Medizin am Abend Berlin Fazit: Neues Notfallmedikament bei Blutungskomplikationen nach der Gabe von Faktor-Xa-Inhibitoren
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Blutgerinnungshemmende Therapien sind heute bei der
Behandlung und zur Prophylaxe von Thrombosen, Lungenembolien und
Schlaganfällen nicht mehr wegzudenken.
Sogenannte neue, direkte orale
Antikoagulanzien (NOAK) bieten dabei verschiedene Vorteile gegenüber
herkömmlichen „alten“ Substanzen wie Heparin und Vitamin-K-Antagonisten.
Ein Nachteil war bislang jedoch die fehlende Verfügbarkeit eines
Gegenmittels, wenn es aufgrund überschießender Blutverdünnung unter
sogenannten Faktor-Xa-Hemmern zu Blutungen kommt.
Ein solches wurde nun
entwickelt und zeigte sich in einer Studie hocheffektiv.
Gerinnungshemmende Therapien
(umgangssprachlich Blutverdünnung) mit
antithrombotischen Wirkstoffen
(Antikoagulanzien) sind heute bei vielen
Erkrankungen nicht mehr wegzudenken:
So zur Behandlung sowie zur
primären oder Rezidiv-Prophylaxe von Thrombosen, Lungenembolien und
Schlaganfällen – beispielsweise
nach Operationen oder bei
Vorhofflimmern.
„Schlaganfälle können verschiedene Ursachen haben – bei
Vorhofflimmern können sich in der Herzkammer Blutgerinnsel bilden,
die
dann vom Herzen in die Gehirnarterien geschleudert werden, was dort zu
einem akuten Gefäßverschluss, also Schlaganfall führt“, erklärt Prof.
Dr. med. Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der DGN. „Eine
gerinnungshemmende Therapie kann Risikopatienten davor schützen.“
Zunehmend werden dabei auch sogenannte
neue orale Antikoagulanzien
(NOAK), auch DOAK (direkte orale Antikoagulanzien) genannt, eingesetzt.
Ein Nachteil war bislang jedoch die fehlende Verfügbarkeit eines
Gegenmittels, wenn es aufgrund überschießender Blutverdünnung zu
Blutungen kommt.
- Für Patienten, bei denen es unter Dabigatran zu einer
schwerwiegenden Blutungskomplikation kommt, steht mit Idarucizumab seit
zwei Jahren ein hochwirksames Gegenmittel zur Verfügung.
Ein weiteres
Gegenmittel wurde nun speziell für Patienten entwickelt, bei denen es
unter einer Therapie mit Faktor-Xa-Hemmern zu schwerwiegenden
Blutungskomplikationen kommt, und zeigte sich in einer Studie
hocheffektiv.
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Faktor Xa ist ein zentraler Gerinnungsfaktor des menschlichen
Gerinnungssystems (daher lauten die Substanznamen der direkten
Faktor-Xa-Inhibitoren auf „-xaban“, z. B. Edoxaban, Apixaban,
Rivaroxaban).
Faktor-Xa-Inhibitoren haben verschiedene Vorteile
gegenüber den „alten“ Substanzen Heparin und Vitamin-K-Antagonisten (z.
B. Marcumar).
Vorteile für die Patienten sind im Gegensatz zu Heparin,
welches täglich unter die Haut gespritzt werden muss, die orale
Verfügbarkeit und dass sie keines Therapiemonitorings bedürfen (wie die
Vitamin-K-Antagonisten, deren Wirkung relativ schwer vorhersagbar ist
und daher streng mit Blutkontrollen überwacht werden muss).
Mögliche Nebenwirkungen bzw. Komplikationen bei allen antithrombotischen
Therapien sind durch
eine überschießende Blutverdünnung ausgelöste
Blutungen (z. B. Zahnfleisch, Haut, Nase, Auge).
Gefürchtet und in
seltenen Fällen sogar lebensbedrohlich sind vor allem Blutungen ins
Gehirn oder innere Organblutungen (z. B. im Magen-Darm-Trakt).
Im
Gegensatz zu Heparin und Vitamin-K-Antagonisten gibt es in Deutschland
und Europa für Faktor-Xa-Inhibitoren bislang kein zugelassenes Antidot
(Gegenmittel).
Ein speziell
entwickeltes Antidot, Andexanet alfa, wurde
2018 in den USA von der FDA („Food and Drug Administration“) im Rahmen
eines beschleunigten Verfahrens vorläufig zugelassen.
„Andexanet alfa
ist ein rekombinanter, modifizierter, enzymatisch-inaktiver Faktor Xa,
der die Wirkung der Faktor-Xa-Inhibitoren aufhebt“, erklärt Prof. Dr.
med. Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der Deutschen
Schlaganfall-Gesellschaft.
Die Ergebnisse der ANNEXA-4-Studie, die im
New England Journal of Medicine publiziert wurden, belegen die
Effektivität und Sicherheit dieses Notfallmedikamentes.
Die Studie wurde in Nordamerika und Europa mit den meisten
Studienzentren in Deutschland durchgeführt und schloss 352 Patienten
ein, bei denen es innerhalb von 18 Stunden nach der letzten Einnahme
eines Faktor-Xa-Inhibitor zu einer schweren Blutungskomplikation (major
bleeding) gekommen war.
Sie waren durchschnittlich 77 Jahre alt und
litten mehrheitlich an Vorhofflimmern (80%) und/oder hatten andere
kardiovaskuläre Vorerkrankungen (wie Herzinfarkt, Schlaganfall,
Thrombose, Lungenembolie). Im Rahmen einer notwendigen
antithrombotischen Therapie hatten sie eine Faktor-Xa-hemmende Therapie
erhalten (194 Patienten Apixaban, 128 Rivaroxaban, 10 Edoxaban, 20
Enoxaparin). 227 Patienten (64%) hatten zerebrale und 90 (26%)
gastrointestinale (Magen-Darm) Blutungen.
Sie erhielten intravenös einen
definierten Andexanet-Bolus mit anschließender Andexanet-Infusion über
zwei Stunden.
Eine Kontrollgruppe mit Placebomedikation gab es aus
ethischen Gründen nicht. Untersuchte Endpunkte waren der Anteil an
Patienten mit
effektiver Stillung der Blutung 12 Stunden nach
Infusionsende sowie die gemessene prozentuale Änderung der
Anti-Faktor-Xa-Aktivität. Effektivitätsberechnungen erfolgten nur bei
Patienten, die bei Blutungseintritt eine Anti-Faktor-Xa-Aktivität von
mindestens 75 ng/ml hatten.
Nach dem Andexanet-Bolus fiel die Anti-Faktor-Xa-Aktivität um 92% ab
(von Median ca.150 ng/ml auf 11 ng/ml bei Patienten, die Apixaban
erhalten hatten und bei Rivaroxaban-Patienten von ca. 212 ng/ml auf 14
ng/ml).
Klinisch wurde bei 82% der ausgewerteten Patienten (204 von 249)
eine sehr gute bis gute Blutstillung erreicht. Bei der Nachbeobachtung
verstarben innerhalb von 30 Tagen 49 Patienten (14%) – mehrheitlich (35
der 49) an
kardiovaskulären Todesursachen. Bei 34 Patienten (10%) kam es
zu einem
thrombotischen Ereignis (Herzinfarkt, Schlaganfall, Thrombose,
Lungenembolie) – bei ihnen war die erneute Antikoagulation verzögert
oder gar nicht wieder begonnen worden.
„Eine gerinnungshemmende Therapie wird nie ohne Grund durchgeführt; sie
gilt bei Risikopatienten, beispielsweise für Schlaganfall bei
Vorhofflimmern, als Goldstandard“, kommentiert Prof. Dr. med.
Hans-Christoph Diener.
„Dabei müssen alle Vor- und Nachteile der
Therapie, aber auch der verschiedenen Substanzen untereinander abgewogen
werden.“
„Wenn das Notfallmedikament im Falle einer Blutung zum Einsatz
kommt, wird damit natürlich die Schutzwirkung der Gerinnungshemmung
aufgehoben“, ergänzt Prof. Dr. med. Schäbitz, Chefarzt der Klinik für
Neurologie am Evangelischen Klinikum Bethel, Bielefeld.
„Es muss dann
rasch entschieden werden, ob bei fortbestehender Indikation für eine
Antikoagulanzientherapie diese, möglicherweise mit einer anderen
Substanz, wieder aufgenommen werden sollte oder ob man aus Angst vor
einer Blutung künftig lieber auf eine antithrombotische Prophylaxe
verzichtet.“
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Insgesamt dürfte Andexanet alfa die Therapie mit einem
Faktor-Xa-Inhibitor künftig noch sicherer machen.
- Die FDA fordert im
Rahmen der vorläufigen Zulassung entsprechend noch weitere Daten
(„Post-Approval-Study“); eine große, randomisierte Studie soll daher
noch dieses Jahr starten.
Literatur
[1] Connolly SJ, Crowther M, Eikelboom JW et al. Full Study Report of
Andexanet Alfa for Bleeding Associated with Factor Xa Inhibitors. N Engl
J Med 2019 Feb 7. doi: 10.1056/NEJMoa1814051. [Epub ahead of print]
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Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener
Seniorprofessor für Klinische Neurowissenschaften
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