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Prof. Markus van der Giet: Die Therapie einer beginnenden hypertonieassoziierten, chronischen Nierenerkrankung in der Hausarztpraxis

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Neue ESH-Leitlinie: Bei Hochdruckpatientinnen und -patienten muss regelmäßig die Albumin-Kreatinin-Ratio erhoben werden

Die Vermeidung von hypertonieassoziierten Folgekrankheiten steht im Zentrum der neuen Bluthochdruckleitlinie der „European Society of Hypertension“ (ESH). 

  • Besonders hervorgehoben wird die Sekundärprävention im Hinblick auf die chronische Nierenkrankheit (CKD). 
  • Die Leitlinie empfiehlt, bei Erstdiagnose der Hypertonie die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) und – das ist neu – auch die Albuminurie zu erheben. 

Letztere ermögliche erst eine „echte“ CKD-Früherkennung. 

  • Bei Hypertoniepatientinnen und -patienten ohne Nierenschädigungen bei Erstdiagnose sollen die Untersuchungen alle drei Jahre wiederholt werden. 

Bei jenen, die bei Erstdiagnose Nierenschädigungen aufweisen, engmaschiger.

Die neuen Hypertonie-Leitlinien der „European Society of Hypertension“ (ESH), die „2023 ESH Guidelines for the Management of Arterial Hypertension“ [1], setzen einen Fokus auf die Vermeidung von Folgeschäden der Hypertonie. 

Empfohlen wird ein umfassendes Screening nach hypertonie-assoziierten Folgeschäden, darunter auch Nierenschäden.

„Wenn man bedenkt, dass Hypertonie nach Diabetes mellitus die häufigste Ursache für eine chronische Nierenkrankheit ist und etwa ein Drittel aller Dialysefälle auf das Konto von Bluthochdruck gehen, wird das Potenzial der Sekundärprävention durch die Früherkennung und rechtzeitige Therapie der Hypertonie deutlich“, erklärt Prof. Markus van der Giet, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. 

„Es ist gut, dass die Leitlinie nun die Erhebung der Nierenparameter fest in das Patienten-Work-up von Menschen mit Hypertonie integriert hat.“

  • Die neuen Leitlinien empfehlen bei Erstdiagnose der Hypertonie die Erhebung der Nierenfunktion (eGFR nach EPI-CKD-Formel), einen Ultraschall der Nieren sowie die Bestimmung des Albuminverlusts über die Niere im spontanen Morgenurin. 

Prof. Julia Weinmann-Menke, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), zeigt sich besonders erfreut über die Empfehlung zur Urinuntersuchung: „Die Leitlinie hebt hervor, dass die eGFR und die Albumin-Kreatinin-Ratio zwei unabhängige Risikofaktoren sind. 

Bisher wurde die Erhebung der Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin nur vorgenommen, wenn die eGFR bereits eingeschränkt und die Nieren schon geschädigt waren. 

Eine erhöhte Albuminurie zeigt aber schon frühzeitig und auch unabhängig von der eGFR einen Nierenschaden an und ist somit ein echter Früherkennungsmarker. Die DGfN setzt sich seit Jahren dafür ein, diesen Marker auch in die allgemeinen Check-up-Untersuchungen zu integrieren – bisher vergeblich. Wir werten die aktuelle Leitlinie so, dass sich hier nun endlich ein Paradigmenwechsel abzeichnet.“

Sowohl Prof. Weinmann-Menke als auch Prof. van der Giet betonen aber, dass die Therapie einer beginnenden hypertonieassoziierten, chronischen Nierenerkrankung in der Hausarztpraxis erfolgen kann. 

„Oft ist allein die medikamentöse Blutdrucksenkung ausreichend, um das Fortschreiten der Nierenschädigung zu stoppen.“ 

  • Eine Überweisung zur Nephrologin/zum Nephrologen ist nach Ansicht beider erst zu empfehlen, wenn die Nierenfunktion unter 60 ml/min/1,73 m2 liegt oder Blut im Urin ist, das nicht durch eine urologische Erkrankung erklärbar ist, nennenswerte Mengen Eiweiß im Urin sind,
  • der Blutdruck auch mit drei Medikamenten nicht zu kontrollieren ist, die Nierenfunktion rasch abnimmt oder ein begründeter Verdacht auf eine spezifische Nierenerkrankung vorliegt (z. B. eine polyzystische Nierenerkrankung).

In den neuen ESH-Leitlinien ist auch ein Kapitel zur Blutdruckeinstellung bei Menschen mit chronischer Nierenkrankheit (CKD) zu finden. 

Bei CKD-Patientinnen und -Patienten ohne Albuminurie sollte der Blutdruck in den Bereich 130/70–139/79 mmHg abgesenkt werden. 

Bei Vorliegen einer Albuminurie über 150 mg/Tag wird eine Senkung auf unter 130/80 mmHg empfohlen.

Bei Hypertoniepatientinnen und -patienten, die bei Erstdiagnose keine hypertonieassoziierten Organschädigungen aufweisen, empfehlen die Leitlinien alle drei Jahre die erneute Durchführung der Screeninguntersuchungen. Bei Patientinnen und Patienten mit vorbestehenden Schädigungen sollte das Screening engmaschiger erfolgen, wobei die Leitlinien keine genauen Zeitangaben machen. „Wir Nephrologinnen und Nephrologen empfehlen bei Hypertoniepatientinnen und -patienten mit leichten Nierenschädigungen die jährliche Erhebung der eGFR und der Albumin-Kreatinin-Ratio. Nur so kann sichergestellt werden, dass das Zeitfenster für den Einsatz moderner Medikamente wie z. B. SGLT2-Inhibitoren, die den Nierenfunktionsverlust wirksam aufhalten können, nicht verpasst wird. Denn diese Medikamente dürfen initial nur verschrieben werden, wenn die eGFR noch nicht unter 25 ml/min/1,73 m2 liegt“, sagt Prof. van der Giet.

Das abschließende Fazit des Experten lautet: 

„Die neuen Leitlinien sind im Hinblick auf die Sekundärprävention ein Meilenstein und werden dazu beitragen, dass weniger Menschen infolge ihrer Hypertonie schwer nierenkrank werden und einer Nierenersatztherapie bedürfen.“

[1] 2023 ESH Guidelines for the management of arterial hypertension. The Task Force for the management of arterial hypertension of the European Society of Hypertension Endorsed by the European Renal Association (ERA) and the International Society of Hypertension (ISH). J Hypertens. 2023 Jun 21. doi: 10.1097/HJH.0000000000003480. Epub ahead of print. PMID: 37345492.
https://journals.lww.com/jhypertension/Abstract/9900/2023_ESH_Guidelines_for_the...

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Originalpublikation:

doi: 10.1097/HJH.0000000000003480

 

Professor Dr. med. Claus Cursiefen: Die Iris oder Regenbogenhaut des Auges: Melanin Augenerkrankungen und Hornhauttransplantationen - die Augenfarbe als unabhängiger Risikofaktor

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Augengesundheit: Irisfarbe – ein wenig beachteter Risikofaktor

Von hellem Blau oder Grau über grünliche bis hin zu tiefbraunen Tönen: 

Die Iris oder Regenbogenhaut des Auges kann eine ganze Palette von Farbschattierungen annehmen. 

Doch die Augenfarbe bestimmt nicht nur einen wesentlichen Teil des äußeren Erscheinungsbildes. 

Wie man heute weiß, hängt die Farbe der Iris auch mit der Neigung zu bestimmten Augenerkrankungen und dem Ergebnis etwa von Hornhauttransplantationen zusammen. 

Dass die Augenfarbe hier als unabhängiger Risikofaktor wirkt, sei lange Zeit wenig beachtet worden, so die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG). Experten der Fachgesellschaft geben einen Überblick darüber, was über diesen Zusammenhang bekannt ist.

Welche Augenfarbe ein Mensch hat, hängt davon ab, wie hoch die Konzentration an Melanin in seiner Iris ist – des Farbstoffs also, der neben der Augen- auch die Haut- und die Haarfarbe bestimmt. 

„Das Melanin hat dabei immer dieselbe bräunliche Farbe – auch grüne und blaue Augen besitzen keine anderen Farbstoffe“, erläutert Professor Dr. med. Claus Cursiefen, Direktor des Zentrums für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Köln und Generalsekretär der DOG. 

  • Die anderen Farbschattierungen beruhten auf Lichtbrechungseffekten, die bei verschiedenen Melaningehalten zum Tragen kämen.
  • Ganz ohne Melanin – wie bei Menschen mit der angeborenen Pigmentstörung Albinismus – bleiben die Augen sehr hell, je nach Lichteinfall kann sogar der rote Augenhintergrund hindurchschimmern. 
  • „Bei Menschen mit okulärem Albinismus ist bekannt, dass die Augenentwicklung insgesamt beeinträchtigt ist“, sagt Cursiefen. 
  • Weil Melanin nicht nur in der Iris, sondern auch im Pigmentepithel der Netzhaut enthalten ist, kann es ohne diesen Farbstoff zu deutlichen Fehlentwicklungen im Augenhintergrund und nachfolgenden Sehstörungen kommen.


Helle Augen: Höheres Risiko für Aderhaut-Tumoren und AMD

Doch auch wenn man vom Extremfall der Pigmentstörung absieht, kann sich der Melaningehalt der Iris auf die Augengesundheit auswirken. 

Denn so wie in der Haut schützt das Melanin auch in der Iris vor dem Einfluss des Sonnenlichts.  

Es filtert sowohl den sichtbaren Teil des Lichtspektrums – Menschen mit sehr hellen Augen reagieren daher besonders empfindlich auf starken Lichteinfall – als auch dessen UV-Anteil.  

Bei niedrigerem Melaningehalt steigt deshalb auch das Risiko, an einem so genannten uvealen Melanom zu erkranken, einem aggressiven Tumor der Aderhaut.1 „Dieser Krebstyp ist zwar sehr selten, er findet sich jedoch bei Menschen europäischer Abstammung 20 bis 30 mal häufiger als bei Menschen asiatischer oder afrikanischer Abstammung“, erläutert Professor Dr. med. Nikolaos Bechrakis, Präsident der DOG und Direktor der Universitätsaugenklinik Essen.

Mit einem geringeren Schutz vor den schädlichen Auswirkungen des Sonnenlichts lässt sich vermutlich auch die Beobachtung erklären, dass Menschen mit hellen Augen eher eine altersabhängige Makuladegeneration (AMD) entwickeln als Menschen mit dunklen Augen. 

„Bei der Entstehung der AMD spielen freie Radikale, oxidativer Stress und die Ansammlung von Abfallprodukten im Bereich der Netzhaut eine Rolle – Prozesse, die durch UV-Licht verstärkt werden“, erläutert Cursiefen. Ein Zusammenhang zwischen Augenfarbe und AMD-Risiko sei zwar nicht in allen Studien gefunden worden, so der Experte. „Eine umfangreiche Metaanalyse mit fast 130 000 Teilnehmenden konnte jedoch belegen, dass zumindest die feuchte Form der AMD bei Menschen europäischer Herkunft deutlich häufiger ist als bei Menschen mit asiatischen oder afrikanischen Wurzeln“, berichtet der Kölner Augenarzt.2 Ob dies hauptsächlich auf die Augenfarbe zurückzuführen ist, oder ob auch andere genetische Faktoren eine Rolle spielen, ist allerdings noch unklar.

Dunkle Augen: Mehr Grauer Star, häufiger Komplikationen bei Transplantationen

  • Bei der Entwicklung einer Linsentrübung, auch Grauer Star oder Katarakt genannt, sind Dunkeläugige dagegen im Nachteil.  

Diese Augenerkrankung entwickelt sich bei Menschen mit braunen Augen zwei bis viermal so häufig wie bei blauäugigen Menschen – ein Effekt, der auch innerhalb der weißen Bevölkerung nachgewiesen wurde und somit von der Ethnie unabhängig zu sein scheint.2 „Eine Theorie hierzu besagt, dass in der vorderen Augenkammer eine umso höhere Temperatur herrscht, je mehr Licht durch die Iris absorbiert wird“, erläutert Cursiefen. 

  • Bei dunkler Iris wäre demnach mit einer leicht erhöhten Temperaturbelastung zu rechnen, die wiederum einen bekannten Risikofaktor für die Entstehung des Grauen Stars darstellt. 
  • So ist die hitzebedingte Katarakt etwa bei Schweißern als Berufskrankheit anerkannt.


Auch das Ergebnis operativer Eingriffe am Auge kann von der Augenfarbe abhängen. 

Bei einer Hornhauttransplantation, bei der die Hornhaut in ihrer gesamten Dicke ausgetauscht wird („perforierende Keratoplastik“), werden Abstoßungsreaktionen und andere Komplikationen häufiger beobachtet, wenn die Iris dunkel ist

„Hier wird ein Einfluss des Melanins auf das Immungeschehen in der vorderen Augenkammer vermutet“, sagt Cursiefen. Womöglich verstärke das Pigment entzündliche Prozesse.

Unabhängig von dieser Beobachtung nimmt die Zahl der klassischen, perforierenden Hornhauttransplantationen seit einigen Jahren stark zugunsten minimal invasiver Techniken ab. 

In einer eigenen Arbeit haben Cursiefen und Kollegen daher die Komplikationsrate bei der minimal invasiven DMEK („Descemet Membrane Endothelial Keratoplasty“) untersucht, bei der lediglich die innerste Schicht der Hornhaut transplantiert wird. 

„Hier konnten wir keinen Effekt der Augenfarbe auf das Transplantatüberleben nachweisen“, so Cursiefen.3 Offenbar sei es durch den wesentlich schonenderen Ansatz gelungen, eine Immunaktivierung im Auge zu vermeiden und so den Einfluss des Melanins auszuschalten.

Ziel ist, erhöhte Risiken durch die Irisfarbe auszugleichen

„Die Beispiele zeigen, dass scheinbar unbedeutende Faktoren wie die Augenfarbe im klinischen Alltag durchaus relevant sein könnten“, so das Resümee der DOG-Experten. Nun gelte es, diese komplexen Zusammenhänge weiter zu definieren, bei der Behandlung zu berücksichtigen und, wo immer möglich, erhöhte Risiken und Nachteile auszugleichen.

Quellen:

1 Sun HP,Lin Y,Pan CW. Iris color and associated pathological ocular complications:a review of epidemiologic studies. Int J Ophthalmol 2014;7(5):872-878. doi:10.3980/j.issn.2222-3959.2014.05.25

2 Pugazhendhi A et al. Neovascular Macular Degeneration: A Review of Etiology, Risk Factors and Recent Adavnces in Research and Therapy. Int J Mol Sci. 2021 Feb; 22(3): 1170. doi: 10.3390/ijms22031170

3 Hayashi T, Hos D, Schrittenlocher S, Siebelmann S, Matthaei M, Franklin J, Clahsen T, Bock F, Bachmann B, Cursiefen C. Effect of Iris Color on the Outcome of Descemet Membrane Endothelial Keratoplasty. Cornea. 2020 Jul;39(7):846-850. doi: 10.1097/ICO.0000000000002305.

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Professor Dr. Heiner Wedemeyer: Nicht-alkoholische Fettleber-Erkrankung (NAFLD)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Mit Bewegung gegen Leberkrebs

Die EU hat sich das Thema Krebsprävention auf die Fahnen geschrieben. 

Die MHH beteiligt sich am EU-Projekt PIECES und will mit personalisierten Bewegungsprogrammen das Krebsrisiko reduzieren und die Lebergesundheit verbessern. 

 Wollen mehr Bewegung in die Krebsvorsorge bringen: Professor Dr. Uwe Tegtbur (links) und Professor Dr. Heiner Wedemeyer.

Wollen mehr Bewegung in die Krebsvorsorge bringen: Professor Dr. Uwe Tegtbur (links) und Professor Dr. Heiner Wedemeyer. Copyright: Karin Kaiser / MHH

  • In der Europäischen Union sind etwa drei Millionen Menschen von Krebs betroffen. 
  • Für 1,34 Millionen von ihnen verläuft die Erkrankung tödlich. 

Rund 40 Prozent der Krebsfälle wären durch wirksame Vorsorgestrategien wie eine gesündere Lebensweise und Früherkennung jedoch vermeidbar. 

Um das zu erreichen, hat die EU die Förderlinie „Mission Cancer“ aufgelegt, in deren Rahmen Vorhaben zur Krebsprävention unterstützt werden. Eines davon ist das Projekt PIECES, ein Konsortium aus 16 Mitgliedern aus zehn EU-Ländern, an dem auch die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) mit der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Endokrinologie sowie der Klinik für Rehabilitations- und Sportmedizin beteiligt ist. Ziel ist es zu untersuchen, weshalb bereits vorhandene wirksame Programme zur Krebsprävention bei der Umsetzung im Alltag häufig scheitern und wie diese besser auf die Bedürfnisse der Menschen und die nationalen Voraussetzungen angepasst werden können. Die EU fördert das Projekt jetzt über vier Jahre mit insgesamt 6,9 Millionen Euro. Davon erhält die MHH rund 680.000 Euro.

Tool-Box für personalisierte Fitnessprogramme

„Wir haben in der EU viele gute Programme zur primären Krebsprävention, die aber leider nicht immer und überall funktionieren“, sagt Professor Dr. Heiner Wedemeyer, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Endokrinologie. 

Das Projekt PIECES biete die Möglichkeit, die große Bandbreite an Präventionsmaßnahmen, deren Wirksamkeit in kontrollierten Umgebungen bereits nachgewiesen sind, nun unter den realen Bedingungen zu überprüfen. 

Dabei befassen sich Teilprojekte mit der Verbesserung der folgenden Risikofaktoren: 

Tabak- und Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, Infektionen mit Humanen Papillomaviren (HPV), UV-Belastung und ernährungsbedingten Faktoren. Das MHH-Teilprojekt konzentriert sich auf den Schwerpunkt Bewegung in Zusammenhang mit Lebergesundheit.

„Mit ausreichender körperlicher Aktivität sinkt nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch für chronische Entzündungen, die das Risiko für eine Vielzahl von Krebserkrankungen erhöhen“, erklärt Professor Dr. Uwe Tegtbur. 

Das hat der Sportmediziner bereits in mehreren Studien nachgewiesen. „In einer Kooperation mit der Volkswagen AG und bei Mitarbeitenden der MHH konnten wir im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung zeigen, dass personalisierte Fitnessprogramme Fitness und Körpergewicht und damit auch gesundheitliche Risikofaktoren wie Körperfett, Bluthochdruck und Blutzuckerwerte reduzieren und psychische Belastung sowie Lebergesundheit verbessern konnten“, sagt der Direktor der Klinik für Rehabilitations- und Sportmedizin. 

Dieser Ansatz soll nun auf eine digitale Plattform übertragen werden und als Tool-Box alle Werkzeuge enthalten, aus denen genau auf den jeweiligen Bedarf abgestimmte Programme zusammengestellt werden können. Dazu gehören digitale Fragebögen, um die Gesundheits- und Lebenssituation zu erfassen, und sogenannte Wearables, die Leistungsfähigkeit sowie Bewegungs- und Aktivitätsfortschritte messen und anzeigen. „So erreichen wir eine individuelle, zeit- und ortsunabhängige Betreuung, die die Teilnehmenden genau dort abholt, wo sie stehen und dazu motiviert, ihre Gesundheitssituation aktiv zu verbessern“, stellt der Sportmediziner fest.

Nicht-alkoholische Fettleber erhöht Krebsrisiko

Ganz gezielt wollen die Medizinerinnen und Mediziner auf die Leberkrebsprävention eingehen. 

„Allein in Deutschland haben etwa 20 Millionen Menschen meist aufgrund starken Übergewichts eine nicht-alkoholische Fettleber“, sagt Professor Wedemeyer. 

  • Unbehandelt kann aus einer nicht-alkoholische Fettleber-Erkrankung (NAFLD) eine Entzündung entstehen.  
  • Diese kann wiederum dazu führen, dass sich Bindegewebszellen in der Leber übermäßig stark vermehren (Fibrose) und das Lebergewebe schließlich vernarbt. 

Eine solche Leberzirrhose erhöht das Risiko einer Tumorbildung. 

„Bei der nicht-alkoholischen Fettleberentzündung kann Leberzellkrebs jedoch auch auftreten, bevor eine Zirrhose vorliegt, deshalb müssen wir möglichst früh eingreifen“, betont der Gastroenterologe. 

„Und wenn die Menschen sich ausreichend bewegen, werden auch ihre Leberwerte besser.“ 

Die Kombination aus passgenau zugeschnittenem Bewegungstraining, Vorsorgeuntersuchungen und medizinischer Beratung soll helfen, die steigende Zahl von NAFDL-Fällen zu verringern und so auch das Krebsrisiko zu reduzieren.

Damit der Ansatz nicht nur in Deutschland funktioniert, sondern auch international übertragbar ist, wird bei PIECES ein Maßnahmenpaket an verschiedenen Kohorten in ganz Europa untersucht. 

„Unsere Tool-Box soll am Ende nach dem Baukastenprinzip so kombinierbar sein, dass für jede Person, egal welchen Geschlechts, welcher Nation, welcher körperlichen Voraussetzung und welcher Wohnsituation das passende Präventionsprogramm zusammengestellt werden kann“, sagt Professor Tegtbur.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Heiner Wedemeyer über das Sekretariat der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Endokrinologie, 

gastroenterologie@mh-hannover.de 

Telefon (0511) 532-3305 

und bei Professor Dr. Uwe Tegtbur

tegtbur.uwe@mh-hannover.de

Telefon (0511) 532-9216. 

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Prof. Dr. Anca-Ligia Grosu: Besonders schwer zu operierendem Bauchspeicheldrüsenkrebs mittels Intraoperativer Strahlentherapie (IORT)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Universitätsklinikum Freiburg erforscht neue Behandlungsmöglichkeit für Bauchspeicheldrüsenkrebs

Erstmals wurde die Intraoperative Strahlentherapie (IORT) im Rahmen einer Studie zur Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs eingesetzt

Am Universitätsklinikum Freiburg wurden erstmals Patient*innen mit besonders schwer zu operierendem Bauchspeicheldrüsenkrebs mittels Intraoperativer Strahlentherapie (IORT) behandelt. 

  • Dabei wird das Tumorbett bereits während der Operation zur Tumorentfernung sehr präzise hochdosiert bestrahlt um die nach der Operation verbliebenen Tumorzellen zu zerstören. 
  • Durch den zielgenauen Einsatz der Strahlen schon während der Operation werden die umliegenden Organe geschont. Die neuartige Behandlung wird im Rahmen einer Studie wissenschaftlich erforscht.


Weltweit erhalten jedes Jahr mehr als 460.000 Patient*innen die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. 

Etwa bei 30 Prozent dieser Patient*innen wird der Tumor als grenzwertig resektabel eingestuft: 

Er befindet sich in unmittelbarer Nähe zu wichtigen Organen oder Blutgefäßen, was eine vollständige operative Entfernung erschwert und mit einer sehr niedrigen erwarteten Überlebensrate nach fünf Jahren einhergeht. 

Üblicherweise werden solche grenzwertig resektablen Tumoren mit einer Kombination aus Chemotherapie, externer über die Haut durchgeführter Strahlentherapie und Operation behandelt.

„Unsere Studie zur IORT-Behandlung markiert einen wichtigen Meilenstein in der Erforschung von Bauchspeicheldrüsenkrebs“, sagt Prof. Dr. Anca-Ligia Grosu, Ärztliche Direktorin der Klinik für Strahlenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg. 

„Der zielgenaue Einsatz hochdosierter Strahlung bei gleichzeitigem Schutz gesunder Organe und Strukturen kann für unsere Patient*innen einen entscheidenden Unterschied machen und wird zu weiteren wichtigen Verbesserungen in der Behandlung dieser aggressiven Krebserkrankung führen.“
In der IOPANCA-Studie am Tumorzentrum Freiburg – CCCF des Universitätsklinikums Freiburg werden für die sehr präzise Berechnung und Überprüfung der gewünschten Strahlendosis erstmals spezielle Hard- und Software-Systeme eingesetzt: intraoperative Computertomographie mit Echtzeit-Monte-Carlo-Planung zur Ergebnisvorhersage sowie In-vivo-Dosimetrie zur Kontrolle der Strahlendosis. Weitere Studien in diesem Bereich sind derzeit in Planung. 

Geleitet wird die IOPANCA-Studie von Prof. Dr. Eleni Gkika aus der Klinik für Strahlenheilkunde, Prof. Dr. Uwe Wittel aus der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie sowie Prof. Dr. Dimos Baltas aus der Abteilung Medizinische Physik an der Klinik für Strahlenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg. 

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Prof. Dr. Anca-Ligia Grosu
Ärztliche Direktorin
Klinik für Strahlenheilkunde
Universitätsklinikum Freiburg
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Benjamin Waschow Universitätsklinikum Freiburg

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Professor Michael Roden: https://diabetescalculator.ddz.de - Diabetes mellitus in 5 Subtypen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Diabetes-Subtypen identifizieren: DDZ stellt innovatives Clustering-Tool für Behandler vor

Das Konzept, den Diabetes mellitus in Subtypen zu unterteilen, kann die Grundlage für ein maßgeschneidertes Management der Betroffenen im Sinne der „Präzisions-Diabetologie“ bilden. 

Das Ziel ist, zukünftig das Risiko für die Entwicklung Diabetes-bedingter Folgeerkrankungen und Komplikationen frühzeitig zu erkennen. 

Das DDZ hat nun auf dieser Basis ein Clustering-Tool entwickelt. Erstmals vorgestellt wurde das Tool von Vortragenden des DDZ auf dem Deutschen Diabetes-Kongress in Berlin.

Die Subtypisierung des Diabetes basiert auf einer Clusteranalyse [1] sowie deren Überprüfung und Erweiterung im Rahmen der multizentrischen Deutschen Diabetes-Studie [2]. Aus den Untersuchungen haben sich Parameter ergeben, anhand derer einzelne Subtypen des Diabetes identifizierbar werden: 

Dabei spielt der:

Nachweis von GAD-Autoantikörpern,

das Alter bei der Diagnosestellung, 

der Body-Mass-Index (BMI), 

der HbA1c-Wert,

sowie Werte für Nüchtern-Plasma-Glucose (Blutzucker)

und Nüchtern-Plasma-C-Peptid 

und auch das Geschlecht eine Rolle.

Fünf Subtypen

  • Sup Typ 1: Der schwere Autoimmundiabetes (SAID) entspricht im Wesentlichen dem Typ-1-Diabetes und zeichnet sich durch reduzierte Betazellfunktion, das Vorliegen Diabetes-assoziierter Antikörper und einen niedrigen BMI aus.
  • Subtyp 2: Der schwere insulindefiziente Diabetes (SIDD) ist in seinen Merkmalen dem SAID ähnlich, weist allerdings keine Diabetes-assoziierten Antikörper auf.
  • Subtyp 3.der schwere insulinresistente Diabetes (SIRD) ist durch eine ausgeprägte Insulinresistenz und einen hohen BMI gekennzeichnet.
  • Bei Subtyp 4, dem milden Adipositas-bedingten Diabetes (MOD) besteht in der Regel Übergewicht begleitet von einer geringeren Insulinresistenz.
  • Während bei Subtyp 5, dem milden altersbedingten Diabetes (MARD) ein späterer Krankheitsausbruch bei leicht erhöhtem BMI und HbA1c-Wert zu erwarten ist.


Die neuen Subtypen zeigen bereits in den frühen Phasen der Erkrankung Hinweise auf unterschiedliche Risikoprofile. „Das Wissen um den jeweiligen Subtyp des Diabetes kann das gezielte Screening für bestimmte Folge- und Begleiterkrankungen des Diabetes stimulieren“, erklärt Professor Michael Roden, Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) sowie Direktor des Deutschen Diabetes-Zentrums.

„Allerdings ist die Zuordnung zu einem Subtyp heute noch keine etablierte Diagnoseform und kann auch nicht zu einer speziellen Behandlungsempfehlung führen. Dazu fehlen noch viele Daten und Studien“, betont Roden.

Forschungstool als Hilfestellung für Behandler

Das neu entwickelte DDZ Diabetes-Cluster-Tool ermöglicht es, Menschen mit Diabetes einem der fünf Diabetes-Subtypen zuzuordnen.

Der Grad der Ähnlichkeit der Person mit jedem der fünf Subtypen lässt sich grafisch darstellen, ist aber ausdrücklich keine Diagnose, sondern dient der Information für Interessierte und ersetzt weder den ärztlichen Rat noch eine Diagnosestellung und Behandlung.

„Die Entwicklung dieses DDZ Cluster-Tools ist ein erster Schritt in der geplanten Reihe von Angeboten, die wir zur praktischen Unterstützung präzisionsmedizinischer Ansätze in der Diabetologie in der nächsten Zeit anbieten möchten“, erläutert Professor Robert Wagner, leitender Oberarzt an der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am UKD sowie Leiter des klinischen Studienzentrums am DDZ.

Das Tool wurde von Robert Wagner, Tim Mori, Katsiaryna Prystupa, Klaus Straßburger, Marc Bonn und Olaf Spörkel zunächst in deutscher Sprache entwickelt und soll zukünftig auch in englischer Sprache weltweit verfügbar sein.

Hier geht es zum Clustering-Tool: https://diabetescalculator.ddz.de

Quellen:

[1] Ahlqvist E, Storm P, Käräjämäki A, Martinell M, Dorkhan M, Carlsson A, ... & Groop L. (2018). Novel subgroups of adult-onset diabetes and their association with outcomes: a data-driven cluster analysis of six variables. The Lancet Diabetes & Endocrinology 6(5):361-369.

[2] Zaharia OP, Strassburger K, Strom A, Bönhof G, Karusheva Y, Antoniou S, ... & Roden M. (2019). Risk of diabetes-associated diseases in subgroups of patients with recent-onset diabetes: a 5-year follow-up study. The Lancet Diabetes & Endocrinology 7(9), 684-694. 

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Prof. Dr. Robert Wagner, MD
Leiter der Arbeitsgruppe Klinisches Studienzentrum
Institut für Klinische Diabetologie
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Professor Klaus D. Jandt: Materialien bei Herzklappen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Speziell beschichtetes Titan verringert Blutgerinnselgefahr auf Prothesen

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Jena hat einen vielversprechenden Ansatz entwickelt, die Blutgerinnung auf dem Herzklappenmaterial Titan wesentlich zu reduzieren. 

Auf sogenannten (110)-Titanoxid-Oberflächen sind die Blutplättchen kaum aktiv, was die Blutgerinnung reduziert. 

Die Ursache hierfür liegt in dem unterschiedlichen Verhalten von Fibrinogen auf den Materialoberflächen. 

Die Jenaer Doktorandin Maja Struczynska mit dem Modell eines einzelnen Fibrinogenmoleküls.

Die Jenaer Doktorandin Maja Struczynska mit dem Modell eines einzelnen Fibrinogenmoleküls. (Foto: Jens Meyer/Uni Jena)

Etwa 25.000-mal im Jahr werden Menschen in Deutschland künstliche Herzklappen eingesetzt, weil die natürlichen Herzklappen – etwa durch eine Infektion – geschädigt sind. 

Die mechanischen Herzklappen bestehen u. a. aus Titanoxid und halten viele Jahre.  

  • Weil Blut dazu neigt, im Kontakt mit diesen Materialoberflächen zu gerinnen, besteht jedoch die Gefahr, dass sich auf der Oberfläche der mechanischen Herzklappen Blutgerinnsel bilden. 
  • Das kann lebensbedrohlich werden, wenn sich diese Blutgerinnsel von den Materialien lösen. 
  • Deshalb nehmen die meisten Menschen mit mechanischen Herzklappen ein Leben lang Medikamente, die die Blutgerinnung reduzieren.


Einen vielversprechenden Ansatz, die Blutgerinnung auf dem Herzklappen-material Titan wesentlich zu reduzieren, hat jetzt ein internationales Forschungsteam entwickelt. Die Ergebnisse des Teams von den Universitäten Jena, Leipzig und Illinois Urbana-Champaign (USA) unter Leitung des Jenaer Materialwissenschaftlers Professor Klaus D. Jandt sind jetzt in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials veröffentlicht worden. Das Journal würdigt die Bedeutung und das Potenzial dieser Entdeckung auch dadurch, dass sie auf dem Titel der aktuellen Ausgabe abgebildet ist.

Aktivität der Blutplättchen verändert sich je nach Materialbeschichtung

Die Forschenden ließen auf Titanoxid mit kristallografisch verschieden orientierten Oberflächen das Blutprotein Fibrinogen abscheiden. Anschließend wurden die so beschichteten Materialoberflächen Blutplättchen (Thrombozyten) ausgesetzt, deren Aktivität zusammen mit Fibrinogen eine entscheidende Rolle bei der Bildung von Blutgerinnseln spielt. Dabei zeigten sich auf den verschieden orientierten Materialoberflächen deutliche Unterschiede der Aktivität von Blutplättchen. „Während auf sogenannten (001)-Titanoxid-Oberflächen die Blutplättchen sehr aktiv sind und damit die Blutgerinnung fördern, haben wir den gegenteiligen Effekt auf (110)-Oberflächen gefunden“, sagt die Jenaer Doktorandin Maja Struczynská. „Die Ursache hierfür liegt in dem unterschiedlichen Verhalten von Fibrinogen auf den Materialoberflächen“.

„Der Mechanismus für diesen Effekt ist physikalischer Natur,“ sagt Prof. Jandt und ergänzt für die Fachleute: 

„Fibrinogen nimmt eine bestimmte Faltung auf der hydrophoberen (110)-Fläche mit niedriger Oberflächenenergie an, was wiederum die Zugänglichkeit der von Blutplättchen erkannten primären Aminosäuresequenzen einschränkt und somit ihre Anhaftung minimiert.“ 

Jandt sieht ein enormes Potenzial darin, diese Materialien bei Herzklappen anzuwenden – dies verringere das Risiko der Blutgerinnselbildung und der damit verbundenen Komplikationen und schone so die Betroffenen. 

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Originalpublikation:

Maja Struczynska, Izabela Firkowska-Boden, Nathan Levandovsky, Reinhard Henschler, Nour Kassir, and Klaus D. Jandt: How Crystallographic Orientation-Induced Fibrinogen Conformation Affects Platelet Adhesion and Activation onTiO2, Advanced Healthcare Materials 2023, DOI: 10.1002/adhm.20220250

 

Nina Mader: Zusammenhang zwischen Neurotizismus und dem Erleben von negativen Emotionen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Studie der Universität Leipzig: Neurotische Menschen leiden häufiger unter Stimmungsschwankungen

Im Alltag ändern sich unsere Emotionen oft von Augenblick zu Augenblick, und Menschen erleben diese Schwankungen in unterschiedlichem Maße. 

Psycholog:innen der Universität Leipzig haben den Zusammenhang zwischen der Persönlichkeitseigenschaft Neurotizismus - einem potenziellen Risikofaktor für die mentale Gesundheit - und emotionalem Erleben untersucht. 

Sie fanden heraus, dass neurotische Menschen negative Emotionen nicht nur intensiver, sondern auch mit mehr Stimmungsschwankungen erleben als andere. 

Ihre Erkenntnisse haben sie nun im Fachjournal „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) veröffentlicht. 

Neurotische Menschen leiden häufig unter Stimmungsschwankungen.

Neurotische Menschen leiden häufig unter Stimmungsschwankungen. Foto: Colourbox

  • „Frühere Studien sind sich einig, dass neurotische Personen stärkere negative Emotionen im Alltag erleben. 

Uneinigkeit herrschte aufgrund von neuen, widersprüchlichen Studien darüber, ob dies auch mit erhöhter Variabilität im emotionalen Erleben, also Stimmungsschwankungen, einhergeht“, sagt die Erstautorin der Studie Nina Mader vom Wilhelm-Wundt-Institut für Psychologie der Universität Leipzig. 

Die Persönlichkeitspsycholog:innen der Universität Leipzig haben einen neuen Ansatz zur Modellierung der Daten gefunden, der bisherige methodische Probleme löst. „Wir verwenden einen Ansatz aus der bayesianischen Statistik, der zusätzliche Flexibilität in der Datenmodellierung erlaubt. Diesen Ansatz haben wir zuerst in Simulationen erfolgreich getestet und dann 13 Längsschnittdatensätze erneut untersucht. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass neurotische Menschen tatsächlich eine größere Variabilität in negativen Emotionen erleben“, erklärt Mader. Insgesamt wurden 2.518 Personen zu ihren Emotionen befragt.

Neurotizismus ist eine Persönlichkeitseigenschaft.   

  • Die einzelnen Persönlichkeitseigenschaften beschreiben zeitlich relativ stabile, transsituativ konsistente Merkmale einer Person. 
  • Sie umfassen sowohl unser Erleben als auch unser Verhalten und damit auch, wie wir denken (Kognitionen) und fühlen (Affekte). 
  • Menschen unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit und damit auch in ihrer Neurotizismus-Ausprägung. 

„Es gibt also nicht eine Schwarz-Weiß-Einteilung in neurotische Menschen und nicht-neurotische Menschen, sondern vielmehr ein dimensionales Kontinuum mit vielen Graustufen“, so die Psychologin.

Personen mit hohen Neurotizismus-Werten erleben negative Emotionen nicht nur stärker, sondern auch häufiger als Personen mit durchschnittlichen beziehungsweise unterdurchschnittlichen Ausprägungen. 

Sie sind öfter selbstkritisch, reagieren schlechter auf Kritik von außen und erleben vermehrt das Gefühl "nicht gut genug" zu sein. 

Studien haben gezeigt, dass Neurotizismus-Werte am höchsten während der späten Jugend sind und dann im Laufe des Erwachsenenalters wieder abnehmen und sich stabilisieren. 

Zudem weisen Frauen sowie Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status höhere Neurotizismus-Werte auf als andere Menschen.

Seit den 90er Jahren interessieren sich Persönlichkeitspsycholog:innen dafür, wie beziehungsweise ob die Persönlichkeit unser emotionales Erleben beeinflusst. In mehreren Studien wurde dazu die Persönlichkeit von einer großen Stichprobe erhoben sowie das emotionale Erleben über einen längeren Zeitraum beobachtet. So wurde beispielsweise mehrmals täglich abgefragt, wie traurig, wütend oder gelangweilt die Proband:innen auf einer Skala von 1 bis 7 waren. 

Dabei zeigte sich deutlich, dass es einen Zusammenhang zwischen Neurotizismus und dem Erleben von negativen Emotionen gibt

„Während negative Emotionen im Alltag bei Personen mit niedrigen Neurotizismus-Werten sehr selten auftreten, berichten Menschen mit hohen Neurotizismus-Werten über signifikant mehr negative Emotionen in ihrem Alltag“, erläutert Mader. 

Man spricht von einer überproportional starken Reaktion auf auslösende Umstände. 

So könnte zum Beispiel eine kleine Meinungsverschiedenheit bei Letzteren große Wut auslösen oder auch nur der Gedanke, dass die Bahn heute sehr voll sein könnte, starken Stress und Sorgen verursachen.

Originaltitel der Veröffentlichung in PNAS:

„Emotional (in)stability: Neuroticism is associated with increased variability in negative emotion after all“, doi.org/10.1073/pnas.221215412 

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https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2212154120

 

Prof. Dr. Ulrike Fasbender: Das Sommerfest 2023 - Freundschaft am Arbeitsplatz?

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Trotz positiver Effekte: Freundschaften am Arbeitsplatz bergen auch Risiken

Studie der Uni Hohenheim: Freundschaft am Arbeitsplatz hat positive Effekte. 

  • Sie kann aber auch zu unhöflichem und abwertendem Verhalten gegenüber Kolleg:innen führen.
  • Freundschaften am Arbeitsplatz haben nicht ausschließlich positive Auswirkungen. 

Zu diesem Schluss kommen zwei Studien des Teams um Prof. Dr. Ulrike Fasbender vom Fachgebiet Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der Universität Hohenheim in Stuttgart. 

Denn die Erwartungen an Freund:innen und Kolleg:innen können widersprüchlich sein:  

Während Kolleg:innen unparteilich sein sollten, wünscht man sich von Freund:innen Zuneigung und Bevorzugung.  

Der Konflikt aus diesen widersprüchlichen Erwartungen kann zu Problemen mit der sogenannten Selbstregulation führen, die sich dann in unhöflichem oder abwertendem Verhalten gegenüber Kolleg:innen äußert.
Nichtsdestotrotz überwiegen nach Ansicht der Forschenden die positiven Effekte von Freundschaften am Arbeitsplatz.

  • Freundschaften am Arbeitsplatz können Mitarbeitenden ein Gefühl der Zughörigkeit vermitteln, führen zu einem höheren Wohlbefinden oder fördern die Kreativität und Innovation in der Organisation. 

Doch haben diese Freundschaften ausschließlich positive Effekte? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, führte das Team um Prof. Dr. Fasbender zwei umfassende Studien durch. Dazu befragten die Forschenden jeweils über 400 Berufstätige in Großbritannien.

Ihre Erkenntnis: „Freundschaften am Arbeitsplatz können auch dazu führen, dass sich die Personen anderen gegenüber eher unsensibel, unhöflich und unfreundlich verhalten“, sagt Prof. Dr. Fasbender. 

„Dabei ist es wichtig zu wissen, dass dies kein bewusstes Verhalten ist. 

Vielmehr ist es ein Symptom dafür, dass die Ressourcen zur Selbstregulation der betreffenden Mitarbeiter:innen erschöpft sind. 

Diese also das Gefühl haben, dass ihre Energie zur Neige geht.“

Freundschaften können zu belastenden Rollenkonflikten führen


Dies passiert vor allem dann, wenn die Menschen Schwierigkeiten haben, die verschiedenen und teilweise widersprüchlichen Anforderungen der beiden Rollen „Freund:in“ und „Mitarbeiter:in“ miteinander in Einklang zu bringen. 

„Wenn zum Beispiel Mitarbeitende ihre begrenzten Ressourcen in die zeitkritische Fertigstellung eines Arbeitsberichts investieren müssen, sind sie möglicherweise nicht in der Lage, angemessen auf die Kontakt-Bedürfnisse einer befreundeten Person am Arbeitsplatz zu reagieren“, erklärt Prof. Dr. Fasbender.

 „Sie erleben einen Rollenkonflikt, weil sie entscheiden müssen, welcher Rolle sie den Vorrang geben sollen.“

Die Anstrengung, diese konkurrierenden Anforderungen miteinander in Einklang zu bringen, führt zu Gefühlen der Erschöpfung. 

Diese können sich nicht nur in Konzentrationsschwierigkeiten äußern. Die Mitarbeitenden haben möglicherweise auch Schwierigkeiten, unhöfliches und unfreundliches Verhalten am Arbeitsplatz zu unterdrücken

„Sie sind nicht mehr in der Lage, die Perspektive ihrer Kolleg:innen einzunehmen, oder sie denken nicht allzu sehr über die Folgen ihres Verhaltens nach“, beschreibt die Expertin. 

„Dabei richtet sich das unhöfliche Verhalten eher gegen andere Kolleg:innen als gegen die befreundeten Personen am Arbeitsplatz.“

Negative Folgen lassen sich durch entsprechendes Bewusstsein minimieren

Eine vielversprechende Eigenschaft von Menschen, um die potenziellen Risiken und Nebenwirkungen von Freundschaften am Arbeitsplatz abzufedern, ist die Selbstwirksamkeit. Sie beschreibt die Überzeugung einer Person, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Aufgrund der positiven Erfahrungen, dass sie zwischenmenschliche Probleme gut bewältigen, können Personen mit hoher Selbstwirksamkeit solche Freundschaften besser gestalten und so unhöfliches Verhalten besser abfangen.

Aus Sicht der Forschenden ist es wichtig Wege zu finden, die Folgen des unhöflichen Verhaltens zu minimieren, denn es kann schwerwiegende nachteilige Folgen für Organisationen haben. 

  • Darunter fallen zum Beispiel geringere innovative und kreative Leistungen oder höhere Fehlzeiten und Fluktuation.

„Auch, wenn Freundschaften am Arbeitsplatz zahlreiche Vorteile haben und das Arbeitsleben auf eine wichtige Art und Weise bereichern können, sollten sich Mitarbeitende darüber im Klaren sein, dass diese auch mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden sind“, so Prof. Dr. Fasbender.

 „Oft genügt allein dieses Wissen schon.“

Hilfreich ist es außerdem, wenn sich Mitarbeitende mögliche Strategien überlegen, wie sie ihre sozialen Beziehungen effektiver gestalten. 

„Es kann sinnvoller sein, bestimmte Zeiten wie Mittags- oder Kaffeepausen einzuplanen, als während des Arbeitstages mit häufigen Unterbrechungen durch Freund:innen am Arbeitsplatz zurechtzukommen“, rät die Expertin. 

„Zudem sollte ein beiderseitiges Bewusstsein dafür geschaffen werden, sich bei der Arbeit möglichst objektiv zu behandeln.

Dazu gehört es beispielsweise, sich in Meetings konstruktiv kritisieren zu können, ohne dass dies als Kritik an der Freundschaft verstanden wird.“

Aber auch Unternehmen können einiges dazu beitragen, dass Freundschaften am Arbeitsplatz positiv erlebt werden. 

„Oft genügt es, das Bewusstsein für die mögliche Problematik zu fördern“, so Prof. Dr. Fasbender.

 „Dies kann beispielsweise durch kleine Artikel im Newsletter oder im Intranet geschehen. 

Auch Führungskräfte sollten sich in ihrer Ausbildung mit dem Thema auseinandersetzen.“ 

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Prof. Dr. Ulrike Fasbender, Universität Hohenheim, Fachgebiet Wirtschafts- und Organisationspsychologie, T +49 (0)711 459 24754, E ulrike.fasbender@uni-hohenheim.de

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E-Mail-Adresse: presse@uni-hohenheim.de 
Originalpublikation:

Fasbender, U., Burmeister, A., Wang, M. (2023). Managing the risks and side effects of workplace friendships: The moderating role of workplace friendship self-efficacy. Journal of Vocational Behavior, 143 (103875).
https://doi.org/10.1016/j.jvb.2023.103875