Medizin am Abend Berlin Fazit: Wechsel auf ein wirkstoffgleiches Epilepsie-Medikament eines anderen Herstellers ist problematisch
Fast 800.000 Menschen in Deutschland sind an Epilepsie
erkrankt.
Die Therapie mit einem Antikonvulsivum führt bei zwei Dritteln
der Patienten zur Anfallsfreiheit.
- Eine Studie zeigte nun, dass das
Risiko, epileptische Anfälle zu erleiden, nach Wechsel auf ein
wirkstoffgleiches Präparat eines anderen Herstellers um über 30% stieg.
Das spricht dafür, eine wirksame Therapie nicht zu verändern, doch das
ist nicht immer mit dem Wirtschaftlichkeitsgebot vereinbar.
- Eine
aktuelle Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie e.V.
sensibilisiert für dieses Problem und gibt praktische Vorschläge, um
Patientenwohl und Wirtschaftlichkeitsgebot möglichst gerecht zu werden.
Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen.
Etwa
5% der Bevölkerung erleiden im Laufe des Lebens einen epileptischen
Anfall und fast 1%, also etwa 800.000 Menschen in Deutschland, leiden an
wiederkehrenden Anfällen.
Diese Patienten werden mit sogenannten
Antikonvulsiva behandelt, speziellen Medikamenten, die gegen
Krampfanfälle wirken.
Verschiedene Substanzen dieser Medikamentengruppe
sind auf dem Markt.
Wenn eine Substanz keinen Erfolg zeigt, wird eine
andere versucht. Etwa zwei Drittel der Patienten kann erfolgreich
behandelt werden und bleibt unter der Therapie mit einem Antikonvulsivum
langanhaltend anfallsfrei.
Hat die Behandlung Erfolg, sollte immer von einem Wechsel der Medikation
abgesehen werden. Frei nach dem Motto „never change a running system“
macht es keinen Sinn, einem Patienten einen neuen Wirkstoff zu
verschreiben, wenn er unter der bisherigen Therapie gut eingestellt ist,
also beschwerdefrei ist und keine nicht-tolerierbaren Nebenwirkungen
auftreten.
Studie zeigt 30% erhöhtes Anfallsrisiko nach Wechsel auf ein wirkstoffgleiches Präparat eines anderen Herstellers
-
Doch nicht nur der Wechsel von Substanz zu Substanz ist problematisch,
sondern schon der Wechsel von der einen Substanz eines Herstellers zu
der gleichen Substanz eines anderen Herstellers (z.B. von
Originalpräparat auf ein Generikum oder von einem Generikum auf ein
anderes Generikum oder auch von einem Generikum zu einem
Originalpräparat).
Das zeigte jüngst eine landesweite Auswertung [1] von
über 30.000 Epilepsie-Patienten, die von 163 Neurologen in Deutschland
behandelt wurden. Die Studie ergab, dass sich das Risiko von
wiederauftretenden epileptischen Anfällen bei bis dato anfallsfreien
Patienten nach Wechsel auf die gleiche Substanz eines anderen
Herstellers um über 30% erhöhte.
Davon schienen insbesondere ältere
Patienten betroffen zu sein. Die Studienautoren schlussfolgerten, dass
ein Hersteller-Wechsel im Praxisalltag demnach nicht unkritisch sei.
-
Praktisch stellt das Studienergebnis behandelnde Neurologen vor ein
Dilemma.
„Wie alle Ärzte unterliegen wir dem
Wirtschaftlichkeitsgebot
und versuchen, möglichst häufig die kosteneffizientesten Präparate
einzusetzen. Doch jeder Herstellerwechsel bei einem Antikonvulsivum kann
zu Anfallsrezidiven führen, was wir natürlich zum Wohl unserer
Patienten vermeiden möchten“, erklärt Prof. Dr. med. Hajo M. Hamer,
Universitätsklinikum Erlangen, 1. Vorsitzender der Deutschen
Gesellschaft für Epileptologie.
Warum ist das der Fall, wo Generika doch eigentlich wirkstoffgleich sein
müssten?
„Verschiedene generische Präparate enthalten zwar die gleichen
Wirkstoffe, unterscheiden sich aber mitunter hinsichtlich der
Hilfsstoffe.
Auch wenn sich die Darreichungsform, das Aussehen, die
Größe oder die Stärke der Tabletten ändern, kann das zu
Einnahmefehlern
und Verwechselungen führen, die den Therapieerfolg gefährden und zu
einem höheren Anfallsrisiko führen können“, so Prof. Hamer.
Stellungnahme gibt Neurologen praktische Vorschläge an die Hand!
Die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie e.V. hat daher vor wenigen
Tagen eine Stellungnahme [2] publiziert, die sich dieser Thematik
annimmt.
Sie gibt u.a. Neurologen praktische Vorschläge an die Hand, wie
Präparatsumstellungen im Praxisalltag einerseits möglichst vermieden,
andererseits bestmöglich medizinisch begleitet werden können.
Publikationen
[1] Lang JD, Kostev K, Onugoren MD et al. Switching the manufacturer of
antiepileptic drugs is associated with higher risk of seizures: A
nationwide study of prescription data in Germany. Ann Neurol. 2018 Dec;
84 (6): 918-925.
[2] Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie e.V. „Herstellerwechsel bei Antikonvulsiva”.
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Prof. Dr. H. M. Hamer
Universitätsklinikum Erlangen, Neurologische Klinik
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- die Förderung von Forschung, Ausbildung und Training
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