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Sexuell übertragbare Krankheiten: Präventionsmassnahmen

Medizin am Abend Berlin Fazit: Studie mit Berner Beteiligung empfiehlt neues Vorgehen gegen Chlamydien

In der Schweiz wie auch in vielen weiteren Industrieländern sind Chlamydien die häufigste sexuell übertragbare Krankheit. 

Ein internationales Forschungsteam mit Berner Beteiligung zeigt nun, dass bisherige Präventionsmassnahmen zu wenig greifen, und empfiehlt ein neues Vorgehen. 

Prof. Dr. Nicola Low, Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern.
Prof. Dr. Nicola Low, Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern.
zvg


  • Chlamydien sind eine weit verbreitete, aber heilbare und leicht zu diagnostizierende sexuell übertragbare Krankheit. 

In der Schweiz wurden 2015 über 10'000 Fälle gezählt, wobei es sich womöglich nur um die Spitze des Eisberges handelt, da die Krankheit in den meisten Fällen ohne Symptome verläuft. 

  • Chlamydien sind gefürchtet, da sie bei Frauen zu schweren Komplikationen wie «pelvic inflammatory disease» (PID), Eileiterschwangerschaft und Unfruchtbarkeit führen können.

Weil die Krankheit schwer zu kontrollieren ist, empfehlen Gesundheitsbehörden in vielen Industrieländern umfassende Tests für junge Erwachsene. So wird unter anderem in Australien ein sogenanntes opportunistisches Screening durchgeführt:

  • Alle Jugendlichen, die ihre Hausärztin oder ihren Hausarzt aufsuchen, werden auf Chlamydien getestet – unabhängig davon, ob sie Symptome haben oder nicht.

Diese «Gelegenheitstests» verfehlen jedoch ihre Wirkung, wie die bisher umfassendste Studie zur Chlamydien-Testung bei 90'000 Personen in Australien zeigt: Obwohl die Tests unter den australischen 16- bis 29jährigen um 150 Prozent gesteigert werden konnten, führten sie nicht zu weniger Ansteckungen. Die Autorinnen und Autoren der Studie empfehlen daher, die bisherigen Richtlinien zu einem breiten Screening aufzugeben und dafür die diagnostizierten Fälle besser zu behandeln. Die Ergebnisse wurden nun im Fachjournal «The Lancet» publiziert. An der Studie, die unter der Leitung der University of Melbourne (AUS) durchgeführt wurde, war auch Nicola Low von Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern beteiligt.

Auch die Sexualpartner einbeziehen

«In der Schweiz steigen sowohl die Anzahl Chlamydien-Tests als auch die diagnostizierten Infektionen Jahr für Jahr an», sagt Nicola Low vom ISPM, Letztautorin der Studie. «Um eine evidenzbasierte Strategie gegen die Krankheit zu entwickeln, braucht es ein besseres Verständnis darüber, wie sich das Test-Volumen zur Ausbreitung verhält». Die Forschenden empfehlen, bei der Primärversorgung durch Hausärztinnen und Hausärzte stärker darauf zu achten, Chlamydien-Fälle besser zu behandeln, das heisst auch die sexuellen Partnerinnen und Partner einzubeziehen, statt die Anzahl Tests weiter zu erhöhen. Davon versprechen sich die Forschenden mehr Kontrolle. Tests sollen zwar weiter erfolgen, aber nach der einmal gestellten Diagnose brauche es ein besseres Management der einzelnen Fälle, so die Empfehlung.

«Einer der grössten Risikofaktoren für Entzündungen im Beckenbereich bei Frauen ist die Wiederansteckung mit Chlamydien – daher müssen wir die Reinfektion stoppen und auch die Sexualpartnerinnen und -partner behandeln», sagt Erstautorin Jane Hocking, Epidemiologin an der University of Melbourne. 

  • Zwar konnte die Steigerung von Gelegenheitstests bei 16- bis 29jährigen die Häufigkeit schwerer Entzündungskrankheiten im Beckenbereich, die einen Krankenhausaufenthalt erfordern, reduzieren – aber nicht die milderen Fälle, die oft unentdeckt bleiben.

Früh erkannt, lässt sich die Krankheit leicht behandeln und sich somit das Risiko von Schäden an den Eileitern und eine Unfruchtbarkeit senken. 

«Im Idealfall wird die Krankheit schon bei der Hausärztin oder dem Hausarzt gestoppt, statt als schwerwiegender Fall im Krankenhaus», ist Jane Hocking überzeugt.

Grösste Studie weltweit

An der Studie waren vier australische Universitäten und die Universität Bern beteiligt. «Wir wurden von unseren Kolleginnen und Kollegen in Australien angefragt, bei der Studie mitzuwirken, da wir über eine jahrelange Expertise über Chlamydientests verfügen», sagt Nicola Low. Die Erhebungen wurden von 2009 bis 2015 in 130 ländlichen Hausarztpraxen in diversen Regionen Australiens durchgeführt. Über 1'200 Hausärztinnen und Hausärzte nahmen daran teil, und über 90'000 Personen im Altern von 16-29 Jahren wurden untersucht. Die Studie umfasste mehrere Tests pro Jahr und mass unter anderem die Häufigkeit von Entzündungen im Beckenbereich bei Frauen und der Nebenhodenentzündung bei Männern, die ebenfalls durch Chlamydien verursacht werden kann.

«Wir empfehlen, die begrenzte Zeit der Hausärztinnen und Hausärzte für ein besseres Fall-Management zu nutzen, um schwere Entzündungen mit potenziell verheerenden Folgen für Frauen besser verhindern zu können», sagt Low.

Studie mit Berner Beteiligung empfiehlt neues Vorgehen gegen Chlamydien



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Originalpublikation:
Jane S Hocking, Meredith Temple-Smith, Rebecca Guy, Basil Donovan, Sabine Braat, Matthew Law, Jane Gunn, David Regan, Alaina Vaisey, Liliana Bulfone, John Kaldor, Christopher K Fairley, Nicola Low, on behalf of the ACCEPt Consortium: Population effectiveness of opportunistic chlamydia testing in primary care in Australia: a cluster-randomised controlled trial. The Lancet, 20. Oktober 2018, doi:https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)31816-6

Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
https://tinyurl.com/ChlamydienTests

 

Einladung zur Studie: Gruppenmeditation - Depressive Störungen - Einzeltherapiephase

Medizin am Abend Berlin Fazit: Forschungsprojekt zur chronischen Depression

Zentrum für Psychotherapie an der Goethe-Universität sucht Betroffene, die an neu entwickeltem Gruppenmeditationsprogramm teilnehmen wollen. 
 
Zu den Hauptursachen gesundheitlicher Beeinträchtigungen gehören depressive Störungen. 
  • Sie sind eine der häufigsten psychischen Störungen, viele Betroffene leiden über Jahre hinweg an einer chronisch verlaufenden Depression, fühlen sich permanent niedergeschlagen oder antriebslos. 
  • Hinzu kommen Erschöpfung, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Gefühle der Hoffnungs- oder Wertlosigkeit. 

Auch bei medikamentöser Therapie können die Symptome in einigen Fällen nicht ausreichend gelindert werden.

Das Zentrum für Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt untersucht ab März 2019, ob Personen mit chronischer Depression von einem Meditationsprogramm mit anschließender Einzeltherapiephase profitieren.

„Nach wie vor gibt es wenige Studien, die sich damit beschäftigt haben, welche Therapie diesen Menschen helfen kann", sagt Prof. Dr. Ulrich Stangier, Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Goethe-Universität.

  • „Wer dauerhaft unter Depression leidet, empfindet sehr oft ein intensives Gefühl der Ablehnung sich Selbst und anderen Menschen gegenüber, und fühlt sich zugleich abgelehnt von Anderen. 
  • Dies führt zu dem Eindruck, isoliert und von seiner Umwelt getrennt zu sein, was mitunter die depressive Symptomatik weiter aufrechterhalten kann. 

Eine positive Haltung aber kann man lernen“. 

Die aus dem Buddhismus stammende Metta-Meditation fördert die Verbindung zu sich selbst und zu anderen.
Metta ist ein Begriff, der Freundlichkeit, aktives Interesse an Anderen, Liebe, Freundschaft, oder Sympathie umschreibt.
Eine solche Form der wohlwollenden Haltung kann über Meditationstechniken eingeübt werden.

Um diesen Ansatz für Personen mit chronischer Depression zu nutzen, hat die Arbeitsgruppe von Prof. Stangier in Kooperation mit Prof. Dr. Stefan Hofmann (Center for Anxiety Disorders der Boston University) ein spezielles Behandlungsprogramm entwickelt, das die Meditationstechniken mit moderner Verhaltenstherapie kombiniert.

Dieser Ansatz erzielte in Pilotstudien bereits vielversprechende Ergebnisse und soll nun in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekt einer gründlichen Prüfung unterzogen werden.

„Wir gehen davon aus, dass sich Wohlwollen durch die Kombination von Metta-Meditation und Verhaltensaktivierung entwickeln lässt und die Betroffenen das Erlernte im Alltag umsetzen und so eigenständig die Depression überwinden können", erläutert Prof. Stangier.

So sollen im Rahmen des Behandlungsprogramms depressionstypische Mechanismen wie Grübeln und der „innere Kritiker“ überwunden werden.

Die Behandlung umfasst dabei ein 8-wöchiges Gruppenmeditationsprogramm (10-12 Teilnehmer), welches durch eine 8-wöchige Einzeltherapiephase ergänzt wird.

In der Einzeltherapie werden die in der Gruppe erlernten Fähigkeiten auf den Alltag übertragen und an der Verbesserung zwischenmenschlicher Beziehungen gearbeitet.

In diesem Jahr haben bereits zwei Durchläufe des Programms mit zwei Meditationsgruppen stattgefunden.

Für die nächsten beiden Durchläufe 2019 suchen wir nun neue Teilnehmer.

 Der geplante Therapiestart ist März 2019, dabei wird im Vorfeld in Vorgesprächen die Möglichkeit der Teilnahme abgeklärt.

 Zudem findet ein halbes Jahr nach Ende der Therapie eine ausführliche Nachuntersuchung statt.

An der Studie teilnehmen können Betroffene zwischen 18 und 70 Jahren, die seit mindestens zwei Jahren beständig unter einer depressiven Symptomatik leiden und bei denen die chronische Depression im Vordergrund der Problematik steht. 

Die Bereitschaft zum täglichen Üben der Meditation (ca. 30 Min.) ist Voraussetzung für die Teilnahme.

Für den Zeitraum der Therapie sollte parallel keine weitere psychotherapeutische Behandlung laufen. 

Die Finanzierung des Therapieprogramms wird über die Krankenkasse beantragt.

Informationen: Isabel Thinnes, M. Sc. Psych., Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Goethe Universität Frankfurt.

Kontakt: per E-Mail an meditationsstudie@uni-frankfurt.de oder per Telefon: (069) 798 – 25356. 

Internet: http://bit.ly/MECBT

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Molekularer, zellulärer und neuronaler Futtersuche zum Weihnachtsfest 2018

Medizin am Abend Berlin Fazit: Futtersuche: bei Mensch und Wurm ähnlich reguliert?

Verhalten des Fadenwurms weist auf die Entwicklung von ernährungsmotiviertem Verhalten bei höheren Tieren hin  
  • Wie motiviert uns unser Nervensystem, vom Sofa aufzustehen und im Kühlschrank oder sogar im Supermarkt nach Essen zu suchen? 
Das hat ein Forscherteam um Alexander Gottschalk von der Goethe-Universität am Beispiel des Fadenwurms Caenorhabditis elegans untersucht.

Die Ergebnisse weisen darauf hin, wie sich das Verhalten bei der Futtersuche im Laufe der Evolution bei höheren Tieren entwickelt haben könnte.

Nahrung zu finden und an einer Nahrungsquelle zu verweilen, sind entscheidende Überlebensstrategien im Tierreich.

  • Aber wie werden externe Futter-Signale auf molekularer, zellulärer und neuronaler Ebene in Verhalten verwandelt? 

Um das herauszufinden, greifen Neurowissenschaftler gern auf einfache Modellorganismen wie den Fadenwurm C. elegans zurück. Er besitzt nur 302 Nervenzellen, deren Verknüpfungen präzise kartiert sind. So können Forscher im Detail untersuchen, wie diese Nervenzellen miteinander kommunizieren, um bestimmte Verhaltensweisen zu erreichen.

Alexander Gottschalk und sein Team konzentrierten sich in ihrer Studie auf einen neuronalen Schaltkreis, an dessen „Spitze“ sich ein Paar sensorischer Nervenzellen befindet.

Ist Nahrung vorhanden, setzt es den Botenstoff Dopamin frei. 

Das wirkt sich auf zwei Arten von nachgeschalteten Neuronen aus (DVA und AVK) – und zwar auf ganz unterschiedliche Weise, wie das Forscherteam entdeckte.

Dopamin aktiviert DVA, was ein Verweilen und ein lokales Suchverhalten fördert, während es AVK inhibiert, das sonst eine Futtersuche über längere Distanzen fördern würde. 

  • Konkret geschieht dies, indem DVA und AVK die Information an Motoneuronen weitervermitteln, die wiederum die Muskelaktivität steuern.

Doch welche Schlüsse lässt dies auf die Nahrungssuche bei höheren Tieren wie dem Menschen zu?

Beim Fadenwurm beeinflusst das DVA-Neuron die Fortbewegung, indem es das Neuropeptid NLP-12 an die Motoneuronen weiterleitet. 

Säugetiere haben ein äquivalentes Neuropeptid, das Cholecystokinin.

Seine Freisetzung wird ebenfalls durch Dopamin-Signale reguliert, beispielsweise bei belohnungsabhängigem Verhalten. 

Dies zeigt, dass im Laufe der Evolution die Bedeutung von Dopamin und Cholecystokinin/NLP-12 als Neuromodulatoren erhalten blieb.


  • Beide Neurotransmitter beeinflussen motiviertes Verhalten bei der Nahrungssuche sowie bei anderen Aktivitäten, die eine Belohnung versprechen.
  • Das Neuron AVK, das als Gegenspieler zum DVA-Neuron wirkt, setzt bei erfolgloser Nahrungssuche im Wurm das Neuropeptid FLP-1 frei. 
Es ist ein Gegenspieler zu NLP-12/Cholecystokininin. Obwohl FLP-1 wahrscheinlich auf wirbellose Tiere beschränkt ist, finden sich ähnliche Neuropeptide bei Säugetieren, wo sie ebenfalls die Nahrungsaufnahme kontrollieren.

Womöglich werden die Cholecystokinin-Signale bei Säugetieren also ähnlich ausbalanciert wie beim Fadenwurm.

Die in der Studie identifizierten Neuronentypen können daher wichtige Hinweise für die Suche nach ähnlichen Zelltypen in den Myriaden von Zellen bei Säugetieren liefern, die ähnliche Mechanismen der Bewegungskontrolle vermitteln.

Publikation
Oranth et al.: Alexander Gottschalk et al.: Food sensation modulates locomotion by dopamine and neuropeptide signaling in a distributed neuronal network, in: Neuron 100, 1–15; December 19, 2018.
https://doi.org/10.1016/j.neuron.2018.10.024)


Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 mit privaten Mitteln überwiegend jüdischer Stifter gegründet, hat sie seitdem Pionierleistungen erbracht auf den Feldern der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Medizin, Quantenphysik, Hirnforschung und Arbeitsrecht. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein hohes Maß an Selbstverantwortung. Heute ist sie eine der drittmittelstärksten und drei größten Universitäten Deutschlands mit drei Exzellenzclustern in Medizin, Lebenswissenschaften sowie Geistes- und Sozialwissenschaften. Zusammen mit der Technischen Universität Darmstadt und der Universität Mainz ist sie Partner der länderübergreifenden strategischen Universitätsallianz Rhein-Main(siehe auch www.uni-frankfurt.de/59086401/rhein-main-allianz). Internet: www.uni-frankfurt.de


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Herausgeberin: Die Präsidentin der Goethe-Universität
 Dr. Anne Hardy,  Theodor-W.-Adorno-Platz 1, 60323 Frankfurt am Main,
Tel: 069 798-12498, Fax: 069 798-763 12531, hardy@pvw.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Alexander Gottschalk, Buchmann Institut für Molekulare Lebenswissenschaften und Institut für Biophysikalische Chemie, Fachbereich 14, Campus Riedberg, Tel.: (069) 798 42518, a.gottschalk@em.uni-frankfurt.de

Originalpublikation:
dopamine and neuropeptide signaling in a distributed neuronal network, in: Neuron 100, 1–15; December 19, 2018.
https://doi.org/10.1016/j.neuron.2018.10.024)

CAVE: Therapie nach Suizidversuch: Suizidaler Krisen - ASSIP-Programm

Medizin am Abend Berlin Fazit: Kurztherapie kann Suizidrisiko reduzieren (Universitäre Psychiatrische Dienste Bern)

Eine in Bern entwickelte Therapie nach Suizidversuch reduziert das Risiko weiterer suizidaler Krisen markant. 

Nun hat eine Studie unter Leitung der London School of Economics zudem die Kostenwirksamkeit des Ansatzes bestätigt. 
  Symbolfoto: Nachstellung eine Konsultation durch die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern in den Räumlichkeiten des Universitären Notfallzentrums Inselspital
Symbolfoto: Nachstellung eine Konsultation durch die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern in den Räumlichkeiten des Universitären Notfallzentrums Inselspital
Inselspital, Universitätsspital Bern


Wer einen Suizidversuch hinter sich hat, braucht psychologische Betreuung. 

Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) haben eine Kurztherapie für Menschen nach Suizidversuch entwickelt. In Zusammenarbeit mit der London School of Economics und dem Universitären Notfallzentrum des Inselspitals Bern untersuchten sie nun in einer Studie, ob diese Behandlung auch zu Kosten-einsparungen im Gesundheitswesen führen kann. Die Ergebnisse wurden am 19. Oktober 2018 in der renommierten Fachzeitschrift «JAMA Network» publiziert.

Suizidversuche auch als ökonomische Bürde


Weltweit rechnet die Weltgesundheitsorganisation mit gegen einer Million Suizide und rund zehnmal mehr Suizidversuchen jährlich. Diese sind nicht nur eine grosse emotionale Belastung für Betroffene und Angehörige, sondern auch für das Gesundheitswesen – in erster Linie medizinische Notfallzentren und psychiatrische Kliniken. 
  • Dazu kommt, dass Suizidversuche das grösste Risiko für weitere suizidale Krisen sind. 
Bislang gibt es jedoch kaum anerkannte Behandlungsmethoden, die dieses Risiko zuverlässig reduzieren.

Doppelt wirksame Prävention

Eine in Bern entwickelte Kurztherapie zur Prävention wiederholter Suizidversuche «Attempted Suicide Short Intervention» (kurz: ASSIP) konnte bereits 2016 in «PLOS Medicine» eine bisher einmalige Wirksamkeit nachweisen:

Sie reduzierte das Risiko von weiteren Suizidversuchen um erstaunliche 80 Prozent. Und dies als Kurztherapie mit lediglich drei Sitzungen gefolgt von einem anhaltenden brieflichen Kontaktangebot über zwei Jahre.

Die aktuelle Studie zeigt nun, dass mit dem Rückgang der Suizidversuche durch ASSIP auch die Kosten für die Notfallbehandlungen und psychiatrischen Hospitalisationen signifikant reduziert werden – die Therapie also nicht nur klinisch wirksam sondern auch wirtschaftlich ist.

Untersucht wurden 120 Patientinnen und Patienten, die wegen Suizidversuch im Universitären Notfallzentrum behandelt worden waren.

Die Hälfte von ihnen erhielt zusätzlich zu üblichen psychiatrischen Behandlung die drei Sitzungen mit ASSIP gefolgt von personalisierten Briefen über zwei Jahre, die Kontrollgruppe erhielt eine einzelne Suizidrisiko-Einschätzung.

Nach 24 Monaten hatten 41 Personen der Kontrollgruppe einen weiteren Suizidversuch hinter sich, gegenüber nur fünf Personen aus der ASSIP-Gruppe.

Mit der publizierten Studie hat das Berner Programm ein grosses Potenzial, weltweit in der Suizidprävention eingesetzt zu werden.

Zur Zeit wird ASSIP in der Schweiz in Bern, Zürich, Solothurn und in der Privatklinik Wyss angewendet.

International haben Finnland, Litauen, Schweden, Belgien, Österreich und die USA das Programm implementiert, geplant sind unter anderem Portugal und Australien.

Kurztherapie kann Suizidrisiko reduzieren (Universitäre Psychiatrische Dienste Bern)


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Dr. phil. Anja Gysin-Maillart, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP und Leiterin Sprechstunde für Patienten nach Suizidversuch ASSIP
Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD)
anja.gysin-maillart@upd.ch, +41 31 632 88 11.

Prof. Dr. med. Thomas Jörg Müller, Ärztlicher Direktor und Chefarzt
Privatklinik Meiringen, Zentrum für seelische Gesundheit
Zentrum für translationale Forschung, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD), thomas.mueller@privatklinik-meiringen.ch, +41 33 972 82 90.

Monika Kugemann Universitätsspital Bern
3010 Bern
Schweiz
Bern
Telefon: +41 31 632 05 81
E-Mail-Adresse: monika.kugemann@insel.ch

Originalpublikation:
doi:10.1001/jamanetworkopen.2018.3680

Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2707429

 

Die emotionale Kompetenz Deines Trainers

Medizin am Abend Berlin Fazit: Fußballtrainer zwischen Siegen, Niederlagen und Emotionen

„Wenn’s lafft, dann lafft’s“: Forscher des KIT haben untersucht, welchen Einfluss das Gefühls-leben von Fußballtrainern auf sportliche Trendverläufe hat – Publikation in „Sports“
 

Fußballtrainer, die ihre Gefühle im Griff haben, sind erfolgreicher. 

Das berichten Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und der Goethe-Universität Frankfurt am Main nun in der Fachzeitschrift „Sports“.

  • Denn Emotionen und der Umgang mit ihnen haben großen Einfluss auf die Leistung der Coaches und damit auch auf die gesamte Mannschaft. 

Emotionale Prozesse bei den Trainern verlaufen kreisförmig und können sich in Krisen immer weiter verstärken. 

  • Übungsleiter mit hoher emotionaler Kompetenz hingegen könnten so einen Teufelskreis leichter durchbrechen.

Emotionen wie Freude, Zorn, Angst oder Hilflosigkeit machen sich auf körperlicher, geistiger oder Verhaltensebene bemerkbar, haben Wissenschaftler herausgefunden. (Bild: Lydia Albrecht/KIT) Emotionen wie Freude, Zorn, Angst oder Hilflosigkeit machen sich auf körperlicher, geistiger oder Verhaltensebene bemerkbar, haben Wissenschaftler herausgefunden. (Bild: Lydia Albrecht/KIT) Bild: Lydia Albrecht/KIT


„Wer hinten steht, hat das Pech der Glücklosen“, hat der Trainer und Sportmanager Helmut Schulte einmal gesagt.

Anders ausgedrückt: 

Es ist im Fußball sehr schwer, einen negativen Trend aufzuhalten.

Umgekehrt gilt: 

 „Wenn's lafft, dann lafft's“, so Ex-Bayern-Spieler Manni Schwabl. Forscher am KIT und der Goethe-Universität haben untersucht, welche Rolle emotionale Faktoren bei sportlichen Trendverläufen spielen.

Ein optimaler emotionaler Zustand beim Coach verbessert demnach die sportliche Leistung der ganzen Mannschaft, während gegenteiliges Befinden diese verschlechtert.

„Folglich ist die emotionale Kompetenz eines Trainers, also seine Fähigkeit, in den verschiedenen Phasen einer Saison mit den eigenen Gefühlen und denen der Spieler umzugehen beziehungsweise diese zu steuern, eine sehr wichtige Kompetenz“, sagt Darko Jekauc vom Institut für Sport und Sportwissenschaft des KIT.

Ein optimaler emotionaler Zustand beim Coach verbessert die sportliche Leistung der ganzen Mannschaft, so eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift „Sports“.
Ein optimaler emotionaler Zustand beim Coach verbessert die sportliche Leistung der ganzen Mannschaft, so eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift „Sports“.
Bild: Agência Brasil via Wikimedia Commons

Der Professor für Sportpsychologie und sein Team haben Trainer aus dem Amateur- und Jugendbereich befragt und dabei herausgefunden, dass sich deren Gemütsbewegungen in einem Kreislauf abspielen: 

„Auslösern wie Siegen und Niederlagen oder Fortschritten sowie Stagnation in der Entwicklung der Spieler folgen emotionale Erfahrungen wie zum Beispiel Freude, Zorn, Angst oder Hilflosigkeit, die sich auf körperlicher, geistiger oder Verhaltensebene bemerkbar machen“, erläutert Jekauc und nennt Beispiele wie Gänsehaut, steigenden Blutdruck, Grübeln, Gesten oder Gesichtsausdrücke.

Die befragten Coaches nannten als nächsten Schritt unterschiedlichste Strategien, wie sie mit ihren Gefühlsaufwallungen umgingen.

„Das reicht von Gesprächen mit den Spielern oder der Familie über Spazieren mit dem Hund bis hin zu ein paar Bieren nach dem Spiel“, berichtet Jekauc.

  • Trainer, die offensichtlich gut in der Lage waren, ihre Gefühlswelt zu regulieren, fühlten sich hinterher ausgeglichener und selbstbewusster. 
  • Dies habe sich schließlich auch positiv auf ihre Tätigkeit ausgewirkt, indem sie zum Beispiel im Umgang mit ihren Spielern offener und bei der Arbeit konzentrierter waren.

„Coaches mit stabilen Emotionen bewerten Situationen eher optimistisch, während sich Trainer, die wenig Selbstvertrauen haben, auf die Schwierigkeiten konzentrieren“, erläutert Jekauc. 

„Unser kreisförmiges Modell kann somit erklären, warum es für Fußballtrainer sehr schwierig ist, aus dem Teufelskreis negativer Emotionen herauszukommen.“

Wenn Teams mehrere Spiele in Folge verlieren, dann verstärkten negative Konsequenzen wie soziale Isolation, geringes Selbstvertrauen, schlechte Konzentration und emotionale Instabilität die negativen emotionalen Erfahrungen immer mehr und könnten die Kluft zwischen Trainer und Mannschaft noch weiter vergrößern.

Daher werde es für einen Coach immer schwieriger, den Teufelskreis der negativen Emotionen zu verlassen und mit dem Team effektiv umzugehen. „Eine Beeinträchtigung der Leistung ist die logische Folge“, sagt der Sportpsychologe.


  • Die Wissenschaftler empfehlen, in der Trainerausbildung ein stärkeres Gewicht auf die Entwicklung der emotionalen Kompetenz zukünftiger Coaches zu legen.

Mehr zu der Studie:

Analyzing the Components of Emotional Competence of Football Coaches: A Qualitative Study from the Coaches’ Perspective, Honggyu Lee, Hagen Wäsche and Darko Jekauc, Sports 2018, 6(4), 123; doi:10.3390/sports6040123, https://www.mdpi.com/2075-4663/6/4/123


Als „Die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft“ schafft und vermittelt das KIT Wissen für Gesellschaft und Umwelt. Ziel ist es, zu den globalen Herausforderungen maßgebliche Beiträge in den Feldern Energie, Mobilität und Information zu leisten. Dazu arbeiten rund 9 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einer breiten disziplinären Basis in Natur-, Ingenieur-, Wirtschafts- sowie Geistes- und Sozialwissenschaften zusammen. Seine 25 500 Studierenden bereitet das KIT durch ein forschungsorientiertes universitäres Studium auf verantwortungsvolle Aufgaben in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft vor. Die Innovationstätigkeit am KIT schlägt die Brücke zwischen Erkenntnis und Anwendung zum gesellschaftlichen Nutzen, wirtschaftlichen Wohlstand und Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

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Testosteron:Werte Vor- und nach der Geburt? Autismus-Spektrum

Medizin am Abend Berlin Fazit: Testosteron aktiviert Risiko-Gene für Autismus

Wissenschaftler finden Erklärung für höheres Erkrankungsrisiko bei Jungen / Veröffentlichung in "Frontiers in Molecular Neuroscience" 
 
  • Autismus tritt viermal häufiger bei Jungen als bei Mädchen auf. 

Wissenschaftler der Abteilung Molekulare Humangenetik des Universitätsklinikums Heidelberg haben dafür nun erstmals eine Erklärung gefunden:

Ihre Untersuchungen an menschlichen Zellen und Gehirnbereichen von Mäusen zeigten, dass das männliche Geschlechtshormon Testosteron in der Zeit vor und nach der Geburt bestimmte Risiko-Gene im Gehirn deutlich stärker aktiviert. 

  • Bisher war nur bekannt, dass Defekte in diesen speziellen Genen ein starker Risikofaktor für das Auftreten der neuronalen Entwicklungsstörung sind. 

Die neuen Ergebnisse lassen nun darauf schließen, dass sich diese Gendefekte möglicherweise stärker auf das Gehirn männlicher als weiblicher Individuen auswirken. Die Ergebnisse sind aktuell in der Fachzeitschrift „Frontiers in Molecular Neuroscience“ erschienen.

Bei Autismus ist die Entwicklung der Nervenzellen im Gehirn gestört. 

Eines von 68 Kindern (rund 1,5 Prozent) ist betroffen.

  • Die typischen Symptome machen sich bereits früh bemerkbar, so dass die Diagnose meist vor dem dritten Lebensjahr gestellt wird. 
  • Autistische Menschen haben Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, in der Kommunikation und Wahrnehmungsverarbeitung und zeigen oft intensive, spezielle Interessen und Fähigkeiten, sowie sich wiederholende (repetitive) und eng beschränkte (restriktive) Verhaltensmuster. 
Diese Merkmale autistischen Verhaltens können jedoch von Patient zu Patient stark variieren – man spricht deshalb von einem Autismus-Spektrum.

Obwohl in den vergangenen Jahren zahlreiche – hauptsächlich genetische – Risikofaktoren für das Auftreten einer autistischen Störung entdeckt wurden, sind die genauen Entstehungsmechanismen noch unklar. „Nun haben wir einen ersten Hinweis, warum – jedenfalls in Bezug auf eine wichtige Gruppe der zahlreichen Risiko-Gene – Jungen ein so deutlich höheres Autismus-Risiko haben als Mädchen“, sagt Seniorautorin Prof. Dr. Gudrun Rappold, Direktorin der Abteilung Molekulare Humangenetik. Die Tests ihrer Arbeitsgruppe ergaben, dass im jungen Gehirn männlicher Mäuse bestimmte Gene namens SHANK1, 2 und 3 verstärkt in Proteine übersetzt werden und dass dies durch höhere Mengen des Geschlechtshormons Testosteron beeinflusst wird. Die Heidelberger Arbeitsgruppe erforscht die SHANK-Gene seit Jahren, denn Defekte in diesen Abschnitten der Erbinformation spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Autismus und anderen psychischen Erkrankungen.

Mehr Testosteron – mehr Shank-Protein – höhere Durchschlagskraft von Gendefekten

Für die Tests verwendete das Team eine Zellkultur aus kindlichen Hirntumoren (Neuroblastom) als Modell für sich entwickelnde Nervenzellen.

Die Wissenschaftler entdeckten in diesen Zellen, dass die Aktivierung der SHANK-Gene von der Bindung des Testosterons an einen sogenannten Androgen-Rezeptor abhängt.

Wurde dieser Rezeptor blockiert, entfiel die starke Aktivierung der Risiko-Gene.

„Das konnten wir bei Untersuchungen an Gehirnbereichen junger Mäuse, bei denen dieser Androgen-Rezeptor nicht gebildet wird, bestätigen:

Bei ihnen wurden diese Gene deutlich schwächer aktiviert als bei Kontroll-Tieren mit intakten Rezeptoren“, erklärt Dr. Simone Berkel, die diese Studie zusammen mit dem Doktoranden Ahmed Eltokhi durchführte.

Die Forscher untersuchten zudem die Shank-Proteinmenge im Gehirn junger männlicher und weiblicher Mäusen vor und nach der Geburt.

Bei männlichen Tieren, die von Natur aus mehr Testosteron in Blut und Gehirn haben, fanden sich auch deutlich höhere Mengen an Shank-Proteinen als bei weiblichen Tieren.

 „Wir gehen davon aus, dass die größere Menge an Shank-Protein im männlichen Gehirn die ,Durchschlagskraft´ von Defekten in den SHANK-Genen erhöhen und daher zu einem höheren Autismus-Risiko führen“, folgert Rappold.

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Testosteron aktiviert Risiko-Gene für Autismus



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Prof. Dr. Gudrun A. Rappold
Abteilung Molekulare Humangenetik
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Julia Bird
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Originalpublikation:
Berkel S, Eltokhi A, Fröhlich H, Porras-Gonzalez D, Rafiullah R, Sprengel R, Rappold GA: Sex hormones regulate SHANK gene expression. Front Mol Neurosci. 2018 Sep 25;11:337. doi: 10.3389/fnmol.2018.00337. eCollection 2018

Eltokhi A, Rappold G, Sprengel R. Distinct Phenotypes of Shank2 Mouse Models Reflect Neuropsychiatric Spectrum Disorders of Human Patients With SHANK2 Variants. Front Mol Neurosci. 2018 Jul 19;11:240. doi: 10.3389/fnmol.2018.00240. eCollection 2018. Review