Medizin am Abend Berlin Fazit: Wenn das Steak zur Gefahr wird
Ein deutsch-luxemburgisches Forschungsteam hat unter wesentlicher
Beteiligung des Luxembourg Institute of Health (LIH) einen neuen Test
für eine seltene Allergie entwickelt:
das alpha-Gal-Syndrom.
-
Betroffene zeigen zwei bis sechs Stunden nach dem Verzehr roten
Fleischs – zum Beispiel von Rind, Schwein, Lamm oder Wild – allergische
Symptome.
- Zwar konnte die Allergieneigung bisher schon durch einen
Nachweis spezieller Antikörper gegen alpha-Gal und Hauttests
nachgewiesen werden.
Um das Risiko einer starken, klinisch relevanten
allergischen Reaktion zu bestimmen, war jedoch ein sogenannter oraler
Provokationstest nötig, also der langsam gesteigerte Verzehr desjenigen
Nahrungsmittels, das im Verdacht steht, die Allergie auszulösen.
Das
aufwändige und riskante Verfahren muss unter ärztlicher Beobachtung
durchgeführt werden.
Das deutsch-luxemburgische Forschungsteam konnte es
nun weitestgehend durch einen Bluttest ersetzen.
- Bei dem Bluttest
werden bestimmte weiße Blutkörperchen, die Basophilen, durch zugesetzte
künstliche Allergene stimuliert.
Je stärker
die Reaktion der Basophilen,
desto stärker geben sie anschließend ein Fluoreszenz-Signal ab, das die
Forscher messen können.
Medizin am Abend Berlin Zusatzfachthema: Blutausstrich
Eine starke Reaktion der Basophilen auf
geringste Allergenmengen ist ein klarer Hinweis auf das
alpha-Gal-Syndrom.
Seine Ergebnisse hat das Team bestehend aus Dr.
Christiane Hilger und Prof. Markus Ollert vom LIH, Dr. Martine Morisset
und Dr. Françoise Codreanu-Morel vom Centre Hospitalier (CHL), Dr. Jörg
Fischer von der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie den
federführend Beteiligten Jana Mehlich, Prof. Bernadette Eberlein und
Prof. Tilo Biedermann von der Technischen Universität München in dem
renommierten Journal of Allergy and Clinical Immunology veröffentlicht (
https://doi.org/10.1016/j.jaci.2018.06.049).
Die Erstautorin des Artikels, Jana Mehlich, hat außerdem einen
Nachwuchsförderpreis der Deutschen Gesellschaft für Allergie und
Klinische Immunologie (DGAKI) im Rahmen des Deutschen
Allergologiekongresses verliehen bekommen.
Der Biss in ein saftiges Steak vom Grill – nicht nur für Vegetarier eine
Horror-Vorstellung:
2009 haben US-amerikanische Wissenschaftler
festgestellt, dass Menschen gegen Fleisch von Säugetieren eine Allergie
entwickeln können.
Insbesondere wenn sie zuvor von einer Zecke gebissen
wurden und darauf starke Entzündungsreaktionen zeigten, haben sie ein
erhöhtes Risiko für diese Nahrungsmittelunverträglichkeit.
Symptome wie
Hautrötungen, Atemnot oder sogar allergische Schockzustände sind dann
mögliche Folgen von Fleischverzehr.
Unmittelbarer Auslöser für diese seltenen, als alpha-Gal-Syndrom
bezeichneten Reaktionen ist ein
ganz spezieller Zuckerstoff, die
Galaktose-alpha-1,3-Galaktose, kurz alpha-Gal. Alpha-Gal sitzt
auf der
Oberfläche von Zellen von Säugetieren wie Rind, Schwein, Lamm oder Wild.
- Menschliche Zellen besitzen den Zuckerstoff hingegen nicht.
Gelangt
alpha-Gal nach einer Fleischmahlzeit in das Blut, kann es zu einer
allergischen Reaktion kommen. Allerdings nicht – wie beispielsweise bei
Apfel-Allergikern – sofort beim Kauen der Nahrung,
sondern meist mit
einer Zeitverzögerung von zwei bis sechs Stunden.
Deshalb sind die
Allergie-Symptome nicht immer leicht mit dem Fleischverzehr in
Verbindung zu bringen.
Das Team von Wissenschaftlern und Klinikern aus Luxemburg und
Deutschland hat nun einen Test weiterentwickelt, mit dem das
alpha-Gal-Syndrom deutlich besser als bisher diagnostiziert werden kann.
Durch den Nachweis von speziellen Antikörpern gegen alpha-Gal kann man
zwar eine sogenannte Sensibilisierung auf alpha-Gal zeigen; das
tatsächliche Risiko einer allergischen Reaktion konnte so allerdings
bisher nicht erfasst werden.
„Bislang musste ein Provokationstest
durchgeführt werden: Die Betroffenen aßen unter ärztlicher Überwachung
Fleisch in immer größeren Mengen, bis es zur allergischen Reaktion kam“,
sagt die am Projekt federführend beteiligte LIH-Wissenschaftlerin Dr.
Christiane Hilger, Projekt-Leiterin der Abteilung Molekulare und
Translationale Allergologie: „Wegen der Zeitverzögerung war der Test
sehr aufwändig und nicht ohne Risiken.“
Für ihre Arbeit analysierten die Forscher das Verhalten einer bestimmten
Art menschlicher
Immunzellen, der Basophilen. In verschiedenen Studien
konnte nämlich gezeigt werden, dass diese Zellen interessant für die
weiterführende allergologische Diagnostik sind.
Sie reagieren stark auf
verschiedene Allergene, auch auf den Zuckerstoff alpha-Gal, wenn eine
Allergie vorliegt. Die Wissenschaftler haben deshalb einen Test
weiterentwickelt, welcher unter anderem das Allergen alpha-Gal und
bestimmte fluoreszierende Marker enthält.
Letztere sind bei
Allergen-Stimulation der weißen Blutkörperchen
(Basophilen-Aktivierungstest) verstärkt nachweisbar, wie Dr. Hilger
erläutert:
„Dem Patienten wird eine Blutprobe entnommen, die mit den
Substanzen des Test-Kits in Kontakt gebracht wird. Anschließend werden
die Basophilen in einer so genannten Durchfluss-Zytometrie untersucht.
Haben sie stark auf das alpha-Gal reagiert, leuchten sie in dem
Untersuchungsgerät wegen der fluoreszierenden Marker deutlich auf. Bei
Probanden, die keine allergische Reaktion zeigen, finden wir hingegen
kein oder ein deutlich schwächeres Fluoreszenz-Signal.“
Um ihren neuen Ansatz zu überprüfen, hat das Forscherteam Blutproben von
mehr als 50 Personen untersucht. Mit klarem Ergebnis, wie Prof.
Bernadette Eberlein feststellt: „
Am Fluoreszenz-Signal konnten wir sehr
deutlich die Personen erkennen, die eine Fleisch-Allergie entwickelt und
ein hohes Risiko einer allergischen Reaktion bei Fleischverzehr haben.
Der Test wird dazu beitragen, dass die Zahl der Provokationstests
deutlich reduziert werden kann.“
Für die Wissenschaftler des LIH, des CHL, der Universität Tübingen und
der Technischen Universität München ist die Arbeit damit aber noch nicht
zu Ende: „Wir wissen noch sehr wenig über die Ursachen und die
immunologischen Grundlagen des alpha-Gal-Syndroms“, sagt Hilger:
„Zwar
wurde beobachtet, dass insbesondere Menschen die Fleischallergie
entwickeln, die nach einem Zeckenbiss besonders starke
Entzündungsreaktionen haben. Welche Substanzen im Speichel der Zecken
diese Reaktion auslösen und was im Immunsystem dabei genau geschieht,
wollen wir jetzt mit unseren Forschungsarbeiten herausfinden.“ Dieses
weiterführende Projekt der Kollaborationspartner wird mit Mitteln des
Fonds National de la Recherche (FNR) und der Deutschen
Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des CORE Förderinstruments
finanziert.
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idw - Informationsdienst Wissenschaft e. V.
Dr. Christiane Hilger
Department of Infection and Immunity
Luxembourg Institute of Health
E-mail: christiane.hilger@lih.lu
Dr Malou Fraiture
Luxembourg Institute of Health
1A-B, rue Thomas Edison
1445 Strassen
Luxemburg
Dr Malou Fraiture
Telefon: +35226970895
E-Mail-Adresse:
malou.fraiture@lih.lu
Originalpublikation:
Jana Mehlich, Jörg Fischer, MD,
Christiane Hilger, PhD, Kyra Swiontek, MSc, Martine Morisset, MD, PhD,
Françoise Codreanu-Morel, MD, Maximilian Schiener, Simon Blank, PhD,
Markus Ollert, MD, Ulf Darsow, MD, Tilo Biedermann, MD, Bernadette
Eberlein, MD: The basophil activation test differentiates between
patients with alpha-gal syndrome and asymptomatic alpha-gal
sensitization. Journal of Allergy and Clinical Immunology (2018).