Medizin am Abend Berlin Fazit: Aktuelle Studie: Botulinumtoxin A, eine therapeutische Alternative gegen neuropathische Schmerzen
Chronische neuropathische Schmerzen belasten allein in Deutschland
Millionen Patienten – bei begrenzten therapeutischen Möglichkeiten.
„Viele Patienten vertragen die gängigen Medikamente zur symptomatischen
Therapie nicht oder haben Kontraindikationen“, sagt Prof. Claudia Sommer
aus der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Würzburg,
Co-Autorin einer aktuell veröffentlichten klinischen Studie, in der
Botulinumtoxin A – umgangssprachlich:
Botox – als wirksame und sichere
Alternative für diese Patienten vorgeschlagen wird. In der
doppelblinden, placebokontrollierten Untersuchung konnten wiederholte
subkutane Injektionen des Nervengifts die Schmerzintensität signifikant
reduzieren.
Noch sei es allerdings zu früh, um Botulinumtoxin A im klinischen
Alltag gegen neuropathische Schmerzen einzusetzen, kommentiert Prof.
Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für
Neurologie (DGN), die Ergebnisse:
„Die Therapie ist derzeit noch nicht
zugelassen und kann nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen
verordnet werden.
- Die Anwendung sollte auch nach einer eventuellen
Zulassung auf Spezialsprechstunden für Botox und große neurologische
Kliniken beschränkt bleiben.“
Neuropathische Schmerzen entstehen durch
Schädigung oder Erkrankung von Nervenstrukturen, die Körperwahrnehmungen
an das Gehirn weiterleiten.
Die lädierten Nerven entwickeln eine
Eigenaktivität und senden elektrische Impulse ans ZNS, die dort als
Schmerz wahrgenommen werden.
Der chronisch neuropathische Schmerz ist
meistens die Folge einer anderen chronischen Krankheit:
- Häufig betroffen
sind zum Beispiel Patienten mit Diabetes, Nervenverletzungen,
amputierten Gliedmaßen oder Rückenmarksverletzungen.
Angaben zum Anteil
der Bevölkerung mit neuropathischen Schmerzen schwanken zwischen 3,3 und
8,2 Prozent.
In Deutschland leiden demnach mindestens 2,6 Millionen
Menschen unter der
chronischen Schmerzerkrankung.
- Die Erkrankten quälen
brennende Dauerschmerzen und spontan einschießende Schmerzattacken.
Viele beschreiben ein Taubheitsgefühl in der betroffenen Region,
gleichzeitig kann schon eine leichte Berührung wehtun. Das geht auf
Kosten des Schlafs und der Lebensqualität und führt häufig zur
Arbeitsunfähigkeit.
Botulinumtoxin A – kurz Botox – ist vielen als Lifestyle-Medikament zur
Faltenbehandlung bekannt. Das Nervengift hat sich in den letzten Jahren
aber auch für zahlreiche Anwendungen in der Neurologie bewährt. Laut den
im April veröffentlichten Leitlinien der amerikanischen neurologischen
Fachgesellschaft American Academy of Neurology zählen dazu Spastik nach
Schlaganfall, Rückenmarks- und Nervenverletzungen, Verkrampfungen und
Fehlhaltungen bei Dystonie oder der Blepharospasmus, ein willkürlich
nicht zu beherrschender Lidkrampf.
Unabhängig von seinem muskellähmenden
Effekt wirkt Botulinumtoxin schmerzlindernd. Seit 2011 ist es in
Deutschland für die Therapie chronischer Migräne zugelassen. Zur
analgetischen Wirkung von Botulinumtoxin A bei neuropathischen Schmerzen
fehlten allerdings bisher Daten mit guter Evidenz.
Alternative Therapieoptionen dringend gesucht
Wenn Nerven Schmerzen verursachen, bringt das auch die behandelnden
Ärzte immer wieder an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. „Unsere
Behandlungsoptionen sind derzeit leider unbefriedigend“, sagt Prof.
Claudia Sommer von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Es
gibt viele Patienten mit chronischen neuropathischen Schmerzen durch
periphere Nervenläsionen oder Polyneuropathien, die die gängigen
Medikamente zur symptomatischen Therapie wie trizyklische
Antidepressiva, Duloxetin, Gabapentin und Pregabalin oder retardierte
Opioide nicht vertragen oder Kontraindikationen haben“, weiß die
leitende Oberärztin der Neurologischen Klinik und Poliklinik am
Universitätsklinikum Würzburg. „Für diese Patienten bräuchten wir
dringend eine wirksame Alternative.“
Subkutane Injektionen ins schmerzende Areal
Eine im Mai im Fachmagazin Lancet Neurology veröffentlichte Studie, an
der Prof. Sommer als Co-Autorin mitgewirkt hat, rückt Botulinumtoxin A
als mögliche Alternative in den Fokus.
Für die doppelblinde und placebokontrollierte Untersuchung hatten die
Forscher 152 Patienten in zwei französischen und einer brasilianischen
Schmerzambulanz registriert. 68 von ihnen erfüllten die
Einschlusskriterien, die Daten von 66 Männern und Frauen gelangten in
die Endauswertung. Alle hatten seit mindestens sechs Monaten täglich
neuropathische Schmerzen, überwiegend in Hand oder Unterarm bzw. Fuß
oder Knöchel. Bei den meisten war der Schmerz Folge eines Traumas oder
einer Operation.
34 Probanden erhielten Botulinumtoxin-A-Injektionen in die schmerzende
Körperregion. Die Ärzte spritzten im Abstand von 1,5 bis 2 cm je 5
Einheiten Botulinumtoxin A unter die Haut. Die Gesamtdosis hing von der
Größe des schmerzhaften Areals ab, überstieg jedoch nicht 300 Einheiten.
Nach zwölf Wochen wurde das Procedere wiederholt. Die 32 Patienten aus
der Placebogruppe bekamen entsprechende Kochsalzinjektionen.
Signifikante Schmerzreduktion
„Wir konnten zeigen, dass Botulinumtoxin A die Schmerzintensität,
verglichen mit Placebo, signifikant reduziert“, erklärt Claudia Sommer.
Der von den Probanden berichtete Schmerzgrad auf einer Skala von 0 (kein
Schmerz) bis 10 (maximal vorstellbarer Schmerz) fiel in der
Botulinumtoxin-A-Gruppe von 6,5 Punkten vor der Behandlung auf 4,6
Punkte in Woche 24, also 12 Wochen nach der zweiten
Botulinumtoxin-Applikation. In der Placebogruppe sank der mittlere
Schmerzgrad nur geringfügig von 6,4 auf 5,8 Punkte. Der Effekt war
anhaltend. Eine zweite Gabe von Botulinumtoxin verstärkte den
analgetischen Effekt.
-
Patienten mit Allodynie, denen schon leichte, für gesunde Menschen
völlig harmlose Berührungen wehtun, sprachen besonders gut auf die
Botulinumtoxin-Injektionen an. Ebenso Patienten, deren
Temperaturwahrnehmung nur wenig beeinträchtigt und deren Hautinnervation
noch recht gut war. Abgesehen von Schmerzen bei der Injektion
dokumentierten die Ärzte keine unerwünschten Wirkungen.
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Prof. Dr. Claudia Sommer
Neurologische Klinik, Universitätsklinikum Würzburg
Josef-Schneider-Str. 11, D-97080 Würzburg
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E-Mail: sommer@uni-wuerzburg.de
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Prof. Dr. Hans-Christoph Diener
Seniorprofessor für klinische Neurowissenschaften
Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Essen, Universität Duisburg-Essen
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E-Mail: hans.diener@uk-essen.de
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Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.