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Opioid-Abhängigkeiten - Opioid-Krise - ph-Wert - pKa-Wert

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Auf dem Weg zu Schmerzmitteln ohne Suchtgefahr: Säurewert am Schmerzherd ist entscheidend

Opioidhaltige Schmerzmittel sind im klinischen Alltag nahezu unverzichtbar, allerdings haben sie starke Nebenwirkungen. 

Zusätzlich ist es insbesondere in den USA zu massivem Substanzmissbrauch gekommen. 

Einem Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin ist jetzt ein wichtiger Schritt hin zu einer neuen Generation von Schmerzmitteln gelungen. 

Wie die Forschenden im Fachmagazin Scientific Reports* berichten, kommt es bei der Entwicklung neuer Substanzen auf den Säurewert, den pH-Wert, des Schmerzherds an. 

Denn die Feinabstimmung der Säure-Dissoziations-Konstante, der sogenannte pKa-Wert, eines Opioidmoleküls bestimmt die Gefährlichkeit, darunter das Suchtpotenzial. 

Neue Substanzklasse bewirkt Schmerzstillung ausschließlich am Entzündungsherd.
 Neue Substanzklasse bewirkt Schmerzstillung ausschließlich am Entzündungsherd.
Grafik: G. Del Vecchio & V. Spahn / Freepik


  • Opioide haben eine starke schmerzstillende Wirkung, sie können jedoch schnell in eine Abhängigkeit führen. 

Lange ist vor allem in den USA sorglos mit den Präparaten umgegangen worden.

Entsprechend hoch sind die Zahlen der Opioid-Abhängigkeiten, man spricht von der Opioid-Krise. 

Auch hierzulande werden opioidhaltige Schmerzmittel verschrieben, mit steigender Tendenz. 

Inzwischen kommen sie selbst bei chronischen Schmerzen ohne Krebserkrankung zum Einsatz. 

Was bis heute fehlt, sind Medikamente, die starke Schmerzen lindern, gleichzeitig jedoch weniger Gefahren bergen.

Prof. Dr. Christoph Stein, Direktor des Arbeitsbereiches Experimentelle Anästhesiologie am Campus Benjamin Franklin, ist mit seinem Team einer nebenwirkungsarmen Alternative in der Schmerztherapie auf der Spur.

Drei Opioidsubstanzen, sie tragen die Namen FF6, FF3 und NFEPP, hat die Forschungsgruppe bereits neu entwickelt und in Computersimulationen gemeinsam mit Kollegen am Zuse-Institut für angewandte Mathematik Berlin (ZIB) getestet.

Jetzt konnten die Forschenden die Schmerzreduktion und typische Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Verstopfung und die Gefahr eines Atemstillstandes sowie das Suchtpotenzial in einem Tiermodell für Entzündungsschmerz genauer beobachten.

„Im Vergleich zum Standard-Opioid Fentanyl sprechen die Ergebnisse der neuartigen Substanzklasse für sich“, sagt Prof. Stein, der auch Mitglied des Einstein-Zentrums für Neurowissenschaften ist.

  • „Je näher der pKa-Wert des Bindungsmoleküles am Säurewert des entzündeten oder verletzten Gewebes liegt, um so selektiver werden ausschließlich Opioidrezeptoren am Schmerzherd selbst aktiviert und umso geringer ist die Gefahr von Sucht oder Nebenwirkungen. 

Im Fall von Fentanyl liegt der pKa-Wert über dem physiologischen pH-Wert, außerdem gelangt das Standard-Opioid nachweislich schneller ins Gehirn.“

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verfolgen den Ansatz, Entzündungsschmerz und postoperativen Schmerz am Ort des Geschehens, direkt im verletzten Gewebe, zu beheben. Im Gegensatz zu konventionellen Opioiden aktivieren die neuartigen Substanzen ausschließlich in saurem Milieu Opioidrezeptoren, die Andockstellen für Schmerzmedikamente, und wirken somit nur in verletztem Gewebe. Schwerwiegende Nebenwirkungen bleiben auf diese Weise aus.

 „Mit dem Ziel, die für eine optimale Wirkung notwendigen chemischen Eigenschaften der neuen Substanzen abzuleiten, haben wir nun in kultivierten Zellen das Zusammenspiel von Opioid-Bindungsmolekülen mit Opioidrezeptoren bei verschiedenen pH-Werten untersucht. Einige der Rezeptoren sind zusätzlich genetisch verändert worden“, erklärt Studienleiter Prof. Stein.

„Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Säure-Dissoziations-Konstante, der pKa-Wert, eines Opioidmoleküls seine Gefährlichkeit, also Nebenwirkungen wie Suchtentstehung oder Atemstillstand, bestimmt. 
  • Bislang war die Bedeutung von pH- und pKa-Werten für die Sicherheit von Opioiden völlig unbekannt.“ 
  • Eine richtungweisende Erkenntnis auf dem Gebiet der Rezeptorforschung.
Die Feinabstimmung des pKa-Wertes und bestimmte chemische Brückenbildungen mit Opioidrezeptoren sind entsprechend der aktuellen Untersuchungen maßgeblich, wenn es um die Entwicklung neuartiger Medikamente geht.

Wird die neue Generation von Schmerzmitteln Realität, könnten gefährliche Nebenwirkungen und Suchtgefahr der Vergangenheit angehören.

 „Wir haben bereits in zahlreichen klinischen Studien zeigen können, dass die selektive Aktivierung von peripheren Opioidrezeptoren in verletztem Gewebe, beispielsweise durch lokale Injektion konventioneller Opioide wie Morphin, eine potente Schmerzstillung beim Menschen bewirkt. 

Daher sind wir zuversichtlich, dass unsere neue Substanzklasse, die nun erstmals auch intravenös verabreicht werden kann, erfolgreich sein wird“, sagt Prof. Stein. Erste klinische Studien, bei denen die neuartigen Substanzen zur Anwendung kommen, sollen in zwei bis drei Jahren starten. Parallel arbeitet die Forschungsgruppe unter anderem im Rahmen des Förderprogramms SPARK am Berlin Institute of Health (BIH) an weiteren Substanzen der neuen Generation.

*Del Vecchio G et al. pK(a) of opioid ligands as a discriminating factor for side effects. Sci Rep. 2019 Dec 18;9(1):19344. doi: 10.1038/s41598-019-55886-1.

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Prof. Dr. Christoph Stein
Direktor Arbeitsbereich Experimentelle Anästhesiologie
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Manuela Zingl
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E-Mail-Adresse: manuela.zingl@charite.de
Originalpublikation:
https://doi.org/10.1038/s41598-019-55886-1

Wiederkehrender oder schwerer depressiver Erkrankung: Die Remissionsphase

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Depression: Langsame Entscheidungen könnten ein Zeichen für einen Rückfall sein

Die Wahrscheinlichkeit, mit welcher Betroffene nach dem Absetzen von Antidepressiva in eine Depression zurückfallen, lässt sich teilweise voraussagen. 

Personen, die einen solchen Rückfall erleben, benötigen nämlich häufig länger, um sich zu entscheiden, wie viel Anstrengung sie für eine Belohnung investieren möchten, wie Forschende in einer vom SNF unterstützten Studie zeigen konnten. 
 
Depressionen sind eine weit verbreitete Krankheit mit einem schwierig vorherzusehenden Verlauf. 

Häufig ist die Erkrankung wiederkehrend: 

Depressive Phasen kommen und gehen. 

Aus Studien ist bekannt, dass die Behandlung über das Abklingen der Symptome hinaus fortgesetzt werden sollte, um die Gefahr eines Rückfalls zu verringern.

Leider scheint dies jedoch keinen Einfluss auf das Risiko eines Rückfalls nach dem Absetzen der Medikamente zu haben.

  • "Schätzungsweise 30 Prozent der Betroffenen erleiden in den ersten sechs Monaten nach dem Absetzen einen Rückfall. 
  • Das ist ein sehr hoher Anteil. Bisher gibt es kein etabliertes Instrument, mit dem sich dieses Risiko abschätzen lässt", sagt die Psychologin Isabel Berwian.

In einer vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützten Längsschnittstudie, die in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry (*) publiziert wurde, konnte sie nun zeigen, dass gewisse Prognosen zum Rückfallrisiko bei Depressionen möglich sind. 

Die Forscherin, nun Postdoktorandin im Bereich Translational Neuromodeling an der Universität Zürich und der ETH Zürich, hat nämlich beobachtet, wie die Betroffenen in der Remissionszeit Entscheidungen treffen.

Spiel mit der Motivation

Für die Studie rekrutierte das Team von Quentin Huys, damals Forscher für Computationale Psychiatrie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Patientinnen und Patienten mit wiederkehrender oder schwerer depressiver Erkrankung, die sich in der Remissionsphase befanden.

Sie wiesen keine oder fast keine Symptome mehr auf, nahmen aber noch Antidepressiva ein.

Die Teilnehmenden hatten unabhängig von der Studie bereits entschieden, die entsprechenden Medikamente abzusetzen. Alle erhielten eine Aufgabe, mit der ihre Bereitschaft gemessen werden konnte, je nach Belohnungsniveau eine Anstrengung zu unternehmen. Dieser Versuchsaufbau wurde gewählt, weil die Fachliteratur zeigt, dass Menschen mit Depressionen typischerweise in geringerem Ausmass bereit sind, sich für eine Belohnung anzustrengen. Die Forschenden wollten einen Schritt weitergehen und untersuchen, ob sich Rückschlüsse auf einen potenziellen Rückfall ziehen lassen.

Die Daten wurden zwischen Juli 2015 und Januar 2019 bei 123 Patienten und 66 gesunden Vergleichspersonen in Zürich und Berlin erhoben. Alle Personen, die an Depressionen gelitten hatten, lösten die Aufgabe zweimal: Das erste Mal vor dem Absetzen der Medikamente, das zweite Mal entweder vor oder nach dem Absetzen der Medikamente. Zudem wurden alle nach der Studie sechs Monate lang weiter beobachtet, um zu verfolgen, ob sie einen Rückfall erlitten.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Entscheidungszeit bei von Depressionen Betroffenen länger war als bei den Vergleichspersonen (durchschnittlich 1,77 beziehungsweise 1,61 Sekunden). Zudem war sie aber auch innerhalb der Patientengruppen bei Personen noch länger, die nach dem Absetzen einen Rückfall erlitten (durchschnittlich 1,95 Sekunden). Die Forschenden konnten so zeigen, dass bei zwei von drei Personen aufgrund der Entscheidungszeit richtig vorausgesagt wird, ob sie einen Rückfall erleiden werden.

Im Bett bleiben oder aufstehen?

Welche Mechanismen bei dieser Aufgabe eine Rolle spielen, wurde mit einem Berechnungsmodell in Erfahrung gebracht. Es ergab, dass die jeweils gewählte Option (kleine Anstrengung für eine kleine Belohnung oder grössere Anstrengung für eine grössere Belohnung) ein Unterscheidungsmerkmal zwischen den ehemals depressiven Personen und den gesunden Personen ist: Erstere wählten häufiger die am wenigsten anstrengende Option. Die Forschenden vermuten, dass dies ein Anzeichen dafür ist, dass die Depression nach wie vor asymptomatisch im Hintergrund präsent ist.

Das Modell hat ausserdem gezeigt, dass Personen, die eine depressive Phase erlebt haben, Anstrengungen eher vermeiden. Isabel Berwian veranschaulicht dies folgendermassen: "Stellen Sie sich vor, dass Sie an einem Abend bereits im Bett liegen. Dann rufen Bekannte an und fragen, ob sie mit Ihnen in der Stadt ein Eis essen kommen. Eine gesunde Person wird vermutlich aufstehen und hingehen. Eine Person, die eine depressive Episode hatte, bleibt dagegen eher im Bett. Sogar wenn ihr die Aktivität gefallen würde, scheint ihr die dazu notwendige Anstrengung zu gross."

Obwohl die Studie gezeigt hat, dass die Entscheidungszeit gewisse Prognosen zum Rückfallrisiko ermöglicht, sind diese Erkenntnisse für eine Anwendung in der Praxis noch nicht reif. "Dieser Indikator ist vielversprechend, aber wir können noch nicht für uns beanspruchen, "die" Lösung gefunden zu haben. Unsere Ergebnisse müssten an einer grösseren Stichprobe validiert werden, da unsere relativ klein war", erklärt Isabel Berwian. Für die Forschenden ist das eine Herausforderung, da es schwierig ist, Patientinnen und Patienten für solche Studien zu finden. Quentin Huys – inzwischen Associate Professor am University College von London – und sein Team arbeiten auch an anderen potenziellen Indikatoren für Rückfälle. Sie prüfen zum Beispiel, ob sich beim Abspielen eines traurigen Films die Gehirnaktivität zwischen gesunden Personen und Personen, die in der Vergangenheit an einer Depression gelitten hatten, unterscheidet.

Die Studie wurde an der Translational Neuromodeling Unit der Universität Zürich und der ETH Zürich und an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in Zusammenarbeit mit dem Universitätsspital Charité in Berlin durchgeführt. Mit den Projektförderungsbeiträgen des SNF können Forschende Vorhaben zu selbst gewählten Themen und Forschungszielen eigenverantwortlich durchführen.

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Einen Ballon aufblasen und Punkte gewinnen

Zum Messen der Entscheidungszeit wurde den Teilnehmenden folgende Aufgabe gestellt: Sie mussten eine Taste am Computer drücken, um Punkte zu gewinnen. Sie hatten fünf Sekunden Zeit, um sich zwischen zwei Alternativen zu entscheiden, für die mehr oder weniger Anstrengung nötig war. Sie konnten entweder für einen Punkt 20-mal die Taste drücken, oder für drei bis sieben Punkte 100-mal abhängig von der aktuellen Aufgabenstellung. Nach der Entscheidung hatten die Teilnehmenden jeweils 40 Sekunden Zeit, um die Taste so oft zu drücken, wie sie gewählt hatten. Damit konnten sie dann einen virtuellen Ballon aufblasen, der platzte, wenn sie genügend oft gedrückt hatten. Alle Teilnehmenden erledigten diese Aufgabe je 60-mal.

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Isabel Berwian
Universität Zürich und ETH Zürich
Institute for Biomedical Engineering
Translational Neuromodeling Unit
Tel.: + 41 44 634 91 11
E-Mail: berwian@biomed.ee.ethz.ch

Quentin Huys
University College London
Tel.: + 44 20 3108 9339
E-Mail: q.huys@ucl.ac.uk

Wildhainweg 3
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Nadine Leyser
Telefon: +41 31 308 21 34
E-Mail-Adresse: nadine.leyser@snf.ch

Originalpublikation:
(*) I. M. Berwian, J. Wenzel, A. G. E. Collins, E. Seifritz, K. E. Stephan, H. Walter, Q. J. M. Huys: Computational mechanisms of effort and reward decisions in depression and their relationship to relapse after antidepressant discontinuation, Jama Psychiatry (2020).
https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2019.4971

Untersucher-CAVE: Erhebung der Krankengeschichte https://www.aps-ev.de/

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Patientensicherheit weist Mängel auf

  • Fehldiagnosen, falsche Verschreibung von Medikamenten, unzureichende Erhebung der Krankengeschichte
  • Patientinnen und Patienten wissen eine Menge zu erzählen, wenn es um Mängel der ambulanten medizinischen Versorgung geht – sofern man sie fragt. 

Ein Team um den Marburger Gesundheitsversorgungsforscher Professor Dr. Max Geraedts hat das nun erstmals systematisch getan. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragten 10.000 Bürgerinnen und Bürger, welche Probleme sie bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten erlebt haben. Die Forschungsgruppe berichtet im Fachjournal BMJ Open über ihre Ergebnisse. 

Der Mediziner Professor Dr. Max Geraedts leitete die erste Studie zur Patientensicherheit in der ambulanten Versorgung.
Der Mediziner Professor Dr. Max Geraedts leitete die erste Studie zur Patientensicherheit in der ambulanten Versorgung. Foto: Bert Bostelmann / Wort & Bild-Verlag; 
 
Viele Menschen suchen zuerst die Praxis von niedergelassenen Ärztinnen oder Ärzten auf, wenn sie medizinische Hilfe oder Rat benötigen; „trotzdem gibt es so gut wie keine Daten über Probleme mit der Patientensicherheit in der ambulanten Versorgung, weder in der Bundesrepublik noch international“, erklärt der Mediziner Max Geraedts von der Philipps-Universität Marburg, der die Studie leitete.

  • Dabei zeigen Schätzungen für den stationären Bereich, dass die Patientensicherheit sehr wohl verbesserungsbedürftig ist: 
  • Demnach erleiden 5-10 Prozent aller Krankenhauspatientinnen und -patienten unvorhergesehene Schädigungen.

Wie steht es in der ambulanten Versorgung um die Patientensicherheit? 

Geraedts und sein Team befragten mittels eines neu entwickelten Erhebungsbogens 10.000 Personen über 39 Jahre, die zufällig ausgewählt worden waren.

Das Ergebnis: 14 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichteten über Probleme, die aufgetreten seien, wenn sie niedergelassene Ärztinnen oder Ärzte konsultierten. Die telefonische Umfrage dokumentiert mehr als 2.500 Einzelfälle.

Bei 61 Prozent davon geht es um unzureichend erhobene Vorgeschichten der Patientinnen und Patienten oder um unzulängliche Diagnostik. 

  • In 75 Prozent der Fälle klagten die Betroffenen über schädliche Folgen wie unnötig lang anhaltende Schmerzen oder die Verschlechterung ihres Gesundheitszustands, die auf die Probleme bei der Behandlung zurückgingen; 
  • bei 35 Prozent der Vorkommnisse kam es demnach zu dauerhaften Schäden, 
  • 31 Prozent lösten weitere Arztbesuche, 
  • 14 Prozent Notfallbehandlungen und 
  • 10 Prozent Krankenhausaufenthalte aus. 
  • Auf Allgemeinmediziner entfielen 44 Prozent der Patientenberichte, 
  • auf Orthopäden 15 Prozent und
  • auf Internisten 10 Prozent.

„Unsere Ergebnisse belegen, dass Probleme der Patientensicherheit in der ambulanten Versorgung häufig sind, oft mit Gesundheitsschäden einhergehen und zusätzliche Behandlungen nach sich ziehen“, resümiert Geraedts. „Die Ergebnisse können helfen, kritische Situationen zu erkennen und gezielte Maßnahmen zur Vermeidung von Problemen zu entwickeln.“

Darüber hinaus zeige die Studie, dass Patientenberichte eine wertvolle Quelle zur Identifizierung von Sicherheitsproblemen seien; sie könnten demnach dazu beitragen, die Patientensicherheit zu verbessern.

Diesen Aspekt betont auch das „Aktionsbündnis Patientensicherheit“ APS in einer Stellungnahme:

Grundsätzlich sei es schwierig, Probleme mit der Patientensicherheit zu erheben, weil die Einschätzung von professionellen Kräften und Betroffenen variiere.

„Im Aktionsbündnis sind wir davon überzeugt, dass es von unschätzbarem Wert ist, die Patientinnen und Patienten selbst einzubeziehen, um die Sicherheit in der Versorgung zu bewerten und zu verbessern“, sagt Marcel Weigand, Generalsekretär im APS.

Der Mediziner Professor Dr. Max Geraedts lehrt Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie an der Philipps-Universität Marburg. Neben Geraedts Arbeitsgruppe beteiligte sich Dr. Johannes Leinert vom Sozialforschungs-institut Infas an der Studie. Der Gemeinsame Bundesausschuss, eine Einrichtung der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, unterstützte die zugrundeliegende Forschungsarbeit finanziell.

Originalveröffentlichung: Max Geraedts & al.: Patient safety in ambulatory care from the patient's perspective: a retrospective, representative telephone survey BMJ Open (2020), DOI: 10.1136/bmjopen-2019-034617

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Professor Dr. Max Geraedts,
Institut für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie
Tel: 06421-28-662 43
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Johannes Scholten Philipps-Universität Marburg

Biegenstraße 10
35032 Marburg
Deutschland
Hessen 

Telefon: 06421/2825866
Fax: 06421/2828903
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Die Grippeschutzimpfung - besonders bei Spitzensportlern

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Studie zeigt: Grippeimpfung ist für Leistungssportler empfehlenswert – auch bei intensivem Training

Vor Wettkämpfen zählt im Leistungssport jeder Trainingstag. 

Viele Sportärzte waren daher beim Thema Grippeimpfung bisher zurückhaltend aus Sorge vor Nebenwirkungen, aber auch weil sie vermuteten, dass diese bei Spitzensportlern nicht so gut wirkt. 

Dass genau das Gegenteil der Fall ist, konnte jetzt eine Forschergruppe an der Universität des Saarlandes um Sportmediziner Tim Meyer und die Immunologin Martina Sester nachweisen. 

Die für ihre Studie geimpften Leistungssportler zeigten eindeutige Immunabwehrreaktionen, die gegenüber einer „normalen“ Kontrollgruppe sogar leicht erhöht waren. 

 Tim Meyer, Professor für Sport- und Präventivmedizin der Saar-Uni
 Tim Meyer, Professor für Sport- und Präventivmedizin der Saar-Uni
Universität des Saarlandes


  • Es gab zudem keinen Unterschied, ob die Impfung direkt nach dem Training oder einen Tag später verabreicht wurde. 

Und die Nebenwirkungen waren so gering ausgeprägt, dass keine einzige Trainingseinheit ausfallen musste.

Im Rahmen der Studie erhielten 45 Athletinnen und Athleten am Olympia-Stützpunkt in Saarbrücken sowie 25 Personen einer gleichaltrigen Kontrollgruppe eine Impfung gegen die saisonale Grippe, die durch Influenzaviren ausgelöst wird.

Vor der Impfung sowie eine, zwei und 26 Wochen danach wurde das Blut der Versuchspersonen auf grippespezifische Zellabwehrreaktionen hin untersucht sowie auf Antikörper, die Influenzaviren neutralisieren können.  

„Zu unserer eigenen Überraschung stellte sich heraus, dass die Spitzensportler bei beiden Faktoren eine stärkere Reaktion zeigten als die Kontrollgruppe.

Bisher war die landläufige Meinung, dass langfristiges intensives körperliches Training die Immunreaktion von Sportlern eher dämpfen würde“, erläutert Tim Meyer, Professor für Sport- und Präventivmedizin der Saar-Universität.

Auch die Nebenwirkungen waren nach der Impfung bei allen Probanden mild, so dass die Leistungssportler in ihrem Trainingsprogramm nicht beeinträchtigt waren.

„Wir haben zudem einen Teil der Versuchspersonen direkt nach ihrem Training geimpft und die anderen erst einen Tag später.

Weder bei der Immunantwort der Athleten noch bei den nur geringfügigen Nebenwirkungen machte dies einen Unterschied“, erklärt Tim Meyer.

Das sei für Spitzensportler, die in Wettkampfzeiten meist täglich trainieren, von großer Bedeutung.

  • „Wir leiten aus unseren Ergebnissen die Empfehlung ab, dass sich Leistungssportler gegen die saisonale Grippe impfen lassen sollten. 

Sie müssen nicht befürchten, in ihren ambitionierten Trainingseinheiten eingeschränkt zu werden und laufen damit weniger Gefahr, durch eine Grippeerkrankung für längere Zeit auszufallen“, sagt Martina Sester, Professorin für Transplantations- und Infektionsimmunologie der Universität des Saarlandes.

Ihre wissenschaftlichen Ergebnisse konnte die interdiszplinäre Forschergruppe sowohl in einer renommierten Fachpublikation für Sportmedizin als auch einer internationalen Zeitschrift für Immunologie veröffentlichen. An der Universität des Saarlandes waren neben den Forscherteams von Tim Meyer und Martina Sester auch die Forschergruppe von Barbara Gärtner, Professorin für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, beteiligt. Die Studie wurde vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft finanziell gefördert.


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Prof. Dr. Tim Meyer
Institut für Sport- und Präventivmedizin
der Universität des Saarlandes
Tel. 0681/302-70400
Mail: tim.meyer@mx.uni-saarland.de

Prof. Dr. Martina Sester
Professur für Transplantations- und Infektionsimmunologie
der Universität des Saarlandes
Tel. 06841/16-23557
Mail: martina.sester@uks.eu

Friederike Meyer zu Tittingdorf Universität des Saarlandes


Originalpublikation:
Elite athletes on regular training show more pronounced induction of vaccine-specific T-cells and antibodies after tetravalent influenza vaccination than controls. In: Brain, Behavior and Immunity, Vol. 83, Januar 2020, S. 135-145

Timing of vaccination after training: immune response and side effects in athletes. In: Medicine & Science in Sports & Exercise, Januar 2020

Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0889159119306518?via%3Dihub

https://journals.lww.com/acsm-msse/Abstract/publishahead/Timing_of_Vaccination_a...

Untersucher-CAVE: H E U T E in Berlin

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Fahrdienst von KV Berlin und Berliner Feuerwehr ist heute gestartet

Täglich von 7 bis 22 Uhr werden immobile Patienten
mit sehr schweren Erkältungssymptomen angefahren
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin und die Berliner Feuerwehr haben heute um 7 Uhr ihren gemeinsamen Fahrdienst gestartet. 

Dieser kümmert sich ab sofort täglich von 7 bis 22 Uhr um immobile Patientinnen und Patienten mit sehr schweren Erkältungserkrankungen, die zu Hause oder in Pflegeheimen einen Arzt benötigen. 

Gegebenenfalls wird ein Test auf das Coronavirus durchgeführt.
  • Im Einsatz sind ab sofort vier Fahrzeuge der Berliner Feuerwehr, die mit Assistenzpersonal und notwendiger Schutzausrüstung ausgestattet sind. 
Die Ärzte werden vom ärztlichen Bereitschaftsdienst der KV Berlin gestellt. 

Der fahrende Dienst wird über die Leitstelle der KV Berlin (Telefonnummer: 116117) gesteuert und ausschließlich dann angefordert, wenn sich herausgestellt hat, dass die Anrufenden sehr schwere Erkältungssymptome aufweisen und einen Hausbesuch benötigen.
 
„Wir sind mit unserem Fahrdienst früher als gedacht an den Start gegangen. 

Unser Dank gilt im Besonderen der Berliner Feuerwehr sowie allen niedergelassenen Kollegen, die sich kurzfristig 


für den Fahrdienst gemeldet haben und noch melden werden“, sagt Dr. Burkhard Ruppert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Berlin. 
  • Die KV ist auch weiterhin auf der Suche nach Ärztinnen und Ärzten, die den Fahrdienst unterstützen und Schichten übernehmen. 
„Außerdem suchen wir Kollegen, die uns bei der Umsetzung der geplanten ambulanten Abklärungsstellen bei Corona-Verdachtsfällen an ausgewählten Berliner Krankenhäusern unterstützen“, so Ruppert. 

Die Stellen werden in Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern gerade aufgebaut. 

Neben der bereits bestehenden Abklärungsstelle der Charité auf dem Virchow-Campus soll es mindestens drei weitere Standorte geben. 

 „Die dort tätigen Ärztinnen und Ärzte werden absolut sicher arbeiten können“, so Ruppert.

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Kassenärztliche Vereinigung Berlin
Pressestelle
Masurenallee 6 A                                                           
14057 Berlin


 

Dörthe Arnold
Tel. (030) 31003-681
Fax: (030) 31003-50-210

Einladung zur Studie: Übergriffe auf Polizei- und Rettungskräfte http://www.gevore.de

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: „Gewalt gegen Vollstreckungsbeamte und Rettungskräfte“ GeVoRe - Forschungsprojekt startet

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: Corona-Virus  

Seit dem 30. Mai 2017 gilt die Gesetzesänderung der sogenannten Widerstandsdelikte und macht es möglich, dass Übergriffe auf Polizei- und Rettungskräfte härter bestraft werden können. 

Um die Auswirkungen der Gesetzesänderung der §§ 113 - 115 StGB auf die Praxis der Strafverfolgung und -justiz zu untersuchen, startete am 01. November 2019 die Studie GeVoRe unter der Leitung von Prof. Anja Schiemann. 
 
In dem auf zwei Jahre angelegten Forschungsprojekt geht es nicht nur um eine umfassende Gesetzesevaluation, sondern darüber hinaus auch um eine besondere Betrachtung der Gewaltdynamiken, die zur Verwirklichung der einschlägigen Straftatbestände führen.

Daher sollen neben Aktenanalysen und Experteninterviews in 2020 auch Personen befragt werden, die an den Interaktionen beteiligt waren, die dann in einer Anzeige einer eventuellen Deliktsverwirklichung der §§ 113 ff. StGB mündeten.

„Die bisherige Forschung betrachtet bisher meist nur eine Perspektive – Gewalt ist jedoch häufig das Ergebnis eines Prozesses, den die Beteiligten wechselseitig beeinflussen können“, so die Projektleiterin Anja Schiemann.

„Umso wichtiger ist es, dass möglichst viele Personen an der Studie teilnehmen und ihre Perspektive schildern.“

Daher wurde eine Projekthomepage eingerichtet, auf der sich Beteiligte und Betroffene informieren sowie ihre Bereitschaft für die Teilnahme eines Interviews erklären können.

InterviewpartnerInnen werden ab jetzt gesucht.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt und garantiert damit eine unabhängige Forschung.

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Prof. Dr. Anja Schiemann
Fachgebiet für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminalpolitik
Deutsche Hochschule der Polizei
E-Mail: projektleitung@gevore.de

Dr. Mechthild Hauff Deutsche Hochschule der Polizei
Zum Roten Berge 18-24
48165 Münster
Deutschland
Nordrhein-Westfalen

Telefon: 02501 806 210
Fax: 02501 806 466
E-Mail-Adresse: mechthild.hauff@dhpol.de


Sylvia Höpper
Telefon: 02501 806 211
E-Mail-Adresse: sylvia.hoepper@dhpol.de


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http://www.gevore.de
http://Twitterkanal: @gevore3

 

Untersucher-Studie-Einladung zu: LDL-Cholesterin http://www.nutrition.uni-hannover.de

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Cholesterin natürlich senken

Leibniz Universität sucht Teilnehmerinnen und Teilnehmer für Ernährungsstudie zur Senkung von LDL-Cholesterin 
 
  • Das Institut für Lebensmittelwissenschaft und Humanernährung der Leibniz Universität Hannover sucht Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen 30 und 75 Jahren mit erhöhten Cholesterinspiegeln für eine Ernährungsstudie. 

In der Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Hahn soll untersucht werden, inwieweit ein erhöhter Spiegel an Cholesterin durch die Gabe eines Supplementes mit Artischockenblattextrakt und einem Probiotikum (Lactobacillus plantarum) gesenkt werden kann.

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: Rettungsgasse  

Ziel der Untersuchung ist es, einen erhöhten Cholesterinspiegel zu reduzieren, um damit das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen zu senken.


Fettstoffwechselstörungen wie beispielsweise erhöhte Cholesterinspiegel zählen neben Rauchen, Bluthochdruck und Übergewicht zu den wichtigsten Risikofaktoren für Arteriosklerose (Arterienverkalkung), welche wiederum mit der Entstehung von Herz-Kreislauferkrankungen in Zusammenhang stehen.

Um das Risiko für diese Erkrankungen zu senken, wird unter anderem eine Verringerung des Gesamtcholesterin- und LDL-Cholesterinspiegels angestrebt.


Gesucht werden 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter von 30 bis 75 Jahren ohne schwere Begleiterkrankungen.

Sie sollten erhöhte Cholesterinspiegel aufweisen, die nicht medikamentös behandelt werden. 

Zur Abklärung des erhöhten Cholesterinwertes wird im Rahmen einer Screeninguntersuchung mittels eines Cholesterin-Schnelltests aus dem Fingerblut überprüft, ob sie als Studienteilnehmer infrage kommen.

Die Studie wird unter ernährungswissenschaftlicher sowie ärztlicher Kontrolle durchgeführt und dauert drei Monate.

Weitere Informationen zum Ablauf der Studie unter http://www.nutrition.uni-hannover.de

Bei Interesse an einer Studienteilnahme und für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Dr. Theresa Greupner, Institut für Lebensmittelwissenschaft und Humanernährung unter Telefon 0176 53778644, E-Mail: greupner@nutrition.uni-hannover.de

Für weitere Informationen steht Ihnen Prof. Andreas Hahn, Institut für Lebensmittelwissenschaft und Humanernährung, unter Telefon +49 511 762 5093 oder per E-Mail unter hahn@nutrition.uni-hannover.de gern zur Verfügung.

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Mechtild Freiin v. Münchhausen Leibniz Universität Hannover

Welfengarten 1
30167 Hannover
Deutschland
Niedersachsen
Telefon: 0511 / 762 - 5355
E-Mail-Adresse: kommunikation@uni-hannover.de

 

Untersucher-CAVE: Sepsisbehandlung der lebensbedrohlichen Erkrankung

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Goldstandard der Sepsisbehandlung: S3-Leitlinie veröffentlicht

Die jetzt veröffentlichte S3-Leitlinie zur Sepsis bündelt erstmals auf dem höchsten methodischen Niveau das gesamte medizinische Wissen zur Behandlung dieser lebensbedrohlichen Erkrankung. 

Die Federführung für die Erarbeitung der Leitlinie „Sepsis - Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge“ hatte die am Universitätsklinikum Jena ansässige Deutsche Sepsis-Gesellschaft inne. 

Empfehlungen zur Sepsis-Behandlung sind jetzt erstmals als S3-Leitlinie veröffentlicht worden.
Empfehlungen zur Sepsis-Behandlung sind jetzt erstmals als S3-Leitlinie veröffentlicht worden.
Foto: Anna Schroll/UKJ
 
Wie soll ein Sepsispatient künstlich beatmet und gelagert werden, welches Nierenersatzverfahren sollte bei akutem Nierenversagen angewandt werden, wie sollten Patienten mit schwerem septischen Schock ernährt werden - bei diesen Entscheidungen helfen Leitlinien dem behandelnden Arzt. 

"Leitlinien sind keine juristisch verbindlichen Richtlinien oder Universalrezepte", stellt Professor Dr. Frank M. Brunkhorst klar, "sie sind Handlungs- und Behandlungsempfehlungen auf dem Stand des aktuellen Wissens, letztlich aber muss der Arzt immer anhand der individuellen Situation des Patienten entscheiden." Frank Brunkhorst hat die Professur für Klinische Sepsisforschung am Universitätsklinikum Jena inne und leitet hier das Zentrum für Klinische Studien. Als Generalsekretär der Deutschen Sepsis-Gesellschaft leitete er die dreijährige Erarbeitung der Sepsis-Leitlinie, an der insgesamt 14 wissenschaftlich-medizinische Fachorganisationen und mit der Sepsis-Hilfe auch eine Patientenvereinigung beteiligt waren.

Höchste methodische Qualität

Die Grundlage bildeten die internationalen Behandlungsrichtlinien der „Surviving Sepsis Campaign“, die 2017 veröffentlicht wurden. Das 34-köpfige Leitlinienteam hat deren Gliederung übernommen und um Kapitel zur Definition der Sepsis, Prävention, Impfungen und Spätfolgen ergänzt. Mittels systematischer Aktualisierungsrecherchen und Literaturbewertungen wurden auch in der Zwischenzeit erzielte neue Studienergebnisse und publizierte Daten in die Empfehlungen einbezogen. Je nach der Qualität der Studiendaten und der Einigkeit unter den Experten sind die über 100 Empfehlungen abgestuft formuliert. „Die Bewertung der Studien und die Konsensfindung der Experten erfolgten standardisiert, das macht die hohe methodische Qualität der Leitlinie aus“, so Brunkhorst.

Hintergrundinformation Sepsis:

  • Sepsis ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, die durch eine fehlgesteuerte Antwort des Körpers auf Infektionen hervorgerufen wird. 
  • Auslöser können Infektionen durch Bakterien, Viren oder Pilze sein. 
  • Am häufigsten betrifft eine Sepsis ältere Menschen über 65 Jahre und Kinder unter einem Jahr. 
  • Ein besonderes Risiko besteht aber auch für Menschen mit chronischen Erkrankungen, wie Diabetes, Lungen- oder Nierenerkrankungen, Krebs oder einem geschwächten Immunsystem. 
  • Sepsis ist noch immer eine häufige Komplikation von Infektionen, mit einer geschätzten Häufigkeit von 50 Millionen Fällen pro Jahr weltweit. 
  • In europäischen Ländern ist die Erkrankung eine der Haupt-Todesursachen im Krankenhaus und geht mit einer Sterblichkeit von 30-40% einher. 
  • Durch die Verfügbarkeit von Antibiotika und leistungsfähigen Intensivstationen konnte die Sepsis-bezogene Sterblichkeit deutlich gesenkt werden.

Die Einführung von Therapien, die auf das Immunsystem gerichtet sind, könnte die Überlebens- und Heilungschancen für Betroffene weiter verbessern.

Goldstandard der Sepsisbehandlung: S3-Leitlinie veröffentlicht

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Prof. Dr. Frank M. Brunkhorst
Zentrum für Klinische Studien
Universitätsklinikum Jena
Tel.: 0 3641 939 66 87
E-Mail: frank.brunkhorst@med.uni-jena.de

Bachstraße 18
07743 Jena
Deutschland
Thüringen


Dr. Uta von der Gönna
Telefon: 03641/ 9391108
Fax: 03641/ 9391102
E-Mail-Adresse: pr-dekanat@med.uni-jena.de
Originalpublikation:
S3-Leitlinie "Sepsis - Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge" https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/079-001.html

 

Blickrichtungen bei Autismus - soziale Interaktion

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Siehst du, was ich sehe? Neu entdeckte Nervenzellen verarbeiten gezielt Blickbeobachtungen

Lenkung der gemeinsamen Aufmerksamkeit ist Grundlage sozialer Interaktion – Fähigkeit ist bei Autismus gestört 

Prof. Dr. Hans-Peter Thier
Prof. Dr. Hans-Peter Thier
Copyright: Ingo Rappers / Hertie-Institut für klinische Hirnforschung


Ich sehe das, was du siehst:

Die Fähigkeit, die Blickrichtung von anderen zu verfolgen und ein gemeinsames Ziel der Aufmerksamkeit zu entwickeln ist eine wichtige Grundlage, um mit Mitmenschen zu interagieren.

Bei Personen mit Autismus ist diese Leistung gestört. 

Neurowissenschaftler vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung und der Universität Tübingen berichten nun, dass im Gehirn ein bestimmter Bereich für diese Aufgabe zuständig ist.

Nervenzellen im sogenannten „Blickfolge-Areal“ helfen uns, den Aufmerksamkeitsfokus anderer zu entschlüsseln, so das Forscherteam.  

Das Areal befindet sich im hinteren Schläfenlappen, der damit eine Schlüsselrolle einnimmt, um soziale Interaktionen zu kontrollieren. Die Studie ist in der Fachzeitschrift PNAS erschienen.

In ihrer Studie arbeiteten die Wissenschaftler mit Rhesusaffen.

Wie wir Menschen verfolgen die Tiere den Blick anderer, um ihre Aufmerksamkeit auf gemeinsame Ziele auszurichten. In ihren Experimenten zeigten die Forscher den Affen Gesichter von Artgenossen auf einem Computermonitor, die in Richtung bestimmter Objekte schauten. Die Versuchsaffen hatten die Aufgabe, ihren Blick auf das Objekt auszurichten, auf das ihr digitales Gegenüber gerade schaute.

„Sobald die Affen die Aufgabe mit hoher Sicherheit bewältigten, analysierten wir die Aktivität ihrer Nervenzellen im hinteren Schläfenlappen mit Mikroelektroden“, erklärt Erstautor Dr. Hamid Ramezanpour. „Dieses Hirnareal war aufgrund vorheriger kernspintomographischer Studien unserer Arbeitsgruppe ein heißer Kandidat für die Kontrolle von Blickbeobachtungen.“ Eine richtige Vermutung, wie sich herausstellte: ein großer Teil der Nervenzellen im Blickfolgeareal feuerte immer dann, wenn die Tiere ihren Blick auf das Objekt ausrichteten, auf das auch der andere gerade blickte. „Daraus können wir schließen, dass das getestete Hirnareal eine wichtige Rolle bei der Etablierung gemeinsamer Aufmerksamkeit übernimmt,“ sagt Studienleiter Prof. Dr. Hans-Peter Thier.

Die Blickrichtung von anderen löst beim Beobachter eine reflektorische Blickfolgebewegung aus.

Wie die Forscher berichten, waren die Tiere jedoch in der Lage, diese Bewegung zu kontrollieren und ihr Verhalten auf unterschiedliche Situationen abzustimmen.

„Es ist zum Beispiel höchst unangebracht, dem Blick eines anderen zu folgen, wenn plötzlich etwas Gefährliches auf der Szene auftaucht, das unsere volle Aufmerksamkeit erfordert“, erläutert Thier.

„Hier hat die Natur vorgesorgt und ermöglicht unserem Gehirn, die Folgen einer Handlung zu beurteilen und die Initiierung der Blickbeobachtung entsprechend anzupassen.“

 Dabei spielen ebenfalls die Nervenzellen im „Blickfolge-Areal“ eine Rolle, so die Erkenntnis des Forscherteams.

Die Studie der Tübinger Wissenschaftler gibt Aufschluss darüber, wie unser Gehirn soziale Aufmerksamkeit und Interaktionen kontrolliert. 

In einer Reihe von Untersuchungen an menschlichen Versuchspersonen war es der Arbeitsgruppe bereits gelungen, eine dem „Blickfolge-Areal“ von Rhesusaffen entsprechende Struktur im menschlichen Gehirn zu kartieren.

„Die Analyse auf Ebene einzelner Nervenzellen beim Rhesusaffen verbessert unser Verständnis der Informationsverarbeitung in diesem Areal.

Das wiederum wird Licht auf die Störungen werfen, die Ursache der Blickfolgestörung beim Autismus sind“, so Thier.

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Prof. Dr. Hans-Peter Thier
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Hertie-Institut für klinische Hirnforschung
Otfried-Müller-Straße 27
72076 Tübingen
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thier@uni-tuebingen.de

Dr. Mareike Kardinal Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)
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Fax: 07071 –29 225154
E-Mail-Adresse: mareike.kardinal@medizin.uni-tuebingen.de

Originalpublikation:
Ramezanpour, H. und Thier, P. (2020): Decoding of the other´s focus of attention by a temporal cortex module, PNAS, Online-Veröffentlichung.
https://doi.org/10.1073/pnas.1911269117

Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
http://www.hih-tuebingen.de Hertie-Institut für klinische Hirnforschung

https://www.uni-tuebingen.de Eberhard Karls Universität Tübingen


 

Herzmuskel: Defekte im Muskelgewebe

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Kleber für gebrochene Herzen

Ist der Herzmuskel geschädigt, stellt die Reparatur des stets aktiven Organs eine Herausforderung dar. 

Empa-Forschende entwickeln daher einen von der Natur inspirierten Gewebekleber, der Defekte im Muskelgewebe wieder perfekt zusammenfügen kann. 

Sie haben sich dazu die phänomenale Haftfähigkeit von Meeresmuscheln zunutze gemacht. 
 
An Wind- und Wellen-gepeitschten Küsten haftet sie stoisch an Felsen, Booten und Stegen: die Muschel. Mit Superkräften, die Spiderman erblassen lassen, hält sich der Muschelfuss auf dem Untergrund fest, produzieren seine Drüsen doch feine Haltefäden, die im Gegensatz zur Spinnenseide auch unter Wasser standhaft und dennoch hochelastisch bleiben. Bestandteil dieser Muschelseide sind unter anderem zwei Eiweisse, mfp-3 und das besonders schwefelhaltige mfp-6. Als Strukturproteine sind sie für die Biomedizin besonders interessant aufgrund ihrer faszinierenden mechanischen Eigenschaften und der Bioverträglichkeit mit lebendem Gewebe.

Am schlagenden Herzen
Diese Eigenschaften machten sich Empa-Forscher vom «Biomimetic Membranes and Textiles»-Labor in St. Gallen zunutze. Das Team um Claudio Toncelli war auf der Suche nach einem bioverträglichen Gewebekleber, der auch unter den herausfordernden Bedingungen am schlagenden Herzen haftet und dennoch elastisch bleibt.

Denn wenn Herzmuskelgewebe, etwa durch einen Infarkt oder eine angeborene Störung, geschädigt ist, müssen die Wunden heilen können, obwohl die Muskulatur permanent weiterarbeitet.

«Eigentlich bietet sich Kollagen als Grundlage eines Wundklebers an, ein Eiweiss, das auch im menschlichen Bindegewebe und in Sehnen vorkommt», sagt Toncelli. Gelatine beispielsweise besteht aus Kollagen in einer vernetzten Struktur, die für einen Gewebekleber sehr attraktiv wäre. «Die Struktur von Gelatine kommt einigen natürlichen Eigenschaften des menschlichen Bindegewebes bereits recht nahe», so der Forscher. Allerdings ist das Hydrokolloid bei Körpertemperatur nicht stabil, sondern verflüssigt sich. Um also ein adhäsives Material zu entwickeln, das Wunden an inneren Organen fest zusammenhalten kann, mussten die Forscher einen Weg finden, der Gelatine zusätzliche Eigenschaften einzuverleiben.

Perfekte Muschelseide
«Der muskulöse Fuss von Muscheln produziert kräftige Haltefäden, mit denen sich die Muschel im Wasser an allen möglichen Oberflächen anhaften kann», erklärt Toncelli. In dieser Muschelseide spielen mehrere darin enthaltene Eiweisse perfekt zusammen. Inspiriert von der Lösung der Natur, mit wogenden Kräften unter Wasser umzugehen, statteten die Forscher Gelatine-Biopolymere mit funktionellen chemischen Einheiten aus, die jenen der Muschelseide-Eiweisse mfp-3 und mfp-6 gleichen. Sobald das Gelatine-Muschelseide-Gel mit Gewebe in Kontakt kommt, vernetzen sich die Strukturproteine miteinander und sorgen für eine stabile Verbindung der Wundflächen.

Wie gut das neuartige Hydrogel tatsächlich klebt, haben die Forscher bereits in Laborexperimenten untersucht, mit denen sich technische Standards zur sogenannten Berstfestigkeit nachweisen lassen. «Der Gewebekleber hält einem Druck, der dem menschlichen Blutdruck entspricht, stand», so Empa-Forscher Kongchang Wei.

Ebenso konnten die Wissenschaftler die gute Gewebeverträglichkeit des neuen Klebers in Zellkultur-Experimenten bestätigen. Nun arbeiten sie mit Hochdruck daran, die klinische Anwendung des «Muschelklebers» voranzutreiben.

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Dr. Claudio Toncelli
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E-Mail-Adresse: andrea.six@empa.ch

Originalpublikation:
K Wei, B Senturk, MT Matter, X Wu, IK Hermann, M Rottmar, C Toncelli; Mussel-Inspired Injectable Hydrogel Adhesive Formed under Mild Conditions Features Near-Native Tissue Properties; ACS Applied Materials & Interfaces (2019); doi: 10.1021/acsami.9b16465