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Muskelentzündungen

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Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) hat ein Mausmodell entwickelt, das neue Einblicke in die Entstehung einer seltenen, aber schwerwiegenden Muskelerkrankung bietet. Die Forschenden konnten zeigen, dass die anhaltende Entzündung bei der sogenannten Einschlusskörpermyositis mit einer gestörten zellulären „Müllabfuhr“ in Verbindung steht – ein wichtiger Anhaltspunkt für neue Behandlungsstrategien. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Brain“ veröffentlicht.

Die Einschlusskörpermyositis ist eine seltene, chronisch fortschreitende Muskelerkrankung, die vor allem Menschen über 45 Jahre betrifft und zu Muskelschwäche und -abbau führt. Eiweiße, auch Proteine genannt, lagern sich dabei in den Muskelfasern ab und verursachen Veränderungen in den Mitochondrien – den "Kraftwerken der Zellen“. Diese produzieren die Energie, um beispielsweise Bewegungen durchführen zu können. Häufig betroffen sind bei dieser Erkrankung die Oberschenkelmuskeln und die Fingerbeuger, was alltägliche Bewegungen wie Gehen oder Greifen zunehmend erschwert. Das Besondere an dieser Krankheit: Sie spricht kaum auf die üblichen entzündungshemmenden Medikamente an, die bei anderen Muskelentzündungen erfolgreich eingesetzt werden.

In einer internationalen Zusammenarbeit unter Beteiligung der Klinik für Neurologie und dem Institut für Neuroimmunologie und Multiple-Sklerose-Forschung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben Wissenschaftler*innen ein Mausmodell zur Untersuchung der Einschlusskörpermyositis entwickelt. Das Tiermodell ermöglicht neue Einblicke in die Entstehung dieser seltenen, aber schwerwiegenden Muskelerkrankung, deren Ursachen bisher nicht vollständig geklärt sind. Die Forschenden konnten gemeinsam mit Kolleg*innen aus Heidelberg, Aachen, Freiburg, München und der Schweiz zeigen, dass die chronische Entzündung mit einer gestörten „Müllabfuhr“ in den Körperzellen zusammenhängt. Beide Vorgänge – die Entzündung und die gestörte „Müllabfuhr“ – verstärken sich dabei gegenseitig und treiben die Krankheit gemeinsam an.

Neue Wege für wirksame Behandlungsstrategien

„Dies könnte erklären, warum klassische entzündungshemmende Therapien scheitern und neue Wege für die Entwicklung wirksamer Behandlungsstrategien eröffnen“, sagt Ko-Autorin der Studie Priv.-Doz. Dr. Jana Zschüntzsch, Oberärztin in der Klinik für Neurologie der UMG. „Unser Mausmodell ahmt zum ersten Mal alle wichtigen Merkmale der menschlichen Einschlusskörpermyositis nach. Das ist ein enormer Fortschritt, denn bisher fehlte uns ein geeignetes Tiermodell, um neue Therapien zu testen.“ Prof. Dr. Jens Schmidt, Letztautor und Facharzt in der Klinik für Neurologie der UMG, ergänzt: „Damit Zellen funktionieren, sorgt ein Reinigungssystem dafür, dass defekte Proteine und andere Zellabfälle ordnungsgemäß entsorgt werden. Bei unserem Mausmodell ist dieses System gestört, während gleichzeitig eine chronische Entzündung anhält – als würde man in einem unaufgeräumten Haushalt ständig Staub aufwirbeln.“

Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Brain“ veröffentlicht:

Originalpublikation:
Bremer et al. Mutual reinforcement of lymphotoxin-driven myositis and impaired autophagy in murine muscle. Brain (2025). DOI: https://doi.org/10.1093/brain/awaf260

Mausmodell ermöglicht Ursachenforschung

Die Forschenden entwickelten Mäuse, die genetisch so verändert wurden, dass sowohl die entzündlichen Prozesse als auch die gestörte Zellreinigung der menschlichen Erkrankung nachgeahmt werden. Diese Mäuse zeigten ähnliche Symptome wie Patient*innen, die an einer Einschlusskörpermyositis litten.

Ein besonders wichtiger Befund der Studie: Die Forschenden konnten zeigen, warum die üblichen entzündungshemmenden Medikamente bei der Einschlusskörpermyositis nicht wirken. Selbst wenn sie die Entzündung erfolgreich unterdrückten, blieben die Muskelschwäche und die charakteristischen Zellveränderungen bestehen. Dies spiegelt die Erfahrungen aus der Klinik wider, wo Kortison und andere Immunsystem unterdrückende Medikamente bei den Patient*innen meist nur enttäuschende Ergebnisse zeigen.

In den kommenden Jahren werden die Wissenschaftler*innen verschiedene innovative Therapieansätze testen.

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Priv.-Doz. Dr. Jana Zschüntzsch, Klinik für Neurologie, Telefon 0551 / 39-62520, j.zschuentzsch@med.uni-goettingen.de

Originalpublikation:
Bremer et al. Mutual reinforcement of lymphotoxin-driven myositis and impaired autophagy in murine muscle. Brain (2025). DOI: https://doi.org/10.1093/brain/awaf260

Der Mann und seine Gefühle

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Was geschieht, wenn Männer das Gefühl haben, nicht ausreichend männlich zu sein? Eine neue sozialpsychologische Studie zeigt: Viele Männer erleben Männlichkeit als unsicheren Status, der immer wieder bestätigt werden muss. Dieser Druck ist kein Randphänomen, sondern beeinflusst messbar und verlässlich Gefühle, Selbstbild, Einstellungen und Verhalten von Männern. Mit spürbaren Folgen: für Männer selbst, ihr Umfeld und die Gesellschaft insgesamt, etwa durch das Wählen autoritärer, rechter Parteien.

In einer umfangreichen, in der Fachzeitschrift „Personality and Social Psychology Review“ erschienenen Meta-Analyse hat ein Forschungsteam um Lea Lorenz von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) und Sven Kachel von der Universität Kassel untersucht, wie Männer auf Situationen reagieren, in denen ihre Männlichkeit in Frage gestellt wird. Dafür hat das Team 123 Experimente, überwiegend aus westlichen Ländern, mit 19.448 Männern systematisch geordnet und ausgewertet. Für ihre Analyse haben die Forschenden unterschieden zwischen Auslösern, inneren Reaktionen wie Gefühle, kompensatorischen Reaktionen wie stark männliches Verhalten und Merkmalen der Situation, die die Wirkung beeinflussen. Dadurch konnten sie berechnen, wie stark der Effekt im Durchschnitt ist und welche Bedingungen ihn verstärken.

Über alle ausgewerteten Studien hinweg zeigt sich ein klarer, zuverlässiger Effekt: Wenn Männer an ihrer Männlichkeit zweifeln, verändert dies messbar ihre Gefühle, ihr Selbstbild, ihr Verhalten und ihre Einstellungen. Der Effekt ist nicht extrem groß, aber stabil und unter vielen Bedingungen nachweisbar. „Überraschend stark sind die Effekte, wenn Männer selbst zu dem Schluss kommen, nicht dem männlichen Ideal zu entsprechen – stärker als bei bloßer Rückmeldung von außen“, erklärt Sven Kachel. „Auch wenn andere dabei sind, steigt der Druck, sich männlich zu präsentieren“. In der Forschung wurde bisher nicht systematisch unterschieden, ob Männer selbst zu diesem Schluss kommen oder ob er ihnen von außen vermittelt wird, so das Forschungsteam.

Die Ergebnisse der Analyse stützen zwei zentrale Ansätze der Sozialpsychologie: die Theorie der prekären Männlichkeit, nach der Männlichkeit leicht verloren gehen kann und immer wieder bestätigt werden muss, sowie die Theorie sozialer Identität, nach der Menschen stark darauf achten, wie ihre Gruppenmitgliedschaft bewertet wird.

Von Risikobereitschaft bis Aggression

Haben Männer das Gefühl, dem männlichen Ideal nicht zu entsprechen, setzt sie das spürbar unter Druck. Bedrohungserfahrungen führen kurzfristig oft zu emotionaler Belastung wie Angst, Stress, Unbehagen oder Ärger, so die Studie. Nach außen reagieren diese Männer oft mit Einstellungen und Verhalten, die Männlichkeit betonen und die Bedrohung abschwächen sollen, wie Risikobereitschaft, Aggression, Abwertung anderer Gruppen oder stärkerer Zustimmung zu traditionellen, männlich dominierten Gesellschaftsstrukturen, etwa durch die Befürwortung von traditionellen Geschlechterrollen, durch sexuelle Belästigung von Frauen oder durch das Absprechen von Rechten für sexuelle Minderheiten. Langfristig schadet solches Verhalten aber oft den Männern selbst, so das Forschungsteam, etwa durch riskantes oder besonders hartes Auftreten.

Die ausgewerteten Studien zeigen außerdem körperliche Stressreaktionen. Dazu zählen beispielsweise eine erhöhte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol oder aufgrund innerer Anspannung eine Veränderung der Herzratenvariabilität, wodurch sich der Körper nicht mehr so gut Belastungen anpassen kann.

Auslöser reichen von „untypischem Verhalten“ bis zu Rollenverlust

Bedroht in ihrer Männlichkeit fühlen sich Männer beispielsweise dann, so ein weiteres Ergebnis der Studie, wenn sie signalisiert bekommen, weniger durchsetzungsstark, dominant oder „männlich“ zu sein als andere. Auch wenn sie einer Frau unterstellt sind, die klar die Führung übernimmt, oder sie Aufgaben ausführen sollen, die als „unmännlich“ gelten, kann das entsprechend Reaktionen auslösen.

Bedrohung kann auch auf Gruppenebene entstehen – etwa, wenn gesellschaftliche Entwicklungen traditionelle Rollen infrage stellen. Das kann beispielsweise durch Äußerungen erfolgen, Männer seien im Laufe der Zeit „immer femininer“ geworden oder wenn behauptet wird, es gebe keine klaren Unterschiede mehr zwischen heterosexuellen und schwulen Männern.

Gesellschaftliche Folgen: von Diskriminierung bis politische Härte

„Unsere Studienergebnisse haben gesellschaftliche Relevanz“, betont Lea Lorenz. Männlichkeitsbedrohungen können nicht nur Männer selbst belasten, sondern auch negative Auswirkungen auf ihr Umfeld haben. Etwa dann, wenn dadurch aggressives, riskantes oder diskriminierendes Verhalten gefördert wird. Oder wenn sich deswegen das Wahlverhalten in Richtung harter, autoritärer Politik verschiebt.

„Wenn wir besser verstehen, wann solche Bedrohungen entstehen und was sie verstärkt oder abschwächt, kann das helfen, Konflikte, Diskriminierung und gesellschaftliche Spannungen zu reduzieren“, fasst Lea Lorenz zusammen.

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Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau (Kerstin Theilmann
AG Sozialpsychologie

Lea Lorenz
+49 (0)6341 280-31213
lea.lorenz@rptu.de

Originalpublikation:
Lea L. Lorenz, Lorena Hüther, Melanie C. Steffens, Claudia Niedlich, Helena Wesnitzer, and Sven Kachel: Masculinity Threat in Heterosexual Men: A Comprehensive Meta-Analysis of Experimental Research with Recommendations for Future Theory Building and Research Practice. In: Personality and Social Psychology Review
Doi: 10.1177/‪10888683261433109‬
https://doi.org/10.1177/10888683261433109

Lange Arbeitszeiten

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Warum die Schweiz kein Vorbild ist: 

Die Schattenseiten langer Arbeitszeiten

Noch deutlich höhere Teilzeitquoten als in Deutschland, Stress, emotionale Erschöpfung durch Arbeitsdruck und Zeitnot mit Milliardenkosten für die Wirtschaft – die langen Arbeitszeiten in der Schweiz haben deutliche Negativ-Effekte und sind in der Eidgenossenschaft keineswegs unumstritten. Das zeigt eine neue Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.*

In vielen Diskussionen über die Erwerbsarbeitszeit in Deutschland wird auf die Schweiz verwiesen. Ein Vergleich zeige, dass es bei der Ausweitung der individuellen Erwerbsarbeitszeiten in Deutschland noch deutliche Spielräume gebe. Beispielsweise durch eine Ausweitung der wöchentlichen Arbeitszeit oder eine Aufhebung der täglichen Höchstarbeit, wie sie auch der Bundesregierung vorschwebt. Tatsächlich ist die betriebsübliche bzw. vertragliche Arbeitszeit bei einer Vollzeitstelle im Nachbarland mit 41,7 Stunden höher als in Deutschland oder anderen EU-Staaten. Doch der oberflächliche Zahlenvergleich greife zu kurz, betont Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI: „Ein detaillierter Blick auf die Schweiz zeigt, dass der gesellschaftliche Preis für diese hohen Arbeitszeiten sehr hoch ist, denn sie wirken sich negativ auf die Gesundheit der Arbeitnehmenden und auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus.“

-Hoher Vollzeitstandard, gleichzeitig sehr hohe Teilzeitquote-

Auffällig ist, dass in der Eidgenossenschaft nicht nur die Stundenzahl bei Vollzeitbeschäftigung hoch ist, sondern auch die Quote der Teilzeitbeschäftigten. 2024 waren 58,4 Prozent der Frauen in der Schweiz in Teilzeit erwerbstätig und 21,1 Prozent der Männer. Damit liegt der Teilzeitanteil von Frauen sogar noch über dem in Deutschland (49 Prozent). Auch Männer (12 Prozent) arbeiten in Deutschland seltener mit reduzierter Stundenzahl.

Das Beispiel der Schweiz zeige: „Eine hohe Vollzeitnorm führt zu einem hohen Anteil von Teilzeitbeschäftigten“, analysieren Kohlrausch und ihre Ko-Autorin Noémie Zurlinden von der schweizer Gewerkschaft Unia. „Gerade für Frauen ist dies daher kein nachhaltiger Weg zu einer Ausweitung der Erwerbsbeteiligung.“ Hintergrund: Frauen tragen den deutlich größeren Anteil an unbezahlter Care-Arbeit, also etwa Kinderbetreuung, Haushaltsarbeit oder Pflege: Das gilt in der Schweiz wie in Deutschland und vielen anderen Ländern und führt dazu, dass Erwerbsarbeit oft nur in Teilzeit möglich ist. Durch die langen Vollzeit-Arbeitszeiten ist dieser Druck in der Schweiz besonders groß. Auch die Teilzeit ist vergleichsweise lang: Insgesamt arbeiten erwerbstätige Frauen in der Schweiz im Mittel rund 31 Wochenstunden im Erwerbsjob, in Deutschland sind es etwa 27 bis 28 Wochenstunden.

Daraus folgt, dass Frauen in der Schweiz, bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengerechnet, mehr als Männer und auch mehr als Frauen in Deutschland arbeiten. Nach Daten des eidgenössischen Bundesamtes für Statistik sind es bei Frauen in der Schweiz insgesamt durchschnittlich 57,2 Stunden pro Woche, schweizer Männer kommen auf 54,3 Stunden. Die Gesamt-Wochenarbeitszeit in Deutschland beläuft sich bei Frauen auf 54 und bei Männern auf 53 Stunden. Auch wenn die Datengrundlagen – wie bei internationalen Arbeitszeitvergleichen sehr oft – nicht vollständig vergleichbar sind, „so ist dies doch ein deutlicher Hinweis auf die hohen Belastungen, die vor allem für Frauen mit hohen Erwerbsarbeitszeiten einhergehen“, schreiben Kohlrausch und Zurlinden.

-Lange und entgrenzte Arbeitszeiten mit Folgen für Gesundheit und Produktivität-

Lange Arbeitszeiten gehen zudem oft mit einer Entgrenzung und Fragmentierung von Arbeit einher, die besonders belastend sein kann. So zeigt die Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingung (EWCTS 2024), dass entgrenzte Arbeitszeiten und die damit einhergehende Überlagerung von Arbeit und Privatleben sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland ein Problem sind – in der Schweiz aber noch deutlich ausgeprägter. Während schon in Deutschland 19 Prozent der Arbeitnehmer*innen mehrere Male pro Monat in der Freizeit arbeiten, um die Arbeitsanforderungen zu erfüllen, sind es in der Schweiz sogar 29 Prozent. Der Anteil der Beschäftigten, die im letzten Monat mindestens einmal weniger als elf Stunden Ruhezeit zwischen dem Ende eines und dem Beginn des nächsten Arbeitstages hatten, liegt in der Schweiz mit 25 Prozent acht Prozentpunkte über dem Anteil in Deutschland. In der Schweiz arbeiten 15 Prozent 48 oder mehr Stunden pro Woche. Das ist mehr als doppelt so häufig wie in Deutschland, wo bereits sieben Prozent der Befragten angeben, dass ihre Arbeitswochen 48 oder mehr Stunden betragen, obwohl die Höchstarbeitszeit bei 48 Stunden liegt.

Höchst problematische Werte, warnen Kohlrausch und Zurlinden. Untersuchungen zeigten, dass tägliche Arbeitszeiten von mehr als zehn Stunden und wöchentliche Arbeitszeiten von 48 Stunden und mehr zu gesundheitlichen Beschwerden, Burnout-Symptomen und Stresserleben führten. Zahlreiche Studien belegten darüber hinaus einen deutlichen Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten und einem erhöhten Unfallrisiko. So steigt etwa das Verletzungsrisiko nach der neunten Arbeitsstunde exponentiell an. Auch „fragmentierte“ Arbeitszeiten, bei denen Arbeitnehmer*innen ihre Erwerbsarbeit unterbrechen und beispielsweise abends wieder aufnehmen, gehen nach Untersuchungen des WSI für Deutschland oft einher mit mehr Zeit- und Leistungsdruck, was die Gesundheit negativ beeinflussen kann.

Die Gesundheitsförderung Schweiz, eine von Kantonen und Versicherern getragene Stiftung führt einen Job-Stress-Index. Danach hat der Anteil von gestressten Erwerbstätigen im letzten Jahrzehnt zugenommen, so die Forscherinnen. Während 2014 noch 24,8 Prozent der Beschäftigten gestresst waren, waren es 2022 bereits 28,2 Prozent. Daten von Gesundheitsförderung Schweiz zeigen auch, dass in diesem Zeitraum der Anteil der Erwerbstätigen, die sich emotional erschöpft fühlten, von 24,0 Prozent auf 30,3 Prozent wuchs. Ebenfalls zugenommen hat die Zahl der Fälle von Langzeitarbeitsunfähigkeit unter schweizer Beschäftigten. Die Gesundheits-Stiftung berechnete für 2022, dass arbeitsbezogener Stress die schweizer Wirtschaft unter dem Strich rund 6,5 Milliarden Franken kostete – und das bezogen auf ein Achtel der Erwerbstätigenzahl Deutschlands.

Zudem kommen verschiedene Studien zu dem Ergebnis, dass die Arbeitsproduktivität bei langen Arbeitszeiten sinkt. Im Laufe langer Arbeitstage werden mehr Fehler gemacht, es braucht mehr Zeit, Tätigkeiten zu erledigen. Das gelte nicht nur bei überwiegend körperlicher Arbeit, sondern „auch für wissensnahe Tätigkeiten und Büroarbeit“, betonen die Expertinnen.

-Was wirklich hilft: Vereinbarkeit verbessern, Arbeitsfähigkeit Älterer erhalten-

Alles in allem zeige ein vertiefter Blick in die Schweiz, dass der Ansatz, die Arbeitszeiten forciert auszudehnen, in die falsche Richtung gehe, um Erwerbspotenziale, die es in Deutschland durchaus gibt, auszuschöpfen. So sei eine Erhöhung des Erwerbsvolumens von Frauen ein wichtiger Faktor. Das funktioniere allerdings nur mit einer Neuverteilung der Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen, wenn es nicht zu einer zusätzlichen Belastung von Frauen führen solle, analysieren Kohlrausch und Zurlinden. „Dafür muss es zeitliche Spielräume gerade für Männer geben, einen größeren Anteil der Sorgearbeit zu übernehmen. Eine hohe Vollzeitnorm hätte hier sicherlich eher den gegenteiligen Effekt.“ Ein Ausbau von institutioneller Kinderbetreuung und Pflege sei ebenfalls eine wichtige, wenngleich nicht hinreichende, Voraussetzung für eine Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen.

Anstatt die Erwerbsarbeitszeiten weiter auszudehnen, sollte der Reduktion von arbeitsverursachtem Stress eine höhere Bedeutung zukommen, so die WSI-Analyse. „Zur Verbesserung von Wohlbefinden und Gesundheit der Arbeitnehmenden, aber auch um die Produktivitätsverluste aufgrund von arbeitsbezogenem Stress und langen Arbeitszeiten zu reduzieren und den Beschäftigten zu ermöglichen, das gesetzlichen Rentenalter zu erreichen.“ Die Realität in Deutschland sieht jedoch häufig anders aus. In der Betriebs- und Personalrätebefragung des WSI gaben mehr als ein Sechstel der befragten Personal- und Betriebsräte an, dass sich der Betrieb beispielsweise „gar nicht“ darum bemühe, die Arbeitsbedingungen älterer Beschäftigter ihren Bedürfnissen entsprechend besser zu gestalten.

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Prof. Dr. Bettina Kohlrausch
Wissenschaftliche Direktorin WSI
Tel.: 0211-7778-186
E-Mail: Bettina-Kohlrausch@boeckler.de

Rainer Jung
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Originalpublikation:
*Bettina Kohlrausch, Noémie Zurlinden: Arbeitszeitflexibilisierung und lange Erwerbsarbeitszeiten: Warum die Schweiz kein Vorbild ist. WSI Kommentar Nr. 8, April 2026. Download: https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-009370

Vater und Kind Beziehungen

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Erste Ergebnisse einer neuen Studie zeigen: Wenn Väter sich Zeit nehmen, emotional zugewandt sind und mit ihren Kindern sprechen, verbessert das die Beziehung deutlich. Gerade in der Jugendphase sind die Papas für Jungen und Mädchen wichtig.

Väter spielen eine wichtige Rolle: Das Erziehungsverhalten in der Jugendphase ihrer Sprösslinge ist zentral für die Qualität der Vater-Kind-Beziehung, wie erste Ergebnisse einer aktuellen Studie zeigen. Forschende des Deutschen Jugendinstituts München weisen nach, wie bedeutsam zudem väterliche Familienorientierung insbesondere für jüngere Jugendliche ist. Laut den repräsentativen Daten kümmern sich Männer täglich rund 1,5 Stunden im Durchschnitt um ihre Kinder. Bedeutsam auch: Hatte das männliche Elternteil für sie als Kind ein offenes Ohr und suchte das Gespräch, berichten 82 Prozent der heute jungen Erwachsenen von einer „sehr guten“ Beziehungsqualität zu ihrem Papa. Die vorliegenden Daten sind Zwischenergebnisse der Studie „Vaterschaft im Wandel“. Professorin Dr. Johanna Possinger von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg leitet das von der Stiftung Ravensburger Verlag geförderte 3-jährige Forschungsprojekt.

Der Vatertag erinnert an die neben der Mutter-Kind-Verbindung wohl prägendste Beziehung im Leben. Zwischen ein und drei Stunden – im Mittel 1,5 Stunden – betreuen Männer täglich ihre Kinder. Für Frauen liegt dieser Wert doppelt so hoch. Während Mütter im Alltag weiterhin mehr Zeit mit der Fürsorge für ihren Nachwuchs verbringen, zeigt sich: Mit zunehmendem Alter der Kinder wächst die Bedeutung der Väter. „Gerade in der Jugendphase werden sie für Gespräche, Orientierung und emotionale Unterstützung besonders wichtig“, erläutert Dr. Claudia Zerle-Elsäßer. Die Soziologin hat mit ihrem Team am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München zu der Bedeutung von Vätern von 12- bis 17-Jährigen geforscht. „Gegenüber ihren Teenagern müssen Eltern eine neue Balance finden: Jugendliche wünschen sich mehr Autonomie, brauchen aber weiterhin emotionale Unterstützung und Orientierung. Väter spielen dabei eine wichtige Rolle.“

Emotionale Wärme und kindzentrierte Kommunikation steigern Beziehungsqualität

Die Beziehung zum männlichen Elternteil wird besser bewertet, wenn häufig gemeinsame Gespräche stattfinden: 67 Prozent der Kinder, deren Vater „sehr viel“ mit ihnen kommuniziert, bewerten die Beziehung zu ihm als „sehr gut“ – das entspricht einer statistisch signifikanten Differenz von über 20 Prozentpunkten im Vergleich zu den Jungen und Mädchen, deren Papas sich selten mit ihnen unterhalten. „Spannend war es zu sehen, dass das langfristig in noch stärkerem Maß für heute junge Erwachsene gilt, wenn sie sich an ihre Kindheit zurückerinnern“, so Forscher Thomas Eichhorn. „Bei ihnen steigt der Wert der ‚sehr guten‘ Beziehungsqualität auf 82 Prozent.“ Die Zahl schrumpft auf 7 Prozent, wenn das männliche Elternteil nicht gesprächsoffen war. „Die Messgrößen unserer Studie, die kindzentrierte Kommunikation beschreiben, stellten sich als mit Abstand wichtigster Einflussfaktor auf die Vater-Kind-Beziehung heraus“, betont Eichhorn.

Untersucht haben die Forschenden weiterhin, wie sich gefühlsbetonte Wärme im Umgang auswirkt. Auch hier belegen die Zahlen: Emotional offenes, positives Erziehungsverhalten verbinden Kinder mit einer höheren Relevanz ihres Vaters.

Weniger Beruf + mehr Familie = bessere Beziehungsqualität zwischen Vater und Teenager

Männer, die Familie vor den Beruf stellen: Das kommt bei den befragten Jugendlichen gut an. „Väter, die ihre Familie sichtbar priorisieren, werden von ihren Kindern als besonders wichtige Bezugspersonen wahrgenommen“, sagt Dr. Claudia Zerle-Elsäßer. 82 Prozent der 12- bis 17-Jährigen, deren Papas die Idee gut fanden, zumindest bis zum Schuleintritt der Kinder beruflich kürzer zu treten, berichten von einer „sehr guten“ Beziehungsqualität zu ihren Vätern. DJI-Forscherin Zerle-Elsäßer fasst zusammen: „Engagierte Vaterschaft lohnt sich.“

Auftakt für 3-jähriges Forschungsprojekt: Umfangreiche Datensätze erstmals unter dem Gesichtspunkt „Väter von Teenagern“ ausgewertet

An dem nun vorgelegten Zwischenbericht forschte seit April 2025 ein Team des DJI unter Leitung von Dr. Claudia Zerle-Elsäßer. Basis bildete die Analyse repräsentativer Datensätze der Jahre 2009 bis 2023, mit der die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Rolle von Vätern in Deutschland in der frühen Jugendphase ihrer Kinder beleuchten. Besagtes DJI-Panel „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ wurde erstmals unter diesem Aspekt ausgewertet. Diese Sekundärdatenanalyse bildet das Fundament für den qualitativen Teil der Studie: Derzeit interviewen Forschende der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg unter Leitung von Prof. Dr. Johanna Possinger Väter und Jugendliche. Sie erfragen, wie gemeinsam über gesellschaftliche Fragen gesprochen wird und welche Rolle die Papas dabei spielen. Die Untersuchung soll unter anderem zeigen, wie väterliche Care-Arbeit und politische Bildung zusammenhängen – ein bislang kaum erforschtes Feld. „Familien sind der erste Ort, an dem Jungen und Mädchen lernen, ihre Meinung zu äußern, Konflikte auszuhandeln und unterschiedliche Perspektiven zu verstehen“, sagt Professorin Johanna Possinger. „Wenn Väter sich aktiv beteiligen und Gespräche führen, stärken sie nicht nur die Beziehung zu ihren Kindern – sondern auch wichtige demokratische Kompetenzen.“ Die Stiftung Ravensburger Verlag fördert das bis 2027 laufende Forschungsprojekt „Vaterschaft im Wandel: Wie Väter ihre Teenager im Alltag und in gesellschaftlichen Fragen begleiten“ mit ‪160.000‬ Euro.

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Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, DJI München (+49 89-62306-317, zerle@dji.de 

Verena Türck-Weishaupt
Prof. Dr. Johanna Possinger, Evang. Hochschule Ludwigsburg (‪+49 151 29 531 931‬j.possinger@eh-ludwigsburg.de )
Weitere Informationen finden Sie unter
Infografiken
Zusammenfassung Erkenntnisse

Permethrinhaltige Tierarzneimittel

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Permethrinhaltige Tierarzneimittel sind nicht für alle Vierbeiner geeignet

Zecken können bei einem Stich gefährliche Krankheitserreger auf Mensch und Tier übertragen. Wer sein Haustier vor Zecken, Flöhen und anderen Ektoparasiten schützen möchte, sollte auf die Wahl des richtigen Tierarzneimittels achten. Während der Wirkstoff Permethrin von Hunden in der Regel gut vertragen wird, kann er bei Katzen zu schweren Vergiftungserscheinungen bis hin zum Tod führen. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) informiert anlässlich des Tags des Haustiers am 11. April zum Umgang mit permethrinhaltigen Tierarzneimitteln.

„Katzen fehlt in der Leber das Enzym Glucuronyltransferase, um den Wirkstoff Permethrin im Körper abbauen zu können“, erklärt Prof. Dr. Gaby-Fleur Böl, Präsidentin des BVL. „Auch ein unbeabsichtigter Kontakt mit dem Wirkstoff sollte deshalb vermieden werden. Das Risiko besteht insbesondere, wenn Hunde und Katzen im selben Haushalt leben.“ Wachsamkeit sei ebenso bei der Anwendung permethrinhaltiger Insektenschutzmittel zur Imprägnierung von Kleidung oder anderen Textilien geboten. Das BVL rät deshalb dazu, vor der Anwendung eines Antiparasitikums stets die Gebrauchsinformation und die Warnhinweise zu lesen. Es stehen für Katzen zahlreiche sichere Tierarzneimittel für einen wirksamen Zeckenschutz zur Verfügung. Im Zweifelsfall sollte stets eine Tierärztin oder ein Tierarzt zu Rate gezogen werden.

Bei einer Permethrinvergiftung zeigen Katzen typischerweise Symptome wie Krämpfe, Lähmungserscheinungen, erhöhten Speichelfluss, Erbrechen, Durchfall und Atembeschwerden. Treten diese Anzeichen nach einem unbeabsichtigten Kontakt mit Permethrin auf, sollte das Tier umgehend in eine Tierarztpraxis gebracht werden. Hilfreich ist die Vorlage des Präparats oder der Packungsbeilage.

Wird versehentlich ein permethrinhaltiges Tierarzneimittel bei einer Katze angewendet, sollte die aufgetragene Lösung sofort mit Wasser und einem milden Shampoo abgewaschen werden. Vergiftungssymptome können je nach Art der Aufnahme wenige Minuten bis zu drei Tage nach Kontakt mit dem Wirkstoff auftreten. Je früher eine tierärztliche Behandlung erfolgt, desto größer sind die Überlebenschancen der Katze.

Tierhalter oder behandelnde Tierärztin bzw. Tierarzt sollten die aufgetretene Reaktion zusätzlich als unerwünschtes Ereignis an das BVL melden. Formulare und weitere Informationen stellt das BVL unter https://www.bvl.bund.de/uaw bereit.

Weiterführende Informationen

Flyer „Zecken, Flöhe, Läuse und Co. – Wie schütze ich mein Tier vor Ektoparasiten?“:

 https://www.bvl.bund.de/flyer_ektoparasiten

Meldung von unerwünschten Ereignissen an das BVL:
https://www.bvl.bund.de/uaw

Über das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Das BVL ist eine eigenständige Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH). Es ist für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, Tierarzneimitteln und gentechnisch veränderten Organismen in Deutschland zuständig. Im Bereich der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit übernimmt das BVL Managementaufgaben und koordiniert auf verschiedenen Ebenen die Zusammenarbeit zwischen dem Bund, den Bundesländern und der Europäischen Union.

Behandlung der Herzinsuffizienz

Forschende des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben einen zentralen genetischen Steuerungsmechanismus entdeckt, der bei Herzschwäche aus dem Gleichgewicht gerät. 

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Signal Transduction and Targeted Therapy“ veröffentlicht.

Bei einer Herzschwäche, auch Herzinsuffizienz genannt, kann das Herz den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen. Häufig entsteht die Erkrankung über Jahre hinweg, zum Beispiel durch Bluthochdruck oder andere dauerhafte Belastungen des Herzmuskels. Das Herz versucht zunächst, diese Mehrarbeit auszugleichen, indem es kräftiger arbeitet und sich infolge dessen vergrößert. Langfristig führt diese Anpassung jedoch zu strukturellen Veränderungen im Herzgewebe und die Pumpfunktion verschlechtert sich zunehmend. Bislang war weitgehend unklar, welche Prozesse im Herzmuskel dabei ablaufen und gezielt behandelt werden können.

Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Laura Zelarayán, Leiterin der Forschungsgruppe „Entwicklungspharmakologie“ am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), hat gemeinsam mit Dr. Eric Schoger, ehemaliger Postdoktorand, und Rosa Kim, Doktorandin, herausgefunden, dass das Eiweiß KLF15 eine wichtige Steuerungsfunktion im Herzmuskel übernimmt und bei Herzschwäche deutlich an Aktivität verliert. Gleichzeitig entwickelten die Forschenden einen Ansatz, diesen Mechanismus gezielt wieder zu aktivieren.

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Signal Transduction and Targeted Therapy“ aus dem Nature Portfolio veröffentlicht.

Originalpublikation:
Schoger E. et al. Enhancing KLF15 activity in cardiomyocytes: a novel approach to prevent pathological reprogramming and fibrosis via nuclease-deficient dCas9VPR. Signal Transduction and Targeted Therapy (2026). DOI: https://doi.org/10.1038/s41392-026-02593-9

Genetischer Schalter

Im gesunden Herzen arbeiten Herzmuskelzellen effizient: Sie produzieren Energie und ziehen sich rhythmisch zusammen, um Blut durch den Körper zu pumpen. Unter dauerhafter Belastung gerät dieses Gleichgewicht jedoch durcheinander. Bestimmte Gene werden anders reguliert als im gesunden Zustand. Gene, die für einen stabilen Energiestoffwechsel wichtig sind, werden weniger aktiv. Gleichzeitig werden Programme eingeschaltet, die sonst vor allem aus der frühen Entwicklungsphase des Herzens bekannt sind. Dieser Vorgang wird als „pathologische Reprogrammierung“ bezeichnet und trägt wesentlich zur Verschlechterung der Herzfunktion bei.

Die Göttinger Forschenden konnten zeigen, dass dabei ein wichtiger genetischer „Schalter“ eine zentrale Rolle spielt: der sogenannte Transkriptionsfaktor KLF15. Transkriptionsfaktoren sind Eiweiße, die im Zellkern bestimmen, welche Gene aktiv sind und welche nicht. Mit modernen Einzelzellanalysen fanden die Forschenden heraus, dass die Aktivität von KLF15 in erkrankten Herzmuskelzellen deutlich abnimmt. Dadurch geraten zentrale genetische Steuerungsprozesse aus dem Gleichgewicht.

Präziser Eingriff mit moderner Gentechnologie

Anstatt das fehlende Eiweiß künstlich zu ersetzen, wählte das Team einen anderen Ansatz: 

Mithilfe einer speziellen Variante der CRISPR-Technologie aktivierten sie gezielt das körpereigene KLF15-Gen in Herzmuskelzellen wieder stärker.

„Diese Methode, CRISPR-Aktivierung genannt, verändert das Erbgut nicht. Sie sorgt vielmehr dafür, dass ein natürlicher Gen-Schalter wieder angemessen eingeschaltet wird“, sagt Prof. Zelarayán, Letztautorin der Studie.

In einem Tiermodell, bei dem das Herz dauerhaft belastet war, zeigte sich eine deutliche Schutzwirkung. Tiere mit reaktiviertem KLF15 entwickelten eine weniger krankhafte Herzvergrößerung, ihre Pumpfunktion blieb stabiler und sie überlebten länger als unbehandelte Kontrolltiere. Der Ansatz zeigt, dass sich die Herzfunktion durch gezielte Aktivierung körpereigener Schutzmechanismen stabilisieren lässt.

Weniger Narbenbildung im Herzen

„Die Wirkung beschränkt sich dabei nicht nur auf die Herzmuskelzellen selbst. 

Auch Bindegewebszellen im Herzen, sogenannte Fibroblasten, reagieren positiv“, so Prof. Zelarayán. Fibroblasten sind maßgeblich an der Bildung von Narbengewebe beteiligt, das die Herzfunktion zusätzlich einschränkt. Durch die Reaktivierung von KLF15 wurde vermehrt ein schützendes Signalprotein namens AZGP1 gebildet. Dieses hemmt die Aktivierung der Fibroblasten und kann so die Entstehung von krankhaftem Narbengewebe im Herzen reduzieren.

Zusätzliche Untersuchungen an menschlichem Herzgewebe bestätigten die Bedeutung der Ergebnisse. In Proben von Patient*innen mit verschiedenen Formen der Herzmuskelerkrankung waren die Mengen des KLF15 deutlich vermindert. Die Studie zeigt damit erstmals, dass sich ein gestörter genetischer Steuerungsmechanismus im Herzen gezielt normalisieren lässt – mit positiven Auswirkungen auf Struktur und Funktion des Organs.

„Langfristig könnte dieser Ansatz neue Perspektiven für die Behandlung der Herzinsuffizienz eröffnen und sich auch auf weitere molekulare Zielstrukturen übertragen lassen, insbesondere bei Erkrankungen, die nicht auf einzelne Genveränderungen zurückgehen, sondern auf eine Fehlregulation ganzer genetischer Programme“, sagt Prof. Zelarayán.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Prof. Dr. Laura Zelarayán, Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Telefon 0551 / ‪39- 68186‬laura.zelarayan@med.uni-goettingen.de

Originalpublikation:
Schoger E. et al. Enhancing KLF15 activity in cardiomyocytes: a novel approach to prevent pathological reprogramming and fibrosis via nuclease-deficient dCas9VPR. Signal Transduction and Targeted Therapy (2026). DOI: https://doi.org/10.1038/s41392-026-02593-9

Eisenmangel und Knochenbrüche

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Eisenmangel ist ein globales Gesundheitsproblem, das allein in Europa jede vierte Frau im gebärfähigen Alter betrifft. Moderne intravenöse Eisentherapien können den Mangel zwar schnell und effektiv beheben, doch nun warnen Forschende der Medizinischen Universität Innsbruck vor den möglichen Langzeitfolgen eines dieser Präparate: Ihre internationale Beobachtungsstudie zeigt, dass die häufig eingesetzte Eisencarboxymaltose das Risiko für Knochenbrüche im Vergleich zu alternativen Wirkstoffen mehr als verdoppelt.

Eine gestörte Eisenaufnahme – etwa bei verschiedenen Darmerkrankungen –, ein erhöhter Eisenbedarf während des Wachstums oder in der Schwangerschaft sowie ein vermehrter Blutverlust, zum Beispiel durch starke Monatsblutungen, können zu Eisenmangel führen. Da orale Eisenpräparate oft mehrere Monate eingenommen werden müssen und häufig schlecht vertragen werden, kommen zunehmend Infusionspräparate wie Eisenderisomaltose oder Eisencarboxymaltose zum Einsatz.
„Eines dieser intravenösen Eisenpräparate, die Eisencarboxymaltose, hat jedoch eine bedeutsame Nebenwirkung: Bei 50 bis 75 Prozent der Patient:innen sinkt der Phosphatspiegel im Blut deutlich ab. Dies kann zu Muskelschwäche und Knochenerkrankungen führen“, weiß der Gastroenterologe und Hepatologe Heinz Zoller. Seit 2019 leitet er das „CD-Labor für Eisen- und Phosphatbiologie“ an der Medizin Uni Innsbruck, in dem der Zusammenhang von Eisenmangel, der Behandlung mit intravenösem Eisen und der bei bestimmten Präparaten daraus resultierenden unerwünschten Senkung des Phosphatspiegels erforscht wird.

„Ermüdungsbruch“ als Spätfolge
Zur Aufklärung dieses Mechanismus setzte das Team um Heinz Zoller und Sonja Wagner im CD-Labor verschiedene Methoden zur Analyse der Knochenentwicklung und Knochenstruktur ein. „Die Ergebnisse waren überraschend: Die Nebenwirkungen scheinen durch die besonders starke Anreicherung von Eisencarboxymaltose im Knochen bedingt zu sein, was dort zu einer verminderten Kollagenbildung führt. Darüber hinaus weisen molekulare Untersuchungen auf eine deutliche Verminderung der Knochenneubildung nach der Gabe von Eisencarboxymaltose hin“, beschreibt Sonja Wagner die weitreichenden Erkenntnisse. Die Symptome eines erniedrigten Phosphatspiegels im Blut sind unspezifisch und können sich als Schwäche, Erschöpfung oder verminderte Belastbarkeit äußern. Da diese Symptome auch denen eines Eisenmangels stark ähneln kann eine Hypophosphatämie und deren Folgen lange unbemerkt bleiben.

Präparatwahl entscheidet über Risiko
Um die klinische Bedeutung dieser beobachteten Veränderungen besser einordnen zu können, untersuchte das Team des CD-Labors gemeinsam mit Kolleg:innen der Medizin Uni Innsbruck und in Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik Schleswig-Holstein in Kiel, dem Ludwig Boltzmann Institut für Osteologie in Wien und der Cornell University in New York insgesamt mehr als 20.000 Patient:innen, die mit einem der genannten Eisenpräparate behandelt worden waren. Die, im anerkannten Fachjournal Blood veröffentlichte Beobachtungsstudie ergab, dass eine intravenöse Eisentherapie mit Eisencarboxymaltose im Vergleich zu einer Therapie mit Eisenderisomaltose mit einem mehr als doppelt so hohen Risiko für Knochenbrüche verbunden ist.
„Wir schließen daraus, dass mit der Gabe von Eisencarboxymaltose molekulare Veränderungen ausgelöst werden, die unabhängig vom Phosphatspiegel die Knochenstruktur schwächen und folglich einen niedrigen Phosphatspiegel verursachen können. Damit wäre abgesenktes Phosphat im Blut nicht allein Ursache der Knochenschädigung, sondern auch Ausdruck eines bereits laufenden Prozesses im Knochen selbst“, betont Studienleiter Heinz Zoller. Die Wahl des Eisenpräparats könnte damit nicht nur darüber entscheiden, wie rasch sich ein Eisenmangel behandeln lässt, sondern auch darüber, ob sich im Knochen eine Form biologischer Ermüdung entwickelt, die lange unbemerkt bleibt. Die Knochenbrüche treten typischerweise Wochen oder Monate nach der eigentlichen Eisen-Therapie auf.

Auch wenn die genauen biologischen Zusammenhänge beim Menschen weiterer Aufklärung bedürfen, unterstreichen die vorliegenden Daten das deutlich erhöhte Frakturrisiko in der klinischen Praxis.

Hintergrund CD-Labors
In Christian Doppler Labors wird anwendungsorientierte Grundlagenforschung auf hohem Niveau betrieben, hervorragende Wissenschafter:innen kooperieren dazu mit innovativen Unternehmen. Christian Doppler Labors werden von der öffentlichen Hand und den beteiligten Unternehmen gemeinsam finanziert.

Originalpublikation:
https://doi.org/10.1182/blood.2025031806

Entspannungsübungen

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Wie wirkt sich Zucker auf Entspannungsübungen aus? Eine neue Studie von Forschenden der Universität Konstanz bringt aufschlussreiche Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen dem Blutzucker und dem autonomen Nervensystem. Die Einnahme von Zucker wirkt demnach der Entspannung entgegen.

Der Traubenzucker vor der Klassenarbeit, das Stück Schokolade vor einer wichtigen Verhandlung, der Müsliriegel vor dem Marathon. Dass Zucker ein wichtiger Faktor in der Bewältigung von Stresssituationen ist, gilt mittlerweile als gut erforscht. Bei Zufuhr von Zucker reagiert der Körper stärker auf Stress, indem er mehr Cortisol ausschüttet und auch die Herzrate länger erhöht bleibt. In akuten Gefahrensituationen steht so mehr Energie zur Verfügung. Die negativen langfristigen Folgen davon sind ebenfalls gut bekannt: ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Bislang weniger erforscht war, wie sich die Einnahme von Zucker auf Entspannung auswirkt. Dem gingen die Forscher*innen aus der Arbeitsgruppe von Jens Pruessner, Professor für Neuropsychologie an der Universität Konstanz, in einer Studie nach, die das International Journal of Psychophysiology nun veröffentlicht. „Entspannungsübungen wirken nicht so gut bei vollem Magen“, fasst Jens Pruessner die Studienergebnisse zusammen.

Die Konstanzer Arbeitsgruppe will verstehen, wie die körperlichen Energiesysteme an Entspannung beteiligt sind und wie sich einzelne stoffwechselbezogene Faktoren darauf auswirken – zum Beispiel der Blutzuckerspiegel. Das autonome Nervensystem, zu dem Sympathikus und Parasympathikus gehören, steuert verschiedene Prozesse in unserem Organismus, wie etwa die Herzfrequenz oder die Atmung. „Unser Herz hat einen internen Taktgeber, der bestimmt, wie schnell es schlägt. Dabei wirkt der Sympathikus in Stressmomenten stimulierend und aktivierend, während der Parasympathikus als sogenannte vagale Bremse den Herzschlag verlangsamt“, erklärt Maria Meier, Erstautorin der Studie und Postdoc in der Arbeitsgruppe von Jens Pruessner.

Süße Entspannung?

An der Studie nahmen 94 gesunde Erwachsene teil. Nüchtern im Labor angekommen trank ein Teil von ihnen ein zuckerhaltiges Getränk, ein anderer Teil Wasser. Die eine Hälfte bekam anschließend eine entspannende Massage, während sich die andere Hälfte ohne direkte Intervention ausruhte. Dabei wurde fortwährend die Herzaktivität gemessen. Später berechneten die Autor*innen die Herzratenvariabilität, ein Maß für die Aktivität des Parasympathikus. Außerdem ermittelten sie rechnerisch die sogenannte Präejektionsperiode, die als Maß für die Aktivität des Sympathikus gilt.

Welche Wirkung von Zucker ließ sich bei dem Versuch feststellen? Sämtliche Probanden gaben an, dass sie die Massage bzw. die Ruhephase als entspannend empfunden hatten. Dies bestätigte auch die Messung der Herzaktivität: Die Entspannungstechniken aktivierten den Parasympathikus, ob nun zuvor Zucker eingenommen worden war oder nicht. Für tiefere Erholung sorgte dabei die Massage im Vergleich zum bloßen Ausruhen, was die Forscher*innen bereits in früheren Studien gezeigt hatten.

Gleichzeitig aktivierte sich nach Zuckereinnahme der Sympathikus. „Das bedeutet: Obwohl sich die Probanden subjektiv entspannt fühlten, fuhr der Sympathikus nicht herunter, sondern hielt den Körper in einem höheren Erregungszustand. Wir schließen daher aus unseren Testergebnissen, dass Zucker die Entspannungsfähigkeit des Körpers beeinträchtigt“, sagt Neuropsychologin Meier.

Also keine Limo, kein Eis vor der Massage? „Etwas Süßes zu naschen wird ja häufig mit entspannenden Situationen in Verbindung gebracht – ein Schokoriegel oder ein Eis zum Kinofilm, ein Stück Torte am Wochenende in gemütlicher Familienrunde. Tatsächlich scheint aber die Fähigkeit, sich zu entspannen, durch die konstante Sympathikusaktivierung nach Zuckergabe eingeschränkt – wenn also bewusst entspannt werden soll, z.B. durch eine Meditationsübung oder progressive Muskelrelaxation, sollte auf die Einnahme eines explizit zuckerhaltigen Nahrungsmittels vorher verzichtet werden“, erklärt Jens Pruessner.

Für die Forschung ergibt sich eine weitere Schlussfolgerung aus der Studie: „Um valide Aussagen treffen zu können, dürfen wir nicht nur ein System – also das sympathische oder das parasympathische – isoliert betrachten, weil man sonst Effekte übersieht“, betont Maria Meier. „Hätten wir nur den Parasympathikus untersucht, wäre uns der wichtige Effekt auf den Sympathikus verborgen geblieben.“

Faktenübersicht:

- Originalstudie: “The effect of glucose on cardiac reactivity to a standardized massage in healthy adults” erschienen als Open Access Artikel im International Journal of Psychophysiology: DOI: 10.1016/j.ijpsycho.2026.113367

- Die Studie zeigt, dass die Einnahme von Zucker die subjektive und parasympathische Reaktion auf Entspannungsinterventionen nicht beeinflusst. Jedoch blieb bei höherem Blutzuckerspiegel der Sympathikus während der Entspannung auf ähnlichem Niveau wie zuvor aktiv.

An der Studie beteiligt waren:
- Psychologin Maria Meier, Erstautorin der Studie und Postdoc in der AG Neuropsychologie an der Universität Konstanz
- Jens C. Pruessner, Professor für Neuropsychologie an der Universität Konstanz
- Stephanie J. Ashcraft, Universität Konstanz und University of Montana
- Eva Unternaehrer, Universität Basel
- Weitere Forscherinnen der AG von Jens Pruessner an der Universität Konstanz: Bernadette F. Denk, Raphaela J. Gaertner, Elea S. C. Klink, Stella Wienhold und Nina Volkmer

Die Forscher*innen fanden heraus, wie Glukose die Reaktion des Herzens auf Entspannung beeinflusst.

Herz-Kreislauf-Stillstände

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Herz-Kreislauf-Stillstände werden häufig mit Notfällen außerhalb des Krankenhauses in Verbindung gebracht. Doch auch innerhalb von Kliniken stellen sie eine besondere Herausforderung dar. Im Rahmen der Bad Boller Reanimations- und Notfallgespräche 2026 haben Fachleute den Blick erstmals auf diesen sensiblen Bereich gelenkt – und klares Verbesserungspotenzial erkannt.

Nach aktuellen Hochrechnungen des Deutschen Reanimationsregisters, die im Rahmen der Gespräche vorgestellt wurden, kommt es jährlich zu rund 28.000 bis 38.000 Herz-Kreislauf-Stillständen im Krankenhaus. Gemeint sind dabei vor allem Ereignisse außerhalb hochüberwachter Bereiche wie Operationssaal oder Intensivstation. Besonders häufig treten sie auf Normalstationen oder in öffentlich zugänglichen Bereichen auf – also dort, wo Patientinnen und Patienten nicht kontinuierlich überwacht werden.

Trotz schneller Erstmaßnahmen sind die Prognosen oft ungünstig: In rund 91 Prozent der Fälle wird unmittelbar mit Reanimationsmaßnahmen begonnen. Dennoch überleben nur etwa 20 Prozent der Betroffenen. Das entspricht bis zu 30.000 Todesfällen pro Jahr. Gleichzeitig zeigen die Daten deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Kliniken, etwa bei der Wiederherstellung des spontanen Kreislaufs (ROSC), die zwischen 31 und 73 Prozent variieren kann.

Ausgangssituation im Krankenhaus ist besonders

Vor diesem Hintergrund standen die Bad Boller Reanimations- und Notfallgespräche 2026 erstmals im Zeichen der innerklinischen Reanimation. Zu der jährlichen Expertenrunde laden die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e. V. (DGAI), der Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten e. V. (BDA) sowie das Deutsche Reanimationsregister ein. „Die Stärke der Gespräche in Bad Boll liegt darin, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Gute Lösungen entstehen nur, wenn alle Beteiligten gemeinsam auf das Problem schauen“, sagt DGAI-Präsident Prof. Dr. Gernot Marx. „Aus Bad Boll sind bereits wichtige Impulse für die außerklinische Reanimationsversorgung hervorgegangen“, ergänzt Prof. Dr. Grietje Beck, Präsidentin des BDA. „Daran knüpfen wir nun auch für die innerklinische Versorgung an.“

Dabei wurde deutlich, dass die Ausgangssituation im Krankenhaus eine besondere ist: „Wir dürfen nicht vergessen, dass hier viele Patientinnen und Patienten behandelt werden, deren Gesundheitszustand bereits kritisch ist“, erklärt Prof. Dr. Matthias Fischer, der die Daten für das Reanimationsregister ausgewertet hat. „Ein Teil der Herz-Kreislauf-Stillstände lässt sich deshalb trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nicht vermeiden.“

Gleichzeitig sieht er in den Zahlen einen klaren Handlungsauftrag: „Sie zeigen, dass wir die innerklinische Versorgung in diesen hochkritischen Situationen weiter verbessern müssen. Genau das fordern auch die aktuellen internationalen Reanimationsleitlinien – und es lohnt sich auch für die Kliniken, denn eine frühzeitige Stabilisierung kann aufwendige Intensivbehandlungen vermeiden.“

Ziel der Bad Boller Expertenrunde war daher herauszufinden, an welchen Stellschrauben gedreht werden müsse, um vermeidbare Herz-Kreislauf-Stillstände zu verhindern – und um diejenigen, die sich nicht vermeiden lassen, möglichst optimal zu versorgen.

Flächendeckende Daten machen Versorgungsqualität vergleichbar

Dabei sind zentrale Maßnahmen längst bekannt. Frühwarnsysteme, klar strukturierte Notfallteams, regelmäßiges Training und eine systematische Datennutzung können die Versorgung nachweislich verbessern – und Herz-Kreislauf-Stillstände im Krankenhaus teilweise verhindern. Ein Blick ins Ausland zeigt das Potenzial: In Schweden werden Daten zur innerklinischen Reanimation systematisch genutzt, um flächendeckend in allen Kliniken regelmäßig Rückmeldung zu geben und Versorgungsqualität vergleichbar zu machen. In Deutschland nehmen lediglich 20 Prozent der Kliniken am Deutschen Reanimationsregister teil.

„Wir wissen heute sehr genau, an welchen Stellen wir ansetzen können und haben auch in Deutschland Kliniken, die diesen Weg schon gegangen sind und von deren Beispielen wir lernen können“, erklärt Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Sprecher des Organisationskomitees des Deutschen Reanimationsregisters. Entscheidend sei, diese Maßnahmen flächendeckend und konsequent umzusetzen.

Aus Sicht der Expertinnen und Experten gibt es mehrere Ansatzpunkte, die teilweise kurzfristig umsetzbar sind und mit denen sie sich direkt an die Kliniken wenden.

Diese sind:

• Früherkennung kritischer Zustände durch standardisierte Frühwarnsysteme (Early Warning Score Systeme), um Herz-Kreislauf-Stillstände möglichst zu vermeiden
• niedrigschwellige Alarmierungswege, etwa einheitliche Notfallrufnummern innerhalb von Kliniken (z. B. 2222, die international bekannt ist, in Deutschland aber nur vereinzelt genutzt wird)
• strukturierte Notfallteams (Medical Emergency Teams), die frühzeitig hinzugezogen werden
• regelmäßiges Training (BLS/ALS) für alle beteiligten Berufsgruppen als Grundlage für eine sichere Erstversorgung
• konsequente Nutzung von Register- und Routinedaten, um Qualität transparent zu machen und gezielt zu verbessern
• klare Festlegung und Dokumentation des Patientenwillens (Advanced Care Planning), um zu klären, ob und in welchem Umfang Reanimationsmaßnahmen gewünscht sind

„Viele dieser Maßnahmen sind bekannt und erprobt. Es geht jetzt darum, sie flächendeckend umzusetzen und stärker in den klinischen Alltag zu integrieren“, erklärt Prof. Dr. Gräsner. „Genau hier setzen wir mit der innerklinischen Resuscitation Academy Deutschland (iRAD) an“, so Gräsner, der auch Programmdirektor der iRAD ist.

Weltweit erstmals wurde ein strukturiertes Programm für Krankenhäuser entwickelt, das zentrale Maßnahmen zur Verbesserung der Reanimationsversorgung systematisch in den Klinikalltag überträgt. Auf Basis internationaler Empfehlungen unterstützt es unter dem Dach der DGAI Kliniken dabei, Strukturen, Abläufe und Trainingskonzepte gezielt weiterzuentwickeln und nachhaltig zu verankern. Zum Start im April dieses Jahres beteiligen sich zwölf Kliniken an dem zweijährigen Programm.

Lebensbedrohlichen peripartalen Herzschwäche (PPCM)

MHH-Forschende haben den Signalweg entschlüsselt, der die Fortbewegung der Mitochondrien in den Zellen während der Herzentwicklung steuert.

Unser Herz schlägt etwa ‪100.000‬-mal am Tag – und das ein Leben lang. Die Energie für diese Leistung zieht es aus den Mitochondrien. Als „Kraftwerke der Zellen“ produzieren sie 95 Prozent des Adenosintriphosphats (ATP), der wichtigsten Energiewährung im Körper. 

Sind die Mitochondrien beeinträchtigt und können nicht richtig arbeiten, fehlt den Herzmuskelzellen die Kraft, um genügend Blut, Sauerstoff und Nährstoffe in den Körper zu pumpen. Aufgrund seines hohen Energiebedarfs besitzt das Herz die höchste Mitochondriendichte aller Organe, etwa ein Drittel des Zellvolumens. Während der Herzentwicklung wandern die Mitochondrien zu den sogenannten Sarkomeren. Diese kleinsten Bauteile der Muskelzelle ermöglichen Anspannung und benötigen hierfür Energie.

Wie die Mitochondrien den Weg zu den Sarkomeren finden, haben Forschende um Privatdozent (PD) Dr. Christian Riehle, Leiter der Arbeitsgruppe Myokardiale Energetik an der Klinik für Kardiologie und Angiologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), und Klinikdirektor Prof. Dr. Johann Bauersachs jetzt herausgefunden. 

Sie haben nachgewiesen, dass die Fortbewegung der Mitochondrien innerhalb der Herzmuskelzellen durch sogenannte RHOT-Proteine gesteuert wird. 

Dieser Vorgang spielt eine Schlüsselrolle, wenn das Herz wächst und besonders belastet ist. 

Das geschieht möglicherweise ebenso beim Leistungssport, aber auch bei krankheitsbedingten Umbauvorgängen im Herzmuskel, etwa nach einem Herzinfarkt. 

Daher sind RHOT-Proteine ein vielversprechender neuer Ansatz für die Behandlung einer Herzschwäche. Die Ergebnisse der Studie sind in der Fachzeitschrift „Circulation Research“ veröffentlicht worden.

Ohne RHOT kann sich das Herz nicht entwickeln

Auf die Proteine ist das Wissenschaftsteam über eine bioinformatische Genanalyse gestoßen. „Wir haben gesehen, dass sehr viel RHOT1 und RHOT2 im Herzen gebildet wird“, sagt PD Dr. Riehle. Die Funktion der Proteine war im Herzen bis dahin weitestgehend unbekannt. „Ihre große Menge war für uns jedoch ein klarer Hinweis, dass sie für einen Schlüsselmechanismus verantwortlich sein müssen.“ Den biologischen Signalweg haben die Forschenden dann im Mausmodell untersucht. „Wir haben die beiden Proteine RHOT1 und RHOT2 in den Herzmuskelzellen während der Embryonalentwicklung ausgeschaltet“, erklärt Dr. Natali Froese, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe und Erstautorin der Studie. „In der Folge sind die Mitochondrien nicht zu den Sarkomeren gewandert, sondern haben sich um den Zellkern herum zusammengeklumpt.“ Weil die Mitochondrien sich nun nicht mehr mit den Muskelfaserproteinen verbinden konnten, fehlte den Sarkomeren die Energie für ihre Weiterentwicklung und es kam zu Herzschwäche mit Herzversagen.

Auch bei gesteigerter Arbeitslast wichtig

Auch in erwachsenen Mäusen schalteten die Forschenden RHOT1 und RHOT2 aus. Hier hatte der Ausfall der molekularen Schalter jedoch nicht dieselbe tödliche Auswirkung. Obwohl die Beweglichkeit der Mitochondrien ebenso eingeschränkt war, blieb die ATP-Produktion an den Sarkomeren erhalten. „Das bedeutet, dass die Mitochondrien in reifen Herzmuskelzellen bereits am Ort ihrer Bestimmung sind“, erklärt PD Dr. Riehle. Die Wanderung hin zu den Sarkomeren findet also schon während der Embryonalentwicklung statt. Die zweite Erkenntnis aus der Studie lautet: Die RHOT-Proteine spielen möglicherweise auch eine wichtige Rolle bei gesteigerter Arbeitslast des Herzens – etwa nach einem Herzinfarkt, wenn das abgestorbene Herzmuskelgewebe durch funktionsloses Bindegewebe ersetzt wird und die verbleibenden Herzmuskelzellen den Ausfall ausgleichen müssen. 

„In diesem Zusammenhang stellen RHOT-Proteine einen attraktiven therapeutischen Ansatzpunkt dar“, erklärt PD Dr. Riehle. Eine Möglichkeit wäre, die Aktivität der RHOT-Proteine zu steigern, damit der Herzmuskelzelle mehr Energie zur Verfügung steht. Denkbar sei hierbei ein gentherapeutischer Ansatz.

Möglicher Therapieansatz bei PPCM

Eine höhere Belastung der Herzmuskelzellen entsteht auch während der Schwangerschaft. Der Herzmuskel vergrößert sich dann um bis zu 30 Prozent. 

Das ist völlig normal, kann aber in Ausnahmefällen zu einer lebensbedrohlichen peripartalen Herzschwäche (PPCM) führen. 

Diese Erkrankung kann bei zuvor herzgesunden Frauen wenige Wochen vor oder nach der Geburt eines Kindes auftreten und binnen kurzer Zeit zu schwerem Herzversagen und sogar zum Tode führen

 „Unsere Klinik ist das europaweit führende PPCM-Zentrum mit einer Spezialambulanz, die Patientinnen in einem multiprofessionellen Team betreut“, betont Professor Bauersachs. 

Die Erkrankung wird in der Klinik nicht nur behandelt, sondern ist auch einer ihrer Forschungsschwerpunkte. „Die RHOT-Proteine könnten auch hier einen Therapieansatz bieten, um die Herzmuskelzellen von Schwangeren zu entlasten und das Herz schützen“, hofft der Klinikdirektor.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Privatdozent Dr. Christian Riehle, 

riehle.christian@mh-hannover.de

Originalpublikation:
Die Originalarbeit „RHOT Proteins Link Mitochondrial Motility to Cardiomyocyte Sarcomere Maturation“ finden Sie unter: https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/CIRCRESAHA.125.327297