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CAVE: Alterstypischen Hörprobleme bei Kindern

Medizin am Abend Berlin Fazit: Hören bei Kindern - Wissenschaftler der Jade Hochschule entwickeln neues Testsystem

  • Bisher wird das Hören bei Kindern bis zum Schuleintritt nur zu zwei Zeitpunkten untersucht - zu selten. 
  • Zudem sind die gängigen Methoden nicht geeignet, um die alterstypischen Hörprobleme zu erkennen. 

In dem neuen Forschungsprojekt „Perzeption und Lokalisation binauraler Information bei Kindern (PLOBI2go)“ entwickeln Wissenschaftler_innen der Jade Hochschule jetzt ein mobiles System, um das Hörvermögen von Kindern verlässlich, kindgerecht und automatisiert zu überprüfen. 
  Bisher wird das Hören bei Kindern bis zum Schuleintritt viel zu selten untersucht, findet Prof. Dr. med. Karsten Plotz, Professur für HNO-Heilkunde an der Jade Hochschule.
 Bisher wird das Hören bei Kindern bis zum Schuleintritt viel zu selten untersucht, findet Prof. Dr. med. Karsten Plotz, Professur für HNO-Heilkunde an der Jade Hochschule.
Foto: Eberhard Petzold
 
Die Entwicklung des Hörens bei Kindern wirkt sich entscheidend auf die Entwicklung der Sprache aus. 

Auch der soziale und emotionale Entwicklungsprozess hängt von einem gesunden Hörvermögen ab. 

 Bisher wird das Hören bei Kindern bis zum Schuleintritt nur zu zwei Zeitpunkten untersucht:

Zwei Tage nach der Geburt (Universelles Neugeborenen Hörscreening, UNHS) und dann im Vorschulalter.

Dieses zweite Hörscreening erfolgt mit rund viereinhalb bis fünf Jahren bei der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchung U8 und bei der öffentlich geregelten Schuleingangsuntersuchung (SEU).

Das reicht nicht aus, finden Prof. Dr. med. Karsten Plotz und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Katharina Schmidt von der Jade Hochschule.

  • Zudem seien die gängigen Methoden nicht geeignet, um die alterstypischen Hörprobleme zu erkennen. 

In dem neuen Forschungsprojekt „Perzeption und Lokalisation binauraler Information bei Kindern (PLOBI2go)“ entwickeln die Wissenschaftler_innen jetzt ein mobiles System, um das Hörvermögen von Kindern verlässlich, kindgerecht und automatisiert zu überprüfen.

Hörstörungen im Kindergartenalter 

Erkältungsbedingte Mittelohrprobleme („Paukenergüsse“) treten bei etwa 80 Prozent der kleinen Kinder auf. 

„Ein Paukenerguss tut nicht weh, daher sagen Kinder manchmal nichts und die Hörstörung bleibt unerkannt. 

Und das, obwohl ein Hörverlust von 20 bis 30 Dezibel damit einhergeht - so als würde man sich die Ohren zuhalten", erklärt Karsten Plotz, der neben der Professur an der Jade Hochschule als Facharzt für Pädaudiologie tätig ist. Wenn diese Hörstörungen über eine längere Zeit oder wiederholt auftreten, können sie Auswirkungen auf die Hörentwicklung haben.

  • „Zehn bis zwanzig Prozent der Kinder weisen bei der Einschulung eine chronische Mittelohr-Schwerhörigkeit auf“, berichtet der Wissenschaftler. 

„Dieser hohe Anteil verdeutlicht die Relevanz des Themas.“

  • Derartige Hörprobleme könnten massive Auswirkungen auf die Sprachentwicklung, den Lese- und Schriftspracherwerb und das Verhalten haben und so zu Schulproblemen oder -ängsten führen.

Optimierung der derzeitigen Hörscreenings notwendig – binaurales Hören im Freifeld


Das Screening bei der Vorsorgeuntersuchung U8 ermittelt die Hörschwelle – also diejenige Lautstärke, ab der ein Kind ein sehr leises Geräusch gerade wahrnehmen kann.

Aus Sicht der Wissenschaftler_innen der Jade Hochschule wäre es ergänzend jedoch besonders wichtig, die Reife des beidohrigen (binauralen) Hörens zu überprüfen.

Das binaurale Hören ist beispielsweise notwendig, um informationstragende akustische Reize von solchen zu trennen, die störend sind“, erklärt Katharina Schmidt.

Zudem sei das Hören mit beiden Ohren Voraussetzung um die Richtung, aus der ein Geräusch kommt, zu erkennen. 

„Besonders wichtig ist das Richtungshören unter anderem für die Sicherheit im Alltag, weil mögliche Gefahrenquellen beispielsweise im Straßenverkehr besser geortet werden können“, sagt die Wissenschaftlerin, die derzeit zu diesem Thema promoviert.

„Oder um Gesprächen in einer geräuschvollen Umgebung folgen zu können.“

  • Ein weiterer Kritikpunkt an derzeitigen Hörtests sei die unzureichende Definition von Normalhörigkeit. 

Alle Referenzwerte würden sich auf Erwachsene beziehen und auch hier gäbe es viele verschiedene Definitionen.

„Es ist methodisch falsch, von „Normalhörigkeit“ zu sprechen“, sagt Plotz.

„Denn erstens ist diese für Erwachsene nicht genau definiert und für Kinder gar nicht. 

Und zweitens ist das als „normales Hören“ bezeichnete Hörvermögen nicht unbedingt ein gesundes oder gutes Hören.“

Mit dem neuen System soll deshalb nicht die Hörschwelle, sondern im Alltag relevante Hörbereiche untersucht werden.

Zudem werden die gängigen Tests bisher mit Kopfhörern durchgeführt – nicht immer erfolgreich, denn nicht alle Kinder mögen Kopfhörer.

Anstatt unter Laborbedingungen sollte das Hören im Freifeld, also unter alltagsnahen Bedingungen, getestet werden. 



Gängige Hörtests werden mit Kopfhörern durchgeführt – nicht immer erfolgreich, denn nicht alle Kinder mögen Kopfhörer.
 Gängige Hörtests werden mit Kopfhörern durchgeführt – nicht immer erfolgreich, denn nicht alle Kinder mögen Kopfhörer. Foto: Eberhard Petzold


Anforderungen an das neue System: kindgerecht, automatisiert, mobil

Damit das neue System PLOBI2go in der Praxis oft eingesetzt wird, muss es flexibel und mobil sein.

  • Es soll auch dort genutzt werden können, wo keine besonderen, schallgedämmten Räume zur Verfügung stehen - zum Beispiel in Kindergärten, Gesundheitsämtern, bei Kinderärzten oder auch in Inklusionsberatungs- oder sozialpädiatrischen Zentren. 

„Entsprechend muss die Handhabung angepasst werden, zum Beispiel durch eine kindgerechte, automatisierte und intuitive Bedienungsführung“, erklärt Plotz.

 Gleichzeitig soll eine motivierende, weitgehend selbsterklärende graphische Oberfläche für die Kinder erstellt werden, indem Techniken aus dem Gaming-Bereich genutzt werden.

„Und natürlich sollte das neue System robust und leicht transportabel sein.“

Projektpartner
Die Wissenschaftler_innen der Jade Hochschule entwickeln das System PLOBI2go in Zusammenarbeit mit dem OFFIS – Institut für Informatik Oldenburg, dem Kompetenzzentrum für Hörgeräte-Systemtechnik (HörTech) und mit dem Klinischen Innovationszentrum für Medizintechnik Oldenburg (KIZMO).

Ein Partnerunternehmen aus der Wirtschaft, AURITEC, soll die Produkt-Idee umsetzen. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,5 Millionen Euro gefördert und läuft bis Ende 2020.

Hören bei Kindern - Wissenschaftler der Jade Hochschule entwickeln neues Testsystem



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Sensorische Gating: Basis einer Vorab-Erwartungshaltung

Medizin am Abend Berlin Fazit: Sinneswahrnehmung ist keine Einbahnstraße

Wie unsere Erfahrungen neue Eindrücke beeinflussen: 

Tübinger Neurowissenschaftler entschlüsseln Signalpfad, über den das Gehirn seine eigene Wahrnehmung der Umwelt verändert 

Mit Hilfe ihrer Schnurrhaare ertasten Ratten aktiv ihre Umgebung.
Mit Hilfe ihrer Schnurrhaare ertasten Ratten aktiv ihre Umgebung.
Foto: Universität Tübingen / Berthold Steinhilber
 
Wenn wir mit der Welt interagieren, zum Beispiel indem wir mit der Hand ein Objekt berühren, verändert das Gehirn das Sinnessignal auf Basis einer Vorab-Erwartungshaltung. 

Tübinger Neurowissenschaftler haben dieses sogenannte „sensorische Gating“ näher erforscht. Bei Ratten, deren Tasthaare Objekte ertasteten, fanden sie Gating-Signale aus höheren Hirnregionen, die die Signalstärke aus der aktiven Berührungswahrnehmung verringerten. 
  • Offenbar überformt unsere Erwartungshaltung, die in höheren Hirnregionen erzeugt wird, aktuelle Sinneseindrücke. 
Solche Erwartungssignale könnten für das Verständnis sensorischer Halluzinationen, etwa bei Schizophrenie, eine wichtige Rolle spielen. 

Die Studie wurde mit Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) verwirklicht und im Fachmagazin Nature Communications publiziert.

„Mama, warum kann ich mich selbst nicht kitzeln?“, fragen Kinder.

Eltern haben hier keine Antwort, denn das bekommt auch der kitzligste Mensch tatsächlich nicht hin.

Der Grund dafür ist im Prinzip bekannt:

Berührungsrezeptoren in der Haut nehmen die Berührung zwar wie jede andere wahr, aber auf dem Weg in die höheren Hirnregionen, wo die Berührung wahrgenommen wird, wird das Gefühl verändert.

  • Das liegt daran, dass unser Gehirn die Berührung unserer eigenen Finger auf unserer Haut vorwegnimmt und das Signal reduziert. 

Dieses Phänomen nennt man „sensorisches Gating“ (in etwa: „Sinnes-Türsteher“).

Sensorisches Gating hat in den Neurowissenschaften und der Psychologie viel Aufmerksamkeit erfahren.

Es gibt Hinweise darauf, dass es bei Schizophrenie-Störungen beeinträchtigt ist und dass daraus Halluzinationen entstehen, beispielsweise wenn die eigene Stimme als die eines Fremden wahrgenommen wird.

Das Phänomen beruht auf der letztlich philosophischen Frage, wie unsere Weltwahrnehmung beschaffen ist:

Eine getreue Wiedergabe auf Basis von Außenreizen?

Oder beruht sie auf einer Art Vorwissen und nur Abweichungen von der Schablone erregen unsere Aufmerksamkeit?

 Für beide Seiten fand die Psychologie unterstützende Argumente.

„Diese Fragen sind schwer zu beantworten, weil die Voraussagen, von denen das Gehirn ausgeht, schwer festzumachen sind“, sagt Cornelius Schwarz, der am Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) der Universität Tübingen und dem Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) die Arbeitsgruppe „Systemische Neurophysiologie“ leitet. „Wir wissen, dass Signale aus der aktiven Wahrnehmung unterwegs ‚gegatet’ werden. Aber woher das Gating kommt, wo es die Signale aus den Sinnesorganen abfängt, und auf welchen neuronalen Pfaden dies passiert, versuchen wir seit Jahren zu beantworten.“

Schwarz untersuchte dafür zusammen mit Shubhodeep Chakrabarti in einem DFG-geförderten Projekt das Tasthaarsystem von Ratten. Mit ihren Tasthaaren ertasten diese aktiv ihre Umgebung, erkennen Hindernisse und navigieren sogar in völliger Dunkelheit. Chakrabarti und Schwarz ließen Ratten mit einem einzelnen Tasthaar Objekte ertasten. Bei manchen Durchläufen wurde das Objekt gegen das Tasthaar bewegt (passive Wahrnehmung), bei anderen war es für die Ratten nur zu entdecken, wenn sie selbst danach tasteten (aktive Wahrnehmung). Mit Hilfe haarfeiner implantierter Elektroden maßen die Forscher die Aktivität einzelner Zellen im Hirnstamm der Ratten. Ertasteten die Ratten das Objekt aktiv, war das gemessene Signal nun deutlich schwächer als bei passiver Berührung: Offensichtlich war im Hirnstamm sensorisches Gating am Werk.

„Es ist faszinierend, dass das Gating bereits im Hirnstamm passiert, nicht später auf dem neuronalen Pfad ins Gehirn”, sagt Chakrabarti. „Wir hatten nicht unbedingt erwartet, dass das Signal so früh abgefangen und verändert wird.“ Die Wissenschaftler konnten auch zeigen, dass das Gating seinen Ursprung im sogenannten somatosensorischen Kortex hat. Diese höhere Hirnregion sitzt im Gehirn quasi obenauf, ist in Ratten wie in Menschen vorhanden und verantwortlich für die Wahrnehmung von Druck, Temperatur und einigen Aspekten von Schmerz.

In Ratten, deren somatosensorischer Kortex beschädigt war, war kein sensorisches Gating messbar.

Was das heißt, erklärt Chakrabarti folgendermaßen:

„Der Teil der Hirns, mit dem wir fühlen, der somatosensorische Kortex, verändert seinen eigenen Input.

Er sendet bereits vorab ein Gating-Signal in den Hirnstamm, das die erwartete Berührung vorhersagt. 

Wenn dann das eigentliche Signal aus dem Tasthaar kommt und dem Kortex mitteilen will ‚aufgepasst, da ist ein Objekt!’, dann muss dieses Signal durch den Hirnstamm.

Hier hat das Gating-Signal aus dem Kortex dann bereits einen Türsteher aufgestellt, der dem Sinnessignal einen Stempel verpasst: ‚keine Panik, dieses Signal wurde bereits erwartet’. 

Sinneswahrnehmung ist also keine Einbahnstraße.“

Chakrabarti and Schwarz wollen nun als Nächstes klären, was Aufmerksamkeit und Motivation mit Sinnessignalen machen:

Schickt der somatosensorische Kortex auch dann ein Gating-Signal, wenn es um eine Belohnung geht?

Könnte Gating auf besonders relevante Signale, die gleichsam mit Spannung erwartet werden, eventuell sogar verstärkend wirken statt abschwächend?

Wenn ja, dann würde das bedeuten, dass kognitive Funktionen wie Verlangen und Aufmerksamkeit einen fundamentalen Einfluss auf unsere Weltwahrnehmung hätten.

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Sinneswahrnehmung ist keine Einbahnstraße



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Originalpublikation:
Shubhodeep Chakrabarti, Cornelius Schwarz: Cortical Modulation of Sensory Flow During Active Touch in the Rat Whisker System. Nature Communications 9: 3907.
doi: 10.1038/s41467-018-06200-6

Herzinfarkte: Luftverschmutzung UND Lärm

Medizin am Abend  Berlin Fazit: Luftverschmutzung und Lärm erhöhen das Risiko für Herzinfarkte

Luftverschmutzung und Verkehrslärm erhöhen beide das Risiko für Herzinfarkte. 
  • In Studien zur Luftverschmutzung, bei denen Verkehrslärm nicht berücksichtigt wird, werden die Auswirkungen der Luftverschmutzung auf Herzinfarkte tendenziell überschätzt. 
Dies sind die Ergebnisse einer Studie des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, die heute im European Heart Journal veröffentlicht wurden. 

Die Berücksichtigung von Verkehrslärm sollte integraler Bestandteil jeglicher Studien über gesundheitliche Auswirkungen von Luftverschmutzung sein
Die Berücksichtigung von Verkehrslärm sollte integraler Bestandteil jeglicher Studien über gesundheitliche Auswirkungen von Luftverschmutzung sein Jana Sönksen / Swiss TPH
 
Bei hoher Luftverschmutzung ist in der Regel auch der Verkehrslärmpegel erhöht. 

Wie frühere Untersuchungen gezeigt haben, wirkt sich nicht nur die Luftverschmutzung negativ auf die Gesundheit aus, sondern auch Flug-, Schienen- und Strassenverkehrslärm erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. In Studien, in denen die Auswirkungen der Luftverschmutzung untersucht werden, ohne die Auswirkungen von Lärm auf die Gesundheit ausreichend zu berücksichtigen, könnten die langfristigen Auswirkungen der Luftverschmutzung überschätzt werden. Dies sind die Ergebnisse einer umfassenden Studie des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts (Swiss TPH), die heute in der Fachzeitschrift European Heart Journal veröffentlicht wurden.

Die Studie untersuchte die kombinierten Auswirkungen von Luftverschmutzung und Verkehrslärm auf die Herzinfarktsterblichkeit und berücksichtigte dabei sämtliche Todesfälle, die in der Schweiz zwischen den Jahren 2000 und 2008 aufgetreten sind. Analysen, die nur Feinstaub (PM2,5) einbezogen, suggerieren, dass das Risiko für einen Herzinfarkt um 5,2% pro 10 µg/m³ Zunahme der Langzeitkonzentration zu Hause ansteigt.  

Studien, die auch Verkehrslärm berücksichtigen, verdeutlichen, dass das Herzinfarktrisiko durch Feinstaub in der Realität geringer steigt: um 1,9% pro Erhöhung um 10 µg/m³.

  • Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die negativen Auswirkungen von Luftverschmutzung in Studien, die die Lärmbelastung nicht berücksichtigen, überschätzt worden sein könnten.

«Unsere Studie zeigte, dass Verkehrslärm, je nach Quelle, das Risiko für einen Herzinfarkt um 2,0 bis 3,4% pro 10 Dezibel Erhöhung des durchschnittlichen Schalldruckpegels zu Hause ansteigt», erklärte Martin Röösli, Studienleiter und Leiter der Abteilung für Umweltexposition und Gesundheit am Swiss TPH. «Auffallend ist, dass die Auswirkungen von Lärm unabhängig von der Luftverschmutzung waren.»

Die Auswirkungen von Lärm und Luftverschmutzung addieren sich

Die Studie ergab auch, dass Menschen, die sowohl Luftverschmutzung als auch Lärm ausgesetzt sind, das höchste Risiko für einen Herzinfarkt haben.

Das bedeutet, dass sich die Auswirkungen von Luftverschmutzung und Lärm addieren. 

«Die öffentliche Diskussion konzentriert sich oft auf die negativen gesundheitlichen Auswirkungen von Luftverschmutzung o d e r Lärm, berücksichtigt aber nicht die kombinierten Auswirkungen», so Röösli.

«Unsere Untersuchungen deuten darauf hin, dass beide Expositionen gleichzeitig berücksichtigt werden müssen.»

Dies hat Auswirkungen sowohl auf die Politik als auch auf die zukünftige Forschung. 

Röösli und seine Forschungskollegen empfehlen daher, die Verkehrslärmbelastung in weitere Forschungsarbeiten im Zusammenhang mit Luftverschmutzung und Gesundheit einzubeziehen, um eine Überschätzung der negativen Auswirkungen von Luftverschmutzung auf das Herz-Kreislauf-System auszuschliessen.

Daten aus der ganzen Schweiz

Die Studie umfasste alle in der Schweiz gemeldeten Todesfälle (19'261) aus dem Zeitraum 2000 bis 2008. Die Luftverschmutzung (PM2,5) wurde anhand von Satelliten- und Geodaten modelliert, kalibriert mit Luftverschmutzungsmessungen von 99 Messstationen in der ganzen Schweiz. Auch Stickstoffdioxidwerte (NO2) wurden anhand von 9'469 zweiwöchentlichen passiven Probenahmen modelliert, die zwischen 2000 und 2008 an 1'834 Standorten in der Schweiz durchgeführt wurden. Der Verkehrslärm wurde mit etablierten Schallausbreitungsmodellen (sonRoad, sonRAIL und FLULA 2) von Empa und n-sphere modelliert. Die Luftverschmutzungs- und Verkehrslärmmodelle wurden auf alle Wohnadressen der 4,4 Millionen Schweizer Bürger älter als 30 Jahre angewendet.

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Martin Röösli, PhD, Professor für Umweltepidemiologie, Leiter der Einheit Umwelt und Gesundheit, Departement Epidemiology and Public Health, Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), Tel +41 61 284 8383, martin.roosli@swisstph.ch

Sabina Beatrice-Matter, Leiterin Kommunikation, Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), Tel. +41 61 284 8364, Mob. +41 79 737 9158, sabina.beatrice@swisstph.ch

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Originalpublikation:
Héritier H et al. A systematic analysis of mutual effects of transportation noise and air pollution exposure on myocardial infarction mortality: a nationwide cohort study in Switzerland. (2018) European Heart Journal. doi: 10.1093/eurheartj/ehy650

Nicht-Alkoholische Fettleber bei Kindern und Erwachsenen: Advents- Weihnachtszeit 2018

Medizin am Abend Berlin Fazit: „Leberfröhliche“ Weihnachten 2018 – Deutsche Leberstiftung gibt Tipps zum bewussten Genießen

Apfel, Nuss und Mandelkern werden in einem adventlichen Kinderlied als besonderer Genuss für die Weihnachtszeit besungen. 

Damit werden heutzutage keine Kinderaugen mehr zum Leuchten gebracht. 

Auch der klassische Schokoladen-Adventskalender mit 80 Gramm Inhalt ist ein Auslaufmodell. 

Der Trend bei Adventskalendern für Kinder und Erwachsene heißt: 

größer, voller, teurer. 

Und die „Kalorien-Kalender“ sind nur der tägliche Auftakt zum weihnachtlichen Schlemmer-Finale. 

Mit dem Hinweis auf den Anstieg von nicht-alkoholischen Fettlebererkrankungen (NAFLD) bei Erwachsenen und Kindern rät die Deutsche Leberstiftung zum bewussten Genuss in der Weihnachtszeit, bei dem auch die Leber „fröhlich“ bleibt. 
 
  • „Die alarmierenden Zahlen bei der Erkrankung nicht-alkoholische Fettleberhepatitis zeigen, dass offensichtlich Aufklärungsbedarf besteht. 

Die Deutsche Leberstiftung nutzt die bevorstehende Advents- und Weihnachtszeit, um auf diese wichtige Gesundheitsthematik aufmerksam zu machen. Speziell in den Wochen vor Weihnachten und an den Festtagen kombinieren viele Erwachsene und Kinder ein überreiches, ungesundes Nahrungsangebot mit wenig körperlicher Bewegung. 

  • Diese Kombination kann über einen längeren Zeitraum zu dem sogenannten metabolischen Syndrom führen, einer Kombination verschiedenster risikobehafteter Aspekte wie Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes, die auch auf die Leber einen sehr negativen Effekt haben“, sagt Professor Dr. Michael P. Manns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberstiftung. 

Er erklärt weiter: „Selbstverständlich ist nicht der gelegentliche Verzehr eines Dominosteins oder eines Lebkuchens ursächlich für eine Erkrankung. Es ist der westliche bewegungsarme Lebensstil mit falscher Ernährung, nach dem viele Menschen ganzjährig den Alltag ausrichten.

  • Durch vermehrte Fettablagerung in den Leberzellen kann eine Fettleber entstehen, die sich entzünden kann. 
  • Aus der chronischen Leberentzündung kann sich eine Leberfibrose entwickeln, die eine Leberzirrhose und Leberzellkrebs zur Folge haben kann.“

Damit eine geschädigte Leber noch in einem frühen Stadium der Erkrankung entdeckt und durch einen veränderten Lebensstil geheilt werden kann, ist der Test der Leber-Blutwerte wichtig.

Dieser gehört in der Regel nicht zu den Routine-Untersuchungen. 

  • Speziell übergewichtige Menschen und Patienten mit einem Diabetes mellitus sollten beim Arztbesuch eine mögliche Lebererkrankung thematisieren und abklären.

Nur langsam reagieren Politik, Krankenkassen und Ernährungsindustrie auf die drängenden Ernährungsprobleme.

Auf dem zweiten Deutschen Zuckerreduktionsgipfel im Oktober 2018 ging es um Strategien, wie der individuelle Zuckerkonsum in Deutschland, der deutlich über der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt, reduziert werden kann.

Als ersten Schritt vereinbarten Bundesernährungsministerium und Wirtschaftsverbände die Zusammenarbeit zur Absenkung des Zucker-, Salz- und Fettgehalts in Lebensmitteln. In Fertignahrungsmitteln sollen zukünftig weniger Zucker, Fette und Salz verwendet werden.

Bis die Ernährungsindustrie adäquat reagiert, ist der Konsument gefordert, aufmerksam beim Einkauf auf die „Zutaten-Listen“ und „Nährwertangaben“ zu achten.

Und für die bevorstehende Advents- und Weihnachtszeit rät Professor Manns:

„Bei fettigen Speisen wie Gänsebraten unbedingt Maß halten, kleine Portionen langsam und bewusst genießen. 

Als Vorspeisen sind leichte Suppen und frische Salate empfehlenswert.

Und zwischen den Mahlzeiten unbedingt bewegen – am besten an der frischen Luft. 

Gerade die Zeit mit der Familie oder Freunden an Weihnachten kann man wunderbar für gemeinsame Aktivitäten wie beispielsweise einen ausgedehnten Spaziergang nutzen.“

Und auch an anderer Stelle kann Weihnachten „leberfröhlich“ werden:

So kann man den bunten Teller mit Mandarinen, Walnüssen und Mandeln anstelle mit Schokolade und Marzipan bestücken.

Und Stollen oder Lebkuchen in klein geschnittenen Stücken anbieten.

Allerdings gilt diese Empfehlung auch für die Zeit nach Weihnachten, wie Professor Manns betont:

„Das ganze Jahr über ist eine maßvolle Ernährung in Kombination mit Bewegung wichtig, um die Leber und den gesamten Körper gesund zu halten.“

Deutsche Leberstiftung
Die Deutsche Leberstiftung befasst sich mit der Leber, Lebererkrankungen und ihren Behandlungen. Sie hat das Ziel, die Patientenversorgung durch Forschungsförderung und eigene wissenschaftliche Projekte zu verbessern. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit steigert die Stiftung die öffentliche Wahrnehmung für Lebererkrankungen, damit diese früher erkannt und geheilt werden können. Die Deutsche Leberstiftung bietet außerdem Information und Beratung für Betroffene und Angehörige sowie für Ärzte und Apotheker in medizinischen Fragen. Diese Aufgaben erfüllt die Stiftung sehr erfolgreich.

Weitere Informationen: http://www.deutsche-leberstiftung.de.

BUCHTIPP: „Das Leber-Buch“ der Deutschen Leberstiftung informiert umfassend und allgemeinverständlich über die Leber, Lebererkrankungen, ihre Diagnosen und Therapien – jetzt in dritter, aktualisierter und erweiterter Auflage! „Das Leber-Buch“ ist im Buchhandel erhältlich: ISBN 978-3-89993-899-9, 16,99 Euro.

Weitere Informationen: http://www.deutsche-leberstiftung.de/Leber-Buch.

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Deutsche Leberstiftung, Rita Wilp 

Medizin am Abend Berlin TEAM Fortbildung: VOR ORT

Medizin am Abend Berlin Fazit:

Einladung für Samstag, 01. Dezember 2018 Charite:

Fortbildung

















CAVE: Schonhaltung beim Gehen - Neues Hüftgelenk: Ganganalyse- und Feedback-System

Medizin am Abend Berlin Fazit: Medica 2018: Mobiles Bewegungs-Feedback soll Patienten helfen, Schonhaltungen beim Gehen abzubauen

Patienten, die ein neues Hüftgelenk erhalten haben, müssen nach der OP erst wieder lernen, „normal“ zu gehen. 

Helfen soll hierbei ein mobiles Ganganalyse- und Feedback-System, das ein Kaiserslauterer Forscherteam mit Medizinern und Biomechanikern entwickelt. 

Viel Technik ist nicht nötig: 

Über kleine Sensoren an Füßen, Beinen und Becken werden die Bewegungsabläufe gemessen. 

Eine Software wertet den Gang aus und gibt dem Nutzer über Töne oder Vibrationen Rückmeldung, sodass er seine Bewegung verbessern kann. 

Auf der Medizintechnik-Messe Medica in Düsseldorf vom 12. bis 15. November stellten die Forscher die Technik am Forschungsstand (Halle 7a, Stand B06) von Rheinland-Pfalz dieses System vor. 

Bei der Technik analysieren sieben tragbare Sensoren an Becken, Beinen und Füßen den Gang.
Bei der Technik analysieren sieben tragbare Sensoren an Becken, Beinen und Füßen den Gang.
Foto: AG wearHEALTH
  Ein mobiles Ganganalyse-System, das dem Nutzer direkt Rückmeldung gibt, daran arbeiten Dr. Gabriele Bleser und ihr Team von der Nachwuchsgruppe wearHEALTH an der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK).

Es eignet sich für Menschen, die zum Beispiel an Arthrose leiden und im Zuge dessen ein neues Hüftgelenk erhalten. 

Diese haben meist über viele Jahre eine Schonhaltung entwickelt und verinnerlicht. 

  • „Nach der Operation sind zwar die Schmerzen weg, die Schonhaltung aber bleibt. 

Das ‚normale‛ Gehen muss in der Reha und darüber hinaus erst wieder mühsam erlernt werden“, sagt Professor Dr. Thomas Jöllenbeck, der an der Rehaklinik Lindenplatz im nordrhein-westfälischen Bad Sassendorf das Institut für Biomechanik leitet. Er und seine Kollegin Juliane Pietschmann arbeiten mit den Kaiserslauterer Forschern zusammen.

Die Technologie soll den Reha-Prozess unterstützen. Dabei kommen sieben Sensoren zum Einsatz. Sie werden einfach an den Füßen, Unter-, Oberschenkeln und am Becken angebracht.

„Die von den Sensoren am Körper gemessenen Beschleunigungen und Winkelgeschwindigkeiten werden von unserer Software verarbeitet.

Diese berechnet daraus Bewegungsparameter wie beispielsweise Gelenkwinkel an Hüfte, Knie und Sprunggelenk und Schrittlängen“, erklärt Dr. Bertram Taetz, der wie Markus Miezal ebenfalls an der TUK am Projekt beteilig ist.



Das Team um Dr. Gabriele Bleser arbeitet an der neuen Technik.

Das Team um Dr. Gabriele Bleser arbeitet an der neuen Technik.
Foto: AG wearHEALTH

Das Computerprogramm ermittelt damit ein individuelles Bewegungsmuster, das zeigt, ob etwa Abweichungen oder individuelle Besonderheiten im Gang vorliegen.

 „Der Nutzer erhält über Töne und Vibrationen unmittelbare Rückmeldungen und Hinweise, mit denen er sich sein Gangbild bewusst machen kann“, sagt Bleser. 

„Unser langfristiges Ziel ist es, ein mobiles System zu entwickeln, mit dem Patienten auch nach der Reha zu Hause eigenständig weitertrainieren können.“ 
Aber nicht nur der Patient erhält Rückmeldung, auch Physiotherapeuten und Mediziner können die Daten direkt auf einem Bildschirm sehen, in Form eines animierten 3D-Knochenmodells und von Diagrammen, bei denen Besonderheiten im Gang einfach sichtbar werden.

Die Technik eignet sich nicht nur für die orthopädische Rehabilitation.


Auch Patienten nach einem Schlaganfall könnten damit üben. Darüber hinaus ist die Anwendung für verschiedene Sportarten interessant, um etwa Bewegungsabläufe zu studieren oder zu optimieren. „Unser System befindet sich derzeit noch in der Entwicklungsphase. Studien an Patienten stehen noch aus. Bis es auf den Markt kommen kann, wird es noch dauern“, so Taetz weiter. „Auch den Tragekomfort müssen wir noch deutlich erhöhen“, sagt Bleser. Hierzu arbeitet das Team mit dem Informatiker Professor Dr. Didier Stricker vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern zusammen, um ein leichtgewichtiges Sensornetzwerk an die Technik anzubinden.

Beteiligt sind an der Ganganalyse-Technik an der TUK auch Sportwissenschaftler um Professor Dr. Michael Fröhlich, die untersuchen, ob das System den Praxisanforderungen gerecht wird, und Ingenieure um Professor Dr. Norbert Wehn, die daran arbeiten, die Übertragungstechnik zu verbessern. Die Arbeiten werden im Rahmen der Bund-Länder-Initiative „Innovative Hochschulen“ gefördert, bei der die TUK gemeinsam mit der Hochschule Kaiserslautern im Projekt „Offene Digitalisierungsallianz Pfalz“ beteiligt ist.

Die Kaiserslauterer Nachwuchsgruppe wearHEALTH ist ein interdisziplinäres Team aus Informatik, Mathematik, Psychologie, Kognitionswissenschaft, Bewegungswissenschaft und Regelungstechnik. Sie entwickelt digitale Techniken, die die Gesundheit präventiv oder zum Beispiel in Form von Reha-Maßnahmen verbessern sollen. Sie wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Maßnahme „Interdisziplinärer Kompetenzaufbau im Forschungsschwerpunkt Mensch-Technik-Interaktion für den demografischen Wandel“ gefördert.

Der Auftritt der Forscher der TU Kaiserslautern auf der Messe wird von Klaus Dosch vom Referat für Technologie und Innovation organisiert. Er ist Ansprechpartner für Unternehmen und vermittelt unter anderem Kontakte zur Wissenschaft.



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TOP - CAVE: Künstliches Hüftgelenk

Medizin am Abend Berlin Fazit: Sportlich aktiv mit Hüftprothese - bessere Implantatmaterialien machen mehr mit

20. AE-Kongress: "Endoprothetik auf der Suche nach Perfektion"
7. bis 8. Dezember 2018, Düsseldorf; Konferenz am 29. November 2018 in Berlin 

 
Der Anteil an Patienten, die auch mit einem künstlichen Hüftgelenk sportlich aktiv sein wollen, nimmt immer weiter zu.

Tatsächlich erlauben moderne Materialpaarungen für den Ersatz von Hüftpfanne und Hüftkopf mittlerweile einen aktiveren Lebenswandel.

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachLink: Orthopädie Team  

Der Grund: sie erzeugen bei Belastung deutlich weniger Abriebpartikel – bisher eine der Hauptursachen für eine Lockerung des Implantats.
Die AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e. V. empfiehlt daher heute allen Patienten mit Hüftprothese, regelmäßig moderaten Sport, etwa Schwimmen oder Radfahren, zu betreiben. 

Zudem rät die Fachgesellschaft, bereits vor dem Eingriff mit dem Arzt zu besprechen, welche Sportarten man nach der Implantation ausüben möchte. 
  • Danach richten sich dann Materialzusammensetzung und Größe der Prothese sowie die Art ihrer Verankerung im Knochen. 
Die verbesserten Implantmaterialien und die Möglichkeiten, die sich daraus für Patienten ergeben, sind eines der Themen auf der Pressekonferenz der AE am 29. November 2018 in Berlin.

Heute hält ein künstliches Hüftgelenk bei 90 Prozent der Patienten bis zu 20 Jahren (1).

Ein wesentlicher Grund für die verlängerte Haltbarkeit ist der große Rückgang an Implantat-Lockerungen. 

„Inzwischen haben wir es mit deutlich verbesserten Materialien zu tun, die viel weniger Abrieb erzeugen“, sagt Professor Dr. med. Karl-Dieter Heller, Generalsekretär der AE. „Die seit den 1960er-Jahren häufig verwendeten relativ weichen Polyethylenpfannen (PE) in der Gleitpaarung mit einem Metallkopf beziehungsweise Metallpfannen in Kombination mit einem Metallkopf erzeugten selbst bei moderater körperlicher Belastung relativ viel Abrieb“, erläutert der Orthopäde, der Chefarzt der Orthopädischen Klinik am Herzogin Elisabeth Hospital in Braunschweig ist.

„Doch Abrieb kann in der Implantatumgebung eine Entzündung auslösen. Diese führt zu Knochenabbau rund um die Prothese. Dadurch geht der Halt im Implantatlager verloren, das Kunstgelenk lockert sich und muss ausgewechselt werden.“ 

Um einem Prothesenverschleiß vorzubeugen, rieten Ärzte ihren Patienten deshalb früher, das künstliche Gelenk möglichst nur zurückhaltend zu belasten. „Viele Patienten haben sich deshalb eher zu wenig bewegt“, so Heller. Doch diese Empfehlung sei überholt:

„Die neuen Materialien tolerieren deutlich mehr Aktivität.“

Ende der 1990er-Jahre kam das hochvernetzte und wesentlich abriebfestere Polyethylen (HXPE) auf den Markt.

Bei den danach entwickelten Vitamin E-haltigen HXPE-Pfannen konnten die Abriebraten in Kombination mit einem Keramikkopf sogar noch weiter reduziert werden.

„Mit der Einführung verschleißresistenter Materialien sind wichtige Voraussetzungen für eine stärkere Belastung künstlicher Hüften erfüllt“, sagt Heller.

„Tägliche moderate Bewegung ist heute bei jedem Patienten möglich und gewünscht.“

Gezielte Muskelkräftigung rund um das Implantat trage sogar zur Haltbarkeit der Prothese bei. 

„Die allgemein bekannte Empfehlung zu schonenden und zyklischen Ausdauersportarten wie Schwimmen, Wandern, Radfahren oder Golf frühestens ab drei, besser erst sechs Monate nach der Operation, behält in jedem Fall ihre Gültigkeit“, sagt Professor Dr. med. Florian Gebhard, Präsident der AE aus Ulm. 

Sind höhere Belastungen geplant, etwa durch Skifahren im Urlaub, sollte dies in jedem Fall vorab individuell vom Arzt abgeklärt und freigegeben werden, betont Gebhard, der Ärztlicher Direktor der Klinik für Unfall-, Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Ulm ist.

Leistungssport mit künstlicher Hüfte werde jedoch weiterhin nicht empfohlen, da er die Haltbarkeit der Prothese erheblich verkürzen könne.
  • Heute ist die Gleitpaarung von hochvernetzten Polyethylen-Pfannen mit einem Keramikkopf die am häufigsten eingesetzte Materialkombination in der Hüftendoprothetik. 
Nur Gleitpaarungen aus Keramikinlay und Keramikkopf erzeugen einen noch geringeren Abrieb. 

„Deshalb werden sie oft für jüngere Patienten gewählt“, sagt Heller.

Es sei jedoch eine sehr individuelle Entscheidung, welche Gleitpaarung verwendet werde, betont Heller.

„Sie hängt nicht nur vom Alter und Aktivitätslevel des Patienten ab. Auch die gewünschten Sportarten und anatomischen Voraussetzungen spielen eine Rolle. 

All dies muss vor dem Eingriff abgeklärt werden.“

Zur Operation sollte man eine der etwa 550 Kliniken mit einem EndoCert-Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) aufsuchen – denn die Expertise der Klinik trage wesentlich zu einem guten Ergebnis bei, so die Vorstandsmitglieder der AE.

Empfehlenswerte Sportarten mit künstlichem Hüftgelenk (zitiert aus (2))

Aerobic (ohne Sprünge)
Aquajogging
Wandern und Bergwandern (mit Stöcken zur Abminderung von Stoßbelastungen)
Bowling
Darts
Ergometertraining
Golf
Gymnastik
Krafttraining (angeleitet durch eine Fachkraft)
Laufen (Laufband)
Radfahren
Reiten

Rudern
Schwimmen
Tennis (Doppel)
Tanzen
(Nordic-) Walking


Quellen:
(1) Endoprothetik – Ein wahrer „Fortschritt“?
Carsten Perka, Viktor Janz
Klinikarzt 2018; 47(07): 308–314
DOI: 10.1055/a-0643-2328

(2) Endoprothesen und Sport
Cassel M, Brecht P, Günther K-P, Mayer F
Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 2017 (68), Nr. 2
DOI: 10.5960/dzsm.2016.267

www.endocert.de


Die AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e. V. verfolgt als unabhängiger Verein seit 1996 das Ziel, die Lebensqualität von Patienten mit Gelenkerkrankungen und -verletzungen nachhaltig zu verbessern und deren Mobilität wiederherzustellen. Mit ihren Expertenteams aus führenden Orthopäden und Unfallchirurgen organisiert sie die Fortbildung von Ärzten und OP-Personal, entwickelt Patienteninformation und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs. Die AE ist eine Sektion der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie.


Medizin am Abend Berin Fazit: Fast-Track-Konzepte halten nun auch Einzug in die Endoprothetik

Hüft- und Knie-Prothese: schon am OP-Tag wieder auf den Beinen

„Fast Track“ als Konzept der möglichst raschen Mobilisierung von Patienten nach einem operativen Eingriff hat sich in vielen operativen Disziplinen bewährt: 

Schnellere Erholung und weniger Komplikationen wie Thrombosen und Infekte gehören zu den Vorteilen des Verfahrens. 
 
Was mit der Dickdarmchirurgie begonnen, und dann auf zahlreiche weitere Operationen ausgedehnt wurde, kommt nun auch in der Hüft- und Knie-Endoprothetik zum Einsatz.

Damit könnten Krankenhausaufenthalte beim unkomplizierten Hüft- und Kniegelenkersatz um jeweils zwei bis drei Tage verkürzt werden.

Auf der Pressekonferenz der AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e. V. am 29. November 2018 in Berlin stellt die Fachgesellschaft den State-of-the-Art des Verfahrens vor. Dabei erläutern die Experten auch, für welche Patienten die Methode in Frage kommt.

Fast-Track-Chirurgie ist ein Ende der 1990er-Jahre in Dänemark entwickeltes umfassendes Behandlungskonzept.

Ziel ist eine rasche Wiederherstellung und Erholung nach einer Operation und ein kürzerer Krankenhausaufenthalt.

Das Verfahren, welches auch unter dem Begriff ERAS (enhanced recovery after surgery) bekannt ist, zeichnet sich durch Prozessoptimierung und strukturierte Behandlungspfade rund um den Eingriff aus. 
„Das Prinzip besteht darin, alles Unnötige, Belastende und Überholte bei der Therapie weitestmöglich wegzulassen. 

Dafür kommen wissenschaftlich belegte innovative Maßnahmen punkt- und passgenau für den jeweiligen Patienten zum Einsatz – und dies auch in der Phase vor und nach dem Eingriff“, sagt Professor Dr. med. Karl-Dieter Heller, Generalsekretär der AE und Chefarzt der Orthopädischen Klinik am Herzogin Elisabeth Hospital in Braunschweig.

„Wesentliche Fortschritte in der Anästhesie und Intensivmedizin sowie die Entwicklung von gewebeschonenden, minimal-invasiven Operationstechniken haben nun die Voraussetzungen geschaffen, „Fast Track“ auch in der Endoprothetik zu etablieren“, berichtet Heller, an dessen Klinik 2000 Operationen zum Gelenkersatz pro Jahr stattfinden.

So sind heute schonende Narkoseverfahren möglich, die den Patienten kaum belasten.

Sie zeichnen sich durch eine gezielte Betäubung und Schmerzausschaltung aus. Eine wichtige Rolle spielen hierbei moderne Rückenmarks- und Regionalanästhesien.

  • Auch die sogenannte lokale Infiltrationsanästhesie (LIA) kommt zum Einsatz. 

  • Dabei injiziert der Chirurg während des Eingriffs ein Lokalanästhetikum direkt in das Operationsgebiet – etwa in Knochen, Knorpel, Bänder oder die Muskulatur.

Durch die punktgenaue Betäubung darf der Patient bis zwei Stunden vor dem Eingriff trinken und ist sofort nach dem Eingriff wieder wach, hat aber keine Schmerzen. „Dadurch kann der Operierte schon am gleichen Tag aufstehen und mit ersten physiotherapeutischen Übungen beginnen“, so Heller.

  • Gleichzeitig schone die minimal-invasive Chirurgie mit ihren kleinen Zugängen und Schnitten die Muskulatur und erlaube damit von Anfang an einen größeren Bewegungsumfang.

Um bestmögliche Ergebnisse für jeden Patienten zu erreichen, müssen alle Behandlungsschritte eng aufeinander abgestimmt sein – und neu definiert werden. „Traditionelle Therapiekonzepte und jahrelange Behandlungsroutinen kommen da auf den Prüfstand“, sagt Heller. Dies erfordere ein Umdenken aller Beteiligten, etwa von Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten und Sozialdiensten.  

Auch die Rolle der Patienten ist neu: 

Diese sind mehr als früher in die Behandlung einbezogen. 

„In umfassenden Patientenschulungen lernen die Betroffenen bereits viele Wochen vorher alles über den Eingriff. 

Unter Anleitung von Physiotherapeuten üben sie frühzeitig das Gehen an Unterarmgehstützen und kräftigen ihre Muskulatur.“

Der Lohn der Mühen ist eine schnellere Rekonvaleszenz nach dem Eingriff, weniger Komplikationen und ein kürzerer Krankenhausaufenthalt. 

„Denn werden Körper und Immunsystem erst einmal durch langes Liegen und weitere bislang übliche Behandlungsabläufe aus dem Gleichgewicht gebracht und geschwächt, dauert es wesentlich länger, bis sich alles wieder normalisiert“, sagt auch Professor Dr. med. Florian Gebhard, Präsident der AE und Ärztlicher Direktor der Klinik für Unfall-, Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Ulm.

Welche weiteren Elemente „Fast Track“ in der Endoprothetik ausmachen und welche Erfahrungen Patienten mit dem Verfahren gemacht haben, sind Themen auf der Pressekonferenz der AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e. V. am 29. November 2018 in Berlin. Die Experten diskutieren auch, welche Voraussetzungen in Kliniken für den Einsatz von „Fast Track“ gegeben sein müssen.


Medizin am Abend Berlin Fazit: Hüftprothese: Minimalinvasiv oder klassisch implantieren? Implantatmodell wichtiger als OP-Methode

  • Für die Implantation ihres künstlichen Hüftgelenks wünschen sich viele Patienten eine minimalinvasive Operation (MIS): 

Das ist ein Eingriff, der nur kleinstmögliche Schnitte in Haut und Weichteilen vorsieht.

  • Tatsächlich belegen bislang vorliegende Studien Vorteile, vor allem in den ersten sechs Wochen nach der Operation. 
  • Durch das Schonen von Muskeln, Sehnen und nervalen Strukturen leiden die Patienten weniger an Schmerzen und Bewegungseinschränkungen und kommen dadurch schneller wieder auf die Beine. 

Doch nicht jede Prothese eignet sich für eine minimalinvasive Implantation. 

  • Da nach derzeitigem Kenntnisstand das Implantatmodell eine größere Rolle für ein gutes Langzeitergebnis spielt als die OP-Methode, rät die AE Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e. V., der Wahl des optimal geeigneten Implantats den Vorrang vor der OP-Methode zu geben. 

Auf der Pressekonferenz der AE am 29. November 2018 in Berlin gibt die Fachgesellschaft einen Überblick über den State of the Art von MIS. Dabei erläutern die Experten auch, für welche Patienten die Methode in Frage kommt.

Auch in der Endoprothetik stellt der minimalinvasive Zugang seit vielen Jahren eine Alternative zu den „traditionellen“ Zugängen dar.

Die Vorteile für den Patienten sind dabei vornehmlich das geringere Muskeltrauma und der kleinere Schnitt, so dass die Heilung zügiger verlaufen und der Patient dementsprechend früher mit der Rehabilitation beginnen kann.

Doch die minimalinvasive Hüft-OP ist nicht für jeden Patienten geeignet: „Die Hüftgelenksgeometrie muss passen, der Patient sollte nicht zu kräftig bemuskelt und auch nicht zu adipös sein“, erläutert Professor Dr. med. Dieter C. Wirtz, Mitglied des AE-Präsidiums.

Zudem kommen, je nach den individuellen Voraussetzungen des Patienten, unterschiedlich geformte Prothesenmodelle zum Einsatz.

  • Nicht alle von ihnen können durch einen minimalinvasiven Zugang - und mit der damit verbundenen eingeschränkten Sicht - implantiert werden: 

„Die einzelnen Operationsschritte mit der notwendigen Sorgfalt durchführen zu können, hat immer Vorrang“, betont Wirtz, der Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Bonn ist.

Bei MIS nutzen Operateure die natürlichen Lücken zwischen den Muskeln, um zum Hüftgelenk zu gelangen: 

  • „Wir schieben Muskeln, Sehnen, Gefäße und Nerven weitestmöglich zur Seite, anstatt sie, wie sonst üblich, zu durchtrennen und nachher wieder zu vernähen“, erläutert er. 

Dies schone auch wichtige Nervenrezeptoren, die am Sehnen-Knochen- sowie am Sehnen-Muskel-Übergang sitzen.

„Die sogenannten Mechanorezeptoren sorgen für die Tiefensensibilität und damit für Gangstabilität und Gleichgewichtsgefühl“, so Wirtz.

„Bleiben diese Strukturen bei der Prothesenimplantation intakt, können die Patienten nach dem Eingriff früher mit ihrer Rehabilitation beginnen.“

  • Nach spätestens einem Jahr jedoch zeigen Untersuchungen keine Unterschiede mehr zwischen MIS und klassisch offenem Eingriff.

Daher gilt:

  • Bei allen Patienten, bei denen aufgrund ihrer individuellen Voraussetzungen ein minimalinvasiver und damit muskelschonender Zugang gewählt werden könne, sollte dieser auch angewendet werden, so der Orthopäde.

Übergeordnetes Ziel sei aber der Langzeiterfolg bei einer Hüftprothese. 

  • Wo dieser eher mittels eines klassischen Zugangs gewährleistet sei, empfiehlt Wirtz, diesen vorzuziehen. 

Und ganz gleich, ob klassisch oder minimalinvasiv operiert werde:

„Das Ziel eines jeden Operateurs sollte es sein, so gewebeschonend wie möglich zu operieren“, bekräftigt Wirtz.

Unter welchen Voraussetzungen ein minimalinvasives Vorgehen bei der Implantation eines künstlichen Hüftgelenks möglich ist, worauf Patienten bei der Wahl ihres Krankenhauses achten sollten und welchen weiteren Forschungsbedarf es noch gibt, sind Themen auf der Pressekonferenz der AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e. V. am 29. November 2018 in Berlin.

Quellen:
Schmolders J., Gravius S., Wirtz D. C.: Stellenwert minimalinvasiver Zugangswege bei der primären Hüftendoprothetik – ein Update
Z Orthop Unfall 2014; 152: 120–129
DOI 10.1055/s-0033-1360350

Schmolders J., Wirtz D.C.: Offene Standardzugänge zum Hüftgelenk. In: Wirtz D.C., Stöckle U.: Hüfte – Expertise Orthopädie und Unfallchirurgie, Thieme Verlag, Stuttgart, 2018
Dr. Adelheid Liebendörfer Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e. V.


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Terminhinweis:

AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e. V. anlässlich des
20. AE-Kongresses vom 7. bis 8. Dezember 2018 in Düsseldorf
„Endoprothetik auf der Suche nach Perfektion“

Termin: Donnerstag, 29. November 2018, 11.00 bis 12.00 Uhr
Ort: Tagungszentrum im Haus der Bundespressekonferenz, Veranstaltungsraum: 4
Adresse: Schiffbauerdamm 40, 10117 Berlin
Vorläufiges Programm:

Sportlich aktiv mit Hüftprothese - bessere Implantatmaterialien machen mehr mit: was für wen in Frage kommt
Professor Dr. med. Karl-Dieter Heller, Generalsekretär der AE, Chefarzt, Herzogin-Elisabeth-Hospital, Orthopädische Klinik Braunschweig

Schneller wieder auf den Beinen: Fast Track in der Endoprothetik – State of the Art
Professor Dr. med. Karl-Dieter Heller, Generalsekretär der AE, Chefarzt, Herzogin-Elisabeth-Hospital, Orthopädische Klinik Braunschweig

Update 10 Jahre minimalinvasive Hüftendoprothetik: Was bringt sie? Aktuelle Studienergebnisse
Professor Dr. med. Dieter C. Wirtz, Mitglied des AE-Präsidiums, Ärztlicher Direktor, Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Universitätsklinikum Bonn

Nicht immer einfach: Wechsel-OPs von Hüftprothesen
Worauf es wirklich ankommt und was jeder Patient wissen sollte
Professor Dr. med. Florian Gebhard, Präsident der AE, Ärztlicher Direktor Universitätsklinikum Ulm, Zentrum für Chirurgie, Klinik für Unfallchirurgie, Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie

Die Knieprothese von morgen: wo geht die Reise hin?
Univ.-Professor Dr. med. Henning Windhagen, Pastpräsident der AE, Ärztlicher Direktor DIAKOVERE Annastift, Orthopädische Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH)

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Tumor der Nebenniere: Krebsbiologie

Medizin am Abend Berlin Fazit: Was die Zelle entarten lässt

Welche Ursachen sind für die Entstehung von Tumoren der Nebenniere verantwortlich? 

Dieser Frage gehen Wissenschaftler aus Würzburg und Berlin in einem neuen Forschungsprojekt auf den Grund. 

Tumorzelle ist nicht gleich Tumorzelle. Die verschiedenen Farben in dieser Abbildung stehen für jeweils unterschiedliche Zellarten in einem Tumor der Nebenniere. Tumorzelle ist nicht gleich Tumorzelle. Die verschiedenen Farben in dieser Abbildung stehen für jeweils unterschiedliche Zellarten in einem Tumor der Nebenniere. Abbildung: AG Fassnacht
 
Die Nebennieren des Menschen sind wahre „Chemiefabriken“: 
  • Sie produzieren mehr als 40 verschiedene Hormone – darunter so prominente Vertreter wie Cortisol, Adrenalin, Aldosteron und die Sexualhormone – und spielen dementsprechend bei der Regulation einer Vielzahl von Prozessen des menschlichen Körpers eine wichtige Rolle.
  • Gleichzeitig sind Nebennieren die Organe des Menschen, in denen sich am häufigsten gutartige Neubildungen entwickeln. 

„Gutartige Tumoren der Nebenniere findet man bei etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung“, erklärt Professor Martin Fassnacht. Der Mediziner ist Leiter des Schwerpunkts „Endokrinologie und Diabetologie“ an der Medizinischen Klinik I des Würzburger Universitätsklinikums (UKW).

Jetzt leitet Fassnacht gemeinsam mit der Privatdozentin Dr. Cristina Ronchi, die dem Bereich Translationale Tumorendokrinologie vorsteht, und Dr. Sascha Sauer (ehemals auch Würzburg, jetzt Gruppenleiter am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Berlin) ein neues Forschungsprojekt, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in den kommenden drei Jahren mit rund 440.000 Euro finanziert. Ziel des Projekts ist es, die molekularen Prozesse zu identifizieren, die für die Entstehung von Tumoren der Nebenniere verantwortlich sind, und damit möglicherweise Schlüsselfragen der Krebsbiologie zu lösen. Gleichzeitig soll aber auch geklärt werden, warum bestimmte Tumoren Hormone produzieren und anderen nicht.

Gutartige Tumoren sind häufig, bösartige selten

Dass sie an einem gutartigen Tumor der Nebenniere erkrankt sind, bekommen viele der Betroffenen nicht mit. 

„In der Mehrzahl der Fälle machen diese sich nicht bemerkbar“, sagt Martin Fassnacht. Beschwerden und Symptome treten in der Regel erst auf, wenn dieser Tumor selbst Hormone produziert, was bei etwa jedem Dritten der Fall ist.

  • Dann entwickeln sich Krankheitsbilder wie etwa das Cushing- oder das Conn-Syndrom, die je nach Stärke und Ausprägung mit einer erhöhten Sterblichkeit einhergehen.

Im Gegensatz zu den gutartigen Tumoren ist der Nebennierenkrebs selten: 

Jährlich treten in Deutschland 80 bis 120 neue Fälle auf. Allerdings sind die Chancen auf eine Heilung gering. Auch nach der kompletten chirurgischen Entfernung des Tumors kommt es bei 60 bis 70 Prozent der Patienten zu einem Rückfall. Kaum besser ist der Erfolg der zur Zeit einzigen zugelassenen medikamentösen Therapie: Nur etwa 20 bis 30 Prozent der Patienten profitieren langfristig davon, so dass dringend neue Therapieansätze benötigt werden.

Genauer Blick auf die einzelne Zelle

Warum in der Nebenniere gutartige Tumoren entstehen und Hormone produzieren beziehungsweise welche Faktoren die Entwicklung bösartiger Tumoren in Gang setzen:

Darüber rätselt die Wissenschaft bislang noch.

„Die pathogenen molekularen Mechanismen sind in beiden Fällen in vielerlei Hinsicht noch unklar“, sagt Cristina Ronchi. Ändern soll sich das in den kommenden drei Jahren mit Hilfe der Erkenntnisse, die das Forscherteam in dem jetzt gestarteten Projekt zu gewinnen hofft. Die Wissenschaftler wollen dafür ihren Blick auf die einzelnen Zellen des Tumorgewebes fokussieren.

„Die Zellen eines Tumors stammen in der Regel von einer einzigen, gemeinsamen Zelle ab und weisen charakteristische Veränderungen im Erbgut auf, die für das ungebremste Wachstum verantwortlich sind“, erklärt Sascha Sauer. 

Trotzdem unterscheiden sich diese Zellen häufig in ihrem Wachstum und in ihrem Potenzial, Metastasen zu bilden. 

Verantwortlich dafür sind weitere Mutationen und eine spezielle Selektionsdynamik, die während des Tumorwachstums auftreten.

Und genau hierauf fokussieren die Nebennierenforscher nun: Sie schauen sich in den Tumoren mit hochspezialisierten Techniken jede Tumorzelle und ihr Erbgut einzeln an. Mit dieser neuartigen Methodik erwarten sie völlig neue Erkenntnisse über die Tumoren als Ganzes.

Strategien für eine verbesserte Therapie

Das detaillierte Wissen über diese unterschiedliche Entwicklung der Tumorzellen wird nach Ansicht der Arbeitsgruppe das Verständnis der Tumorentstehung deutlich verbessern und in der Folge Strategien für eine verbesserte Therapie aufzeigen.

Und das nicht nur für Tumoren der Nebenniere:

Fassnacht und sein Team sind davon überzeugt, dass ihr Ansatz dazu in der Lage ist, Schlüsselfragen in der Krebsbiologie zu beantworten, sodass sich ihre Erkenntnisse auch auf andere Tumorarten übertragen lassen.
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Was die Zelle entarten lässt



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