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Prof. Dr. Claudia Christ: Bio-psycho-somatischen-sozialen Anamnese für ein biografisches Verständnis des menschlichen Krankseins

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Psychosomatik oder Somatopsyche: 

Balancemodell ermöglicht biographisches Verständnis von Krankheit

Ärzte sollten ihren Blick auf den gesamten Menschen richten, so das Fazit des Seminars „Psychosomatik oder Somatopsyche“ auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag 2022. 

  • Referentin Prof. Dr. Claudia Christ empfahl das Balancemodell zur bio-psycho-somatischen-sozialen Anamnese für ein biografisches Verständnis des menschlichen Krankseins. 

Frühkindlicher Stress als Auslöser von psychosomatischen Beschwerden war ebenfalls Thema des Seminars. 

Um wissenschaftliche Erkenntnisse auch anderen Fachrichtungen zugänglich zu machen, kooperiert die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) mit der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (DGPM).

  • „Das Balancemodell erfasst die Bereiche Körper und Sinne, Beruf und Finanzen, Kontakte und Familie, Werte und Normen. 
  • So erhalten wir eine gute Sichtweise auf Patienten – ihre Einstellung zu sich selbst, zur Leistung, ihre Beziehung zu Anderen, ihre Fähigkeiten, Grenzen, Ziele und Visionen – ohne den Begriff Psyche mit seinen negativen Assoziationen zu verwenden“, so Christ. 
  • Auch die Analyse des Sinns von Symptomen und die Abfrage von Lebensstufen und Lebensereignissen wie Kindheit, Jugend, eine Trennung oder der Tod des Partners seien wichtig für eine ganzheitliche Betrachtung. 
  • „Wenn wir neugierig werden auf den Patienten und schauen, wer sich dahinter versteckt, dann gelingt eine patientenzentrierte Therapie besser“. 

Die Psychotherapeutin rät Patienten zum Perspektivenwechsel: 

„Wer etwas haben möchte, was er noch nie gehabt hat, muss etwas tun, was er noch nie getan hat.“ 

  • Für Patienten gehe es darum, in kleinen Schritten die Komfortzone zu verlassen, um Veränderungen herbeizuführen.


Krankheit kränkt und Kränkung macht krank

  • Kränkungen wie „Du bist nicht gut genug“ können innerpsychischen Druck erzeugen, Schmerzen verursachen und letztendlich auch physisch krank machen. 
  • Umgekehrt können Krankheiten Kränkungen hervorrufen. 

„Wenn der Körper nicht mehr funktioniert, sei es, weil wir älter werden, weil wir chronische Schmerzen haben oder ein medizinischer Eingriff posttraumatische Folgen hat, macht das Angst und frustriert“, so Christ. 

  • Für ein besseres Verständnis des Patienten sei es wichtig, die bio-emotional-soziale Verfassung abzufragen. 
  • Neben die organmedizinische Diagnose trete die Beziehungsdiagnose und damit die Gesamtsicht auf den Menschen.


Frühkindlicher Stress und seine negativen Folgen

Frühkindliche Erfahrungen wie häusliche Gewalt, Sucht, Vernachlässigung, unsichere Bindung oder sexueller Missbrauch haben Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung und können beispielsweise zu somatoformen Beschwerden wie Schlafstörungen, Schmerzstörungen, autonomen Funktionsstörungen der inneren Organe, Funktionsstörungen des Bewegungsapparates und funktionellen Beschwerden führen. 

Die Betrachtung von frühkindlichem Stress sei deshalb ebenfalls wichtiger Bestandteil der Anamnese, sagte Christ.

Curriculum Psychosoziale Aspekte des Schmerzes

Weiterführende Links:
www.schmerz-und-palliativtag.de
www.dgschmerzmedizin.de

***

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) ist mit rund 4.000 Mitgliedern und 120 Schmerzzentren die führende Fachgesellschaft zur Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen. In enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Schmerzliga e. V. ist es ihr vorrangiges Ziel, die Lebensqualität dieser Menschen zu verbessern – durch eine bessere Diagnostik und eine am Lebensalltag des Patienten orientierte Therapie. Dafür arbeiten die Mitglieder der DGS tagtäglich in ärztlichen Praxen, Kliniken, Schmerzzentren, Apotheken, physiotherapeutischen und psychotherapeutischen Einrichtungen interdisziplinär zusammen. Der von der DGS gestaltete jährlich stattfindende Deutsche Schmerz- und Palliativtag zählt seit 1989 auch international zu den wichtigen Fachveranstaltungen und Dialogforen. Aktuell versorgen etwa 1.321 ambulant tätige Schmerzmediziner die zunehmende Zahl an Patienten. Für eine flächendeckende Versorgung der rund 3,9 Millionen schwerstgradig Schmerzkranken wären mindestens 10.000 ausgebildete Schmerzmediziner nötig. Um eine bessere Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen zu erreichen, fordert die DGS ganzheitliche und bedürfnisorientierte Strukturen – ambulant wie stationär – sowie eine grundlegende Neuorientierung der Bedarfsplanung.

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Prof. Dr. Jan Tuckermann: Onkogen- Krebs-Gen - Tumorwachstum - Onkogen RAS

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Tumorhemmende Wechselwirkung an der Zellmembran: Glucocorticoid-Rezeptor und RAS-Onkogen bremsen Krebsentstehung aus

In nicht-kleinzelligen Lungentumoren oder anderen Krebsarten findet sich oftmals das Onkogen RAS. 

Dieses „Krebs-Gen“ befeuert das Tumorwachstum und lässt sich bislang nicht gezielt ausschalten. 

Doch nun haben Forschende der Universität Ulm eine neue Funktion des so genannten Glucocorticoid-Rezeptors entdeckt: 

Im Zusammenspiel mit RAS-Proteinen auf der zytoplasmatischen Seite der Zellmembran kann der Rezeptor das Tumorwachstum ausbremsen. 

Der Weg zu konkreten therapeutischen Ansätzen ist noch weit, doch schon jetzt hat es die Studie auf den Titel des Fachjournals „Science Signaling“ geschafft. 

Die Ulmer Seniorautoren (v.l.): Dr. Ion Cirstea und Prof. Jan Tuckermann Die Ulmer Seniorautoren (v.l.): Dr. Ion Cirstea und Prof. Jan Tuckermann, Elvira Eberhardt Universität Ulm 

  • So genannte Onkogene („Krebs-Gene“) können zu unkontrollierter Zellteilung und Tumorwachstum führen. 
  • Bei rund einem Drittel der menschlichen Krebserkrankungen spielt das Onkogen RAS (rat sarcoma) eine Rolle – insbesondere bei Lungen-, Pankreas- und Darmtumoren. 

Obwohl RAS bereits Anfang der 1980-er Jahre entdeckt wurde, gibt es bislang keine zielgerichteten Therapien. 

  • Unabhängig vom beteiligten Onkogen werden oftmals Glucocorticoide, also Cortisol-Analoge, in der Krebs-Behandlung eingesetzt. 

Diese wirken über den Glucocorticoid-Rezeptor (GR) der Zelle. 

Nach der Bindung des Wirkstoffs wandert der Rezeptor in den Zellkern und reguliert dort die Genexpression. Was der Glucocorticoid-Rezeptor jedoch außerhalb des Zellkerns bewirkt, ist weitgehend unbekannt. „Auf der zytoplasmatischen Seite der Zellmembran befinden sich RAS-Proteine. Daher haben wir die Hypothese aufgestellt, dass der Glucocorticoid-Rezeptor außerhalb des Zellkernes mit diesen Proteinen wechselwirkt und ihre Aktivität hemmt“, erklärt Dr. Ion Cirstea, Wissenschaftler an der Universität Ulm und einer der Seniorautoren der nun erschienenen Studie.

Um ihre Annahme zu überprüfen, haben die Forschenden aus Ulm, Düsseldorf und Wien ein zweistufiges Studiendesign gewählt. Bei Zellen aus dem Mausmodell entfernten sie zunächst den Glucocorticoid-Rezeptor mithilfe der Genschere CRISPR-Cas9 oder durch Gen-Knockout. Somit konnten die Aktivitäten des Onkogens RAS unbeeinflusst vom Rezeptor untersucht werden. Inwiefern steuert RAS das Zellteilungsverhalten und somit das Tumorwachstum? Solchen Fragen sind die Forschenden unter anderem mithilfe von Durchflusszytometrie und Phosphorylierungsnachweis von Signalmolekülen, Genexpressionsanalyen und Immunofluoreszenz-Mikroskopie nachgegangen. In der zweiten Stufe untersuchten sie anhand von Lungenkarzinom-Zellen mit RAS-Mutation, ob diese noch Tumore im Modell bilden können, wenn der Glucocorticoid-Rezeptor fehlt.

In ihrer aktuellen Publikation beschreiben die Autorinnen und Autoren gleich mehrere interessante Entdeckungen: 

Außerhalb des Zellkerns, im Zytoplasma, befinden sich sowohl der Glucocorticoid-Rezeptor als auch das Onkogen RAS und weitere Moleküle in größeren Proteinkomplexen. 

Ist der Rezeptor bereits in den Zellkern gewandert oder wurde er mit molekularbiologischen Methoden entfernt, waren das „Krebs-Gen“ und seine Signalwege deutlich aktiver. Im Umkehrschluss scheint der Glucocorticoid-Rezeptor RAS ausbremsen zu können. „Mit unseren Untersuchungen konnten wir die Hypothese vorerst bestätigen: RAS-Proteine stehen tatsächlich in Wechselwirkung mit dem Glucocorticoid-Rezeptor, und dieses Zusammenspiel kann offenbar die Aktivität von RAS als Tumortreiber verringern“, resümiert die Erstautorin, Dr. Bozhena Caratti, die an der Universität Ulm promoviert hat.

Soweit die Forschenden wissen, handelt es sich um die weltweit erste Studie zur tumorhemmenden Wechselwirkung des RAS-Onkogens mit einem Rezeptor in einem Proteinkomplex. 

„Gelingt es, das Zusammenspiel zwischen RAS und Glucocorticoid-Rezeptor zu verstärken, könnte dies der Entstehung von Lungenkrebs vorbeugen“, erklärt Professor Jan Tuckermann, Leiter des Ulmer Instituts für Molekulare Endokrinologie der Tiere. 

Allerdings müssten zunächst die Wechselwirkungen des Glucocorticoid-Rezeptors mit RAS und der Proteinkomplex weiter charakterisiert werden. Erst dann kann über konkretere therapeutische Ansätze oder präklinische Studien nachgedacht werden.

Ansonsten könnten sich die Forschungsergebnisse durchaus auf den Menschen übertragen lassen: „Datenbank-Analysen zu Patientinnen und Patienten mit Lungenkarzinomen zeigen, dass ein herunterregulierter Glucocorticoid-Rezeptor mit einer schlechteren Prognose verbunden ist“, ergänzt Dr. Herwig Moll von der Medizinischen Universität Wien.

Die Forschenden von der Universität Ulm und vom Institut für Lasertechnologien in der Medizin und Messtechnik an der Universität Ulm (ILM) haben mit Kolleginnen und Kollegen der Medizinischen Universität Wien und von der Universität Düsseldorf zusammengearbeitet. Unterstützt wurden sie vor allem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Deutschen Krebshilfe. Darüber hinaus ist Dr. Ion Cirstea Gründungsmitglied des „German Network for RASopathy Research“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird.

Die Publikation ist Titelthema der aktuellen Ausgabe des Fachjournals "Science Signaling". 

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Originalpublikation:

Bozhena Caratti, Miray Fidan, Giorgio Caratti, Kristina Breitenecker, Melanie Engler, Naser Kazemitash, Rebecca Traut, Rainer Wittig, Emilio Casanova, Mohammad Reza Ahmadian, Jan P. Tuckermann, Herwig P. Moll, Ion Cristian Cirstea: The glucocorticoid receptor associates with RAS complexes to inhibit cell proliferation and tumor growth. Science Signaling, 22 March 2022, Vol. 15, Issue 726, DOI: 10.1126/scisignal.abm4452


Dr. Angela Riedel: Der Stoffwechsel des Tumors: Glukose und Glutamin - metastatisches Gewebe - Laktatkonzentration

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Dem Tumor das Futter wegnehmen

Milchsäure, die Tumore bei der Glykolyse ausschütten, reprogrammiert Lymphknoten, blockiert die Immunabwehr und schafft optimale Bedingungen für die Metastasierung – eine Arbeit von Angela Riedel, Juniorgruppenleiterin am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum Würzburg.

Die Einladung der US-amerikanischen Society for Immunotherapy of Cancer (SITC) Ende April beim Workshop Tumor Immune Microenvironment in San Diego einen Vortrag zu halten, hielt Dr. Angela Riedel zunächst für einen Scherz. „Dort sprechen nur hochetablierte Wissenschaftler“, meint die 38-jährige Biomedizinerin und Juniorgruppenleiterin am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum am Uniklinikum Würzburg. Doch es war weder ein Scherz noch sollte Angela Riedel als Lückenfüller herhalten. Ihre Arbeit mit dem Titel „Tumor-Derived Lactic Acid Modulates Activation and Metabolic Status of Draining Lymph Node Stroma“ hatte noch vor der Publikation im Journal Cancer Immunology Research international Aufsehen erregt.

Immunfluoreszenz-Bild von einem Lymphknoten.

Immunfluoreszenz-Bild von einem Lymphknoten. Angela Riedel © Angela Riedel


Spezialgebiet tumor-drainierender Lymphknoten

Tumor-Metabolismus und die Verfügbarkeit von Nährstoffen, also die Nahrung, die für den Tumor zur Verfügung steht, sind Angela Riedel zufolge gerade ein großes Thema.  

Dabei geht es um den Stoffwechsel des Tumors. 

  • Krebszellen sind hungrig und benötigen vor allem Glukose und Glutamin, um sich zu teilen und zu wachsen. 
  • Bei der Verstoffwechselung des Zuckers, der Glykolyse, fällt Laktat an, auch als Milchsäure bekannt. 

Der Biochemiker Otto Warburg hatte schon vor hundert Jahren festgestellt, dass Tumore eine hohe Laktatkonzentration aufweisen. 

Die Milchsäure ist seither Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte. „Es gibt hier viele Studien zum Primärtumor, ich habe hingegen ein metastatisches Gewebe untersucht. Mein Interessensgebiet ist der tumor-drainierende Lymphknoten, welcher sehr dicht am Tumor liegt und daher stark beeinflusst wird“, erläutert Angela Riedel und zeichnet zur Veranschaulichung eine weibliche Brust an die Tafel, mit einem Tumor, von dem Flüssigkeit zum tumordrainierenden Lymphknoten fließt. 

  • Als Wächterlymphknoten (Sentinel Lymph Node, SLN) filtert er als erster die vom Tumor ausgeschüttete Flüssigkeit.


Eigentlich sollte der Lymphknoten seiner immunologischen Funktion nachkommen und sogenannte T-Zellen aktivieren die den Tumor bekämpfen? Dass die T-Zellen im Lymphknoten gehemmt sind oder die Interaktion von T-Zellen und antigenpräsentierenden Zellen nicht in dem Ausmaß stattfindet, wie es sein sollte, das hat Angela Riedel bereits 2016 in Cambridge herausgefunden, wo sie als PostDoc gearbeitet hatte. Ihren Doktor in molekularer Onkologie hatte die gebürtige Westfälin zuvor an der University of Southern Denmark in Odense gemacht.

Reprogrammierung des Lymphknotens

Warum ist das Filtersystem der Lymphknoten gehemmt? 

Was hat den Lymphknoten derart reprogrammiert, dass er sogar eine ideale Umgebung für Metastasen bildet? 

Wenn eine Patientin mit Brustkrebs Metastasen an den Lymphknoten unter den Achseln hat, dann ist die Prognose schlecht, denn dann hat sich der Tumor ausgeweitet. Angela Riedel wollte herauszufinden, wie der Tumor, bevor er den Lymphknoten befällt, diesen beeinflussen kann, zunächst am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, dann am Uniklinikum Würzburg. 

„Dabei habe ich mein Augenmerk auf die Fibroblasten gelegt. 

  • Das sind wichtige stromale Zellen, die dem Lymphknoten die Struktur geben, den Lymphknoten koordinieren und den Kontakt zwischen den dendritischen Zellen und T-Zellen herstellen. 

Wir haben schließlich gesehen, dass die Milchsäure das Stroma verändert. 

Die Untersuchungen in vitro konnten wir jetzt in vivo, an Mäusen, bestätigen.“

Die Milchsäure, die der Tumor bei der Glykolyse ausschüttet, blockiert die Immunabwehr. 

Der Tumor kann also die nachgeschalteten Lymphknoten reprogrammieren. 

Angela Riedel möchte aber nicht nur schauen, was verschiedene Tumorarten mit dem Lymphknoten prämetastatisch machen, sondern auch, was passiert, wenn die Metastase da ist, wie verhält es sich dann mit der Reprogrammierung? Lässt sich die Milchsäure zum Beispiel mit der Gabe von Natriumbicarbonat neutralisieren? 

  • In ihren Versuchen waren die negativen Effektive der Milchsäure zumindest nicht mehr zu sehen, sobald der ph-Wert angehoben wurde. 

Nun gilt es breitere Analysen zu machen, vor allem mit humanen Proben, die sie von der benachbarten Frauenklinik erhält.

Zucker und Fett fördern Brustkrebs und Metastasierung

Mit ihren Untersuchungen unterstreicht Angela Riedel einmal mehr die Bedeutung von Ernährung auf unsere Gesundheit. 

Ein Übermaß an Zucker und Fett fördert Brustkrebs und die Metastasierung. 

„Grundsätzlich geht es darum, dem Tumor das Futter wegzunehmen“, bringt es Angela Riedel auf den Punkt.

Die Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter ist mit Leib und Seele Forscherin. Der tumor-drainierende Lymphknoten hat es ihr besonders angetan, da er sowohl in der Immunantwort als auch im metastatischen Prozess involviert ist. 

„Er sollte die Balance halten, tut es aber nicht“, sagt sie. 

Schon in der Schule war sie fasziniert von der Genetik. 

Und gerade bei Krebs spielen Mutationen und chromosomale Änderungen eine große Rolle. 

Also war schnell klar, dass sie in der Biomedizin tätig sein möchte. 

Angela Riedel fand mit ihrem Team am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum Würzburg heraus, dass die Milchsäure, die ein Tumor bei der Glykolyse ausschüttet, die nachgeschalteten Lymphknoten reprogrammiert und die Immunabwehr blockiert.

Traumjob

Am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum für Krebsforschung, gefördert durch die Deutsche Krebshilfe, habe sie vor zwei Jahren ihren Traumjob gefunden. Sie ist eine von insgesamt vier Juniorgruppenleitern. Statt im Labor zu experimentieren sitzt sie nun zunehmend am Schreibtisch, verteilt Aufgaben, koordiniert und publiziert. „Ich dachte, der Abschied vom Labor tut weh. Aber da unsere Doktoranten so gute Arbeit leisten, wir die Ergebnisse gemeinsam auswerten und diskutieren, vermisse ich das überhaupt nicht mehr.“ Da sie habilitieren möchte, ist sie auch in die Lehre eingebunden und unterrichtet im Fach Biochemie als Dozentin innerhalb des Schwerpunkts molekulare Onkologie. Am 21. April in San Diego werden nun statt Studierende hochkarätige Wissenschaftler vor ihr sitzen. Klar sei sie nervös, aber auch das schafft sie.

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Originalpublikation:

Angela Riedel, Moutaz Helal, Luisa Pedro, Jonathan J. Swietlik, David Shorthouse, Werner Schmitz, Lisa Haas, Timothy Young, Ana S.H. da Costa, Sarah Davidson, Pranjali Bhandare, Elmar Wolf, Benjamin A. Hall, Christian Frezza, Thordur Oskarsson, Jacqueline D. Shields; Tumor-Derived Lactic Acid Modulates Activation and Metabolic Status of Draining Lymph Node Stroma. Cancer Immunol Res 2022; https://doi.org/10.1158/2326-6066.CIR-21-0778


Professor Dr. Bernhard Graf: Die ECMO-Therapie - Extrakorporaler Membranoxygenierung - Künstliche Lunge

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: UKR: Zwei Jahre Corona-Pandemie, zwei Jahre ECMO-Versorgung am Limit

Am 14. März 2020, also vor zwei Jahren, erreichte das Coronavirus das Universitätsklinikum Regensburg (UKR). 

Der erste Patient mit einer SARS-CoV-2-Infektion wurde auf Intensivstation aufgenommen. 

Auch die ECMO-Therapie ist seitdem stark in den öffentlichen Fokus gerückt. 

Dabei wurden am UKR bereits vor der Pandemie jährlich weit über 100 Patienten mittels Extrakorporaler Membranoxygenierung behandelt. 

  • Damit gehört das UKR zu den deutschlandweit führenden Experten auf diesem Gebiet. 

Mit Pandemiebeginn rückte die ECMO-Therapie in den öffentlichen Fokus. Viele Patienten mit einer schweren COVID-19-Infektion konnten und können nur noch so versorgt werden. Die jahrelange ECMO-Expertise kommt den Experten hier zugute. Mit Pandemiebeginn rückte die ECMO-Therapie in den öffentlichen Fokus. Viele Patienten mit einer schweren COVID-19-Infektion konnten und können nur noch so versorgt werden. Die jahrelange ECMO-Expertise kommt den Experten hier zugute. © Werner Krüper

ECMO, an diesen vier Buchstaben hängt in vielen Kliniken das Leben der Patienten. 

Gerade seit das Coronavirus die Welt in Schach hält, ist die Extrakorporale Membranoxygenierung, oder eben ECMO, vielen Menschen ein Begriff. Denn spätestens, wenn ein Patient eine Therapie an der sogenannten „künstlichen Lunge“ benötigt, weil eine Beatmung über die eigene Lunge nicht mehr ausreicht, ist jedem bewusst: die Situation ist lebensbedrohend. Das Leben hängt nur noch an dieser Maschine und an den Experten, die sie bedienen. „Die Maschine kommt zum Einsatz, wenn die Lunge oder auch das Herz stark geschädigt ist. Die ECMO-Therapie ist dann in der Regel das letzte Mittel, um die Patienten am Leben zu halten“, erklärt Professor Dr. Bernhard Graf, Direktor der Klinik für Anästhesiologie sowie stellvertretender Ärztlicher Direktor und Pandemiebeauftragter des UKR.

ECMO-Therapie als letzte Hoffnung für schwerstkranke COVID-19-Patienten

Doch gerade dieses Ziel, mittels ECMO die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff bis zur Erholung der Lunge bzw. des Herzens zu überbrücken, wird durch die komplexen und langwierigen Verläufe einer SARS-CoV-2-Infektion, wie sie sich während der letzten Pandemie-Wellen in den Krankenhäusern gezeigt haben, deutlich erschwert. 

Eine aktuelle Studie (Karagiannidis et al. Critical Care (2021) 25:413 https://doi.org/10.1186/s13054-021-03831-y) zeigt, dass während der ersten drei Wellen der Coronavirus-Pandemie deutschlandweit etwa 68 Prozent der COVID-ECMO-Patienten verstarben, nur 32 Prozent überlebten.  

Das UKR hebt sich von diesen Zahlen deutlich ab. 

So konnten während der ersten drei Wellen 58 Prozent der COVID-ECMO-Patienten wieder aus dem künstlichen Koma geholt werden. „Diese Zahl ist nicht nur im Vergleich mit den vorliegenden Studiendaten beeindruckend, sondern auch im Hinblick auf unser besonderes Patientenklientel ein beachtlicher Erfolg für uns, die wir an der Behandlung beteiligt sind, vor allem aber für unsere Patienten“, so PD Dr. Dirk Lunz, Leiter der Anästhesiologischen Intensivmedizin des UKR und für die ECMO-Transporte am UKR verantwortlich. Das Universitätsklinikum Regensburg behandelt als Supramaximalversorger der Region Ostbayern und als zertifizierter ECMO-Standort schwerstkranke und -verletzte Patienten weit über sein Einzugsgebiet hinaus. „Die COVID-Patienten, die bei uns intensivmedizinisch versorgt werden, werden in der Regel von anderen Kliniken zu uns verlegt. Das heißt, wir versorgen vor allem jene Patienten weiter, für die an anderen Häusern bereits alle Therapieoptionen ausgeschöpft sind“, gibt PD Dr. Lunz zu bedenken. Die Liegezeit an der ECMO variiert dabei je nach Erkrankung und Zustand des Patienten zwischen einer Woche und drei Monaten. 

„Bei durch SARS-CoV-2-Infektionen verursachten Pneumonien sind diese schwerstkranken Patienten zum Teil sogar länger als 100 Tage an der ECMO angeschlossen“, so PD Dr. Lunz weiter.

  • Neben Notarzteinsätzen und Patiententransporten in der Coronavirus-Pandemie wird das ECMO-Verfahren auch bei akutem Lungenversagen infolge von Verletzungen oder Erkrankungen wie Pneumonie oder Sepsis, bei Herzkrankheiten oder während Herzoperationen in der modernen Intensiv- und Notfallmedizin eingesetzt.


Durch ECMO wird die Herz-Lungen-Funktion außerhalb des Körpers unterstützt. 

Über ein Schlauchsystem wird das sauerstoffarme Blut des Patienten in eine künstliche Lunge außerhalb des Körpers abgeführt, wo es mit Sauerstoff angereichert und Kohlenstoffdioxid entfernt wird. Anschließend wird das Blut dem Körper mittels einer Pumpe über das Schlauchsystem wieder zugeführt. „Dieses Verfahren entlastet die angegriffene Lunge oder auch das Herz unserer Patienten. Im besten Fall können sich die geschädigten Organe wieder vollständig regenerieren, dann entwöhnen wir die Patienten schrittweise wieder von der ECMO “, schildert PD Dr. Lunz das Vorgehen und den optimalen Therapieverlauf.

Das UKR ist das einzige zertifizierte ECMO-Zentrum in Deutschland


Die mobile extrakorporale Lungen- und Herz-Kreislauf-Unterstützung ist ein medizinischer Schwerpunkt des Universitätsklinikums Regensburg.  

„Unser ECMO-Zentrum zählt zu den leistungsfähigsten und kompetentesten Zentren weltweit

Aus diesem Grund wurde uns 2021 auch erneut der ‚Award for Excellence in Extracorporeal Life Support – Platinum Level‘, die höchste Auszeichnung der internationalen Extracorporeal Life Support Organization (ELSO), verliehen. Diese Auszeichnung würdigt unseren Einsatz, mit dem wir in den vergangenen 20 Jahren aktiv zur Weiterentwicklung der Einsatzmöglichkeiten der ECMO beigetragen haben und das natürlich auch weiterhin tun“, erklärt Professor Dr. Thomas Müller, Leiter der Intensivmedizin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II des UKR.
Pionierarbeit hat das UKR unter anderem mit der Entwicklung der weltweit kleinsten, tragbaren Herz-Lungen-Maschine geleistet. „Die ECMO war früher eine unhandliche, mehrere hundert Kilo schwere Maschine und für den mobilen Einsatz ungeeignet. Das hat viele Patienten schon von einer ECMO-Therapie ausgeschlossen, weil sie schlichtweg nicht transportiert werden konnten. Außerdem konnte vor der Entwicklung des Miniaturmodells die ECMO auch nicht für Notfalleinsätze verwendet werden“, kommentiert Professor Müller. Ein weiteres Novum am UKR war die Einführung des ECMO-Mobils, mit dem ein Team aus Anästhesist und Kardiotechniker gezielt zu Notfällen mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand gerufen werden können. So kann die Herz-Lungen-Maschine unmittelbar am Einsatzort am Patienten angeschlossen werden, womit sich eine umgehende und ausreichende Sicherstellung der Herz-Kreislauf-Funktion und der Sauerstoffversorgung des Körpers erzielen lässt.

Um den Patienten eine möglichst große Überlebens- und Genesungschance zu ermöglichen, müssen verschiedene medizinische Fachbereiche eng verzahnt zusammenarbeiten. Am UKR sind dies Intensivmediziner aus dem Bereich der Anästhesiologie, Kardiologie und Herzchirurgie sowie der Kinder- und Jugendmedizin für unsere kleinen Patienten. Unterstützt werden diese Bereiche am UKR stets von der Kardiotechnik, die einen nicht unwesentlichen Teil bei der Entwicklung und technischen Umsetzung dieser komplexen Therapieform schultert. 

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Matthias Dettenhofer Universitätsklinikum Regensburg (UKR)

Franz-Josef-Strauss-Allee 11
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Dr. Isolde Schäfer
Telefon: 0941 944-4210
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Professorin Dr. Anette S. Debertin: Netzwerk ProBeweis

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: MHH-Notaufnahme jetzt auch Anlaufstelle des Netzwerks ProBeweis

Vertrauliche Hilfe: Medizinisches Personal sichert Spuren von häuslicher und sexueller Gewalt

  • Jede dritte Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal im Leben körperliche und/oder sexualisierte Gewalt. 
  • Doch nur selten kommt es direkt nach der Tat zu einer Anzeige bei der Polizei. 

Das Netzwerk ProBeweis kann den Betroffenen trotzdem helfen. 

In den Anlaufstellen sichern und dokumentieren geschulte Ärztinnen und Ärzte die Spuren der Gewalt – auch wenn zunächst keine Anzeige erfolgt. 39 dieser Anlaufstellen gab es bisher in ganz Niedersachsen. Jetzt kommt eine weitere hinzu: die Zentrale Notaufnahme (ZNA) der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Die ZNA gehört zur Klinik für Unfallchirurgie. Neben dem Institut für Rechtsmedizin und der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie der Außenstelle der Rechtsmedizin in Oldenburg ist in der Zentralen Notaufnahme nun die vierte Anlaufstelle der MHH zu finden.

Fallzahlen häuslicher Gewalt auf hohem Niveau

„Die stetig steigenden Fallzahlen häuslicher Gewalt im Hellfeld unterstreichen den Bedarf an Unterstützung für Betroffene“, stellt Professorin Dr. Anette S. Debertin vom Institut für Rechtsmedizin fest. Sie leitet das Netzwerk ProBeweis. 2020 registrierte die Polizei in Niedersachsen rund 21.500 häusliche Gewalttaten. In den meisten Fällen werden diese von dem (Ex)-Partner ausgeübt.

„Viele Betroffene kommen nach erlebter Gewalt zuerst in die Notaufnahme einer Klinik, um ihre Verletzungen behandeln zu lassen“, berichtet Professor Dr. Stephan Sehmisch, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie. Oft sprechen die betroffenen Frauen und Männer die erlittene Gewalt nicht von sich aus an. „Wir sehen aber, dass die beschriebenen Unfallhergänge nicht zu den Verletzungen passen“, erklärt der Unfallchirurg. „Die Grauzone häuslicher Gewalt ist groß. Als Anlaufstelle des Netzwerks ProBeweis möchten wir den Betroffenen hier in der Zentralen Notaufnahme professionell helfen.“

Gerichtsfeste Spurensicherung

Viele Frauen und Männer erstatten direkt nach der Tat keine Anzeige, weil sie sich schämen, bedroht werden oder Angst haben, das belastende Gerichtsverfahren eventuell nicht durchstehen zu können. „Für ein mögliches späteres Gerichtsverfahren ist es aber wichtig, sofort nach der Tat fachgerecht und gerichtsfest Spuren wie Würgemale, Hämatome oder DNA-Material zu sichern und medizinische Befunde exakt zu dokumentieren“, erklärt Professorin Debertin. In der MHH-Notaufnahme ist das ab sofort möglich. Auf die neue Aufgabe wurden die Ärztinnen und Ärzte in rechtsmedizinischen Schulungen vorbereitet.

ProBeweis arbeitet absolut vertraulich

Die Beweismittel werden mindestens drei Jahre aufbewahrt. 

Die schriftliche Dokumentation wird 30 Jahre archiviert. 

Das Vorgehen im Netzwerk ProBeweis ist vertraulich. 

  • „Erst wenn eine Anzeige erstattet wird und wir von unserer Schweigepflicht entbunden werden, werden der Polizei Befunde ausgehändigt und bei Beauftragung ein prozessrelevantes Gutachten erstellt“, erläutert Rechtsmedizinerin Sarah Stockhausen vom ProBeweis-Team.


Im Jahr 2021 dokumentierte das Netzwerk 215 Fälle

Im vergangenen Jahr dokumentierte das Netzwerk ProBeweis in seinen Anlaufstellen in Kliniken in ganz Niedersachsen insgesamt 215 Fälle von häuslicher und/oder sexuelle Gewalt. 

In etwa 50 Prozent der Fälle wurde körperliche und in 40 Prozent sexuelle Gewalt ausgeübt. 

Bei etwa zehn Prozent handelte es sich um kombinierte Taten. 

Von den 215 Gesamtfällen wurden etwa 80 in den Anlaufstellen der MHH untersucht und dokumentiert.

SERVICE:

Weitere Informationen erhalten Sie bei 

Professorin Dr. Anette S. Debertin, debertin.anette@mh-hannover.de

Telefon (0511) 532-5533 

und bei 

Professor Dr. Stephan Sehmisch, sehmisch.stephan@mh-hannover.de

Telefon (0511) 532-2026. 

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Prof. Dr. Michael Bauer: Prof. Dr. Torsten Doenst: Hämoadsorption - bei Endokarditis-Operationen: Die Entzündung der Herzklappen ist eine lebensbedrohliche Erkrankung (Endokarditis)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Hämoadsorption bringt keinen Vorteil bei der chirurgischen Behandlung von Herzklappenentzündungen

Ein Forschungsteam des Universitätsklinikums Jena untersuchte in einer kontrollierten multizentrischen Studie, ob die Reduktion von Entzündungsmarkern im Blut bei der chirurgischen Behandlung von bakteriellen Infektionen im Herzinneren einen Vorteil bringt. 

  • Die jetzt im Fachjournal Circulation vorgestellten Ergebnisse zeigen, dass das Verfahren keinen Einfluss auf den klinischen Erfolg der Behandlung hat, obwohl die Konzentration der Zytokine deutlich gesenkt werden kann. 

Die REMOVE-Studie des Universitätsklinikums Jena zeigte, dass die Reduktion von Entzündungsmarkern im Blut bei der chirurgischen Behandlung von Herzklappenentzündungen nicht zur Verringerung der Organschädigung führt. Die REMOVE-Studie des Universitätsklinikums Jena zeigte, dass die Reduktion von Entzündungsmarkern im Blut bei der chirurgischen Behandlung von Herzklappenentzündungen nicht zur Verringerung der Organschädigung führt. Anna Schroll Universitätsklinikum Jena

Die Entzündung der Herzklappen ist eine lebensbedrohliche Erkrankung. 

  • Eine solche Endokarditis kann entstehen, wenn Bakterien von einem entzündeten Zahn oder einem infizierten Venenzugang, in selteneren Fällen auch Pilze, mit dem Blut ins Herz gelangen und dort Entzündungen verursachen. 
  • In mehr als der Hälfte der Fälle bleibt nur die operative Entfernung der Entzündungsbereiche und die Rekonstruktion oder der Ersatz der infizierten Herzklappen. 
  • Wegen der hohen Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen erfasst die Infektion den gesamten Körper, so dass diese Herzoperation mit einem besonders großen Risiko verbunden ist.


Klinischer Nutzen der Hämoadsorption unzureichend belegt

Das intensivmedizinische Verfahren der Hämoadsorption bietet die Möglichkeit, durch einen Filterprozess außerhalb des Körpers ähnlich der Dialyse bestimmte Stoffe wie z.B. Entzündungsmarker aus dem Blut zu entfernen. 

Diese Methode wird bei generalisierten Entzündungen genutzt, um die Zytokinkonzentration im Blut zu verringern. 

Ziel dabei ist es, die Immunreaktion des Körpers besser zu beherrschen, die Gewebe und Organe schädigt

  • Zum Einsatz kommt die Hämoadsoption auf den Intensivstationen bei der Behandlung von Sepsis, schweren COVID-19-Erkrankungen und auch bei Endokarditis.


„Allerdings ist der klinische Nutzen dieses plausibel klingenden Ansatzes nur unzureichend durch Studien geprüft“, betont der Intensivmediziner Prof. Dr. Michael Bauer, Sprecher des CSCC, das als Integriertes Forschungs- und Behandlungszentrum für Sepsis und Sepsisfolgen am Universitätsklinikum Jena vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde.

Im Rahmen des Zentrums startete ein interdisziplinäres Studienteam vor acht Jahren die REMOVE-Studie, um den Nutzen der Hämoadsorption bei Endokarditis-Operationen zu testen. „Wir wollten überprüfen, ob der Einsatz des Verfahrens bei der chirurgischen Behandlung der Herzklappenentzündung die organschädigenden Folgen der generalisierten Entzündung und damit das Risiko des Eingriffs verringern kann“, erklärt Studienleiter Dr. Mahmoud Diab von der Jenaer Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie. 

  • Da bei diesen Operationen die Herz-Lungen-Maschinen eingesetzt werden muss, stellt die extrakorporale Blutfilterung dabei kein zusätzliches invasives Verfahren dar.


Kontrollierte Multicenter-Studie mit klinischen Endpunkten

Das Besondere an der REMOVE-Studie: Als multizentrische kontrollierte und randomisierte Studie erfüllt sie die höchsten Qualitätskriterien, und erstmals bewertete sie nicht die Filterwirkung, sondern das klinische Ergebnis. Das Projektteam schloss an 14 herzchirurgischen Zentren in Deutschland insgesamt 282 Patienten ein, die wegen einer Endokarditis operiert werden mussten. Diese wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen geteilt – bei der einen kam während des Eingriffs der Adsorptionsfilter zu Einsatz, bei der Kontrollgruppe nicht.

In Zeitreihenmessungen wurde in beiden Studiengruppen bei jeweils 25 Patienten die Zytokinkonzentration im Blut erfasst. Das Hauptaugenmerk des Studienteams richtete sich jedoch darauf, ob und welchem Maße die generalisierte Entzündung nach der Operation die Funktion der Organe beeinträchtigte. Neben einer auf der abgestuften Funktionsbewertung von sechs Organsystemen beruhenden Einschätzung betrachtete die Studie auch die Sterblichkeit innerhalb eines Monats und wie lange Beatmung, medikamentöse Blutdruckunterstützung und Nierenersatztherapie notwendig waren.

Keine positive Auswirkung für die Organfunktion

Das REMOVE-Team konnte die Ergebnisse jetzt im Fachjournal Circulation veröffentlichen: 

Die Studie ergab für keine der betrachteten klinischen Zielgrößen einen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen. 

  • Die Hämoadsorption brachte weder bezüglich der Schwere des Organversagens noch bezüglich der Sterblichkeit oder der notwendigen Unterstützungsverfahren einen Vorteil. 

Etwa ein Fünftel der Studienpatienten in beiden Gruppen verstarb innerhalb eines Monats. 

Häufige Komplikationen wie ein Schock oder akutes Nierenversagen traten in beiden Gruppen in gleichem Maße auf. Erstautor Mahmoud Diab: 

„Obwohl die Messungen eine deutliche Reduktion der Zytokinkonzentration in der Hämoadsorptions-Gruppe belegen, ergab sich daraus nicht die erhoffte Verbesserung für die Patienten. 

Unsere Studie zeigt, dass die Hämoadsorption bei Endokarditisoperationen keine positive Auswirkung für die Funktion der Organe und damit für das Behandlungsergebnis hat.“

„Multizentrische Vergleichsstudien mit einem so umfassenden Protokoll stellen einen gewaltigen Koordinationsaufwand dar und sind in der Herzchirurgie noch recht selten“, betont Prof. Dr. Torsten Doenst, Direktor der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie am Jenaer Uniklinikum und Letztautor der Studie. 

„Aber nur die Prüfung in solchen Studien ermöglicht es uns, den Patienten nachweislich helfende Therapien zur Verfügung zu stellen. 

Wir freuen uns, dass wir mit REMOVE einen Beitrag zur evidenzbasierten Herzchirurgie leisten konnten.“

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PD Dr. med. Mahmoud Diab
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Originalpublikation:

Diab M, et al. Cytokine Hemoadsorption During Cardiac Surgery versus Standard Surgical Care for Infective Endocarditis (REMOVE): Results from a Multicenter, Randomized, Controlled Trial, Circulation. 2022 Feb 25. doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.121.056940


Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT03266302 Studienregister


http://www.uniklinikum-jena.de/cscc/ CSCC-Homepage, die Studie wurde im Rahmen des CSCC vom BMBF gefördert: FKZ 01EO1502


PD Dr. Mathias Schmidt: Autophagie: Behandlung Stress-induzierter Stoffwechselerkrankungen (depressiven Erkrankungen und Angststörungen)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Stressfaktor reguliert Fettleibigkeit

Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie und das Universitätsklinikum Bonn konnten erstmals einen Stressfaktor im Gehirn direkt mit dem zelleigenen Recyclingprogramm und Fettleibigkeit in Verbindung bringen. 

Dies könnte einen vollkommen neuen Ansatz zur Behandlung Stress-induzierter Stoffwechselerkrankungen ermöglichen.

  • Vom Protein FKBP51 wissen Forscher schon länger, dass es in Zusammenhang mit depressiven Erkrankungen und Angststörungen steht. 

Es ist an der Regulierung des Stresssystems beteiligt – ist das gestört, können psychische Erkrankungen entstehen. 

Nun haben die Forscher am Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie und des Universitätsklinikums Bonn (UKB) eine neue überraschende Rolle dieses Proteins entdeckt: 

Es fungiert als molekulares Bindeglied zwischen dem Stress-Regulationssystem und Stoffwechselvorgängen im Körper. 

Ein zentraler Mechanismus in diesem Zusammenhang ist die Autophagie, die zelluläre Müllabfuhr.

„Autophagie ist das Recyclingprogramm der Zelle, um alte oder beschädigte Proteine zu beseitigen. Es kann dadurch Alterungsprozessen entgegenwirken und - wie wir jetzt zeigen konnten - Fettleibigkeit verringern“, erklärt Nils Gassen, Leiter der Forschungsgruppe Neurohomöostase am UKB, einer der Projektleiter. Mathias Schmidt, Projektleiter vom MPI für Psychiatrie, ergänzt: 

„Dass der Stressfaktor FKBP51 im Gehirn ein Master-Regulator für Autophagie und damit Fettleibigkeit ist, eröffnet eine Reihe von neuen Interventionsmöglichkeiten, von der pharmakologischen Manipulation des FKBP51-Proteins bis hin zu Autophagie-induzierenden Fastenkuren oder Sportprogrammen.“

Stressresilienz für jedermann

Die Möglichkeiten, die die neuen Erkenntnisse eröffnen, sind sehr vielseitig. 

Gerade in Zeiten einer weltweiten Pandemie wird deutlich, wie stark unkontrollierbarer Stress unsere Psyche und unseren Körper beeinflusst. 

Dabei kann man Prozesse wie die Autophagie durch einen aktiven Lebensstil und gesunde Ernährung selbst positiv beeinflussen. 

Gassen und Schmidt planen daher weiterführende Projekte, die konkrete Daten liefern sollen, wie jeder Einzelne seine Autophagie und damit seine individuelle Stressresilienz steigern kann.

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PD Dr. Mathias Schmidt
Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Psychiatrie
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Dr. Nils Gassen
Forschungsgruppenleiter Neurohomöostase am Universitätsklinikum Bonn
Tel: 0228-287-15793
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Originalpublikation:

Science Advances, March 9, 2022
https://doi.org/10.1126/sciadv.abi4797

 

Dr. Daniel Dumitrescu: Telemedizin und Herzinsuffizienz - Programm HerzConnect

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Selbstbestimmt leben trotz Herzinsuffizienz

Telemedizin im Fokus: Sicherheit und Lebensqualität zu Hause

  • Herzinsuffizienz ist in Deutschland die häufigste Ursache für eine Krankenhauseinweisung. 
  • Neuere Studien zeigen, dass die Zahl stationärer Klinikaufenthalte dank einer vorsorglichen und engmaschigen telemedizinischen Betreuung deutlich verringert werden kann. 

Betroffene bleiben in ihrer gewohnten Umgebung und profitieren von der ärztlichen Begleitung aus der Ferne mit besserer Lebensqualität.

Dr. Daniel Dumitrescu, Kardiologe am Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen Dr. Daniel Dumitrescu, Kardiologe am Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen (Foto: Marcel Mompour). HDZ NRW

Ingo von Garnier: (85) gehört zu den mehr als 2,5 Millionen Herzinsuffizienz-Patienten in Deutschland. Im vergangenen Jahr musste er sich einer Operation am Herzen unterziehen, die lange Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte zur Folge hatte. Ob er wieder selbständig zu Hause leben können würde, war zunächst ungewiss. „Es war eine schwere Zeit“, erinnert sich seine Frau Helga. „Um ihm weiterhin ein selbstbestimmtes und aktives Leben zu ermöglichen, war es wichtig, ihm die Möglichkeit einer häuslichen Betreuung zu ermöglichen. 

Mit dem Programm HerzConnect® hatten wir die Chance, ein normales Leben bei gleichzeitig hoher medizinischer Sicherheit zu führen.“ Die Erleichterung ist ihr deutlich anzumerken.

Helga und Ingo von Garnier

Helga und Ingo von Garnier (Foto: HDZ NRW).


Nicht heilbar, aber gut beherrschbar

Herzinsuffizienz ist nicht heilbar, doch bei adäquater Therapie können Betroffene je nach Allgemeinzustand und Lebensstil ein weitgehend normales Leben führen. Entscheidend ist eine engmaschige medizinische Begleitung: Je früher gehandelt wird, umso besser sind die Aussichten. Gerade im höheren Alter und abnehmender Mobilität kann der Gang zum Arzt oder zur Ärztin – nicht nur in Zeiten einer Pandemie – eine große Hürde darstellen.

Als Teilnehmer des Programms HerzConnect® bleiben Ingo von Garnier diese Wege größtenteils erspart. Möglich gemacht wird es durch mobile telemedizinische Geräte und den regelmäßigen Telefonkontakt zum betreuenden Team am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, welches auch mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten kommuniziert. Das eigenständige Messen der Vitalwerte sowie das Einpflegen in die Smartphone-App gehören zu seiner täglichen Routine. 

 In die korrekte Handhabe von Smartphone, Blutdruckmessgerät, Körperwaage und EKG-Gerät wurden er und seine Frau zu Beginn des Programms ausführlich eingewiesen. Zudem steht das Paar in engem Kontakt mit den Expertinnen und Experten des Instituts für angewandte Telemedizin (IFAT) am HDZ NRW. „Ich gebe Bericht, und das Zentrum ist zufrieden – wie ich auch. Wir haben das alles so gut im Griff, dass ich bisher nicht wieder in ein Krankenhaus musste“, so Ingo von Garnier.

Ärztliche Betreuung aus der Ferne

Zusätzlichen ärztlichen Rat erhält Ingo von Garnier auch aus dem Zentrum für Herzinsuffizienz am HDZ NRW. Hier wird auf Basis der erfassten Daten gemeinsam mit dem IFAT-Team darüber entschieden, welche therapeutischen Maßnahmen zu treffen sind. Zudem wird frühzeitig erkannt, ob womöglich doch ein Klinikaufenthalt für weiterführende Diagnostik oder Behandlung notwendig wird. Hauptansprechpartner bleiben dabei stehts die behandelnden Hausärztinnen und Hausärzte, die kontinuierlich über das IFAT informiert werden.

Dr. Daniel Dumitrescu, Oberarzt und Kardiologe am Zentrum für Herzinsuffizienz des HDZ NRW: „Das Konzept, chronische Erkrankungen aus der Ferne zu betreuen, hat viele Vorteile. Verschlechterungen des Zustands lassen sich durch die engmaschige Begleitung viel früher erkennen, wodurch sich wiederum Krankenhaus-Aufenthalte deutlich verkürzen oder sogar vermeiden lassen, weil wir entsprechend rasch intervenieren können. Nicht zuletzt können die Überwachungsprogramme dadurch auch das Überleben der Patientinnen und Patienten verlängern.“

Mehr Sicherheit für mehr Lebensqualität

Die Kardiologin Dr. Denise Guckel hat das Telemonitoring von Ingo von Garnier von Anfang an ärztlich betreut. „Seit Beginn seiner Teilnahme zeigt unser Patient einen sehr positiven Verlauf“, berichtet sie. „Durch frühzeitige Intervention bei gelegentlich auftretenden leichten Verschlechterungen seiner Vitaldaten konnte der Gesundheitszustand sehr gut stabilisiert werden.“ Auch die Lebensqualität habe sich spürbar gesteigert. Neben dem körperlichen Befinden geht es bei HerzConnect® auch um den allgemeinen Lebensstil.

Das Programm umfasst strukturierte Gespräche zum besseren Umgang mit der Erkrankung durch speziell geschultes Personal. Durch die umfassende Aufklärung werden die Betroffenen zum Manager ihrer Erkrankung und erfahren, wie sie ihr Leben selbstbestimmt und zugleich sicher gestalten können.

Aus der regelmäßigen telefonischen Betreuung entwickelt sich zudem nicht selten ein besonderes Vertrauensverhältnis, das die Teilnehmenden auf beiden Seiten zu schätzen wissen. Das fördere nicht nur die Motivation, den Behandlungsplan einzuhalten und sich aktiv an der Krankheitsbewältigung zu beteiligen, sondern bewirke auch ein Gefühl von Sicherheit, berichtet Helga von Garnier: „Wir sind begeistert. Es ist eine große Beruhigung für mich, meinen Mann so gut betreut zu wissen und umfassend informiert zu sein.“

Als Spezialklinik zur Behandlung von Herz-, Kreislauf- und Diabeteserkrankungen zählt das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen (HDZ NRW), Bad Oeynhausen mit 35.000 Patienten pro Jahr, davon 14.600 in stationärer Behandlung, zu den größten und modernsten Zentren seiner Art in Europa.

Technologie-Partnerschaft zu HerzConnect®

Das Telemedizin-Programm HerzConnect® ist im Rahmen einer Technologie-Partnerschaft zwischen Siemens Healthineers und dem Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, entstanden. Es basiert auf der Technologie des teamplay MyCare Companion von Siemens Healthineers. Über eine webbasierte Plattform, sowie eine Smartphone-App, können medizinisches Personal und Betroffene relevante Gesundheitsinformationen austauschen.

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Institut für angewandte Telemedizin
Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen
Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum
Univ.-Prof. Dr. med. Volker Rudolph
Univ.-Prof. Dr. med. Philipp Sommer
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Nordrhein-Westfalen

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