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https://adiposetissue.org/

Die neue Plattform Adiposetissue.org erleichtert die Forschung zu Adipositas und Stoffwechselerkrankungen, indem sie den Zugang zu Daten über Fettgewebe zentralisiert und vereinfacht. 

Entwickelt von Wissenschaftler:innen von Helmholtz Munich, des Karolinska Instituts und des Steno Diabetes Center Copenhagen, vereint das benutzerfreundliche Portal molekulare und klinische Daten von mehr als 6.000 Personen – und eröffnet so neue Möglichkeiten für wissenschaftliche Entdeckungen.

Die Herausforderung verstreuter Daten meistern::


Die Forschung zum Fettgewebe hat über Jahre hinweg enorme Mengen an Omics-Daten gesammelt. Doch da diese über verschiedene Repositorien verteilt sind, war eine ganzheitliche Analyse bislang schwierig. Adiposetissue.org ändert das: Die Plattform bündelt Transkriptom- und Proteom-Daten sowie klinische Informationen von mehr als 6.000 Personen. So können Forschende erstmals mit beispielloser Detailtiefe untersuchen, wie sich Adipositas auswirkt, welche Effekte Gewichtsverlust hat und welche zellulären Mechanismen dabei eine Rolle spielen.

„Wir haben dieses Wissensportal entwickelt, um Daten zum Fettgewebe für alle zugänglich zu machen – auch für Menschen ohne bioinformatische Vorkenntnisse“, sagt Dr. Lucas Massier, Wissenschaftler am Helmholtz-Institut für Stoffwechsel-, Adipositas- und Gefäßforschung (HI-MAG), einem Institut von Helmholtz Munich an der Universität Leipzig und dem Universitätsklinikum Leipzig.

Ein zentraler Beitrag zu diesem Projekt stammt von den Nachwuchswissenschaftler:innen Jiawei Zhong und Dr. Danae Zareifi vom Karolinska Institutet. „Damit Daten aus verschiedenen Quellen vergleichbar sind, haben wir die Terminologie vereinheitlicht. Da nur wenige Proteom-Daten verfügbar waren, haben wir zudem neue Proteinprofil-Datensätze erstellt – und so die Fähigkeit des Portals verbessert, Erkenntnisse zur Genaktivität zu überprüfen“, erklären Jiawei Zhong und Dr. Danae Zareifi.

„Adiposetissue.org baut Barrieren beim Datenzugang ab und ermöglicht groß angelegte Analysen – damit ist es eine wertvolle Ressource für Forschende, die die Biologie des Fettgewebes und metabolische Erkrankungen untersuchen“, sagt Prof. Mikael Rydén, Leiter der Endokrinologie-Einheit und gemeinsam mit Assoc. Prof. Niklas Mejhert Co-Leiter des Rydén & Mejhert Labors am Karolinska Institutet und am Steno Diabetes Center Copenhagen. „Dieses Projekt war eine große gemeinschaftliche Leistung, und wir werden das Portal mit zukünftigen Updates weiterentwickeln und um neue Forschungsergebnisse erweitern.“

Hauptmerkmale von Adiposetissue.org:::


• Umfassende Datenintegration: Die Plattform vereint harmonisierte Datensätze aus 67 Studien und gewährleistet maximale Konsistenz sowie statistische Belastbarkeit.
• Intuitive Benutzerführung: Sie wurde sowohl für erfahrene Bioinformatiker:innen als auch für Forschende ohne tiefgehende Programmierkenntnisse entwickelt.
• Leistungsstarke Analysetools: Nutzer profitieren von flexiblen Modulen zur Genanalyse, Einzelzell- und räumlichen Transkriptomik sowie für Perturbationsstudien.
• Dynamische Weiterentwicklung: Künftige Erweiterungen integrieren Daten zu braunem Fettgewebe, zusätzlichen klinischen Kohorten und interspezifischen Vergleichen.

Über die Forschenden
Dr. Lucas Massier, Nachwuchsgruppenleiter am Helmholtz-Institut für Stoffwechsel-, Adipositas- und Gefäßforschung (kurz: H-MAG) – einem Helmholtz Munich-Institut an der Universität Leipzig und dem Universitätsklinikum Leipzig, Wissenschaftler am Karolinska Institut
Prof. Mikael Rydén, Leiter der Abteilung für Endokrinologie an der Medizinischen Fakultät (H7) des Karolinska Institut, Oberarzt am Karolinska Universitätskrankenhaus und Forscher am Steno Diabetes Center Kopenhagen
Assoc. Prof. Niklas Mejhert, Abteilung für Endokrinologie an der Medizinischen Fakultät (H7) des Karolinska Institut und Forscher am Steno Diabetes Center Kopenhagen
Jiawei Zhong, Doktorand, Abteilung für Medizin (H7) am Karolinska Institut
Dr. Danae Zareifi, Postdoktorandin, Abteilung für Medizin (H7) am Karolinska Institut

Über Helmholtz Munich
Helmholtz Munich ist ein biomedizinisches Spitzenforschungszentrum. Seine Mission ist, bahnbrechende Lösungen für eine gesündere Gesellschaft in einer sich schnell verändernden Welt zu entwickeln. Interdisziplinäre Forschungsteams fokussieren sich auf umweltbedingte Krankheiten, insbesondere die Therapie und die Prävention von Diabetes, Adipositas, Allergien und chronischen Lungenerkrankungen. Mittels künstlicher Intelligenz und Bioengineering transferieren die Forschenden ihre Erkenntnisse schneller zu den Patient:innen. Helmholtz Munich zählt rund 2.500 Mitarbeitende und hat seinen Sitz in München/Neuherberg. Es ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, mit mehr als 43.000 Mitarbeitenden und 18 Forschungszentren die größte Wissenschaftsorganisation in Deutschland. Mehr über Helmholtz Munich (Helmholtz Zentrum München Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt GmbH): www.helmholtz-munich.de

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Dr. Lucas Massier
E-Mail: lucas.massier@helmholtz-munich.de

Originalpublikation:
Zhong et al., 2025: Adiposetissue.org: a Knowledge Portal Integrating Clinical and Experimental Data from Human Adipose Tissue. Cell Metabolism. DOI: 10.1016/j.cmet.2025.01.012
https://www.cell.com/cell-metabolism/abstract/S1550-4131(25)00012-9
Weitere Informationen finden Sie unter
https://adiposetissue.org/

Herzinfarkt

Ein neuer Therapieansatz könnte Millionen Patienten helfen, die Spätfolgen eines Herzinfarkts – die überschüssige Bildung von Narbengewebe – zu verhindern. Philip Wenzel und Wolfram Ruf von der Universitätsmedizin Mainz und vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) haben dafür ein Patent erhalten. Hintergrund ist, dass Herzinfarkte oft zu spät erkannt werden – mit fatalen Folgen: 

Das verschlossene Gefäß kann nicht rechtzeitig eröffnet werden, und Herzgewebe stirbt ab. Gelangt die neue Therapie in die Klinik, könnte sie diese Schäden künftig begrenzen.

Bei einem Herzinfarkt verschließt sich ein Blutgefäß, das das Herz mit Sauerstoff versorgt. Wird die Blockade nicht schnell genug gelöst – etwa, weil der Infarkt unbemerkt bleibt oder die Behandlung zu spät erfolgt – stirbt das unterversorgte Herzgewebe ab. Nach dem Infarkt versucht der Körper, das geschädigte Gewebe abzubauen und zu ersetzen, was mit entzündlichen Prozessen einhergeht.

„Die Entzündung nach einem Herzinfarkt ist für das Entfernen von abgestorbenem Gewebe notwendig. 


Aber wenn sie zu stark ausfällt, kann das Herz weiter geschädigt werden“, sagt Univ.-Prof. Dr. Philip Wenzel von der Universitätsmedizin Mainz. 


Eine zu starke Entzündung greift also auch gesundes Gewebe an und führt zu einer übermäßigen Narbenbildung. 


Dadurch verliert das Herz an Elastizität und Pumpkraft.

Frauen besonders gefährdet – weil ihre Symptome oft verkannt werden

Frauen werden besonders häufig zu spät behandelt, da ihre Symptome nicht der klassischen Vorstellung eines Herzinfarkts entsprechen. 


Während Männer oft über den typischen Brustschmerz mit Ausstrahlung in den linken Arm klagen, haben Frauen häufiger unspezifische Beschwerden wie Übelkeit, Schweißausbrüche, Atemnot oder Rückenschmerzen.

„Es ist absurd, dass diese Beschwerden als ‚atypisch‘ gelten. 


Frauen sind keine Ausnahme – sie machen die Hälfte der Bevölkerung aus. 


Weil ihre Symptome nicht ausreichend bekannt sind, bleiben viele Herzinfarkte unentdeckt“, so Wenzel. 

Wird ein Infarkt zu spät erkannt, bleibt dann oft keine Zeit mehr für eine Reperfusionstherapie, also die Wiedereröffnung des Gefäßes mit einem Ballonkatheter.

Gerade für diese Patientengruppe könnte die neue Therapie eine wertvolle Alternative sein, um Folgeschäden zu verringern.

Die Lösung: Eine gezielte Blockade des schädlichen Signalwegs

Wenzel und sein Team haben herausgefunden, dass der sogenannte TF-PAR2-Signalweg eine Schlüsselrolle in dieser schädlichen Entzündungsreaktion spielt. 


Der Gewebefaktor (Tissue Factor, TF) und der Protease-aktivierte Rezeptor 2 (PAR2) tragen dazu bei, dass bestimmte Immunzellen übermäßig aktiviert werden, was zu vermehrter Fibrose und somit zu einer weiteren Verschlechterung der Herzfunktion führt. Greift man hier präzise und gezielt ein, lässt sich die anhaltende Gerinnung und Entzündung verringern – zwei Faktoren, die besonders bei Herzinfarktpatienten ohne Reperfusion eine entscheidende Rolle spielen.

Wenzels Entdeckung beschreibt eine neue Methode, diesen schädlichen Mechanismus gezielt zu blockieren. Dies kann durch spezielle Medikamente geschehen, darunter Blutgerinnungshemmer (Antikoagulanzien), die diesen Prozess stören, und monoklonale Antikörper, die den Signalweg unterbinden und ihn abschalten. Darauf wurde nun das Europäische Patent EP4247408 erteilt.

Der wissenschaftliche Beweis: Tierstudien zeigen Erfolg

In Versuchen mit Mäusen zeigte sich, dass Tiere, die mit der neuen Methode behandelt wurden, weniger Fibrose im Herzen entwickelten, eine bessere Herzfunktion behielten und eine höhere Überlebensrate hatten. „Wird dieser Mechanismus blockiert, fällt das Remodeling weniger drastisch aus. Die linke Herzkammer weitet sich nicht so stark, und die Pumpfunktion des Herzens verbessert sich deutlich“, so Wenzel.

Behandelte Mäuse hatten nach einem schweren Herzinfarkt eine um 50 Prozent geringere Narbenbildung und ihre Herzleistung verbessere sich deutlich. Die Mäuse in der behandelten Gruppe haben alle überlebt, wohingegen 40 Prozent der Tiere in der Kontrollgruppe verstarben.

Ein neuer Biomarker für die Früherkennung

Zusätzlich zum Therapieansatz beschreibt das Patent eine neue Methode, um Patienten mit einem besonders hohen Risiko für Herzinsuffizienz frühzeitig zu identifizieren. Dafür werden zwei Biomarker im Blut untersucht: ein spezielles Eiweiß in Immunzellen, das auf eine übermäßige Entzündungsreaktion hinweist, sowie der Entzündungsfaktor TGF-β1, der mit der Entstehung von Fibrose in Verbindung steht. Wenzel sagt: 


„Mit diesen Biomarkern können wir frühzeitig sehen, welche Patienten ein höheres Risiko für eine schwere Herzschwäche haben – und sie gezielt behandeln.“

Erfinder wünscht sich Weiterentwicklung durch Unternehmen

Damit die Therapie in die klinische Anwendung gelangt, sind nun weitere Schritte erforderlich. „Wir haben jetzt das Patent, aber damit es tatsächlich in die Klinik kommt, muss ein Unternehmen in die Weiterentwicklung einsteigen; das erarbeiten wir uns aktuell in unserem Clusters4Future-Antrag curATime. Die Produktion, die Durchführung von klinischen Studien und letztlich auch die Zulassung – das ist für eine akademische Gruppe allein nicht machbar.“ Gelingt dies, könnte die Therapie in Zukunft eine wichtige Ergänzung zur Behandlung von Herzinfarktpatienten werden.

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Professor Philip Wenzel, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Zentrum für Kardiologie - Kardiologie I, wenzelp@uni-mainz.de

Schwangerschaften

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) weist auf Nebenwirkungen und Risiken von GLP-1-Analoga wie Semaglutid hin, die bei Typ-2-Diabetes und zur Gewichtsreduktion bei Adipositas eingesetzt werden. 

Die Wirkstoffe können die Fruchtbarkeit steigern, was ungeplante Schwangerschaften begünstigt, aber auch Frauen mit PCOS und Kinderwunsch bessere Chancen auf eine Mutterschaft bietet. 

Da jedoch Risiken für die Schwangerschaft bestehen könnten, ist eine sorgfältige ärztliche Beratung essenziell. 

Die DDG ruft Behandelnde auf, Patientinnen ausführlich über die Nebenwirkungen und potenziellen Gefahren aufzuklären, um informierte Entscheidungen zu ermöglichen.


Ungeplante Schwangerschaften – Pille kann unwirksam Werden::


Medikamente wie GLP-1 Analoga und GIP/GLP-1 Doppelagonisten – ursprünglich für die Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt – gewinnen zunehmend an Bedeutung bei der Therapie von Adipositas. 


„Viele stark übergewichtige Frauen unterschätzen die Auswirkungen der Therapie mit GLP-1 Analoga auf ihren Zyklus: Bereits eine Gewichtsreduktion von 5 bis 10 Prozent kann den Eisprung normalisieren“, warnt Professor Dr. med. Ute Schäfer-Graf, Mitglied der AG Diabetes und Schwangerschaft der DDG und Oberärztin am Berliner Diabeteszentrum für Schwangere des St. Joseph Krankenhauses. 


Für Frauen ohne Kinderwunsch sei daher eine sichere Verhütung besonders wichtig, so Schäfer-Graf. 


In der aktuellen DDG Stellungnahme weist die Diabetologin aber auch darauf hin, dass die Einnahme von GLP-1 Analoga die Wirksamkeit oraler Kontrazeptiva wie der Pille beeinträchtigen kann – etwa durch Nebenwirkungen wie Erbrechen oder verzögerte Magenentleerung.


 „Deshalb sollten alternative Verhütungsmethoden während der Therapie in Betracht gezogen werden“, gibt Schäfer-Graf zu Bedenken.

GLP-1 Analoga: Hoffnung für Frauen mit PCOS und Kinderwunsch::


Durch die Verbesserung der Insulinempfindlichkeit und die Stabilisierung des Hormonhaushalts steigern GLP1-Analoga die Chance auf eine Schwangerschaft und sind in klinischen Studien sogar effektiver als das Goldstandard-Medikament Metformin.


 Untersuchungen zeigen, dass diese Wirkstoffe besonders Frauen mit Diabetes und einem polyzystischem Ovarialsyndrom (PCOS) helfen können, Gewicht zu reduzieren und ihre Fruchtbarkeit zu verbessern. 


„GLP-1 Analoga bieten eine vielversprechende Option für diese Patientinnen, die oft unter einem unerfüllten Kinderwunsch leiden“, erklärt Schäfer-Graf. Die Diabetologin warnt jedoch davor, die Medikamente in Eigenregie als „Fruchtbarkeits-Booster“ zu verwenden.

GLP-1 Analoga und Tirzepatid nicht während der Schwangerschaft einnehmen::


Denn für Frauen, die während der Therapie mit diesen Antidiabetika schwanger werden, ist Vorsicht geboten: 


Obwohl erste Untersuchungen an Schwangeren keine direkten Fehlbildungen durch GLP-1 Analoga zeigen, gibt es Hinweise aus Tierstudien auf potenzielle Risiken wie Wachstumsstörungen und eine unzureichende Nährstoffversorgung des Fötus.


 „GLP-1 Analoga sollten daher mindestens zwei Monate vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden, bei langwirkenden Präparaten wie Depot-Exenatid sogar drei Monate vorher“, rät Schäfer-Graf. 


Einzelne Berichte zeigen, dass manche Frauen das Medikament während der Schwangerschaft fortsetzen, um die gefürchtete Gewichtszunahme durch ein Absetzen des Medikaments zu verhindern – ein Vorgehen, das aufgrund der unklaren Datenlage ausdrücklich nicht empfohlen wird.


Allerdings birgt auch der so genannte „Rebound-Effekt“ Gefahren für die werdende Mutter und das Kind: 


„Die erneute Gewichtszunahme kann zu Komplikationen in der Schwangerschaft führen wie Bluthochdruck der Mutter oder einer Fehlgeburt“, erklärt Schäfer-Graf. 


Daher sollten Schwangere hinsichtlich ihrer Diabetestherapie umfassend beraten werden.

Verstärkte Beratung und Forschung notwendig;;


„Frauen müssen wissen, wie diese neueren Antidiabetika auf ihre Fruchtbarkeit wirken und welche Risiken eine Schwangerschaft während der Therapie birgt“, so die Expertin. Angesichts der zunehmenden Anwendung von GLP-1 Analoga fordert die DDG weitere Studien, um die langfristigen Auswirkungen der Therapie auf Mutter und Kind besser zu verstehen.


 „Diese Medikamente haben großes Potenzial, doch ihre Anwendung erfordert eine enge ärztliche Begleitung und individuelle Beratung, um Chancen gezielt zu nutzen und Risiken zu minimieren“, fasst Schäfer-Graf zusammen.

Die DDG ruft dazu auf, Fälle von Schwangerschaften während der GLP-1 Therapie an spezialisierte Beratungsstellen wie das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie https://www.embryotox.de/

 zu melden, um die Wissensbasis weiter auszubauen.

Neue Entscheidungshilfen zu Aortenaneurysmen

Neue Entscheidungshilfen zu Aortenaneurysmen

Die Handreichungen für Patientinnen und Patienten sind Teil des gesetzlich festgelegten Zweitmeinungsverfahrens.


Bei vielen Krankheiten gibt es mehr als eine Behandlungsmöglichkeit. 


Oft ist aber keine der Alternativen ideal, jede hat ihre Vor- und Nachteile. 


Dann hängt es stark von der persönlichen Situation und den eigenen Wünschen ab, was die beste Wahl ist.


Bei Ausbuchtungen der Hauptschlagader (Aortenaneurysmen) stehen viele Patientinnen und Patienten auch vor der Entscheidung, ob sie überhaupt eine Behandlung wollen. 


Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beauftragte deswegen 2023 das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) mit der Erstellung von Entscheidungshilfen zu Eingriffen an Aortenaneurysmen.

Entscheidungshilfen sind Hilfsmittel, die eine Patientin oder einen Patienten dabei unterstützen, bei schwierigeren Gesundheitsfragen eine Entscheidung zu treffen. „Vor der Entscheidung für oder gegen einen Eingriff an der Aorta sollten Patientinnen und Patienten die Vor- und Nachteile kennen und sorgfältig abwägen. Deshalb haben betroffene Patientinnen und Patienten bei ihrer Entscheidung Anspruch auf eine ärztliche Zweitmeinung“, erklärt Klaus Koch, Leiter des Ressorts Gesundheitsinformation im IQWiG.

Was sind Aortenaneurysmen?

Die Aorta (Hauptschlagader) ist das kräftigste Blutgefäß des Menschen. 


Sie beginnt am Herzen, verläuft durch den Brust- und Bauchraum und verteilt frisches Blut in alle Organe, Arme und Beine. 


Bei älteren Menschen kann die Wand der Aorta im Laufe des Lebens schwächer werden und dann an einer Stelle eine Ausbuchtung bilden. 


Die heißt im Brustbereich (Thorax) thorakales oder Brustaorten-Aneurysma und im Bauchbereich abdominelles oder Bauchaorten-Aneurysma. 


Bauchaorten-Aneurysmen sind die häufigste Form. 


Weil vor allem Männer betroffen sind, gibt es für gesetzlich krankenversicherte Männer ab 65 Jahren das Angebot einer einmaligen Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung. 

Bei Frauen werden Aneurysmen oft bei anderen Untersuchungen im Bauchraum entdeckt.


Viele der so entdeckten Aneurysmen sind klein und verursachen den Betroffenen keine Probleme.


 Oft ist eine Behandlung nicht sinnvoll und es wird lediglich eine regelmäßige Kontrolle empfohlen. 


Wenn das Aneurysma jedoch größer wird, steigt das Risiko, dass es reißt. Das ist dann ein lebensbedrohlicher Notfall. Bei einem großen Aneurysma stehen Patientinnen und Patienten deshalb vor der Entscheidung, ob sie es weiter kontrollieren lassen wollen oder ob eine vorbeugende Operation infrage kommt. Dabei wird die Aorta durch einen künstlichen Schlauch verstärkt.
Der Eingriff kann offen über einen Bauchschnitt oder Öffnen des Brustkorbs oder als endovaskulärer Eingriff vorgenommen werden, bei dem der Schlauch per Katheter in die Aorta eingeschoben wird. Beide OP-Verfahren haben unterschiedliche Vor- und Nachteile, sie unterscheiden sich zum Beispiel in Hinblick auf mögliche Komplikationen. Die können bei einem Eingriff an der Aorta manchmal lebensgefährlich sein.
Um alle Risiken und mögliche Komplikationen informiert abwägen zu können und eine Entscheidung für oder gegen eine Operation treffen zu können, stellt gesundheitsinformationen.de jetzt kostenlose Entscheidungshilfen zu Aortenaneurysmen zum Download zur Verfügung. Sie können von Patientinnen und Patienten oder Praxen online oder ausgedruckt für Gespräche genutzt werden. Die Entscheidungshilfen sind eingebettet in weitere Informationen zu Bauch- und Brustaorten-Aneurysmen.

Was ist das Zweitmeinungsverfahren?

Für bestimmte, nicht eilige Operationen gibt es ein gesetzlich festgelegtes Zweitmeinungsverfahren. Das bedeutet: Wenn eine Ärztin oder ein Arzt eine dieser Operationen empfiehlt, muss sie oder er auf das Recht hinweisen, die Entscheidung für oder gegen den Eingriff noch einmal kostenlos mit einer anderen Spezialistin oder einem anderen Spezialisten zu besprechen. Dieses Verfahren gilt für eine Reihe von Operationen, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) festlegt. Mehr Informationen finden Sie auf gesundheitsinformation.de: Zweitmeinung vor Operationen

Originalpublikation:
https://www.iqwig.de/projekte/p23-02.html

Krebs der Bauchspeicheldrüse

Krebs der Bauchspeicheldrüse wird durch Verbindungen zum Nervensystem in seinem Wachstum gefördert. 

Dies berichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und vom Heidelberger Institut für Stammzelltechnologie und Experimentelle Medizin (HI-STEM)* in ihrer aktuellen Publikation in der Zeitschrift Nature. 

Dabei entdeckten sie, dass der Tumor die Neuronen gezielt für seine Zwecke umprogrammiert. 

Bei Mäusen hemmte die Blockade der Nervenfunktion das Krebswachstum und steigerte die Empfindlichkeit der Tumorzellen gegenüber bestimmten Chemotherapien und Immuntherapien.


Seit einigen Jahren entdecken Wissenschaftler bei fast allen untersuchten Krebsarten Wechselwirkungen mit dem Nervensystem, die in vielen Fällen Wachstum und Überleben des Tumors fördern.


Auch Bauchspeicheldrüsenkrebs ist von einem dichten Netz von Nerven durchzogen. 


Allerdings ragen nur die Nervenfasern in den Tumor, die Kerne der Nervenzellen dagegen liegen weit außerhalb, in den als Ganglien bezeichneten Schaltzentralen des peripheren Nervensystems. Daher war bislang unklar, welche molekularen Wechselwirkungen sie mit Krebszellen eingehen.

Mit einem an Mäusen neu entwickelten Verfahren gelang es nun erstmals einem Team um Andreas Trumpp, DKFZ und HI-STEM, die Nervenzellen sowohl im gesunden Gewebe als auch im Bauchspeicheldrüsenkrebs der Maus molekular zu untersuchen.

Pankreaskrebs programmiert Nervenzellen um


In Pankreastumoren sind die Nerven extrem stark verzweigt und stehen in Kontakt mit den meisten Zellen des Tumors. Durch die detaillierte molekulare Analyse der einzelnen Neuronen im Tumor entdeckten die Forschenden, dass Pankreaskrebs die Genaktivität der Nerven für seine Zwecke umprogrammiert. Die Aktivität vieler Gene wird gesteigert oder abgeschwächt, so dass zusammengefasst eine „Signatur“ entsteht, die tumorspezifisch ist.

Mehr noch: Selbst nach chirurgischer Entfernung des Primärtumors behielt das Tumor-Nervensystem seine krebsfördernden Eigenschaften bei: Implantierten die Wissenschaftler den operierten Tieren erneut Pankreaskrebszellen, so wurden die daraus entstehenden Sekundärtumoren doppelt so groß wie die von Mäusen, denen erstmalig Pankreaskrebszellen übertragen worden waren.

Neben ihrer direkten Wechselwirkung mit Krebszellen beeinflussen Nervenzellen insbesondere die Bindegewebszellen des Tumors (CAF – cancer-associated fibroblasts), die einen großen Teil der Tumormasse ausmachen. 


Sie werden ebenfalls zum Wachstum angeregt und tragen maßgeblich zur Unterdrückung der Immunabwehr im Tumormilieu bei.

Gekappte Nerven – schrumpfende Tumoren


Wurden die sympathischen Nervenverbindungen zum Pankreas chirurgisch gekappt oder mit speziellen Nervengiften zerstört, so wurde das Tumorwachstum signifikant gehemmt.


 Zugleich ging die Aktivität wachstumsfördernder Gene in den Krebszellen sowie auch in den CAFs zurück. In den CAFs beobachteten die Forschenden nach der Zerstörung der Nerven eine deutliche Steigerung der entzündungsfördernden Genaktivitäten. „Offenbar unterdrücken die neuronalen Verbindungen im Pankreaskrebs die entzündungsfördernde Aktivität der Fibroblasten und hemmen dadurch die Krebsabwehr durch Immunzellen“, erklärt Vera Thiel, die Erstautorin der Arbeit.

Durchtrennte Nerven steigern Wirksamkeit von Immuntherapien


Wenn die Unterbrechung der Nervenverbindungen offenbar entzündungsfördernd wirkt, also das Immunsystem aktiviert, so könnte dies die Wirksamkeit einer Immuntherapie mit so genannten Checkpoint-Inhibitoren (ICI) steigern. Wirkstoffe dieser Gruppe lösen bildlich gesprochen die „Bremsen“ des Immunsystems. Allerdings können sie allein gegen Pankreaskarzinome nichts ausrichten: Die Tumoren gelten als immunologisch „kalt“, das heißt, die therapeutisch wichtigen T-Zellen kommen schlichtweg nicht an den Tumor heran.

Blockierten die Forschenden in einem Maus-Modell die Nervenverbindung zum Pankreastumor mit einem gezielt wirkenden Neurotoxin, so wurde der Tumor wieder empfindlich für den Checkpoint-Inhibitor Nivolumab, und die Tumormasse schrumpfte auf ein Sechstel der Masse in Kontrolltieren. „Wir konnten durch die neuronale Blockade einen immunologisch kalten in einen für Immuntherapie empfindlichen Tumor umwandeln“, fasst Simon Renders, ebenfalls Erstautor der Publikation, das Ergebnis zusammen.

Durchtrennte Nerven plus Chemotherapie: synergistische Wirkung


Das Medikament nab-Paclitaxel ist ein Bestandteil der Standard-Chemotherapie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs. 


Neben der Hemmung der Zellteilung wirkt es auch auf die sensorischen Nerven, weshalb eine periphere Neuropathie zu den bekannten schweren Nebenwirkungen dieses Wirkstoffs zählt.

Das Team um Trumpp zeigte, dass unter wiederholten Zyklen von nab-Paclitaxel die sensorischen Nervenfasern im Tumor drastisch zurückgingen. 


Auch die Tumormasse reduzierte sich erwartungsgemäß. 


Die Wirkung auf sensorische Nerven scheint offenbar Teil der Wirksamkeit des Medikaments gegen Pankreaskrebs zu sein. Allerdings behielten die verbleibenden Nervenfasern auch unter der Behandlung ihre krebsfördernde Genaktivität bei.
Was aber passiert, wenn der Tumor vollständig von seinen Nervenverbindungen abgeschnitten wird? Dies erreichten die Forscher, indem sie die Mäuse mit nab-Paclitaxel (zur Blockade sensorischer Nerven) und einem Neurotoxin zum Ausschalten der sympathischen Neuronen behandelten. Diese Kombination wirkte synergistisch und reduzierte die Tumormasse um mehr als 90 Prozent.

„Das Ergebnis unterstreicht, dass beide Typen von Nervenzellen funktionelle Relevanz für das Tumorwachstum haben,“ erklärt Vera Thiel. „Die vollständige Blockade der Kommunikation zwischen Nerven und Tumor in Kombination mit Chemotherapie und/oder Immun-Checkpoint-Inhibitoren ist ein vielversprechender Ansatz, um Pankreaskrebs in Zukunft wirksamer zu bekämpfen. Denkbar ist beispielsweise, die Größe der Tumoren soweit zu reduzieren, dass sie anschließend operabel werden“, fasst Trumpp zusammen. Sein Team plant gemeinsam mit Ärzten des Universitätsklinikums Heidelberg bereits frühe klinische Studien, um diese Strategie an Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs zu prüfen.

*Das Heidelberger Institut für Stammzellforschung und experimentelle Medizin (HI-STEM) gGmbH wurde 2008 als Public-Private-Partnership von DKFZ und Dietmar Hopp Stiftung gegründet und seit inzwischen 15 Jahren durch die Stiftung gefördert.

Warum für diese Forschung Untersuchungen an Mäusen notwendig sind
Um zu untersuchen, welche verschiedenen Arten der peripheren Nerven die Entwicklung von Bauchspeicheldrüsenkrebs beeinflussen, ist das voll ausgebildete Nervensystem eines intakten Organismus unerlässlich. Darüber hinaus war das Ziel der Arbeit, die Wechselwirkung zwischen Nervensystem und Tumor ein potenzielles Angriffsziel für neue Therapieansätze zu prüfen. Um dabei mögliche Synergieeffekte mit der körpereigenen Abwehr zu entdecken benötigt es außerdem das Immunsystem mit all seinen Komponenten. Beides lässt sich in Zell- oder Organkultursystemen nicht abbilden.

Vera Thiel*, Simon Renders*, Jasper Panten*, Nicolas Dross, Katharina Bauer, Daniel Azorin, Vanessa Henriques, Vanessa Vogel, Corinna Klein, Aino Maija Leppä, Isabel Barriuso Ortega, Jonas Schwickert, Iordanis Ourailidis, Julian Mochayedi, Jan-Phillip Malm, Carsten Müller-Tidow, Hannah Monyer, John Neoptolemeos, Thilo Hackert, Oliver Stege, Duncan T. Odom, Rienk Offringa, Albrecht Stenzinger, Frank Winkler, Martin Sprick, Andreas Trumpp: Characterization of single neurons reprogrammed by pancreatic cancer.
Nature 2025, DOI: 10.1038/s41586-025-08735-3
https://www.nature.com/articles/s41586-025-08735-3
Ein Bild zur Pressemitteilung steht zum Download zur Verfügung:
https://www.dkfz.de/fileadmin/user_upload/Skoe/Pressemitteilungen/2025/AT_Nature...

BU: Der Pankreas einer Maus wird zunächst mithilfe verschiedener Chemikalien transparent gemacht. Anschließend wurde mit der Lichtscheiben-Fluoreszenzmikroskopie das dichte Netzwerk an neuronalen Strukturen sichtbar gemacht, die den Tumor innervieren und zu seinem Wachstum beitragen.


Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, Interessierte und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs.

Um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Patientinnen und Patienten zu verbessern, betreibt das DKFZ gemeinsam mit exzellenten Universitätskliniken und Forschungseinrichtungen in ganz Deutschland Translationszentren:

Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT, 6 Standorte)
Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK, 8 Standorte)
Hopp-Kindertumorzentrum (KiTZ) Heidelberg
Helmholtz-Institut für translationale Onkologie (HI-TRON) Mainz – ein Helmholtz-Institut des DKFZ
DKFZ-Hector Krebsinstitut an der Universitätsmedizin Mannheim
Nationales Krebspräventionszentrum (gemeinsam mit der Deutschen Krebshilfe)

Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

S3-Leitlinie zur Chronischen Lymphatischen Leukämie (CLL) umfassend überarbeitet

Das Leitlinienprogramm Onkologie hat die S3-Leitlinie zur Chronischen Lymphatischen Leukämie (CLL) umfassend überarbeitet. 

Einige Kapitel wurden umstrukturiert. Zudem wurden unter anderem die Inhalte zur Therapie aktualisiert und ein Kapitel zur Behandlung der Richter-Transformation neu aufgenommen. Die S3-Leitlinie entstand unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) sowie unter Mitwirkung von 31 weiteren Fachgesellschaften und Organisationen. Finanziert wurde die Leitlinie von der Deutschen Krebshilfe im Rahmen des Leitlinienprogramms Onkologie.


Die CLL ist die häufigste Form einer bösartigen Neubildung des lymphatischen Systems ‒ sie macht etwa 36 Prozent aller Leukämien aus. Nach Zahlen des Robert Koch-Instituts erkrankten in Deutschland im Jahr 2022 etwa 5.200 Menschen neu an einer CLL. Das klinische Erscheinungsbild und die Prognose können stark variieren. Einige Patient*innen haben jahrelang keine behandlungsbedürftigen Symptome und eine normale Lebenserwartung. Bei anderen treten schnell Krankheitsanzeichen wie infektiöse Komplikationen auf und sie sterben trotz der Behandlung innerhalb weniger Jahre. Diese Patient*innengruppe soll frühzeitig durch verbesserte diagnostische Verfahren identifiziert werden, um die Therapie entsprechend anzupassen und damit die Heilungsrate und das Gesamtüberleben zu verbessern. Für Betroffene mit einer günstigeren Prognose sollen dagegen die Akut- und Langzeittoxizitäten der Behandlung sowie das Auftreten von Sekundärtumoren minimiert werden.

Dafür zeigt die S3-Leitlinie evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeiten und Entscheidungskriterien auf. Ein Team von Expert*innen hat die Überarbeitung der Leitlinie koordiniert: Professorin Barbara Eichhorst und Professor Michael Hallek von der Uniklinik Köln sowie Professorin Nicole Skoetz vom Institut für Öffentliches Gesundheitswesen der Universität zu Köln.

Risikofaktoren zur Bestimmung der Therapieverfahren

Vor dem Start einer neuen Therapielinie sollen der TP53-Deletions- und Mutationsstatus und zusätzlich der IGHV-Mutationsstatus erhoben werden. In der Vergangenheit wurde lediglich die Bestimmung des TP53-Mutationsstatus empfohlen. „Die Ergebnisse beider Untersuchungen liefern uns wichtige Informationen zum Risiko der Patient*innen und damit zur Therapieplanung“, so Eichhorst, Mit-Koordinatorin der Leitlinie. „Bei entsprechendem Risikoprofil können wir mit einer intensiveren Überwachung und möglicherweise aggressiveren Therapien reagieren. Damit bieten wir Erkrankten mit einem hohen Risiko einer Progression bessere Überlebenschancen und können gleichzeitig Personen mit einer besseren Prognose mit schonenderen Therapien behandeln.“

Zielgerichtete Substanzen statt Chemo(immun)therapie

Eine Chemotherapie – oder die Chemoimmuntherapie, bei der Zytostatika in Kombination mit Antikörpern verabreicht werden – wirkt gegen die Krebszellen, schädigt als Nebenwirkung aber auch gesundes Gewebe. 


Seit dem Erscheinen der ersten Fassung der CLL-Leitlinie (2018) hat die Verfügbarkeit von Signalweginhibitoren, in diesem Fall BTK- oder Bcl-2-Inhibitoren, neue Therapieabläufe bei Chronischer Lymphatischer Leukämie ermöglicht. Eichhorst: 


„Wir empfehlen in der Überarbeitung der Leitlinie für die Erstlinien- und auch die Rezidivtherapie nur noch chemotherapiefreie, zielgerichtete Therapien. 


Studien zeigen, dass diese den Chemoimmuntherapien bei der Behandlung der CLL überlegen sind. 


Selbst die Prognose der Hochrisiko-Patient*innen hat sich deutlich verbessert. Das ist ein großer Erfolg.“ Eine Chemoimmuntherapie ist nach der Leitlinie nun nur noch in Ausnahmefällen eine Option.

Neues Kapitel: Therapie der Richter Transformation

Komplett neu aufgenommen wurden Behandlungsempfehlungen zur Richter-Transformation (RT). Dies ist die Entwicklung der CLL zu einem aggressiven Lymphom – meist ein diffus großzelligen B-Zell Lymphoms (DLBCL). Oftmals zeigen die Patient*innen dabei eine schnelle klinische Verschlechterung. Das Kapitel der Leitlinie zur RT umfasst Empfehlungen zu Risikofaktoren, Diagnostik und Therapie der RT.

Die aktualisierte S3-Leitlinie ist hier abrufbar: 

https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/chronische-lymphatische-l...

Zudem sind die Inhalte in der kostenfreien Leitlinien-App integriert. Android-Smartphone- und iPhone-Nutzer können die Leitlinien-App hier herunterladen: https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/app/

Das Leitlinienprogramm Onkologie
Leitlinien sind systematisch entwickelte Entscheidungshilfen für Leistungserbringer und Patient*innen zur angemessenen Vorgehensweise bei speziellen Gesundheitsproblemen. Sie stellen ein wesentliches Instrument zur Förderung von Qualität und Transparenz medizinischer Versorgung dar. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), die Deutsche Krebsgesellschaft e. V. und die Deutsche Krebshilfe haben sich mit dem im Februar 2008 gestarteten Leitlinienprogramm Onkologie das Ziel gesetzt, gemeinsam die Entwicklung und Fortschreibung sowie den Einsatz wissenschaftlich begründeter und praktikabler Leitlinien in der Onkologie zu fördern und zu unterstützen. Mittlerweile umfasst das Leitlinienprogramm 36 S3-Leitlinien, die zu einem großen Teil auch als laienverständliche Patientenleitlinien vorliegen. 

Mehr unter: https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/home

Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V. (DGHO)
Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V. (DGHO) besteht seit 85 Jahren und hat heute mehr als 4.000 Mitglieder, die in der Erforschung und Behandlung hämatologischer und onkologischer Erkrankungen tätig sind. Mit ihrem Engagement in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, dem Onkopedia-Projekt, mit der Wissensdatenbank und der Durchführung von Fachtagungen und Fortbildungsseminaren sowie mit ihrem gesundheitspolitischen Engagement fördert die Fachgesellschaft die hochwertige Versorgung von Patient*innen im Fachgebiet. In mehr als 30 Themen-zentrierten Arbeitskreisen engagieren sich die Mitglieder für die Weiterentwicklung der Hämatologie und der Medizinischen Onkologie. Informationen unter: 

https://www.dgho.de/

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Deutsche Krebsgesellschaft e. V.
Clara Teich und Angelina Gromes
Tel.: 030 3229329-60/16

Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V.
Michael Oldenburg
Tel.: 030 27 87 60 89-0
oldenburg@dgho.de

Kalium- und Glukosebestimmungen ist Plasma das zuverlässigere Material.

Die Labormedizin steht vor einer wichtigen Veränderung. 

Die Bundesärztekammer hat 2023 neue Richtlinien zur Qualitätssicherung von Laboruntersuchungen eingeführt, die für bestimmte Blutwerte die Verwendung von Plasma statt Serum vorschreiben. Das offizielle Informationsportal der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL), MedLabPortal, fasst die wichtigsten Vorteile zusammen.

Der Grund für diese Umstellung ist einfach erklärt: Bei der Verwendung von Serum, also geronnenem Blut, bei dem die Blutzellen durch Zentrifugation entfernt worden sind, werden während des Gerinnungsprozesses bestimmte Stoffe wie Kalium aus den Blutplättchen freigesetzt. Dies führt zu verfälschten, zu hohen Messwerten. Plasma hingegen wird durch Zugabe eines Gerinnungshemmers namens Heparin an der Gerinnung gehindert und liefert dadurch genauere Ergebnisse.

Besonders deutlich wird der Unterschied bei der Bestimmung des Blutzuckers, also der Glukose. Keine andere Laborbestimmung findet so häufig statt wie die Bestimmung der Plasma-Glukose. Und das hat einen guten Grund: Die genaue Ermittlung dieses Wertes hilft Ärzten dabei, eine Blutzuckererkrankung – Diabetes – rechtzeitig zu erkennen und die entsprechende Therapie richtig zu steuern.

Die Bedeutung der Plasma-Glukosemessung erkannte daher auch die Weltgesundheitsorganisation WHO und empfiehlt Ärzten die Angaben der Werte ausschließlich als Plasma-Glukose. Die klaren Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation decken sich mit jenen der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL), die als unabhängige interessenskonfliktfreie Fachgesellschaft unter anderem für die Erstellung von sogenannten medizinischen Leitlinien im Bereich der Labormedizin verantwortlich zeichnet.

Auch für Patienten ist die konsequente Umstellung von Serum auf Plasma nachvollziehbar – und enorm wichtig: In herkömmlichen Serumröhrchen sinkt der Glukosewert innerhalb der ersten Stunde um fast 10 Prozent. Dies ist besonders problematisch, da fast 10 Prozent der deutschen Bevölkerung an Diabetes leiden und bei etwa einer Million Menschen die Krankheit noch unentdeckt ist. Vereinfacht ausgedrückt: Würde man die Messungen weiter ohne Plasma durchführen, fielen möglicherweise Millionen Menschen durch das Diabetes-Früherkennungsraster.

Die Umstellung auf Plasma bringt zudem praktische Vorteile. In Krankenhäusern, wo häufige Blutentnahmen nötig sind, ermöglicht Plasma eine etwa 10 Prozent höhere Ausbeute als Serum. Dies ist besonders wichtig für schwer kranke Patienten auf Intensivstationen, bei denen jeder Tropfen Blut zählt und somit kleinere Blutmengen entnommen werden.

Viele Krankenhauslabore arbeiten bereits seit Jahren erfolgreich mit Plasma. Für Arztpraxen fallen lediglich einmalige Kosten für eine kleine Zentrifuge an, falls diese noch nicht vorhanden ist.

Die neue Regelung zielt demnach darauf ab, die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern und Fehldiagnosen zu vermeiden. 

Serum wird weiterhin für bestimmte andere spezielle Untersuchungen verwendet werden, aber für Routineuntersuchungen wie Kalium- und Glukosebestimmungen ist Plasma das zuverlässigere Material.

Die Gehirnentwicklung

Infektionen, chemische Stoffe, Stress – diese Umweltfaktoren beeinflussen das Risiko, eine psychiatrische oder neurologische Erkrankung zu entwickeln, vor allem wenn sie bereits vor der Geburt auftreten. 

Die biologischen Mechanismen dahinter sind noch nicht vollständig erforscht. WissenschaftlerInnen untersuchten, wie sich Glukokortikoide, eine Art Steroidhormone, auf die frühen Phasen der Gehirnentwicklung auswirken. 

Sie fanden ein verändertes Gleichgewicht von Neuronen-Typen: 

Das zeigt, dass das Gehirn in seiner Entwicklungsphase anfälliger für äußere Einflüsse ist als bisher angenommen.

Glukokortikoide sind Teil der Stressreaktion des Körpers und wichtig für die Entwicklung des Embryos während der Schwangerschaft. 

Droht eine Frühgeburt, werden daher häufig synthetische Glukokortikoide verschrieben, um die Lungenentwicklung des Embryos zu fördern. 


2020 waren zehn Prozent aller Geburten weltweit (oder 13 Millionen Neugeborene) Frühgeburten. 


Glukokortikoide sind demnach ein weit verbreitetes Medikament. 


In einer jüngst veröffentlichten Studie untersuchten Leander Dony und seine KollegInnen vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie, geleitet von Elisabeth Binder, die Wirkung synthetischer Glukokortikoide auf die Gehirnentwicklung. 


Durchgeführt wurde die Studie zusammen mit Forschenden am Karolinska Institutet in Stockholm und dem Helmholtz Zentrum München, jeweils geleitet von Cristiana Cruceanu und Fabian Theis.

In ihrer Arbeit nutzten die Forschenden Gehirnorganoide. Das sind Modelle des sich entwickelnden Gehirns, die aus menschlichen Stammzellen gewonnen werden und in einer Petrischale reifen. In dieser Studie wurden Organoide über einen längeren Zeitraum hinweg synthetischen Glukokortikoiden ausgesetzt. So konnten die WissenschaftlerInnen eine hohe Belastung während der frühen Schwangerschaft simulieren. Die Organoide wurden dann mit nicht-behandelten Kontroll-Organoiden verglichen, die eine normale Gehirnentwicklung darstellen sollten.

Veränderte Verteilung von Neuronen

Das wichtigste Ergebnis war eine veränderte Verteilung verschiedener Typen von Neuronen: 


In den behandelten Organoiden war der Anteil hemmender Neuronen höher, der Anteil erregender Neuronen niedriger als in den Kontroll-Organoiden. 


Erregende Neuronen sorgen dafür, dass die nächstliegende Nervenzelle feuert und ein Signal weitergibt. Hemmende Neuronen hingegen verringern die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste Nervenzelle feuert, und verlangsamen somit ein Signal. „Diese Ergebnisse zeigen, dass das menschliche Gehirn in den frühen Entwicklungsstadien sehr formbar und anfällig für äußere Einflüsse ist, noch mehr als bisher gedacht“, so Dony.

Ein Ungleichgewicht der Neuronen-Typen wurde schon aus genetischer Sicht mit psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. 


Diese Studie zeigt erstmalig, dass Umwelteinflüsse den gleichen Effekt haben können. Mehr Wissen ist nötig, um zu verstehen, was das für das Krankheitsrisiko bedeutet: „Wir sehen mehr hemmende Neuronen, aber unsere Ergebnisse zeigen uns nicht, ob dies später ein Risiko oder sogar ein Schutz vor bestimmten Erkrankungen ist“, erklärt Cruceanu.

Organoide bieten WissenschaftlerInnen eine einzigartige Möglichkeit, die frühesten Phasen der Gehirnentwicklung zu verstehen. Zu wissen, welche Faktoren das Risiko für Krankheiten im späteren Leben beeinflussen – ob Umweltfaktoren, genetische Risiken oder eine Mischung aus beiden – kann helfen, bessere Behandlungen und Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.

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Prof. Elisabeth Binder, MD, PhD binder@psych.mpg.de

Originalpublikation:
Dony et al., Chronic exposure to glucocorticoids amplifies inhibitory neuron cell fate during human neurodevelopment in organoids, Science Advances (2025), doi:10.1126/sciadv.adn8631

Unkompliziert Blinddarmentzuendung

Eine kürzlich in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bei Kindern mit unkomplizierter Blinddarmentzündung die operative Entfernung des entzündeten Blinddarms der alleinigen Gabe von Antibiotika vorzuziehen ist. Denn ein Drittel, der nur mit Antibiotika behandelten Kinder musste innerhalb eines Jahres trotzdem operiert werden (1).


Kinder sind besonders gefährdet, an einer Blinddarmentzündung zu erkranken. Damit ist die Appendizitis eine der häufigsten chirurgischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Im Jahr 2021 wurde in Deutschland bei gut 23.000 Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 20 Jahren der Blinddarmfortsatz entfernt. Knapp 11.500 dieser Eingriffe entfielen auf die Altersgruppe der 5- bis 15-Jährigen (2).

Unterschiede bei der Blinddarmentzündung von Erwachsenen und Kindern
Im Vergleich zu Erwachsenen gibt es einige Unterschiede: „Die Diagnose bei Kindern ist klinisch nicht einfach zu stellen, weil sie ihre Beschwerden oft nicht genau beschreiben können und diese auch unspezifisch sind“ erklärt Professor Rolle, Direktor der Klinik für Kinderchirurgie und Kinderurologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Das kann dazu führen, dass der Blinddarm unnötig entfernt wird oder dass er durchbricht. Dann drohen Komplikationen wie eine Bauchhöhlenvereiterung.

Seit mehr als 100 Jahren gilt die operative Entfernung des Blinddarmfortsatzes (Appendektomie) als Standardtherapie. In den letzten Jahren wird jedoch zunehmend diskutiert, ob eine Behandlung mit Antibiotika nicht eine schonendere und vor allem ausreichende Alternative sein könnte.

Internationale klinische Studie vergleicht OP mir reiner Antibiotikatherapie
Um diese Frage wissenschaftlich zu klären, führte ein Forscherteam eine internationale, multizentrische, randomisierte Studie durch. Ziel war es, zu untersuchen, ob die Behandlung mit Antibiotika gegenüber der Operation gleichwertig ist. In die Studie wurden 936 Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 16 Jahren mit klinisch diagnostizierter, unkomplizierter, nicht durchgebrochener (perforierter) Appendizitis aufgenommen. Sie wurden zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt: Bei der einen Hälfte wurde der entzündete Blinddarm sofort entfernt, während die andere Gruppe mit Antibiotika behandelt wurde. Die Antibiotikabehandlung umfasste eine mindestens zwölfstündige intravenöse Gabe im Krankenhaus, gefolgt von einer oralen Einnahme über 10 Tage.

Der primäre Endpunkt war die Rate des „Therapieversagens“ innerhalb eines Jahres. In der Antibiotika-Gruppe wurde ein „Therapieversagen“ definiert als die Notwendigkeit einer Operation. In der operierten Gruppe wurde die Entfernung eines gesunden, nicht entzündeten Wurmfortsatzes als „Therapieversagen" gewertet.

Ein Drittel der Patienten muss nach Antibiotikatherapie trotzdem operiert werden
Die Studie zeigte, dass 34 % der Kinder in der Antibiotikagruppe innerhalb eines Jahres doch operiert werden mussten. In der Gruppe der operierten Kinder lag die Versagensrate (negative Appendektomie) dagegen bei nur 7 %. Das bedeutet eine Differenz von 26,7 % zugunsten der Operation.

Darüber hinaus war das Risiko für leichte bis mittelschwere Nebenwirkungen in der Antibiotikagruppe 4,3-mal höher als in der operierten Gruppe. Dazu gehörten vor allem Magen-Darm-Beschwerden. Schwere Nebenwirkungen oder Todesfälle traten in keiner der beiden Gruppen auf.

Ein Vorteil der Antibiotikabehandlung war eine schnellere Rückkehr zur Normalität: Kinder in dieser Gruppe konnten früher wieder zur Schule gehen und benötigten seltener Schmerzmittel.

Das Risiko eines routinemäßigen Eingriffs ist geringer
„Eine konservative Antibiotikatherapie ist bei Kindern und Jugendlichen nicht besser, auch wenn diese inzwischen in allen Altersgruppen zunehmend praktiziert wird“, sagt Rolle. Das Risiko eines routinemäßigen Eingriffs sei dagegen deutlich geringer. „Die Ergebnisse der Studie sprechen eindeutig dafür, dass die Antibiotikatherapie der Blinddarmoperation unterlegen ist“, fasst der Kinderchirurg zusammen. Zwar biete sie kurzfristig eine weniger invasive Alternative, aber die hohe Versagerrate zeige, dass viele Patienten letztlich doch operiert werden müssten. „Wir schließen daraus, dass Antibiotika allein für die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen mit unkomplizierter Appendizitis keine langfristig sichere Option darstellen.

stereotaktischen Arrhythmie-Radioablation“ (STAR)

Das Herzzentrum Leipzig und das Universitätsklinikum Leipzig haben erfolgreich eine neue Therapiemethode bei einem Patienten mit einer potenziell lebensgefährlichen Herzrhythmusstörung angewendet. 

Bei der sogenannten „stereotaktischen Arrhythmie-Radioablation“ (STAR) wird das betroffene Gewebe in einem hochmodernen Verfahren mit einer hochdosierten Strahlung in höchster Präzision behandelt, um die elektrische Erregbarkeit dieses Areals zu vermindern. Das neue Verfahren wollen beide Kliniken auch künftig gemeinsam anbieten.


Patienten mit schwersten Herzerkrankungen, wie sie etwa nach einem Herzinfarkt auftreten, leiden häufig an Herzrasen aus den Herzkammern (ventrikuläre Tachykardie) – einer potenziell lebensgefährlichen Herzrhythmusstörung. Im Normalfall wird hier eine kathetergestützte Ablation durchgeführt, bei der die betroffenen Gewebeareale im Herzen gezielt verödet werden. Doch bei manchen Patienten sind diese Areale nur schwer zugänglich oder die Ablation zeigt keine ausreichende Wirkung.

Mit der stereotaktischen Arrhythmie-Radioablation (STAR) können genau diese Herausforderungen überwunden werden. Dabei handelt es sich um ein nicht-invasives hoch präzises Verfahren, bei dem die betroffenen Narbenareale des Herzens sehr genau und einmalig mit hochdosierter Strahlentherapie behandelt werden. Dies verändert die elektrische Erregbarkeit des Herzens und minimiert so das Risiko weiterer potentiell lebensgefährlicher Rhythmusstörungen.

Die Therapie ist möglich durch die enge Zusammenarbeit der Abteilung für Rhythmologie am Herzzentrum Leipzig unter Leitung von Priv.-Doz. Dr. med. Kerstin Bode und der zum Universitätsklinikum Leipzig gehörenden Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Dr. Nils Nicolay.

Für welche Patientengruppen kommt STAR in Frage?

Die STAR-Therapie bietet sich insbesondere für zwei Gruppen von Patienten an:

- Patientinnen und Patienten mit schwersten strukturellen Herzerkrankungen, bei denen die medikamentöse Therapie und die vorangegangenen Ablationen nicht den gewünschten Effekt erzielt haben.

- Patientinnen und Patienten mit einer oder zwei mechanischen Herzklappen, bei denen eine kathetergestützte Behandlung aufgrund technischer Einschränkungen nicht durchführbar ist.

Technik und Herausforderungen der STAR-Therapie

Im Gegensatz zu statischen Organen wie Darm oder Leber bewegt sich das schlagende Herz ständig – eine der großen Herausforderungen bei der Planung und Durchführung der Bestrahlung. „Um die betroffenen Areale möglichst präzise lokalisieren zu können, fusionieren wir die Bilddaten aus der CT-Untersuchung mit elektrophysiologischen Mapping-Daten, die im Vorfeld erstellt wurden“, erläutert Privatdozentin Dr. Kerstin Bode. „So können wir die krankheitsverursachenden Bereiche in der Bildgebung millimetergenau identifizieren und markieren. Ziel ist es, die umliegenden Gewebe bei der Bestrahlung so wenig wie möglich zu beeinträchtigen.“ Die aufwendige Vorbereitung wurde federführend durch Privatdozent Dr. Sotirios Nedios aus dem Herzzentrum und Dr. Franziska Nägler aus der Poliklinik für Strahlentherapie umgesetzt.

Genauigkeit im Millimeterbereich

„Die Bestrahlung erfolgt unter Einsatz eines sogenannten Linearbeschleunigers der neuesten Generation. Wir erreichen dadurch eine hochpräzise Kontrolle der Strahlendosis mit einer Genauigkeit im Millimeterbereich“, erläutert Prof. Nils Nicolay. „Durch die spezielle Konstruktion des Gerätes sind wir in der Lage, selbst kleinste Bestrahlungsbereiche sicher mit der notwendigen hohen Dosis zu versorgen. Zusätzlich ermöglichen es modernste Bildgebungssysteme im Behandlungsraum, in Echtzeit die Bewegung von Herz und Lunge zu überwachen und kleinste Abweichungen während der Behandlung sofort zu korrigieren.“ Die Behandlung ist für den Patienten absolut schmerzfrei und kann bei vollem Bewusstsein durchgeführt werden.

Bei dem ersten Patienten zeigte sich schon nach wenigen Wochen eine deutliche Beruhigung der Herzrhythmusstörungen. Dieser Erfolg – insbesondere, weil alle Therapien davor keine Besserung gebracht hatten – bestärkte Herzzentrum Leipzig und Universitätsklinikum Leipzig darin, weiterhin eng für die Behandlung dieser gefährlichen Rhythmusstörungen zusammenzuarbeiten. Ziel ist es, durch die Verbindung von fachlicher Expertise und hochmoderner Technik den Patienten diese vielversprechende neue Therapiemethode anzubieten und sie während ihrer Behandlung nahtlos begleiten zu können.

Neue Lebensqualität

Der Patient, der 37-jährige Daniel Hrivnak, war bei bester Gesundheit, als eine zunächst unentdeckte Herzmuskelentzündung sein Herz stark beschädigte. Er kollabierte im Schwimmbad mit lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen und musste reanimiert werden. Seitdem kämpfte der gebürtige Quedlinburger mit immer wiederkehrenden Herzrhythmusstörungen. Nach medikamentöser Therapie und mehreren Ablationen, die das Herzrasen nicht beheben konnten, wurde ihm zur Strahlentherapie geraten. „Mir wurde letztes Jahr, passend zu Weihnachten, neue Lebensqualität geschenkt – vom bettlägerigen Patienten werde ich langsam wieder zum alltagstauglichen Menschen. Seit dem Eingriff hatte ich keine einzige lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung mehr. Meine Familie und ich sind den Ärzten vom Herzzentrum Leipzig und dem Universitätsklinikum Leipzig unendlich dankbar“, beschreibt Hrivnak.

Für Rückfragen zur STAR-Therapie können sich Patientinnen und Patienten gerne wenden an:

Abteilung für Rhythmologie am Herzzentrum Leipzig: Telefon: (0341) 865-1413, -1431 oder per E-Mail unter termine.herzzentrum@helios-gesundheit.de

Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie am Universitätsklinikum Leipzig; Telefon: (0341) 97-18400 / E-Mail: strahlen@medizin.uni-leipzig.de

Rhythmologische Ambulanz, Klinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig; Telefon: (0341) 97-12415 / E-Mail: kardiologie@uniklinik-leipzig.de