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Berliner Charité: Osteoporose - Knochenerkrankungen

Medizin am Abend Fazit: Osteoporose unter 50: Warum erkranken Menschen in so jungen Jahren?

Osteoporose ist keine reine Alterserscheinung, auch viele jüngere Menschen sind von dem krankhaften Verlust an Knochenmasse betroffen. Welche Gründe es für eine früh einsetzende Osteoporose gibt und wie sie zielgerichtet therapiert werden kann, wollen Wissenschaftler des Instituts für Osteologie und Biomechanik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) im Forschungsverbund DIMEOs herausfinden. Gefördert werden die Wissenschaftler durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit insgesamt 5,6 Millionen Euro, davon entfallen 1,3 Millionen Euro auf das UKE. 
 
Schätzungen zufolge leiden rund acht Millionen Menschen in Deutschland an Osteoporose. Doch die Dunkelziffer ist weit höher. „Gerade jüngere Menschen unter 50 Jahren fallen durchs Raster, weil Osteoporose fälschlicherweise bis heute als Erkrankung des höheren Lebensalters angesehen und bei jüngeren Menschen auch nach einem verdächtigen Knochenbruch häufig nicht diagnostiziert wird“, erklärt Prof. Dr. Michael Amling, Direktor des Instituts für Osteologie und Biomechanik des UKE. Wie viele jüngere Menschen unter 50 von dem krankhaften Verlust an Knochenmasse betroffen sind, wissen die Experten nicht. 

Der Knochen hat die Kapazität, sich zeitlebens alle sechs Jahre vollständig zu erneuern.

Gleichwohl reduziert sich die Knochenmasse bei den meisten Menschen etwa ab dem 30. Lebensjahr um circa ein Prozent jährlich. Dies führt in aller Regel erst in höherem oder hohem Alter zu Komplikationen. Baut sich der Knochen jedoch schneller ab oder wird er gar nicht erst regulär aufgebaut, kann es bereits weit vor dem 50. Lebensjahr zu Frakturen und nachfolgend zu starken Einschränkungen der Lebensqualität kommen.

Ziel des neuen multizentrischen Forschungsverbundes DIMEOs („Detection and Individualized Management of Early Onset Osteoporosis“) ist es, Krankheitsursachen zu entschlüsseln und Strategien zur frühzeitigen Entdeckung, Vorbeugung und Behandlung zu entwickeln.

Dafür wollen die Osteologen des UKE im Rahmen einer klinischen Studie 500 Osteoporose-Patienten unter 50 Jahren untersuchen.

Neben Knochendichtemessungen und Knochenstrukturanalysen wollen die Ärzte bei den Patienten innerhalb der nächsten fünf Jahre auch Genanalysen via Blutuntersuchung durchführen, denn häufig sind Osteoporose-Erkrankungen in jungen Jahren familiär bedingt.

Ziel der Forscher ist es, spezifische Genmutationen aufzuspüren, die als Auslöser einer frühzeitig einsetzenden Osteoporose in Frage kommen. „Die Erkenntnisse, die wir hoffen daraus zu gewinnen, sind nicht nur für eine individualisierte Therapieoptimierung von entscheidender Bedeutung, sondern könnten auch Ansatzpunkte für neue Medikamente liefern“, erläutert Studienleiter Prof. Amling. Auch erhoffen sich die Ärzte grundsätzlich neue Erkenntnisse zur Knochenbiologie. „Denn die genaue Analyse krankheitsverursachender Genveränderungen hilft im Umkehrschluss, die normalen Vorgänge des Knochenstoffwechsels besser zu verstehen“, sagt Priv.-Doz. Dr. Ralf Oheim, ebenfalls aus dem Institut für Osteologie und Biomechanik. In dem neuen Forschungsnetzwerk DIMEOs sind neben dem UKE, dem größten osteologischen Zentrum Deutschlands, auch die Berliner Charité, die Julius-Maximilians-Universität Würzburg, die Technische Universität Dresden sowie das Max-Planck-Institut in Potsdam organisiert.

Unter der Leitung von Dr. Oheim hat sich darüber hinaus ein sogenanntes National Bone Board etabliert. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk verschiedener osteologischer Zentren in Deutschland, in denen seltene Erkrankungen des Skeletts identifiziert, charakterisiert und nach dem aktuellsten Stand der Wissenschaft behandelt werden. Hilfreich hierbei ist der Aufbau einer bundesweiten Datenbank, in die alle Krankheitsverläufe und Studienbefunde aufgenommen und innerhalb des Forschungsnetzwerks regelmäßig diskutiert und analysiert werden sollen. „Die Datenbank soll Basis sein, angewandte Therapien auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen. Daraus wollen wir dann Behandlungsempfehlungen für bestimmte, insbesondere seltenere genetisch bedingte Formen der Osteoporose ableiten“, so Prof. Dr. Amling.

Das National Bone Board soll gleichzeitig Anlaufstelle für Patienten mit seltenen und unklaren Knochenerkrankungen sowie auch deren behandelnde Ärzte sein. 

Weitere Infos unter www.uke.de/boneboard

Medizin am Abend DirektKontakt:

Prof. Dr. Michael Amling
Institut für Osteologie und Biomechanik
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Lottestraße 59
22529 Hamburg
Telefon: (040) 7410-56083
E-Mail: amling@uke.de
Saskia Lemm - Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

360° TOP-Thema: Fehlsichtigkeit - Myopie: Spielen im Freien schützt Kinder vor Kurzsichtigkeit, www.hormongesteuert.net

Medizin am Abend Fazit: Hormon- und Augenexperten raten: Spielen im Freien schützt Kinder vor Kurzsichtigkeit

Etwa jeder dritte Bundesbürger ist kurzsichtig Tendenz steigend. 

Die sogenannte Myopie nimmt in vielen Staaten Europas, Amerikas und besonders stark in Südostasien geradezu epidemische Züge an. Dabei lässt sich der Fehlsichtigkeit womöglich relativ einfach vorbeugen: Mehrere Studien haben ergeben, dass Kinder umso seltener eine Kurzsichtigkeit entwickeln, je häufiger und länger sie sich im Freien aufhalten. Helles Licht fördert die Freisetzung von Dopamin in der Netzhaut und verhindert das Längenwachstum des Augapfels, erklären die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) anlässlich eines Fachartikels in Nature. 
 
Viel Licht setzt Neurotransmitter Dopamin in der Netzhaut frei
Spielen im Freien schützt Kinder vor Kurzsichtigkeit


Bei der Myopie ist in der Regel der Augapfel zu lang und damit die Entfernung der Hornhaut und Linse von der Netzhaut größer als normal. Kurzsichtige Menschen sehen weiter entfernte Gegenstände verschwommen, nahe Dinge können sie dagegen problemlos erkennen.

Warum bei einigen Menschen Kurzsichtigkeit entsteht und bei anderen nicht, ist seit vielen Jahren Thema der Forschung. „Immer wieder werden Erbfaktoren genannt; Zwillingsstudien deuten darauf hin“, sagt Professor Dr. med. Dr. h. c. Helmut Schatz, Mediensprecher der DGE aus Bochum. „Dies kann aber nicht der einzige Grund sein“, sagt der DGE-Experte und verweist auf eine bereits 1969 veröffentlichte Studie, in der Inuit im Norden Alaskas untersucht wurden. Bei den noch in isolierten Gemeinschaften aufgewachsenen Erwachsenen waren nur zwei von 131 kurzsichtig. Bei ihren Kindern und Enkeln mit verändertem Lebensstil waren hingegen bereits mehr als die Hälfte betroffen. „So schnell kann sich das Erbgut kaum verändert haben“, betont Professor Schatz.

Viele Studien einschließlich der kürzlich erschienenen „Gutenbergstudie“ aus Mainz haben gezeigt, dass Kurzsichtigkeit eng mit dem Ausbildungsstand verknüpft ist. Ausbildung beinhaltet mehr Lesen und mehr Aufenthalt in geschlossenen Räumen. Obwohl die meisten epidemiologischen Studien einen Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und „Naharbeit“ gefunden haben, ist nach Meinung von Professor Dr. rer. nat. Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen immer noch schwer zu fassen, was genau beim Lesen die Kurzsichtigkeit auslöst.Eine besondere Rolle nimmt hingegen der Faktor Tageslicht ein. „Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass der Aufenthalt im Freien bei Kindern einer Kurzsichtigkeit entgegenwirkt – vermutlich wegen der besseren Lichtverhältnisse“, erklärt der DOG-Experte.

Denn in Innenräumen werden meist nicht mehr als 500 Lux erreicht, an sonnigen Tagen im Freien dagegen selbst im Schatten etwa 10 000 Lux, wie der Wissenschaftsjournalist Elie Dolgin unter Berufung auf australische Forschungsergebnisse im Wissenschaftsjournal Nature schreibt. Demnach schätzt Morgan, dass Kurzsichtigkeit bei Kindern verhindert werden kann, wenn sie täglich etwa drei Stunden lang mindestens 10 000 Lux ausgesetzt sind.

Im Tiermodell konnte ein Zusammenhang von Licht mit Dopamin gezeigt werden. Versuche an Küken, die eine Injektion ins Auge mit dem Dopamin-Hemmstoff Spiperone erhielten, hob bei ihnen den schützenden Effekt des Lichts wieder auf. „Diese Erkenntnisse sind nicht nur ein Meilenstein für die Myopie-Forschung, sie zeigen auch die Bedeutung der Endokrinologie als interdisziplinäre Wissenschaft“, hebt Professor Schatz hervor. Für die beiden Experten ist die Konsequenz aus diesen Forschungsergebnissen klar: „Kinder sollten so viel wie möglich im Freien spielen.“

Literatur:
Elie Dolgin: The myopia boom. Nature 519, 276-278, 19. März 2015, doi:10.1038/519276a Artikel
Helmut Schatz: Kurzsichtigkeit durch verminderte Dopaminbildung im Auge bei zu wenig Licht? - Kinder sollen mehr ins Freie! DGE-Blogbeitrag vom 10. April 2015. Blog-Beitrag
Mirshahi A, Ponto KA, Hoehn R, Zwiener I, Zeller T, Lackner K, Beutel ME, Pfeiffer N. Myopia and level of education: results from the Gutenberg Health Study. Ophthalmology. 2014 Oct;121(10):2047-52. doi: 10.1016/j.ophtha.2014.04.01.Abstract

Endokrinologie ist die Lehre von den Hormonen, Stoffwechsel und den Erkrankungen auf diesem Gebiet. Hormone werden von endokrinen Drüsen, zum Beispiel Schilddrüse oder Hirnanhangdrüse, aber auch bestimmten Zellen in Hoden und Eierstöcken, „endokrin“ ausgeschüttet, das heißt nach „innen“ in das Blut abgegeben. Im Unterschied dazu geben „exokrine“ Drüsen, wie Speichel- oder Schweißdrüsen, ihre Sekrete nach „außen“ ab.



Medizin am Abend DirektKontakt

Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)
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1. Mai 2015: Maiglöckchen & Co.: Giftpflanzen, toxische Stoffe, Herz- und Nervensystem

Medizin am Abend Fazit: Das Coming-out der Giftpflanzen - Viele heimische Gewächse enthalten toxische Stoffe, die Herz und Nervensystem lähmen

Die grüne Pracht, die in diesen Wochen in Gärten, Wiesen und Wäldern sprießt, ist oft trügerisch. Denn viele heimische Pflanzen enthalten starke Giftstoffe, berichtet das Tablet-Magazin "Apotheken Umschau elixier" (Ausgabe vom 1. Mai 2015).

Besonders tückisch ist das Maiglöckchen, das nach dem Verzehr zu Herzrhythmus-Störungen führen kann: Seine Blätter sehen denen des Bärlauchs zum Verwechseln ähnlich. Beim Sammeln des Küchenkrauts im Wald ist deshalb höchste Vorsicht geboten. Auch der Rote Fingerhut, dessen purpurfarbene Blüten gelegentlich Kinder zum Naschen verführen, löst schon in geringer Dosis lebensgefährliche Herzprobleme aus. Beim Blauen Eisenhut, einer beliebten Zierpflanze, genügt bloßer Hautkontakt, um sich zu vergiften. Inhaltsstoffe von Stechapfel und Tollkirsche blockieren Nervenbotenstoffe im Gehirn. Extrem selten sind hingegen Vergiftungen mit dem Fliegenpilz, dessen Gift Psychosen und Tobsuchtsanfälle hervorrufen kann.


Das digitale Magazin "Apotheken Umschau elixier" erscheint alle zwei Wochen neu. Es ist fester Bestandteil der individuellen Tablet-Apps, die viele Apotheken als Service für ihre Kunden anbieten.

Die Apotheken-Apps sind kostenlos im App Store erhältlich.

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Ruth Pirhalla Tel. 089 / 744 33 123 Fax 089 / 744 33 459 E-Mail: pirhalla@wortundbildverlag.de

Studie über die Stressbelastung durch den Übergang nach der Grundschule

Medizin am Abend: Unnötiger Stress mit dem Übertritt

Die Ungewissheit über die Schulzuweisung kann bei Kindern massiven Stress auslösen. Das haben Forscher der Universität Würzburg in einer bundesweit einzigartigen Studie über die Stressbelastung durch den Übergang nach der Grundschule gezeigt. Vor allem verbindliche Übertrittsempfehlungen, wie sie in Bayern praktiziert werden, führen zu erhöhten Stressbelastungen. Die Forscher sprechen von alarmierenden Signalen. 

Prof. Dr. Heinz Reinders
Prof. Dr. Heinz Reinders Foto: Gunnar Bartsch


Wenn Anfang Mai die Übertrittsempfehlungen für Grundschulkinder ausgesprochen werden, sind hiervon in Deutschland mehr als eine halbe Million Viertklässler betroffen. Dort, wo sich der weitere Bildungsweg auf ein Gymnasium, die Real- oder Hauptschule entscheidet, ist die Anspannung bei Eltern und Schülern besonders groß. Schulleitungen und Lehrkräfte berichten von gestressten Schülern und überehrgeizigen Eltern, die mehr von ihren Kindern verlangen, als diese zu leisten in der Lage sind.

Untersuchungen in Bayern und Hessen

Dass diese Wahrnehmung nicht nur für den Einzelfall gilt, zeigt nun eine wissenschaftliche Studie bei 1.620 Eltern von Grundschülern der dritten und vierten Klassen in Bayern und Hessen. Das Team um Professor Heinz Reinders, Inhaber des Lehrstuhls Empirische Bildungsforschung der Universität Würzburg, interessierte sich dabei für das Ausmaß, in dem Eltern und ihre Kinder durch die Zuweisung zu einer weiterführenden Schule in Stress geraten. „In Deutschland wird sehr früh über den gesamten Lebensweg von Kindern entschieden“, kritisiert der Bildungsforscher die Übertrittszeugnisse in der vierten Klasse. Da sei es erwartbar, dass diese so wichtige Entscheidung bei allen Beteiligten zu Stressbelastungen führe. „Mit diesen dramatischen Ergebnissen haben wir aber nicht gerechnet. Insbesondere die Stresswerte für Kinder mit verbindlichen Schulart-Zuweisungen sind alarmierend“, so Reinders weiter.

Weil die Bundesländer unterschiedliche Übergangsregelungen haben, ist auch die Stressbelastung unterschiedlich. In Bayern sind die Übertrittszeugnisse bindend. Das heißt, wenn die Schule den Übertritt an die weiterführende Schule anhand der Noten festlegt, gibt es für die Eltern kaum noch Möglichkeiten, hier mitzuwirken. Das mündet auch in erhöhtem Stress der Kinder. Mit 49,7 Prozent weist fast die Hälfte aller Kinder aus Bayern eine erhöhte Stressbelastung auf. In Hessen handelt es sich hingegen um Empfehlungen für eine weiterführende Schule. Die Eltern entscheiden nach der vierten Klasse selbst, welche Schulart ihr Kind besucht. Entsprechend geringer ist auch der Stress. Lediglich ein Viertel aller hessischen Eltern geben an, dass der Übergang ihr Kind sehr belaste (25,8 Prozent).

Extrem hoher Stress bei jedem sechsten Kind

Weiterhin konnten die Würzburger Bildungsforscher eine besonders gefährdete Gruppe identifizieren, die einen dramatischen Anstieg der Stressbelastung von der dritten zur vierten Klasse aufweist. Immerhin bei 16 Prozent der bayerischen Viertklässler ist die Stressbelastung so hoch, dass im Grunde eine Gefährdung des Kindeswohls nicht mehr weit entfernt sei. „Das sind Schüler in Bayern, deren Noten mit einem Durchschnitt von 2,66 zwischen einer Mittel- und Realschulzuweisung liegen und deren Eltern einen besseren Bildungsabschluss erwarten, als die Kinder realistischerweise leisten können“, beschreibt Reinders diese Risikogruppe.

Die Forscher schlussfolgern aus diesen Befunden, dass die verbindliche Schulzuweisung mit einer deutlich höheren Stressbelastung einhergeht als beratende Empfehlungsmodelle und raten angesichts der sensiblen Entwicklungsphase dringend vom bindenden Modell ab. 

 „Diese Kinder sind zehn Jahre alt und sehen ihre erfolgreichen Altersgenossen an sich vorbeirauschen, während ihre Eltern Leistungsdruck ausüben“, schildert Reinders das Problem, „so etwas geht ja nicht einmal an Erwachsenen spurlos vorüber“. Tatsächlich erhöht sich auch die Stressbelastung der Eltern im Zuge des Übertritts. Mehr als jede zweite Familie in Bayern ist von erhöhten Stresswerten betroffen (54,6 Prozent). Bei den hessischen Eltern ist es hingegen nur ein Drittel, das als stressbelastet gelten muss (33,1 Prozent).

Für die Kinder der Risikogruppe stellt sich zusätzlich das Problem, dass sie über weniger Strategien und Ressourcen zur Stressbewältigung verfügen als beispielsweise Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern. Nur 49,9 Prozent der Kinder aus Familien mit unteren Bildungsabschlüssen sind aus Sicht ihrer Eltern ausreichend gegen Stress gewappnet. Bei Familien mit Hochschulreife sind 77,2 Prozent der Eltern dieser Ansicht.

Verbindliche Zuweisungen stellen eine Benachteiligung dar

Die Forschergruppe folgert daraus, dass verbindliche Zuweisungen, wie sie in Bayern praktiziert werden, eine weitere Bildungsbenachteiligung für Kinder aus bildungsfernen Familien darstellen. Diese Kinder werden nicht nur auf Grund ihrer sozialen Herkunft häufiger auf untere Bildungsgänge verwiesen, sie erleben auch eine deutlich höhere Stressbelastung durch die verpflichtende Zuteilung zu einer Schulform. Spätere Korrekturen seien zwar durch einen Schulartwechsel im Prinzip möglich, so Reinders, kämen aber in der Praxis viel zu selten vor. „Außerdem ist dann der Schaden im Selbstkonzept und der Lernmotivation der Kinder bereits angerichtet und muss mühsam von den Lehrkräften wieder repariert werden“.

Vielmehr empfehlen die Würzburger Wissenschaftler einen Maßnahmenkatalog, der einen Wechsel von der verbindlichen Zuweisung zur beratenden Empfehlung vorsieht. Schulübertritte sollten eher nach der sechsten Klasse erfolgen und Eltern mindestens ein Jahr vor dem Schulübertritt regelmäßig über Bildungswege des Kindes beraten werden. Akuter Handlungsbedarf bestehe bei der Risikogruppe. „Hier muss die Bildungspolitik sehr rasch handeln und den Grundschulen kurzfristig mehr Ressourcen bei den Schulsozialarbeitern und Schulpsychologen zur Verfügung stellen. Jemand muss diesen Kindern zur Seite stehen“, fordert Reinders mit Nachdruck.
Allerdings, so ergänzt der Bildungsforscher, wären all diese Maßnahmen in einem eingliedrigen Schulsystem nicht notwendig.

Medizin am Abend DirektKontakt

Prof. Dr. Heinz Reinders, Lehrstuhl für Empirische Bildungsforschung,
T: (0931) 31-85566, heinz.reinders@uni-wuerzburg.de
Gunnar Bartsch Julius-Maximilians-Universität Würzburg


360° TOP-Terminhinweis: Patientenleitlinie "Palliativmedizin"

Medizin am Abend Fazit: Zur Kommentierung freigegeben: Patientenleitlinie "Palliativmedizin"

Laienverständliche Versionen ärztlicher Leitlinien sind im Leitlinienprogramm Onkologie verpflichtend. Jetzt steht die neue Patientenleitlinie "Palliativmedizin für Patientinnen und Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung" bis zum 30. Mai 2015 zur öffentlichen Konsultation im Internet bereit. Betroffene, Interessierte und Experten sind eingeladen, den Text kritisch zu lesen und dem Redaktionsteam ihre Kommentare zu schicken. 
 
In Deutschland sollen Menschen, deren Krebserkrankung nicht mehr heilbar ist, nicht allein gelassen werden. Auch wenn es keine direkte Behandlung gegen den Tumor mehr gibt, soll ein Team aus Pflegenden, Ärzten, Seelsorgern, Hospizmitarbeitern und anderen sie bis zum Lebensende begleiten. Die Betroffenen sollen dabei ihren letzten Lebensabschnitt so weit wie möglich selbstbestimmt mit gestalten. Dies zu unterstützen, ist Aufgabe der Palliativmedizin. Wichtigstes Ziel der Palliativmedizin ist es, die Lebensqualität des erkrankten Menschen und dessen Angehörigen in der verbleibenden Lebenszeit zu erhalten.

In der Patientenleitlinie finden sich wissenschaftlich gesicherte Informationen darüber, wie häufige palliativmedizinische Beschwerden behandelt werden sollten und wie die Begleitung am Lebensende aussieht. Betroffene erfahren zudem, welche Unterstützungsmöglichkeiten, Betreuungseinrichtungen sowie Anlaufstellen es gibt.

Entwickelt wird die Patientenleitlinie im Rahmen des Leitlinienprogramms Onkologie, das gemeinsam von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) und der Deutschen Krebshilfe (DKH) getragen wird und die Verbesserung der Versorgung krebskranker Menschen zum Ziel hat. Patientenvertreter und Ärzte aus dem Kreis der Leitlinienautoren haben die Patientenleitlinie gemeinsam erstellt. Sie beruht auf den Handlungsempfehlungen der gleichfalls im Leitlinienprogramms Onkologie geförderten ärztlichen S3-Leitlinie „Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung“ und damit auf dem besten derzeit verfügbaren medizinischen Wissen. Betreuung und Redaktion erfolgten durch das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin.

Interessierte aus Fachkreisen und Selbsthilfeorganisationen sowie Betroffene können jetzt den Entwurf der Patientenleitlinie kostenfrei herunterladen und begutachten. 

Bis zum 30. Mai 2015 haben sie die Möglichkeit, diese Fassung zu kommentieren, Verbesserungsvorschläge zu machen oder Ergänzungen vorzuschlagen. 

Für die Begutachtung steht auch ein Fragebogen zur Verfügung. Das Redaktionsteam sichtet alle Rückmeldungen und entscheidet dann über deren Berücksichtigung in der endgültigen Version.

So finden Sie die Dokumente im Internet:

• Konsultationsfassung der Patientenleitlinie
http://www.patienten-information.de/mdb/edocs/pdf/literatur/palliativmedizin-1aufl-konsultationsfassung.pdf

• Fragebogen Rückmeldung
http://www.patienten-information.de/mdb/edocs/word/palliativmedizin-fragebogen-konsultation.doc

• Übersicht Patientenleitlinien des Leitlinienprogramms Onkologie
http://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/Patientenleitlinien.8.0.html

• Patientenleitlinien des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin
http://www.patienten-information.de/patientenleitlinien


Medizin am Abend DirektKontakt:

Dr. med. Lydia Bothe
Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin
TiergartenTower, Straße des 17. Juni 106-108
10623 Berlin
Telefon: 4005-2501/-2504
Fax: 030 4005 2555
E-Mail: patienteninformation@azq.de
Corinna Schaefer Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin

In-vivo Dunkelfeld-Röntgenaufnahmen: Lungenemphysem

Medizin am Abend Fazit: In-vivo Dunkelfeld-Röntgenaufnahmen erlauben Frühdiagnose und Klassifizierung von Lungenemphysem

Das Lungenemphysem ist eine der häufigsten schwerwiegenden Lungenerkrankungen, dessen Fortschreiten bei früher Erkennung und optimaler Therapie deutlich verlangsamt werden kann. Mitarbeiter des Instituts für Klinische Radiologie am Klinikum der Universität München (LMU) konnten in Zusammenarbeit mit Forschern der Technischen Universität und des Helmholtz Zentrums München zeigen, dass mittels Dunkelfeld-Bildgebung im Tierversuch bereits ein beginnendes Lungenemphysem sicher diagnostiziert werden kann. Auch eine Einteilung in verschiedene Schweregrade der Erkrankung ist mit diesem neuartigen Röntgen-Verfahren möglich. 

Beschreibung der Abbildung siehe Text in der Pressemitteilung.
Anders als bei der konventionellen Röntgenbildgebung, deren Funktionsweise auf der unterschiedlichen Absorption (Abschwächung) von Röntgenstrahlen beim Durchtritt durch Gewebe basiert, wird mit der neuartigen Dunkelfeld-Bildgebung die Streuung von Röntgenstrahlen im Gewebe sichtbar gemacht. Diese Streuung tritt zum Beispiel an Grenzflächen zwischen Luft und Gewebe auf. Aus diesem Grund bildet das Dunkelfeld-Bild die Lunge in idealer Weise ab: Da das Grundgerüst der Lunge aus sehr vielen kleinen Lungenbläschen (Alveolen) besteht, an denen der Gasaustausch zwischen Blut und Atemluft stattfindet, ergeben sich unzählige Luft-Gewebe-Grenzflächen. Beim Durchtritt durch die gesunde Lunge wird die Röntgenstrahlung in alle Raumrichtungen gestreut, wodurch ein starkes Dunkelfeld-Signal entsteht.

Im Verlauf eines Lungenemphysems werden die Alveolen nach und nach zerstört und die Anzahl der Luft-Gewebe-Grenzflächen ist reduziert. Treten Röntgenstrahlen durch eine vom Emphysem betroffene Lunge, werden diese daher weniger gestreut. Im Tierversuch wurde ein deutlicher Signalabfall im Dunkelfeld-Röntgenbild der Lunge festgestellt. Dabei zeigt die Signalstärke des Dunkelfeldbildes eine exzellente Korrelation mit der Gewebe-Beschaffenheit der Lunge (siehe Foto). Beschreibung: In der Maus zeigt sich ein deutlicher Signalabfall im Dunkelfeld-Röntgenbild (untere Zeile) der vom Emphysem betroffenen Lunge. Im konventionellen Bild (obere Zeile) ist die Krankheit selbst für den Experten nicht zuverlässig erkennbar. Links: gesunde Lunge; Mitte: mildes Emphysem; Rechts: schweres Emphysem.

Somit kann die Dunkelfeld-Bildgebung auch ein beginnendes Lungenemphysem sicher diagnostizieren und sogar eine Einteilung in verschiedene Schweregrade der Erkrankung ermöglichen. Dies ist in der konventionellen Transmissions-Bildgebung auf Grund der geringen Dichte des Lungengewebes nicht möglich. Im konventionellen Röntgenbild kann die Diagnose "Lungenemphysem" zumeist erst sehr spät gestellt werden, nämlich erst dann, wenn die Lunge deutlich überbläht ist und sich zum Beispiel die Proportionen der knöchernen Brustwand ändern, oder das Zwerchfell durch die überblähte Lunge flach gedrückt wird.

Es ist davon auszugehen, dass etwa 1.000.000 Menschen in Deutschland ein Lungenemphysem haben, wobei vor allem rauchende Männer und Frauen jenseits des 50. Lebensjahres betroffen sind. Die Zerstörung der Lungenbläschen hat zur Folge, dass sich die Lungenoberfläche verkleinert und der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt. In der Folge leiden die Patienten an Atemnot, Husten, blaugefärbten Lippen und Fingernägeln und einem fassförmig aufgeblähten Brustkorb. Geheilt werden kann ein Lungenemphysem derzeit nicht, aber eine optimale Therapie kann das Fortschreiten der Krankheit deutlich verlangsamen. Eine frühere Diagnose mittels Dunkelfeld-Bildgebung könnte durch eine geeignete Behandlung die Lebensqualität und Lebenserwartung der Betroffenen entscheidend verbessern.

Mit dem Dunkelfeld-Röntgen ergeben sich aber auch weitere völlig neue Anwendungsmöglichkeiten in der Lungen-Bildgebung. Zum Beispiel könnte die Technik Verwendung bei Screening-Untersuchungen, bei Verlaufsbeobachtungen oder bei Therapie-Studien finden – ganz ohne Zuhilfenahme der Computertomographie, die deutlich strahlungsintensiver ist. Die neuartige Röntgentechnik findet derzeit noch keine Anwendung in der klinischen Praxis. Bisher konnte die Überlegenheit der Methode in der Diagnostik des Lungenemphysems an lebenden Mäusen gezeigt werden. Eine Überführung der Ergebnisse in eine klinische Anwendung ist Hauptziel der aktuellen Forschungsaktivitäten.

Die Forschung wird gefördert durch das DFG Exzellenzcluster "Munich Centre for Advanced Photonics" (MAP). Beteiligt ist das Klinikum der LMU München, Institut für Klinische Radiologie (Dr. med. Katharina Hellbach, Dr. med. Felix Meinel, PD Dr. med. Tobias Saam, Prof. Maximilian F. Reiser), die Technische Universität München, Physik Department (Andre Yaroshenko, Dr. rer. nat. Astrid Velroyen, Mark Müller, Prof. Franz Pfeiffer), sowie das Helmholtz Zentrum München, Comprehensive Pneumology Center (Dr. med. vet. Ali Önder Yildirim, Prof. Oliver Eickelberg).

Referenz: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=Hellbach+K%2C+Yaroshenko+A%2C+Meinel+FG...# (Veröffentlichung in Investigative Radiology im Juli 2015)

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Pettenkoferstraße 8a
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Deutschland
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Philipp Kressirer
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philipp.kressirer@med.uni-muenchen.d

Therapieansätze für die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD*)

Medizin am Abend Fazit

Wissenschaftlern am Helmholtz Zentrum München ist es erstmals gelungen, an dreidimensionalen, menschlichen Lungengewebsproben den Einfluss neuer Therapieansätze für die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD*) zu erproben. Die Ergebnisse sind nun im Fachjournal European Respiratory Journal veröffentlicht.

Einem Team um Dr. Dr. Melanie Königshoff und der Doktorandin Franziska Uhl am Comprehensive Pneumology Center des Helmholtz Zentrums München ist es nun zusammen mit klinischen Partnern erstmals gelungen, an dreidimensionalem, lebendem, menschlichem Lungengewebe zu forschen. Die Forscher griffen dabei auf eine Vielzahl chemischer, biologischer und bildgebender Verfahren zurück.

„Wir konnten so zeigen, dass die Aktivierung des Wnt/beta-Catenin**-Signalweges eine Reparatur in dem kranken Lungengewebe anstößt, die abhängig ist vom Erkrankungsstadium des Patienten“, sagt Uhl. Mit ihrem Verfahren etablierten Königshoff und ihr Team völlig neue Möglichkeiten zur Bewertung pathologischer Veränderungen, zu funktionalen Studien und insbesondere auch zur Erprobung pharmazeutischer Wirkstoffe, die unter den früheren Versuchsbedingungen nicht mögliche gewesen wären.

Großer Fortschritt mit neuer Methode

„Bisher benutzte Zellkulturen von Versuchstieren oder Menschen in der Petrischale waren auf zwei Dimensionen und auf einzelne Zeitpunkte beschränkt“, erklärt Königshoff. Die neue Methode erlaubt es, krankes Lungengewebe von Patienten sowie mögliche Reparaturmechanismen in 3D und mit hoher zeitlicher Auflösung zu beobachten. So entstanden räumlich und zeitlich hoch aufgelöste Bilder des erkrankten Lungengewebes, an denen man Veränderungen in und an den Lungenbläschen gut ablesen kann.

Mit dieser Methode schließt sich die Lücke, die bisher zwischen der Identifizierung von Wirkstoffen, deren Testung in der präklinischen Forschung und deren Anwendung am Patienten bestand. „Wir hoffen auf diesem Weg langfristig Therapien entwickeln zu können, die eine Reparatur des Lungengewebes im Patienten selbst anstoßen“, sagt Königshoff.

Das Forscherteam will im nächsten Schritt die Studie auf eine zahlenmäßig breitere Basis stellen, weitere neue Therapieansätze testen und die Analyse auf andere Lungenkrankheiten wie etwa die Lungenfibrose und den Lungenkrebs ausdehnen.

Weitere Informationen

Hintergrund:


*COPD steht für chronisch obstruktive Lungenerkrankung (chronic obstructive pulmonary disease); sie wird hervorgerufen durch eine chronisch entzündliche Lungenerkrankung, die zu einer Verengung der kleineren Atemwege führt. Sie tritt in erster Linie bei Rauchern auf und wird oft begleitet von übermäßiger Schleimproduktion und Atemnot bei Belastung.
Bei der COPD handelt sich um eine chronisch entzündliche Lungenerkrankung. Schätzungsweise 13 Prozent der Erwachsenen über 40 Jahren leiden in Deutschland daran. Die Erkrankung verursacht einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden. Sie ist durch übermäßige Schleimproduktion und Atemnot bei Belastung sowie einem Verlust von funktionellem Lungengewebe, den Lungenbläschen, gekennzeichnet. COPD ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht heilbar, man kann lediglich den Verlauf verlangsamen. Eine Lungentransplantation ist die einzige Rettungsmöglichkeit, die aber durch die geringe Anzahl von Spenderorganen immer noch die Ausnahme bleibt.

**Der Wnt-Signalweg ist einer von vielen Wegen zur Weitergabe von Signalen, durch die Zellen auf äußere Veränderungen reagieren können. Der Signalweg ist nach seinem Hauptakteur „Wnt“ benannt, einem Signalprotein, das als lokaler Vermittler eine wichtige Funktion bei der Entwicklung verschiedener tierischer Zellen einnimmt. An der Weiterleitung der Signale sind zahlreiche Proteine beteiligt, darunter das beta-Catenin.

Original-Publikation

Preclinical validation and imaging of Wnt-induced repair in human 3D lung tissue cultures. DOI: 10.1183/09031936.00183214

Medizin am Abend DirektKontakt

Ingolstädter Landstr.1
85764 Neuherberg
Postfach 1129
85758 Neuherberg
Deutschland
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Sonja Opitz
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Fax: 08931873324
sonja.opitz@helmholtz-muenchen.de


Susanne Eichacker
Telefon: 089 / 3187 - 3117
E-Mail-Adresse: susanne.eichacker@helmholtz-muenchen.de
 

Michael van den Heuvel Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

 

Pflegebedürftigkeit - bricht das Pflegesystem zusammen?

Medizin am Abend Fazit: Familienähnliche Betreuung in Pflege-WGs

Angesichts des demografischen Wandels wächst der Pflegebedarf in unserer Gesellschaft, gleichzeitig lösen sich traditionelle Familienstrukturen auf und die Möglichkeiten für häusliche Pflege nehmen ab. Höchste Zeit politisch zu agieren und diese Versorgungslücke zu schließen, sagen die Soziologinnen Prof. Dr. Birgit Riegraf und Dr. Romy Reimer von der Universität Paderborn. In einer zweijährigen, qualitativ angelegten und vom Land NRW finanzierten Studie haben sie Wohn-Pflege-Gemeinschaften als alternative, geschlechtergerechte Betreuungsform untersucht – und sehen darin ein tragfähiges Zukunftsmodell. 

Daten: Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik 2011, Deutschlandergebnisse
 
Zwar werden immer noch 47 % der Pflegebedürftigen in Deutschland zuhause von ihren Angehörigen versorgt, dabei aber zunehmend Migrantinnen in häufig illegalen oder halblegalen Beschäftigungsverhältnissen eingesetzt. „Ohne diese 24 Stunden-Pflegekräfte würde unser bisheriges Pflegesystem zusammenbrechen. Die Kleinfamilie mit Hausfrau gibt es so nicht mehr, beide Geschlechter sind immer häufiger voll erwerbstätig. Angehörige geraten dadurch zunehmend unter eine enorme psychische und physische Belastung“, sagt Birgit Riegraf.

Betroffene geraten in einen Konflikt zwischen der Liebe und Fürsorge für ihre Angehörigen und den Anforderungen des (Berufs-) Leben. Ein Heim kommt für viele Familien dabei nicht in Frage, weil dort die Bedingungen häufig sehr abschreckend sind. Birgit Riegraf und Romy Reimer sehen in den Wohn-Pflege-Gemeinschaften eine Betreuungsform, die pflegende Angehörige stark entlastet und gleichzeitig ihren emotionalen Bedürfnissen, sich weiterhin mit den Pflegebedürftigen auseinanderzusetzen, gerecht werden kann.

Seit den 1990er Jahren organisieren Angehörige dementer Menschen solche WGs: Dabei leben vier bis zwölf Bewohner in einem familienähnlichen Wohnumfeld zusammen und sollen so lange wie möglich in ihrer Selbständigkeit gefördert werden. Die Betreuung übernehmen professionelle Pflegekräfte. Deren Zeit für individuelle Zuwendung ist deutlich höher als in klassischen Pflegeheimen, ihre Arbeitsbedingungen sind wesentlich attraktiver. Das belegen die Studienergebnisse.

Die Paderborner Soziologinnen haben qualitative Interviews mit 24 Angehörigen und 19 Pflege- und Betreuungskräften in insgesamt elf Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen und Hamburg geführt. Auch für die Angehörigen ist das Konzept demnach eine große Entlastung, obwohl Organisation und Verwaltung mit einigem Aufwand verbunden ist. „Wir haben festgestellt, dass in diesen Arrangements viele Formen bürgerschaftlichen Engagements zu finden sind, die sich in der Gemeinschaft von Angehörigen gegenseitig verstärken.“

Viele der Wohn-Pflege-Gemeinschaften sind von Angehörigen selbst verwaltet, eine zunehmende Zahl von karitativen Trägern, nur wenige von Kommunen. Je nach Landespolitik ist ihre Verbreitung in den Bundesländern sehr unterschiedlich. Die Forderung der Soziologinnen lautet, diese Pflegeform genauso finanziell zu fördern wie es bislang im stationären Bereich der Fall ist – und auch die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Insgesamt müsse der Pflegekrise durch ein regional abgestimmtes Pflegeangebot begegnet werden: ein Angebotsmix für unterschiedliche Bedürfnisse mit den Wohn-Pflege-Gemeinschaften als ein Baustein. „Die Politik hat zu lange versäumt, das Thema anzugehen, obwohl die Entwicklungen lange absehbar waren und wir letztlich alle davon betroffen sind.“ Es gelte, die Pflegearbeit zu vergesellschaften, also sie von der Verantwortung der einzelnen Familien weg „nach draußen“ zu verlagern und zu professionalisieren, Arbeitsbedingungen und Bezahlung der enorm anstrengenden Pflegearbeit zu verbessern. Nur so könne die traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern aufgebrochen werden und diese Arbeit mittelfristig eine andere gesellschaftliche Wertschätzung bekommen.

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Masernwelle in Berlin - Ärzte in der Pflicht?

Medizin am Abend Fazit:  Die Masernwelle in Berlin ebbt nicht ab

Ärzte in der Pflicht - GfV fordert breiteren Einsatz auch von neuen Impfstoffen

Zu gering ist der Anteil der Menschen, die die vollständige Impfung erhalten haben. Die Verantwortung dafür tragen nach Meinung der Gesellschaft für Virologie (GfV) nicht nur die Bürger. Vor allem Hausärzte müssten ihre Patienten öfter an notwendige Impfungen erinnern. Die Fachgesellschaft begrüßt daher die verpflichtende Impfberatung vor dem Kindergarten, die das neue Präventionsgesetz vorsieht. Es dürfe aber nicht nur die Masern-Impfung im Fokus stehen. 
 
Auch beispielsweise die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs bei Jugendlichen oder gegen Pneumokokken bei älteren Menschen würden noch viel zu selten eingesetzt. „Wir brauchen zudem ein langfristiges Impfkonzept für die kommenden Jahrzehnte“, so die GfV-Experten.

Auch in der 16ten Kalenderwoche Mitte April erkrankten erneut mehr als hundert Menschen in Deutschland an Masern – die meisten in Berlin, gefolgt von Sachsen und Thüringen. „Dabei könnte das Masernvirus bereits ausgerottet sein“, so Professor Dr. med. Thomas Mertens, Präsident der GfV vom Uniklinikum Ulm. Dafür sei jedoch eine sehr hohe Impfquote erforderlich.  

Diese hohe Beteiligung für die zweite Impfung habe bisher nur Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg erreicht. Am schlechtesten mit weniger als 90 Prozent zum Zeitpunkt der Schuleingangsuntersuchung schneiden Sachsen und Baden Württemberg ab.

Aber auch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen bestehen erhebliche Impflücken. Mehr als die Hälfte aller Masern-Erkrankten sind in den aktuellen Ausbrüchen älter als 14 Jahre alt.

„Die Impfberatung vor dem Besuch einer Kindertagesstätte, vor allem aber die Kontrolle des Impfstatus bei jedem Arztbesuch seien wichtige Maßnahmen, um Impflücken etwa bei Masern, Röteln oder Mumps zu schließen“, so Mertens hinsichtlich des Präventionsgesetzes, das derzeit in der parlamentarischen Beratung steht.

Laut einer an der Universität Erfurt durchgeführten Studie würden sich mehr Menschen impfen lassen, wenn ihnen der Vorteil des Impfens für den Einzelnen und die Gesellschaft besser vermittelt würde. „Es ist bedauerlich, dass genau diese Beratung häufig nicht stattfindet“, so der GfV-Experte. Deshalb müsse das Thema Impfen mit allen Aspekten viel besser in die Ausbildung der Medizinstudenten eingebunden werden. Impfungen gehören zu den wichtigsten und wirksamsten präventiven Maßnahmen, die der Medizin zur Verfügung stehen. „Eine grundsätzliche Lösung der Probleme, vor die uns altbekannte und regelmäßig neu auftretende Viren stellen, ist ohne Impfstoffe nicht denkbar“, so Mertens.

Die Gesellschaft für Virologie fordert Ärzte zudem auf, ihre Patienten besser über neue, weniger bekannte Impfstoffe zu informieren. Für Teenager stünde beispielsweise die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs zur Verfügung, bei älteren Menschen empfiehlt sich eine Impfung gegen Pneumokokken. „Diese Impfstoffe haben sich bereits als wirkungsvoll erwiesen. Dennoch werden sie in Deutschland zu selten eingesetzt“, kritisiert Professor Dr. med. Hartmut Hengel, Vizepräsident der GfV von der Universität Freiburg.

Ein anderes Problem, das Politiker und Experten im Präventionsgesetz berücksichtigen sollten, sei die langfristige Impfplanung. „Zwar impfen wir schon Säuglinge erfolgreich etwa gegen Hepatitis B, Mumps oder Windpocken“, so Hengel. Wichtig sei zu erforschen und zu planen, wie diese Impfungen im Erwachsenenalter weitergeführt werden müssen, um einen langfristigen Schutz der Menschen zu gewährleisten. Dafür fehle jedoch die finanzielle Unterstützung der zuständigen staatlichen Stellen. Die Forschungsnotwendigkeit thematisiert auch der Nationale Impfplan. Nur mit unabhängiger Forschung und einer guten Aufklärung seitens der Ärzteschaft können Erreger dauerhaft in Schach gehalten werden.

Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 17, 27.4.2015

Infektionsepidemiologischer Wochenbericht des LAGeSo - 27.04.2015

Betsch C1, Böhm R, Korn L, Health Psychol. 2013 Sep; 32(9):978-85, Inviting free-riders or appealing to prosocial behavior? game-theoretical reflections on communicating herd immunity in vaccine advocacy, doi: 10.1037/a0031590

Ch. Rautmann - Determinanten für die Umsetzung der Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) in den alten und neuen Bundesländern, Dissertation Universität Greifswald, 2013

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Freitag, 1.-Mai-2015 Krawalle - Wer zahlt bei Schäden?

Medizin am Abend Fazit: 1.-Mai-Krawalle - Wer zahlt bei Schäden?

Der 1. Mai steht vor der Tür und damit leider vielerorts wieder Ausschreitungen und Krawalle. "Wer in Stadtteilen und Gebieten wohnt, in denen Mai-Krawalle erfahrungsgemäß zu erwarten sind, sollte soweit wie möglich Vorsorge treffen und auch seinen Versicherungsschutz überprüfen", erklärt Frank Steiner, Schaden-Experte bei der Zurich Versicherung. "Die Geschädigten sind oft unsicher, ob sie selbst für ihre zerstörten Besitztümer aufkommen müssen oder ob ihre Versicherung solche Schäden abdeckt. Bei Beschädigungen, die im Rahmen solcher Krawalle passieren, ist der Täter allerdings nur sehr selten festzustellen und damit haftbar zu machen", so Steiner. 


Schäden an Fahrzeugen 

Empfehlenswert ist eine Voll- oder Teilkaskoversicherung für Fahrzeuge. Sind Fahrzeugscheiben zu Bruch gegangen, deckt diese Schäden bereits die Teilkaskoversicherung ab. "Da bei der Teilkaskoversicherung auch Gefahren wie Brand und Explosion versichert sind, greift diese zum Beispiel bei Brandstiftung durch einen Böller oder Brandsatz. In allen anderen Fällen von Vandalismus, etwa bei Blechschäden durch einen Pflasterstein, leistet eine Vollkaskoversicherung Schadenersatz", erläutert Frank Steiner.

Schäden an Gebäuden und Hausrat 

Brandschäden an Gebäuden und Hausrat, wie beispielsweise Briefkastenanlagen und Gartenmöbeln, werden in der Regel von der Wohngebäude- und Hausrat-Versicherung reguliert. Jedoch zahlt die Versicherung bei mit Eiern beworfenen Wänden oder beschädigten Türen und Fenstern nur, wenn in den Bedingungen des Vertrages böswillige Beschädigungen mitversichert sind. Zerstörte Fensterscheiben werden auch reguliert, wenn eine Glasversicherung besteht. Für Farbbesprühungen an der Hausfassade gilt: Solche Schäden sind nur gedeckt, wenn der Vertrag auch Graffitischäden einschließt. "Prüfen Sie bereits jetzt Ihre Policen und erweitern Sie gegebenenfalls Ihren Versicherungsschutz", rät der Zurich Experte.

Verletzungen von (unbeteiligten) Personen 

Für eine Übernahme der Schäden bei Demonstrationen ist ausschlaggebend, ob sich der Verletzte bewusst in die Gefahrenlage begeben hat. "Die Versicherungsgesellschaften leisten in der Regel, wenn der Geschädigte als Unbeteiligter bei einer Demonstration verletzt wird. Allerdings gilt auch hier, dass der Versicherungsschutz im Einzelfall geprüft werden muss", weiß Frank Steiner. Kommt es zu schweren Verletzungen mit Spätfolgen, die die Arbeitskraft beeinflussen, kann der Verletzte auch Leistungen aus einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung oder einer Grundfähigkeitsversicherung erhalten. Auch hier ist es sinnvoll, sich bereits frühzeitig abzusichern. 

Der 1. Mai 

In vielen Ländern - so auch in Deutschland - ist der 1. Mai ein gesetzlicher Feiertag. Seinen Ursprung hat dieser "Maifeiertag" oder "Tag der Arbeit" bei einem Generalstreik im Jahr 1886. Damals streikten viele tausend Arbeiter in den gesamten USA für einen Achtstundentag. Der 1. Mai war dort traditionell der sogenannte "Moving day": der Stichtag, an dem Arbeitsverträge ausliefen oder neu geschlossen wurden. Bei einer Kundgebung in Chicago kam es auch zu Ausschreitungen mit Toten und Verletzten. Vier Jahre später, im Jahr 1890, gab es an diesem Tag zum ersten Mal weltweit Massenstreiks und -demonstrationen. Bis heute ist der 1. Mai nicht überall ein friedlicher Feiertag. Seit den 1980er Jahren gibt es in Deutschland regelmäßig gewalttätige Ausschreitungen - besonders in Hamburg und Berlin.



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