Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Akute Myeloische Leukämie: Bundesweite klinische Studie stellt internationalen Therapie-Standard in Frage
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Vor einer allogenen Stammzelltransplantation zur Behandlung einer
Akuten Myeloischen Leukämie (AML) gilt eine Komplettremission bislang
als Goldstandard.
- Eine bundesweite klinische Studie zeigt nun erstmals,
dass dieses Vorgehen keinen Vorteil für das krankheitsfreie Überleben
und das Gesamtüberleben bringt.
Ein alternativer Ansatz aus
vorbereitender Therapie und anschließender sofortiger Übertragung der
Stammzellen kann Nebenwirkungen verringern und Krankenhausaufenthalte
verkürzen.
Prof. Dr. Johannes Schetelig (r.), Leiter der DKMS Clinical Trials
Unit, Leiter Bereich Stammzelltransplantation am Universitätsklinikum
Carl Gustav Carus Dresden. Tobias Ebert © Tobias Ebert für die DKMS
Zu diesem wichtigen Ergebnis kam die von Forschenden des
Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden und am Nationalen
Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC) geleitete Studie.
Die
Studie wurde von der DKMS als arzneimittelrechtlicher Sponsor ermöglicht
und organisiert und von der Studienallianz Leukämie (SAL) und der
Kooperativen Deutschen Transplantationsstudiengruppe getragen. Prof.
Johannes Schetelig, Leiter des Bereichs Stammzelltransplantation am
Universitätsklinikum Dresden und Leiter der klinischen Forschungseinheit
der DKMS, stellte die Erkenntnisse aus der Studie am 11. Dezember beim
weltgrößten Hämatologiekongress – der Jahrestagung der American Society
of Hematology (ASH) – in New Orleans (Louisiana) vor.
Bei Patientinnen und Patienten mit einer Akuten Myeloischen Leukämie
wird bislang vor einer Transplantation nicht-patienteneigener
(allogener) Blutstammzellen versucht, mit einer Hochdosis-Chemotherapie
die Erkrankung so weit zurückzudrängen, dass keine Leukämiezellen mehr
nachweisbar sind (Komplettremission).
In einer groß angelegten
bundesweiten Studie, die maßgeblich von der gemeinnützigen Organisation
DKMS finanziert worden ist, konnte ein Forscherteam nun erstmals zeigen,
dass die bisher angestrebte Komplettremission keinen signifikanten
Vorteil für das Gesamtüberleben und das krankheitsfreie Überleben
bringt.
Vielmehr deutet die Studie darauf hin, dass bei Vorhandensein
eines HLA-kompatiblen Spenders (übereinstimmende Gewebemerkmale – human
leukocyte antigens – auf der Oberfläche der weißen Blutzellen) eine
12-tägige vorbereitende Chemotherapie mit anschließender sofortiger
Transplantation vergleichbare Behandlungsergebnisse bei geringeren
Nebenwirkungen und kürzeren Klinikaufenthalten bringt.
„Die Ergebnisse unserer Studie bringen einen internationalen Standard
der Leukämietherapie ins Wanken und waren auch für uns überraschend“,
betont Studienleiter Prof. Johannes Schetelig.
„Sie legen nahe, dass bei
Verfügbarkeit eines HLA-kompatiblen Stammzellspenders die
Transplantation so schnell wie möglich erfolgen sollte, auch wenn im
Körper der Patientin oder des Patienten weiterhin Leukämiezellen
nachweisbar sind.
- Eine sofortige Transplantation ohne zuvor angestrebte
vollständige Zurückdrängung der Erkrankung kann Nebenwirkungen insgesamt
verringern und Krankenhausaufenthalte verkürzen.“
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„Die allogene Stammzelltransplantation ist die effektivste
Behandlungsmöglichkeit bei Patienten mit therapieresistenter oder
wiederkehrender AML.
- Die bislang angestrebte vorherige Komplettremission
ist selbst mit intensiven Chemotherapien nur bei etwa 50 Prozent der
Betroffenen überhaupt erreichbar.
Ist die entsprechende Behandlung nicht
erfolgreich, erhalten Patienten in Deutschland oft weitere Therapien
mit ähnlich unbefriedigenden Erfolgschancen.
Alternativ kann auf das
Ziel einer Komplettremission verzichtet werden und nach entsprechender
Vorbehandlung direkt eine Stammzelltransplantation angeboten werden“,
sagt Erstautor Prof. Matthias Stelljes, Leiter des Bereichs
Knochenmarktransplantation am Universitätsklinikum Münster.
„In anderen
Ländern mit weniger umfassender Gesundheitsversorgung erfolgt nach
gescheiterter Komplettremission auch aus Kostengründen häufig keine
Stammzelltransplantation mehr.
Der Verzicht auf diesen kostenintensiven
Zwischenschritt könnte somit weltweit mehr AML-Patienten die Möglichkeit
einer Stammzelltransplantation eröffnen, die vielfach die einzige
Chance auf Heilung bedeutet.“
In der Studie wurden 276 erwachsene AML-Patientinnen und -Patienten
behandelt, die aufgrund eines schlechten Ansprechens auf die initiale
Chemotherapie oder eines Rückfalls eine allogene
Stammzelltransplantation erhalten sollten.
Bei allen Erkrankten war
bereits ein Spender gefunden oder die Spendersuche weit fortgeschritten.
Nach dem Zufallsprinzip wurden die Studienteilnehmenden in zwei etwa
gleich große Gruppen eingeteilt.
Bei Gruppe 1 wurde in Vorbereitung auf
die Transplantation versucht, eine Komplettremission zu erzielen.
Bei
Patientinnen und Patienten der Gruppe 2 erfolgte bei Vorliegen eines
Spenders eine 12-tägige vorbereitende Therapie und anschließende
sofortige Transplantation.
In der ersten Gruppe konnte bei 46 Prozent
der Erkrankten eine Komplettremission erzielt werden. Bei 5 Prozent der
Betroffenen wurde ein zweiter Versuch unternommen, mittels hochdosierter
Chemotherapie eine Komplettremission zu erreichen, die übrigen
Patientinnen und Patienten erhielten ohne diesen weiteren Versuch eine
vorbereitende Therapie und Stammzelltransplantation.
In Gruppe 1 lag der
mittlere Zeitraum bis Transplantationsbeginn bei acht Wochen.
In der
zweiten Gruppe erfolgte die Transplantation im Mittel nach vier Wochen.
Das leukämiefreie Überleben ein Jahr nach der Transplantation zeigte
keine signifikanten Unterschiede zwischen beiden Gruppen (69 % vs. 71,5
%), ebenso wie das Gesamtüberleben ein Jahr und drei Jahre nach
Studieneinschluss (71,9 % vs. 69,1 % und 54,2 % vs. 51 %).
„Die für die AML-Therapie aufgezeigte Perspektive, Nebenwirkungen und
Krankenhausaufenthalte bei gleich guten Behandlungsergebnissen zu
reduzieren, ist richtungsweisend“, sagt Prof. Michael Albrecht,
Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus.
„Die
aktuelle Studie ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass von der
Dresdner Krebsforschung mittlerweile Impulse ausgehen, von denen
Patienten weltweit profitieren. Noch vor 25 Jahren hätte das kaum jemand
für möglich gehalten!“
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Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
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Nationales Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC)
Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC) ist eine
gemeinsame Einrichtung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), des
Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden, der Medizinischen
Fakultät der Technischen Universität Dresden und des Helmholtz-Zentrums
Dresden-Rossendorf (HZDR).
Das NCT hat es sich zur Aufgabe gemacht, Forschung und Krankenversorgung
so eng wie möglich zu verknüpfen. Damit können Krebspatienten an den
NCT-Standorten auf dem jeweils neuesten Stand der wissenschaftlichen
Erkenntnisse behandelt werden. Gleichzeitig erhalten die Wissenschaftler
durch die Nähe von Labor und Klinik wichtige Impulse für ihre
praxisnahe Forschung. Gemeinsamer Anspruch der NCT-Standorte ist es, das
NCT zu einem internationalen Spitzenzentrum der patientennahen
Krebsforschung zu entwickeln. Das Dresdner Zentrum baut auf den
Strukturen des Universitäts KrebsCentrums Dresden (UCC) auf, das 2003
als eines der ersten Comprehensive Cancer Center (CCC) in Deutschland
gegründet wurde. Seit 2007 wurde das Dresdner Zentrum von der Deutschen
Krebshilfe e.V. (DKH) kontinuierlich als „Onkologisches Spitzenzentrum“
ausgezeichnet.
Über die DKMS:
Die DKMS ist eine internationale gemeinnützige Organisation, deren Ziel
es ist, weltweit so vielen Blutkrebspatient:innen wie möglich eine
zweite Lebenschance zu geben. Sie wurde 1991 in Deutschland von Dr.
Peter Harf gegründet und sorgt seither dafür, dass immer mehr
Patientinnen und Patienten eine lebensrettende Stammzellspende erhalten.
In der DKMS sind mehr als 11,5 Millionen potenzielle Spenderinnen und
Spender registriert, bis heute hat die Organisation mehr als 100.000
Stammzellspenden vermittelt. Die DKMS ist außer in Deutschland in den
USA, Polen, UK, Chile, Indien und Südafrika aktiv.
Durch internationale Projekte und Hilfsprogramme verschafft die DKMS
noch mehr Menschen weltweit Zugang zu einer lebensrettenden Therapie.
Darüber hinaus engagiert sich die DKMS in den Bereichen Medizin,
Wissenschaft und Forschung, um die Heilungschancen von Patient:innen zu
verbessern. In ihrem Hochleistungslabor, dem DKMS Life Science Lab,
setzt die Organisation weltweit Maßstäbe für die Typisierung
potenzieller Stammzellspender:innen, um so das perfekte Match für eine
Transplantation zu finden.
Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)
Das DKFZ ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die
größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1.300
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs
entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien,
die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue
Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten
erfolgreicher behandelt werden können.
Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene,
interessierte Bürger und Fachkreise individuelle Antworten auf alle
Fragen zum Thema Krebs.
Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken betreibt das DKFZ
das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an den Standorten
Heidelberg und Dresden, in Heidelberg außerdem das
Hopp-Kindertumorzentrum KiTZ. Im Deutschen Konsortium für Translationale
Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für
Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben
universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter
Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines
Helmholtz-Zentrums an den NCT- und den DKTK-Standorten ist ein wichtiger
Beitrag, um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die
Klinik zu übertragen und so die Chancen von Krebspatienten zu
verbessern.
Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und
Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und
ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden bietet medizinische
Betreuung auf höchstem Versorgungsniveau. Als Krankenhaus der
Maximalversorgung deckt es das gesamte Spektrum der modernen Medizin ab.
Das Universitätsklinikum vereint 20 Kliniken und Polikliniken, vier
Institute und zehn interdisziplinäre Zentren, die eng mit den klinischen
und theoretischen Instituten der Medizinischen Fakultät
zusammenarbeiten.
Mit 1.295 Betten und 160 Plätzen für die tagesklinische Behandlung von
Patienten ist das Dresdner Uniklinikum das größte Krankenhaus der Stadt
und zugleich das einzige Krankenhaus der Maximalversorgung in
Ostsachsen. Rund 860 Ärzte decken das gesamte Spektrum der modernen
Medizin ab. 1.860 Schwestern und Pfleger kümmern sich um das Wohl der
Patienten. Wichtige Behandlungsschwerpunkte des Uniklinikums sind die
Versorgung von Patienten, die an Krebs, an Stoffwechsel- und an
neurodegenerativen Erkrankungen.
Deutschlands größter Krankenhausvergleich des Nachrichtenmagazins
„Focus“ bescheinigt dem Universitätsklinikum Carl Gustav Dresden eine
hervorragende Behandlungsqualität. Die Dresdner Hochschulmedizin belegt
deshalb Platz zwei im deutschlandweiten Ranking.
Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden
Die Hochschulmedizin Dresden, bestehend aus der Medizinischen Fakultät
Carl Gustav Carus und dem gleichnamigen Universitätsklinikum, hat sich
in der Forschung auf die Bereiche Onkologie, metabolische sowie
neurologische und psychiatrische Erkrankungen spezialisiert. Bei diesen
Schwerpunkten sind übergreifend die Themenkomplexe Degeneration und
Regeneration, Imaging und Technologieentwicklung, Immunologie und
Inflammation sowie Prävention und Versorgungsforschung von besonderem
Interesse. Internationaler Austausch ist Voraussetzung für
Spitzenforschung – die Hochschulmedizin Dresden lebt diesen Gedanken mit
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus 73 Nationen sowie zahlreichen
Kooperationen mit Forschern und Teams in aller Welt.
