soll systematisch erfasst werden, wie lange das Vorhofflimmern bei Menschen individuell andauert und in welchem Ausmaß diese Vorhofflimmerlast das Risiko für Schlaganfälle oder Herzinsuffizienz beeinflusst oder sich auf andere Lebensaspekte der Patient:innen auswirkt. Darüber hinaus wird das Projekt einheitliche Standards für die Quantifizierung von Vorhofflimmern und der Vorhofflimmerlast durch medizinische Geräte (etwa implantierbare Herzgeräte oder einsetzbare Ereignisrekorder) oder Wearable-Elektronik (z.B. Smartwatches) entwickeln. Ziel ist die grundlegende Verbesserung der Diagnostik und Versorgung von Menschen mit Vorhofflimmern. Dazu haben sich 18 europäische und kanadische Partner aus Wissenschaft und Industrie zusammengeschlossen. Koordiniert wird das Projekt von der Klinik für Kardiologie des Universitären Herz- und Gefäßzentrums des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) sowie vom Medtronic Bakken Research Center in Maastricht (Niederlande) als Projektleiter aus der Industrie. Über die kommenden vier Jahre wird das Vorhaben mit insgesamt rund 18 Millionen Euro von der Innovative Health Initiative (IHI) gefördert, wobei sowohl die Europäische Union als auch die Industrie Beiträge leisten.

„Die Ergebnisse sollen Mediziner:innen dabei unterstützen, anhand der Vorhofflimmerlast präziser zu entscheiden, wer welche Behandlung benötigt. Ziel von AF-B-STEP ist es, langfristig zu einer messbaren Reduktion von Schlaganfällen und Herzinsuffizienz beizutragen und zugleich unnötige Behandlungen bei Menschen mit niedriger Vorhofflimmerlast zu vermeiden“, sagt Prof. Dr. Paulus Kirchhof, Direktor der Klinik für Kardiologie des UKE, Vorstandsvorsitzender des Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) und Koordinator des Projektes AF-B-STEP (voller Titel: Quantifying Atrial Fibrillation Burden for Better Screening, Treatment, and HEalth Policy).

Vorhofflimmern erhöht das Risiko für Schlaganfall und Herzinsuffizienz und ist weltweit die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung. Es betrifft etwa ein Drittel der über 55-Jährigen und macht zwei bis drei Prozent der Gesundheitskosten in Europa und Nordamerika aus. Derzeit wird Vorhofflimmern gewöhnlich einfach mit „Ja“ oder „Nein“ diagnostiziert, auch therapeutische Entscheidungen basieren überwiegend auf dieser einfachen Klassifizierung. Bei Patient:innen tritt Vorhofflimmern jedoch in unterschiedlichen Ausprägungen und Intensitäten auf, von seltenen, kurzen Episoden über häufige Anfälle bis hin zu dauerhaftem Vorhofflimmern. Die Dauer des Vorhofflimmerns, die sogenannte Vorhofflimmerlast (atrial fibrillation burden), kann wesentlich Symptomatik, Prognose und therapeutische Entscheidungen beeinflussen. Mit größerer Vorhofflimmerlast steigt das Risiko für Schlaganfälle, Herzinsuffizienz, Krankenhauseinweisungen und andere nachteilige Auswirkungen. Herzschrittmacher und andere elektronische Implantate sowie zunehmend auch Smartwatches, Fitnesstracker und andere Wearable-Technologien ermöglichen heute die Erkennung selbst kurzer und seltener Episoden von Vorhofflimmern. Bislang fehlt jedoch eine standardisierte Methode zur zuverlässigen Quantifizierung der Vorhofflimmerlast und die präzise Beurteilung der daraus folgenden gesundheitlichen Risiken. Zudem fehlt eine einheitliche Berichterstattung der von implantierten und tragbaren Geräten erfassten Daten, was Vergleiche zwischen unterschiedlichen Systemen erschwert.

Auswertung von Daten von mehr als ‪100.000‬ Patient:innen weltweit
Hier setzt AF-B-STEP an, indem zunächst bestehende Daten zur Vorhofflimmerlast und zu den gesundheitlichen Folgen zusammengeführt und analysiert werden. Dafür stellen die Projektpartner:innen aus Wissenschaft und Industrie anonymisierte Datensätze von mehr als ‪100.000‬ Patient:innen zur Verfügung. Durch die Verknüpfung von Vorhofflimmerlast und klinischen Ergebnissen soll präzise berechenbar werden, wie hoch der Beitrag von Vorhofflimmern zum Risiko für Schlaganfall, Herzinsuffizienz sowie kardiovaskulären Tod ist und wie die Lebensqualität sowie die Herz- und Gehirnfunktion durch Vorhofflimmern beeinflusst werden. Gemeinsam mit Herstellern von implantierbaren Herzgeräten und Wearable-Technologien wird das Konsortium auch standardisierte Methoden zur Erfassung und Anzeige der Vorhofflimmerlast an die Betroffenen entwickeln. Idealerweise werden sich drei Kategorien herausbilden: niedrige Vorhofflimmerlast (keine weiteren Untersuchungen oder Therapien erforderlich), moderate Vorhofflimmerlast (weitere Diagnostik zur Therapieentscheidung notwendig) und hohe Vorhofflimmerlast (direkter Beginn einer Antikoagulation und einer Rhythmuskontrolltherapie). Eine verbesserte Patient:innenstratifizierung sowie mechanistische Erkenntnisse können anschließend in zukünftige Behandlungsleitlinien einfließen und die Rolle der Vorhofflimmerlast stärker bei Therapieentscheidungen berücksichtigen.

„Indem diese groß angelegte konzertierte Zusammenarbeit auf die bislang ungedeckten Bedarfe beim Management von Vorhofflimmern eingeht, wird sie grundlegend für die zukünftigen Anstrengungen zur weltweiten Verbesserung der Behandlung von Vorhofflimmern sein“, so Dr. Mirko De Melis, Distinguished Clinical Research Advisor am Medtronic Bakken Research Center in Maastricht, Niederlande, und Projektleiter des AF-B-STEP aus der Industrie.

„Während die Vorhofflimmerlast breit diskutiert wird, ist ihre klinische Anwendung weiterhin aufgrund von fehlenden validierten Schwellenwerten beschränkt. AF-B-STEP wird diese Lücke schließen, indem es exzeptionelle Datensätze, erfahrene Forschende und Partner:innen aus der Industrie zusammenbringt, um die praktische Anwendung der Vorhofflimmerlast in der klinischen Versorgung zu ermöglichen“, sagt Dr. William McIntyre, Projektleiter und Wissenschaftler am Population Health Research Institute, einem gemeinsamen Institut der McMaster University und Hamilton Health Sciences.

Prof. Dr. Barbara Casadei, Head of the National Heart and Lung Institute am Imperial College London (Großbritannien), sagt: „Vorhofflimmern ist ein großes globales Gesundheitsproblem, und die Zahl der Betroffenen – weltweit in Millionenhöhe – nimmt Jahr für Jahr weiter zu. Dieses Projekt bietet eine richtungsweisende Gelegenheit für Forschende, Wissenschaftler:innen und Kliniker:innen, gemeinsam die Initiative zu ergreifen und die besten Ansätze zur Erfassung, Risikostratifizierung und Versorgung von Menschen mit Vorhofflimmern zu entwickeln. Wir hoffen und sind überzeugt, dass wir in vier Jahren einen bedeutenden Wendepunkt in der Diagnostik von und im Umgang mit Vorhofflimmern erreichen werden.“

„Zu lange wurde Vorhofflimmern als einfache „Ja oder Nein“-Erkrankung behandelt. AF-B-STEP hat das Potenzial, die klinische Praxis zu verändern, indem der Zusammenhang zwischen Vorhofflimmerlast und bedeutsamen Outcomes wie Schlaganfall und Herzinsuffizienz untersucht wird; dies wird zum Ergebnis haben, dass die Versorgung von Millionen von Patient:innen weltweit verbessert wird“, sagt Prof. Dr. Helmut Pürerfellner, Präsident der European Heart Rhythm Association (EHRA), Partner von AF-B-STEP und Fachstelle der European Society of Cardiology.

„Bei BIOTRONIK sind wir überzeugt, dass klare und einheitliche Reporting-Standards entscheidend für die effektive Erforschung der Vorhofflimmerlast und letztlich für die Verbesserung der Patientenversorgung sind. BIOTRONIK unterstützt das AF-B-STEP Projekt mit Daten und wissenschaftlicher Expertise bei der Entwicklung breit anwendbarer Definitionen und Methodiken“, sagt Dr. Volker Lang, Senior Vice President Research & Development bei BIOTRONIK.

„Größe, Reichweite und Stärke dieser Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie versprechen, nicht nur einen standardisierten Rahmen zur Erfassung und Quantifizierung der Vorhofflimmerlast zu schaffen, sondern vor allem auch, die Vorhofflimmerlast mit schwerwiegenden klinischen Outcomes zu verknüpfen. Ihre Beziehung zur Vorhofflimmerlast zu verstehen, ist entscheidend, um daraus klinisch relevante Endpunkte für die zukünftige Entwicklung dringend benötigter Therapien für dieses zunehmende Krankheitsrisiko und die wachsende Bevölkerungsbelastung abzuleiten“, sagt Dr. Amy Sehnert von Thryv Therapeutics Inc.

Internationales Konsortium
AF-B-STEP ist ein internationales Forschungsprojekt, das Universitätskliniken, Industrievertreter aus der Medizintechnik-, der Pharma- und der digitalen Gesundheitsbranche, internationale Kardiologieorganisationen, Patient:innengruppen, Fachleute für Projektmanagement und Wissenstransfer sowie Kostenträger im Gesundheitswesen aus Europa und Kanada zusammenbringt.

Die Partner:innen sind:
• Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
• Medtronic Bakken Research Center B.V.
• Acesion Pharma ApS
• BIOTRONIK SE & Co. KG
• Boston Scientific International SA
• concentris research management GmbH
• IDM gGmbH
• Imperial College of Science Technology and Medicine
• Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET)
• McMaster University
• Medicalgorithmics SA
• Novartis Pharma AG
• Preventicus GmbH
• Societé Europénne de la Cardiologie
• Techniker Krankenkasse
• Thryv Therapeutics Inc.
• Universiteit Maastricht
• Withings France SAS

Kick-off Meeting
Das AF-B-STEP Konsortium kommt vom 3. bis 5. Februar in Amsterdam (Niederlande) zum ersten Mal zusammen. Das Kick-off-Meeting soll das Team motivieren, die Arbeit mit Engagement und einem klaren Ziel zu koordinieren und zu optimieren – nämlich die Belastung durch Vorhofflimmern weltweit zu reduzieren und dessen Quantifizierung und Behandlung voranzubringen.

Finanzierung
Das Projekt wird durch die Innovative Health Initiative Joint Undertaking (IHI JU) im Rahmen der Fördervereinbarung Nr. ‪101252780‬ unterstützt. Das JU erhält Unterstützung aus dem Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa der Europäischen Union sowie von COCIR, EFPIA, EuropaBio, MedTech Europe, Vaccines Europe sowie von den Konsortialpartnern Acesion Pharma ApS, Medical Algorithmics, Preventicus GmbH, Thryv Therapeutics Inc. und Withings. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind ausschließlich die der Autor:innen und spiegeln nicht unbedingt die der oben genannten Parteien wider. Keine der oben genannten Parteien haftet dafür.

Weitere Informationen zum Projekt AF-B-Step: https://afbstep.eu/

Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET)
Das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) ist ein interdisziplinäres Forschungsnetz, in dem Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen aus Kliniken und Praxen deutschlandweit zusammenarbeiten. Ziel des Netzwerks ist es, die Behandlung und Versorgung von Patient:innen mit Vorhofflimmern in Deutschland, Europa und weltweit durch koordinierte Forschung zu verbessern. Dazu führt das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. wissenschaftsinitiierte, nicht-kommerzielle, klinische Studien (investigator initiated trials = IIT) und Register auf nationaler und internationaler Ebene sowie translationale Forschungsprojekte durch. Der Verein ist aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Kompetenznetz Vorhofflimmern hervorgegangen. Seit Januar 2015 werden einzelne Projekte und Infrastrukturen des AFNET vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) sowie einige Projekte aus EU-Forschungsmitteln gefördert. Das AFNET verfügt über langjährige Erfahrung in der Behandlung von Vorhofflimmern, unterstützt aber auch Forschungsarbeiten in anderen Bereichen, die für die kardiovaskuläre Versorgung relevant sind. Die Erkenntnisse aus der mittlerweile 20jährigen klinischen und translationalen Forschung des Forschungsnetzes haben das Leben von Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbessert und Behandlungsleitlinien beeinflusst.

https://www.kompetenznetz-vorhofflimmern.de

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Angelika Leute
Tel: ‪0202 2623395‬
a.leute@t-online.de


Prof. Dr. Paulus Kirchhof
Universitäres Herz- und Gefäßzentrum | Klinik für Kardiologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Telefon: 040 7410-52438
p.kirchhof@uke.de


Weitere Informationen finden Sie unter
https://afbstep.eu/
https://www.linkedin.com/company/af-b-step
https://bsky.app/profile/afbstep.bsky.social
https://x.com/AF_B_STEP
https://www.kompetenznetz-vorhofflimmern.de

Soziale Isolationen durch ExtremEreignisse

space


Unter der Leitung von Dr. Samia Akhter-Khan an der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB) wurde heute eine Studie in Nature Health veröffentlicht, die zeigt: Der Klimawandel schädigt nicht nur die Umwelt, sondern erhöht auch das Risiko sozialer Isolation und verschlechtert die psychische Gesundheit. Die Studie zeigt, dass extreme Wetterereignisse soziale Netzwerke zerstören, Konflikte verstärken und insbesondere marginalisierte Gruppen treffen. Gleichzeitig zeigen Programme zur Stärkung sozialer Kontakte eine schützende Wirkung: Sie erhöhen die soziale Resilienz und können die Sterblichkeit während Hitzewellen senken, insbesondere für ältere Menschen.


Wie wirkt sich der Klimawandel über Umweltzerstörung hinaus auf die Menschen aus? Eine neue, in Nature Health veröffentlichte Studie unter der Leitung von Expertinnen der Medizinschen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB und der Charité Universitätsmedizin Berlin) legt nahe, dass der Klimawandel nicht nur die Umwelt schädigt, sondern auch das Risiko sozialer Isolation erhöht und die psychische Gesundheit verschlechtert. Es gibt jedoch noch Hoffnung: Neue Programme zeigen, dass soziale Kontakte vor den negativen Auswirkungen des Klimawandels schützen und sogar die Sterblichkeitsrate während Hitzewellen senken können.

Soziale Kontakte sind ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Es ist bekannt, dass soziale Isolation und Einsamkeit mit chronischen Krankheiten wie Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Diabetes und Demenz sowie einem insgesamt schlechteren Gesundheitszustand verbunden sind. Um die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern, ist es wichtig, die Faktoren zu identifizieren, die soziale Kontakte zerstören und zu Einsamkeit führen.

Obwohl bekannt ist, dass der Klimawandel Umwelt- und Gesundheitskrisen verursacht, hebt eine neue Studie, die von Dr. Samia C. Akhter-Khan, Prof. Julianne Holt-Lunstad und Prof. Shuyan Liu in Nature Health veröffentlicht wurde, hervor, dass die Auswirkungen des Klimawandels weitaus tiefgreifender sind. Laut Dr. Akhter-Khan von der MHB gibt es zunehmend Evidenz, die die Folgen des Klimawandels mit Einsamkeit und sozialer Isolation in Verbindung bringt.

Extreme Wetterereignisse, wie Überschwemmungen und Hitzewellen, können soziale Netzwerke zerstören und den täglichen sozialen Kontakt einschränken. Es hat sich auch gezeigt, dass solche Ereignisse Konflikte und Gewalt verstärken. Die Auswirkungen sozialer Isolation sind für marginalisierte und schutzbedürftige Menschen, die ohnehin einem höheren Risiko der Einsamkeit ausgesetzt sind, noch gravierender. Die Autorinnen betonen, dass unzureichende Unterstützung die körperliche und mentale Gesundheit weiter verschlechtert und zum Fortschreiten von Krankheiten führt.

Was können wir dagegen tun? Die Forscherinnen stellen mehrere Programme vor, die alle darauf abzielen, die sozialen Beziehungen im Kontext des Klimawandels zu stärken. Während Menschen, die alleine leben, eher an den Folgen extremer Wetterereignisse sterben, kann der Aufbau starker sozialer Bindungen die Resilienz von Gemeinschaften bei Klimakatastrophen erhöhen. „Nachbarschaftsprogramme, bei denen Nachbar:innen nach älteren Menschen sehen, die alleine leben, können die Sterblichkeitsrate während Hitzewellen tatsächlich senken. Klimaengagement kann eine weitere wertvolle Form sein, um soziale Resilienz zu schaffen und Einsamkeit zu verringern, insbesondere bei älteren Generationen, denen oft Passivität im Klimaschutz vorgeworfen wird“, sagt Dr. Akhter-Khan, die die Studie als Erstautorin leitete. „Wenn wir mehr Möglichkeiten für ältere Generationen schaffen, sich für den Klimaschutz zu engagieren, können wir das Bild älterer Menschen als wertvolle Mitwirkende im Umweltschutz verändern und Spannungen zwischen den Generationen abbauen.“

Die Forscherinnen betonen, dass es in diesem aufstrebenden Forschungsgebiet noch viel zu tun gibt. So muss beispielsweise noch genauer untersucht werden, wie Einsamkeit und soziale Isolation sich auf politische Meinungsbildung oder den Glauben an Verschwörungstheorien und Klimaleugnung auswirkt.

Da extreme Wetterereignisse weltweit zunehmen, ist davon auszugehen, dass die Kosten sozialer Isolation und Einsamkeit steigen werden. Künftige klimapolitische und gesundheitliche Maßnahmen könnten integriert werden, sodass die Folgen des Klimawandels nicht tiefer in das soziale und psychologische Gefüge unserer Gesellschaften eindringen, und stattdessen eine Gesellschaft schaffen, die sowohl klima- und sozial resilient ist.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Samia C. Akhter-Khan
Nachwuchsgruppenleiterin CARE Lab
Medizinische Hochschule Brandenburg
E-Mail: samia.akhter-khan@mhb-fontane.de

Originalpublikation:
https://www.nature.com/articles/s44360-025-00041-6.epdf?sharing_token=KlXjQrnkY3...

Impfung gegen das Varizella-Zoster

space


Kann die Impfung gegen das Varizella-Zoster-Virus (VZV), welches Windpocken und Gürtelrose auslöst, vor einer Demenz schützen? Im Jahr 2025 sind zwei große Studien – eine aus UK, eine andere aus Australien – publiziert worden, die beide quasi ein „Real-Life-Experiment“ waren und einen eindrucksvollen Nachweis liefern. Nun bestätigt eine aktuelle Publikation den beobachteten Effekt. Zwar wurde in allen Studien ein Lebendimpfstoff verwendet, der inzwischen in Deutschland und anderen Ländern nicht mehr verwendet wird, dennoch gehen DGN-Experten von einem ähnlichen Effekt des neuen rekombinanten Vakzins aus und raten Menschen ab 60 Jahren zur Impfung.


Im vergangenen Jahr zeigten verschiedene Studien einen interessanten Zusammenhang: Nach Impfung gegen VZV wurden geringere Demenzraten verzeichnet.

Beispiel Wales: Dort wurde zum Stichtag 01.09.2013 entschieden, Menschen, die am 02.09.1933 oder innerhalb eines Jahres danach geboren worden waren, gegen VZV zu impfen, während vor dem 02.09.1933 Geborene aus dem Impfprogramm ausgeschlossen blieben. Durch diese offizielle Regelung ergab sich eine Quasi-Randomisierung in Geimpfte und Ungeimpfte, die es erlaubte, die Demenzinzidenz von unmittelbar vor und unmittelbar nach dem Stichtag Geborenen zu vergleichen. Dabei zeigte sich, dass Geimpfte gegenüber Nicht-Geimpften innerhalb von sieben Jahren ein um 3,5 Prozentpunkte geringeres Risiko hatten, eine Demenz zu entwickeln (95 % CI 0,6-7,1; p=0,019) [1]. Dies entsprach einer relativen Risikoreduktion von 20 % (95 % CI 6,5-33,4). Ein ähnliches „Experiment“ wurde auch in Australien durchgeführt [2]. Hier war der Stichtag für die Impf-Berechtigung der 2. November 1936. Auch hier wurde die Demenz-Inzidenz bei den kurz nach dem 2. November 1936 mit den kurz davor Geborenen verglichen. Die Studie ergab, dass alleine die Impfberechtigung die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von 7,4 Jahren eine Demenzdiagnose zu erhalten, um 1,8 Prozentpunkte (95 % CI, 0,4–3,3 Prozentpunkte; P = 0,01) reduzierte. Da die Impfquote nicht genau zu ermitteln war, konnte der absolute Effekt der Impfung nicht bestimmt werden, ist aber höher einzuschätzen als der der Impfberechtigung.

Aktuelle Studie stärkt Datenbasis
Eine aktuelle in „Lancet Neurology“ publizierte Studie [3] belegt die Evidenz noch weiter: Wie in Wales und Australien wurde dort ein natürliches Experiment mit Einführung der Impfung in Ontario (Kanada) durchgeführt, das methodisch aber noch ausgefeilter war: Hier hatten Personen, die nach dem 1. Januar 2017 ihren 71. Geburtstag hatten, Anspruch auf eine Herpes-Zoster-Impfung, während diejenigen, die vor diesem Datum 71 Jahre alt geworden waren, nicht anspruchsberechtigt waren. Im Gegensatz zu den Studien aus Wales und Australien wurde nicht nur die Demenzrate dieser beiden Gruppen verglichen, sondern von dreien: (1) Personen, die keinen Anspruch auf die Impfung hatten, weil sie vor dem 1. Januar 1945 geboren worden waren, (2) Personen, die nur 3,5 Monate lang anspruchsberechtigt waren, weil sie im Jahr 1945 geboren worden waren, und (3) jene, die mindestens 1 Jahr und 3,5 Monate anspruchsberechtigt waren, weil sie zwischen dem 1. Januar 1946 und dem 15. September 1951 geboren worden waren. In einer Sekundäranalyse wurden die drei Gruppen dann noch mit den entsprechenden Geburtskohorten von anderen kanadischen Provinzen verglichen, die kein Impfprogramm hatten, um einen möglichen Bias durch eine unterschiedliche Entwicklung der Demenzinzidenzen in den jeweiligen Zeiträumen auszuschließen. Die Studie zeigte, dass allein die Impfberechtigung in einem Beobachtungszeitraum von 5,5 Jahren zu einer signifikanten Senkung des Demenzrisikos von 2 Prozentpunkten führte, wenn man die unmittelbar vor und nach dem 1. Januar 1946 Geborenen verglich. Wenn man den 1. Januar 1945 als Stichtag nutze, betrug der vorher-nachher-Unterschied ebenfalls 2 Prozentpunkte. Auch waren nach Beginn des Programms neue Demenzdiagnosen unter den Geburtskohorten, die für eine Herpes-Zoster-Impfung in Ontario in Frage kamen, deutlich seltener als in den gleichen Geburtskohorten in anderen kanadischen Provinzen, die kein Herpes-Zoster-Impfprogramm hatten. Die wirklichen Effekte sind vermutlich noch deutlich größer, da die Zahl der wirklich Geimpften nicht ermittelt werden konnte und die Bezugsgröße nur die Impfberechtigten sind. Die Daten belegen nach Ansicht der Studiengruppe einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Schutz vor Demenz.

„Zusammengenommen stellen alle drei Studien eine solide Datenbasis dar und zeigen populationsbasiert, dass die Impfung gegen Herpes zoster mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden ist“, erklärt Prof Dr. Peter Berlit, DGN-Generalsekretär.

Allerdings stellt sich die Frage nach dem Pathomechanismus: Handelt es sich bei den beobachteten Demenz-protektiven Effekten um spezifische Effekte gegen Zoster-Viren – schließlich stehen Herpes-Viren stehen schon länger im Verdacht, eine Demenz zu begünstigen – oder um unspezifische immunologische Effekte einer Impfung?

Die neuen Daten legen einen spezifischen Zoster-Effekt nahe
„Meines Erachtens sprechen die Daten eher für einen spezifischen Zoster-Effekt“, erklärt Prof. Dr. Jörg Schulz, Sprecher der Kommission Demenzen der DGN. „Denn in einer anderen Studie [4] wurden auch die Effekte von zwei weiteren Impfungen untersucht, einer Influenza-Impfung und einer kombinierten Influenza/Tetanus/Diphtherie-Impfung. Diese hatte keinen ‚Demenzschutz‘, so dass dies als spezifischer Effekt der Zoster-Impfung angenommen werden kann.“ Warum aber dann eine medikamentöse antivirale Therapie mit Valacyclovir bei Menschen mit früher symptomatischer Alzheimer-Krankheit und positiver Herpes-Serologie keinen Einfluss auf den kognitiven Abbau hatte [5], erklärt der Experte folgendermaßen: „Die Erkrankung war in der Studie wahrscheinlich bereits zu weit fortgeschritten. Auch bietet eine Impfung immer einen Schutz vor Infektion, während eine antivirale Therapie erst zum Einsatz kommt, wenn Viren womöglich schon einen schädigenden Mechanismus in Gang gesetzt haben.“

Hervorgehoben werden muss aber, dass in den drei Studien [1, 2, 3] ein Lebendimpfstoff verwendet wurde, der in den USA und vielen europäischen Staaten, so auch bei uns in Deutschland, gar nicht mehr verfügbar ist. Dennoch geht Prof. Schulz auch von einem ähnlichen Effekt des bei uns verfügbaren Impfstoffs aus. „Wenn die Herpes-Viren eine Demenz begünstigen, ist es egal, welche Art der Impfung die Infektion verhindert, Hauptsache, sie schützt effektiv vor der Infektion. Hinzu kommt, dass in der Studie von Taquet et al. [4] der rekombinante Todimpfstoff mit dem abgeschwächten Lebendimpfstoff verglichen wurde und sich diesem hinsichtlich der Demenzprävention sogar überlegen zeigte.

Die Impfung konnte sogar das Fortschreiten der Erkrankung bei Menschen mit Demenz verzögern
Eine aktuelle Analyse [6] der Arbeitsgruppe, die die Daten aus Wales und Australien ausgewertet hatte, kam außerdem zu einem besonders interessanten Ergebnis: Wie sich zeigte, reduzierte die Impfung die Zahl neuer MCI-Diagnosen („mild cognitive impairment“) von insgesamt 7,3 % innerhalb von neun Jahren im Gesamtkollektiv um 3 %. Die Zahl der Demenz-bedingen Todesfälle nahm sogar um 30 % ab: die Impfung zeigte also auch einen Effekt bei Menschen, die bereits an Demenz litten. „Das ist ein interessanter Aspekt. Die VZV-Impfung könnte somit auch bei beginnender Demenz eingesetzt werden, um den neurodegenerativen Prozess zu verlangsamen“, so Prof. Berlit.

Der Demenz-protektive Effekt der VZV-Impfung ist insgesamt so überzeugend, dass die DGN wie auch die STIKO diese Impfung allen Menschen über 60 Jahren empfiehlt, auch wenn bereits erste kognitive Einschränkungen vorliegen. „Sie ist offensichtlich doppelt effektiv: Sie schützt vor einer schmerzhaften Gürtelrose und reduziert darüber hinaus das Demenzrisiko bzw. verlangsamt eine vorliegende Demenzerkrankung“, fasst DGN-Generalsekretär Prof. Berlit zusammen.

[1] Eyting M, Xie M, Michalik F et al. A natural experiment on the effect of herpes zoster vaccination on dementia. Nature. 2025 May;641(8062):438-446. doi: 10.1038/s41586-025-08800-x. Epub 2025 Apr 2. PMID: ‪40175543‬; PMCID: PMC12058522.
[2] Martins D, McCormack D, Tadrous M et al. Impact of a Publicly Funded Herpes Zoster Immunization Program on the Burden of Disease in Ontario, Canada: A Population-based Study. Clin Infect Dis. 2021 Jan 27;72(2):279-284. doi: 10.1093/cid/ciaa014. PMID: ‪31922540‬; PMCID: PMC7840108.
[3] Pomirchy M, Chung S, Bommer C et al. Herpes zoster vaccination and incident dementia in Canada: an analysis of natural experiments. Lancet Neurol. 2026 Feb;25(2):‪170-180‬. doi: 10.1016/S1474-4422(25)00455-7. PMID: ‪41579903‬.
[4] Taquet M, Dercon Q, Todd JA, Harrison PJ. The recombinant shingles vaccine is associated with lower risk of dementia. Nat Med. 2024 Oct;30(10):2777-2781. doi: 10.1038/s41591-024-03201-5. Epub 2024 Jul 25. PMID: ‪39053634‬; PMCID: PMC11485228.
[5] Devanand DP, Wisniewski T, Razlighi Q et al. Valacyclovir Treatment of Early Symptomatic Alzheimer Disease: The VALAD Randomized Clinical Trial. JAMA. 2025 Dec 17:e2521738. doi: 10.1001/jama.2025.21738. Epub ahead of print. PMID: ‪41405855‬; PMCID: PMC12712832.
[6] Xie M, Eyting M, Bommer C, Ahmed H, Geldsetzer P. The effect of shingles vaccination at different stages of the dementia disease course. Cell. 2025 Dec 11;188(25):7049-7064.e20. doi: 10.1016/j.cell.2025.11.007. Epub 2025 Dec 2. PMID: ‪41338191‬.



MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Pressesprecher: Prof. Dr. Peter Berlit
Dr. Bettina Albers
Tel.: +49(0)174 2165629

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
ist mit ihren über 13.500 Mitgliedern die Stimme der Neurologie in medizinischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Verantwortung und steht für beste neurologische Versorgung und Hirngesundheit in Deutschland. Sie fördert als offene, praxisnahe, digital vernetzte, interprofessionell und interdisziplinär arbeitende Fachgesellschaft neurologischen Fortschritt, bildet kulturelle Vielfalt ab und ist sowohl wissenschaftlich als auch gesundheitspolitisch wirksam. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

Haferflocken Kur

space


Eine kurzzeitige Haferkur scheint den Cholesterinspiegel überraschend stark senken zu können. In diese Richtung deutet eine Studie der Universität Bonn, die jetzt in Nature Communications erschienen ist. Die Versuchspersonen litten am metabolischem Syndrom - einer Kombination aus Übergewicht, Bluthochdruck sowie erhöhten Blutzucker- und Blutfettwerten. Sie nahmen zwei Tage eine kalorienreduzierte Kost zu sich, die fast nur aus Haferflocken bestand. Gegenüber einer Kontrollgruppe verbesserten sich ihre Cholesterinwerte daraufhin deutlich. Selbst nach sechs Wochen ließ sich dieser Effekt noch nachweisen. Offenbar beeinflusste die Diät die Zusammensetzung der Mikroorganismen im Darm.

Dass Hafer segensreiche Wirkungen auf den Stoffwechsel hat, ist nicht neu. Der deutsche Mediziner Carl von Noorden behandelte Anfang des 20. Jahrhunderts Zuckerkranke mit dem Getreide - mit beachtlichem Erfolg. „Heute stehen für die Therapie von Personen mit Diabetes wirksame Medikamente zur Verfügung“, erklärt Marie-Christine Simon, Juniorprofessorin am Institut für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften der Universität Bonn. „Darüber ist diese Methode in den letzten Jahrzehnten fast völlig aus dem Blick geraten.“

Die Versuchspersonen in der aktuellen Studie waren zwar nicht zuckerkrank. Sie litten jedoch unter einem metabolischen Syndrom, das mit einem erhöhten Risiko für Diabetes verbunden ist. Zu den Merkmalen gehören Übergewicht, Bluthochdruck, ein erhöhter Blutzuckerspiegel und Störungen des Fettstoffwechsels. „Wir wollten wissen, wie sich eine spezielle Haferkur auf die Betroffenen auswirkt“, erklärt Simon, die auch Mitglied in den Transdisziplinären Forschungsbereichen „Life & Health“ und „Sustainable Futures“ der Universität Bonn ist.

300 Gramm Haferflocken täglich

Dazu sollten sich die Beteiligten dreimal täglich ausschließlich von Haferflocken ernähren, die sie zuvor in Wasser aufgekocht hatten. Sie durften die Mahlzeiten lediglich mit etwas Obst oder Gemüse verfeinern. Insgesamt 32 Frauen und Männer nahmen an dieser Hafer-Kur bis zum Abschluss teil. Sie aßen an beiden Tagen jeweils 300 Gramm Haferflocken und nahmen dabei nur gut die Hälfte der Kalorien zu sich wie normalerweise. Eine Kontrollgruppe wurde ebenfalls auf eine kalorienreduzierte Diät gesetzt, die allerdings keine Haferflocken umfasste.

Beide Gruppen profitierten von der Umstellung der Kost. Bei den Versuchspersonen, die sich der Haferkur unterzogen hatten, war der Effekt jedoch deutlich ausgeprägter. „Der Spiegel des besonders schädlichen LDL-Cholesterins sank bei ihnen um 10 Prozent - das ist eine substanzielle Reduktion, wenn auch nicht ganz vergleichbar mit der Wirkung moderner Medikamente“, betont Simon. „Zudem verloren sie im Schnitt zwei Kilo Gewicht und ihr Blutdruck sank ebenfalls leicht.“

Gerade die Wirkung auf das LDL-Cholesterin dürfte Gesundheitsrelevanz haben. Denn wenn davon zu viel im Blut vorhanden ist, wird es in den Gefäßwänden deponiert. Durch diese sogenannten Plaques verengen sich die Adern. Außerdem können die Einlagerungen einreißen, etwa durch einen Blutdruckanstieg nach körperlicher Anstrengung, Ärger oder Stress. Als Folge kann sich an der betroffenen Stelle ein Blutgerinnsel bilden, der das Gefäß komplett verschließt. Alternativ können Bestandteile der Plaques vom Blut weggeschwemmt werden und einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hervorrufen.

Hafer fördert Wachstum „gesunder“ Darmbakterien

Doch wie entfalten Haferflocken ihre segensreichen Wirkungen? „Wir konnten feststellen, dass sich durch den Verzehr der Haferflocken die Zahl bestimmter Bakterien im Darm erhöht“, erklärt Simons Mitarbeiterin Linda Klümpen, die Erstautorin der Studie. Dieses sogenannte Mikrobiom ist in den letzten Jahrzehnten immer stärker in den Fokus der Forschung geraten. Denn man weiß heute, dass Darmbakterien einerseits entscheidend in den Abbau der Nahrung eingreifen. Andererseits geben sie Stoffwechselprodukte, die sie dabei erzeugen, in ihre Umgebung ab. Sie versorgen damit unter anderem Darmzellen mit Energie, so dass diese ihre Aufgaben besser wahrnehmen können.

Außerdem verschicken die Mikroben manche ihrer Produkte über den Blutstrom durch den Körper, wo sie unterschiedliche Wirkungen entfalten können. „Wir konnten zum Beispiel nachweisen, dass die Darmbakterien durch den Abbau des Hafers phenolische Verbindungen produzieren“, sagt Klümpen. „Bei einer von ihnen, der Ferulasäure, ist bereits in Tierstudien gezeigt worden, dass sie den Cholesterinstoffwechsel positiv beeinflusst. Bei manchen anderen der bakteriellen Stoffwechselprodukte scheint das ebenfalls der Fall zu sein.“ Umgekehrt „entsorgen“ andere Mikroorganismen die Aminosäure Histidin. Diese wird vom Körper ansonsten teilweise in ein Molekül umgewandelt, das im Verdacht steht, eine sogenannte Insulinresistenz zu befördern. Diese Unempfindlichkeit gegenüber Insulin ist ein zentrales Merkmal des Diabetes mellitus.

Besser zwei Tage viel Hafer als sechs Wochen wenig

Die positiven Wirkungen der Haferkur waren tendenziell noch sechs Wochen später nachweisbar. „Eine kurze Haferkur in regelmäßigen Abständen könnte eine gut verträgliche Möglichkeit sein, den Cholesterinspiegel im Norm-Bereich zu halten und einem Diabetes vorzubeugen“, meint Juniorprofessorin Simon. Allerdings entfaltete das Getreide in der aktuellen Studie seine Wirkung vor allem in hoher Konzentration und in Verbindung mit einer Kalorienreduktion: Eine sechswöchige Diät, bei der Versuchspersonen täglich 80 Gramm Hafer zu sich nahmen, ohne sich ansonsten einzuschränken, erzielte geringe Effekte. „Nun kann im nächsten Schritt geklärt werden, ob eine sich alle sechs Wochen wiederholende intensive Hafer-Kur auch tatsächlich dauerhaft präventive Wirkung entfaltet“, so Simon weiter.

Versuchsmethodik:

Insgesamt nahmen an der Studie 68 Personen teil. Bei der zweitägigen Kurzzeit-Haferkur beendeten alle 17 Teilnehmenden der Hafer-Diät sowie 15 Teilnehmende der Kontroll-Diät die Studienphase erfolgreich. Zwei Personen der Kontrollgruppe zogen sich aus persönlichen Gründen zurück. Bei der sechswöchigen Langzeit-Haferintervention nahmen 17 Personen in der Studien- und ebenso viele in der Kontrollgruppe bis zum Abschluss teil. Die Stichprobengröße von 17 Teilnehmenden pro Gruppe haben die Forschenden auf der Grundlage von Daten aus einer früheren Interventionsstudie berechnet.

Sowohl bei der zweitägigen Intensivkur als auch bei dem sechswöchigen Versuch mit moderater Haferdosis handelt es sich um randomisierte kontrollierte Studien. Bei diesen sogenannten „RCTs“ werden die Versuchspersonen per Zufall (also randomisiert) in zwei Gruppen eingeteilt. Eine davon erhält den potentiellen Wirkstoff - in diesem Fall also den Hafer -, die andere (die Kontrollgruppe) dagegen nicht. Im Idealfall sind die Probandinnen und Probanden „verblindet“: Sie wissen nicht, zu welcher Gruppe sie gehören. Auf diese Weise werden etwaige Placebo-Effekte ausgeschlossen.

Bei Ernährungsexperimenten ist eine Verblindung oft nicht möglich - die Betroffenen wissen schließlich meist, was sie zu sich nehmen. Das war auch in den vorliegenden Versuchen der Fall. Die Auswertung der Blut- und Stuhlproben erfolgte aber sehr wohl „verblindet“: Die damit betrauten Forschenden waren nicht darüber informiert, ob das entnommene Material von Mitgliedern der Versuchs- oder der Kontrollgruppe stammte. Dasselbe galt auch für die Blutdruck- und Gewichtsmessungen. Dadurch war ausgeschlossen, dass die Erwartungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ergebnisse verfälschen konnten.

Vor Beginn der Ernährungsumstellung gaben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Blut- und Stuhlproben ab. Außerdem wurden bei ihnen Blutdruck, Gewicht, Größe, Taillenumfang und Körperfettgehalt bestimmt. Direkt im Anschluss an die zweitägige Haferkur erfolgte eine zweite Untersuchung, gefolgt von drei weiteren nach zwei, vier und sechs Wochen. Bei diesen vier Terminen wurden dieselben Werte erhoben wie bei der Eingangsuntersuchung und weitere Blut- und Stuhlproben entnommen. Beim zweiten Ernährungsversuch, bei dem die Probandinnen und Probanden sechs Wochen lang täglich 80 Gramm Haferflocken zu sich nahmen, gingen die Forschenden analog vor.

Die Blutproben wurden im Labor unter anderem auf ihren Gehalt an LDL-Cholesterin untersucht. Zudem maßen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Konzentration eines Schlüsselmoleküls, der Dihydroferulasäure. Diese phenolische Verbindung wird vermutlich durch bestimmte Darmbakterien gebildet, von denen bekannt ist, dass sie eine gesundheitsfördernde Wirkung haben.

Durch Untersuchung der Stuhlproben konnten die Forschenden diese These erhärten. Sie isolierten dazu aus den Proben die sogenannte 16S-RNA. Dabei handelt es sich um ein Molekül, das ausschließlich in Bakterien vorkommt, sich zwischen verschiedenen Arten aber etwas unterscheidet. An einem 16S-RNA-Molekül kann man daher wie an einem Fingerabdruck erkennen, von welchem Bakterium es stammt. Zudem analysierten die Forschenden, welche Stoffwechselprodukte im Stuhl vorhanden waren.

Förderung:

Die Studie wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die Deutsche Diabetes Gesellschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), den Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS e.V. sowie RASO Naturprodukte gefördert.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildingen VOR ORT

Johannes Seiler
Jun.-Prof. Dr. Marie-Christine Simon
Institut für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften
Abteilung Ernährung und Mikrobiota
Universität Bonn
Tel. +49 (0) 228 73-3814
E-Mail: marie-christine.simon@uni-bonn.de

Originalpublikation:
Klümpen, L., Mantri, A., Philipps, M. et al. Cholesterol-lowering effects of oats induced by microbially produced phenolic metabolites in metabolic syndrome: a randomized controlled trial, Nature Communications, DOI: https://doi.org/10.1038/s41467-026-68303-9
Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.bonn-gut.uni-bonn.de/de



Brustkrebsoperationen

space


In Europa wird jedes Jahr bei mehr als ‪500.000‬ Frauen Brustkrebs diagnostiziert. 

Welche Operationen sind wirklich nötig, damit Brustkrebspatientinnen sicher behandelt werden – und trotzdem möglichst wenige Spätfolgen haben? Auf diese für viele Frauen entscheidende Frage liefert die internationale AXSANA-Studie wichtige Antworten. Die Ergebnisse sind jetzt im renommierten Journal of Clinical Oncology veröffentlicht worden. AXSANA ist die weltweit größte Studie zur operativen Behandlung der Lymphknoten in der Achselhöhle bei Brustkrebs und das Hauptprojekt des europäischen Studiennetzwerks EUBREAST.

Die Studie, an der Forschungsteams in 27 Ländern mitarbeiten, wurde 2020 von der EUBREAST-Studiengruppe initiiert unter der Leitung von Prof. Dr. Thorsten Kühn, Universitätsklinikum Ulm / Die Filderklinik, und Prof. Dr. Maggie Banys-Paluchowski, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Prof. Banys-Paluchowski ist stellvertretende Direktorin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Campus Lübeck und Erstautorin der aktuellen Veröffentlichung.

Bei rund einem Drittel der Brustkrebspatientinnen sind zum Zeitpunkt der Diagnose Lymphknoten in der Achselhöhle von Krebszellen befallen. Lange Zeit galt daher die Entfernung zahlreicher Lymphknoten in dieser Situation als Standardverfahren. Diese radikale Operation kann jedoch langfristig zu Schwellungen des Arms, Schmerzen, Taubheitsgefühlen, eingeschränkter Beweglichkeit und damit zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Lebensqualität führen. Da heute viele Patientinnen zunächst eine Chemotherapie vor der Operation erhalten, besteht die Chance, den Eingriff in der Achsel zu begrenzen – vorausgesetzt, die ursprünglich befallenen Lymphknoten lassen sich bei der Operation sicher wiederfinden. Im Rahmen der AXSANA-Studie werden verschiedene leitliniengerechte Operationsverfahren verglichen, bei denen diese Lymphknoten vor Beginn der Chemotherapie mit einem Marker gekennzeichnet werden. Die nun veröffentlichte Auswertung zeigt, dass sondengestützte Markierungsverfahren, bei denen der Marker mit einer speziellen Sonde aufgespürt wird, eine signifikant höhere Detektionsrate aufweisen als andere Vorgehensweisen. So können entscheidende Lymphknoten zuverlässiger entfernt und größere Eingriffe, die das Risiko für Spätfolgen erhöhen, häufiger vermieden werden.

In Europa bestehen bislang große Unterschiede in den Behandlungsempfehlungen und die Datenlage war lange unzureichend. Deshalb ist AXSANA als prospektive, multizentrische Registerstudie angelegt. Das Register soll mit Daten von über 5000 Patientinnen dazu beitragen, das krankheitsfreie Überleben und die Lebensqualität nach unterschiedlichen Operationsformen systematisch zu erfassen und so eine internationale Standardisierung zu ermöglichen. Die Ergebnisse der aktuellen Auswertung wurden bereits auf dem weltweit größten onkologischen Kongress ASCO als Hauptvortrag von Prof. Banys-Paluchowski präsentiert – ein außergewöhnlicher Erfolg für ein brustchirurgisches Thema aus Deutschland.

Hinter der Studie steht das gemeinnützige EUBREAST-Netzwerk, ein Zusammenschluss renommierter onkologischer Brustchirurginnen und -chirurgen. Ziel des Netzwerks ist es, weniger invasive Operationsverfahren zu erforschen, um die körperliche und psychische Belastung der Patientinnen zu verringern und ihnen eine schnellere Rückkehr in ein aktives Leben zu ermöglichen.

Maximilian Hermsen


MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Prof. Dr. Maggie Banys-Paluchowski, stellv. Direktorin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Tel.: ‪0451 500-41700‬Maggie.Banys-Paluchowski@uksh.de

Originalpublikation:
https://ascopubs.org/doi/10.1200/JCO-25-01921

Blutplättchen (Thrombozyten)

space


Ein Team der Würzburger Universitätsmedizin hat das Verständnis der Thrombozytenbiologie grundlegend geändert. Es zeigt in Science, dass das Oberflächenprotein Integrin αIIbβ3 nicht nur ein Schlüsselmolekül der Blutgerinnung ist, sondern sich bei schwerwiegenden Krankheitsprozessen auch als pro-inflammatorischer Effektor agieren kann. αIIbβ3 schaltet sich um und dient als Baustein eines neuartigen Organells namens PITT (Platelet-derived Integrin- and Tetraspanin-rich Tethers). PITT wird freigesetzt, bleibt an der entzündeten Gefäßwand zurück und treibt die Entzündungsprozesse weiter an. Durch die Blockade von αIIbβ3 mit monoklonalen Antikörpern kann die Bildung von PITTs verringert werden.

Blutplättchen (Thrombozyten) sind kleine kernlose Zellen des Blutes, die eine unverzichtbare Rolle bei der Blutstillung (Hämostase) spielen. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, verletzte Gefäße zu erkennen, sich zu aktivieren und sich mittels ihres Oberflächenproteins Integrin αIIbβ3 zu verklumpen. Dadurch bilden sie einen stabilen Blutpfropf, der die Wunde verschließt und die Blutung stoppt. Wenn dieser Prozess jedoch unkontrolliert abläuft, kann dies zur Ausbildung von Gefäß-verschließenden Gerinnseln führen, so genannten Thrombosen, die einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zur Folge haben können.

Ein überraschender zellulärer Mechanismus von Thrombozyten jenseits der klassischen Aktivierung

Die klassische Funktion der Thrombozyten in Hämostase und Thrombose ist seit Jahrzehnten gut verstanden. Ein Team des Instituts für Experimentelle Biomedizin des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) und des Rudolf-Virchow-Zentrums (RVZ) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) hat jedoch nun einen überraschenden Mechanismus in Science, einer der weltweit angesehensten wissenschaftlichen Zeitschriften, veröffentlicht, der das Verständnis der Thrombozytenbiologie grundlegend ändert. Wenn im Körper nämlich schwerwiegende Krankheitsprozesse wie Infektionen oder Infarkte ablaufen, können Thrombozyten auf eine völlig andere Funktion „umschalten“. Dabei dient das Integrin αIIbβ3 nun als Baustein eines neuartigen Organells, das von den Blutplättchen freigesetzt wird und schädliche Entzündungsprozesse antreibt. Die Forschenden beobachteten, wie die Thrombozyten unter solchen Bedingungen winzige fadenförmige Membranfortsätze bilden und abgeben – sogenannte PITTs. PITT steht für Platelet-derived Integrin- and Tetraspanin-rich Tethers und bedeutet „von Thrombozyten freigesetzte, Integrin- und Tetraspanin-reiche Membranstruktur“. Die PITTs binden an Immunzellen und die Gefäßwand und aktivieren diese, während die sich ablösenden Thrombozyten selbst geschwächt und weniger haftfähig im Blutstrom zurückbleiben.

Prof. Dr. Bernhard Nieswandt, Letztautor der Studie und Leiter des Lehrstuhls für Experimentelle Biomedizin I am UKW erklärt: „Normalerweise aktivieren sich Thrombozyten nur bei einer Gefäßverletzung. Dabei verändern sie ihre Form, setzen Botenstoffe frei und bilden einen Thrombus. Bei den PITTs passiert das Gegenteil: Die Thrombozyten bleiben im klassischen Sinn nicht aktiviert, sondern schnüren aus ihrem Membran-Netzwerk kometenschweifartige Organellen ab, die reich an αIIbβ3 und dem Tetraspanin-Co-Rezeptor CD9 sind, während andere Oberflächenmoleküle auf den Thrombozyten zurückbleiben. Das ist ein völlig neuer Mechanismus, der so noch in keiner Zelle beobachtet worden ist und grundlegende Fragen zur Organisation und gesteuerten Beweglichkeit von Membranproteinen aufwirft.“

Von der Beobachtung im Patientenblut bis zur Untersuchung im Mausmodell

Die Bildung von PITTs wurde erstmals in Blutproben von Patientinnen und Patienten mit schwerer Blutvergiftung (Sepsis), starker bakterieller Infektion und COVID-19 entdeckt. Die Forschenden wiesen die fadenartigen Tethers in Blutausstrichen nach und beobachteten gleichzeitig einen Verlust von αIIbβ3 auf der Oberfläche der Thrombozyten. Weitere Untersuchungen in Tiermodellen und mithilfe der intravitalen Mikroskopie belegten, dass PITTs bei Entzündungen oder Infektionen direkt in den Gefäßen entstehen und sich an Immunzellen und der Gefäßwand anheften. Dabei kommt es zu einer Aktivierung dieser Zellen und einer Verstärkung der Gefäßentzündung.

„Dass Thrombozyten αIIbβ3 auf diese Weise umverteilen und dadurch ihre normale Gerinnungsfunktion einbüßen, war völlig unerwartet. Das könnte erklären, warum viele schwerkranke Patientinnen und Patienten auch unter gewebeschädigenden Entzündungsprozessen und einem gleichzeitig erhöhten Blutungsrisiko leiden“, betont Prof. Dr. David Stegner. Der Arbeitsgruppenleiter am RVZ ist neben Charly Kusch Erstautor der Studie.

Neue therapeutische Perspektiven

Die Forschenden konnten außerdem zeigen, dass die Blockade von αIIbβ3 mit monoklonalen Antikörpern die Bildung von PITTs und infolgedessen schwere Entzündungsprozesse und Gewebeschäden in Krankheitsmodellen deutlich verringert. Damit eröffnen sich neue therapeutische Ansätze, um solche sogenannten „thrombo-inflammatorischen“ Krankheitsmechanismen gezielt zu bremsen, ohne die lebenswichtige Blutstillung zu beeinträchtigen.

Förderung und internationale Zusammenarbeit

Die Studie entstand im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Sonderforschungsbereichs 1525 „Cardio-Immune Interfaces“ und wurde zudem durch den ERC Advanced Grant „PITT-Inflame“ der Europäischen Union unterstützt.

Beteiligt waren neben mehreren Würzburger Arbeitsgruppen auch Forschungspartner aus Frankreich, Italien und den USA.

Information zur Abbildung:
Intravitalmikroskopische Aufnahme aus der Leber eines Mausmodells: Ein Thrombozyt (türkis) haftet an der entzündeten Gefäßwand (gelb gestrichelt) und schnürt einen langen, fadenförmigen Membranfortsatz ab – einen sogenannten PITT (magenta). Diese von Thrombozyten freigesetzten Integrin- und Tetraspanin-reichen Tethers bleiben an der Gefäßwand zurück und fördern Entzündungsreaktionen, während sich der Thrombozyt selbst wieder in den Blutstrom löst. Maßstab: 1 µm. © Lehrstuhl für Experimentelle Biomedizin I, Universitätsklinikum Würzburg

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Kirstin Linkamp


Prof. Dr. Bernhard Nieswandt Nieswandt_B@ukw.de; & Prof. Dr. David Stegner david.stegner@uni-wuerzburg.de
Institut für Experimentelle Biomedizin – Lehrstuhl I, Universitätsklinikum Würzburg, Rudolf-Virchow-Zentrum für Integratives und Translationales Bioimaging, Universität Würzburg

Originalpublikation:
Kusch C.*, Stegner D.*, Weiß L.J., Nurden P., Burkard P., Johnson D., Bergmeier W., Onursal C., Navarro S., Hackenbroch C., Pfeiffer D., Bonfiglio S.I., Meub M., Groß C., Schenk J., Fumagalli V., Mott K., Bender M., Iannacone M., Andres O., Kastenmüller W., Heinze K.G., Sauer S., Schulze H., Ley K., Nurden A.T. & Nieswandt B. “Platelet-derived integrin- and tetraspanin-enriched tethers exacerbate severe inflammation.” Science 391, eadu2825 (2026). https://doi.org/10.1126/science.adu2825
Weitere Informationen finden Sie unter
ERC Advanced Grant „PITT-Inflame“ der Europäischen Union
Sonderforschungsbereich 1525 „Cardio-Immune Interfaces“

Der Mittagsschlaf

space



Mittagsschlaf schaltet das Gehirn in lernbereiten Zustand / Studie belegt aktive Rolle von kurzen Schlafphasen auf die Verknüpfung von Nervenzellen

Schon ein Mittagsschlaf kann dem Gehirn helfen, sich zu erholen und wieder besser lernfähig zu werden. Forschende des Universitätsklinikums Freiburg und der Universität Genf zeigen in einer am 22. Januar 2026 im Fachjournal NeuroImage veröffentlichten Studie, dass bereits ein Mittagsschlaf ausreicht, um Verbindungen zwischen Nervenzellen so auszurichten, das neue Informationen besser abgespeichert werden kann. Diese Effekte waren bislang nur nach einer ganzen Nacht Schlaf bekannt. Die neue Studie zeigt, dass das Gehirn durch einen kurzen Schlaf gezielt entlastet und wieder in einen lernbereiten Zustand versetzt werden kann – ein Vorgang, der insbesondere in Situationen mit hoher Leistungsanforderung günstig sein könnte.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass selbst eine kurze Schlafphase das Gehirn in einen Zustand versetzen kann, in dem es wieder besser lernen und Informationen aufnehmen kann“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Christoph Nissen, der die Studie in seiner Zeit als Ärztlicher Leiter des Schlaflabors an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg durchgeführt hat. Heute ist er Universitätsprofessor und Chefarzt am Department für Psychiatrie, Universität und Universitätsklinikum Genf (HUG), Schweiz.

Was im Gehirn während des Mittagsschlafs passiert

Das Gehirn ist tagsüber durchgängig aktiv: Neue Eindrücke, Gedanken und Informationen werden verarbeitet, die Verbindungen zwischen Nervenzellen (Synapsen) verstärken sich dadurch. Diese verstärkten synaptischen Verbindungen sind eine wichtige neuronale Grundlage von Lernvorgängen. Sie führen aber auch zu einer Art Sättigung, so dass die weitere Lernfähigkeit des Gehirns mit der Zeit abnimmt. Schlaf hilft dabei, diese übermäßige Aktivität wieder herab zu regulieren – ohne wichtige Informationen zu verlieren. „Die Studie zeigt, dass dieser ‘synaptische Reset‘ bereits nach einem Mittagsschlaf einsetzt und dass nachfolgend neue Information wieder besser im Gehirn abgespeichert werden kann“, so Nissen.

„Die Studie hilft uns zu verstehen, wie wichtig auch kurze Schlafphasen für die geistige Erholung sind“, sagt Prof. Dr. Dr. Kai Spiegelhalder, Leiter der Sektion für Psychiatrische Schlafforschung und Schlafmedizin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg. „Ein kurzer Schlaf zwischendurch kann helfen, wieder klarer zu denken und konzentriert weiterzuarbeiten.“

So lief die Studie ab

Untersucht wurden 20 gesunde junge Erwachsene, die an zwei Nachmittagen entweder einen Mittagsschlaf machten oder wach blieben. Der Mittagsschlaf dauerte im Schnitt 45 Minuten. Da direkte Messungen an Synapsen bei gesunden Personen nicht möglich sind, nutzte das Forschungsteam etablierte, nicht-invasive Verfahren wie die transkranielle Magnetstimulation (TMS) und EEG-Messungen, um Rückschlüsse auf die Stärke und Flexibilität der Synapsen zu ziehen.

Die Ergebnisse zeigten: Nach dem Mittagsschlaf war die durchschnittliche synaptische Aktivität im Gehirn reduziert – ein Zeichen für die erholende Wirkung von Schlaf. Gleichzeitig war die Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zu bilden, deutlich verbessert. Das Gehirn war also besser vorbereitet auf neue Lerninhalte als nach einer gleich langen Wachphase.

Alltagsnutzen und Ausblick

Die Studie liefert eine biologische Erklärung dafür, warum Menschen nach einem Mittagsschlaf oft leistungsfähiger sind. Besonders in Berufen oder Tätigkeiten, die ein hohes Maß an geistiger oder körperlicher Leistung erfordern – etwa in der Musik, im Sport oder in sicherheitskritischen Bereichen – könnte ein kurzer Schlaf gezielt eingesetzt werden, um die Leistungsfähigkeit zu erhalten. „Ein Mittagsschlaf kann helfen, Konzentration und Leistungsfähigkeit auch unter hoher Belastung aufrechtzuerhalten“, so Nissen.

Wichtig sei jedoch, betonen die Forschenden, dass gelegentliche Schlafprobleme nicht automatisch zu Leistungseinbußen führen. Insbesondere bei chronischer insomnischer Störung seien schlaf-wach-regulatorische Systeme im Wesentlichen intakt; vielmehr dominierten Sorgen und ungünstiges Schlaf-Wach-Verhalten. In solchen Situationen sei eine kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) sinnvoller als Schlafmittel, da letztere die natürliche Erholungsprozesse des Gehirns stören und zu Abhängigkeitsentwicklungen führen könnten.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT


Prof. Christoph Nissen
Médecin-chef de service
Professeur ordinaire
Hôpitaux Universitaires de Genève (HUG)
Service des spécialités psychiatriques
T. +41.22.305.45.38
christoph.nissen@hug.ch

Originalpublikation:
Originaltitel der Studie: A nap can recalibrate homeostatic and associative synaptic plasticity in the human cortex
DOI: https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2026.121723
Link zur Studie: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1053811926000418

Kariesprävention

space


Fluorid wird weltweit zur Kariesprävention eingesetzt – etwa in Zahnpflegeprodukten, Speisesalz oder, in einigen Ländern, im Trinkwasser. Besonders dort, wo Fluorid dem Trinkwasser zugesetzt wird, werden jedoch immer wieder gesundheitliche Bedenken geäussert. Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Basel hat Daten von über 11 Millionen Geburten ausgewertet und kommt zu einem klaren Ergebnis.


Fluorid schützt die Zähne, indem es den Zahnschmelz stärkt, beginnende Schäden repariert und so Karies vorbeugt. Neben Zahnpasta und Mundspülungen wird Fluorid auch gezielt eingesetzt, um die Zahngesundheit in der gesamten Bevölkerung zu verbessern – insbesondere bei Kindern aus einkommensschwächeren Familien.

In der Schweiz geschieht dies seit den 1980er-Jahren vor allem durch die Zugabe von Fluorid zu Speisesalz. In den USA hingegen wird Fluorid seit dem Ende der 1940er-Jahre dem Trinkwasser zugesetzt. Die Einführung erfolgte schrittweise auf Gemeindeebene und erreicht heute mehr als 60 Prozent der Bevölkerung.

Daten von 11,5 Millionen Geburten

Diese Praxis steht immer wieder in der Kritik. Befürchtet werden etwa mögliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Neugeborenen, die sich in einem geringeren Geburtsgewicht oder einem erhöhten Risiko für Frühgeburten äussern könnte. Ein internationales Forschungsteam hat deshalb untersucht, ob die Aufnahme von Fluorid über das Trinkwasser solche Effekte haben könnte. Grundlage der Analyse bildeten die Daten von rund 11,5 Millionen Geburten in den USA über einen Zeitraum von 21 Jahren.

Das Ergebnis ist eindeutig: «Wir konnten keine negativen Effekte feststellen», sagt Dr. Benjamin Krebs, Erstautor der Studie, die im Fachjournal «JAMA Network Open» veröffentlicht wurde. Weder das durchschnittliche Geburtsgewicht noch die Dauer der Schwangerschaft oder das Risiko für Frühgeburten unterschieden sich messbar im Vergleich der Entwicklung vor und nach der Einführung gegenüber Regionen, die keine Fluoridierung einführten.

Kritik von oberster Stelle

Massnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit stehen derzeit in den USA unter kritischer Beobachtung: Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. lobte kürzlich den Staat Utah, der das Zusetzen von Fluorid ins Trinkwasser verboten hat. Und er forderte dazu auf, die Empfehlungspraxis zur Trinkwasserfluoridierung neu zu evaluieren. Genau da setzt die Studie an: «Es ist wichtig, solche bevölkerungsweiten Massnahmen methodisch sauber zu überprüfen», sagt auch Benjamin Krebs.

Immer wieder sorgten Studien für Aufsehen, die Fluorid als schädlich bezeichneten. «Dabei ist es aber wichtig zu verstehen, was Studien tatsächlich messen und vergleichen. Oft zeigen diese lediglich, dass bestimmte Effekte gemeinsam auftraten. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass das Fluorid die Ursache war – andere Faktoren können ebenfalls eine Rolle spielen», so der Ökonom.

Geburtsgewicht als etablierter Gesundheitsindikator

Für ihre Analyse werteten die Forschenden Daten aus über 670 sogenannten Counties in den USA aus, die zwischen 1968 und 1988 erhoben wurden. Sie verglichen Geburten vor und nach der Einführung von Fluorid im Trinkwasser und setzten diese Entwicklung in Beziehung zu Regionen ohne Einführung, um regionale Unterschiede sowie allgemeine zeitliche Entwicklungen ausschliessen zu können.

«Das Geburtsgewicht gilt als anerkannter Indikator für die Gesundheit von Neugeborenen», erklärt Krebs. «Es eignet sich besonders gut, um mögliche Effekte während der Schwangerschaft zu untersuchen. Auch, weil wir genau wissen, wie lange die ungeborenen Kinder dem Fluorid ausgesetzt waren.» Mit ihren Ergebnissen stützen die Forschenden die Empfehlungen der Behörden zur Unterstützung.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Reto Caluori

Dr. Benjamin Krebs, Universität Basel, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Tel. ‪+41 61 207 55 23‬, E-Mail: benjamin.krebs@unibas.ch

Originalpublikation:
Benjamin Krebs, Lisa Simon, Hannes Schwandt, Samantha Burn, Matthew Neidell
Community Water Fluoridation and Birth Outcomes
JAMA Network Open (2026), doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.54686
https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2025.54686