Medizin am Abend Berlin Fazit: Faszien: Vernetzt von Kopf bis Fuß
In einem Artikel für Gray´s Anatomy fassen Sportwissenschaftler und
Sportmediziner der Goethe-Uni überraschende Erkenntnisse aus der neueren
Forschung zusammen.
Lange Zeit galten Faszien als vornehmlich passives
Verpackungsmaterial für Muskeln ohne bedeutsame Funktionen für das
Bewegungssystem.
Als neuere Forschungsergebnisse zeigten, dass sie eine
weitaus wichtigere Rolle spielen könnten, e
ntwickelte sich bald das
Faszientraining. In seiner neusten Ausgabe würdigt auch das renommierte
amerikanische Anatomiebuch „Gray´s Anatomy“ das muskelumhüllende Gewebe
mit einem Eintrag. Geschrieben ist er von den Frankfurter Forschern Dr.
Jan Wilke und Prof. Winfried Banzer.
Faszien im Bereich des unteren Rückens und des Gesäßes. Abbildung: fascialnet.com
In Anatomiebüchern wurden Faszien bisher nur selten exponiert
dargestellt, in Anatomiekursen fielen sie meist schnell dem Skalpell zum
Opfer, da das dünne, weißliche Gewebe den Blick auf die Muskeln des
Körpers verstellt.
- Inzwischen weiß man aber, dass es eine höhere
Nervendichte und Schmerzempfindlichkeit besitzt als Muskeln und somit
bei verschiedenen orthopädischen Beschwerden relevant sein könnte.
So
erklärt sich auch der gegenwärtige Hype um das Faszientraining: Kaum ein
Fitnessstudio verzichtet darauf, die Industrie entwickelt unablässig
neue Trainingsgeräte und Buchläden präsentieren diverse Werke mit
bunten, teils reißerischen Covers.
Mit einem Eintrag in der kürzlich erschienenen 42. Auflage des
renommierten Anatomiebuchs „Gray’s Anatomy“ haben Faszien nun auch einen
festen Platz im Lehrbuchwissen erhalten.
Der Atlas zählt zu den
bekanntesten und einflussreichsten Werken weltweit und ist, insbesondere
im anglo-amerikanischen Sprachraum, ein Klassiker. Die Frankfurter
Sportwissenschaftler Dr. Jan Wilke und Prof. Winfried Banzer, der
zugleich Sportmediziner ist, wurden eingeladen, einen Kommentar zu ihren
Forschungsergebnissen für Gray´s Anatomy zu verfassen.
Beide Autoren
beschäftigen sich mit der potenziellen mechanischen Rolle des kollagenen
Bindegewebes.
Mit einer systematischen Literaturanalyse konnten Wilke und Banzer
nachweisen,
dass Faszien, entgegen zahlreicher Darstellungen in
Standardwerken der Anatomie, die Muskeln des Körpers nicht voneinander
abgrenzen, sondern – teils von Kopf bis Fuß – direkt verbinden.
- Möglicherweise erklären die so entstehenden Muskel-Faszien-Ketten, warum
Schmerzen manchmal in entfernten Körperregionen auftreten.
Da im
Verlauf der Kontinuitäten auch Kräfte übertragen werden, beschränken
sich die Wirkungen von klassischen Sportübungen wie Dehnen oder
Krafttraining auch nicht auf den Anwendungsort.
Mehrere Studien aus dem
Frankfurter Institut für Sportwissenschaften zeigten, dass Dehnübungen
der Beinmuskulatur sogar die Beweglichkeit der Halswirbelsäule steigern
und nicht weniger effektiv sind, als lokale Übungen des Nackens selbst.
Aktuell versuchen Wilke und Banzer herauszufinden, ob die Ergebnisse aus
der Grundlagenforschung bei Gesunden auch auf Patienten übertragbar
sind.
Hinweise:
• Die 42. Auflage von „Gray´s Anatomy“ ist kürzlich als Ebook erschienen. Die gedruckte Version ist für das Jahr 2020 geplant.
• Am 27. Januar um 22.50 Uhr zeigte ARTE eine Dokumentation zum Thema
Faszien, in der, neben anderen führenden Faszienforschern, auch der
Frankfurter Wissenschaftler Dr. Jan Wilke zu sehen war.
Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der
europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 mit privaten Mitteln
überwiegend jüdischer Stifter gegründet, hat sie seitdem
Pionierleistungen erbracht auf den Feldern der Sozial-, Gesellschafts-
und Wirtschaftswissenschaften, Medizin, Quantenphysik, Hirnforschung und
Arbeitsrecht. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren
historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein hohes Maß an
Selbstverantwortung. Heute ist sie eine der zehn drittmittelstärksten
und drei größten Universitäten Deutschlands mit drei Exzellenzclustern
in Medizin, Lebenswissenschaften sowie Geistes- und
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