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Vorhoffflimmern

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Universitätsklinikum Freiburg leitet bundesweite Studie für Patient*innen mit Vorhofflimmern und Stent / Untersucht wird ein früheres Therapieende nach einem statt sechs Monaten / Ziel sind weniger schwere Blutungen bei gleicher Sicherheit

Patient*innen mit Vorhofflimmern haben ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel und Schlaganfälle. Wenn sie zusätzlich wegen verengter Herzkranzgefäße einen Herz-Stent erhalten, brauchen sie nach dem Eingriff Medikamente, die vor Blutgerinnseln und einem Verschluss des Stents schützen. Diese Behandlung erhöht aber gleichzeitig das Risiko für schwere Blutungen. Am Universitätsklinikum Freiburg wird deshalb die bundesweite SATURN-Studie geplant, die jetzt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit vier Millionen Euro gefördert wird. In ihr wird untersucht, ob ein Teil der Medikamente bereits 30 Tage nach der Stent-Implantation abgesetzt werden kann statt wie bisher erst nach sechs Monaten. Ziel ist es, Blutungen zu vermeiden, ohne das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder einen Verschluss des Stents zu erhöhen. Die Studie soll Ende des Jahres starten und 2029 erste Ergebnisse liefern.

„Bei jedem siebten Patienten kommt es bei der derzeitigen Behandlung zu Blutungskomplikationen“, sagt SATURN-Studienleiter Prof. Dr. Christoph B. Olivier, Oberarzt an der Klinik für Kardiologie und Angiologie des Universitätsklinikums Freiburg. „Mit der SATURN-Studie wollen wir herausfinden, ob weniger Medikamente für viele Betroffene genauso sicher sind und ihnen zugleich belastende Nebenwirkungen ersparen.“
Prof. Dr. Dirk Westermann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie, betont die Bedeutung des Forschungsvorhabens: „Die Studie greift eine hochrelevante Frage aus der Versorgung von Patient*innen auf: Wie können wir wirksam vor Komplikationen schützen und gleichzeitig Blutungen vermeiden? Genau solche Studien sind wichtig, um die Behandlung weiter zu verbessern und noch stärker an den Bedürfnissen der Betroffenen auszurichten.“

Weniger Blutungsrisiko, mehr Blick auf den Alltag

Im Mittelpunkt der Studie stehen Patient*innen mit Vorhofflimmern, die wegen verengter Herzkranzgefäße einen Stent erhalten haben. Ein Herz-Stent ist eine kleine, gitterartige Gefäßstütze, meist aus Metall, die verwendet wird, um verengte oder verschlossene Herzkranzgefäße offen zu halten. In der Studie wird untersucht, ob das blutungshemmende Medikament Clopidogrel schon nach 30 Tagen abgesetzt werden kann. Bisher bleibt dieses Medikament in der Regel sechs Monate Teil der Behandlung.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Sicht der Patient*innen. Gemeinsam mit der Deutschen Herzstiftung wurde darauf geachtet, neben medizinischen Risiken auch Fragen einzubeziehen, die den Alltag betreffen. Dazu gehören die Lebensqualität und die Sorge vor Blutungen. Fallen die Ergebnisse positiv aus, könnte die Studie dazu beitragen, die Behandlung von Patient*innen mit Vorhofflimmern nach einer Stent-Implantation zu vereinfachen und zugleich sicherer zu machen. Studienteilnehmer*innen werden direkt in den teilnehmenden Zentren ausgewählt und in die Studie aufgenommen.

An der Studie sollen mehr als 1.500 Patient*innen in 30 spezialisierten Zentren in Deutschland teilnehmen. SATURN steht für „Shortened Antiplatelet Therapy in patients Undergoing stent implantation with atRial fibrillatioN“.

MaAB -Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT
Prof. Dr. Christoph Olivier
Oberarzt
Klinik für Kardiologie und Angiologie
Universitätsklinikum Freiburg
christoph.olivier@uniklinik-freiburg.de

Narzisstische Persönlichkeitszüge

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Die Ergebnisse der jetzt veröffentlichten Studie zeigen auf, dass Narzissmus in Familien zwar gehäuft vorkommt, diese Ähnlichkeit aber überwiegend genetisch bedingt ist. Das familiäre Umfeld und der Erziehungsstill sind hingegen nicht – wie bislang angenommen – der Ursprung für Narzissmus.

Narzisstische Persönlichkeitszüge treten innerhalb von Familien gehäuft auf. Eine neue Studie unter Beteiligung der Universität Münster legt nun nahe, dass diese familiären Ähnlichkeiten vor allem genetisch erklärt werden können. Gemeinsame Umweltfaktoren innerhalb der Familie, etwa allgemeine Erziehungsbedingungen oder das soziale Umfeld, das Geschwister teilen, trugen in den Analysen dagegen kaum zur Erklärung von Unterschieden im Narzissmus bei. Veröffentlicht wurde die Arbeit in der Fachzeitschrift Social Psychological and Personality Science.

Das Forschungsteam um Prof. Dr. Mitja Back vom Institut für Psychologie der Universität Münster und Prof. Dr. Christian Kandler von der Abteilung für Psychologie der Universität Bielefeld wertete Daten aus dem seit 2013 laufenden Projekt „TwinLife“ aus. In die Analysen gingen die Angaben von 6.715 Personen ein, darunter Zwillinge, deren nicht-zwillingsgeborene Geschwister, Mütter, Väter sowie Partnerinnen und Partner. Berücksichtigt wurden verschiedene Altersgruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Schnitt 15, 21 und 27 Jahre alt waren.

„Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass Narzissmus in Familien zwar gehäuft vorkommt, diese Ähnlichkeit aber überwiegend genetisch vermittelt ist“, betont Mitja Back. „Die verbreitete Annahme, dass das familiäre Umfeld und der Erziehungsstil der zentrale Ursprung narzisstischer Unterschiede seien, ist nicht länger haltbar.“

Methodisch ging die Untersuchung über klassische Zwillingsstudien hinaus. Die Forscherinnen und Forscher nutzten ein erweitertes Zwillingsfamiliendesign, das neben Zwillingen Eltern und weitere Geschwister einbezieht. „Die besondere Stärke von TwinLife liegt darin, dass wir nicht nur Zwillinge vergleichen, sondern Familienkonstellationen sehr viel breiter erfassen“, erläutert der Leiter der TwinLife-Studie, Christian Kandler. Das erlaube es, genetische Einflüsse, das familiäre Umfeld und individuelle Erfahrungen genauer voneinander zu trennen als in klassischen Zwillingsstudien. Über Altersgruppen und Messinstrumente hinweg entfielen den Analysen zufolge jeweils rund 50 Prozent der Unterschiede auf genetische Faktoren und auf individuelle, nicht geteilte Umwelteinflüsse. Geteilte familiäre Umweltfaktoren zeigten dagegen keinen nennenswerten Beitrag.

Aus Sicht des Teams hat das auch Folgen für die weitere Forschung zur Entwicklung von Narzissmus. Wenn das familiäre Umfeld nur wenig zur Erklärung beiträgt, rücken andere Einflüsse stärker in den Fokus, etwa Erfahrungen mit Gleichaltrigen, in Partnerschaften, in Bildungswegen oder im Beruf. Die Autoren plädieren deshalb dafür, die Entwicklung narzisstischer Persönlichkeitszüge künftig stärker außerhalb des engeren Familienkontexts zu untersuchen.

Die Ergebnisse sind zudem von Bedeutung, weil Narzissmus nicht nur das individuelle Erleben und soziale Beziehungen prägt, sondern auch in Lebensbereichen wie Bildung und der Arbeitswelt relevant sein kann. Ein genaueres Verständnis seiner Entstehung kann dazu beitragen, narzisstische Persönlichkeitszüge besser zu verstehen und damit angemessen einzuordnen.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Prof. Dr. Mitja Back
Arbeitseinheit Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie der Universität Münster
Tel.: +49 (2 51) ‪83 - 3 41 22‬
E-Mail: mitja.back@uni-muenster.de

Originalpublikation:
Back, M. D., Instinske, J., Rohm, T., Deppe, M., & Kandler, C. (2026). Narcissism Runs in Families Due to Genetics: An Extended Twin Family Analysis. Social Psychological and Personality Science. https://doi.org/10.1177/19485506261429556
Weitere Informationen finden Sie unter
Originalpublikation
Arbeitseinheit Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie der Universität Münster

Gefässverschlüsse in den Beinen

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Gefässverschlüsse in den Beinen machen bei vielen Betroffenen eine Amputation oder wiederholte notfallmässige Eingriffe zur Rettung des Beins nötig. In einer Studie der Klinik für Angiologie am Universitätsspital Zürich konnte mit einer neuen Behandlung die Zahl der Amputationen und Notfalleingriffe reduziert werden.

Durchblutungsstörungen wegen Gefässverschlüssen sind weit verbreitet. Über 113 Mio. Menschen weltweit sind von der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) betroffen. Dabei sind Arterien unterhalb der Leiste verengt und die Beine deshalb ungenügend durchblutet. Die Gefässverengungen führen u.a. zu Schmerzen, die Betroffene zu häufigen Gehpausen zwingen. Im Volksmund ist die PAVK deshalb als «Schaufensterkrankheit» bekannt.

Wenige Möglichkeiten, Amputationen zu verhindern

PAVK ist eine schwerwiegende Krankheit, die bis zum Tod führen kann. Eine Folge bei PAVK sind grosse Amputationen, d.h. Amputationen, bei denen der Fuss oberhalb des Sprunggelenks abgenommen werden muss. In einigen Fällen ist gar die Amputation des Unterschenkels oder des gesamten Beins nötig. Die Behandlungsmöglichkeiten, um diese oft notfallmässigen Amputationen zu verhindern sind beschränkt auf Mittel, um die Durchblutung medikamentös wiederherzustellen oder mit chirurgischen Eingriffen. Weltweit eingesetzt wird auch die Angioplastie, ein minimal invasives Verfahren, bei dem verengte Blutgefässe mittels eines Ballonkatheters erweitert werden und so der Blutfluss wiederhergestellt werden kann. Häufig wird bei dem Eingriff gleich ein Stent eingesetzt, eine Gefässstütze, mit der der Blutfluss dauerhaft gesichert werden soll. Um den Effekt der Angioplastie zu verbessern, wurden mit Medikamenten beschichtete Ballonkatheter entwickelt. Mit dem Wirkstoff Paclitaxel beschichtete Ballonkatheter reduzieren bei PAVK die erneute Verengung der Gefässe, dadurch sind weniger Folgeeingriffe nötig. Die Sterblichkeit durch Paclitaxel könnte aber im Vergleich zu unbeschichteten Ballonen aufgrund toxischer Effekte erhöht sein. Bisher wurde für keine einzige minimal-invasive Methode eine Reduktion von Amputationen oder Notfalleingriffen zur Rettung des Beins gezeigt.

Ein bewährter Wirkstoff neu eingesetzt

Für die Beschichtung von Ballonkathetern zur Erweiterung von Herzkrankgefässen wird weltweit der Wirkstoff Sirolimus eingesetzt. Ein Forscherteam unter der Leitung von Nils Kucher und Stefano Barco von der Klinik für Angiologie am Universitätsspital Zürich hat nun in einer gross angelegten klinischen Studie untersucht, ob Sirolimus-beschichtete Ballone genauso wirksam oder sogar besser wirksam sind als unbeschichtete Ballone, um die Zahl an grossen Beinamputationen und Notfalleingriffen innerhalb eines Jahres zu reduzieren.

An der SirPAD-Studie (Sirolimus-coated balloon for Peripheral Artery Disease) nahmen zum Studienstart 1252 Patientinnen und Patienten teil, die zwischen November 2020 und Dezember 2024 in einem von 44 Gefässzentren der Schweiz in Behandlung waren. Das mittlere Alter der Teilnehmer lag bei 75 Jahren, 35% waren Frauen. Von allen Patientinnen und Patienten wurde neben Alter, BMI, Vorerkrankungen und weiteren Grunddaten die Art ihrer Gefässerkrankung erfasst und nach Standards klassifiziert.
35% der Patienten hatten kritische Durchblutungsstörungen, 45% wiesen chronische, die Gliedmassen gefährdende Durchblutungsstörungen auf. 10% der Studienteilnehmer wurden wegen eines akuten Gefässverschlusses behandelt. 711 Patienten (56.8%) hatten totale Gefässverschlüsse. Bei 472 (37.7%) wurde die Ballondilatation mit einem Stent ergänzt. Bei der Hälfte der Teilnehmenden wurde der Sirolimus-beschichtete Ballonkatheter verwendet, bei der anderen ein unbeschichteter.

Weniger grosse Amputationen und weniger Notfalloperationen

In der Sirolimus-Gruppe musste bei 55 Patienten (8.8%) im Jahr nach dem Eingriff eine ungeplante Amputation oder Notfalloperation zur Rettung des Beins vorgenommen werden; in der Vergleichsgruppe mit den unbeschichteten Ballonen bei 94 Patienten (15%). Dies entspricht im Mittel einem verminderten Risiko in der Sirolimus-Gruppe um -4.9%. Betrachtet man die ungeplanten Amputationen und Gefässwiedereröffnungen insgesamt, erfolgten solche bei 144 Patienten (23%) der Sirolimus-Gruppe, und bei 193 Patienten (30.8%) in der Vergleichsgruppe. Dies entspricht einem um 7.8% verminderten Risiko in der Sirolimus-Gruppe.
In der Sirolimus-Gruppe wurden 74 Todesfälle (11.8%) verzeichnet, in der Vergleichsgruppe 80 (12.8%). In der Sirolimus-Gruppe wurden bei 364 (58%) Patientinnen und Patienten unerwünschte Ereignisse gemeldet, in der Vergleichsgruppe ebenfalls bei 364. Damit sind die Sterblichkeit und die Wahrscheinlichkeit für ein unerwünschtes Ereignis ähnlich bzw. identisch.

Jede verhinderte Amputation ist ein Erfolg

«In der SirPAD-Studie konnten wir zeigen, dass die Sirolimus-beschichteten Ballone bei PAVK die Zahl grosser Amputationen und Notfalloperationen infolge kritischer Durchblutungsstörungen reduzieren. Auch die Sterblichkeit ist nicht erhöht», fasst Nils Kucher, Direktor der Klinik für Angiologie am USZ und verantwortlicher Hauptprüfer der Studie, deren Ergebnisse zusammen. «Das ist ein grosser Meilenstein in der Behandlung der PAVK. Nun werden wir noch die langfristigen Ergebnisse untersuchen. «Was dieser Fortschritt in der Behandlung von Patienten mit PAVK bewirkt, zeigt sich bei uns in der Klinik bei jeder Amputation, die wir abwenden können.»

Die Ergebnisse der SirPAD-Studie wurden an der ACC26, der Tagung des American College of Cardiology in New Orleans als «Late Breaking Clinical Trial» präsentiert und zeitgleich im New England Journal of Medicine publiziert.

Originalpublikation:
Stefano Barco et al. Sirolimus-Coated Balloon Angioplasty for Infrainguinal Artery Disease. New England Journal of Medicine, 2026.

DOI: 10.1056/NEJMoa2600360

Arbeitsunfähigkeit und das Telefon

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Studie mit innovativer Fragemethode des Zentrums für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit relativiert Debatte zu telefonischen Krankmeldungen

Mehr Menschen gehen krank zur Arbeit, als dass sie sich zu Unrecht krankmelden. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Zentrums für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit (CPD) der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Der Zugang zu telefonischen Krankschreibungen spielte bei falschen Krankmeldungen keine entscheidende Rolle. Wichtiger waren vielmehr Arbeitsstress, Rollenkonflikte und geringes Arbeitsengagement.

Die Sorge um einen möglichen Missbrauch von Krankschreibungen wird derzeit kontrovers diskutiert, insbesondere im Zusammenhang mit der telefonischen oder telemedizinischen Krankmeldung. Auch aktuelle Reformvorschläge aus dem Bundesgesundheitsministerium setzen hier an. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie legen allerdings nahe, dass die aktuellen politischen Reformvorschläge die zentralen Ursachen von Krankschreibungen nur begrenzt adressieren.

Für die Studie nutzten die Forschenden eine spezielle indirekte Befragungsmethode, mit der sensible Verhaltensweisen realistischer und ohne Verzerrungen durch sogenannte „sozial erwünschte Antworten“ erfasst werden können. Dabei berichtete rund ein Drittel der Befragten (34,6 Prozent – versus 18,6 Prozent bei einer direkten Befragung), sich mindestens einmal im vergangenen Jahr trotz Arbeitsfähigkeit krankgemeldet zu haben. Gleichzeitig gaben 67,2 Prozent an, trotz Krankheit gearbeitet zu haben.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der Fokus auf falsche Krankmeldungen zu kurz greift“, sagt das Forschungsteam um Professor Dr. Falko Sniehotta, Leiter der Abteilung für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin innerhalb des CPD. „Viel häufiger ist das Gegenteil der Fall: Menschen gehen krank zur Arbeit.“

Arbeitsbedingungen wichtiger als Krankschreibungsverfahren

Die Studie zeigt außerdem, dass Krankmeldungen trotz Arbeitsfähigkeit vor allem mit belastenden Arbeitsbedingungen zusammenhängen – durch Stress, Rollenkonflikte, die „innere Kündigung“ oder Druck durch soziale Normen im Arbeitsumfeld.

„Eine Fehleinschätzung der Ursachen für falsche Krankmeldungen kann dazu führen, dass politische Maßnahmen an den eigentlichen Problemen vorbeigehen“, warnen die Hauptautorinnen der Studie Stephanie Zintel und Raenhha Dhami. Während strukturelle Faktoren wie Arbeitsbelastung oder Personalmangel weniger Beachtung finden, drohen Maßnahmen mit begrenzter Wirkung in den Vordergrund zu rücken.

Empfehlungen für die Politik

Abgeleitet aus den Ergebnissen ihrer Studie empfiehlt das Forschungsteam daher, den Blick auf die Arbeitsbedingungen zu richten, um Fehlzeiten von Beschäftigten wirksam zu reduzieren. Priorität sollten dabei Maßnahmen zur Reduktion von Stress, Burnout und Rollenkonflikten haben.

Hintergrund zur Studie

Die Analyse basiert auf einer großen, repräsentativen Befragung von 1964 Beschäftigten in Deutschland. Durch eine indirekte Fragetechnik konnten verzerrte Antworten reduziert und sensiblere Verhaltensweisen besser erfasst werden.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Eva Maria Wellnitz
Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg

Zentrum für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit (CPD)
Abteilung für Public Health, Sozial- und Päventivmedizin
Stephanie Zintel (Kontakt deutsch)
Stephanie.zintel@medma.uni-heidelberg.de
Raenhha Dhami (Kontakt englisch)
raenhha.dhami@medma.uni-heidelberg.de

Originalpublikation:
Die Studie wurde bei einem hochrangigen Fachjournal eingereicht und als PrePrint hier veröffentlicht:
Estimating Alleged Sick Leave Misuse Accounting for Social Desirability Afflicted Responding
Dhami, Raenhha; Zintel, Stephanie; Andreas, Marike; Hennig, Hannah; Araújo-Soares, Vera & Sniehotta, Falko
https://osf.io/preprints/socarxiv/9pkvc_v1

Multiresistente Tuberkulose

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Eine neue nationale Kohortenstudie aus Lettland in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der klinischen Tuberkulose-Infrastruktur (ClinTB) am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) am Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum (FZB), liefert wichtige Erkenntnisse zur Behandlung multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB). Die Untersuchung zeigt, dass langfristige krankheitsfreie Überlebensraten deutlich höher sind, als bisherige Standardkennzahlen vermuten lassen.

Eine neue nationale Kohortenstudie aus Lettland in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der klinischen Tuberkulose-Infrastruktur (ClinTB) am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) am Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum (FZB), liefert wichtige Erkenntnisse zur Behandlung multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB). Die Untersuchung zeigt, dass langfristige krankheitsfreie Überlebensraten deutlich höher sind, als bisherige Standardkennzahlen vermuten lassen. Die Ergebnisse, die in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Regional Health Europe publiziert wurden, basieren auf der Analyse von Daten von 1.299 erwachsenen Patientinnen und Patienten, die zwischen 2005 und 2021 behandelt wurden.

Multiresistente Tuberkulose stellt weltweit eine erhebliche Herausforderung für Gesundheitssysteme dar. Während die Wirksamkeit der Therapie traditionell anhand von Behandlungsergebnissen zum Zeitpunkt des Therapieendes bewertet wird, zeigt die neue Studie, dass diese Kriterien den tatsächlichen langfristigen Behandlungserfolg unterschätzen. Nach den WHO-Standarddefinitionen galten lediglich 4,8 % der Patientinnen und Patienten in Lettland als geheilt. Bei langfristiger Nachbeobachtung waren jedoch 76,9 % der Betroffenen dauerhaft rezidivfrei.

Die Forschenden verknüpften klinische Daten mit nationalen Registerinformationen zur Langzeitnachverfolgung und konnten so erstmals in einem ehemaligen europäischen Hochinzidenzland der MDR-TB langfristige Behandlungsergebnisse systematisch auswerten. Besonders entscheidend für den Therapieerfolg war der Einsatz von mindestens drei wirksamen Medikamenten im individuellen Behandlungsregime.

Darüber hinaus zeigte die Analyse, dass sehr kurze Therapiedauern von unter neun Monaten unter damals verfügbaren Therapieoptionen mit einem erhöhten Risiko für Rückfälle oder Todesfälle verbunden waren. Therapiezeiträume zwischen zehn und siebzehn Monaten erzielten hingegen vergleichbare Ergebnisse wie längere Behandlungen. Nach Beendigung des Beobachtungszeitraums wurden die Therapien der MDR-TB effektiver. Heute hat sich die Behandlungsdauer für die MDR-TB den 6 Monaten der Antibiotika-empfindlichen Tuberkulose angepasst.

„Die Studie unterstreicht die Bedeutung langfristiger Nachbeobachtung bei MDR-TB und legt nahe, dass Programme zur Tuberkulosekontrolle ihre Erfolgsmessung erweitern sollten. Die Einbeziehung rezidivfreier Überlebensraten ermöglicht eine realistischere Bewertung der Versorgungsqualität und des tatsächlichen Patientennutzens“, sagt Sophie Meier, Medizinische Doktorandin am FZB und an der Universität zu Lübeck bei DZIF-Wissenschaftler Professor Christoph Lange.

„Die Ergebnisse unterstützen auch die Rolle von Expertengremien, sog. Consilia, für die Wahl von Therapien und die Beurteilung des Behandlungserfolgs bei der MDR-TB. In Lettland waren die Entscheidungen des Consiliums den Ergebnissen der Anwendung von WHO-Definitionen für Behandlungsergebnisse der MDR-TB deutlich überlegen. Consilia sind auch ein Element eines wirksamen ‚Antimicrobial Stewardship‘ gegen die Entwicklung neuer Antibiotikaresistenzen“, sagt PD Dr. Thomas Brehm vom FZB und Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE), DZIF-Wissenschaftler und Seniorautor dieser Studie.

Die Ergebnisse dieser Arbeit liefern wichtige Impulse für zukünftige Behandlungsstrategien der MDR-TB und unterstützen den Einsatz individualisierter Therapiekonzepte mit ausreichend wirksamen Medikamenten. Nun sind prospektive Studien erforderlich, um diese Erkenntnisse im Kontext neuer verkürzter Therapieschemata mit modernen Wirkstoffen zu prüfen. Gegebenenfalls müssen die Definitionen der Behandlungsergebnisse der MDR-TB überarbeitet werden.


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Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph Lange
Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum
clange@fz-borstel.de

Originalpublikation:
Sophie Charlotte Meier, Liga Kukša, Santa Ķauķe, Vija Riekstina, Evita Biraua, Nityanand Jain, Christoph Lange, Thomas Theo Brehm,
Treatment outcomes and long-term relapse-free survival after multidrug-resistant tuberculosis treatment in Latvia: a retrospective national cohort study,
The Lancet Regional Health - Europe,
Volume 65,
2026,
101676,
ISSN 2666-7762,
https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2026.101676.

Organspende nach dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall

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Dezeit ist die Organspende nach dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall die einzige rechtlich zulässige Form der Spende. 

Die Einführung der Organspende auch nach Herz-Kreislaufstillstand könnte Wartezeiten verkürzen und Transplantationszahlen steigern. Das zeigen Simulationen auf Basis europäischer Daten.

In Deutschland besteht seit Jahren ein erheblicher Mangel an Spenderorganen. Verstorbene dürfen in Deutschland dann Organe spenden, wenn dies ihrem zuvor geäußerten oder mutmaßlichen Wunsch entspricht und der Tod irreversibel eingetreten ist. Derzeit ist die Organspende nach dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall (IHA, umgangssprachlich Hirntod) die einzige rechtlich zulässige Form der Spende von Verstorbenen. In vielen anderen Ländern ist zusätzlich die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand (HKS; engl. controlled donation after circulatory death, cDCD) geregelt und etabliert. Hierbei tritt der Tod nicht zuerst durch den Ausfall der Hirnfunktionen ein, sondern nach der durch die Patientinnen bzw. Patienten gewünschten Therapieeinstellung auf der Intensivstation. Die Therapieeinstellung (Beendigung der künstlichen Beatmung, Beendigung der künstlichen Kreislaufunterstützung) kann beispielsweise gewünscht sein, weil die Therapieaussichten sehr schlecht sind und kein weiteres Leiden gewünscht ist. Dies führt zum Ausfall des Herz-Kreislaufsystems und nach einer gewissen Wartezeit nach Eintritt des Todes ist die Organspende möglich.
Eine aktuelle Studie der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Zusammenarbeit mit der Eurotransplant International Foundation (Leiden, Niederlande) hat untersucht, welches Potenzial eine Indikationserweiterung auf die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand für Deutschland hätte. Grundlage waren retrospektive Daten aus neun europäischen Ländern sowie simulationsgestützte Modelle zur Entwicklung von Transplantationszahlen und Wartelisten.
Die jetzt im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die Einführung der HKS-Spende die Zahl verfügbarer Spenderorgane in Deutschland deutlich erhöhen könnte. Der Effekt hängt jedoch stark von organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt in Modellen, die sich an Ländern wie Spanien oder der Schweiz orientieren. Zwei Beispiele aus den Modellrechnungen für das Jahr 2023: Unter Annahmen wie in der Schweiz wären demnach etwa 35 Prozent mehr Leber- und 60 Prozent mehr Nierentransplantationen möglich gewesen. In einem Szenario wie in Tschechien ergäbe sich ein Plus von rund 10 Prozent bei Lebertransplantationen und rund 30 Prozent bei Nierentransplantationen.
„Wir haben diese Studie vor dem Hintergrund des anhaltenden Organmangels durchgeführt, da Deutschland im Gegensatz zu den meisten seiner Nachbarländer durch den Verzicht auf die HKS-Spende einen Sonderweg geht“, erklärt Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Medizinischen Fakultät der CAU. Er ist gemeinsam mit dem Eurotransplant-Wissenschaftler Hans de Ferrante, PhD, Erstautor der Studie. Bisherige Diskussionen konzentrierten sich meist auf andere Lösungsansätze, um den Organmangel abzumildern. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand ein relevantes zusätzliches Potenzial bietet. Ihr sollte ein größerer Stellenwert in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung eingeräumt werden“, sagt der Arzt und Wissenschaftler.

Daten für die öffentliche Debatte zur Organspende

Erwin de Buijzer, Medical Director, Eurotransplant, stellt fest: „Ob und wie DCD in Deutschland geregelt werden könnte, ist eine gesellschaftliche und politische Frage, die Eurotransplant nicht beantworten kann – und die Studie nimmt diese Entscheidung nicht vorweg. Sie bietet aber eine datenbasierte Grundlage für eine sachliche Debatte und hilft, mögliche Auswirkungen besser zu verstehen. Maßstab bleiben Transparenz, Qualität und Patientensicherheit.“
Denn die Analysen zeigen auch, dass die Wirkung stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen abhängt. In einigen Szenarien, etwa nach österreichischem Vorbild, ergaben sich kaum Verbesserungen. Dies deutet darauf hin, dass die bloße Einführung der HKS-Spende nicht ausreicht. Darüber hinaus spielen strukturelle Faktoren eine entscheidende Rolle. Internationale Beispiele zeigen, dass steigende Organspendezahlen meist mit umfassenden Maßnahmen einhergehen, etwa verbesserter Spendererkennung in Kliniken, standardisierten Abläufen, gezielter Schulung von Fachpersonal sowie Öffentlichkeitsarbeit zur Steigerung der Akzeptanz.
Die Studie zielt darauf, die öffentliche Debatte zu erweitern. Aktuell wird vor allem die Einführung der Widerspruchslösung diskutiert. Diese sieht vor, dass jeder Mensch grundsätzlich als Organspender gilt, sofern nicht zu Lebzeiten explizit widersprochen worden ist. „Wir wollen alternative, wirksame Systemoptionen sichtbar machen. Viele wissen nicht, dass Organspende in Deutschland an eine bestimmte Todesfeststellung gebunden ist – und dass dadurch Spenden nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand derzeit ausgeschlossen sind. Ob und wie man dafür rechtliche Voraussetzungen schafft, sollte offen und sachlich diskutiert werden“, betont von Samson-Himmelstjerna.

Hintergrund

Hierzulande darf eine Organentnahme nach dem Tod derzeit nur erfolgen, wenn Ärztinnen und Ärzte den Tod als irreversiblen Ausfall der gesamten Hirnfunktionen festgestellt haben. Die Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand ist in vielen europäischen Ländern und auch beispielsweise in Japan, den Vereinigten Staaten von Amerika und Australien etabliert und wird dort unter unterschiedlichen Protokollen durchgeführt. Dabei wird der Tod anhand des dauerhaften Ausfalls der Kreislauffunktion festgestellt. Nach einer definierten Beobachtungszeit ohne Wiederbelebung kann die Organentnahme erfolgen. Diese Todeskonstellation ist nach der derzeitigen Rechtslage in Deutschland keine Grundlage für eine Organspende.

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Dr. Friedrich A. von Samson-Himmelstjerna
Medizinische Fakultät, CAU
Friedrich.vonSamson-Himmelstjerna@email.uni-kiel.de

Originalpublikation:
DOI: 10.3238/arztebl.m2026.0004
Weitere Informationen finden Sie unter
<http://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/058-organspende-studie>

Einfluss- und Schutzfaktoren im Zusammenhang mit kindlicher Angst


Wie entsteht Angst – und was kann davor schützen? Teilnehmende für eine Eltern-Kind-Studie gesucht

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Kinder zwischen 8 und 12 Jahren gemeinsam mit einem Elternteil für eine psychologische Studie gesucht.

Angst ist eine normale und wichtige Schutzreaktion, besonders im Kindesalter. Wenn sie allerdings sehr stark wird und den Alltag beeinträchtigt, spricht man von einer Störung.

Psycholog*innen der Universität Mannheim erforschen Einfluss- und Schutzfaktoren im Zusammenhang mit kindlicher Angst. Teilnehmen können Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren gemeinsam mit einem Elternteil. Die Studie ist kindgerecht und spielerisch gestaltet und wurde von der Ethikkommission der Universität Mannheim begutachtet und als unbedenklich bewertet. Die Erhebung findet bis Juni 2026 am Lehrstuhl für Klinische und Biologische Psychologie und Psychotherapie statt.

Alle Teilnehmenden erhalten die Möglichkeit, spannende Forschung hautnah zu erleben und unterstützen damit die Arbeit zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Ängsten bei Kindern. Die Teilnahme dauert etwa 60 bis 90 Minuten. Als Dankeschön erhalten die Kinder am Ende eine Urkunde und eine kleine Überraschung. Die Aufwandsentschädigung beträgt 20 Euro.

Anmeldungen sind per Mail an klips-studienteilnahme@psychologie.uni-mannheim.de oder per Telefon unter der Nummer ‪0152 58593627‬ möglich.

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Prof. Dr. Antje Gerdes
Akademische Rätin
Lehr¬stuhl für Klinische und Biologische Psychologie und Psychotherapie
Universität Mannheim
E-Mail: gerdes@uni-mannheim.de


Service- und Reinigungskräfte – für eine Angleichung ihrer Arbeitsbedingungen und Löhne an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD

Vivantes-Geschäftsführung scheitert mit Ultimatum – Tarifkommission lehnt Angebot einstimmig ab

Zweiter Tag des Erzwingungsstreiks: Beschäftigte der Vivantes-Töchter demonstrieren vor CDU-Landeszentrale

Die Tarifverhandlungen zwischen ver.di und Vivantes zur Beendigung der Ungleichbehandlung zwischen den Beschäftigten des Mutterkonzerns und denen der Vivantes-Töchter sind auch heute ohne Ergebnis geblieben. Die Vivantes-Geschäftsführung hat ihr bestehendes Angebot lediglich um die von der Bundesregierung anlässlich der gestiegenen Energiekosten angekündigte „Entlastungsprämie“ in Höhe von 1.000 Euro ergänzt – verbunden jedoch mit dem Ultimatum, das gesamte Angebot Ende April vom Tisch zu nehmen, sollte bis dahin keine Einigung erzielt werden. Die Tarifkommission lehnte das Angebot einstimmig ab. Die zeitgleich stattfindende Streikversammlung bestätigte diese Entscheidung.

Inhaltlich begründete die Geschäftsführung das Ultimatum mit den aktuell diskutierten Sparvorschlägen von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken – ohne diese Argumentation jedoch substanziell zu untermauern. Eine konstruktive Verhandlung wird nicht durch Basta-Politik erreicht. ver.di ist weiter bereit über ein Ende der Ungerechtigkeit zügig zu verhandeln.

Ben Brusniak, Verhandlungsführer von ver.di, kritisiert dieses Vorgehen scharf: „Sich in Verhandlungen auf noch nicht spruchreife Entwicklungen im Gesundheitssystem zu berufen, während man gleichzeitig verbindliche Grundlagen wie den Berliner Koalitionsvertrag – der die Rückführung der Töchter ausdrücklich vorsieht – außer Acht lässt, ist Rosinenpickerei. Die Kolleginnen und Kollegen streiken, weil das vorliegende Angebot die bestehende Ungerechtigkeit nicht beseitigt. Daran ändert auch eine Entlastungsprämie nichts, die ursprünglich für finanzielle Entlastung oberhalb der Tarifabschlüsse konzipiert wurde."

Kamila Weiß, Reinigungskraft bei Viva Clean, bringt auf den Punkt, wie das Ultimatum bei den Streikenden ankommt: „Wenn mir gesagt wird, dass das bisherige Angebot plus 1.000 Euro nur noch bis Ende des Monats gilt – dann fühlt sich das für mich und meine Kolleginnen und Kollegen wie Erpressung an."

Jana Seppelt, ver.di-Verhandlungsführerin, weist die Strategie der Geschäftsführung entschieden zurück: „Die aktuelle Debatte um Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem zu nutzen, um den Druck auf die Beschäftigten zu erhöhen, zeigt einmal mehr, dass die Geschäftsführung nicht begriffen hat, in welcher wirtschaftlichen Lage sich viele Töchterbeschäftigte nach Jahrzehnten des Lohndumpings befinden. Was hier angedroht wird, ist die Abwälzung der Missstände im Gesundheitssystem auf genau jene, die ohnehin am schlechtesten verdienen."

Heute ist der zweite Tag des Erzwingungsstreiks mit starker Beteiligung.

Im Rahmen des Streiks zogen die Beschäftigten heute zur CDU-Zentrale, um den Regierenden Bürgermeister an sein Versprechen zu erinnern, die notwendigen Mittel für die Rückführung der Töchter in den TVöD bereitzustellen.

Am 23.4.2026 werden die Verhandlungen fortgesetzt.

Hintergrund: Vivantes ist das größte kommunale Krankenhausunternehmen Berlins. Seit Jahren kämpfen die Beschäftigten der ausgegliederten Tochterfirmen – darunter Service- und Reinigungskräfte – für eine Angleichung ihrer Arbeitsbedingungen und Löhne an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD). 
Der Berliner Koalitionsvertrag sieht die Rückführung der Töchter und die Angleichung an den TVöD ausdrücklich vor.

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Jana Seppelt, jana.seppelt@verdi.de, 0151 / ‪15 94 88 42‬

Ben Brusniak, ben.brusniak@verdi.de, 0151 / ‪18 22 54 81

Muskelentzündungen

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Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) hat ein Mausmodell entwickelt, das neue Einblicke in die Entstehung einer seltenen, aber schwerwiegenden Muskelerkrankung bietet. Die Forschenden konnten zeigen, dass die anhaltende Entzündung bei der sogenannten Einschlusskörpermyositis mit einer gestörten zellulären „Müllabfuhr“ in Verbindung steht – ein wichtiger Anhaltspunkt für neue Behandlungsstrategien. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Brain“ veröffentlicht.

Die Einschlusskörpermyositis ist eine seltene, chronisch fortschreitende Muskelerkrankung, die vor allem Menschen über 45 Jahre betrifft und zu Muskelschwäche und -abbau führt. Eiweiße, auch Proteine genannt, lagern sich dabei in den Muskelfasern ab und verursachen Veränderungen in den Mitochondrien – den "Kraftwerken der Zellen“. Diese produzieren die Energie, um beispielsweise Bewegungen durchführen zu können. Häufig betroffen sind bei dieser Erkrankung die Oberschenkelmuskeln und die Fingerbeuger, was alltägliche Bewegungen wie Gehen oder Greifen zunehmend erschwert. Das Besondere an dieser Krankheit: Sie spricht kaum auf die üblichen entzündungshemmenden Medikamente an, die bei anderen Muskelentzündungen erfolgreich eingesetzt werden.

In einer internationalen Zusammenarbeit unter Beteiligung der Klinik für Neurologie und dem Institut für Neuroimmunologie und Multiple-Sklerose-Forschung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben Wissenschaftler*innen ein Mausmodell zur Untersuchung der Einschlusskörpermyositis entwickelt. Das Tiermodell ermöglicht neue Einblicke in die Entstehung dieser seltenen, aber schwerwiegenden Muskelerkrankung, deren Ursachen bisher nicht vollständig geklärt sind. Die Forschenden konnten gemeinsam mit Kolleg*innen aus Heidelberg, Aachen, Freiburg, München und der Schweiz zeigen, dass die chronische Entzündung mit einer gestörten „Müllabfuhr“ in den Körperzellen zusammenhängt. Beide Vorgänge – die Entzündung und die gestörte „Müllabfuhr“ – verstärken sich dabei gegenseitig und treiben die Krankheit gemeinsam an.

Neue Wege für wirksame Behandlungsstrategien

„Dies könnte erklären, warum klassische entzündungshemmende Therapien scheitern und neue Wege für die Entwicklung wirksamer Behandlungsstrategien eröffnen“, sagt Ko-Autorin der Studie Priv.-Doz. Dr. Jana Zschüntzsch, Oberärztin in der Klinik für Neurologie der UMG. „Unser Mausmodell ahmt zum ersten Mal alle wichtigen Merkmale der menschlichen Einschlusskörpermyositis nach. Das ist ein enormer Fortschritt, denn bisher fehlte uns ein geeignetes Tiermodell, um neue Therapien zu testen.“ Prof. Dr. Jens Schmidt, Letztautor und Facharzt in der Klinik für Neurologie der UMG, ergänzt: „Damit Zellen funktionieren, sorgt ein Reinigungssystem dafür, dass defekte Proteine und andere Zellabfälle ordnungsgemäß entsorgt werden. Bei unserem Mausmodell ist dieses System gestört, während gleichzeitig eine chronische Entzündung anhält – als würde man in einem unaufgeräumten Haushalt ständig Staub aufwirbeln.“

Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Brain“ veröffentlicht:

Originalpublikation:
Bremer et al. Mutual reinforcement of lymphotoxin-driven myositis and impaired autophagy in murine muscle. Brain (2025). DOI: https://doi.org/10.1093/brain/awaf260

Mausmodell ermöglicht Ursachenforschung

Die Forschenden entwickelten Mäuse, die genetisch so verändert wurden, dass sowohl die entzündlichen Prozesse als auch die gestörte Zellreinigung der menschlichen Erkrankung nachgeahmt werden. Diese Mäuse zeigten ähnliche Symptome wie Patient*innen, die an einer Einschlusskörpermyositis litten.

Ein besonders wichtiger Befund der Studie: Die Forschenden konnten zeigen, warum die üblichen entzündungshemmenden Medikamente bei der Einschlusskörpermyositis nicht wirken. Selbst wenn sie die Entzündung erfolgreich unterdrückten, blieben die Muskelschwäche und die charakteristischen Zellveränderungen bestehen. Dies spiegelt die Erfahrungen aus der Klinik wider, wo Kortison und andere Immunsystem unterdrückende Medikamente bei den Patient*innen meist nur enttäuschende Ergebnisse zeigen.

In den kommenden Jahren werden die Wissenschaftler*innen verschiedene innovative Therapieansätze testen.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT
Priv.-Doz. Dr. Jana Zschüntzsch, Klinik für Neurologie, Telefon 0551 / 39-62520, j.zschuentzsch@med.uni-goettingen.de

Originalpublikation:
Bremer et al. Mutual reinforcement of lymphotoxin-driven myositis and impaired autophagy in murine muscle. Brain (2025). DOI: https://doi.org/10.1093/brain/awaf260

Der Mann und seine Gefühle

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Was geschieht, wenn Männer das Gefühl haben, nicht ausreichend männlich zu sein? Eine neue sozialpsychologische Studie zeigt: Viele Männer erleben Männlichkeit als unsicheren Status, der immer wieder bestätigt werden muss. Dieser Druck ist kein Randphänomen, sondern beeinflusst messbar und verlässlich Gefühle, Selbstbild, Einstellungen und Verhalten von Männern. Mit spürbaren Folgen: für Männer selbst, ihr Umfeld und die Gesellschaft insgesamt, etwa durch das Wählen autoritärer, rechter Parteien.

In einer umfangreichen, in der Fachzeitschrift „Personality and Social Psychology Review“ erschienenen Meta-Analyse hat ein Forschungsteam um Lea Lorenz von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) und Sven Kachel von der Universität Kassel untersucht, wie Männer auf Situationen reagieren, in denen ihre Männlichkeit in Frage gestellt wird. Dafür hat das Team 123 Experimente, überwiegend aus westlichen Ländern, mit 19.448 Männern systematisch geordnet und ausgewertet. Für ihre Analyse haben die Forschenden unterschieden zwischen Auslösern, inneren Reaktionen wie Gefühle, kompensatorischen Reaktionen wie stark männliches Verhalten und Merkmalen der Situation, die die Wirkung beeinflussen. Dadurch konnten sie berechnen, wie stark der Effekt im Durchschnitt ist und welche Bedingungen ihn verstärken.

Über alle ausgewerteten Studien hinweg zeigt sich ein klarer, zuverlässiger Effekt: Wenn Männer an ihrer Männlichkeit zweifeln, verändert dies messbar ihre Gefühle, ihr Selbstbild, ihr Verhalten und ihre Einstellungen. Der Effekt ist nicht extrem groß, aber stabil und unter vielen Bedingungen nachweisbar. „Überraschend stark sind die Effekte, wenn Männer selbst zu dem Schluss kommen, nicht dem männlichen Ideal zu entsprechen – stärker als bei bloßer Rückmeldung von außen“, erklärt Sven Kachel. „Auch wenn andere dabei sind, steigt der Druck, sich männlich zu präsentieren“. In der Forschung wurde bisher nicht systematisch unterschieden, ob Männer selbst zu diesem Schluss kommen oder ob er ihnen von außen vermittelt wird, so das Forschungsteam.

Die Ergebnisse der Analyse stützen zwei zentrale Ansätze der Sozialpsychologie: die Theorie der prekären Männlichkeit, nach der Männlichkeit leicht verloren gehen kann und immer wieder bestätigt werden muss, sowie die Theorie sozialer Identität, nach der Menschen stark darauf achten, wie ihre Gruppenmitgliedschaft bewertet wird.

Von Risikobereitschaft bis Aggression

Haben Männer das Gefühl, dem männlichen Ideal nicht zu entsprechen, setzt sie das spürbar unter Druck. Bedrohungserfahrungen führen kurzfristig oft zu emotionaler Belastung wie Angst, Stress, Unbehagen oder Ärger, so die Studie. Nach außen reagieren diese Männer oft mit Einstellungen und Verhalten, die Männlichkeit betonen und die Bedrohung abschwächen sollen, wie Risikobereitschaft, Aggression, Abwertung anderer Gruppen oder stärkerer Zustimmung zu traditionellen, männlich dominierten Gesellschaftsstrukturen, etwa durch die Befürwortung von traditionellen Geschlechterrollen, durch sexuelle Belästigung von Frauen oder durch das Absprechen von Rechten für sexuelle Minderheiten. Langfristig schadet solches Verhalten aber oft den Männern selbst, so das Forschungsteam, etwa durch riskantes oder besonders hartes Auftreten.

Die ausgewerteten Studien zeigen außerdem körperliche Stressreaktionen. Dazu zählen beispielsweise eine erhöhte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol oder aufgrund innerer Anspannung eine Veränderung der Herzratenvariabilität, wodurch sich der Körper nicht mehr so gut Belastungen anpassen kann.

Auslöser reichen von „untypischem Verhalten“ bis zu Rollenverlust

Bedroht in ihrer Männlichkeit fühlen sich Männer beispielsweise dann, so ein weiteres Ergebnis der Studie, wenn sie signalisiert bekommen, weniger durchsetzungsstark, dominant oder „männlich“ zu sein als andere. Auch wenn sie einer Frau unterstellt sind, die klar die Führung übernimmt, oder sie Aufgaben ausführen sollen, die als „unmännlich“ gelten, kann das entsprechend Reaktionen auslösen.

Bedrohung kann auch auf Gruppenebene entstehen – etwa, wenn gesellschaftliche Entwicklungen traditionelle Rollen infrage stellen. Das kann beispielsweise durch Äußerungen erfolgen, Männer seien im Laufe der Zeit „immer femininer“ geworden oder wenn behauptet wird, es gebe keine klaren Unterschiede mehr zwischen heterosexuellen und schwulen Männern.

Gesellschaftliche Folgen: von Diskriminierung bis politische Härte

„Unsere Studienergebnisse haben gesellschaftliche Relevanz“, betont Lea Lorenz. Männlichkeitsbedrohungen können nicht nur Männer selbst belasten, sondern auch negative Auswirkungen auf ihr Umfeld haben. Etwa dann, wenn dadurch aggressives, riskantes oder diskriminierendes Verhalten gefördert wird. Oder wenn sich deswegen das Wahlverhalten in Richtung harter, autoritärer Politik verschiebt.

„Wenn wir besser verstehen, wann solche Bedrohungen entstehen und was sie verstärkt oder abschwächt, kann das helfen, Konflikte, Diskriminierung und gesellschaftliche Spannungen zu reduzieren“, fasst Lea Lorenz zusammen.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau (Kerstin Theilmann
AG Sozialpsychologie

Lea Lorenz
+49 (0)6341 280-31213
lea.lorenz@rptu.de

Originalpublikation:
Lea L. Lorenz, Lorena Hüther, Melanie C. Steffens, Claudia Niedlich, Helena Wesnitzer, and Sven Kachel: Masculinity Threat in Heterosexual Men: A Comprehensive Meta-Analysis of Experimental Research with Recommendations for Future Theory Building and Research Practice. In: Personality and Social Psychology Review
Doi: 10.1177/‪10888683261433109‬
https://doi.org/10.1177/10888683261433109