Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Magenbypass bei Adipositas: Ein Drittel weniger Gewicht, bessere Lebensqualität und Leistungsfähigkeit
In der Würzburger Adipositas Studie (WAS) vergleicht ein
interdisziplinäres Team am Universitätsklinikum Würzburg die Effekte
einer Magenbypass-Operation gegenüber einer intensiven und
psychotherapiegestützten Lebensstil-Intervention.
- Es ist weltweit die
erste randomisierte Studie zur Adipositas-Chirurgie, in der als
Endpunkte die kardiopulmonale Leistungsfähigkeit sowie die
Lebensqualität definiert wurden.
Die eindrucksvollen Ergebnisse wurden
jetzt in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Metabolism“ veröffentlicht.
Heike Reidinger nahm im Rahmen der Würzburger Adipositas Studie (WAS)
insgesamt 40 Kilogramm ab. Begleitet wurde sie von der Studienärztin
Ann-Cathrin Koschker. Daniel Peter Daniel Peter / UKW
Der Leidensdruck von Menschen mit starkem Übergewicht ist
groß.
Neben der Stigmatisierung und eingeschränkten Lebensqualität
kommen Begleiterkrankungen wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
hinzu.
Eine so genannte bariatrische Chirurgie kann Erleichterung
schaffen und das Gesamtüberleben verbessern.
In der Würzburger
Adipositas-Studie, kurz WAS, wurden die positiven Effekte einer
Magenbypass-Operation auf die Lebensqualität und Herz-Lungen-Funktion
gegenüber einer intensiven Lebensstil-Intervention nun erstmals
randomisiert belegt.
Die Ergebnisse hat das interdisziplinäre
Studienteam des Uniklinikums Würzburg erwartet, aber spektakulär sei
laut WAS-Team, dass diese erstmals formal belegt werden konnten.
Erste randomisierte Studie zur Adipositas-Chirurgie mit Endpunkten zur kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit und Lebensqualität
„Zur Adipositas-Chirurgie gibt es nur eine Handvoll randomisierter
Studien, da die Rekrutierung sehr schwierig ist“, berichtet Prof. Dr.
Martin Fassnacht, Leiter des Lehrstuhls Endokrinologie und Diabetologie
in der Universitätsmedizin Würzburg. „Entweder wollen die Patientinnen
und Patienten die Operation unbedingt, oder sie lehnen sie aus Angst vor
dem irreversiblen Eingriff und den damit verbundenen
Lebensveränderungen ab. Da möchten nur wenige mittels Zufallsmechanismus
einer Gruppe zugeordnet werden. Darüber hinaus muss bei jedem
Studienteilnehmenden eine Indikation sowie eine Kostenzusage der
Krankenkasse für einen bariatrischen Eingriff vorliegen.“ Unter anderem
deshalb hat es eine randomisierte Studie zur Adipositas-Chirurgie mit
den Endpunkten Lebensqualität und kardiopulmonaler Belastungsfähigkeit
bisher noch nicht gegeben.
Man muss bereit sein für eine Roux-en-Y-Magenbypass Operation
Dr. Ann-Cathrin Koschker, Oberärztin der Endokrinologie am UKW, hat es
geschafft, insgesamt 60 Patientinnen und Patienten mit schwerem
Übergewicht für die Studie zu randomisieren und sie über viereinhalb
Jahre in der Studie betreut. Die Mehrzahl der Studienteilnehmenden (88
%) war weiblich, der durchschnittliche BMI lag bei 48 (kg/m2). Nach
einer sechs- bis zwölfmonatigen Vorlaufphase erhielten 22
Studienteilnehmende einen Roux-en-Y-Magenbypass (RYGB) und 24 eine
psychotherapiegestützte Lebensstil-Intervention (PELI).
Bei der nach dem
Schweizer Chirurgen César Roux benannten Operationsmethode wird der
Magen verkleinert und die Nahrung durch eine künstlich angelegte,
Y-förmige Verbindung an großen Teilen des Magens und des Dünndarms
vorbeigeleitet.
- Als Folge des Eingriffs kann weniger Nahrung aufgenommen
werden und der Darmhormonhaushalt ändert sich massiv.
„Bestimmte
Nahrungsmittel wie Fleisch und Süßigkeiten werden dann oft nicht mehr
gut vertragen“, erklärt Ann-Cathrin Koschker die „Nebenwirkungen“ eines
Magenbypasses. „Nach einem Jahr vertragen zwar viele wieder vieles, aber
eben nicht alle alles, und man weiß vorher nicht, zu welcher Gruppe man
gehört. Man muss wirklich bereit sein für diese Umstellung.“
Von 136 kg auf 89 kg: fast 3 Wasserkästen, die man weniger mit sich herumträgt
WAS hat den beachtlichen Gewichtsverslust nach dem chirurgischen
Eingriff noch einmal eindrucksvoll belegt. „Während die Teilnehmenden
der PELI-Gruppe durch die Intervention mit ausführlicher
Ernährungsberatung und engmaschiger psychotherapeutischer Begleitung
immerhin im Schnitt 2 Kilogramm innerhalb eines Jahres abnahmen,
verloren die Probandinnen und Probanden mit Magenbypass 34 Prozent ihres
Körpergewichts“, schildert Ann-Cathrin Koschker. Im Schnitt waren die
Teilnehmenden in der chirurgischen Gruppe
1,67 Meter groß, wogen zu
Beginn
136 Kilogramm und
brachten ein Jahr nach der Operation 47
Kilogramm weniger auf die Waage. Ihr BMI sank von 49 auf 31 kg/m2. „Das
sind fast drei handelsübliche Wasserkästen*, die man weniger mit sich
herum trägt“, rechnet Martin Fassnacht vor.
Bessere Sauerstoffaufnahme, Fitness und Lebensqualität
Und tatsächlich hat sich der eklatante Gewichtsverlust in der
RYGB-Gruppe sichtlich positiv auf die Lebensqualität, Herzfunktion und
Begleiterkrankungen ausgewirkt. „Wir haben im Herzultraschall, der so
genannten Echokardiografie, gesehen,
dass die Masse des Herzmuskels im
Verlauf eines Jahres um 32 Gramm zurückging. Das war ein unerwartet
starker Effekt“, meint Prof. Dr. Stefan Störk, Leiter der Klinischen
Forschung am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZH).
Stefan Störk hat gemeinsam mit Martin Fassnacht die Adipositas-Studie
geleitet.
Die Abnahme der linksventrikulären Herzmuskelmasse hat sich
wiederum auf die Leistungsfähigkeit ausgewirkt. Bei der
Spiroergometrie
auf dem Laufband, einem
Belastungs-EKG mit gleichzeitiger
Messung der
Atemgase, konnten die RYGB-Operierten ihre Sauerstoffaufnahme um 4,3
ml/min/kg steigern. Beim
6-Minuten-Gehtest schafften sie 44 Meter mehr
als noch vor der Operation. Die PELI-Gruppe fühlte sich nach der
intensivierten Lebensstil-Intervention ebenfalls etwas fitter, legte im
Schnitt sechs weitere Meter innerhalb der vorgegebenen sechs Minuten
zurück und berichtete eine leicht verbesserte Lebensqualität. Bei den
Operierten jedoch fiel diese Verbesserung mit +40 Punkten auf der
Physical Functioning Scale (Fragebogen zum Gesundheitszustand SF-36),
wesentlich deutlicher aus als in der PELI-Gruppe mit +10 Punkten. „Damit
war die Lebensqualität der Operierten praktisch wieder so gut wie die
von gesunden Normalpersonen“, konstatiert Dr. Bodo Warrings, der die
psychotherapeutische Intervention begleitet hat. „Wichtig ist aber, dass
die Operation in einen Gesamt-Therapieplan mit
Lebensstil-Interventionen integriert wird“, fügt der Psychiater und
Psychotherapeut am Zentrum für Psychische Gesundheit hinzu.
Effekte haben klinische Relevanz
„Die Größe der beobachteten Effekte deutet übereinstimmend darauf hin,
dass diese Veränderungen klinisch relevant sind“, betont Martin
Fassnacht. Beeindruckend seien zum Beispiel
die Auswirkungen auf den
Blutdruck nach dem chirurgischen Eingriff und dem damit einhergehenden
Gewichtsverlust: obwohl die RYGB-Gruppe nach der OP weniger
Blutdruckmedikamente als die PELI-Gruppe einnahm, hatte sie niedrigere
Blutdruckwerte.
Viele Belastungen weniger
„15 Patientinnen und Patienten aus der PELI-Gruppe nahmen übrigens das
Angebot war und ließen sich nachträglich operieren“, bemerkt Ann-Cathrin
Koschker. „Und auch bei ihnen bestätigten sich ganz klar die positiven
Effekte der bariatrischen Chirurgie.“ Wie bei Heike Reidinger (42) aus
Elfershausen bei Bad Kissingen. Die Mutter von drei Kindern und einem
damaligen Ausgangsgewicht von 135 Kilogramm war zunächst in der
PELI-Gruppe und fühlte sich dort schon sehr gut aufgehoben mit all ihren
Problemen, die ihr Übergewicht, mit sich gebracht hatte – von
Bluthochdruck, Herz-Kreislaufbeschwerden und beginnendem Diabetes über
Kniegelenks-Schmerzen bis hin zur psychischen Belastung. Jedes Modul sei
wertvoll gewesen, sagt sie rückblickend, aber vor allem die
psychotherapeutische Betreuung habe ihr gutgetan. Eine Anlaufstelle zu
haben, um „aufzuräumen“, sei von immenser Bedeutung. Während der
intensiven Lebensstil-Intervention hat sie innerhalb eines Jahres zwölf
Kilogramm abgenommen. Das war schon beachtlich, ihr jedoch zu wenig und
vor allem zu schwankend. „Der Magenbypass im Anschluss war schließlich
die beste Entscheidung“, strahlt sie heute, 40 Kilogramm leichter,
topfit und glücklich. Ihr eindrücklichstes Erlebnis nach dem starken
Gewichtsverlust: „Ich kann wieder problemlos Treppensteigen und aus der
Hocke aufstehen!“ Als das damals nicht mehr ging, habe sie sich an das
Adipositaszentrum des Uniklinikums gewandt.
Paradebeispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit

In der Diätküche der Medizinischen Klinik I am Uniklinikum Würzburg
erhielt Heike Reidinger eine umfassende Ernährungsberatung.
Studienärztin Ann-Cathrin Koschker erläutert, wie wichtig Proteine beim
Abnehmen sind. Daniel Peter Daniel Peter / UKW
Die monozentrische Studie wurde mit dem Deutschen Zentrum für
Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI) entwickelt und vom Bundesministerium
für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Sie ist ein Paradebeispiel
für interdisziplinäre Zusammenarbeit. Denn an WAS waren neben der
Kardiologie, Endokrinologie, Chirurgie und Psychiatrie auch die
Hepatologie, Pulmonologie und Radiologie beteiligt. Die Ergebnisse
wurden im Journal Metabolism veröffentlicht: Effect of bariatric surgery
on cardio-psycho-metabolic outcomes in severe obesity: A randomized
controlled trial; DOI:
https://doi.org/10.1016/j.metabol.2023.155655
*mit zwölf gefüllten 0,7 l Glasflaschen
Originalpublikation:
Effect of bariatric surgery on cardio-psycho-metabolic outcomes in severe obesity: A randomized controlled trial; DOI: https://doi.org/10.1016/j.metabol.2023.155655
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