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Prof. Dr. Frank Buttgereit: Dr. Andriko Palmowski: Rheumatoider Arthritis: Kortison - die Gruppe der Glukorkortikoide

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Weniger Nebenwirkungen als befürchtet: Kortison in niedrigen Dosen

  • Bei rheumatoider Arthritis – oft ungenau als Rheuma bezeichnet – ist Kortison sehr wirksam, medizinische Leitlinien raten aber von einer längerfristigen Einnahme ab. 
  • Grund sind eine Reihe von Nebenwirkungen – die allerdings vor allem bei den früher üblichen hohen Dosierungen beobachtet wurden. 

Zur Verabreichung von kleinen Mengen Kortison über einen längeren Zeitraum gibt es dagegen wenig aussagekräftige Daten. 

Eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin in Annals of Internal Medicine* zeigt jetzt: 

  • Zumindest der Blutdruck steigt nach zweijähriger Therapie mit niedrig dosiertem Kortison nicht an. 
  • Und die oft befürchtete Gewichtszunahme fällt mit rund einem Kilogramm moderat aus.

Als Kortison wird umgangssprachlich die Gruppe der Glukokortikoide bezeichnet. 

Das sind körpereigene und auch synthetische Wirkstoffe, die unter anderem das Immunsystem hemmen.  

  • Kortison-Präparate werden deshalb schon seit Langem gegen eine ganze Reihe von entzündlichen Erkrankungen eingesetzt, darunter Autoimmunkrankheiten wie die rheumatoide Arthritis. 

Und sie wirken: 

  • Kortison-Präparate helfen gegen die Entzündung in den Gelenken, mindern Schmerzen und lindern die krankheitsbedingte körperliche Behinderung. 
  • Außerdem werden die Gelenke deutlich weniger geschädigt.


Kortison wird entgegen Leitlinien verwendet

„Weil Kortison-Präparate so gut gegen die rheumatoide Arthritis helfen, nehmen 30 bis 50 Prozent der Betroffenen sie auch zwei Jahre nach der Diagnose noch – und zwar entgegen den aktuellen medizinischen Leitlinien und Empfehlungen“, erklärt Dr. Andriko Palmowski, Erstautor der Studie von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité. 

„Die Leitlinien und Empfehlungen raten eigentlich, Kortison – wenn überhaupt – nur vorübergehend zu verabreichen, weil sonst relevante Nebenwirkungen zu befürchten sind.“ 

Allerdings: Viele dieser Nebenwirkungen sind für die früher viel häufiger verabreichten hohen Kortison-Dosierungen gut belegt, für die heute bevorzugten geringeren Mengen ist die Datenlage weniger eindeutig. Dr. Palmowski:
„So genau wissen wir also gar nicht, wie stark die Nebenwirkungen bei niedrig dosierten Kortison-Präparaten sind.“
In der Vergangenheit hatten einige Beobachtungsstudien beispielsweise darauf hingedeutet, dass eine langfristige Einnahme von geringen Mengen Kortison bei rheumatoider Arthritis den Blutdruck ansteigen lässt und zu einer Gewichtszunahme führt.

 „Allerdings haben Beobachtungsstudien aufgrund verschiedener verzerrender Effekte nur eine begrenzte Aussagekraft“, betont Prof. Dr. Frank Buttgereit, stellvertretender Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité und Leiter der Studie. 

„Für eine stärkere Beweiskraft benötigt man ein höherwertiges Untersuchungsdesign, die sogenannten randomisierten kontrollierten Studien.“ Von dieser Art der Studien, bei der der Zufall entscheidet, ob die Teilnehmenden das Medikament oder ein Scheinpräparat erhalten, gab es sogar schon eine Handvoll. Für eine statistisch verlässliche Analyse der beiden Nebenwirkungen hatte jede für sich genommen jedoch zu wenige Patient:innen eingeschlossen.

Charité-Studie analysiert Daten von über 1.100 Personen

Das Charité-Forschungsteam holte deshalb von fünf der bereits abgeschlossenen randomisierten kontrollierten Studien die Messwerte zu Blutdruck und Körpergewicht ein und analysierte diese gemeinsam. So kamen Daten von insgesamt mehr als 1.100 Menschen mit rheumatoider Arthritis aus zwölf europäischen Ländern zusammen, die über zwei Jahre hinweg niedrig dosierte Kortison-Präparate oder ein Scheinpräparat beziehungsweise Kontrollmedikamente erhalten hatten. Alle Patient:innen hatten zudem, wie üblich, eine dauerhafte Begleitmedikation zur besseren Eindämmung der Erkrankung bekommen. 

  • Das Ergebnis: Unter der Kortison-Therapie veränderte der Blutdruck sich nicht signifikant, und die Betroffenen nahmen im Schnitt nur 1,1 Kilogramm mehr zu als die Teilnehmenden in der Kontrollgruppe. Ähnliches galt auch für Risikopatient:innen, die zu Studienbeginn bereits übergewichtig waren oder einen hohen Blutdruck hatten.
  • „Die Ergebnisse unserer Studie machen die Leitlinien nicht obsolet, denn Glukokortikoide können auch andere schwerwiegende Nebenwirkungen wie Osteoporose, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder eine Neigung zu Infektionen mit sich bringen“, resümiert Prof. Buttgereit. 

„Aber für viele Rheuma-Betroffene und auch ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte ist die Sorge vor einem Blutdruckanstieg und einer Gewichtszunahme ein wichtiges Entscheidungskriterium für oder gegen eine Kortison-Therapie. 

Das sollte sie jedoch nicht sein, weil beide Effekte – wie unsere Ergebnisse zeigen – keine große Relevanz haben. 

Stattdessen sollte die Entscheidungsfindung eher die anderen Nebenwirkungen in den Blick nehmen.“

Um das Für und Wider einer Therapie mit niedrig dosiertem Kortison künftig noch besser abwägen zu können, plant das Charité-Forschungsteam nun, zu weiteren Nebenwirkungen hochqualitative Daten zu sammeln. Als nächstes im Fokus: die Osteoporose.

*Palmowski A et al. The Effect of Low Dose Glucocorticoids Over Two Years on Weight and Blood Pressure in Rheumatoid Arthritis: Individual Patient Data from Five Randomized Trials. Ann Intern Med 2023 Jul 14. doi: 10.7326/M23-0192

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Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte:

https://www.acpjournals.org/doi/10.7326/M23-0192 Originalpublikation

https://rheumatologie.charite.de/ Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie



Dr. Boris Schmitz: Case Manager https://www.timely-project.com/ - Patienten nach Herzinfarkt

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Mit künstlicher Intelligenz Herzinfarkte vermeiden

Eine neue telemedizinische Plattform, die unter Beteiligung der Universität Witten/Herdecke entsteht, soll die Gesundheit von Patient:innen nach Herzinfarkt verbessern.

Rund 1,8 Millionen Menschen in der EU sterben jedes Jahr an den Folgen eines Herzinfarktes. 

Um Re-Infarkte zu vermeiden, bedarf es einer Umstellung der Ernährung und mehr körperlicher Aktivität. 

Doch klinische Untersuchungen zeigen, dass es vielen Betroffenen schwerfällt, ihren Lebensstil nachhaltig umzustellen und dass die Therapietreue mit wachsendem zeitlichen Abstand abnimmt. 

Das will die jetzt gestartete europaweite „TIMELY-Studie“

https://www.timely-project.com/

ändern, indem sie – gestützt auf eine künstliche Intelligenz (KI) – individuelle Ratschläge zum gesünderen Leben gibt und so die Versorgung von Herzinfarktpatient:innen nach ihrer Rehabilitation verbessert. 

„Mit unserer TIMELY-Plattform möchten wir den Patienten darin unterstützen, selbstverantwortlich, auch über die Rehabilitation und den Klinikaufenthalt hinaus, einen gesunden Lebensstil aufrechtzuerhalten“, erläutert Dr. Boris Schmitz, einer der TIMELY-Studienleiter. 

Er arbeitet an der DRV Klinik Königsfeld in Ennepetal, wo TIMELY mit dem Lehrstuhl für Rehabilitationswissenschaften (Leiter: Prof. Dr. med.
Frank Mooren) der Universität Witten/Herdecke (UW/H) erprobt wird.

PD Dr. Boris Schmitz
PD Dr. Boris Schmitz Foto: Privat

Mit Blutdruckmessgerät, Aktivitätstracker und EKG-Pflaster gegen neuen Infarkt

Die integrative und multifunktionale TIMELY-Plattform wird in einem EU-geförderten Projekt von insgesamt 13 Partnern, darunter BIOTRONIK, entwickelt. 

Die Datenauswertung und Risikoeinschätzung basiert auf den Leitlinien zur Sekundärprävention bei koronaren Herzkrankheiten (KHK).  

  • Mittels Blutdruckmessgerät, einem sogenannten Aktivitätstracker, sowie einem EKG-Pflaster ausgestattet, übermitteln KHK-Patient:innen ihre Vitalparameter. 

Über ein von der Berliner Firma Semdatex entwickeltes digitales Dashboard in der TIMELY-Plattform können Ärzt:innen, Therapeut:innen und Case Manager:innen auf diese Werte zugreifen und das individuelle Risikoprofil ihrer Patient:innen einsehen. Dieses wird automatisiert ausgewertet und interpretiert. Bei Bedarf kann die Therapie anschließend angepasst werden.

Für Patient:innen bietet die TIMELY-Plattform zahlreiche weitere Funktionen: 

Mithilfe künstlicher Intelligenz erhalten sie individuelle Empfehlungen für einen gesunden Lebensstil. Hierbei hilft ein von der Universität Amsterdam entwickelter Chatbot, der die Patient:innen begleitet und sie dabei unterstützt, die Ratschläge auch umzusetzen: Die situativ angepassten und individualisierten Nachrichten sollen motivierend wirken und die körperliche Aktivität steigern. Zudem bietet die Plattform die Möglichkeit, wöchentliche Trainingspläne zu erstellen und die Zielerreichung zu dokumentieren. „Ich erwarte mir von den Studienergebnissen eine Bestätigung der Sicherheit und Effektivität der TIMELY-Plattform und weitere Erkenntnisse über die Wirkung telemedizinischer Systeme im Bereich der Verhaltensänderungen“, so Dr. Jos Bosch, Professor für Psychologie an der Universität Amsterdam und Koordinator des TIMELY-Projektes.

Klinische Studie umfasst 360 Patient:innen in Deutschland, Spanien und den Niederlanden

In die TIMELY-Studie werden 360 erwachsene Patient:innen an insgesamt drei Studienzentren in Deutschland, Spanien und den Niederlanden eingeschlossen, die in einer kardiologischen Rehabilitation nachversorgt worden sind. 

Die Studie läuft bis Mitte 2024 – den primären Endpunkt bilden ein Biomarker-Score (Coropredict), der das Risiko für die Mortalität der nächsten 10 Jahre abbildet, sowie der 6-Minuten-Gehtest zur Beurteilung der körperlichen Leistungsfähigkeit. 

Zudem werden Änderungen im Ernährungs- und Bewegungsverhalten analysiert.

„Die telemedizinische Sekundärprävention von herzkranken Patienten hat sich im ambulanten und stationären Bereich bereits bewährt und gut etabliert“, kommentiert Roberto Belke, Geschäftsführer von BIOTRONIK Deutschland. 

„Ich bin überzeugt, dass es nun Zeit ist, auch den Bereich der Rehabilitation neu zu denken. 

Mit der TIMELY-Plattform bieten wir Patienten nach Herzinfarkt eine niedrigschwellige und kontinuierliche Unterstützung und damit mehr Sicherheit und Lebensqualität.“

Über TIMELY:

TIMELY wird im Rahmen des Horizon 2020 Research and Innovation Programms gefördert (Grant agreement ID: 101017424).
 

Mehr erfahren: https://www.timely-project.com/

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Die Universität Witten/Herdecke versteht sich seit 1983 als Bildungs- und Forschungsort, an dem Menschen wachsen können. Mehr als 3.000 Studierende entwickeln sich hier zu Persönlichkeiten, die die Gesellschaft verändern und gestalten wollen – nachhaltig und gerecht. Diese Veränderung streben wir auch als Institution an. Sie bildet den Kern unseres Leitbildes und ist Teil unserer DNA: Als die Universität für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft sind wir von Beginn an Vorreiterin in der Entwicklung und Anwendung außergewöhnlicher Lern- und Prüfungssettings.

In 16 Studiengängen und dem fächerübergreifenden WittenLab. Zukunftslabor Studium fundamentale lernen unsere Studierenden, den Herausforderungen der Zukunft ganzheitlich zu begegnen und aktuelle Entwicklungen kritisch zu hinterfragen. Unsere Forschung ist frei und transdisziplinär. Institute, Initiativen, Projekte, Kliniken und Ambulanzen erarbeiten innovative und praxisorientierte Lösungen, die zur positiven und sinnstiftenden Veränderung der Gesellschaft beitragen.

Wachsen und Wirken treibt uns an – mehr denn je: Here we grow!
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Univ.-Prof. Dr. Peter Lüdike: Fahrradergometrie: Herzschwäche - Herzinsuffizienz: Diastolische Herzinsuffizienz (hämodynamischen Verhältnis im Herz-Lungen-Kreislauf

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Herzschwäche: Fahrradergometrie für die Früherkennung

Herzschwäche, oder auch Herzinsuffizienz, gehört zu den Volkskrankheiten. 

In Deutschland leiden rund 4 Millionen Menschen daran. Herzinsuffizienzen bleiben jedoch häufig lange unerkannt, insbesondere dann, wenn es sich primär um eine Störung der Füllungs-und Entspannungsphase des Herzens handelt. 

  • Diese sogenannte diastolische Herzinsuffizienz wird oft erst in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert, macht aber ca. 50% aller Patient:innen mit Herzinsuffizienz aus.

Die Klinik für Kardiologie und Angiologie am Westdeutschen Herz- und Gefäßzentrum (WHGZ) der Universitätsklinik Essen hat deshalb bereits seit 2021 ein spezielles Hämodynamik-Herzkatheter-Labor eingerichtet, das von Dr. Dr. Simon Wernhart und Univ.-Prof. Dr. Peter Lüdike geleitet wird. 

In diesem Labor können mittels minimalinvasiver Rechtsherzkatheter-Diagnostik schon früheste Stadien dieser Erkrankung detektiert werden. 

Wissenschaftlich begleitet wurde die neue Einrichtung durch die DEST-HF Studie. 

  • Hier wurden Patient:innen untersucht, die unter Belastung an Luftnot litten und bei denen ein Verdacht auf eine frühe Form der diastolischen Herzinsuffizienz (HFpEF) bestand. 

Die Ergebnisse dieser Studie wurden nun im European Journal of Heart Failure publiziert, dem wichtigsten Journal im Bereich Herzinsuffizienz weltweit.

„Es ist wichtig, ein noch besseres Verständnis für die hämodynamischen Verhältnisse im Herz-Lungen-Kreislauf zu gewinnen. 

Deshalb hatten wir in unserer Studie vor allem die Zuverlässigkeit von etablierten Stresstest-Verfahren im Blick“, so Prof. Lüdike.

Alle Studienteilnehmer:innen wurden jeweils mit vier verschiedenen Untersuchungsmethoden getestet, um herauszufinden, mit welcher Technik die frühe Form der HFpEF am verlässlichsten detektiert werden kann. 

„Wir konnten zeigen, dass die Fahrradergometrie dazu am besten geeignet ist“, so Oberarzt Dr. Dr. Wernhart.

  • In der klinischen Routine werden häufig Verfahren wie Beinheben, Flüssigkeitsbelastung oder dynamischer Handgrip (eine Art Expanderübung für die Hand) eingesetzt. 
  • Die Fahrradergometrie war jedoch derart überlegen, dass mit den alternativen Methoden lediglich in knapp 11% der Fälle die korrekte Diagnose gestellt werden konnte“, so die Autoren. 
  • Sie empfehlen deshalb, bei Stresstests zur Detektion der HFpEF immer auch eine Fahrradergometrie durchzuführen, wenn weniger aufwändige Tests kein klares Ergebnis liefern.


Hinweis:
Für Interessierte wird der Schwerpunkt Rechtsherzkatheter Diagnostik am 08.09.2023 ab 16.00 Uhr (5 CME Punkte, Anmeldung online via

https://www.essen-heartfailure.de/ 

im Rahmen des traditionellen Symposiums Essen Heart Failure (Online Webinar) vertieft.


Originalpublikation:

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ejhf.2995

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Prof. Dr. Peter Berlit CAVE: Die chronische Einnahme von Protonenpumpenhemmer (PPI) kann chronische Erkrankungen verursachen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Daten der ARIC-Studie zeigen kumulatives Demenzrisiko bei langfristigem Gebrauch von Protonenpumpenhemmern

  • Protonenpumpenhemmer (PPI) werden weltweit relativ großzügig bereits bei leichten Magenbeschwerden und Sodbrennen eingenommen, um die Magensäure zu reduzieren. 
  • Der Dauergebrauch ist nicht selten, obwohl PPI dafür nicht zugelassen sind. 
  • Einige Studien zeigten in der Vergangenheit wiederholt Hinweise auf den möglichen Anstieg des Demenzrisikos durch PPI-Einnahme. 
  • Andere Erhebungen konnten dies nicht bestätigen, so auch zwei jüngere Metaanalysen. 
  • Die Auswertung von Daten aus der prospektiven, bevölkerungsbasierten, longitudinalen ARIC-Studie [1] liefert nun neue Evidenz, dass die kumulative Anwendung von PPI über einen Zeitraum von >4,4 Jahren mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert ist.
  • Protonenpumpenhemmer (PPI) reduzieren die Magensäureproduktion und werden zur Therapie der gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD) und bei Magengeschwüren eingesetzt. 

Empfohlen wird dabei die Behandlung von 4-8 Wochen. 

Obwohl für den Dauergebrauch keine Zulassung besteht, ist die chronische Einnahme von PPI weit verbreitet. 

In kleinen Mengen sind die Tabletten rezeptfrei erhältlich, aber auch die Verschreibungen nehmen in den letzten Jahrzehnten weltweit zu – so hat sich der PPI-Einsatz in den USA beispielsweise von 2002 bis 2009 verdoppelt [2].

Seit einiger Zeit wird die chronische Einnahme von PPI mit verschiedenen chronischen Erkrankungen in Verbindung gebracht wie Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen, chronische Nierenerkrankungen und Demenz. 

Für den Zusammenhang zwischen PPI-Konsum und Demenz zeigten bisherige Studien widersprüchliche Ergebnisse. 

Zwei aktuelle Metaanalysen konnten den Zusammenhang nicht bestätigen [3, 4]; die Qualität dieser Metaanalysen wird jedoch aus verschiedenen Gründen kritisiert, beispielsweise wegen der Heterogenität der eingeschlossenen Studien. So lag beispielsweise in vielen der Studien der Fokus gar nicht auf der Langzeit-PPI-Exposition (PPI-Nutzung war definiert als kurzfristige oder jegliche Verwendung während der Nachbeobachtungszeit).

Da die Entwicklung einer Demenz eine lange Latenzzeit aufweist, erscheint es aber sinnvoll, die kumulative Exposition (langfristig, aber auch regelmäßig kurzfristig) zu untersuchen. Die vorliegende Studie ging daher der Frage nach, ob eine längere kumulative PPI-Exposition mit einem höheren Risiko für Demenzerkrankungen einhergeht. Die verwendeten Daten stammen aus der prospektiven bevölkerungsbasierten longitudinalen ARIC-Studie („Atherosclerosis Risk in Communities“). Diese Langzeitstudie hat die umfassende Untersuchung der Ätiologie von Atherosklerose, kardiovaskulären Risikofaktoren sowie deren klinischen Folgen zum Ziel. Von 1987 bis 1989 wurden 15.792 Männer und Frauen im Alter von 45-64 Jahren in ARIC eingeschlossen.

Der PPI-Gebrauch wurde anhand einer visuellen Medikamentenerfassung bei sieben planmäßigen Klinikbesuchen zwischen 1987 und 2019 und jährlichen Studientelefonaten (ab 2012 halbjährlich) ermittelt. Die vorliegende Studie verwendet die ARIC-Visite 5 (2011 - 2013) als Basis, da ab dieser Zeit der PPI-Einsatz üblich war. Die PPI-Exposition wurde auf zwei Arten erfasst: aktuelle Verwendung bei Besuch 5 und Häufigkeit und Dauer der Verwendung vor Besuch 5. Bei Besuch 5 konnten (insgesamt 6.538 untersuchte Teilnehmende) 5.712 Personen ohne Demenz (Durchschnittsalter 75,4±5,1 Jahre; 58 % weiblich) in die Analyse einbezogen werden. Studienendpunkt war die Demenzinzidenz nach Visite 5, die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 5,5 Jahre. Die Ergebnisse wurden hinsichtlich demografischer Faktoren, Begleiterkrankungen und Begleitmedikationen statistisch adjustiert (d.h. Störeffekte herausgerechnet).

Die niedrigste kumulative PPI-Exposition aller Teilnehmenden betrug 112 Tage; die maximale 20,3 Jahre. Bei 585 Teilnehmenden wurde während des Follow-up eine Demenzdiagnose gestellt. Personen, die bei Besuch 5 aktuell PPI verwendeten, hatten kein höheres Demenzrisiko als diejenigen, die keine PPIs verwendeten.  

Personen mit einer kumulativen PPI-Einnahme von mehr als 4,4 Jahren vor Visite 5 hatten allerdings ein um 33% höheres Risiko (HR: 1,3) als diejenigen ohne PPI-Gebrauch.  

Bei geringerem PPI-Gebrauch (kumulativ <4,4 Jahre) gab es keine signifikanten
Assoziationen zum Demenzrisiko.

„Die Ergebnisse dieser Studie sind als Sicherheitssignal bei häufiger PPI-Einnahme ernst zu nehmen.  

Weitere Forschung ist aber dringend notwendig, um die Zusammenhänge zwischen dem kumulativen PPI-Einsatz und der Entwicklung von Demenz zu sichern und vor allem die Kausalität zu verstehen“, so Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. 

„Eine dauerhafte Verschreibung und die längerfristige Behandlung mit PPI ohne gesicherte Indikation sollte nicht erfolgen und die Patientinnen und Patienten sollten auf mögliche Risiken bei Langzeitgebrauch hingewiesen werden, auch in den Apotheken, da kleine PPI-Packungen frei käuflich sind.“

[1] Northuis C, Bell E, Lutsey P et al. Cumulative Use of Proton Pump Inhibitors and Risk of Dementia: The Atherosclerosis Risk in Communities Study. Neurology 2023 Aug 9; 10.1212/WNL.0000000000207747. doi: 10.1212/WNL.0000000000207747. Online ahead of print.
[2] Rotman SR, Bishop TF. Proton pump inhibitor use in the U.S. ambulatory setting, 2002-2009. PLoS One 2013; 8 (2): e56060
[3] Khan MA, Yuan Y, Iqbal U et al. No Association Linking Short-Term Proton Pump Inhibitor Use to Dementia: Systematic Review and Meta-analysis of Observational Studies. Am J Gastroenterol 2020; 115 (5): 671-678
[4] Hussain S, Singh A, Zameer S et al. No association between proton pump inhibitor use and risk of dementia: Evidence from a meta-analysis. J Gastroenterol Hepatol 2020; 35 (1): 19-28

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Pressesprecher: Prof. Dr. med. Peter Berlit
E-Mail: presse@dgn.org

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren über 11.500 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern und zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

Präsident: Prof. Dr. med. Lars Timmermann
Stellvertretende Präsidentin: Prof. Dr. med. Daniela Berg
Past-Präsident: Prof. Dr. med. Christian Gerloff
Generalsekretär: Prof. Dr. med. Peter Berlit
Geschäftsführer: David Friedrich-Schmidt
Geschäftsstelle: Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel.: +49 (0)30 531437930, E-Mail: info@dgn.org


Originalpublikation:

doi: 10.1212/WNL.0000000000207747


Prof. Andreas Roth: Transfusion - Blutungen - minimalem Blutverlust: Blutungsarme Endoprothesen einsetzen (Knie- oder Hüftprothesen)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Endoprothetik mit minimalem Blutverlust

Orthopäden am Universitätsklinikum Leipzig nutzen im Operationssaal neue Methoden, um Blutungen erfolgreich zu minimieren

  • Häufigkeit von Transfusionen auf nur drei Prozent gesenkt 

Prof. Andreas Roth (2.v.r.) während einer Operation. Der leitende UKL-Chirurg und sein Team der Endoprothetik setzen auf neueste Verfahren, die wesentlich seltener zu hohem Blutverlust bei Patient:innen führen.

Prof. Andreas Roth (2.v.r.) während einer Operation. Der leitende UKL-Chirurg und sein Team der Endoprothetik setzen auf neueste Verfahren, die wesentlich seltener zu hohem Blutverlust bei Patient:innen führen. Stefan Straube / UKL

Blutungsarm Endoprothesen einsetzen – diesem Ziel hat sich die Orthopädie am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) sehr erfolgreich verschrieben. 

  • Nach verschiedenen Umstellungen der Abläufe während und nach der Operation können die Chirurgen um Prof. Andreas Roth nicht nur den teilweise hohen Blutverlust beim Einsetzen einer Knie- oder Hüftprothese und Folgeprobleme wie Infektionen vermeiden, sondern so auch den Patient:innen schneller wieder auf die Beine helfen.

Hinter Prof. Andreas Roth und seinem Team liegen vier Jahre voller Umstellungen. 

So lange hat es gedauert, bis aus der ersten Anpassung der Abläufe im Operationssaal der Orthopäden im Universitätsklinikum Leipzig die heute fast blutverlustfreie Endoprothetik geworden ist. Jahre, in denen viele Fachrichtungen zusammengearbeitet haben und Neuerungen schrittweise eingeführt wurden. 

Das Ergebnis: Wir brauchen heute kaum noch Transfusionen, um den Blutverlust bei einer Hüft- oder Knieprothesen-Operation wieder aufzufangen“, beschreibt Prof. Roth, Leiter des Bereichs Endoprothetik/ Orthopädie. 

Dabei galt und gilt sein Fach als eher „blutige“ Chirurgie, bei der es im Gegensatz zu anderen eben nicht minimal-invasiv zugeht, das eine oder andere Gefäß betroffen ist und so manche Blutkonserve benötigt wird. „Endoprothetische Operationen waren oft mit einem beträchtlichen Blutverlust verbunden und führten dazu, dass bis zu 46 Prozent der Patient:innen während oder nach der Operation eine Bluttransfusion benötigten“, erläutert der erfahrene Orthopäde.

Für die Patient:innen bedeutet das eine längere Erholungszeit nach dem Eingriff, denn auch der Kreislauf muss erst wieder auf die Beine kommen. 

 „Zudem hat sich über die üblichen Drainagen zur Kontrolle, ob es vielleicht doch noch blutet, der Flüssigkeitsverlust oft auch in den folgenden Tagen fortgesetzt“, beschreibt Roth. Moderne Chirurgie, davon ist er überzeugt, sollte hier andere Lösungen suchen. Und er wurde fündig: Zum einen bei Verfahren zur subtilen Blutstillung während der Operation, die von den plastischen Chirurgen am UKL eingesetzt werden. 

„Dabei werden die Gefäße während des Eingriffs mit speziellen Methoden direkt verschlossen“, erklärt Roth. Dadurch dauere die Operation zwar bis zu 15 Minuten länger, aber „im Nachgang gibt es sehr viel weniger Hämatome, Schwellungen oder auch Infektionen im Operationsgebiet“. 

Roth lernte von den Kolleg:innen und stellte seine Technik bei den Patient:innen, wo dies möglich war, um. Andere Operateure folgten, so dass heute die überwiegende Mehrheit der Endoprothesen am UKL mit minimalem Blutverlust eingesetzt wird.  

Die Folge: Nur noch bei minimalen drei Prozent der endoprothetischen Operationen wird eine Bluttransfusion benötigt!

Blutwert- und Gerinnungskontrolle

  • Um das zu ermöglichen, mussten allerdings auch viele weitere Faktoren vor, während und nach der Operation wie die Kontrolle der Blutwerte, der Gerinnung, Anpassungen der Narkose bis hin zur Schmerzbehandlung verändert werden. 
  • So wird während der Operation Tranexamsäure (TXA) eingesetzt, ein spezielles Mittel, dass die Gerinnungsneigung kurzzeitig steigert und so Blutungen verhindert. 

„Dabei wird das individuelle Risiko der Patienten sorgfältig abgewogen und unter anderem auch entschieden, ob wir das Mittel systemisch oder nur lokal direkt am zu operierenden Gelenk einsetzen“, erläutert Privatdozent Dr. Christian Pfrepper. Der Gerinnungsspezialist hat die Orthopäden bei ihrem Vorhaben unterstützt und die Voraussetzungen geprüft, unter denen die dafür nicht explizit zugelassene medikamentöse Blutstillung zum Einsatz kommen kann. „Wir haben dann festgestellt, dass wir auf diese Weise sowohl eine hohe Patientensicherheit gewährleisten als auch effektiv Blutungen verhindern können.“ Die Risikoprüfung vorab fällt den Anästhesisten zu, die auch beurteilen, welche Narkose zum Einsatz kommen kann – Vollnarkose oder nur Teilnarkose des zu operierenden Beins. Zum Konzept gehört auch, die Nachwirkungen der Narkose so zu steuern, dass die Patienten schnell aufstehen und in Bewegung kommen können. „Das hat alles Vor- und Nachteile“, sagt der Anästhesist Prof. Robert Werdehausen, „deshalb wägen wir genau ab, was für den Einzelnen am besten ist.“ Denn wirksam ist das Maßnahmenpaket auf jeden Fall.

Transfusionsfrequenz von nur noch drei Prozent

  • So wirksam, dass derzeit nur noch bei bestimmten Risikopatienten vorsorglich Blutpräparate vor der Operation vorbereitet und bereitgestellt werden – statt für jeden, wie das vorher der Fall war. 

Bei bis zu 400 Operationen im Jahr macht das einen großen Unterschied. „Wir konnten die internen Richtlinien dazu anpassen, weil wir mit unserem Verfahren die Transfusionshäufigkeit bei endoprothetischen Operationen auf drei Prozent gesenkt haben“, erklärt Orthopädin Dr. Christina Pempe. 

Sie hat den Prozess von Anfang an begleitet und versucht ihn, weiter voranzutreiben: Auch vor der Operation kann dafür gesorgt werden, dass Transfusionen überflüssig werden. 

 Der Hämoglobinwert HB gibt uns dafür wichtige Hinweise.“ Bei einer Blutarmut, also einer Anämie, steigt trotz aller Maßnahmen das Risiko für Transfusionen, haben Auswertungen gezeigt. Also prüfen die UKL-Orthopäd:innen bereits in der Sprechstunde vor der Operation die Blutwerte und den HB-Wert. „Ist dieser zu niedrig, bitten wir die Hausärzte, bis zur OP die damit verbundene Anämie der Patient:innen zu behandeln“, erklärt Pempe. Klappt das, trägt auch dieser Baustein dazu bei, perfekte Bedingungen für das Gelingen der aufwändigen Implantation der Kunstgelenke zu schaffen.

Verzicht auf Drainagen

„Inzwischen nutzen wir das neue Verfahren zunehmend auch für die komplizierteren Operationen zum Wechsel einer Endoprothese“, so Dr. Christina Pempe weiter. Denn die Abläufe haben sich gut eingespielt – auch die nach dem Eingriff. 

  • Denn eine weitere Neuerung ist der Verzicht auf Drainagen, also die Ableitung von Flüssigkeit aus dem Gewebe über einen Katheter. 

 Da wir die Gefäße verschließen, benötigen wir diesen Schlauch unter der Haut nicht mehr“, beschreibt Prof. Andreas Roth. 

Dieser sollte bisher Schwellungen verhindern, aber auch eine Kontrolle möglicher Nachblutungen sicherstellen. 

Das wird nicht mehr gebraucht, dafür sorgt die Blutstillung während der Operation. 

Gleichzeitig können so Entzündungen vollständig vermieden werden. 

„Dadurch verhindern wir auch, dass sich Prothesen wieder lockern“, sagt der Orthopäde.

So verändern die Umstellungen bei der Operation auch die Routinen auf der Station: 

  • Drainagenkontrollen und -wechsel entfallen, dafür bekommen die Patient:innen eine
  • spezielle Kühlung in der Nachbetreuung, stehen viel schneller auf, um wieder in Bewegung zu kommen, und verlassen auch früher das Krankenhaus. 

„Das war ein nicht immer leichter gemeinsamer Lernprozess voller Umstellungen“, blickt Roth zurück, „der vermutlich auch nur in einem Klinikum wie dem unseren, wo so viele Expert:innen zusammenkommen, möglich war.“ 

Profitiert haben seine Patient:innen.

 „Wenn ich diese nach der Operation besuche, bin ich immer wieder selbst überrascht, wie gut es ihnen geht und wie schnell sie wieder beweglich sind.“ 

Dr. Christina Pempe im Gespräch mit einem Patienten. Die Fachärztin für Orthopädie / Unfallchirurgie hat den Prozess zur Etablierung des Verfahrens von Anfang an begleitet.

Dr. Christina Pempe im Gespräch mit einem Patienten. Die Fachärztin für Orthopädie / Unfallchirurgie hat den Prozess zur Etablierung des Verfahrens von Anfang an begleitet. Stefan Straube / UKL

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Neun verschiedene humane Herpesviren - Zentral für den Ausbruch von Krankheiten - nach einer langen Schlummerphase (Latenz)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Gekommen, um zu bleiben: 

Wie das Herpesvirus HCMV seine Wirtszellen austrickst

Einmal infiziert – immer infiziert: 

  • Herpesviren schlummern im Körper und können durch bestimmte Umstände reaktiviert werden. 
  • Das Herpesvirus HCMV ist besonders weit verbreitet, gut verträgliche und effektive antivirale Medikamente oder Impfungen gibt es nicht. 

Doch ein Forscherteam von FMP und Charité hat jetzt einiges über die Interaktion zwischen HCMV und seinen Wirtszellen herausgefunden, was auch für die Entwicklung antiviraler Wirkstoffe nützlich sein könnte. Die Arbeit ist soeben im Fachmagazin „Nature Microbiology“ im erschienen. 

Medizin am Abend Berlin - Zusatzfachlink: Labor von Varizella-Zoster-Virus (VZV) zählt zur Gruppe der Herpesviren 

Modell herpesviraler Virionen im Querschnitt

Modell herpesviraler Virionen im Querschnitt (zentral) und ungeschnitten (oben rechts). An der Oberfläche befinden sich virale Glykoproteine (rot) die in eine Membran (transparent) integriert sind. Die Membran umschließt verschiedene Tegumentproteine des Virus (grau) und assimilierte Wirtsproteine (rosa). Das virale Tegumentprotein UL32 ist gelb hervorgehoben. Im Zentrum des Virion befindet sich DNA (nicht dargestellt) die vom Nukleokapsid (blau) umschlossen ist. 

Modell herpesviraler Virionen im Querschnitt Yueheng Zhou, Absea Biotechnology

Herpesviren sind tückisch: 

Wer sich einmal damit infiziert, wird das Virus nie wieder los

Denn Herpesviren schlummern latent in bestimmten Wirtszellen im Körper und das ein Leben lang. 

Praktisch jeder Erwachsene trägt mindestens eines der neun verschiedenen humanen Herpesviren in sich, ohne es zu wissen. 

Durch Alter, Stress oder eine Abwehrschwäche kann das Virus reaktiviert werden und zu teils schweren Krankheiten führen. 

  • Herpesviren sind so erfolgreich, weil sie sich dem Menschen gut angepasst und effektive Strategien entwickelt haben, dem Immunsystem zu entkommen. 
  • Proteine, die der infizierten Zelle vortäuschen, dass sie gar nicht infiziert oder bedroht ist, spielen bei der Tarnung eine zentrale Rolle. 
  • So weiß man, dass jedes Herpesvirus ein schlagkräftiges Proteom, also ganz viele dieser Proteine, besitzt, das abgestimmt auf den Wirt seine effiziente Vermehrung direkt nach der Ansteckung ermöglicht. 

Das komplexe Proteom sorgt außerdem dafür, dass in der bereits infizierten Zelle mehrschichtige Partikel aufgebaut werden. 

Diese neu gebildeten Viren – auch Virionen genannt - enthalten sowohl zahlreiche virale Proteine als auch Wirtsproteine. 

Im Zentrum der Partikel befindet sich die virale DNA, die von einem Nukleokapsid umschlossen wird. Um dieses Kapsid wird eine Schicht zahlreicher weiterer Proteine gebildet, die man Tegument nennt.

Partikel kommen bei der Reaktivierung des Virus zum Zug

Die Partikel sind entscheidend dafür, dass sich das Virus nach einer wodurch auch immer ausgelösten Reaktivierung wieder vermehren und sich systemisch im Körper ausbreiten kann. 

  • Sie sind also zentral für den Ausbruch von Krankheiten – nach einer langen Schlummerphase (Latenz).

Über die innere Organisation dieser Partikel, insbesondere der Protein-Protein Interaktionen innerhalb des Teguments ist bislang aber nur wenig bekannt. Forschende vom Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) und der Charité-Universitätsmedizin Berlin haben sich darum die Partikel genauer angeschaut, und zwar beim Humanen Zytomegalievirus. HCMV oder HHV-5 kommt besonders häufig in der Bevölkerung vor und kann vor allem für Transplantatempfänger und ungeborene Kinder, die sich über die Mutter infizieren, richtig gefährlich werden. 

  • Trotz intensiver Forschung gibt es derzeit keine antivirale Therapie, die das Virus effektiv kontrollieren oder gar beseitigen könnte. 
  • Eine Impfung gegen diesen Virustyp gibt es ebenfalls nicht.


Karte zeigt, welche Proteine miteinander interagieren

In der aktuellen Arbeit hat das Team um Fan Liu (FMP) und Lüder Wiebusch (Charité) erstmals eine detaillierte Karte der räumlichen Interaktionen zwischen viralen und Wirtszellproteinen innerhalb der HCMV-Partikel erstellt. Dabei kam unter anderem heraus, dass bestimmte Wirtszellproteine von viralen Proteinen rekrutiert werden und eine Rolle bei der Virusvermehrung spielen. Ein virales Protein namens UL32 holt zum Beispiel ein zelluläres Protein (die Protein-Phosphatase , PP1) in den Partikel, um eine Bindung von anderen, unerwünschten, Wirtszellproteinen zu umgehen.

„HCMV selbst besitzt gar keine Phosphatasen wie PP1, daran kann man sehen, dass sich das Virus bestimmte Wirtszellproteine zu Nutze macht, um sich effizient zu vermehren“, erläutert FMP-Virologe Boris Bogdanow eine maßgebliche Strategie, wie HCMV seinen Wirt austrickst.

Um die Interaktionen zwischen den verschiedenen Proteinen in intakten HCMV-Partikeln Schicht für Schicht zu untersuchen, verwendeten die Forschenden eine Technik namens Cross-Linking-Massenspektrometrie. „Diese Methode erlaubt auch Rückschlüsse auf die Identität der Proteine“, betont Fan Liu, Expertin für Massenspektrometrie am FMP. 

„Das Besondere und einzigartige am Cross-Linking ist aber, dass wir sehen können, welche Proteine wo miteinander interagieren.“

Noch nie zuvor wurde diese innovative Technologie genutzt, um die räumliche Organisation von Interaktionen innerhalb herpesviraler Partikel zu kartografieren.

Mit den so gewonnenen Daten wurde an der FU Berlin von Mohsen Sadeghi anschließend ein Computer-Modell des HCMV Partikels erstellt. Das virtuelle Modell ermöglicht die Simulation jedes einzelnen Proteins innerhalb des Partikels und visualisiert die biophysikalischen Prozesse auf anschauliche Weise.

„Die identifizierten Protein-Protein Interaktion sind wichtig, um den komplexen Lebenszklus von HCMV besser zu verstehen“, ordnet Boris Bogdanow die Ergebnisse ein. „Und das wiederum ist wichtig, um Kandidaten für anti-virale Medikamente gegen HCMV zu finden.“

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Prof. Dr. Fan Liu
Forschungseinheit: Structural Interactomics
Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP)
fliu@fmp-berlin.de
Tel.: 0049 30 94793-141
https://leibniz-fmp.de/liu

Silke Oßwald Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP)

Robert-Rössle-Str. 10
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Fax: 030 / 94793 - 109
E-Mail-Adresse: osswald@fmp-berlin.de
Originalpublikation:

Boris Bogdanow, Iris Gruska, Lars Mühlberg, Jonas Protze, Svea Hohensee, Barbara Vetter, Jens Bosse, Martin Lehmann, Mohsen Sadeghi, Lüder Wiebusch, Fan Liu (2023) Spatially resolved protein map of intact human cytomegalovirus virions.
Nature Microbiology DOI: 10.1038/s41564-023-01433-8