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OA Prof. Dr. Udo Bavendiek + Prof. Dr. Johann Bauersachs: Die Wirkung von Digitalis-Glykoside: Digitoxin bei Herzschwäche/Herzinsuffizienz

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Hilfe bei Herzschwäche? 

MHH-Kardiologie ergründet die Wirkung von Digitoxin

Forschende schließen den 1000. Patienten in multizentrische Studie ein 

Patient Torsten S., Dr. Fabian Rathje, Professor Dr. Johann Bauersachs und Professor Dr. Udo Bavendiek (von links) mit der Aufnahme des Herzens nach einer bildgebenden Untersuchung. Patient Torsten S., Dr. Fabian Rathje, Professor Dr. Johann Bauersachs und Professor Dr. Udo Bavendiek (von links) mit der Aufnahme des Herzens nach einer bildgebenden Untersuchung. Copyright: Karin Kaiser/ MHH. 

  • Kann Digitoxin, ein Wirkstoff aus den Blättern des Fingerhuts, Patientinnen und Patienten mit Herzschwäche helfen? 

Vieles deutet darauf hin, doch wissenschaftlich untersucht und bewiesen wurde es bisher nicht. 

In der großangelegten DIGIT-HF-Studie gehen Forscherinnen und Forscher dieser Frage seit 2015 nach. 

Koordiniert wird die Studie, an der 50 Zentren in Deutschland, Österreich und jetzt auch Serbien beteiligt sind, von der Klinik für Kardiologie und Angiologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Die Studienleiter, Klinikdirektor Professor Dr. Johann Bauersachs und Oberarzt Professor Dr. Udo Bavendiek, freuen sich jetzt über einen Meilenstein: Mit Torsten S. haben sie nun den tausendsten Patienten in die Untersuchung eingeschlossen. „Das ist eine sehr hohe Zahl an Studienpatienten, und die damit verbundene Datenmenge ist schon jetzt ein großer Schatz für erste Analysen“, erklärt Professor Bavendiek. Mit den Daten werden wir voraussichtlich nicht nur unsere Ausgangsfrage beantworten, sondern viele weitere Erkenntnisse rund um die Therapie der Herzschwäche gewinnen können.“ Insgesamt sollen in die Studie 1.600 Patientinnen und Patienten aufgenommen werden.

Bis zu vier Millionen Menschen in Deutschland betroffen

Von Herzschwäche oder Herzinsuffizienz sprechen Ärztinnen und Ärzte, wenn das Herz nicht in der Lage ist, den Körper ausreichend mit Blut, Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. 

In Deutschland leiden bis zu vier Millionen Menschen an einer chronischen Herzschwäche. 

Symptome sind Atemnot und Wassereinlagerungen bis hin zur Unbeweglichkeit. 

Die Erkrankung ist eine der häufigsten Ursachen dafür, dass Menschen ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen oder an den Folgen sterben. „In der DIGIT-HF-Studie untersuchen wir, ob Digitoxin das Leben von Patienten mit Herzschwäche verlängert und die Zahl der Krankenhausaufenthalte wegen einer Verschlechterung der Herzschwäche verringern kann“, erläutert Professor Bauersachs.

Bisher gibt es noch keine Studien über Digitoxin, obwohl der Wirkstoff schon seit mehr als 200 Jahren bei der Behandlung der Herzschwäche eingesetzt wird.  

Untersucht wurde bis jetzt nur ein anderer Wirkstoff aus der Familie der Digitalis-Glykoside: Digoxin. 

  •  „Gegenüber diesem Wirkstoff hat Digitoxin den großen Vorteil, dass es auch bei Patientinnen und Patienten mit deutlich eingeschränkter Nierenfunktion eingesetzt werden kann“, sagt Professor Bavendiek. 
  • Viele Menschen mit chronischer Herzschwäche leiden zusätzlich an einer fortgeschrittenen Nierenfunktionsstörung oder müssen sogar dialysiert werden.


Die DIGIT-HF-Studie startete 2015. Im Jahr 2019 genehmigte das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) eine Verlängerung bis zum Jahr 2024. Für diese zweite Förderperiode stellt das Ministerium rund 3,8 Millionen Euro zur Verfügung. Mit weiteren 700.000 Euro fördert die Brauckmann-Wittenberg-Herz-Stiftung die Forschung. Außer der Klinik für Kardiologie und Angiologie sind das Institut für Biometrie und das Zentrum für Klinische Studien der MHH sowie die Studienzentren der teilnehmenden Kliniken und Praxen an dem Forschungsprojekt beteiligt. 

  • Bis März 2023 sollen weitere 600 Menschen mit chronischer Herzinsuffizienz in die Studie eingeschlossen werden. 
  • Gesucht werden vor allem Patientinnen und Patienten, die an einer fortgeschrittenen systolischen Herzschwäche, also einer verminderten Pumpleistung der linken Herzkammer, leiden.


Kein großer Aufwand für Studienteilnehmende

Dieses Krankheitsbild weist auch Torsten S. auf, der jetzt als 1000. Patient in die Studie aufgenommen wurde. Bei dem 41-Jährigen aus der Nähe von Wolfsburg wurde 2002 eine Herzschwäche diagnostiziert. „Die Ursache ist vermutlich eine Entzündung“, berichtet er. Von der Möglichkeit, an der Studie teilzunehmen, erfuhr er in der Transplantations- und Kunstherzambulanz der MHH. Für ihn und die anderen Teilnehmenden entsteht durch die Studie kein großer Aufwand. Sie werden grundlegend auf die Ein- und Ausschlusskriterien untersucht und müssen dann alle sechs Monate zur Kontrolle kommen und Angaben zu besonderen Zwischenfällen, eventuellen Krankenhausaufenthalten und dem persönlichen Befinden machen. „Die meisten Patientinnen und Patienten fühlen sich durch die regelmäßigen Untersuchungen während der Studienvisiten und die stete Beobachtung besser betreut und profitieren allein schon so von der Studie“, berichtet Professor Bavendiek.

Die Forscher rechnen damit, Ende 2024 die Ergebnisse der großen DIGIT-HF-Studie veröffentlichen zu können. 

Zu einigen wichtigen Erkenntnissen sind sie aber jetzt schon gekommen. 

So können sie beispielsweise die Befürchtung entkräften, Digitoxin sei für bestimmte Patientengruppen mit Herzschwäche „gefährlich“ und könne zum Tod führen. 

 „Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege, und auch im bisherigen Studienlauf gibt es keine Signale, dass Digitoxin den Patienten schadet oder sie gefährdet“, stellt Professor Bavendiek klar. 

Basierend auf den bisherigen Studiendaten wurden bereits Empfehlungen für eine einfache und sichere Dosierung von Digitoxin bei Patienten mit Herzschwäche erarbeitet.

Interessierte erhalten weitere Informationen in der Studienzentrale der Klinik für Kardiologie und Angiologie, Telefon (0511) 532-5500, E-Mail: info@digit-hf.de, Internet: http://www.digit-hf.de

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Das Daumen-EKG

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Niedrigschwellige Vorhofflimmer-Detektion und frühe Rhythmuskontrolle für adäquate rechtzeitige Schlaganfallprophylaxe

Vor dem Hintergrund des hohen Schlaganfallrisikos bei Patient:innen mit Vorhofflimmern (VHF) empfehlen aktuelle Leitlinien, etwa der European Society of Cardiology (ESC), bei bestimmten Patient:innen-Gruppen ein Screening auf VHF.[1] Als Standardmethode der VHF-Identifikation gilt das EKG. Aber auch einfache, niedrigschwellige Screening-Methoden außerhalb von Klinik und Praxis können zum Ziel führen, betonten renommierte Experten im Rahmen eines digitalen Pressegesprächs von Bristol Myers Squibb/Pfizer und dem Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) im Oktober 2021. Und: Patient:innen, deren VHF früh diagnostiziert wurde, können von einer frühen rhythmuserhaltenden Therapie profitieren.

Vorhofflimmern (VHF) ist als häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung mit einem hohen Risiko für ischämische Schlaganfälle und andere thromboembolische Ereignisse assoziiert.[2] Die Herzrhythmusstörung nimmt mit dem Alter zu und das Risiko für eine Entstehung wird durch Faktoren wie Hypertonie, kardiovaskuläre Erkrankungen oder Diabetes mellitus weiter gesteigert. Das VHF verläuft oft asymptomatisch und episodenhaft und bleibt daher häufig unentdeckt. Bei einem relevanten Anteil der Schlaganfallpatient:innen mit VHF erfolgt daher die Diagnose leider erst nach dem Ereignis.[3,4] Wichtig ist daher die Früherkennung eines VHF, damit betroffene Patient:innen rechtzeitig einer adäquaten Schlaganfallprophylaxe zugeführt werden können.

Diagnostische Methoden zur VHF-Detektion sind Palpation des Pulses und Ruhe-EKG, wiederholte und längere EKG-Aufzeichnungen können die Diagnoserate erhöhen. Als Goldstandard gilt das Langzeit-EKG, das über 24 Stunden oder länger kontinuierlich ein EKG aufzeichnet. Nach Ansicht der Experten können auch einfache opportunistische Screeningmethoden wie ein Daumen-EKG oder niedrigschwellige apothekenbasierte Untersuchungsprogramme ein VHF verlässlich identifizieren.

VHF-Detektion: Daumen-EKG schlägt Goldstandard

In der B-SAFE-Studie [5] wurden zwei Methoden zur Detektion von VHF verglichen: das 24-Stunden-Holter-EKG gegen ein Daumen-EKG, das zwei Mal täglich über zwei Wochen von Patient:innen selbst ausgelöst und in einer zentralen Datenbank ausgewertet wurde. Die nicht-interventionelle, prospektive, multizentrische Studie schloss 1.500 Patient:innen im Alter von > 70 Jahren ohne bekanntes VHF mit einem erhöhten Risiko ein, die neben einem Hypertonus mindestens einen weiteren Risikofaktor aufwiesen. „Im Rahmen des opportunistischen Screenings wurde deutlich, dass das Daumen-EKG den Goldstandard schlägt“, so Dr. med. Ralph Bosch, Cardio Centrum Ludwigsburg und Regionalvorstand des Bundesverbandes Niedergelassener Kardiologen e. V. (BNK) in Baden-Württemberg. Mit einer Detektionsrate von 4 % war das Daumen-EKG dem Holter-EKG mit 2,2 % deutlich überlegen (Odds Ratio: 1,85; p=0,0045). Insgesamt erhielt fast 78 % der so neu diagnostizierten VHF-Patient:innen eine anschließende orale Antikoagulation (OAK). Generell sei die Akzeptanz des Daumen-EKGs bei den älteren Patient:innen sehr hoch, die zudem die Handhabung als technisch unkompliziert betrachteten, erklärt Dr. Bosch. 

Das Daumen-EKG könne somit im Alltag eine einfache und dennoch effektive Screeningmethode darstellen.

Niedrigschwelliges Screening identifiziert VHF und assoziiertes Mortalitätsrisiko

„Auch ein apothekenbasiertes Screening mittels EKG-Stab über die Dauer einer Minute kann ein bis dahin unbekanntes Vorhofflimmern einfach und schnell identifizieren und auf ein möglicherweise erhöhtes Risiko für Mortalität oder kardiovaskulär-bedingte Hospitalisierung bei älteren Menschen hinweisen“, erklärte Dr. med. Matthias Zink, Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin, Uniklinik RWTH Aachen. „Die Bereitschaft der beteiligten Apotheken für diese Art von Screening war sehr hoch und wurde durch die einfache Anwendung von der Bevölkerung sehr positiv angenommen“, ergänzte Dr. Zink. Zu diesen Ergebnissen kommt die prospektive Aachener Apotheken-Studie, deren Daten im Rahmen der Aktion „Aachen gegen den Schlaganfall“ erhoben wurden.[6] Bei insgesamt 7.107 Proband:innen im Alter über 65 Jahre wurde mit einem mobilen 1-Kanal-EKG einmalig über 60 Sekunden der Herzrhythmus aufgezeichnet und automatisch ausgewertet. Bei 6,1 % der Teilnehmer:innen wurde ein VHF festgestellt, für 3,6 % der Gesamtgruppe sei es eine Erstdiagnose gewesen, so Dr. Zink, der gemeinsam mit Prof. Dr. med. Nikolaus Marx die Studie leitete. Über die Follow-up-Dauer von 400 Tagen verstarben 2,3 % der Patient:innen mit detektiertem VHF verglichen mit 0,8 % in der Gruppe mit normalem EKG (Hazard Ratio [HR]: 2,94; 95 %-KI: 1,49-5,78; p=0,002). Die Hospitalisierungsrate aufgrund kardiovaskulärer Probleme war in der VHF-Gruppe doppelt so hoch wie in der Vergleichsgruppe (10,6 % vs. 5,5 %; HR: 2,08; 95 %-KI: 1,52-2,84; p<0,001). „Die Studie zeigt, dass ein niedrigschwelliges einfaches Screening Vorhofflimmern identifizieren kann und dass bisher nicht identifizierte Personen ein deutlich erhöhtes Mortalitätsrisiko im folgenden Jahr im Vergleich zu Personen ohne Vorhofflimmern aufweisen“, schlussfolgerte Dr. Zink. „Diese Art des VHF Screenings kann die Voraussetzung für eine rechtzeitige Schlaganfallprophylaxe bilden. Die Hoffnung ist, dass ein flächendeckendes Screening die Mortalität senken und Folgekosten im Gesundheitssystem verringern kann. Dies müssten aber weitere Studien zeigen.“

Frühe rhythmuserhaltende Therapie verbessert die Prognose von VHF-Patient:innen

Professor Dr. med. Paulus Kirchhof, Direktor der Klinik für Kardiologie, Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und Vorstandsvorsitzender des Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) verwies darauf, dass VHF-Patient:innen trotz eines verbesserten Managements der Erkrankung weiterhin ein hohes Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen tragen. Kann dieses Risiko durch eine frühe Rhythmuskontrolle das Auftreten von Schlaganfall, Herzinsuffizienz oder Angina pectoris senken? Diese Frage untersuchte die EAST-AFNET-Studie[7], die 2.789 Patient:innen mit frühem VHF (Diagnose innerhalb eines Jahres vor Randomisierung) und kardiovaskulären Problemen einschloss. Beim Vergleich mit der Standardbehandlung VHF-bezogener Symptome („usual care“) erwies sich der frühe Rhythmuserhalt mit Antiarrhythmika oder Katheterablation (innerhalb von 36 Tagen nach Diagnose) in den meisten Studienendpunkten als überlegen. Nach einem Follow-up von fünf Jahren trat die Kombination aus kardiovaskulärem Tod, Schlaganfall und Hospitalisierung wegen dekompensierter Herzinsuffizienz oder akutem Koronarsyndrom unter früher Rhythmuskontrolle signifikant seltener auf als in der Kontrollgruppe (Inzidenz pro 100 Patient:innenjahre: 3,9 % vs. 5,0 %; HR: 0,79; 95 %-KI: 0,66-0,94; p=0,005). „Das entspricht einer relativen Risikoreduktion von 21 Prozent“, erklärte Studienleiter Prof. Kirchhof. Auch für die einzelnen Komponenten des primären Endpunkts waren die Unterschiede durchweg signifikant (kardiovaskulärer Tod, Schlaganfall) bzw. deutlich (Hospitalisierung). Hinsichtlich des primären Sicherheitsendpunkts (Schlaganfall, Tod jeglicher Ursache, schwere Komplikationen unter rhythmuserhaltender Behandlung) war kein signifikanter Unterschied zwischen beiden Gruppen zu verzeichnen. Der Nutzen der rhythmuserhaltenden Therapie fand sich bei Patient:innen mit Herzinsuffizienz unabhängig von der linksventrikulären Funktion.[8] Eine aktuelle Subanalyse der Studie zeigte jetzt, dass auch asymptomatische Patient:innen (800 Patientinnen und Patienten, 30,4 % der Gesamtpopulation) von einem frühem Rhythmuserhalt profitierten[9]: Das relative Risiko für den primären Studienendpunkt konnte um 24 % reduziert werden (HR: 0,76; 95 %-KI: 0,57-1,03; p=0,848). Die Ergebnisse der EAST-AFNET-Studie können dazu beitragen, die Handlungsempfehlungen bei Patient:innen mit kürzlich diagnostiziertem VHF zu ändern und eine frühe Rhythmuskontrolle als neue Strategie zu wählen, resümierte Prof. Kirchhof.

Über die Allianz von Bristol Myers Squibb und Pfizer

Im Jahr 2007 schlossen Bristol Myers Squibb und Pfizer eine internationale Partnerschaft zur Entwicklung und Vermarktung von Apixaban – einem von Bristol Myers Squibb entdeckten oralen Antikoagulans (Faktor-Xa-Inhibitor). Diese globale Allianz vereint die langjährige Erfahrung und Kompetenz von Bristol Myers Squibb und Pfizer in der Entwicklung und Vermarktung kardiovaskulärer Präparate.

Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET)

Das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) ist ein interdisziplinäres Forschungsnetz, in dem Wissenschaftler und Ärzte aus Kliniken und Praxen deutschlandweit zusammenarbeiten. Ziel des Netzwerks ist es, die Behandlung und Versorgung von Patienten mit Vorhofflimmern in Deutschland, Europa und weltweit durch koordinierte Forschung zu verbessern. Dazu führt das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. wissenschaftsinitiierte klinische Studien (investigator initiated trials = IIT) und Register auf nationaler und internationaler Ebene durch. Der Verein ist aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Kompetenznetz Vorhofflimmern hervorgegangen. Seit Januar 2015 werden einzelne Projekte und Infrastrukturen des AFNET vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) gefördert.


Quellen
[1] Hindricks G und Potpara T et al. Eur Heart J. 2021; 42(5):373–498. doi: 10.1093/eurheartj/ehaa612
[2] Camm AJ et al. Eur Heart J. 2010; 31(19):2369–2429. doi: 10.1093/eurheartj/ehq278
[3] Haeusler KG et al. Int J Stroke. 2012; 7(7):544–550. doi: 10.1111/j.1747-4949.2011.00672.x
[4] Leyden JM et al. Stroke. 2013; 44(5):1226–1231. doi: 10.1161/STROKEAHA.113.675140
[5] Bosch R. Management of thumb-ECG detected subclinical atrial fibrillation in high risk patients – The B-SAFE Study; Late Breaking Clinical Trials I (V433), 87. Jahrestagung der DGK, 7. April 2021
[6] Zink MD et al. Europace 2021; 23:29–38. doi: 10.1093/europace/euaa190
[7] Kirchhof P et al. N Engl J Med 2020; 383:1305-1316. doi: 10.1056/NEJMoa2019422
[8] Rillig A, et al. Circulation. 2021;144:845–858.doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.121.056323
[9] Willems S. et al. Eur Heart J. 2021; 00:1–12. doi: 10.1093/eurheartj/ehab593

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Prof. Dr. med. Olivier Devuyst: Osmotische Lösungen - Die Peritoneal- oder Bauchfelldialys

Medizin am Abend  Berlin - MaAB-Fazit: Grosser Schritt in Richtung Präzisionsmedizin für Dialysepatienten

Eine häufige Genvariante für das Protein Aquaporin-1 verringert die Anzahl Wasserkanäle in den Zellmembranen. 

  • Dies reduziert den Wassertransport und erhöht bei Patienten, die wegen Nierenversagen mit Bauchfelldialyse behandelt werden, das Sterberisiko. 

Darum sollten bei Betroffenen mit dieser Genvariante spezifische osmotische Lösungen eingesetzt werden, wie ein von der Universität Zürich geleitetes, internationales Forschungsteam zeigt. 

Die Peritoneal- oder Bauchfelldialyse können Betroffene daheim mit minimaler medizinischer und technischer Unterstützung durchführen.
Die Peritoneal- oder Bauchfelldialyse können Betroffene daheim mit minimaler medizinischer und technischer Unterstützung durchführen. Hugues Depasse Hugues Depasse 

  • Täglich reinigen die menschlichen Nieren etwa 1'500 Liter Blut, indem sie etwa ein bis zwei Liter Urin produzieren. 
  • Der Körper entledigt sich so von überschüssigem Wasser, giftigen Abfallprodukten des Stoffwechsels oder von Medikamenten und hält das Gleichgewicht von Wasser und Mineralien im Gewebe aufrecht. 

Weltweit sind bis zu 10 Prozent der Menschen von Nierenversagen betroffen – Tendenz steigend. 

Während sie auf eine Nierentransplantation warten, müssen Patientinnen und Patienten mit chronischem Nierenversagen regelmässig mit einer Dialyse behandelt werden, die den Körper von Flüssigkeit und schädlichen Substanzen reinigt. 

Immer beliebter wird die Bauchfelldialyse, auch Peritonealdialyse genannt, da sie zu Hause mit einem Minimum an medizinischer und technischer Unterstützung durchgeführt werden kann.

Häufige Variante des Wassertransporter-Gens erhöht das Sterberisiko

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Zürich (UZH) hat nun eine verbreitete Variante des AQP1-Gens identifiziert, das die Bauanleitung für den Wasserkanal Aquaporin-1 enthält. 

Dieses Protein beeinflusst die Wirksamkeit der Dialyse und das Überleben der Betroffenen erheblich. 

«Die Identifizierung dieser häufig vorkommenden Genvariante ist ein grosser Schritt in Richtung Präzisionsmedizin in der Dialysebehandlung. 

Sie verändert die Aquaporin-1-Produktion und ist mit einem höheren Risiko für Tod und Therapieversagen verbunden», sagt der Studienverantwortliche Olivier Devuyst vom Physiologischen Institut der UZH. «Die Genvariante beeinflusst das Behandlungsergebnis und die Wahl der Therapiemodalitäten bei Nierenversagen», fügt er hinzu.

  • Die Effizienz der Dialyse hängt davon ab, wie gut sie überschüssiges Wasser entfernt, den normalen Flüssigkeitsstatus des Körpers wiederherstellt und Abfallstoffe ausscheidet. 

Bei der Peritonealdialyse wird eine osmotische Lösung in die Bauchfellhöhle gefüllt, die das Wasser vorrangig durch die Aquaporin-1-Kanäle – gewissermassen das körpereigene Abwassersystem – abführt.

In früheren Studien konnte die Gruppe von Oliver Devuyst zeigen, dass Aquaporin-1 reichlich in den Zellen vorhanden ist, die die Kapillaren des Bauchfells auskleiden. 

Dort sind die Proteine für den schnellen osmotischen Wassertransport durch die Zellmembranen und für knapp die Hälfte des Wasserentzugs während der Dialyse, Ultrafiltration genannt, zuständig.

Patientinnen und Patienten mit chronischem Nierenversagen benötigen regelmässig eine Bauchfelldialyse, die den Körper von Flüssigkeit und schädlichen Substanzen reinigt.
Patientinnen und Patienten mit chronischem Nierenversagen benötigen regelmässig eine Bauchfelldialyse, die den Körper von Flüssigkeit und schädlichen Substanzen reinigt. Hugues Depasse

Genvariante verringert osmotischen Wassertransport und Ultrafiltration

Um zu testen, welche Auswirkungen Genvarianten für Aquaporin-1 auf die Ultrafiltration und das Ergebnis der Dialyse haben, untersuchten die Forscher 1'851 Patienten unterschiedlicher ethnischer Herkunft über mehrere Jahre. Mit Hilfe verschiedener Techniken, die von Humangenetik über Mausmodelle und Computer-Modellierung bis hin zu zellulären Studien reichen, konnte das Team zeigen, dass bei Patientinnen und Patienten mit einer häufigen Variante des Aquaporin-1-Gens geringere Mengen dieses Proteins in ihren Geweben vorhanden sind. Daher ist die Fähigkeit reduziert, Wasser durch die Zellmembranen zu transportieren. Devuyst ergänzt: «Unsere Forschung zeigt, dass relativ häufige genetische Varianten – etwa 30 Prozent der Bevölkerung besitzen die AQP1-Variante – grundlegende Prozesse beeinträchtigen können, die aber nur unter besonderen Umständen wie hier der Dialysebehandlung zutage treten.»

Gendefekt durch Anpassung des Dialysemittels überwinden

Bei Patienten, die die Peritonealdialyse daheim machen und diese Aquaporin-1-Variante tragen, wird das überschüssige Wasser durch die Behandlung nicht vollständig entfernt, da die Zellen über weniger Wasserkanäle verfügen. 

Dies führt zu Wasseransammlungen und einem erhöhten Sterberisiko aufgrund verschiedener Komplikationen. 

Das Risiko zu sterben oder auf eine Hämodialyse im Spital umgestellt werden zu müssen, ist bei Bauchfelldialyse-Patienten mit dieser Genvariante rund 70 Prozent höher als bei Patientinnen, die das defekte Gen nicht tragen.

Das aus Forscherinnen und Medizinern aus sechs verschiedenen Ländern zusammensetzte Team hat jedoch eine Möglichkeit gefunden, das Problem zu umgehen.

 «Der Gendefekt kann überwunden werden, wenn anstelle von Glukose spezifische osmotische Lösungen verwendet werden, die unabhängig von Aquaporinen Wasser anziehen – sogenannte kolloidale osmotische Mittel», sagt Olivier Devuyst.

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Prof. Dr. med. Olivier Devuyst
Physiologisches Institut
Universität Zürich
Tel. +41 44 635 50 82
E-Mail: olivier.devuyst@uzh.ch

Kurt Bodenmüller Universität Zürich

Telefon: +41446344439
Fax: +41446342346
E-Mail-Adresse: kurt.bodenmueller@kommunikation.uzh.ch


Originalpublikation:

Johann Morelle, Céline Marechal, Zanzhe Yu et. al. AQP1 Promoter Variant, Water Transport and Outcome in Peritoneal Dialysis. New England Journal of Medicine. October 20, 2021. DOI: 10.1056/NEJMoa2034279

Prof. Dr. Franz Pfeiffer: Früherkennung/Therapieverlauf von Lungenerkrankungen - das Dunkelfeld-Röntgen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Neue Röntgentechnologie: Dunkelfeld-Röntgen verbessert Diagnose von Lungenerkrankungen

Forschende der Technischen Universität München (TUM) haben ein neues Röntgenverfahren für die Lungendiagnostik erstmalig erfolgreich bei Patienten eingesetzt. 

Dunkelfeld-Röntgen macht frühe Veränderungen in der Alveolarstruktur infolge der Lungenkrankheit COPD sichtbar, benötigt dafür jedoch nur ein Fünfzigstel der in der Computertomographie üblichen Strahlendosis. 

Dies erlaubt eine breite medizinische Anwendung in der Früherkennung und dem Therapieverlauf von Lungenerkrankungen. 

Das Dunkelfeld-Röntgenverfahren macht frühe Veränderungen in der Alveolarstruktur infolge der Lungenkrankheit COPD sichtbar. Prof. Franz Pfeiffer hofft, damit die Früherkennung von Lungenkrankheiten deutlich zu verbessern.
Das Dunkelfeld-Röntgenverfahren macht frühe Veränderungen in der Alveolarstruktur infolge der Lungenkrankheit COPD sichtbar. Prof. Franz Pfeiffer hofft, damit die Früherkennung von Lungenkrankheiten deutlich zu verbessern. Andreas Heddergott / TUM 

Millionenfach führen schwere Erkrankungen des Atmungssystems zu stark eingeschränkter Lebensqualität. 

Jedes Jahr sterben allein in Deutschland mehr als 100.000 Menschen an schweren Lungenerkrankungen. 

Typisch für eine lebensgefährliche chronisch obstruktive Lungenerkrankung (chronic obstructive pulmonary disease, COPD) sind teilweise zerstörte Lungenbläschen und eine Aufblähung der Lunge (Emphysem).

In normalen Röntgenaufnahmen sind die feinen Unterschiede im Gewebe jedoch kaum sichtbar.  

Detaillierte diagnostische Informationen liefern erst fortschrittliche medizinische Bildgebungstechnologien, bei denen im Computer viele Einzelbilder zusammengesetzt werden. 

Eine schnelle und kostengünstige Option mit geringer Strahlenbelastung für Früherkennung und Nachuntersuchungen fehlt bisher.

Diese Lücke könnte ein an der TU München entwickeltes Verfahren schließen: 

das Dunkelfeld-Röntgen. In der aktuelle Ausgabe von „Lancet Digital Health“ präsentiert ein Forschungsteam, angeführt von Franz Pfeiffer, Professor für biomedizinische Physik und Direktor des Munich Institute of Biomedical Engineering der TUM, nun Ergebnisse einer ersten klinischen Studie mit Patienten, bei der die neue Röntgen-Technologie zur Diagnose der Lungenkrankheit COPD eingesetzt wurde.

Der Wellencharakter des Röntgenlichts macht‘s möglich

Die konventionelle Röntgen-Bildgebung beruht auf der Abschwächung des Röntgenlichts auf seinem Weg durch das Gewebe. Die Dunkelfeld-Technologie dagegen nutzt Anteile des Röntgenlichts, die gestreut werden und beim konventionellen Röntgen unbeachtet bleiben.

Die neue Methode nutzt damit das physikalische Phänomen der Streuung auf ähnliche Weise wie die schon länger bekannte Dunkelfeldmikroskopie mit sichtbarem Licht: Diese macht es möglich, Strukturen weitgehend transparenter Objekte sichtbar zu machen. Im Mikroskop erscheinen sie als helle Strukturen vor einem dunklen Hintergrund, was der Methode ihren Namen verleiht.

„An Grenzflächen zwischen Luft und Gewebe beispielsweise ist die Streuung des Röntgenlichts besonders stark“, erklärt Pfeiffer. „Dadurch lassen sich in einem Dunkelfeldbild der Lunge Bereiche mit intakten, also luftgefüllten, Lungenbläschen klar von Regionen unterscheiden, in denen weniger intakte Lungenbläschen vorhanden sind.“

Geringere Strahlendosis

Eine Untersuchung mit der Dunkelfeld-Röntgen-Technik ist außerdem mit einer deutlich geringeren Strahlendosis verbunden als die heute verwendete Computertomografie. Denn sie erfordert nur eine einzelne Aufnahme pro Patientin oder Patient, während für die Computertomografie zahlreiche Einzelaufnahmen aus verschiedenen Richtungen erstellt werden müssen.

„Wir rechnen mit einer um den Faktor Fünfzig reduzierten Strahlenbelastung“, sagt Franz Pfeiffer. Darüber hinaus haben die ersten klinischen Ergebnisse bestätigt, dass das Dunkelfeld-Röntgen zusätzliche bildliche Informationen über die zugrundeliegende Mikrostruktur der Lunge liefert.

„Angesichts des engen Zusammenhangs zwischen der Alveolarstruktur und dem funktionellen Zustand der Lunge ist diese Fähigkeit für die Lungenheilkunde von großer Bedeutung,“ erklärt Dr. Alexander Fingerle, Oberarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Klinikum rechts der Isar der TUM. „In Zukunft könnte das Dunkelfeld-Röntgen so zu einer besseren Früherkennung von COPD und anderen Lungenerkrankungen beitragen.“

Zukünftig bessere Röntgengeräte für die Früherkennung

Franz Pfeiffer hofft, mit diesen ersten klinischen Ergebnissen an Patienten die Durchführung weiterer klinischer Studien und die Entwicklung marktfähiger Geräte zu beschleunigen, die die Dunkelfeld-Methode nutzen.

„Mit der Dunkelfeld-Röntgen-Technologie haben wir aktuell eine Chance, die Früherkennung von Lungenkrankheiten deutlich zu verbessern und gleichzeitig auch breiter als bisher einzusetzen,“ betont Pfeiffer.

Da die Dunkelfeld-Bildgebung nicht auf COPD beschränkt ist, sind auch weitere translationale Studien zu anderen Lungenpathologien wie Fibrose, Pneumothorax, Lungenkrebs und Lungenentzündung, einschließlich COVID-19, von großem Interesse.

PD Dr. med. Andreas Sauter bei der Auswertung von Röntgenaufnahmen im Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.
PD Dr. med. Andreas Sauter bei der Auswertung von Röntgenaufnahmen im Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Andreas Heddergott / TUM


Die Arbeiten wurden unterstützt durch das European Research Council im Rahmen eines Advanced Grants, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Philips Medical Systems DMC GmbH. Mitautor Thomas Köhler (Philips) war Rudolf Diesel Industry Fellow des TUM Institute for Advanced Study (TUM-IAS), das aus Mitteln der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder sowie des Marie Curie COFUND-Programm der EU gefördert wird. Ein Teil der Arbeiten wurde in Kooperation mit der Karlsruhe Nano Micro Facility (KNMF), einer Helmholtz-Forschungsinfrastruktur am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), durchgeführt.

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Prof. Dr. Franz Pfeiffer
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Dr. Andreas Battenberg Technische Universität München

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Originalpublikation:

Konstantin Willer, Alexander Fingerle, Wolfgang Noichl, Fabio De Marco, Manuela Frank, Theresa Urban, Rafael Schick, Alex Gustschin, Bernhard Gleich, Julia Herzen, Thomas Koehler, Andre Yaroshenko, Thomas Pralow, Gregor Zimmermann, Bernhard Renger, Andreas Sauter, Daniela Pfeiffer, Marcus Makowski, Ernst Rummeny, Philippe Grenier, Franz Pfeiffer
X-ray dark-field chest imaging for detection and quantification of emphysema in patients with chronic obstructive pulmonary disease: a diagnostic accuracy study
Lancet Digital Health, Volume 3, ISSUE 11, e733-e744, November 01, 2021 – DOI: 10.1016/S2589-7500(21)00146-1


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https://www.thelancet.com/journals/landig/article/PIIS2589-7500(21)00146-1/ Originalpublikation

https://www.groups.ph.tum.de/e17/ Website der Arbeitsgruppe


https://www.bioengineering.tum.de Website des Munich Institute of Biomedical Engineering (MIBE)


PD Dr. Sven Poli: Augeninfarkt

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: „Time is Retina“: Wenn das Auge plötzlich nichts mehr sieht, gilt es keine Zeit zu verlieren

Augeninfarkt ist ein medizinischer Notfall – Studie untersucht die frühzeitige Wiederherstellung des Blutflusses bei akutem Infarkt 

Porträtbild PD Dr. Sven Poli

PD Dr. Sven Poli Verena Müller/Universitätsklinikum Tübingen 

Am 29. Oktober 2021 war Weltschlaganfalltag. 

  • Nicht nur das Gehirn kann einen Infarkt erleiden – auch das Auge kann von einem akuten Verschluss der Blutzufuhr betroffen sein. 

Der Augeninfarkt zeichnet sich durch eine plötzliche, schmerzlose Sehverschlechterung innerhalb von Sekunden aus. 

Unbehandelt führt er in rund 95 % der Fälle zu einem schweren und dauerhaften Sehverlust im betroffenen Auge. 

Der Grund ist ein Gerinnsel in den Blutgefäßen, welche die Netzhaut versorgen. 

Sind die Gefäße verstopft, ist die Sauerstoffzufuhr behindert und das Gewebe stirbt ab. 

Je schneller das Blut wieder ungehindert fließt, umso besser die Prognose. 

Ein Forschungsteam um PD Dr. Sven Poli vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung und dem Universitätsklinikum Tübingen und Prof. Dr. Martin Spitzer von der Universitäts-Augenklinik Hamburg-Eppendorf untersucht nun, inwieweit ein Medikament das Gerinnsel auflösen und dadurch die Zerstörung der Netzhaut aufhalten kann. Rund 400 Patientinnen und Patienten sollen deutschlandweit im Rahmen der Studie behandelt werden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt das Vorhaben mit 4 Millionen Euro.

„Beim Augeninfarkt gilt: 

‘Zeit ist Netzhaut‘. 

Bereits innerhalb von vier Stunden nachdem der Blutfluss unterbrochen ist, treten irreversible Schäden am Auge auf“, erklärt Studienleiter und Neurologe Poli. 

Trotz einer Vielzahl von verbreiteten Standardbehandlungen gibt es bislang keine nachweislich wirksame Therapie, die die Krankheitsursache behandelt – anders als beim ischämischen Schlaganfall, bei dem das Medikament Alteplase mittlerweile routinemäßig und erfolgreich zur Auflösung des Blutgerinnsels eingesetzt wird. 

„Es ist daher ein naheliegender Therapieansatz, das gleiche Arzneimittel beim Augeninfarkt einzusetzen“, so Poli. 

Ob es wirkt – und wie gut – untersuchen die Tübinger Neurologinnen und Neurologen nun gemeinsam mit Hamburger Augenärztinnen und Augenärzten in der klinischen Studie REVISION. Bundesweit beteiligen sich aktuell 22 Kliniken an der Studie. Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim stellt das Medikament und das Placebo zur Verfügung.

Ein Augeninfarkt ist ein seltenes Krankheitsbild, weniger als eine Person von 100.000 Einwohnern erkrankt daran.

Umso wichtiger ist, dass ihn auch Laien und niedergelassene Medizinerinnen und Mediziner als Notfall erkennen.

 „Tritt eine Sehverschlechterung innerhalb von Sekunden auf und existiert ein Schatten auf dem kompletten Auge, sollte die betroffene Person unmittelbar in die nächste Augenklinik oder zentrale Notaufnahme gehen – notfalls mit dem Rettungsdienst, selbst dann wenn der Schatten nur von kurzer Dauer ist“, appelliert Poli. 

Dort kann nach der Diagnose unmittelbar mit einer Behandlung begonnen werden.

 „Je früher ein Augeninfarkt erkannt und behandelt wird, umso besser die Chancen, dass das Augenlicht erhalten wird. Auch darauf wollen wir im Rahmen unserer Studie aufmerksam machen.“

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Dr. Anna Vogel: http://www.trauer-therapie.de - Anhzaltende Trauerstörung

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wenn Abschiedsschmerz zum Lebensgefühl wird: Hilfe bei Anhaltender Trauerstörung

Der Tod einer nahestehenden Person bedeutet einen tiefen Lebenseinschnitt für die Hinterbliebenen. 

Trauer ist dabei eine ganz normale Reaktion auf den Verlust. 

Doch bei fünf bis zehn Prozent der Trauernden dominiert der Verlust auch nach geraumer Zeit den Alltag so sehr, dass Fachleute dann von einer Anhaltenden Trauerstörung im Sinne einer psychischen Erkrankung sprechen. 

Unter Leitung von Psychologinnen und Psychologen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) wird bundesweit in mehreren Behandlungszentren eine spezielle Form der Psychotherapie bei dieser Erkrankung erprobt – mit vielversprechenden Zwischenergebnissen. 

 

 

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Förderung des Projektes PROGRID (Prolonged Grief Disorder) gerade noch einmal verlängert, so dass für Betroffene weiterhin Gelegenheit dafür besteht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

„Trauer ist eine ganz normale Reaktion, die alle Menschen im Lauf ihres Lebens erfahren. 

Dabei wird die Bindung zu einer verstorbenen Bezugsperson gewissermaßen neu aufgestellt. 

Das ist ein hochindividueller Prozess, der in der Regel nicht behandelt wird“, erläutert Dr. Anna Vogel. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie (Prof. Dr. Rita Rosner) an der KU und stellvertretende Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz in Ingolstadt. „Es gibt keine allgemeingültigen Ratschläge für den Umgang mit Trauer. Gut ist das, was jedem selbst guttut. 

  • Fest steht: Wenn man bei Trauer psychotherapeutisch zu früh einschreitet, kann dies genau das Gegenteil bewirken und den Trauerprozess sogar verlängern!“ 
  • Auch wenn hierzulande immer wieder von einem Trauerjahr gesprochen werde, nach dem die Gedanken rund um die verstorbene Person angeblich weniger im Vordergrund sein sollen, sei dies kein allgemeingültiger Zeitrahmen. 
  • Selbst Jahre später gebe es sogenannte Trauerspitzen, etwa zu Jahrestagen.


Im Vergleich dazu hat die Anhaltende Trauerstörung jedoch einen grundlegend anderen Charakter. 

„Wir sprechen davon, wenn auch nach mehr als sechs Monaten der Tod des oder der Angehörigen den Alltag bestimmt und die eigene Lebensführung signifikant einschränkt – indem sich die Hinterbliebenen etwa weiterhin zurückziehen, die Sehnsucht nach der verstorbenen Person täglich als quälend erlebt wird, ihr Zimmer unangetastet bleibt oder über sie so berichtet wird als ob sie immer noch leben würde.“
Auch Extreme zum Beispiel im Hinblick auf das Grab der Verstorbenen begegnen den Psychologinnen und Psychologen in ihrer Praxis zur anhaltenden Trauer:
Manche Hinterbliebenen gehen auch nach langer Zeit dreimal täglich ans Grab, andere meiden den Friedhof komplett, weil dieser Ort nicht ertragbar scheint.

  • Die Grenzen zu einer Depression sind – wie Vogel erläutert – teilweise fließend und setzen eine genaue Diagnostik voraus. 
  • Identisch zu einer Depression sind Symptome wie etwa das Gefühl, keinerlei Freude mehr empfinden zu können und wie betäubt zu sein. 
  • Im Unterschied zur Depression sind jedoch Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit oder gar Suizidgedanken eher untypisch für eine Anhaltende Trauerstörung. 

Zudem helfen, wie verschiedene Studien gezeigt haben, keine Medikamente gegen komplizierte Trauer.

Dass die Anhaltende Trauerstörung erst vor kurzem als psychische Erkrankung in die Systematik der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen wurde, zeigt, wie komplex die Materie ist: 

„Es geht nicht darum die Trauer per se zu pathologisieren! 

Zudem hat die Forschung lange gebraucht, um präzise zwischen einer Depression bzw. einer Postraumatischen Belastungsstörung und anhaltender Trauer differenzieren zu können“, so Vogel. 

International gehe man in der Wissenschaft davon aus, dass die besonderen Umstände der Pandemie zu einem Anstieg der Anhaltenden Trauerstörung führen werde. 

„Betroffene schildern uns, wie belastend es für sie war, sich nicht von Sterbenden verabschieden oder eine Beerdigung nur im engsten Kreis abhalten zu können. 

Hinzu kommt, dass viele Hilfsangebote für Trauernde pandemiebedingt nicht möglich waren.“

Die anhaltende Trauer als psychische Erkrankung sei nicht auf ältere Menschen beschränkt, so dass das Angebot der Forscherinnen und Forscher für alle Personen ab 18 Jahren offen ist. 

Vor der eigentlichen Therapie finden mehrere Vorgespräche statt, um genau zu diagnostizieren, ob eine Anhaltende Trauerstörung vorliegt. 

Die eigentliche Behandlung dauert ca. ein halbes Jahr und umfasst rund 25 Sitzungen, die – wie erste Zwischenergebnisse zeigen – zu einer deutlichen Besserung der Symptome führt. 

Anlaufpunkt zur Teilnahme an der PROGRID-Studie sind Behandlungszentren in Ingolstadt, München, Frankfurt, Marburg und Leipzig.

Weitere Informationen finden sich unter http://www.trauer-therapie.de.

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Psychotherapeutische Hochschulambulanz
der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU)
Dr. Anna Vogel
Levelingstr. 7
85049 Ingolstadt
Tel.: 0841/93721956
Mail: anna.vogel(at)ku.de

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