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Prof. Dr. med. Olivier Devuyst: Osmotische Lösungen - Die Peritoneal- oder Bauchfelldialys

Medizin am Abend  Berlin - MaAB-Fazit: Grosser Schritt in Richtung Präzisionsmedizin für Dialysepatienten

Eine häufige Genvariante für das Protein Aquaporin-1 verringert die Anzahl Wasserkanäle in den Zellmembranen. 

  • Dies reduziert den Wassertransport und erhöht bei Patienten, die wegen Nierenversagen mit Bauchfelldialyse behandelt werden, das Sterberisiko. 

Darum sollten bei Betroffenen mit dieser Genvariante spezifische osmotische Lösungen eingesetzt werden, wie ein von der Universität Zürich geleitetes, internationales Forschungsteam zeigt. 

Die Peritoneal- oder Bauchfelldialyse können Betroffene daheim mit minimaler medizinischer und technischer Unterstützung durchführen.
Die Peritoneal- oder Bauchfelldialyse können Betroffene daheim mit minimaler medizinischer und technischer Unterstützung durchführen. Hugues Depasse Hugues Depasse 

  • Täglich reinigen die menschlichen Nieren etwa 1'500 Liter Blut, indem sie etwa ein bis zwei Liter Urin produzieren. 
  • Der Körper entledigt sich so von überschüssigem Wasser, giftigen Abfallprodukten des Stoffwechsels oder von Medikamenten und hält das Gleichgewicht von Wasser und Mineralien im Gewebe aufrecht. 

Weltweit sind bis zu 10 Prozent der Menschen von Nierenversagen betroffen – Tendenz steigend. 

Während sie auf eine Nierentransplantation warten, müssen Patientinnen und Patienten mit chronischem Nierenversagen regelmässig mit einer Dialyse behandelt werden, die den Körper von Flüssigkeit und schädlichen Substanzen reinigt. 

Immer beliebter wird die Bauchfelldialyse, auch Peritonealdialyse genannt, da sie zu Hause mit einem Minimum an medizinischer und technischer Unterstützung durchgeführt werden kann.

Häufige Variante des Wassertransporter-Gens erhöht das Sterberisiko

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Zürich (UZH) hat nun eine verbreitete Variante des AQP1-Gens identifiziert, das die Bauanleitung für den Wasserkanal Aquaporin-1 enthält. 

Dieses Protein beeinflusst die Wirksamkeit der Dialyse und das Überleben der Betroffenen erheblich. 

«Die Identifizierung dieser häufig vorkommenden Genvariante ist ein grosser Schritt in Richtung Präzisionsmedizin in der Dialysebehandlung. 

Sie verändert die Aquaporin-1-Produktion und ist mit einem höheren Risiko für Tod und Therapieversagen verbunden», sagt der Studienverantwortliche Olivier Devuyst vom Physiologischen Institut der UZH. «Die Genvariante beeinflusst das Behandlungsergebnis und die Wahl der Therapiemodalitäten bei Nierenversagen», fügt er hinzu.

  • Die Effizienz der Dialyse hängt davon ab, wie gut sie überschüssiges Wasser entfernt, den normalen Flüssigkeitsstatus des Körpers wiederherstellt und Abfallstoffe ausscheidet. 

Bei der Peritonealdialyse wird eine osmotische Lösung in die Bauchfellhöhle gefüllt, die das Wasser vorrangig durch die Aquaporin-1-Kanäle – gewissermassen das körpereigene Abwassersystem – abführt.

In früheren Studien konnte die Gruppe von Oliver Devuyst zeigen, dass Aquaporin-1 reichlich in den Zellen vorhanden ist, die die Kapillaren des Bauchfells auskleiden. 

Dort sind die Proteine für den schnellen osmotischen Wassertransport durch die Zellmembranen und für knapp die Hälfte des Wasserentzugs während der Dialyse, Ultrafiltration genannt, zuständig.

Patientinnen und Patienten mit chronischem Nierenversagen benötigen regelmässig eine Bauchfelldialyse, die den Körper von Flüssigkeit und schädlichen Substanzen reinigt.
Patientinnen und Patienten mit chronischem Nierenversagen benötigen regelmässig eine Bauchfelldialyse, die den Körper von Flüssigkeit und schädlichen Substanzen reinigt. Hugues Depasse

Genvariante verringert osmotischen Wassertransport und Ultrafiltration

Um zu testen, welche Auswirkungen Genvarianten für Aquaporin-1 auf die Ultrafiltration und das Ergebnis der Dialyse haben, untersuchten die Forscher 1'851 Patienten unterschiedlicher ethnischer Herkunft über mehrere Jahre. Mit Hilfe verschiedener Techniken, die von Humangenetik über Mausmodelle und Computer-Modellierung bis hin zu zellulären Studien reichen, konnte das Team zeigen, dass bei Patientinnen und Patienten mit einer häufigen Variante des Aquaporin-1-Gens geringere Mengen dieses Proteins in ihren Geweben vorhanden sind. Daher ist die Fähigkeit reduziert, Wasser durch die Zellmembranen zu transportieren. Devuyst ergänzt: «Unsere Forschung zeigt, dass relativ häufige genetische Varianten – etwa 30 Prozent der Bevölkerung besitzen die AQP1-Variante – grundlegende Prozesse beeinträchtigen können, die aber nur unter besonderen Umständen wie hier der Dialysebehandlung zutage treten.»

Gendefekt durch Anpassung des Dialysemittels überwinden

Bei Patienten, die die Peritonealdialyse daheim machen und diese Aquaporin-1-Variante tragen, wird das überschüssige Wasser durch die Behandlung nicht vollständig entfernt, da die Zellen über weniger Wasserkanäle verfügen. 

Dies führt zu Wasseransammlungen und einem erhöhten Sterberisiko aufgrund verschiedener Komplikationen. 

Das Risiko zu sterben oder auf eine Hämodialyse im Spital umgestellt werden zu müssen, ist bei Bauchfelldialyse-Patienten mit dieser Genvariante rund 70 Prozent höher als bei Patientinnen, die das defekte Gen nicht tragen.

Das aus Forscherinnen und Medizinern aus sechs verschiedenen Ländern zusammensetzte Team hat jedoch eine Möglichkeit gefunden, das Problem zu umgehen.

 «Der Gendefekt kann überwunden werden, wenn anstelle von Glukose spezifische osmotische Lösungen verwendet werden, die unabhängig von Aquaporinen Wasser anziehen – sogenannte kolloidale osmotische Mittel», sagt Olivier Devuyst.

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Prof. Dr. med. Olivier Devuyst
Physiologisches Institut
Universität Zürich
Tel. +41 44 635 50 82
E-Mail: olivier.devuyst@uzh.ch

Kurt Bodenmüller Universität Zürich

Telefon: +41446344439
Fax: +41446342346
E-Mail-Adresse: kurt.bodenmueller@kommunikation.uzh.ch


Originalpublikation:

Johann Morelle, Céline Marechal, Zanzhe Yu et. al. AQP1 Promoter Variant, Water Transport and Outcome in Peritoneal Dialysis. New England Journal of Medicine. October 20, 2021. DOI: 10.1056/NEJMoa2034279

Prof. Dr. Franz Pfeiffer: Früherkennung/Therapieverlauf von Lungenerkrankungen - das Dunkelfeld-Röntgen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Neue Röntgentechnologie: Dunkelfeld-Röntgen verbessert Diagnose von Lungenerkrankungen

Forschende der Technischen Universität München (TUM) haben ein neues Röntgenverfahren für die Lungendiagnostik erstmalig erfolgreich bei Patienten eingesetzt. 

Dunkelfeld-Röntgen macht frühe Veränderungen in der Alveolarstruktur infolge der Lungenkrankheit COPD sichtbar, benötigt dafür jedoch nur ein Fünfzigstel der in der Computertomographie üblichen Strahlendosis. 

Dies erlaubt eine breite medizinische Anwendung in der Früherkennung und dem Therapieverlauf von Lungenerkrankungen. 

Das Dunkelfeld-Röntgenverfahren macht frühe Veränderungen in der Alveolarstruktur infolge der Lungenkrankheit COPD sichtbar. Prof. Franz Pfeiffer hofft, damit die Früherkennung von Lungenkrankheiten deutlich zu verbessern.
Das Dunkelfeld-Röntgenverfahren macht frühe Veränderungen in der Alveolarstruktur infolge der Lungenkrankheit COPD sichtbar. Prof. Franz Pfeiffer hofft, damit die Früherkennung von Lungenkrankheiten deutlich zu verbessern. Andreas Heddergott / TUM 

Millionenfach führen schwere Erkrankungen des Atmungssystems zu stark eingeschränkter Lebensqualität. 

Jedes Jahr sterben allein in Deutschland mehr als 100.000 Menschen an schweren Lungenerkrankungen. 

Typisch für eine lebensgefährliche chronisch obstruktive Lungenerkrankung (chronic obstructive pulmonary disease, COPD) sind teilweise zerstörte Lungenbläschen und eine Aufblähung der Lunge (Emphysem).

In normalen Röntgenaufnahmen sind die feinen Unterschiede im Gewebe jedoch kaum sichtbar.  

Detaillierte diagnostische Informationen liefern erst fortschrittliche medizinische Bildgebungstechnologien, bei denen im Computer viele Einzelbilder zusammengesetzt werden. 

Eine schnelle und kostengünstige Option mit geringer Strahlenbelastung für Früherkennung und Nachuntersuchungen fehlt bisher.

Diese Lücke könnte ein an der TU München entwickeltes Verfahren schließen: 

das Dunkelfeld-Röntgen. In der aktuelle Ausgabe von „Lancet Digital Health“ präsentiert ein Forschungsteam, angeführt von Franz Pfeiffer, Professor für biomedizinische Physik und Direktor des Munich Institute of Biomedical Engineering der TUM, nun Ergebnisse einer ersten klinischen Studie mit Patienten, bei der die neue Röntgen-Technologie zur Diagnose der Lungenkrankheit COPD eingesetzt wurde.

Der Wellencharakter des Röntgenlichts macht‘s möglich

Die konventionelle Röntgen-Bildgebung beruht auf der Abschwächung des Röntgenlichts auf seinem Weg durch das Gewebe. Die Dunkelfeld-Technologie dagegen nutzt Anteile des Röntgenlichts, die gestreut werden und beim konventionellen Röntgen unbeachtet bleiben.

Die neue Methode nutzt damit das physikalische Phänomen der Streuung auf ähnliche Weise wie die schon länger bekannte Dunkelfeldmikroskopie mit sichtbarem Licht: Diese macht es möglich, Strukturen weitgehend transparenter Objekte sichtbar zu machen. Im Mikroskop erscheinen sie als helle Strukturen vor einem dunklen Hintergrund, was der Methode ihren Namen verleiht.

„An Grenzflächen zwischen Luft und Gewebe beispielsweise ist die Streuung des Röntgenlichts besonders stark“, erklärt Pfeiffer. „Dadurch lassen sich in einem Dunkelfeldbild der Lunge Bereiche mit intakten, also luftgefüllten, Lungenbläschen klar von Regionen unterscheiden, in denen weniger intakte Lungenbläschen vorhanden sind.“

Geringere Strahlendosis

Eine Untersuchung mit der Dunkelfeld-Röntgen-Technik ist außerdem mit einer deutlich geringeren Strahlendosis verbunden als die heute verwendete Computertomografie. Denn sie erfordert nur eine einzelne Aufnahme pro Patientin oder Patient, während für die Computertomografie zahlreiche Einzelaufnahmen aus verschiedenen Richtungen erstellt werden müssen.

„Wir rechnen mit einer um den Faktor Fünfzig reduzierten Strahlenbelastung“, sagt Franz Pfeiffer. Darüber hinaus haben die ersten klinischen Ergebnisse bestätigt, dass das Dunkelfeld-Röntgen zusätzliche bildliche Informationen über die zugrundeliegende Mikrostruktur der Lunge liefert.

„Angesichts des engen Zusammenhangs zwischen der Alveolarstruktur und dem funktionellen Zustand der Lunge ist diese Fähigkeit für die Lungenheilkunde von großer Bedeutung,“ erklärt Dr. Alexander Fingerle, Oberarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Klinikum rechts der Isar der TUM. „In Zukunft könnte das Dunkelfeld-Röntgen so zu einer besseren Früherkennung von COPD und anderen Lungenerkrankungen beitragen.“

Zukünftig bessere Röntgengeräte für die Früherkennung

Franz Pfeiffer hofft, mit diesen ersten klinischen Ergebnissen an Patienten die Durchführung weiterer klinischer Studien und die Entwicklung marktfähiger Geräte zu beschleunigen, die die Dunkelfeld-Methode nutzen.

„Mit der Dunkelfeld-Röntgen-Technologie haben wir aktuell eine Chance, die Früherkennung von Lungenkrankheiten deutlich zu verbessern und gleichzeitig auch breiter als bisher einzusetzen,“ betont Pfeiffer.

Da die Dunkelfeld-Bildgebung nicht auf COPD beschränkt ist, sind auch weitere translationale Studien zu anderen Lungenpathologien wie Fibrose, Pneumothorax, Lungenkrebs und Lungenentzündung, einschließlich COVID-19, von großem Interesse.

PD Dr. med. Andreas Sauter bei der Auswertung von Röntgenaufnahmen im Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.
PD Dr. med. Andreas Sauter bei der Auswertung von Röntgenaufnahmen im Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Andreas Heddergott / TUM


Die Arbeiten wurden unterstützt durch das European Research Council im Rahmen eines Advanced Grants, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Philips Medical Systems DMC GmbH. Mitautor Thomas Köhler (Philips) war Rudolf Diesel Industry Fellow des TUM Institute for Advanced Study (TUM-IAS), das aus Mitteln der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder sowie des Marie Curie COFUND-Programm der EU gefördert wird. Ein Teil der Arbeiten wurde in Kooperation mit der Karlsruhe Nano Micro Facility (KNMF), einer Helmholtz-Forschungsinfrastruktur am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), durchgeführt.

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Prof. Dr. Franz Pfeiffer
Lehrstuhl für Biomedizinische Physik
Department für Physik / Munich Institute of Biomedical Engineering (MIBE)
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Tel.: +49 89 289 12551 (Büro) – +49 89 289 12552 (Sekretariat)
E-Mail: franz.pfeiffer@tum.de

Dr. Andreas Battenberg Technische Universität München

E-Mail-Adresse: battenberg@zv.tum.de

Originalpublikation:

Konstantin Willer, Alexander Fingerle, Wolfgang Noichl, Fabio De Marco, Manuela Frank, Theresa Urban, Rafael Schick, Alex Gustschin, Bernhard Gleich, Julia Herzen, Thomas Koehler, Andre Yaroshenko, Thomas Pralow, Gregor Zimmermann, Bernhard Renger, Andreas Sauter, Daniela Pfeiffer, Marcus Makowski, Ernst Rummeny, Philippe Grenier, Franz Pfeiffer
X-ray dark-field chest imaging for detection and quantification of emphysema in patients with chronic obstructive pulmonary disease: a diagnostic accuracy study
Lancet Digital Health, Volume 3, ISSUE 11, e733-e744, November 01, 2021 – DOI: 10.1016/S2589-7500(21)00146-1


Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

https://www.thelancet.com/journals/landig/article/PIIS2589-7500(21)00146-1/ Originalpublikation

https://www.groups.ph.tum.de/e17/ Website der Arbeitsgruppe


https://www.bioengineering.tum.de Website des Munich Institute of Biomedical Engineering (MIBE)


PD Dr. Sven Poli: Augeninfarkt

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: „Time is Retina“: Wenn das Auge plötzlich nichts mehr sieht, gilt es keine Zeit zu verlieren

Augeninfarkt ist ein medizinischer Notfall – Studie untersucht die frühzeitige Wiederherstellung des Blutflusses bei akutem Infarkt 

Porträtbild PD Dr. Sven Poli

PD Dr. Sven Poli Verena Müller/Universitätsklinikum Tübingen 

Am 29. Oktober 2021 war Weltschlaganfalltag. 

  • Nicht nur das Gehirn kann einen Infarkt erleiden – auch das Auge kann von einem akuten Verschluss der Blutzufuhr betroffen sein. 

Der Augeninfarkt zeichnet sich durch eine plötzliche, schmerzlose Sehverschlechterung innerhalb von Sekunden aus. 

Unbehandelt führt er in rund 95 % der Fälle zu einem schweren und dauerhaften Sehverlust im betroffenen Auge. 

Der Grund ist ein Gerinnsel in den Blutgefäßen, welche die Netzhaut versorgen. 

Sind die Gefäße verstopft, ist die Sauerstoffzufuhr behindert und das Gewebe stirbt ab. 

Je schneller das Blut wieder ungehindert fließt, umso besser die Prognose. 

Ein Forschungsteam um PD Dr. Sven Poli vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung und dem Universitätsklinikum Tübingen und Prof. Dr. Martin Spitzer von der Universitäts-Augenklinik Hamburg-Eppendorf untersucht nun, inwieweit ein Medikament das Gerinnsel auflösen und dadurch die Zerstörung der Netzhaut aufhalten kann. Rund 400 Patientinnen und Patienten sollen deutschlandweit im Rahmen der Studie behandelt werden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt das Vorhaben mit 4 Millionen Euro.

„Beim Augeninfarkt gilt: 

‘Zeit ist Netzhaut‘. 

Bereits innerhalb von vier Stunden nachdem der Blutfluss unterbrochen ist, treten irreversible Schäden am Auge auf“, erklärt Studienleiter und Neurologe Poli. 

Trotz einer Vielzahl von verbreiteten Standardbehandlungen gibt es bislang keine nachweislich wirksame Therapie, die die Krankheitsursache behandelt – anders als beim ischämischen Schlaganfall, bei dem das Medikament Alteplase mittlerweile routinemäßig und erfolgreich zur Auflösung des Blutgerinnsels eingesetzt wird. 

„Es ist daher ein naheliegender Therapieansatz, das gleiche Arzneimittel beim Augeninfarkt einzusetzen“, so Poli. 

Ob es wirkt – und wie gut – untersuchen die Tübinger Neurologinnen und Neurologen nun gemeinsam mit Hamburger Augenärztinnen und Augenärzten in der klinischen Studie REVISION. Bundesweit beteiligen sich aktuell 22 Kliniken an der Studie. Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim stellt das Medikament und das Placebo zur Verfügung.

Ein Augeninfarkt ist ein seltenes Krankheitsbild, weniger als eine Person von 100.000 Einwohnern erkrankt daran.

Umso wichtiger ist, dass ihn auch Laien und niedergelassene Medizinerinnen und Mediziner als Notfall erkennen.

 „Tritt eine Sehverschlechterung innerhalb von Sekunden auf und existiert ein Schatten auf dem kompletten Auge, sollte die betroffene Person unmittelbar in die nächste Augenklinik oder zentrale Notaufnahme gehen – notfalls mit dem Rettungsdienst, selbst dann wenn der Schatten nur von kurzer Dauer ist“, appelliert Poli. 

Dort kann nach der Diagnose unmittelbar mit einer Behandlung begonnen werden.

 „Je früher ein Augeninfarkt erkannt und behandelt wird, umso besser die Chancen, dass das Augenlicht erhalten wird. Auch darauf wollen wir im Rahmen unserer Studie aufmerksam machen.“

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Hoppe-Seyler-Straße 3, 72076 Tübingen
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http://Webseite: https://revision-trial.de


Dr. Anna Vogel: http://www.trauer-therapie.de - Anhzaltende Trauerstörung

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wenn Abschiedsschmerz zum Lebensgefühl wird: Hilfe bei Anhaltender Trauerstörung

Der Tod einer nahestehenden Person bedeutet einen tiefen Lebenseinschnitt für die Hinterbliebenen. 

Trauer ist dabei eine ganz normale Reaktion auf den Verlust. 

Doch bei fünf bis zehn Prozent der Trauernden dominiert der Verlust auch nach geraumer Zeit den Alltag so sehr, dass Fachleute dann von einer Anhaltenden Trauerstörung im Sinne einer psychischen Erkrankung sprechen. 

Unter Leitung von Psychologinnen und Psychologen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) wird bundesweit in mehreren Behandlungszentren eine spezielle Form der Psychotherapie bei dieser Erkrankung erprobt – mit vielversprechenden Zwischenergebnissen. 

 

 

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Förderung des Projektes PROGRID (Prolonged Grief Disorder) gerade noch einmal verlängert, so dass für Betroffene weiterhin Gelegenheit dafür besteht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

„Trauer ist eine ganz normale Reaktion, die alle Menschen im Lauf ihres Lebens erfahren. 

Dabei wird die Bindung zu einer verstorbenen Bezugsperson gewissermaßen neu aufgestellt. 

Das ist ein hochindividueller Prozess, der in der Regel nicht behandelt wird“, erläutert Dr. Anna Vogel. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie (Prof. Dr. Rita Rosner) an der KU und stellvertretende Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz in Ingolstadt. „Es gibt keine allgemeingültigen Ratschläge für den Umgang mit Trauer. Gut ist das, was jedem selbst guttut. 

  • Fest steht: Wenn man bei Trauer psychotherapeutisch zu früh einschreitet, kann dies genau das Gegenteil bewirken und den Trauerprozess sogar verlängern!“ 
  • Auch wenn hierzulande immer wieder von einem Trauerjahr gesprochen werde, nach dem die Gedanken rund um die verstorbene Person angeblich weniger im Vordergrund sein sollen, sei dies kein allgemeingültiger Zeitrahmen. 
  • Selbst Jahre später gebe es sogenannte Trauerspitzen, etwa zu Jahrestagen.


Im Vergleich dazu hat die Anhaltende Trauerstörung jedoch einen grundlegend anderen Charakter. 

„Wir sprechen davon, wenn auch nach mehr als sechs Monaten der Tod des oder der Angehörigen den Alltag bestimmt und die eigene Lebensführung signifikant einschränkt – indem sich die Hinterbliebenen etwa weiterhin zurückziehen, die Sehnsucht nach der verstorbenen Person täglich als quälend erlebt wird, ihr Zimmer unangetastet bleibt oder über sie so berichtet wird als ob sie immer noch leben würde.“
Auch Extreme zum Beispiel im Hinblick auf das Grab der Verstorbenen begegnen den Psychologinnen und Psychologen in ihrer Praxis zur anhaltenden Trauer:
Manche Hinterbliebenen gehen auch nach langer Zeit dreimal täglich ans Grab, andere meiden den Friedhof komplett, weil dieser Ort nicht ertragbar scheint.

  • Die Grenzen zu einer Depression sind – wie Vogel erläutert – teilweise fließend und setzen eine genaue Diagnostik voraus. 
  • Identisch zu einer Depression sind Symptome wie etwa das Gefühl, keinerlei Freude mehr empfinden zu können und wie betäubt zu sein. 
  • Im Unterschied zur Depression sind jedoch Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit oder gar Suizidgedanken eher untypisch für eine Anhaltende Trauerstörung. 

Zudem helfen, wie verschiedene Studien gezeigt haben, keine Medikamente gegen komplizierte Trauer.

Dass die Anhaltende Trauerstörung erst vor kurzem als psychische Erkrankung in die Systematik der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen wurde, zeigt, wie komplex die Materie ist: 

„Es geht nicht darum die Trauer per se zu pathologisieren! 

Zudem hat die Forschung lange gebraucht, um präzise zwischen einer Depression bzw. einer Postraumatischen Belastungsstörung und anhaltender Trauer differenzieren zu können“, so Vogel. 

International gehe man in der Wissenschaft davon aus, dass die besonderen Umstände der Pandemie zu einem Anstieg der Anhaltenden Trauerstörung führen werde. 

„Betroffene schildern uns, wie belastend es für sie war, sich nicht von Sterbenden verabschieden oder eine Beerdigung nur im engsten Kreis abhalten zu können. 

Hinzu kommt, dass viele Hilfsangebote für Trauernde pandemiebedingt nicht möglich waren.“

Die anhaltende Trauer als psychische Erkrankung sei nicht auf ältere Menschen beschränkt, so dass das Angebot der Forscherinnen und Forscher für alle Personen ab 18 Jahren offen ist. 

Vor der eigentlichen Therapie finden mehrere Vorgespräche statt, um genau zu diagnostizieren, ob eine Anhaltende Trauerstörung vorliegt. 

Die eigentliche Behandlung dauert ca. ein halbes Jahr und umfasst rund 25 Sitzungen, die – wie erste Zwischenergebnisse zeigen – zu einer deutlichen Besserung der Symptome führt. 

Anlaufpunkt zur Teilnahme an der PROGRID-Studie sind Behandlungszentren in Ingolstadt, München, Frankfurt, Marburg und Leipzig.

Weitere Informationen finden sich unter http://www.trauer-therapie.de.

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Heutige Fortbildung im Rahmen der Vivantes Herztage 2021: www.vivantes-herztag.de

 

















Kardiologe Prof. Dr. Christoph Maack: TOP-Hinweis: Calcium - MCU - ATP - HZV- Digitalis (Arrhythmien und Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Schwachstelle für Herzproblem entdeckt

Wissenschaftler aus dem Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI) machen fehlenden Calciumkanal in den Mitochondrien als Auslöser für Arrhythmien und Herzinsuffizienz beim seltenen Barth-Syndrom aus. 

  • Da Calcium der wichtigste Botenstoff für die Anpassung der Energieproduktion an einen erhöhten Bedarf ist, erklärt dieser Defekt die Unfähigkeit der Barth-Herzen, bei körperlicher Aktivität die Pumpleistung zu steigern, aber auch das Auftreten von Herzrhythmusstörungen. 

Diese im AHA-Journal veröffentlichten Erkenntnisse sind nicht nur ein Lichtblick in der Behandlung des Barth-Syndroms, sondern ggf. auch der weiter verbreiteten Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion (HFpEF).  

Edoardo Bertero (links) und Michael Kohlhaas an der Single-Cell-Force-Anlage im Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI).
Edoardo Bertero (links) und Michael Kohlhaas an der Single-Cell-Force-Anlage im Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI). Gregor Schläger DZHI 

Unser Herz pumpt in der Regel pro Minute vier bis fünf Liter Blut in unseren Körper, bei hoher Belastung sogar bis zu 30 Liter pro Minute, sofern es gesund ist. 

  • Bei Jungen, die am Barth-Syndrom leiden, schlägt das Herz bei Anstrengung zwar schneller, der Auswurf kann aber nicht entsprechend gesteigert werden. 
  • Die Folge dieser verminderten Herzfunktions-Reserve bei Belastung ist Luftnot. 
  • Hinzu kommen Herzrhythmusstörungen, die auch zum plötzlichen Tod führen können. 

Doch Patienten mit dem Barth-Syndrom dürfen möglicherweise bald aufatmen.

Weniger Calcium = weniger Energie in Herzmuskelzellen


Der Kardiologe Christoph Maack und der Biologe Jan Dudek forschen bereits seit vielen Jahren an den Krankheitsmechanismen des Barth-Syndroms. 

  • Das Barth-Syndrom geht auf einen Defekt des Tafazzin-Gens zurück, und Tafazzin produziert Cardiolipin, einen wesentlichen Bestandteil der Mitochondrienmembran. 

Die Forscher fanden heraus, dass die durch den Defekt des Tafazzin-Gens beeinträchtige Energiegewinnung der Herzmuskelzellen mit dem Calciumhaushalt zusammenhängen. 

  • Durch die verminderte Calciumaufnahme in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Herzmuskelzelle, wird die Aktivierung des Citratzyklus gestört. 
  • Im Citratzyklus werden mithilfe des energieliefernden Coenzym NADH Elektronen für die Produktion des energiereichen Moleküls Adenosintriphosphat (ATP), und über NADPH Elektronen für die Entgiftung von Sauerstoffradikalen hergestellt.


Durch fehlenden Calciumkanal leeren sich die Speicher

Die Forscher aus dem DZHI-Department Translationale Forschung, allen voran Edoardo Bertero, Alexander Nickel und Michael Kohlhaas, haben nun den Mechanismus erkannt, warum sich das Herz-Zeit-Volumen nicht steigern lässt, und warum vermehrt Arrhythmien auftreten.


Früher ging man davon aus, dass das Fehlen von Cardiolipin vor allem der Atmungskette Probleme bereitet und Sauerstoffradikale die Zellen schädigen. 

Das Cardiolipin ist auch bei vielen anderen Herzkrankheiten durch oxidativen Stress geschädigt. 

Ein Mangel an diesem Phospholipid stört die Atmungskette, wodurch weniger Energie produziert wird.  

"Obwohl wir in unseren Studien auch eine moderate Störung der Atmungskette feststellen konnten, haben wir keine übermäßigen Mengen an Radikalen gemessen", erklärt Edoardo Bertero, der Erstautor der Studie. "Stattdessen haben wir beobachtet, dass der Kanal, der für den Calciumimport in die Mitochondrien verantwortlich ist, der so genannte mitochondriale Calcium-Uniporter, kurz MCU, in Mäusen mit Tafazzin-Knockdown fast vollständig verschwunden war. Dies ist wichtig für Patienten mit Barth-Syndrom, weil es erklärt, warum ihre Herzen nicht in der Lage sind, ihre Auswurfleistung bei körperlicher Anstrengung zu erhöhen; aber auch für die allgemeine Herzphysiologie, weil es eine bisher nicht gewürdigte Funktion von Cardiolipin aufdeckt, nämlich die Stabilisierung des MCU-Protein-Komplexes.“

Entdeckung führt zu besserem Verständnis des Barth-Syndroms

Maack fügt hinzu: „Die Gen- und Proteinstruktur des mitochondrialen Calciumkanals ist erst seit zehn Jahren bekannt.  

Das Barth-Syndrom ist die erste uns bekannte Erkrankung, bei der ein relevanter Defekt des MCU in Herzzellen deren Funktion nachhaltig beeinträchtigt.“

Mit dieser Entdeckung liefern die Forscher des DZHI einen wichtigen Therapieansatz, möglicherweise nicht nur bei der Behandlung des Barth-Syndroms, sondern auch bei anderen Herzerkrankungen mit erhaltener Pumpfunktion, und im speziellen bei anderen genetischen Kardiomyopathien. 

 „Hilfreich könnte vielleicht die Gabe von SGLT2-Hemmern sein. 

Sie reduzieren das Natrium in der Zelle, dadurch wird weniger Calcium aus den Mitochondrien herausgeholt, die Energiespeicher bleiben länger voll, sodass das Herz bei erhöhter Belastung besser mithalten kann“, spekuliert Maack. 

Dies müsse aber erst noch untersucht werden. 

  • Weniger empfehlenswert seien Wirkstoffe, die die Pumpkraft des Herzens steigern, indem sie das Natrium erhöhen, wie zum Beispiel das seit Jahrzehnten verwandte Digitalis.


In der Vergangenheit wurden Jungen mit Barth-Syndrom oft nicht älter als drei Jahre. 

Sie starben an Herzversagen oder Infektionen. 

Aber mit einer verbesserten Diagnose und einer angemessenen medizinischen Behandlung und Überwachung aller Symptome ist die Überlebensrate und die Zukunft dieser Menschen viel besser. 

„Genau das motiviert mich und spornt mich an. 

Die Krankheit ist zwar selten. 

Bekannt sind etwa 500 Fälle weltweit. 

Wir gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus. Und was zählt ist das Schicksal jedes einzelnen Jungen“, betont Maack.

Die Arbeiten entstanden in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen anderen Gruppen in Homburg/Saar, Göttingen und Würzburg. Gefördert wurden die Forschungsarbeiten durch die Margret Elisabeth Strauß-Projektförderung der Deutschen Herzstiftung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), den European Research Council (ERC) sowie die US-amerikanische Barth Syndrome Foundation.

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https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.121.053755


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https://www.barthsyndrome.org - Informationen zur Erkrankung


https://www.ukw.de/behandlungszentren/dzhi/startseite/

Informationen zum Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz


Univ.-Prof. Dr. Christopher Gerner: Fingerschweiß für die Messung individueller metabolomischer Profile und Stoffwechselprozesse

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Fingerschweiß zeigt individuelles Stoffwechsel-Profil des Menschen

Nicht-invasive Methode eröffnet neue Möglichkeiten für personalisierte Diagnostik und Therapie

Die Analyse von Blut, Plasma oder Urin eines Menschen dient dazu, seinen oder ihren Stoffwechsel sowie körpereigene Schadstoffbelastungen zu bestimmen. 

In "Nature Communications" stellt nun ein Team um Christopher Gerner von der Fakultät für Chemie der Universität Wien eine Methode vor, die Fingerschweiß für die Messung individueller metabolomischer Profile und Stoffwechselprozesse nutzt. 

  • Beispielhaft werden über die Analyse von Fingerschweiß die Aufnahme und Verstoffwechslung von Koffein sowie dessen Entzündungs-hemmende Effekte beschrieben. 

In einer weiteren Studie konnten die Autor*innen bereits zeigen, dass sich aus Fingerschweiß auch Inhaltsstoffe aus Nahrung, Medikamenten, bis hin zu Umweltschadstoffen und deren Verstoffwechslung bestimmen lassen. 


Individuelles Stoffwechsel-Profil in Fingerschweiß ablesbar © pixabay

Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, werden im Magen-Darm-Trakt verdaut. 

Die Moleküle, ob stabil oder enzymatisch ab- und umgebaut, wandern ins Blut und verteilen sich im ganzen Körper. 

Erstaunlicherweise findet man sehr vieles von dem, was an kleinen Molekülen im Blut transportiert wird, auch im Schweiß. 

"Im Fingerschweiß kann man Biomoleküle wie Metabolite sehr präzise messen, präziser als etwa im Speichel", sagt Christopher Gerner, analytischer Chemiker der Universität Wien und Leiter der Joint Metabolome Facility der Universität Wien und Medizinischen Universität Wien.

"Der wichtigste Vorteil gegenüber Blut- oder Urinanalysen besteht in der sehr einfachen Risiko- und schmerzlosen Probengewinnungsmöglichkeit.
So können wir metabolische Zeitreihenanalysen durchführen, die so bisher noch nicht möglich waren", so der Chemiker.

Die Gewinnung der Schweißproben erfolgt durch ein spezielles Filterpapier, das für nur eine Minute zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten wird.  

Die im Schweiß enthaltenen Moleküle werden dann extrahiert und mittels massenspektrometrischer Analysen innerhalb von wenigen Minuten prozessiert.

Stoffwechselprozesse sind sichtbar
In der aktuellen Studie verabreichten die Forscher*innen ihren Testpersonen Kaffee oder Koffein-Kapseln. 

Die entsprechenden Zeitreihenanalysen zeigten unterschiedliche kinetische Verläufe der Koffein-Metaboliten und erlaubten eine bioinformatische Netzwerkmodellierung. 

Daraus konnte das Team schließlich individuelle Profile in Bezug auf Koffeinaufnahme und -Verstoffwechselung erstellen und sogar auf die Aktivität von Leberenzymen schließen.

Der Stoffwechsel ist ein höchst dynamischer Prozess. 

Daher, so die Studienautor*innen, sind Zeitreihenanalysen, wie sie nun erstmals über die Fingerschweißmethode unkompliziert am Menschen ermöglicht wurden, sehr wichtig. Aus der Methode könnten sich verschiedene Anwendungen für die medizinische Praxis patentieren lassen, die z.B. zur leichteren Erkennung von bestimmten Erkrankungen oder zur Unterstützung von klinischen Studien beitragen. Verschiedene Ansätze werden bereits in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien im AKH erprobt.

Individuelle Signaturen
In einer begleitenden Studie hatte das Team der Joint Metablome Facility bereits weitere Beispiele dafür gezeigt, welche Daten aus Fingerschweiß ablesbar sind: "Man kann damit unmittelbar verfolgen, was jemand gegessen hat", so Studienautorin Julia Brunmair: "Es ist zum Teil auch verblüffend: Nach dem Konsum von Erdbeeren war etwa ein nicht mehr zugelassenes Insektizid nachweisbar. Nach konsumierten Orangen konnten wir – im Fall von Bio-Orangen – gesunde Flavonoide und – im Fall von nicht-biologischem Anbau – zudem entsprechende Pestizide nachweisen."

Auch Nikotinkonsum und Metabolismus konnten die Forscher*innen über gemessenes Nikotin und Anatabin im Fingerschweiß von Testpersonen unmittelbar nachweisen. Es ist nicht nur messbar, wie stark ein Mensch Fremdstoffen ausgesetzt ist, sondern auch, wie sein oder ihr Organismus darauf reagiert. Die Forscher*innen nehmen an, dass im Fingerschweiß tausende Metabolite greifbar sind, wobei von ihnen bisher rund 250 identifiziert und mit Standards verifiziert wurden. "Hier werden in absehbarer Zeit noch sehr viele hinzukommen", so Brunmair.

Wegweisend für personalisierte Medizin?
"Das Verfahren hat sich als hoch empfindlich erwiesen und zeigt neue Möglichkeiten auf, individuelle Stoffwechselprozesse sichtbar zu machen, um personalisierte Diagnostik und Therapie zu begleiten", sagt Christopher Gerner. Es könnte etwa Mediziner*innen helfen zu beurteilen, ob Medikamente von Patient*innen so wie vorgeschrieben eingenommen wurden und auch ob die erwarteten Konzentrationswerte im Körper tatsächlich erreicht werden. 

Eine solche Compliance-Kontrolle könnte speziell für klinische Studien relevant sein, zu deren Durchführung die Joint Metabolome Facility nun durch Fingerschweiß-Analysen beitragen kann. 

Die vertiefte Anwendung "Artificial Intelligence"-basierter bioinformatischer Verfahren wird wahrscheinlich noch sehr viel mehr molekulare Details über Teilnehmer*innen solcher Studien zutage fördern und verweist auch auf das Zukunftspotenzial dieser multidisziplinären Forschungsbestrebungen.

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Originalpublikation:

Publikation in Nature Communications
Finger Sweat Analysis Enables Short Interval Metabolic Biomonitoring in Humans: Julia Brunmair, Laura Niederstaetter, Benjamin Neuditschko, Andrea Bileck, Astrid Slany, Lukas Janker, Max Lennart Feuerstein, Clemens Langbauer, Mathias Gotsmy, Jürgen Zanghellini, Samuel M. Meier-Menches, Christopher Gerner (2021)
DOI: 10.1038/s41467-021-26245-4